: dann würd ' ich mirs für sehr erlaubt halten , an meinen Kopf zu greifen und zu sagen : a bas , gare , Kopf weg ! Wozu gewiß - da ja von keiner dummen Abtreibung des Leibes durch ein Werther-Pulver die Rede ist , sondern nur vom Vorsatze , das , was Sachverständige meinen Verstand nennen , gelegentlich zu verlieren - meine Freunde stimmen müßten , weil sie mich noch hätten ( der Körper wird dabei anbehalten ) , obwohl als das Nachtstück eines Menschen , weil ich dann einen vernünftigen Diskurs so gut über alles ( nur den Fix-Wahn greife keiner an ) führen wollte als einer und dabei einen gesitteten guten Spaß ( wahrlich die wahre Würze ) einzustreuen gewiß nicht vergäße und weil der Staat mich Tag und Nacht gerüstet und gesattelt finden sollte , ihm nach dem Beispiele der Berliner Irrhäusler , die einmal beim Feuer im Haus am besten löschten und retteten , zu dienen und zu Hülfe und zupasse zu kommen , wenn die dunkeln Intervalle seiner andern Staatsdiener nicht anders auszufüllen wären als mit unsern hellen . Lebe wohl ! Ich brech ' auf . Die Welt lacht mich heiter an . In Spanien find ich ein Stück Jugend wieder - wie in diesem Schreiben . Schoppe . Apropos ! Stieß dir der Kahlkopf nirgends auf ? - Ich kann dir nicht sagen , wie ich täglich jetzt arbeite , um mir vor dem Wunsche , ihn künftig in der Tollheit niederzustoßen , wahren Abscheu und Greuel im voraus einzuprägen und eigen zu machen , damit nachher die etwanige Tat mir nicht als eine Spätfrucht des vorigen vernünftigen moralischen Zustandes könne herüber zugerechnet werden in den andern . Vernichte diesen Brief ! « * Als Albano die feurigen Augen von dem Briefe aufhob , stand er vor Lilar unter einem hochgewölbten Triumphbogen , und die Sonne ging in Pracht hinter dem Elysium unter . » Kennst du mich nicht ? « fragte leise neben ihm Linda in Reisekleidern , weinend in heller Liebe und Wonne - und Julienne drängte sich , beiden Vorsicht zuwinkend , aus dem Eingangsgebüsch des Flötentals hervor und rief zum listigen Scheine : » Linda , Linda , hörst du denn die Flöten nicht ? « - Und Albano hatte den schweren Brief vergessen . 123 . Zykel Wie ein schnell mit hundert Flügeln aufrauschendes Konzert , so schlug die schnelle Gegenwart alter Liebe und Freude über den verlassenen , um den Freund bekümmerten Jüngling in schönen Fluten zusammen ; und von der Entzückung getroffen , sah er Linda wieder wie auf Ischia ; aber diese sah ihn wieder wie in einem andern Elysium , sie war weicher , zärter , heißer , eingedenk seiner Vergangenheit in diesem Garten . Sie wollte gar nichts von ihrer eignen Reise-Geschichte erzählen oder hören . Albano bedeckte sein Geheimnis von Schoppe mit mächtiger , aber zitternder Brust ; nur seinem Vater brannt ' er sie aufzutun . Unaufhörlich hielt er sich die Unmöglichkeit einer Verwandtschaft vor und die Leichtigkeit , daß Schoppe die angebliche Schwester mit der wahren , mit Juliennen , verwechsle ; noch diesen Abend wollt ' er den Vater fragen . Er gab ihr das Ja desselben zu ihrem Bunde mit großer Freude , aber nicht mit der größten , weil Schoppes Brief nachtönte . Julienne nahm es wahr , daß nur eine Kaskatella statt der Kaskade heute aus ihm komme , und sucht ' ihn lustig-listig auszuholen , indem sie ihn leicht durch das ganze wichtige Personale seiner und ihrer Bekanntschaft durchantworten ließ . Sie hatte einige Neigung , am Theatervorhang zu weben und