Symposion so schön dargestellt wird , auf eine Art nachzuahmen , die zu jener Larve paßt , und gerade deßwegen , weil sie übertrieben ist , dem großen Haufen und den Fernestehenden die Aehnlichkeit seines Zerrbildes mit dem Original ( dessen feinste Züge im Gedächtniß der Meisten schon ziemlich abgebleicht sind ) desto auffallender macht ? Unter die ziemlich häufig in diesem Dialog vorkommenden Beispiele , daß Plato , sobald er will , die dramatische Wahrheit und das , was jeder Person zukommt , sehr gut zu beobachten weiß , rechne ich die Art , wie er den Sophisten Thrasymachus auf den Kampfplatz springen läßt , und überhaupt , die wahrhaft Attische Eleganz und Feinheit , womit er die eitle Selbstgefälligkeit und den neckenden , naserümpfenden , nicht selten in beleidigende Grobheit übergehenden Stolz des plumpen Sophisten mit der kaltblütigen Urbanität und ironischen Demuth des seiner spottenden Sokrates contrastiren läßt . Nur Schade , daß der letztere auch hier seine Würde nicht durchaus so behauptet , wie der Anfang uns erwarten macht . Man könnte zwar sagen , es zeige sich in dem ganzen ersten Buche , daß es dem Sokrates noch kein rechter Ernst sey ; daß er bloß , wie ein Citherspieler der sich hören lassen will , sein Instrument zu stimmen und zu probiren scheine , wiewohl er , auch indem er nur nachlässig auf den Saiten herumklimpert , schon zu erkennen gibt was man von ihm zu erwarten habe . Es mag seyn , daß Plato diesen Gedanken hatte ; indessen möcht ' ich doch behaupten , daß die Disputation mit dem Sophisten Thrasymachus unter die ausgearbeitetsten Theile des ganzen Werks gehöre , und für ein Meisterstück in der ächtsokratischen Manier , einen streitigen Punkt aufs Reine zu bringen , gelten könnte , wenn Sokrates seinem eigenen Charakter immer getreu bliebe und - nachdem er den Sophisten so weit getrieben , daß er geradezu behaupten muß , die Ungerechtigkeit sey Weisheit , und die Gerechtigkeit also das Gegentheil , - sich nicht , aus wirklicher oder verstellter Verlegenheit wie er ihn widerlegen wolle , in eine weitausgeholte , spitzfindige Manier mit unbestimmten , schillernden und doppelsinnigen Begriffen und Sätzen , wie mit falschen Würfeln , zu spielen , verirrte , d.i. wenn der verkappte Sokrates , der seine Rolle bisher bis zum Täuschen gespielt hatte , nicht auf einmal in den leibhaften Plato zurückfiele , und am Ende noch zehnmal mehr Sophist würde als sein Gegner selbst . Es ist schwer zu begreifen , wie Plato sich in solchen Spielereien so sehr gefallen , oder wie er glauben kann , er habe seinen Gegner zu Boden gelegt , wenn er durch eine lange Reihe nichts beweisender Gleichungen zuletzt das Gegentheil von dem , was jener behauptet hatte , herausbringt . Das Allerseltsamste aber ist dann doch , daß in diesem ganzen Schattengefechte beide streitende Parteien , indem sie einen bestimmten philosophischen Begriff von der Gerechtigkeit suchen , den popularen , auf das allgemeine Menschengefühl gegründeten Begriff immer stillschweigend voraussetzen , ohne es gewahr zu werden . Es ist als ob die närrischen Menschen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnten ; sie suchen was ihnen vor der Nase liegt , und was sie bloß deßwegen nicht finden , weil sie sich in einer Art von Schneckenlinie immer weiter davon entfernen . Sie würden gar bald einig geworden seyn , wenn Sokrates , statt der kleinen spitzfindigen und hinterstelligen Fragen , die ihm schon Aristophanes vorwarf , geradezu gegangen , und das , was alle Menschen , vermöge eines von ihrer Natur unzertrennlichen Gefühls , von jeher Recht und Unrecht nannten , in seiner ersten Quelle aufgesucht hätte . Leicht wär ' es dann gewesen , das , was Recht ist , von dem , was Wahn oder Gewalt zu Recht setzen , zu unterscheiden ; die Streitenden hätten einander nicht lange mißverstehen können , und wären in der Hälfte der Zeit einig geworden , welche Platons sophistisirender Sokrates verschwendet , um - am Ende selbst gestehen zu müssen , daß - nach allem , was über die albernen Fragen : ob die Gerechtigkeit Tugend oder Untugend , Weisheit oder Thorheit , nützlich oder schädlich sey ? seit mehr als einer langen Stunde gewitzelt , ironisirt und in die Luft gefochten worden , - die große Frage , was ist Gerechtigkeit ? aus seiner Schuld noch immer unausgemacht geblieben sey . Wie Sokrates , nach einem solchen Geständniß , zu Anfang des zweiten Buchs sagen kann : » er habe geglaubt das Gespräch sey nun zu Ende , « weiß ich nicht ; denn daß Thrasymachus schon seit einer ziemlichen Weile , mit dem hoffärtigen Anstand einer Kämpfers , der seinen Gegner nicht für gut genug hält ihn seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen , sich zurückzieht , machte zwar dem Spiegelgefecht mit ihm ein Ende ; aber die Untersuchung selbst war so wenig beendigt , daß sie nicht einmal recht angefangen hatte . In der That hatte Thrasymachus seine Sache so schlecht geführt , daß man zur Entschuldigung des Sokrates sagen könnte : er habe es nicht der Mühe werth gehalten Ernst gegen einen Antagonisten zu gebrauchen , den man schon mit Strohhalmen in die Flucht jagen konnte . Ob Plato diesem Sophisten , indem er ihn zu einem eben so hohlen als aufgeblasenen Strohkopf macht , Recht oder Unrecht gethan habe , mag dahingestellt seyn ; genug daß durch die Art , wie der Streit bisher geführt wurde , für die gute Sache der Gerechtigkeit , welche doch nach Platons Absicht in diesem Dialog einen entschiedenen Sieg über ihre Gegner erhalten sollte , wenig oder nichts gewonnen war . Das Werk mußte also ernsthafter angegriffen werden . Um dieses zu bewerkstelligen , stellt Plato in seinen Brüdern Glaukon und Adimanthus zwei neue Personen auf , welche bisher noch keinen thätigen Antheil an dem Gespräche genommen hatten ; und man muß gestehen , daß er sein Möglichstes gethan hat , die Rolle , die er ihnen im zweiten Buche zu spielen gibt , glänzend und ehrenvoll zu machen . Der erste von ihnen , Glaukon , tritt zwar als Verfechter der Ungerechtigkeit auf , deren Sache Thrasymachus ( wie er meint ) allzu lässig vertheidigt und ohne Noth viel zu früh aufgegeben habe ; verwahrt sich aber mit vieler Wärme gegen den Verdacht , als ob er , indem er alle seine Kräfte zu Gunsten der Ungerechtigkeit aufbiete , aus eigener Ueberzeugung und gleichsam aus der Fülle des Herzens rede . Also bloß um den Gegnern der Gerechtigkeit alle Möglichkeit der Einwendung , als ob ihre Gründe nicht in ihrer ganzen Stärke geltend gemacht worden wären , abzuschneiden , und um den Sokrates in die Nothwendigkeit zu setzen , sich der guten Sache in vollem Ernst anzunehmen , nimmt Glaukon das Wort , und macht sich anheischig : vor allen Dingen zu erklären , was nach der Meinung derjenigen , für welche Thrasymachus gesprochen habe , die Gerechtigkeit sey und woher sie ihren Ursprung nehme ; sodann zu zeigen , daß diejenigen , die sich der Gerechtigkeit befleißigen , es nicht deßwegen thun , weil sie in ihren Augen ein Gut , sondern weil sie ein nothwendiges Uebel ist ; und endlich drittens zu beweisen , daß diese Leute Recht haben ; sintemal die Erfahrung bezeuge , daß das Leben des Ungerechten in der That glücklicher sey als des Gerechten . » Nicht als ob ich