der ihn genauer kannte , in voller Übereinstimmung mit seinem Charakter . Die Frankfurter Affaire hatte weder innerlich seinen Mut gebrochen noch ihn äußerlich kleinlaut gemacht ; aber durch und durch von Spielervorstellungen beherrscht , erging er sich seitdem in Versicherungen , daß er keine » glückliche Hand « habe . » Ohne ihn werd es besser gehen « , versicherte er ein Mal über das andere , und nur einen Augenblick lang , als der Schlitten mit der herabhängenden schwarzen Wachsleinwand vorgefahren war , war er in dieser seiner Überzeugung erschüttert worden . Und dabei hatte folgendes Zwiegespräch zwischen ihm und seinem neben ihm stehenden Aide de camp stattgefunden . » Was will nur der schwarze Kasten , Hirschfeldt ? Schwarz und schräg und eine Zudecke darüber . Der reine Sarg . Soll mich wundern , wen sie hineinlegen werden . « » Vielleicht mich . « » Nein , Sie nicht , Hirschfeldt . Sie werden immer mit einem Prellschuß oder einer Kugel ins dicke Fleisch davonkommen ... Aber was ist das nur , was dieser Tölpel von Pachaly da heranschleppt und in das Schlittenstroh hineinpackt ? Sehen Sie nur , sechs Bretter und zwei Brettchen . Und jetzt zwei Grabscheite und eine Strickleine . Was die soll , weiß ich allenfalls , aber all das andere ! Grabscheite und Bretter , und gerade sechs . Es schmeckt so nach Begräbnis . « Hirschfeldt , so kaltblütig er war , war doch schließlich durch diese Betrachtungen in eine wenig erbauliche Stimmung versetzt worden , und nur um etwas zu sagen , warf er hin : » Sie sind abergläubisch , General . « » Ja , das bin ich , Hirschfeldt , und ich habe meine Freude daran . Nehmen Sie mir das bißchen Aberglauben , so hab ich gar nichts und falle zusammen . Übrigens geht es den meisten Menschen so , und wem es nicht so geht , desto schlimmer . Sehen Sie die Schorlemmer . Die hat keinen Aberglauben . Aber was kommt dabei heraus ? Eine Nußschale voll Weisheit und ein Scheffel Langeweile . Und eine Dormeuse darübergestülpt . « Bamme drehte sich seinen Schnurrbart und hatte das Gefühl , etwas apart Gutes gesagt zu haben . Aber seine ganze Oratio pro domo war von Hirschfeldt überhört worden , der mit seinen Vorstellungen immer noch bei » Sarg « und » Begräbnis « aushielt und endlich sagte : » So glauben Sie , General , daß wir von Küstrin her nicht viel anders heimkehren werden als von Frankfurt ? « » Doch , Hirschfeldt . Ich bin nicht mit dabei , das ist eins ; und das zweite ist , sie passen nicht auf . Ich meine die Franzosen . Ihr werdet ihn also freikriegen ; aber einen Einsatz kostet ' s , ein Bein oder ein paar Rippen . Billiger habt ihr ' s nicht . Vielleicht aber teurer . Und deshalb gefällt mir der Kasten nicht . « So war das Gespräch zwischen Bamme und Hirschfeldt verlaufen ; unmittelbar darauf hatten alle an der Expedition Teilnehmenden ihre Plätze eingenommen und fuhren in leichtem Trabe die Küstriner Chaussee hinauf . Als sie bis an die Stelle gekommen waren , wo vor zwei Tagen erst die » Revue « stattgefunden hatte , bogen sie nach rechts hin ab , passierten das Fichtenwäldchen an seinem nördlichen Rande und hielten sich nun scharf auf den Fluß zu . Die Wege waren hier schmal und meist verschneit , so daß sie Schritt fahren mußten . Und doch waren die Minuten berechnet . Berndt und Hirschfeldt wurden ungeduldig . Endlich hatten sie den Fluß vor sich , erkannten trotz der Dunkelheit die inmitten des Eises abgesteckte Fahrstraße und fuhren vorsichtig