zu malen oder auch ein Souffleurloch in ihn zu stechen . Sie fing die Fragen von Idoine an - welche kurz nach seiner Ankunft ihren Rückweg aus der Stadt genommen - und hörte mit ihnen bei Schoppen auf - nach dessen Reise-Ziele sie forschte - ; aber Albano hatte jene nicht gesehen , dieser , sagt ' er , hab ' es ihm allein vertraut . Eine schöne , unbiegsame Marmorader der Festigkeit lief durch sein Wesen . Lindas schwarzes Auge war ein offnes treues deutsches und sah ihn nur an , um ihn zu lieben . Aus dem Flötental kam der Rest der Gesellschaft , der Lektor u.a. ; Julienne nötigte die Liebenden zur Scheidung und sagte : » Hier ist kein Ischia ; ohne mich könnt ihr euch hier im Schloß gar nicht sehen ; ich werde dirs durch deinen Vater allzeit sagen lassen , wenn ich da bin . « Als er allein stand in Lilar , mit dem schweren Gedanken an Schoppe und Linda , und er die anmutigen Gegenden und Stellen schöner Stunden übersah : so kam ihm auf einmal vor , als verziehe sich in der Dämmerung das Elysium wie ein reizendes Gesicht zu einem Hohn über ihn und über das Leben - kleine boshafte Feen sitzen an den kleinen Kinder-Tischchen , als wären sie sanfte Kinder und sähen sehr gern Menschen und Menschenlust - sie fahren auf als wilde Jägerinnen und rennen durch die Blüten - tausend Hände wenden den Garten mit Blütenbäumen um und richten sein schwarzes finsteres Wurzeln-Dickicht wie Gipfel im Himmel auf aus den Zweigen blicken Gorgonenhäupter , und oben im Donnerhäuschen weint und lacht es unaufhörlich - nichts ist schön und sanft als der tapfere große Tartarus . Indes ging Albano , da es der kürzere Weg zu seinem Vater war , hart und zornig durch den Garten , über die Schwanenbrücke , vor dem Traum-Tempel , vor Charitons Häuschen , vor den Rosenlauben vorbei und über die Wald-Brücke ; und kam bald im Fürstenschlosse bei seinem Vater an , der eben vom kranken Luigi zurückgekommen . Mit ironischer Miene erzählte ihm dieser , wie der Patient von neuem schwelle , bloß weil er fürchte , der tote Vater , der ihm zum zweitenmal als Zeichen des Todes zu erscheinen versprochen , gebe das Zeichen und hole ihn darauf . Nun erzählte Albano , ohne allen Eingang und ohne Erwähnung von Schoppen und von dessen Verhältnissen , die Hypothese der seltsamsten Verwandtschaft , ohne etwa ausforschende lange Fragen oder auch nur die kurze schnelle : » Ist Linda meine Schwester ? « zu tun aus Achtung für den Vater . Dieser hörte ihn ruhig aus : » Jeder Mensch « ( sagt ' er erzürnt ) » hat eine Regen-Ecke seines Lebens , aus des ihm das schlimme Wetter nachzieht ; die meinige ist die Geheimnisträgerei . Von wem hast du die neueste ? « - » Darüber muß ich schweigen aus Pflicht « , versetzt ' er » In diesem Falle « ( sagte Gaspard ) » hättest du besser ganz geschwiegen ; wer den kleinsten Teil eines Geheimnisses hingibt , hat den andern nicht mehr in der Gewalt . Wie viel glaubst du , daß ich von der Sache weiß ? « - » Ach was kann ich glauben ? « sagte Albano . » Dachtest du an meine Erlaubnis deiner Verbindung mit der Gräfin ? « sagte zorniger Gaspard . » Sollt ' ich denn schweigen , und entwickelte sich nicht am Ende aus allen Geheimnissen die Schwester Julienne ? « - Hier sah ihn Gaspard scharf an und fragte : » Kannst du auf das ernste Wort eines Mannes vertrauen , ohne zu wanken , zu irren , wie auch der Schein dagegen rede ? « - » Ich kanns « , sagte Albano . » Die Gräfin