selbst diese Meinung hegte , « sagt Glaukon ; » aber doch stoßen mir zuweilen Zweifel auf , da ich täglich von Thrasymachus und zehntausend andern so viel dergleichen hören muß , daß mir die Ohren gellen , hingegen mir noch niemand , so wie ich es wünschte , bewiesen hat , daß der Gerechte sich im Leben besser befinde als der Ungerechte . « Ich zweifle ob unser alter Freund Hippias selbst diese Lieblingslehre der Sophisten ( die übrigens in der Geschichte der Menschen und der Erfahrung nur allzu gegründet ist ) deutlicher und scheinbarer hätte vortragen und zierlicher zusammenfassen können , als in der kleinen Rede geschehen ist , welche Plato seinem Bruder Glaukon hier in den Mund legt . Ob aber gleichwohl durch die unserm Philosophen eigene Art , alles aufs Höchste zu treiben , den Behauptern der Lehre , » daß der Unterschied zwischen dem , was die Menschen Recht und Unrecht nennen , sich bloß auf einen durch die Noth aufgedrungenen Vertrag gründe , « nicht einiges Unrecht geschehe , dürfte wohl die Frage seyn . » Unrecht thun « ( sagt Glaukon ) » ist , nach der gemeinen Meinung , an sich selbst , oder seiner Natur nach gut , Unrecht leiden an sich selbst , übel . Aber aus dem Unrecht leiden entsteht mehr und größeres Unheil , als Gutes aus dem Unrecht thun . Nachdem nun die Menschen einander lange Unrecht gethan und Unrecht von einander erlitten , glaubten die Schwächern , - eben darum , weil die Schwäche , um derentwillen sie alles Unrecht von den Stärkern leiden müssen , sie unvermögend machte , das Vergeltungsrecht an jenen auszuüben , - sich nicht besser helfen zu können , als indem sie in Güte mit einander übereinkämen weder Unrecht zu thun noch zu leiden . « - Auf diese Weise , meint er , seyen die Gesetze und Verträge entstanden , und so habe das durchs Gesetz Befohlene oder Verbotene die Benennung des Rechts oder Unrechts erhalten . Dieß sey also der Ursprung der Gerechtigkeit , und so stehe sie , ihrem Wesen nach , zwischen dem Besten und dem Schlimmsten in der Mitte ; denn das Beste wäre , ungestraft Unrecht zu thun , das Schlimmste Unrecht zu leiden ohne sich rächen zu können . Die Gerechtigkeit werde also nicht geschätzt weil sie etwas Gutes an sich sey , sondern bloß insofern sie den Schwächern zur Brustwehr gegen die Beeinträchtigungen der Stärkern diene . Wer sich folglich stark genug fühle , dieser Brustwehr nicht zu bedürfen , werde sich wohl hüten sich in Verträge , andern kein Unrecht zu thun um keines von ihnen zu leiden , einzulassen ; denn da er das letztere nicht zu befürchten habe , so müßte er wahnsinnig seyn , wenn er sich des Vortheils , den Schwächern ungestraft Unrecht zu thun , freiwillig begeben wollte . Ich kann mich irren , aber so weit ich die Sophisten , deren System Plato in diesem zweiten Buche in seiner ganzen Stärke vorzutragen unternommen hat , kenne , scheint er mir , es sey nun vorsetzlich oder unvermerkt , etwas von seiner eigenen Vorstellungsweise in die Darstellung der ihrigen eingemischt zu haben . Ich wenigstens zweifle sehr , ob es jemals einem Menschen eingefallen ist , zu behaupten : Unrecht thun sey gut an sich . Und was versteht Glaukon , aus dessen Munde Plato hier spricht , unter Unrecht thun ? Wenn der Unterschied zwischen Recht und Unrecht erst durch Verträge und verabredete Gesetze bestimmt werden muß , so gibt es in dem Zustande der natürlichen Freiheit , der den gesellschaftlichen Vereinigungen vorhergeht , kein Unrecht . Oder spielt Plato , wie er so gern thut , auch hier mit dem Doppelsinn des Worts adikein , welches sowohl beleidigen , als Unrecht thun bedeutet ? Im Stande der