- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wahrhaft hochherzig und von dem sittlichen Pathos der Wahrheit durchdröhnt , klang der Nekrolog , welchen Hans Holbach seinem Freunde in der » Berliner Tagesstimme « zu widmen wagte . Mochte im Leben diese Freundschaft nur eine äußerliche Schauspielerei gewesen sein , mochte der tiefe Zwiespalt beider Naturen sie einander innerlich entfremdet haben , - der Tod gleicht alle Gegensätze aus . Jetzt balancirte Holbach nicht mehr , dem Vortheil der Weltberechnung gehorchend - der Tod veredelt . Und so tönte die Stimme seiner eigentlichen chevaleresken Natur , seines warmen und gütigen Herzens , aus den Worten : » Unter dein vielen Erbärmlichen des Weltgetriebes giebt es ein Erbärmlichstes : den Schriftstellerneid . Diesem zumeist fiel Leonhart zum Opfer , während er neidlos alles Tüchtige anerkannte . Nachdem sie sein Genie von allen Seiten benörgelt ( hier erwarben sich viele Moralprediger ein besonderes Verdienst , ihm , dem wirklich Moralischen gegenüber ) , begannen seine Collegen auch seinen Charakter in den Staub zu ziehen , indem sie seine Handlungen entstellten , seine Motive unlauter verdrehten , seine Ausschreitungen übertrieben . Nun lehrt zwar ein Blick aus die ungeheure Produktivität des jungen Dichters , daß er lediglich seinen idealen Zielen gelebt haben könne und daher alle Sagen über sein sonstiges Verhalten ins Reich der Mythe gehören . Wären aber seine Fehler so offenkundig wie die Erhabenheit seiner Dichtungen - wer wäre berufen , darüber zu richten ? Doch gegen diese Art giftspritzender Hinterlist bleibt der Edelste und der Stärkste ohnmächtig . Forschen wir aber nach den Gründen dieser Niedertracht , so finden wir überall den gleichen : den Neid der Impotenz gegen das Genie , den Größenwahn der Kleinen gegenüber der wahren Größe . Verzeiht doch die kleinliche Selbstsucht der Mittelmäßigkeit nie die berechtigte Selbstsucht des Berufenen , weil ihre jämmerliche Eitelkeit sich verletzt fühlt ! Dabei bedenke man , daß dieser Ewigkeitsmensch keineswegs etwa wie Byron den weltlichen Rang eines Lords trug , was doch nun einmal auf die Welt ganz anders wirkt , als der Rang eines großen Dichters ! Man male sich Byrons Leben aus , wenn er zufällig als ein armer deutscher Poet geboren wäre - welch ein Abgrund stummen Leidens öffnet sich da der Phantasie ! Und ein solches Leben ewiger seelischer Tortur in verzweifeltem Kampf gegen die Uebermacht des Weltmaterialismus , von widrigen Verhältnissen eingeschnürt , hat Friedrich Leonhart durchkostet . Zweifellos war Leonhart kein makelloser Heiliger . Doch war sein Herz großmüthig und edel . Seine Verachtung alles Niedrigen und Kleinen entsprang seinem innersten Wesen , in dem nichts gemein und knechtisch . Quälte ihn vermeinte Unbill , die ihn zu thun zwang was er lange bereute , - viele wissen , daß sich ihm auf schwachem Grunde feste Dankbarkeit erbaute . Der Zug verzweifelter Angriffswuth aus tiefer seelischer Verbitterung , der ihn kennzeichnete , ging nicht aus äußerlichen und selbstischen Motiven hervor . Er kämpfte immerzu , heut mit der ganzen Welt , morgen aber auch mit sich selber . Denn der eigentliche Kern einer solchen Heldennatur basirt auf Tugendliebe und Pflichtgefühl , trotz einzelner Schlacken und Flecken . Wäre er mit jenen äußeren Vorzügen geboren worden , die in der Welt allein Erfolg verbürgen , mit Gesundheit , Schönheit , Rang und Vermögen so hätte das reiche Wohlwollen seines Gemüthes sich zu , vollkommener Idealität entfaltet . So aber , eine stete Zielscheibe für die Gehässigkeit neidischer Dummheit , wurden die häßlicheren Seiten seines Charakters von Jugend an genährt Jeder Eindruck warf sich auf ihn mit so intensiver Gewalt , daß