ist deine Schwester nicht ; vertraue mir ! « sagte Gaspard . - » Vater , ich tu ' es ! « ( sagte Albano ganz freudig ) » und nun kein Wort weiter darüber . « Aber der ruhigere Alte fuhr fort und sagte , dieser neue Irrtum veranlasse ihn , jetzt ernstlich bei Linda auf ein Ja zur schnellen Verbindung zu dringen , weil der Vater derselben , vielleicht der geheime bisherige Wundertäter , seine Erscheinung durchaus an einen Hochzeittag gebunden . Noch einmal ließ er den Sohn seinen Wunsch nach dem Wege merken , auf welchem er zu jener Hypothese gekommen ; aber umsonst , die heilige Freundschaft konnte nicht entheiligt oder verlassen werden , und seine Brust schloß , wie der dunkle Fels um den hellen Kristall , sich mächtig um sein offnes Herz . So schied er warm und glücklich vom schweigenden Vater . In der harten Stunde des Briefs hatt ' er nur eine künstliche Felsenpartie des Lebens überstiegen , und die bunten Gärten lagen wieder da bis an den Horizont ; - doch der vergebliche mühvolle Irrtum seines Schoppe und dessen von Hassen und Lieben verheerter Geist , der sich sogar im Ton des Briefes niederzubeugen schien , und die Zukunft eines Wahnsinns gingen wie ein fernes Leichengeläute in seiner schönen Gegend klagend , und das glückliche Herz wurde voll und still . 124 . Zykel Bald darauf ließ die gütige Schwester Albanos an der Spieluhr seines Glücks , deren Wächterin sie war , wieder eine hesperische Stunde schlagen und spielen , wo das ganze Leben hinauf und hinab mittönte und sich aushellte und wo nun wie in der Schweiz , wenn eine Wolke sich öffnet , auf einmal Höhen , Eisberge , Berghörner aus dem Himmel blicken . Er sah seine Linda wieder , aber in neuem Licht , glühend , aber wie eine Rose vor dem glühenden Abendrot ; ihr Lieben war ein weiches stilles Flammen , nicht ein Hüpfen irrer stechender Funken . Er schloß , daß sein wortfester Vater die Bitte um eine priesterliche Verbindung ihr schon getan und sogar ihre Bejahung bekommen . Julienne sagt ' ihm , sie woll ' ihn den nächsten Abend um 6 Uhr auf dem väterlichen Zimmer sprechen ; das macht ' ihn noch gewisser und froher . Mit neuen , noch zärter anbetenden Gefühlen schied er von Linda ; die Göttin war eine Heilige geworden . Als er den andern Tag ins väterliche Zimmer kam : fand er niemand darin als Julienne . Sie küßte ihn kurz und kaum , um schnell mit ihren Nachrichten fertig zu werden , da ihre Abwesenheit auf so viele Minuten eingeschlossen war , als die Fürstin brauchte , um vom Krankenbette des Mannes in das Zimmer der Prinzessin zu kommen . » Sie heiratet dich nicht , « ( fing sie leise an ) » so sehr und so fein auch dein Vater ihr bei dem ersten Empfang nach der Reise die Freude über das neue Glück seines Sohnes ausdrückte , für das er nun bloß nichts mehr zu wünschen brauchte , sagt ' er , als das Siegel der Fortdauer - Es war noch feiner versilbert und vergoldet , ich weiß es nicht mehr . - Darauf erwiderte sie in ihrer Sprache , die ich nie behalte , ihr und dein Wille wären das rechte Siegel , jedes andere politische drücke Ketten und Sklaven auf dem schönsten Leben aus . « Hart wurd ' Albano von einer offnen Weigerung verletzt , die ihn bisher als eine stille und als Philosophie auftretende nur wie wesenloser Schatte unberührt umflossen hatte . » Das war nicht recht ; spät konnte sie sagen , aber nicht nie « , sagt ' er empfindlich . - » Gemäßigt , Freund , « ( sagte