natürlichen Freiheit ( den ich lieber den Stand der menschlichen Thierheit nennen möchte ) beleidige ich den Schwächern , dem ich die Speise , womit er seinen Hunger stillen will , mit Gewalt wegnehme ; im Stande der politischen Gesellschaft thue ich ihm dadurch Unrecht , weil das Gesetz alle Beleidigungen verbietet . So verstehen es meines Wissens , die Sophisten ; und wiewohl sie behaupten , daß es dem Menschen , welcher Macht genug hat alles zu thun was ihm beliebt und gelüstet , nicht unrecht sey die Schwächern zu berauben oder zu unterjochen , sobald er Vortheil oder Vergnügen davon zu ziehen vermeint : so hat doch schwerlich einer von ihnen jemals im Ernste behauptet , Unrecht thun , oder andere beleidigen sey schon an sich selbst , ohne Einschränkung , Bedingung oder Rücksicht auf einen dadurch zu gewinnenden Vortheil , gut , folglich recht thun an sich selbst übel . Sie kennen überhaupt kein Gut noch Uebel an sich , sondern betrachten alle Dinge bloß wie sie in der Wirklichkeit sind , d.i. wie sie allen Menschen , in Beziehung auf sich selbst oder auf den Menschen überhaupt , unter gegebenen Umständen scheinen . Im Stande der freien Natur erlaubt sich ( sagen sie ) der Stärkere alles , wozu er durch irgend ein Naturbedürfniß oder irgend eine Leidenschaft , Lust oder Unlust , getrieben wird ; aber in diesem Stande gibt es , genau zu reden , keinen Stärkern als für den Augenblick ; denn der Stärkste wird sogleich der Schwächste , sobald mehrere über ihn kommen , wiewohl er jedem einzelnen überlegen wäre . Jener angebliche Naturstand ist also ein allgemeiner Kriegsstand , bei welchem sich am Ende , wo nicht alle , doch gewiß die meisten so übel befinden , daß sie sich entweder in Güte zu einem gesellschaftlichen Leben auf gleiche Bedingungen verbinden , oder irgend einem Mächtigen gezwungen unterwerfen müssen , falls sie sich ihm nicht aus Achtung und Zutrauen , mit oder ohne Bedingung , freiwillig untergeben . In allen dreien Fällen sind Gesetze , welche bestimmen was sowohl den Regierenden oder Machthabern als den Regierten oder Unterworfenen recht und unrecht ist , nothwendig ; denn sogar ein Tyrann , der alles kann was ihn gelüstet , wird sich , wenn er Verstand genug hat sein eigenes Bestes zu beherzigen , nicht alles erlauben was er kann . Indessen ist nicht zu läugnen , daß der Grundsatz der Sophisten , » die Gerechtigkeit ( insofern die Erfüllung der bürgerlichen Gesetze darunter verstanden wird ) sey ein Zaum , den bloß die Nothwendigkeit den Menschen über den Hals geworfen habe , und von welchem jedermann , sobald er es ungestraft thun könne , sich loszumachen suche , « sich als Thatsache auf die allgemeine Erfahrung gründet , und daß die Sokratesse ( wofern es jemals mehr als Einen gegeben hat ) noch seltner als die weißen Raben sind . Diese Thatsache ist im Lehrbegriff der Sophisten eine natürliche Folge des Beweggrundes , der die Menschen aus dem freien Naturstande ( wo die Kraft allein entschied , und , weil es noch kein Gesetz gab , jeder sich alles erlauben durfte was er auszuführen vermögend war ) heraustrieb , und in den Stand des politischen Vereins zu treten nöthigte . Jene unbeschränkte Freiheit würde von den Menschen als ihr höchstes Gut angesehen werden , wenn sie nicht , eben darum weil sie nur von dem Stärkern ausgeübt werden kann , die unsicherste Sache von der Welt wäre . Denn welcher Mensch kann sich in einem Stande , wo Einer immer gegen Alle und Alle gegen Einen sind , nur einen Tag darauf verlassen , der Stärkere zu bleiben ? Die eiserne Nothwendigkeit zwingt sie also , wider ihren Willen , zum gesellschaftlichen