erst die Böschung hinunter und dann mit einer allmählichen Linksbiegung in die niedrige Kusselallee hinein . Und nun konnten sie wieder traben . Es war aber auch hohe Zeit . Noch war kein Wort gesprochen worden . Berndt , den das Schweigen bedrückte , wandte sich an den ihm gegenüber sitzenden Kniehase , dessen noch verbundener Kopf in einer Pelzkappe steckte , und sagte : » Alles in Ordnung , Kniehase ? « » Ja , gnäd ' ger Herr . « » Strick , Scheite , Bretter ? « » Alles da . Hab es Pachalyn in die Hand gezählt . Und auch die kleine Leiter und zwei Bund Stroh . « » Und Kümmritz ? « » Ist um neun Uhr abgerückt auf die Manschnower Mühle zu . « » Und Krull und Reetzke ? « » Stehen drüben zwischen Entenfang und Pulvermühlen . « » Gut . Und nun komme , was soll . « Einen Augenblick schwieg er , und seine Lippen sprachen nur leise vor sich hin . Dann aber , alle Sorge hinter sich werfend , sagte er : » Und nun schärfer zu , Krist , oder wir verpassen ' s. Sieh , Tubal , alles grau ; der Himmel ist mit uns , indem er sich uns verbirgt . « Während sie so sprachen , hatten sie sich der Festung bis auf fünfhundert Schritt genähert , und in dem Dunkel , das herrschte , stieg ein noch dunklerer Schatten auf : Bastion Brandenburg . Daß ihr Herankommen von dem einen oder andern Wachtposten bemerkt worden wäre , war wenig glaubhaft , denn ihre niedrigen Fuhrwerke fuhren nicht nur im Schutze einer mannshohen , zu beiden Seiten des Weges aufgeschaufelten Schneemauer , sondern auch im Schatten der von zehn Schritt zu zehn Schritt stehenden Kusselpyramiden . Und im Schatten einer solchen hielten jetzt die Schlitten . Die kleine Turmuhr , von der Schloßkirche her , schlug halb . Das traf zu ; so war es berechnet . Berndt war der erste aus dem Schlitten heraus und schlich sich jetzt über das Eis hin bis an die Festungswerke vor , gerade bis unter den » Weißkopf « . Als er heran war , sah er , daß am Fuße des Bastions alles tief verschneit war ; der Westwind hatte hier ganze Schneeberge zusammengetrieben . Aber so hoch der Schnee lag , so war er doch zu locker und hatte nicht Tiefe genug . Es mußte also nachgeholfen werden . Dazu sollten die mitgenommenen Bretter dienen , mit deren Hilfe man eine der zehn Schritt breiten und halb festgewordenen Schneemauern bis hart an das Bastion vorzuschieben gedachte . Sie traten deshalb an den einspännigen Schlitten heran , den Bamme kurzweg , und vielleicht auch vorahnend , als » Sargschlitten « bezeichnet hatte , und wollten eben die zum Schieben bestimmten Bretter hervorziehen , als sich ' s in dem darübergepackten Stroh zu regen und zu schütteln begann . Und siehe da , gleich darauf stand Hektor - wohl wissend , daß er viel gewagt habe - verlegen wedelnd an der Seite seines Herrn , verlegen , aber doch auch mit einem Ausdruck von Stolz und Freude , und seine klugen Augen schienen zu sagen : » Hier bin ich ; ich , Hektor , Freund meines Freundes Lewin . Ich weiß , daß es Ernst wird , und weil ich es weiß , will ich mit dabeisein . « Der sich zuerst faßte , war Berndt ; er bückte sich nur , um dem Schuldigen mit dem Zeigefinger zu drohen . Als er sich dann wieder aufrichtete , richtete sich auch der Hund auf und legte seine Vorderpfoten auf seines Herrn Schulter ; so standen sie und sahen einander an . » Pst , Hektor « , flüsterte Berndt und klopfte und streichelte das treue Tier . Dieser aber , als er sich so zu Gnaden angenommen sah , fuhr in leidenschaftlicher