Julienne ) » darauf erinnerte sie dein Vater freundlich an die bedingte Erscheinung des ihrigen , indem er sagte , daß er sehr wünschen müsse , ihr Glück aus seinen Händen in nähere zu übergeben . Keine künstliche Bedingung darf einen Willen zwingen oder vernichten , sagte sie . Dein Vater fuhr ruhig fort und setzte dazu , er habe den schönsten Lebensplan für euch beide in diesem Falle entworfen ; im andern aber stehe seine Einwilligung in die Liebe nur so lange offen als sein Hiersein , das mit dem Tode seines Freundes endige . Dann ging er gelassen fort , wie die Männer pflegen , wenn sie uns recht entrüstet haben . « » Hesperien , Hesperien ! « ( rief Albano zornig ) » Linda verdoppelte doch ihr Nein ? « - » O leider ! Aber Bruder ? « fragte staunend Julienne . » Lasse mich , « ( versetzt ' er ) » ist es denn nicht ungerecht dieses elterliche Antasten der schönsten zartesten Saiten , deren Klang und Schwung sie auf einmal töten , um einen neuen aus ihnen zu rupfen ? Ists denn nicht sündlich , Göttergeschenke zu Staats-Zöllen und Partie-Geldern , jawohl Partie-Geldern herabzuziehen ? - Gute Linda , nun stehen wir wieder auf dem Boden , wo man die Blumen der Liebe zu Heu anschlägt - und wo es im Paradies keine andere Bäume gibt als Grenzbäume . - Nein , freies Wesen , durch mich sollst du nie aufhören , es zu sein ! « Julienne trat einige Schritte zurück , sagte : » Ich will dich nur auslachen « , tat es und setzte ernst dazu : » Sie also , willst du , soll dir den Tag anberaumen , wo der alte Vater sichtbar werden soll ? « - » Das folge gar nicht « , sagte ' er . Sie bemerkte ruhig , daß immer ein hitziger Mann über die Hitze des andern klage und daß Albano schon in der Ruhe zu strenge auf fremdes und eignes Recht dringe ; daß solche Leute dann in der Leidenschaft etwas über das Recht hinaus verlangten , wie ein Stift , der in der Uhr zu genau passet , erwärmt sie durch seine Größe anhält . Jetzt bat sie ihn liebreich , das Auseinanderzupfen des » ganzen Wirrwarrs « bloß ihren Fingern zu überlassen und sanft und still zu bleiben , damit nicht noch mehr Leute , etwa gar ihre » belle-soeur « , zwischen ihren Bund sich drängten . Albano nahm es freundlich an , bat sie aber ernst , nur keine Plane zu machen , weil er zu ehrlich dazu gegen Linda sein und ihr sogleich das ganze Wort der Charade sagen würde . Sie entdeckte ihm , sie habe weiter keinen zu etwas gemacht als zu einem frohen Tag für morgen , den nämlich , mit Linda die Prinzessin Idoine in Arkadien zu besuchen , der sie außer dem Besuch noch größere Dinge schuldig sei , besonders ihr halbes Herz : » Du reitest uns zufällig nach und triffst uns mitten im Schäferleben an « ( setzte sie dazu ) » und überraschest deine Linda . « - Er sagte sehr entschieden Nein ; weil er vor Idoinens Ähnlichkeit mit Lianen - ob er gleich nur wußte , daß Liane jene im Traum-Tempel vorgespielt , noch nicht aber , daß Idoine diese vor seinem Krankenbette nachgebildet - und vor der Gegenwart der Ministerin die Flucht aus Scheu sowohl der bittern Erinnerungen als der süßen nahm , welchen beiden Roquairol in solchem Falle nachgezogen wäre . Julienne wandte boshaft ein : » Fürchte nur nichts für die Prinzessin ; sie mußte , um vom verhaßten Bräutigam nur loszukommen , allen Ihrigen eidlich angeloben , nie einen unter ihrem Stande zu wählen - und das hält sie , sogar bei dir . « Er beantwortete den Scherz bloß