zugleich alle Geistesstärke und alle Charakterschwäche hervorgelockt wurden . Die Fehler Leonharts stammten weder aus Entartung des Herzens - denn die Natur hatte nicht den Widerspruch begangen , so außerordentliches Talent mit einem unvollkommenen moralischen Sinn zu verbinden - noch aus Gefühlen , unempfänglich für Bewunderung der Tugend . Niemand hatte ein wärmeres Herz für Sympathie , eine offenere Hand für Unterstützung des Unglücks . Kein Geist war besser geformt für enthusiastische Verehrung edler Thaten , vorausgesetzt , daß er überzeugt war , man habe wirklich selbstlos gehandelt . Vorstellungen eines Freundes , dessen guter Absicht er sicher , hatten oft bei ihm großes Gewicht ; freilich durften Wenige eine so schwierige Aufgabe sich herausnehmen . Mahnung ertrug er mit Ungeduld , Tadel verhärtete ihn in seiner Verirrung , - so daß er oft dem feurigen Streitroß glich , das sich wüthend in die Lanzen stürzt . In den schmerzlichen Krisen seines litterarischen Lebens bewies er diese Reizbarkeit in solchem Grade , daß er fast dem edlen Opfer des Stiergefechtes glich , das mehr die Neckereien der Hetzerhorde , als die Stiche des kühneren Matadors zum Rasen bringen . Aber der Allgerechte , welcher menschliche Schuld nach ihrem wahren Werthe in seiner Schale wägt , wird jeden dieser vergifteten Nadelstiche wie einen Geistesmord verdammen . Schwerer wiegt jede Stunde , die man dem Dichter raubte und die einen Verlust für die Menschheit bedeutet , als das gesammte werthlose Leben seiner Hetzer und ihrer fadenscheinigen Moral . « Das waren goldene Worte , echt und warm aus schlagendem Herzen geboren . Ja , der Tod ist heilig , er ist ruhig und still . Den Todten zieht man nicht mehr freundlich die Würmer aus der Nase oder tastet an ihnen herum , um die Naht zu finden , aus der man irgend einen Vortheil herausschlitzen kann . So pflegen wir Umgang mit den Lebenden , die Todten aber verbitten sich das . Der Tod ist heilig . Doktor Gotthold Ephraim Wurb schrieb im » Bunten-Allerlei « über die Oeuvres posthumes dieses neuernannten Litteraturkönigs : » Sein hinterlassenes erhabenes Meisterwerk zeigt uns , welch unvergleichlich große elementare Dichterkraft in Friedrich Leonhart uns frühzeitig dahingerafft wurde . Mit Stolz weisen wir daran hin , daß wir es waren , die zuerst dieses Urgenie entdeckten , wie so oft schon die Redaktion des Bunten Allerlei von sich rühmen durfte . Lange blieb es ja unter Eingeweihten kein Geheimniß mehr , daß in Leonhart der eigentliche Centraldichter unsrer Zeit schlummerte . In ihm wäre uns der lang Ersehnte beschieden gewesen . Und nun ein so schreckliches Ende - weihen wir ihm eine stille Thräne ! Vielleicht wäre er der deutsche Shakespeare geworden ; so blieb er nur ein zerrütteter Shakespeare . Der schreckliche Fluch , den man unter seinen Papieren fand , trifft uns natürlich nicht . Wir haben unsre Pflicht erfüllt . Mögen die Elenden , die sich getroffen fühlen , es auf sich beziehen ! Das ist das ewig alte Los des Genies in Deutschland . Erst wenn es im Grabe ruht , erkennt man neidlos seine Größe . Was könnte dieser große Mann unserm Volke geworden sein , wenn man ihn an die richtige Stelle gesetzt hätte ! So - mußte er verkümmern , verbluten an tausend Nadelstichen . O wie ein edler Zorn uns bei diesem Gedanken durchtobt ! Wir werden demnächst Briefe des Verstorbenen publiziren , dem wir einst nahe standen . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf . II. Krastinik lag halb zurückgelehnt auf einer Bank im Regentspark . Ein traumhaftes Erinnerungsweh bewältigte ihn . Vor wenigen Minuten fuhr eine offene Karosse an ihm vorüber , in welcher Alice Egremont , jetzt Lady Mowbray , in nachlässiger Eleganz auf den Polstern sich wiegte . Unwillkürlich zuckte er empor . Ihr Auge glitt über ihn hin , sekundenlang blieb es hängen . Er grüßte , sie dankte flüchtig . Er bemerkte , daß sie erröthete . Aber wie bleich sie war ! Sollte das Gerücht begründet sein , daß sie eine unglückliche Ehe führe , daß ihr Gatte , der nur ihr Vermögen freite , sie roh behandele ? - - Regungslos saß er noch immer wie angewurzelt . Wie lange er so gesessen , er wußte es nicht . Seine gestorbene Liebe , sein gestorbener Freund , seine gestorbene Muse , die er weiter und weiter von sich entschwinden fühlte - alles floß ihm in ein gespenstiges Bild zusammen . Wo flüsterte hier nicht Erinnerung ! Er hörte ihre Stimme überall , im Zwitschern der Vögel , im Rauschen der Bäume , im Klang der fernen Vesperglocken . In jedem dieser Laubgänge wehten einstgeliebte Locken - wessen , er wußte es selber nicht . Bewahrte die Urne der Erinnerung noch ihren Nektar , dies London noch eine Spur von dem , was sein Herz hier verließ ? Hier werden einst Andre wandeln , wo er mit Dorrington plaudernd sich erging . Sie kamen hierher , Andre werden kommen . Den Traum früherer Menschenseelen werden sie fortsetzen und doch nicht vollenden . Denn diesem Traum frommt kein Erwachen . Nichts vollendet sich ja auf Erden , nichts . Alles beginnt , um nimmermehr zu enden . Wir alle erwachen , die Schlechten wie die Guten , die Großen wie die Kleinen , aber dies Erwachen heißt der Tod . Ja , der Tod weckt uns , wie ein Morgengruß . Und Leben heißt sich verschwenden an Schatten , an Schatten . Wie die alten Aegypter ihre Mumien , balsamirt die Erinnerung ihren Gram für ewig ein . Ob man den Spiegel in Scherben wirft , jede Scherbe spiegelt doch das alte Bild . Spiegle Dich nur kokett in der schmeichelnden Fluth ! Schritt für Schritt lockt es Dich tiefer , bis der Fuß ausgleitet und die Woge über Dich hingeht . So ist die Erinnerung - man spiegelt sich darin und badet und ertrinkt . Und wenn dies alles nun wahr , wahr wie Leben und Tod , - da sollte man es der Mühe werth erachten , die Befriedigung der Eitelkeit allen Geboten der Ehre voranzusetzen ? Nein , nimmermehr . - Krastinik fuhr zu Lady Dorrington und verabschiedete sich bei ihr . Zu Hause schrieb er zwei Briefe . Einen nach Haus . Von Berlin her war ihm ein Brief seines älteren Bruders nachgesandt . Die Brüder correspondirten sonst wenig , da ihre Lebensanschauungen zu verschieden . Diesmal aber erhielt er einen langen Brief des Majoratsherrn . Er befinde sich momentan auf den Stammgütern in Siebenbürgen und erwarte den Adel der Umgegend zu einer Bärenjagd . Auch sein Freund Graf A - y , der Führer der klerikalen Opposition , werde sich einfinden . Da würde man sich wohl mit Schmerz davon unterhalten müssen , auf welche traurige Bahnen ein Krastinik gerathen sei . Erstlich solle Xaver ja in Berlin sich ganz germanisirt haben und abscheuliche Preußomanie pflegen . Den Kreisen der Oesterreichischen Botschaft halte er sich ganz fern , wie man höre . Unverzeihlich von einem Krastinik . Aber noch schlimmer , man sehe , ihn stets in Gesellschaft plebejischen Gesindels , herabgekommener Litteraten . Er scheine sich allen Ernstes als » Schriftsteller « von Beruf zu fühlen . Jetzt nun gar , - mit Indignation habe er als Haupt der Familie davon Kenntniß genommen , daß Xaver Krastinik mit einem sogenannten Bühnenstück Furore mache . Vermuthlich sei er vom Publikum auch herausgebrüllt worden und , dem Hervorruf gehorsam , vor den Vorhang getreten ? Ob er denn nicht selber fühle , wie wenig das für einen Krastinik schicklich sei ? In andern Ländern möge das ja angehn . Ein Graf Tolstoy und verschiedene Fürsten schrieben ja auch . Aber grade , in Deutschland , wo man mit Recht die Schriftsteller als Menschen