Verein , als dem einzigen Mittel , ihr Daseyn und jeden daher entspringenden Genuß unter Gewährleistung der Gesetze in Sicherheit zu bringen . Natürlicherweise aber behält sich jeder stillschweigend vor , die Gesetze ( die ihm nur , insofern sie ihn gegen andere schützen , heilig , aber , insofern sie seiner eigenen Freiheit Schranken setzen , verhaßt sind ) so oft zu übertreten , als er es mit Sicherheit thun kann . Diesem nach wäre denn bei allen , welchen es an Macht gebricht sich öffentlich und ungescheut über Recht und Unrecht wegzusetzen , kein anderer Unterschied zwischen dem gerechten und ungerechten Manne , als daß jener sich nie ohne eine Larve der Gerechtigkeit sehen läßt , die er sich so geschickt anzupassen weiß , daß sie sein eigenes Gesicht zu seyn scheint ; dieser hingegen so plump und unvorsichtig ist , sich immer über der That ertappen zu lassen . Darin , daß keiner sich etwas , das ihn gelüstet , versagen möchte , und jeder wo möglich alles zu haben wünscht , sind sie einander beide gleich . Da dieß in der That hart klingt , so hält sich Glaukon , im Namen derjenigen , deren Sachwalter er vorstellt , zum Beweise verbunden , und führt ihn sehr sinnreich , vermittelst der Voraussetzung , daß beide , der Gerechte und Ungerechte , wie jener aus dem Herodot bekannte Lydier13 ( dessen fabelhafte Geschichte Glaukon hier etwas anders als Herodot erzählt ) im Besitz eines unsichtbar machenden Ringes wären . Ein solcher Ring würde , dünkt mich , als Probierstein gebraucht allerdings das untrüglichste Mittel seyn , den wahrhaft rechtschaffenen Mann von dem Heuchler zu unterscheiden ; aber zu dem Gebrauch , den Glaukon von ihm macht , scheint er nicht zu taugen . Denn indem dieser ganz herzhaft annimmt , daß der Gerechte , sobald er sich im Besitz eines solchen Ringes sähe , nicht um ein Haar besser als der Ungerechte seyn , und alle möglichen Bubenstücke , wozu Lust , Habsucht oder andere Leidenschaften ihn reizen könnten , eben so unbedenklich verüben würde als jener , setzt er als etwas Ausgemachtes voraus , was erst bewiesen werden sollte . Wenn auch wir andern gewöhnlichen Leute so überschwänglich bescheiden seyn wollten , einen Zweifel in uns selbst zu setzen , ob wir wohl den Versuchungen eines solchen Zauberringes widerstehen könnten ; wer darf nur einen Augenblick zweifeln , daß ein Sokrates durch den Besitz desselben weder an Macht , noch Geld , noch sinnlichen Genüssen reicher geworden wäre ? Indessen , wofern es auch an einzelnen Ausnahmen nicht fehlen sollte , so ist doch nur gar zu wahrscheinlich , daß unter Tausend , die für gute ehrliche Leute gelten , weil sie weder Muth noch Macht haben sich in ihrer wahren Gestalt zu zeigen , nicht Einer wäre , der mit dem Ring des Gyges nicht die vollständigste Befreiung von allem Zwang der Gesetze zu erhalten glauben würde . Glaukon ( der noch immer im Namen derjenigen spricht , denen Recht und Unrecht für bloße Satzung des gesellschaftlichen Vereins und der Machthaber in demselben gilt ) ist seiner Sache so gewiß , daß er geradezu versichert : jedermann sey so völlig davon überzeugt , daß die Ungerechtigkeit dem Ungerechten vortheilhafter sey als die Gerechtigkeit , daß , sobald jemand glaube er könne mit Sicherheit unrecht thun , er es nicht nur ohne alles Bedenken thun werde , sondern sich für den größten aller Thoren und Dummköpfe halten würde , wenn er es nicht thäte . Um sich , sagt er , zu überzeugen , daß einem verständigen Menschen nicht zuzumuthen sey , anders zu denken und zu handeln , brauche es nichts als das Loos zu erwägen , das der Gerechte und Ungerechte im