mit der ernsten Wiederholung des Neins . Nun so bestehe sie darauf , versetzte sie , daß er ihnen beiden wenigstens auf halbem Weg entgegenkomme und sie im » Prinzengarten « - einem von Luigi als Erbprinz angelegten und auf dem Fürstenstuhle vergessenen Park - erwarte . Das ergriff er sehr freudig . Sie fragte scheidend noch scherzhaft : » Wer hat dich von neuem mit einer Schwester beschenkt ? « Er sagte : » Das konnte mein Vater nicht von mir erfahren . « - » Bruder , « ( sagte sie sanft ) » ein Herr wars , der Prinzessinnen leicht für Gräfinnen nimmt und der nächstens noch toller zu werden glaubt , als er schon ist - dein Schoppe « und flog davon . 125 . Zykel Am Morgen darauf fuhren beide Freundinnen nach Arkadien . Julienne - obwohl betrübter durch ihren kränkern Bruder - heiterte sich durch das Vertrauen auf einen Plan auf , den sie ungeachtet ihrer Versicherung zum Glücke des gesunden entworfen , um ihn in Arkadien auszuführen . Sie verbarg öfters , wie andere hinter den schwarzen Trauerfächern der Trauer und Empfindung , so hinter dem heitern Putzfächer des Lachens , der den Zuschauern die bemalte Seite zukehrte , ihren Kopf mit seinen Entwürfen ; unter Lachen und Weinen ging und dachte sie diesen nach . So hatte sie an Albano die Bitte , Idoine mit zu besuchen , nur aus Schein und in der Gewißheit getan , daß er sie abschlage , oder im Falle er komme , daß es dann Idoine tue ; denn sie wußte aus Idoinens Besuchen im vorigen Winter , daß diese an den von ihr hergestellten schönen Fieberkranken häufig in Gesprächen gedacht und daß sie jetzt vor seiner Ankunft geflohen war , um nicht über seine helle liebende Gegenwart , die ihr am leichtesten durch die Fürstin bekannt geworden , als ein Gewölke aus der Vergangenheit hereinzuziehen voll trüber Ähnlichkeiten . Julienne hatte sogar erfahren , daß die Fürstin sie umsonst länger halten und aufbewahren wollen , um vielleicht den Jüngling durch sie zu erinnern , zu schrecken , zu ändern , oder zu strafen . Juliennens Liebe gegen die Prinzessin wäre durch jene zarte Flucht vor Albano vielleicht so warm geworden , als die gegen Linda war , wenn eben diese Liebe nicht dazwischen gestanden hätte ; wenigstens hatt ' ihr diese schöne Flucht ein ungemessenes Vertrauen - was eben das rechte und einzige ist - auf die Prinzessin gegeben . Der Reisetag war ein schöner Ernte-Morgen voll bevölkerter Kornfluren , voll Kühle und Tau und Lust . Linda freuete sich kindlich auf Idoine und sagte die Gründe in frohem Tone : » Zuerst weil sie deinem Bruder das Leben gerettet - und weil sie doch wußte , was sie wollte , und darauf mutig beharrte und sich nicht wie andere Prinzessinnen zum Opfer des Thrones verhandelte - und weil sie die deutscheste Französin ist , die ich kenne , außer der Madame Necker - Ja mir gehört sie ordentlich mit aller schönen Jugend unter die alten Frauen , und diese sucht ' ich von jeher vor , denn es ist doch etwas von ihnen zu lernen . Dich liebt sie sehr , mich , glaub ' ich , weniger , einem so reizenden Mittelding von Nonne und Ehefrau schein ' ich zu weltlich , ob es gleich nicht ist . « Beide kamen im schönen Zauberdorfe - als schon die netten Kinder sich zur Ährenlese verbündeten und die Wagen schon den Sammlern der Garben entgegenfuhren - nachmittags vor dem Mittagsessen an . Idoinens Bruder , der künftige Erbfürst von Hohenfließ - der Zwerg in Tivoli - , sah aus dem Fenster , und