auffasse , die ihren Beruf verfehlten ! Als erhabener Dilettant Werke zu redigiren , wie Sr. k.k. Hoheit Kronprinz Rudolf , sei ja gewiß ein vornehmer Sport . Aber die Art und Weise , wie Xaver diesen Sport treibe , sei skandalös . Ganz als bürgerliches Metier . Ob er vielleicht mit Cohn und Itzig schon Brüderschaft getrunken habe ? Man behaupte sogar , er verkehre bei Leuten , die wegen Preßbeleidigung des Fürsten Bismarck gesessen hätten . Aber das halte sein brüderliches Herz wenigstens für Verleumdung . - Kurz und gut , was solle denn aus ihm werden ? Seine militairische Carrière habe er aufgegeben , doch hoffentlich sehe er ein , daß er sie wieder ergreifen müsse , um sich vor seinen Standesgenossen zu rehabilitiren . Er bitte ihn flehentlich , seinen elenden Papierruhm im Stiche zu lassen und heimzukehren . Am Schluß schimmerte noch durch , daß der Majoratsherr die finanzielle Lage eines jüngeren Sohnes wohl berücksichtige und ihm daher , falls er sich wieder anständig benehme , gewisse Revennen in Aussicht stelle . » Ein Almosen ! « knirschte Xaver . » Jeder Löwe hat seine Laus ! Zu Kreuze kriechen - das fehlte noch ! « Er schrieb trocken zurück , daß ihn etwaige Briefe in Scheveningen finden würden , da er morgen mit dem nächsten Dampfer via Amsterdam zum Continent zurückreise . Im Uebrigen danke er für die brüderlichen Rathschläge . - Der andere Brief des Grafen ging nach Berlin , an die Redaction der » Berliner Tagesstimme « . Es kostete ihn schwere Ueberwindung , die Feder anzusetzen . Dreimal zerriß er das Schriftstück . Schweißtropfen perlten auf seiner breiten Stirn . Dann aber sprang er plötzlich auf . Sein Auge blitzte , seine Brust hob sich . Ihm war , als stände er auf einer Bresche , als würfe er sich ritterlich einem fallenden Feldherrn als Deckung vor , um statt seiner den Streich zu empfangen . Der Geist all Derer von Krastinik erwachte in ihm . Seine Ahnen standen ihm unsichtbar zur Seite . Sei ein Mann , sei ein Ritter , Noblesse oblige ! Und er schrieb , ohne Besinnen und Absetzen in einem Zuge . Nein , der point d ' honneur ist keine Falstaffiade und das Gewissen keine Erfindung der Religion . Sobald es spricht , laut und vernehmlich , kann man nicht widerstehen . Wer von ihm gerufen wird , muß der Mann seines Schicksals sein , wie das Gewissen gebeut . Jeder hat seine Versuchungen des heiligen Antonius und könnte von seinem Standpunkt aus Bekenntnisse des heiligen Augustin schreiben . Aber Auserwählte haben ihr Gethsemane , wo der Kelch der Bitterkeiten zum Ueberfließen voll an ihren Lippen hängt . Sie müssen ihn leeren bis zur Hefe , ehe die Kraft der Weltüberwindung ihr neues Testament offenbaren kann . Erst in der Wüste der weltverlassenen Einsamkeit vernahm Johannes die Stimme der Wahrheit und erst auf dem Patmos des Exils enthüllte sich die Apokalypse des Weltgerichts . So scheint denn das Martyrium auch die allererste Bedingung , die sich vergrößert mit dem Wachsthum des Geistes . Von dem kleinen Martyrium der unglücklichen Liebe , das den jungen Geist läutert und vertieft , bis auf zu dem Martyrium des großen Weltwehs , wie es allen Aposteln der Menschheit die Höllenpforte der Erkenntniß öffnet , ist das Leiden die Mutter jeder Größe . So lange das Gefühl der Welt- und Gottverlassenheit , die Empfindung des Unglücks dem Menschen fremd bleibt , so lange ist er sich weder seiner Seelenkraft noch Gottes bewußt . Seinen Scheideweg des Herkules , wo der eine Pfad zum Glück und der andere zur Tugend führt , findet Jeder . Aber nur bevorzugte Naturen wissen alle Strudel der Vergangenheit zu glätten . Ein Shakespeare verbirgt seinen Hamletschmerz unter dem Prosperomantel der Phantasie . Aber man braucht diesen Mantel nicht zu besitzen , denn das Talent zur Einsamkeit ist angeboren . Fittich , Stab und Skorpion - Giftkröte , die den Karfunkel der Wahrheit im Haupte trägt - Einsamkeit ! In deinen Schoß bettet sich müde , wer sich willenlos fortgerissen fühlt von den immer reißenderen Stromschnellen , die dem Niagara entgegenstürmen . III. Die Geschichte Europas verräth einen innerlich bedingten Zug der Entwicklung von Süden nach Norden , von Westen nach Osten . So hatte denn kaum das kleine Küstenreich Portugal in Ostindien unter Almeida und Albuquerque ein gewaltiges Colonialreich gegründet , als auch schon das nordische Küstenland Holland im Kampfe gegen die spanische Weltmacht deren coloniale Eroberungen an sich riß und unter den Oraniern , Wilhelm dem Staatsmanne und Moritz dem Feldherrn , sowie später unter den großen Admiralen Tromp und Ruyter sich zur ersten See- und Handelsmacht erhob . Und wie Portugal seinen einzigen Dichter jener kurzen Glanzperiode verdankt , so erstand in Holland ja auch der bedeutendste Sänger batavischer Mundart , Vondel , während der siegreichen Befreiung der Niederlande von fremdländischem Joch . Die feuchte neblige Frische , das gleichsam wasserdurchquollene tiefsatte Grün einer Ruysdael ' schen Landschaft wirkte beruhigend auf Krastiniks Nerven . In den Cafés bewunderte er die eigenartige Vornehmheit malerischer Ausstattung , die Bambusstühle und kostbaren Porzelan-Gemälde , die ins Wandgetäfel eingefügt . Und die Austern Van Laar ' s labten ihn wie culinarische Zeugen dieser allgemeinen reinlichen Meeresfrische . Amsterdam erklärt alle Stimmungseffekte Rembrandts durch seine üppige Fülle coloristischer Motive . Die schmalen Häuschen mit den seltsam gezackten Schornsteinen tragen eine kaffeebraune Farben-Lasur , deren feiner Reiz durch zahlreiche Architekturen aus rothem Ziegelstein von barock verschnörkeltem Style noch mehr hervorgehoben wird . Die Docks , die Canalbecken , über welche sich bogige Brücken spannen , das Netzgewirr der kleinen Gassen , an Venedig erinnernd - alles das wird von einem nebligen Halblichte abgetönt . Unter ihm setzt das natürliche Grün der Baum-Alleen zu beiden Seiten der Canäle einen Flimmer an wie von rostigem Metall . Doch der pöbelhafte Lärm roher Unsittlichkeit , welcher die Nachtruhe selbst im vornehmsten Stadttheil dieser Hafenstadt stört , trieben ihn schon am nächsten Tage seinem neuen Ziel entgegen . Thalatta , Thalatta ! Kaum in Scheveningen angelangt , warf sich Graf Krastinik auf die deutschen Zeitungen , die er hier zufällig in ausreichender Fülle vorfand . Da fesselte ihn sofort wieder der Name Leonhart . Was war dies schon wieder ? Der Verleger desselben hatte unter den hinterlassenen Papieren ein , förmliches Tagebuch vorgefunden und kündigte die unverzügliche Publizirung dieses » großartigen Erzeugnisses « an . Natürlich bestellte der Erstaunte das Buch sofort telegraphisch » zu umgehender Sendung mit Nachnahme « . Am andern Morgen aber fand er richtig in der » Berliner Tagesstimme « seinen offenen Brief abgedruckt . Wie folgt . » Eine höchst befremdliche Nachricht dringt zu uns , welche wir nur unter Reserve wiedergeben würden , falls nicht der Name des Betreffenden selbst dafür bürgte , daß hier keinerlei Mystifikation vorliegt . Die Leonhart-Affaire , welche jetzt schon wochenlang die Gemüther der näherstehenden Kreise aufregt , wobei durch Veröffentlichung des angekündigten Tagebuchs wohl kaum eine Sänftigung erhofft werden darf , findet hiermit eine ganz neue höchst überraschende Ergänzung . In einem höflichen Geleitschreiben hat der vornehme Verfasser des nachfolgend abgedruckten Briefes ausdrücklich ersucht , denselben ohne jede Milderung und Streichung zu publiziren . Er bestehe darauf , widrigenfalls er den