Erregung in seines Herrn Bart und Haar umher und nickte und wedelte nur immer wieder , um zu zeigen , daß er alles wohl verstanden habe . Dann endlich ließ er ab von ihm . Die Bretter waren inzwischen hervorgezogen worden und wurden nun von der einen Seite her eingestemmt . Aber es wollte mit dem Schieben nicht glücken . Das am Tage durchgesickerte Schneewasser war unten mit der Flußdecke zusammengefroren , und so mußten denn die Spaten herbeigeholt werden , um durch Abstechen das Eis wieder zu lösen . Und nun endlich war es geschehen , und die Masse setzte sich in Bewegung , erst langsam , dann immer rascher , bis sie zuletzt den weichen Schnee beiseite drängte und am Fuße des Bastions feststand . Was der Westwind höher hinauf an die Schrägwand geweht hatte , das fiel jetzt herab , ein weiches Polster über der Schneemauer bildend . Und nun kletterte der junge Schwarwenka , der der Flinkste und Geschickteste war , hinauf und zog die Strickleine rasch nach sich , während sich die vier anderen zu beiden Seiten der Mauer niederkauerten . Krist hielt Hektor am Halsband ; Pachaly war bei den Schlitten geblieben . Alle sahen erwartungsvoll nach der Uhr . Noch fünf Minuten . In jedem Augenblick konnt es oben auf dem Schloß zum Schlagen einsetzen . Und jetzt schlug es wirklich . Lewin riß das Fenster auf , zählte bis zwölf , und im selben Augenblicke warf er das Knäuel , dessen loses Ende er um die linke Hand geschlungen hatte , mit der Rechten über den Rand des Bastions . Er hörte , wie es aufschlug ; und nun wickelte sich ' s ab . Eine kleine Weile noch , dann sah er , daß sich die dünne Hanfleine zu straffen anfing . Die Strickleine mußte also von den Freunden unten angeknotet worden sein . Und nun begann er mit aller Kraft zu ziehen . Aber eben jetzt kam ein französischer Wachtposten in Sicht , um seinen vorgeschriebenen Weg von Eck zu Eck zu machen . Er war schon dicht heran ; hielt er sich in Nähe des Fensters , so ging das Bajonett unter der Leine weg , hielt er sich aber mehr rechts am Rande des Bastions hin , so traf er die Leine . Lewin war schon darauf gefaßt , sie fallen lassen zu müssen , und dann blieb nur noch der Sprung . Aber der Posten schritt , eine Melodie summend , hart an dem Unterbau des Weißkopfs vorbei . Das Eck , an dem er wieder kehrtmachen mußte , lag hundertundfünfzig Schritt entfernt . Lewin berechnete sich , daß er zwei Minuten habe . Also schnell . Er zog jetzt rascher und heftiger noch als zuvor , und nun hielt er die Strickleine in seinen beiden Händen . Aber wo sie befestigen ? Das Fensterkreuz war viel zu morsch , so schlang er sie , da nichts Besseres da war , um den Fuß der Bettstelle und schob diese , um ihr mehr Halt zu geben , bis an den Fensterpfeiler vor . Und nun hinaus . Draußen warf er sich nieder , kroch bis an den Rand des Bastions und packte den Strick . Und nun noch ein kurzes Stoßgebet , und dann vorwärts und hinab ! Als er bis über die Mitte war , brach der Bettfuß , an dem oben die Leine befestigt war , ab oder ging aus den Fugen , aber es waren keine sechs Ellen mehr , und so glitt er an der mit Schnee bedeckten Schrägung ohne Fährlichkeit hinunter . Die ganze Niederfahrt war nur um ein paar Sekunden beschleunigt worden . Er war gerettet , und ein seliges Gefühl wiedergewonnenen Lebens durchdrang ihn , als er sich aus den lockeren Schneemassen herauswühlte . Was noch an Gefahr da war , war keine Gefahr mehr ; ein Schuß in die Nacht hinein