Julienne bedauerte fast die Reise . Idoine flog ihr entgegen und drückte sie herzlich an die Brust . Als Julienne dieses große blaue Auge und jeden verklärten Zug der Gestalt , die einst ihr Bruder so selig und schmerzlich geliebt , vor und auf ihrem Angesicht hatte : so glaubte sie jetzt , da sie seine Schwester geworden , gleichsam als seine Stellvertreterin die Liebe der Stellvertreterin Lianens zu empfangen ; und sie mußte , wie allzeit seit diesem Tode bei dem ersten Empfange , innig weinen . Linda wurde von der Prinzessin mit einer so tiefen Zärtlichkeit empfangen , daß sich Julienne wunderte , da sonst beide in einem Wechsel von Kälte und Liebe lebten . Die Ministerin Froulay stand da , von der Trauer so alt , kalt , still und höflich , so kalt gegen die Zeit und die Menschen ( ausgenommen das Ebenbild ihrer Tochter ) , besonders gegen Linda , deren kecker , entschiedner , philosophischer Ton ihr unweiblich und eine Trommete an zwei Frauen-Lippen zu sein schien . Der künftige Erbprinz von Hohenfließ entfernte sich zum Glücke bald von einem so unbequemen Ort , wo er auf einem Schiffbruchsbrett statt in einer Gondel fuhr . Nachdem er Julienne mit Anteil um das Befinden ihres Bruders , seines jetzigen Vorfahrers , gefragt - und sie und Linda an ihre und seine welsche Reise erinnert hatte : so wurd ' er über Juliennens Kaltsinn und über die moralischen Gespräche der Weiber und über einen gewissen sittlichen Gewitterdruck - den Lüstlinge bei Weibern empfinden , wo alles Rauhe , die Selbsucht , die Anmaßung als Mißton schreiet - und über die allgemeine plagende Heuchelei wofür er sogleich alles nehmen mußte - so verdrüßlich und verstimmt , daß er leicht aufbrach und dieses Schäferleben um den einzigen Wolf verkürzte , der darin schlich . Lüstlinge halten es unter vielen edlen Frauen , gedrückt von deren vielseitigen scharfen Beobachtungen , nie lange aus , obwohl leichter bei einer allein , weil sie diese zu verstricken hoffen . Was ihm am wehesten tat , war , daß er sie alle für Heuchlerinnen erklären mußte . Er fand keine gute Weiber , weil er keine glaubte ; da man sie glauben muß , um sie da zu sehen , wo sie sind ; so wie die Tugend üben , um sie zu kennen , nicht umgekehrt . Mit ihm schien eine schwarze Wolke aus diesem Eden und Äther wegzuziehen . Die Ministerin erhielt eine Karte von ihrem Sohne Roquairol , der eben angekommen , und ging auch - zu Juliennens Freude , die an ihr ein kleines Hindernis ihres Bekehrungsplans für Linda fand , weil diese die Ministerin für eine einseitige , enge , bängliche , unnachgiebige Natur ansah . Idoine bat die beiden Jungfrauen , ihr kleines Reich mit ihr zu bereisen . Sie gingen hinab ins reine weite Dorf . Auf den Treppen begegneten ihnen heitere dienstgefällige Gesichter . Aus den fernen Zimmern des Schlosses hörte man bald Singen , bald Blasen . Wie am Vogel sich das glänzende Gefieder schnell und glatt in- und auseinanderschiebt : so bewegten um Idoine sich alle Geschäfte ; ihre ökonomische Maschine war keine plumpe knarrende Turmuhr , sondern eine spielende Bilderuhr , welche hinter Töne die Stunden , hinter Bilder die Räder versteckt . In einem Wiesengarten spielten die jüngsten Kinder wild durcheinander . Herrnhutische und holländische Reinlichkeit hatten das Dorf zu einer glatten hellen Putzbude gewaschen und gemalt . Neu und blank hing der Eimer über dem Brunnen unter der Linden-Rotunda des