Brief einem andern Blatte überreichen werde . « Krastinik lächelte flüchtig über diesen schlauen Coup . Er kannte seine Pappenheimer : Ehe die » Tagesstimme « einem andern Blatte eine sensationelle Notiz überließ , sei es auch nur eine Brillant-Ente , eher würde sie wahrhaftig den Inseratentheil des » Botschafter « pachten ! » Graf Xaver Krastinik hat sich bemüßigt gefunden , erst jetzt mit einer Erklärung hervorzutreten , welche das größte Aufsehen erregen wird . Wir bringen sie unverkürzt , seinem Wunsche gemäß . Löbliche Redaction ! Nach § 11 des Preßgesetzes steht mir eine thatsächliche Berichtigung frei , welche ich hiermit erlasse . In der Kreuz- und- Schwertzeitung fand ich kürzlich einen Artikel , dieses christlichhumanen Blattes vollkommen würdig , aus der Feder eines p.p. von Schnapphahnitzkoy . Dieser Herr , von dessen Existenz ich nur mal von meinem verstorbenen Freunde Leonhart gehört zu haben glaube , ist so freundlich , meine Wenigkeit gegen das ungebührlich herausgepriesene Verdienst meines seligen Freundes auszuspielen und zwar speziell das venetianische Drama Die Meeresbraut . Ich erkläre nunmehr hiermit laut und feierlich : Dieses Stück , mit Ausnahme einiger scenischer Einfälle , gehört mit Stumpf und Stiel , mit Haut und Haar , in Idee und Ausführung , ausschließlich ; meinem todten Freunde Friedrich Leonhart . Sind die Herrn Neider und Nörgeler , diese Schurken , die den großen Dichter in jenen Anfall von Geistesstörung des Verfolgungswahns hineintrieben , - ist die Verschwörung von Schurken und Dummköpfen nun vielleicht endlich zufrieden ? ! Ich weiß recht wohl , daß in ihrer Wuth , sich so getäuscht zu sehn , die verbündeten , aber nicht vereidigten Makler nun über mich herfallen werden . Der Verstorbene hatte mein Wort , bis zu einer gewissen Frist den wahren Namen des Dichters zu verschweigen und den unverdienten Ruhm auf meine Achsel zu nehmen . Diese Frist ist jetzt erloschen . Auch hätte ich meines Wortes mich entbunden erachten können , nach jenem traurigen Ereigniß . Ich gestehe daher mit einem demüthigenden Gefühl der Scham , daß ich vor diesem notwendigen Schritt mich ängstete . So sehr hat auch das Beisammenleben mit den größenwahnsinnigen Erfolgjägern Berlins mein Gefühl für Pflicht und Ehre abgestumpft , daß es mir schwer ankam , auf solche unsauber erworbene Eitelkeitsmedaille zu verzichten . Warum überhaupt diese Täuschung der Welt von mir und dem Verstorbenen versucht wurde , fragt wohl nur ein ganz naiver Bruchtheil des Publikums . Damit man es aber einmal Schwarz auf Weiß lese , so will ich es mit dürren Worten aussprechen . Nie wäre ein Drama meines verstorbenen Freundes , und wäre es noch zehnmal besser , je auf einer deutschen Streberbühne zur Aufführung gelangt , nie ! Er konnte nicht dem Direktor ein Ordensbändchen verschaffen , der Frau des Regisseurs die Cour schneiden , mit dem Schauspielerpack Brüderschaft trinken . Ich aber , löbliche Redaction , heiße Graf Xaver Krastinik und bin daher befugt , selbst meinen greulichsten Schund an sämmtlichen Hofbühnen anzubringen . Da Leonhart tausend Feinde und keinen einflußreichen Freund ( nicht mal dem Theater-Portier konnte er ein erhebliches Trinkgeld zu Füßen legen ) besaß , so war ich also der unmaßgeblichen Meinung , daß er nur durch diese geschickte Vermummung zum Ziel gelangen könne . Im Einverständniß mit dem großen Dichter führte ich die Sache denn durch und der Erfolg bestätigte , wie gründlich wir Beide die Verlegenheit der Welt durchschaut hatten . Ein Herr Nordau hat gegen Conventionelle Lügen der Culturmenschheit gedonnert . Auch das ist aber nur eine Lüge . Culturmenschheit , eine Humbugphrase wie so viele . Die ganze Welt ist nur eine einzige Lüge und bei dem