Leben unter den Menschen zu gewarten habe . So weit hatte Plato seinen Glaukon die Lehre der Sophisten , die er nicht ohne Grund die gemeine Meinung nennt , ziemlich treu und unverfälscht vortragen lassen ; aber nun schiebt er ihm wieder unvermerkt seine eigene Vorstellungsart unter , indem er ihn aus der wirklichen Welt , aus welcher sich jene nie versteigen , auf einmal in seine eigene Ideenwelt versetzt , unter dem Vorwand : das Problem , wovon die Rede ist , könne auf keine andere Weise ganz rein aufgelöset werden . Wir wollen sehen ! Denken wir uns ( sagt der platonisirende Glaukon ) um uns den Unterschied zwischen dem gerechten und ungerechten Mann völlig anschaulich zu machen , beide in ihrer höchsten Vollkommenheit , so daß dem Ungerechten nichts was zur Ungerechtigkeit , dem Gerechten nichts was zur Gerechtigkeit gehört , abgehe . Es ist also , um mit dem Ungerechten den Anfang zu machen , nicht genug , daß er immer und bei jeder Gelegenheit so viel Unrecht thut als er kann und weiß ; wir müssen ihm auch noch erlauben , daß er , indem er nichts als Böses thut , sich immer den Schein des Gegentheils zu geben und die Meinung von sich fest zu setzen wisse , daß er der rechtschaffenste Mann von der Welt sey ; und da es , mit allem dem , doch begegnen könnte , daß auf eine oder die andere Weise etwas von seinen Bubenstücken an den Tag käme , so muß er auch noch Beredsamkeit genug , um sich in den Augen der Menschen völlig rein zu waschen , und im Nothfall , so viel Muth , Vermögen und Anhänger besitzen , als nöthig ist um Gewalt zu brauchen , wenn List und Heuchelei nicht hinreichen will . Diesem Bösewicht nun stellen wir den Gerechten gegen über , einen guten , ehrlichen , einfachen Biedermann , der was er ist nicht scheinen will , sondern sich begnügt es zu seyn . Damit wir aber recht gewiß werden , daß ihm nichts zur vollkommnen Rechtschaffenheit abgeht , ist schlechterdings nöthig , daß wir ihn in der öffentlichen Meinung zum Gegentheil dessen machen , was er ist , denn wenn er auch rechtschaffen zu seyn schiene , würden ihm Ehrenbezeugungen und Belohnungen nicht fehlen , und da würde es ungewiß seyn , ob er das , was er schiene , wirklich und aus reiner Liebe zur Gerechtigkeit , oder nur der damit verbundenen Vortheile wegen sey . Wir müssen ihm also alles nehmen , bis ihm nichts als die nackte Rechtschaffenheit übrig bleibt , und ihn , mit Einem Worte , so setzen , daß er in allem als das Gegentheil des Ungerechten dastehe . Dieser ist ein ausgemachter Bösewicht und scheint der unbescholtenste Biedermann zu seyn ; jener ist sein ganzes Leben durch der rechtschaffenste aller Menschen , und wird für den größten Bösewicht gehalten ; geht aber , ohne sich seinen schlimmen Ruf und die Folgen desselben im geringsten anfechten zu lassen , seinen Weg fort , und beharret , wiewohl mit jeder Schande des verworfensten Buben belastet , unbeweglich bei seiner Rechtschaffenheit bis in den Tod . Man kann sich leicht vorstellen , wie es diesen beiden idealischen Wesen , wenn sie verkörpert und ins menschliche Leben versetzt würden , ergehen müßte . » Der Gerechte , sagen die Lobredner der Ungerechtigkeit , wird gegeißelt , auf die Folter gespannt und in Ketten gelegt werden : man wird ihm die Augen ausbrennen , und nachdem er alle nur ersinnlichen Mißhandlungen erduldet hat , wird er ans Kreuz geschlagen werden , und nun zu spät einsehen , daß man zwar rechtschaffen scheinen , aber kein Thor seyn muß es wirklich zu seyn . Wie herrlich ist hingegen das Loos des Ungerechten , der die Klugheit hat , die öffentliche Meinung auf seine Seite zu bringen , und während er sich unter der Larve der Tugend ungestraft alles erlauben kann , für einen rechtschaffnen und verdienstvollen Mann gehalten zu werden ? Die höchsten Ehrenstellen im Staat erwarten seiner ; er kann heirathen wo er will , und die Seinigen ausgeben an wen er will ; jedermann rechnet sich ' s zur Ehre in Verhältniß und Verbindung mit ihm zu kommen ; ihm , dem kein Mittel zu seinem Zweck zu schlecht ist , schlägt alles zum Vortheil an ; bei allen Gelegenheiten weiß er andern den Rank abzulaufen , kurz er wird ein reicher und gewaltiger Mann , und ist also im Stande , seinen Freunden nützlich zu seyn , seinen Feinden zu schaden , und die Götter selbst durch häufige Opfer und reiche Weihgeschenke zu gewinnen , so daß er ihnen lieber seyn wird , als der Gerechte , der nichts zu geben hat . « Ich weiß nicht wie vielen Dank eure Sophisten dem göttlichen Plato für diese Darstellung ihrer Lehre von den Vortheilen der Ungerechtigkeit über die Gerechtigkeit wissen werden ; gewiß ist wenigstens , daß es keinem von ihnen je eingefallen ist , die Frage auf diese Spitze zu stellen , und einen gerechten Mann , wie nie einer war , noch seyn wird noch seyn kann , zu erdichten , um durch Vergleichung des glücklichen Looses des Ungerechten mit dem jammervollen Leben und schrecklichen Ende dieses Rechtschaffnen die Vorzüge der Ungerechtigkeit in ein desto größeres Licht zu setzen . Ich , meines Orts , habe gegen das Ideal des Platonischen Gerechten zwei Einwendungen . Erstens liegt es keineswegs in der Idee eines vollkommen rechtschaffenen Mannes , daß er nothwendig ein Bösewicht scheinen müsse ; im Gegentheil , es ist ihm nicht nur erlaubt zu scheinen was er ist , sondern die Rechtschaffenheit selbst legt es ihm sogar als Pflicht auf , bösen Schein , so viel möglich , zu vermeiden . Auch sehe ich nicht , wie er es ohne Nachtheil sowohl seiner Rechtschaffenheit als seines Menschenverstandes anfangen wollte , um von allen den Menschen , welche tägliche Augenzeugen seines Lebens sind , immer verkannt , gehaßt und verabscheuet zu werden . Alle Umstände , alle Menschen , die ganze Natur müßten sich auf die unbegreiflichste Art gegen ihn verschworen , und er selbst müßte sich , unbegreiflicherweise , unendliche Mühe gegeben haben , seinen Tugenden und guten Handlungen die Gestalt des Lasters und Verbrechens zu geben . Ich zweifle sehr , ob ein einziges Beispiel aufzustellen sey , daß ein so guter , redlicher und gerechter Mann , wie ihn Plato setzt , ohne alle Freunde geblieben , und von Niemand gekannt , geliebt und geschätzt worden wäre . Ueberdieß ließe sich noch fragen , ob irgend ein menschenähnliches Wesen , ohne ein Gott zu seyn , die Probe , auf welche unser Ideendichter seinen Gerechten stellt , zu bestehen , und alle Schmach und Marter , die er zu Bewährung seiner Tugend über ihn zusammenhäuft , auszuhalten vermöchte . Dieses Ideal ist also , von welcher Seite man es ansieht , ein Hirngespenst und zu der Absicht , wozu Plato es erdichtet hat , ganz unbrauchbar . Denn solcher ungerechter Menschen , wie er bei dieser Vergleichung annimmt , hat es zwar in der wirklichen Welt von jeher nur allzu viele gegeben , einen solchen Gerechten hingegen nie . Wenn sich also auch aus der Vergleichung des einen mit dem andern die Folge ziehen ließe , welche Glaukon daraus zieht , so würde doch dadurch nicht bewiesen seyn , daß die Vortheile , welche der wirkliche Ungerechte von seiner Heuchelei erntet , wenn alles , was bei einer scharfen Berechnung in Anschlag kommen muß , ehrlich und redlich angesetzt wird , denen , die der wirkliche Gerechte durch seine Rechtschaffenheit genießt , vorzuziehen wären . 