Dorfs war die Erden-Diele sauber gekehrt - überall sah man reine , ganze , schöne Kleider und freudige Augen - und Idoine zeigte unter der fremden Heiterkeit bedeutenden Ernst in den Blicken , womit sie ihr Arkadien Blume nach Blume prüfte . Sie führte ihre Freundinnen über die verschiednen Sonntags-Tanzplätze der verschiednen Alter , vor dem Hause des Amtmanns vorüber , worin die Ministerin wohnte und jetzt , zu Juliennens Furcht , ihr Sohn war , in die helle schmucklose Kirche . Bald kamen ihr der Pfarrer und Amtmann , für welche das Vorübergehen ein Wink gewesen , in die Kirche nach und holten von ihr Aufträge ; beide waren junge schöne Männer mit offner Stirn und ein wenig Jugendstolz . - Als man aus der Kirche war , sagte sie : durch diese jungen Männer regiere sie über den Ort , und sie selber lenke sie sanft ; nur junge seien mit Haß und Mut gegen den Schlendrian und mit Enthusiasmus und Glauben ausgerüstet . Sie setzte scherzhaft dazu , nichts beherrsche sie als eine Schule von Mädchen , an der ihr mehr gelegen sei als an der andern , weil Erziehung Angewöhnung sei und diese ein Mädchen mehr als ein Knabe brauche , dem die Welt doch keine lasse ; und sie habe einigen Hang , eine la Bonne zu sein , weil sie es schon als Mädchen oft bei ihren Schwestern habe sein müssen . Sie führte beide darauf in mehrere Häuschen ; überall fanden sie ausgeweißte geordnete Zimmer , Blumen und Weinreben an Fenstern , schöne Weiber und Kinder , und bald eine Flöte , bald eine Violine , und nirgends ein spinnendes Kind . In allen hatte sie Aufträge zu geben , und was bloßer Spaziergang schien , war auch Geschäft . Sie zeigte einen scharfen Durchblick durch Menschen und ihr verwachsenes Treiben und einen Geschäftsverstand , der das Allgemeine und Besondere zugleich besaß und verknüpfte : » Ich wünschte freilich auch « ( sagte sie ) » nur Freuden und Spiele um mich ; aber ohne Arbeit und Ernst verdirbt das Beste in der Welt ; nicht einmal ein rechtes Spiel ist möglich ohne rechten Ernst . « - Linda lobte sie , daß sie alle an Musik gewöhnte , diesen rechten Mondschein in jedem Lebens-Dunkel ; » ohne Poesie und Kunst « ( setzte sie dazu ) » vermoose und verholze der Geist im irdischen Klima . « - » O was wäre ohne Töne der meinige ? « sagte Idoine feurig . Linda fragte nach dem Bürgerrechte in diesem heitern Staate . » Meistens bekamen es Schweizerfamilien , « ( sagte Idoine ) » die ich an Ort und Stelle selber kennen lernte auf meiner Reise . Nach den Französinnen stell ' ich sogleich meine Schweizer . « - Julienne versetzte : » Sie sagen mir Rätsel vor . « Sie lösete ihr sie , und Linda , die kurz nach ihr in Frankreich gewesen , bestätigte es , daß da unter den Weibern von gewissem höhern Ton , zu denen kein Crebillon je hinaufgekommen , eine in Deutschland ungewöhnliche Ausbildung der zartesten Sittlichkeit , beinahe Heiligkeit gegolten . » Nur « ( setzte Linda hinzu ) » hatten sie in der Sittlichkeit , wie in der Kunst , Vorurteile des feinen Geschmacks und mehr Zartheit als Genie . « Sie gingen zum Dorfe hinaus , der schönsten Abendsonne entgegen ; auf den Bergen antworteten sich Alphörner , und im Tale gingen heitere Greise zu leichten Geschäften . Diese grüßte Idoine mit besonderer Liebe , weil es , sagte sie , nichts Schöneres gebe als Heiterkeit auf einem alten Gesicht , und unter Landleuten sei sie immer das Zeichen eines wohl und fromm geführten