Worte Idealismus lachen die Auguren . Ein schöner Kellner hat mehr Aussicht auf Erfolg in der Welt als ein linkisches Genie , und nicht wer am besten dichtet , sondern wer am besten strebert oder dem Tagesbedürfniß schmeichelt , gilt heut als graußer Mann . Ein solcher Gewaltiger vor dem Herrn konnte Leonhart nimmer werden und so hatte er denn Recht , eine Welt zu verlassen , für die er allen Ernstes zu gut war . Ich für mein Theil , nachdem ich diese letzte Pflicht erfüllt , nehme mit wehmüthigem Lächeln Abschied von der Poesie . Ich entsage für alle Zeiten der dichterischen Produktion . Meine litterarische Carrière war kurz genug , aber genügte mir , einen unauslöschlichen Ekel gegen dies Geschmeiß elender Federfuchser einzuflößen , das über seine verhungernden Kinder oder seine unbefriedigte Eitelkeit jammert , statt anständig zu Pflug und Spaten zu greifen , - das als litterarische Pennbrüder den Parnaß bebummelt , aber wie ein nichtsnutziges Knieholzgestrüpp dem aufwärtsschreitenden Bergsteiger die Füße umwickelt , so daß er strauchelnd zu Boden stürzt . Von ihren idealen Zwecken machen sie ein ebenso großes Geschrei wie von ihren materiellen Rechten . Wozu dient diese Kanaille , als den gesunden Sinn der Unbefangenen zu verwiren ? Ihre ganze Existenzberechtigung ist ihre Eitelkeit , mit ihren idealen Zwecken finden ihr schönstes Recht in Niederduckung Sie des wahrhaft Großen . Und ihre materiellen Förderungen der Standesinteressen bestehen höchstens darin , daß sie dem Lebenswerthen möglichst den Weg zum allgemeinen Futtertrog versperren , um ihren werthlosen Windbauch vollzustopfen . - Kurz , wo immer eine geniale Natur sich erhebt , da folgt ihr instinktiv der Haß aller Feigen und Schlechten . Das ist der Schatten , den das Genie wirft , und gleichsam seine natürliche Beglaubigung . Nach Erledigung dieser Erklärung , empfehle ich mich hiermit statt jeder besonderen Meldung meinen Berliner Freunden vom Geschäft , besonders den liebenswürdigen Schauspielern , die dem Drama Leonharts - pardon , Graf Krastiniks - eine so begeisterte Theilnahme entgegenbrachten , vor allem Herrn Direktor L ' Arronge . Die Tantièmen der Meeresbraut , welche in Berlin nach Verabredung deponirt wurden , bestimme ich hiermit zu einem Grabdenkmal für meinen großen unglücklichen Freund . Einer löbl . Redaction ergebener Graf Xaver Krastinik . « Schon am andern Tage fielen die Berliner Zeitungen über ihn her . Krastinik las sie ruhig durch und trank als Magenstärkung einen Oranje-Bitter . Den Menschen kann man nicht die Mäuler verbieten . So tadele denn Jeder nur getrost am Anderen , was er im eignen Busen wiederfindet ! Die Frechheit , womit dies Volk über Ungewöhnliches urtheilt , entspricht nur der allgemeinen Ichsucht , deren krankhafte Kleinlichkeit sich berechtigt glaubt , alles zu kennen und zu beurtheilen , was grade in dem Bannkreis ihres eigenen winzigen Lebenskreises durch flüchtigen Zufall an ihnen vorüberhuschte . Und wäre es das Größte , sie ziehen es zu dem alltäglichen Nichts ihrer gleichgültigen Existenzen herab und beschimpfen keck , was zu hoch über ihnen steht , um sich vertheidigen zu dürfen . Souveraine duelliren sich nicht . Eins aber schien jetzt unbedingt nöthig : Daß er Ernst machte mit seiner Absage an das litterarische Geschwätz . Ja , gewiß war er ein echter Dichter , aber er mußte sich tödten , wie der Manne auf des Germanenherzogs Grab , auf der Leiche eines so unendlich größeren Dichters , von dessen Ruhm er unfreiwillig gezehrt . Wie sonnenhell lag im Anfang seine neue Laufbahn vor ihm da ! Welch glückliche Zeit , wo er keine andere nagende Furcht kannte , als die , nicht früh und voll genug fertig zu werden , wo vor seinem Geiste endlose Bilder sich drängten , die er vergeblich alle zugleich zu beschwören hoffte und die sich in seinem schaffenden Gehirne stießen ! Aber ach , die ganze Poesie , welche vor seinen trunkenen Blicken schwankte , löste sich auf und zersplitterte sich in endlose Fragmente , von denen Keines vollendet ward . Durfte er glauben , daß in jenen Kindheitstagen seiner litterarischen Anfängerschaft die echte Poesie , der echte Schöpferdrang in ihm thätig gewesen ? Nein . Seine Jambentragödien waren historische Schulübungen , deren letzten Refrain doch immer das gegenseitige Schwertergeklirr abgab . Und so ging er denn aus Heldenstück der Selbstüberwindung . Bei der Abreise von Berlin hatte er natürlich sein Theuerstes , seine Manuscripte , mit sich geführt . Nun öffnete er das bisher unberührte Fach seines Koffers und häufte seine Schätze vor sich auf . Lange durchwühlte er diese Fragmente historischer Dramen , die er mit Leonhart einst durchgesprochen . Er wischte mit dem Finger über die Wimper , als müsse er dort eine Thräne zerdrücken . Doch sein Auge blickte kalt und starr . Mit einem kräftigen Ruck raffte , er sich zusammen und packte die Manuscripte und warf sie in die helllodernden Flammen des Kamins . Rasch wandte er sich dann ab , wie um das Unheil nicht zu sehen . Erst als die Papiere schon halb verkohlt und zu Asche verbrannt , richtete er seinen Blick darauf . Und mit bebendem Herzen zwang sich ihm auf die Lippen das Lied : Lebt wohl ihr Alle , die einst gelebt In meiner Seele , die euch belauscht ! Ihr Heldenschmerzen , die mich durchbebt , Ihr Völkerkunden , die mich berauscht ! Hinab hinab , versunkener Hort ! Die Welt soll nimmer Dich wiedersehn . So mag das ewige Dichterwort Mit all der anderen Spreu verwehn ! Aber kaum hatte er so in Erhabenheit geschwelgt , als eine innere Stimme ihm mahnend ans Ohr schlug : Hüte Dich , hüte Dich vor neuem Rückfall in das Laster der Andern , vor kindisch selbsttäuschendem Größenwahn ! Das ewige Dichterwort ? Meinst Du wirklich Dich selber ? Wer gab Dir das Recht dazu , Deine hübschen Theatralika à la Heinrich v. Kleist gleich für etwas Besonderes zu halten , in einer Zeit , wo ein großer Dichter an Deiner Seite schritt ? Krastinik versank in tiefes Nachdenken über sich selbst und das allgemeine Problem einer geistigen Thätigkeit , die doch eigentlich direkt der rohen Realität zuwiderläuft . Es ist unwahr , daß Physisches und Psychisches sich ergänzt . Der Eine wird mit überwiegend physischer Kraft geboren , welche sich als sogenannte Lebensfrische offenbart , - weswegen die realistische englische Sprache auch kräftige Lebhaftigkeit kaltblütig » animal spirits « ( thierische Lebensgeister ) nennt . Diese Anlage überwiegt vor allem bei den Frauen . Da aber das psychische Element in Jeder menschlichen Natur liegt , so hindert es fortwährend die freie Entfaltung des Physischen . Denn ist die geistige Fähigkeit eines solchen Individuums eine geringe , so sucht es durch Fleiß und Studium sich zu Höherem aufzuschwingen , verkümmert sich aber nur den physischen Genuß , ohne geistlge Resultate zu erreichen . Und sind die geistigen Fähigkeiten nicht unbeträchtlich , so erkennt ein solches Wesen bald die Nichtigkeit , des Thierischen , kritisirt an sich herum , fühlt die gähnende Lücke seines Innern , bewundert das Höhere , ohne sich zur geistigen Arbeit aufraffen zu können , weil eben das physische Element von Natur aus zu mächtig in ihm . Dies sind all die zerrissenen , zerfahrenen und in falschem Sinne romantischen Naturen . - Der Andre wird mit überwiegend psychischem Element geboren . Ihn hindert nun das schwache physische Element entweder durch Kränklichkeit im geistigen Schaffen , oder die sich stärkende physische Natur rebellirt gegen die übermäßige