5. An Ebendenselben . Fortsetzung des vorigen . Da ich mich , beinahe wider Willen , aber durch die Natur der Sache selbst , mit welcher ich mich zu befassen angefangen , unvermerkt in eine nähere Beleuchtung der einzelnen Theile , woraus die vor uns liegende reiche Composition zusammengefügt ist , hineingezogen finde ; wird es , bevor wir weiter gehen , edler Eurybates , nöthig seyn , uns auf den Punkt zu stellen , aus welchem das Ganze angeschaut seyn will , um richtig beurtheilt zu werden . Außer mehrern nicht unbedeutenden Nebenzwecken , welche Plato in seinen vorzüglichsten Werken mit dem Hauptzwecke zu verbinden gewohnt ist , scheint mir seine vornehmste Absicht in dem gegenwärtigen dahin zu gehen , der in mancherlei Rücksicht äußerst nachtheiligen Dunkelheit , Verworrenheit und Unhaltbarkeit der vulgaren Begriffe und herrschenden Vorurtheile über den Grund und die Natur dessen , was recht und unrecht ist , durch eine scharfe Untersuchung auf immer abzuhelfen . Diesem großen Zwecke zufolge zerfällt dieser Dialog in zwei Haupttheile . In dem einen , der das erste Buch und die größere Hälfte des zweiten einnimmt , ist es darum zu thun , die folgenden drei Lehrsätze , als die gemeine , von Dichtern , Sophisten und Priestern aus allen Kräften unterstützte , Meinung vorzutragen und auf alle Weise einleuchtend zu machen ; nämlich : 1 ) daß der Unterschied zwischen Recht und Unrecht lediglich entweder auf willkürlicher Verabredung unter freien Menschen , oder auf den Verordnungen regierender Machthaber beruhe , welche letztere natürlicherweise die Gesetze , so sie den Regierten geben , zu ihrem eigenen möglichsten Vortheil einrichten , sich selbst aber nicht dadurch gebunden halten ; 2 ) daß die Ungerechtigkeit dem , der sie ausübt , immer vortheilhafter als die Gerechtigkeit , diese hingegen durch nichts als ihren bloßen Schein nützlich sey ; daß also 3 ) nur ein einfältiger und schwachherziger Mensch das mindeste Bedenken tragen werde , gegen die Gesetze zu handeln , sobald er es ungestraft thun könne . Woraus sich dann von selbst ergibt : daß - da diese Art zu denken nicht nur den Kindern durch die Dichter ( aus deren Gesängen sie den ersten Unterricht empfangen ) beigebracht , und in den Erwachsenen durch alles was sie hören und sehen genährt , sondern sogar durch den religiösen Volksglauben und allerlei priesterliche Veranstaltungen und Künste so kräftig verstärkt werde , - kein Wunder sey , wenn diese , jeden wirklich edeln und guten Menschen empörende Vorstellungsart über Recht und Unrecht so tiefe Wurzeln geschlagen habe und so verderbliche Früchte bringe , als die tägliche Erfahrung lehre . Jene drei Irrlehren zu bestreiten , den wesentlichen Unterschied zwischen der Gerechtigkeit , im höchsten Sinn des Wortes , und ihrem Gegentheil überzeugend darzuthun , und zu beweisen , daß sie das Ziel und die Vollkommenheit des edelsten Theils der menschlichen Natur sey ; daß der Mensch nur durch sie in Harmonie mit sich selbst und dem allgemeinen Ganzen gesetzt werde , und daß , so wie die Ungerechtigkeit die Hauptquelle aller das menschliche Geschlecht drückenden Uebel sey , die Gerechtigkeit hingegen das höchste Glück aller einzelnen Menschen sowohl als aller bürgerlichen Gesellschaften bewirken würde ; Alles dieß macht ( die häufigen , zum Theil weitschichtigen Abschweifungen und Zwischenspiele abgerechnet ) den Inhalt der übrigen acht Bücher aus , und das ganze Werk kann also als eine ernsthafte Entscheidung des alten Rechtshandels zwischen dem Dikäos und Adikos Logos betrachtet werden , welche