Lebens . Linda öffnete ihr Herz der goldnen Gegenwart und sagte : » Wie müßte dies alles in einem Gedicht erfreuen ! Aber ich weiß nicht , was ich dagegen habe , daß es nun so in der wirklichen Wirklichkeit da ist . « » Was hat Ihnen « ( sagte Idoine scherzend ) » diese genommen oder getan ? Ich liebe sie ; wo sind Sie für uns denn anders zu finden als in der Wirklichkeit ? « - » Ich « ( sagte Julienne ) » denke an etwas ganz anderes : man schämt sich hier , daß man noch so wenig tat bei allem Wollen . Vom Wollen zum Tun ists hier doch weit « ( fügte sie dazu , indem sie den kleinen Finger aufs Herz aufsetzte und die Hand vergeblich nach dem Kopf ausspannte ) - » Idoine , sagen Sie mir , wie kann man denn ans Große und Kleine zugleich denken ? « - » Wenn man ans Größte zuerst denkt « ( sagte sie ) - » Wenn man in die Sonne hineinsieht , wird der Staub und die Mücke am sichtbarsten . Gott ist ja unser aller Sonne . « Die Erden-Sonne stand ihnen jetzt tief auf einer unabsehlichen Ebene unter milden Rosen des Himmels entgegen - eine ferne Windmühle schlug breit durch die schöne Purpur-Glutan den Bergabhängen sangen Kinder neben den geweideten Herden , und ihre kleinern Geschwister spielten bewacht - die Abendglocke , welche in Arkadien allzeit unter dem Scheiden der Sonne gezogen wurde , wiegte die Sonne und Erde mit ihren Tönen ein - nicht nur jugendlich , sogar kindlich lag das sanfte Dörfchen und seine Welt um sie her - kein Sturm , dachte man , kann hereingreifen in dies sanfte Land , kein Winter im schweren Eispanzer hereinschreiten , hier ziehen nur , dachte man , Frühlingswinde und Rosenwolken , keine Regen fallen als Frühregen und keine Blätter als der Blüten ihre , nur Staub aus Blumen kann steigen , und den Regenbogen halten nur Vergißmeinnicht und Maiblumen auf ihren blau und weißen Blättchen - die Gegend und alles und das Leben schienen hier nur eine unaufhörliche Morgendämmerung zu sein , so frisch und neu , voll Ahnung und Gegenwart ohne Glut und Glanz , und mit einigen Sternen über dem Morgenrot . Kinder mit Ähren-Sträußern in der Hand saßen auf fremden Wagen voll Garben und fuhren stolz herein . Idoine hing mit inniger Liebe , als wär ' alles neu durch diesen Abend , an den doppelten Gruppen . » Nur der Landmann allein ist so glücklich , « ( sagte sie ) » daß er in allen arkadischen Verhältnissen seiner Kindheit fortlebt . Der Greis sieht nichts um sich als Gerätschaften und Arbeiten , die er auch als Kind gesehen und getrieben . Endlich geht er jenen Garten drüben hinauf und schläft aus . « - Sie zeigte auf den Gottesacker am Berge , der ein wahrer Garten mit Blumenbeeten und einer Mauer aus Fruchtbäumen war . Julienne blickte erschüttert hin , sie sah den schwarzen Vorhang zittern , hinter welchen ihr kranker Bruder bald getrieben wurde . Mit durchsichtigem Abend-Goldstaub war der Garten überweht - der laute Tag war gedämpft und das Leben friedlich , Ölzweige und ihre Blüten sanken aus dem stillen Himmel langsam nieder . - » Dort ist der einzige Ort , « ( sagte Idoine ) » wo der Mensch mit sich und andern einen ewigen Frieden schließet , sagte so schön zu mir ein französischer Geistlicher . « - » Solchen christkatholischen Jammergedanken « ( versetzte Linda ) » bin ich so gram wie den Geistlichen selber . Wir können so wenig eine Unsterblichkeit erleben als eine Vernichtung . « - » Ich versteh ' das nicht « ( sagte Julienne ) -