hatte nicht viel zu bedeuten . Und jetzt fiel wirklich der erste Schuß . Ein Hurra unten antwortete ; alles schwenkte die Mützen , und Hektor , der sich jetzt rühren durfte , sprang an seinem jungen Herrn in die Höhe und fuhr ihm mit der Zunge liebkosend und freudekeuchend über Hand und Gesicht . » Laß , laß ! « Aber ehe er noch gehorchen konnte , krachte von oben her eine ganze Salve in das Dunkel hinein , und der Hund , dessen Liebestreue seinen Herrn gedeckt hatte , brach zusammen . Lewin stand unbeweglich und wußte nicht , was tun ; endlich rissen Berndt und Hirschfeldt ihn mit sich fort . Alles stürzte den Schlitten zu , und nur Hektor , zurückgelassen , lag winselnd am Fuße des Bastions . » Nein « , rief Tubal , » das soll nicht sein . « Und wieder umkehrend , bückte er sich und lud das treue Tier , das sich vergeblich fortzuschleppen trachtete , auf seine beiden Arme . Aber lange bevor er den nächsten Schlitten erreicht hatte , folgte der ersten Salve eine zweite , und Tubal , unterm Schulterblatt getroffen , taumelte und fiel . » Fort , fort ! « und zehn Hände griffen zu , und über den Schnee hin , ihn tragend und ziehend , erreichten sie das Pachalysche Gefährt und legten den Schwerverwundeten auf die Strohbündel nieder , Hektor ihm zu Füßen . So ging es zwischen den schwarzen Kusseln hin in die Nacht hinein . An Verfolgung war nicht zu denken . Hätte sie stattgefunden , so wäre man mit Hilfe der aufgestellten Seitenkommandos stark genug gewesen , ihr zu begegnen . Als sie bis in Höhe von Gorgast waren , bogen sie rechts aus ihrer Kiefernallee heraus und fuhren langsam die Böschung des Ufers hinauf . Tubal hatte brennenden Durst , und man gab ihm Schnee ; so ging es weiter bis an die Manschnower Mühle . Hier wurde der Weg immer holpriger , und Pachaly mußte des Verwundeten halber im Schritt fahren . Der andere Schlitten trabte vorauf . Berndt hatte die Leinen genommen . Als er zwischen den Pfeilern der Auffahrt hindurch wollte , scheuten die Ponies , und er sah jetzt , daß Hoppenmarieken auf dem linken Prellstein saß . Sie lehnte sich wie gewöhnlich an ihre Kiepe und hielt den Hakenstock in ihrer Hand . Aber sie salutierte nicht - und rührte sich nicht . Vierundzwanzigstes Kapitel Salve caput Es war zwölf Stunden später ; die helle Mittagssonne stand über Hohen-Vietz , und es taute von allen Dächern . Auch das Eis , das , stumpf geworden , an den Rädern von Miekleys Mühle hing , blitzte wieder durchsichtig und kristallen , und die Tauben saßen auf Kniehases langem Scheunenfirst . Alles war licht und heiter , und ein erstes Frühlingswehen ging durch die Natur . Und in hellem Sonnenscheine lag auch das Herrenhaus . Wer aber von der Auffahrt her einen Blick auf den Vorplatz und die lange Reihe der Fenster geworfen hätte , der hätte doch wahrnehmen müssen , daß es ein Trauerhaus sei oder , schlimmer als das , in jedem Augenblicke ein solches zu werden drohe . Über den Damm hin war eine dichte Strohlage gebreitet , und hinter den Scheiben wurde niemand sichtbar . Auch nicht hinter der Glastüre der Halle . Alles wie ausgestorben . Nur die Sperlinge waren guter Dinge ; sie saßen in Scharen auf dem ausgestreuten Stroh und pickten die verlorenen Körner . Ihr Zwitschern war der einzige Ton , der in der tiefen Stille laut wurde . Zwölf Stunden lagen zurück , und nur eine Minute vollen Glücks und höchster Freude hatten sie gebracht : die Minute , wo , nach der ersten Begrüßung mit der Schwester , das in Jubel und Tränen ausbrechende Wiedersehen zwischen Lewin und Marie auch zugleich ihr Verlöbnis bedeutet hatte . Und ein Verlöbnis , wie Menschenaugen kein schöneres gesehen . Denn es war nur gekommen , was kommen sollte ; das Natürliche , das von Uranfang an Bestimmte hatte sich vollzogen , und Berndt selber , tiefbewegt in seinem Herzen , hatte sich des Glückes der Glücklichen gefreut . Aber welch andere Minuten dann , als eine kleine Weile später der zweite Schlitten vorgefahren war und Krist und Pachaly den auf Betten und Kissen gelegten Tubal langsam und leise treppauf getragen hatten . Und auch Hektor hatte mit hinauf gewollt ; aber gleich an der ersten Treppenstufe hatte seine Kraft versagt , und er war den schmalen Küchenkorridor entlang bis an seine Binsenmatte zurückgekrochen . Da lag er nun und schob sich näher an die warme Wandstelle hinter dem Herde ; denn ihn fror . Um elf Uhr war Doktor Leist von Lebus gekommen . Er stieg - so geräuschlos es seine Gewohnheit und seine Schneestiefel zuließen - in den oberen Stock hinauf und trat hier in das Krankenzimmer ein , in dem die Vorhänge , der prall auf die Fenster stehenden Morgensonne halber , dicht geschlossen waren . » Wir müssen Licht haben « , sagte er und schob eine der Gardinen beiseite . Nun erst sah er Tubal . Dieser hatte heftige Schmerzen , ertrug aber ohne Zucken das Sondieren seiner Wunde , trotzdem eine » leichte Hand « nicht gerade das war , worüber Doktor Leist Verfügung hatte . » Brav , junger Herr , das nenn ich tapfer ausgehalten . « » Was ist es ? « fragte Tubal . » Ein häßlicher Fall ; Perforation der Milz . Aber was ist die Milz ? Das Überflüssigste , was der Mensch hat . Es gibt welche , die sie sich ausschneiden lassen . Und Jugend überwindet alles . In vier Wochen setzen wir uns hier ans Fenster , zählen die Dohlen auf dem Kirchendach und rauchen eine Pfeife Tabak . Sie rauchen doch , junger Herr ? « Tubal verneinte . » Nun , dann spielen wir Patience oder Mariage . « » Patience . « Der alte Leist streichelte dem Schwerverwundeten die Hand . » Das ist recht ; immer Kopf oben und bei Laune geblieben . Gute Laune heilt und ist das beste Pflaster . « Und darnach stieg er wieder treppab , um unten in Berndts Arbeitscabinet über den Befund seiner Untersuchung zu berichten . » Nun , Doktor ? « fragte Vitzewitz . Der alte Leist zuckte die Achseln . » Er muß sterben . « » Keine Rettung ? « » Nein ; es war ein Schrägschuß , und das sind immer die schlimmsten . Alles durch : Lunge , Leber . Und zum Überfluß auch noch die Milz . « » Und wie lange dauert es noch ? « » Wenn ' s hoch kommt , bis diese Nacht . Es ist heute sein letzter Tag , und morgen hat er es hinter sich . Wenn Sie seinem Vater , dem Geheimrat , noch Nachricht geben wollen , so ist es höchste Zeit . Freilich ... doch zu spät . Er trifft ihn nicht mehr , und wenn er Flügel der Morgenröte nähme . Und das sind die schnellsten , wenn ich meinen Psalm recht verstehe . « » Dann wollen wir es abwarten . Besser , er erfährt das Ganze als das Halbe . « Leist nickte . » Ach , Doktor « , fuhr Berndt fort , » welche Tage das ! Um Lewin zu retten , dieser Preis ! Wie soll ich dem Vater unter die Augen treten ! Der einzige Sohn , nein , mehr ... das einzige Kind ! « Berndt stützte seinen Kopf in die Hand und sagte dann nach einer Weile : » Was haben Sie verordnet ? « » Nichts . « » Und was geben wir ihm , wenn er etwas will ? « » Alles . « » Ich verstehe . Und wann kommen Sie wieder ? Am Nachmittag oder gegen Abend ? « » Ich bleibe « , sagte der Alte und ging dann , da nichts mehr zu sagen war , zu Bamme hinüber , den er von Guse her kannte . Und das traf sich gut für beide . Sie setzten sich alsbald an den Ofen und rauchten sich durch ein paar Stunden durch , unerschöpflich in ihrem Diskurse , der bei Tubal begann und bei Hoppenmarieken endete . Diese war am Morgen auf demselben Prellstein , auf dem Berndt sie hatte sitzen sehen , tot vorgefunden worden . Ob erfroren oder vom Schlage getroffen , hatte sich durch Pachaly , der auch dokterte , nicht feststellen lassen , und auch Leist bezeigte keine Lust , den Ursachen ihres Ablebens wissenschaftlich nachzuforschen . Sie war tot , und das genügte . Von Zeit zu Zeit ging er treppauf , um dem Verwundeten , wenn dieser über Schmerzen klagte , von seiner » Crocata « zu verabreichen , deren Überlegenheit über die » Simplex « er bei dieser Veranlassung wieder in enthusiastischen Ausdrücken pries , bis er - als es ihm endlich geglückt war , unter Anwendung dieses Opiats einen schmerzensfreien Zustand herzustellen - auch für sich persönlich den Zeitpunkt für gekommen erachtete , wieder freier aufzutreten und sich eines Café au cognac zu versichern . Jeetze brachte das Verlangte . Bamme nahm teil , und immer seltner ein ernstes Gesicht aufsetzend , einigten sich schließlich beide dahin , im ganzen genommen seit längerer Zeit keinen so gemütlichen Nachmittag verplaudert zu haben . Und nun kam der Abend . In dem Eckzimmer war alles versammelt , nur Renate hatte sich zurückgezogen . Man sprach über gleichgültige Dinge , als Jeetze , der sich mit Lewin und der Schorlemmer in den Krankendienst teilte , eintrat und meldete , daß der junge Herr Tubal nach dem Herrn Rittmeister verlangt habe . Hirschfeldt ging hinauf . Eine Lampe mit einem kleinen grünen Schirm brannte und gab ein spärliches Licht . » Ich habe Sie bitten lassen , Hirschfeldt « , sagte Tubal . » Es ist so dunkel , aber ein Stuhl wird ja wohl zu finden sein . Bitte , hierher . « Hirschfeldt tat , wie ihm geheißen , und setzte sich an das Bett . » Ich sterbe , Freund . Cito mors ruit . « Hirschfeldt wollte antworten . » Nein , keine Versicherungen vom Gegenteil ... Ich fühle es , und wenn ich es nicht fühlte , so würd ich es aus jedem Worte des alten Leist heraushören können . Er versteht sich schlecht auf Verstellung und hat einen Gemütlichkeitston , in dem die Sterbeglocken immer mitklingen . Und am Ende , was tut es ? Früher oder später ! « » Sie regen sich auf , Tubal « , sagte der Rittmeister . » Ich glaube , daß Ihnen der Alte die Wahrheit gesagt hat . Ihnen und uns . « Der Kranke schüttelte den Kopf . Hirschfeldt aber fuhr fort : » Sie werden leben , und Sie wollen auch leben , Tubal . Es ist niemand , der gern aus dieser Welt scheidet . Nur die Müden ausgenommen . « » Ich bin müde . Aber lassen wir das . Ich habe nur noch wenig Stunden . Bitte , lassen Sie mich trinken . Wein ; dort . Der Alte hat es erlaubt , er hat alles erlaubt . « Hirschfeldt gab ihm . » Und nun hören Sie mich . Ich habe zwei Wünsche . Sorgen Sie , daß ich in die Kirche hinaufgeschafft werde , so bald wie möglich . Ich will dort vor dem Altar stehen . « Das Sprechen griff ihn sichtlich an . Als er aber getrunken und das Glas wieder beiseite gesetzt hatte , fuhr er in ruhigerem Tone fort : » Das ist eins . Und nun das andere . Ich möchte hier bestattet sein . Aber nicht in der Gruft , in der ich vielleicht unruhig würde wie das Fräulein von Gollmitz , die wieder heraus wollte . Nein , fest in Erde . « Er schwieg eine Weile und setzte dann unter schmerzlichem Lächeln hinzu : » Sie sehen mich an , Hirschfeldt , als ob ich im Fieber spräche . Nein , ich fiebere nicht . Aber das von dem Fräulein , das müssen Sie sich erzählen lassen , von Renate oder von Marie . Ja , von Marie , die hat es mir erzählt . Also nicht in die Gruft . Und nun schicken Sie mir den Doktor , ich will mich noch einmal trösten lassen . Die Schmerzen kommen wieder , und sein Opium ist mein bester Trost . « Hirschfeldt ging , um den alten Leist hinaufzuschicken . Dieser verordnete dem Kranken eine neue Dosis von seiner » Crocata « , sprach eingehend von » Anno zweiundneunzig « und der Kanonade von Valmy und schloß nicht bloß mit der Versicherung , daß in höchstens sechs Wochen alles wieder in Ordnung sein würde , sondern empfahl ihm auch aufs ernsthafteste , bei der bevorstehenden Reise nach Breslau , lieber in Sagan als in Sorau übernachten zu wollen . Er machte dies so gut und so geschickt , daß Tubal einen Augenblick über seine wirkliche Lage getäuscht wurde . Aber nicht auf lange . Denn in der Tat , es ging rasch zu Ende , rascher noch , als der alte Doktor erwartet hatte . Um acht kam Seidentopf , und die Schorlemmer ging jetzt nach oben , um den Kranken zu fragen , ob er den » alten Freund des Hauses « vielleicht noch sprechen wolle ; sie wollte nicht sagen : » den Geistlichen « . Tubal lächelte und verneinte , trotzdem er ein Trostbedürfnis und eine rechte Sehnsucht nach Erhebung fühlte ; aber er empfand auch , daß Seidentopf ihm nicht geben könne , wonach er verlangte . Eine halbe Stunde später stellten sich Phantasien ein : er sprach von der Muttergottes , die das Jesuskindlein habe fallen lassen ; dann bat er , daß sie mit dem Trommeln und Blasen aufhören möchten , und zuletzt richtete er sich auf und sagte : » Nein , nein , das soll nicht sein ; Hektor , das treue Tier . « Aber plötzlich war es , als würd er wieder klar ; er verlangte zu trinken , und gleich darauf bat er die Schorlemmer , ihm Renate zu rufen . » Und den Doktor ? « » Nein , den nicht . Er lügt mit jedem Wort , und seine Tropfen lügen auch . Ich will von beiden nicht mehr . Renate soll kommen . « Und Renate kam . Als sie da war , war aus allem zu sehen , daß er mit ihr allein sein wollte , und die Schorlemmer verließ das Zimmer . » Setze dich zu mir , Renate « , sagte der Kranke . » Ich will Abschied von dir nehmen . « Sie brach in krampfhaftes Weinen aus , warf sich auf die Knie und barg ihr Haupt in die Kissen . » Nicht doch ; mach es mir nicht so schwer . Ach , du weißt nicht , wie schwer . Und du sollst es auch nicht wissen . Nie , ich hoffe , nie ... Ach , Renate , das Scheiden ist doch bitterer , als ich dachte , und nur eines ist , das mich tröstet : es war nichts Rechtes mit mir , und ich hätte dich nicht glücklich gemacht . « Sie wollte antworten , aber er fuhr abwehrend fort : » Sage nichts , sage nicht nein . Ich weiß es besser . Denn was gibt Glück uns und andern ? Fest sein und stetig sein , stetig sein im Guten . Und wir waren immer unstet , alle , alle . Auch mein Vater war es . Land , Glauben , Freunde gab er hin . Und warum ? Einem Einfall zuliebe . Und wir haben nichts Gutes davon gehabt . « » Verklage dich nicht , mein Geliebter . Ach , Tubal , um was stirbst du jetzt ? Um Lieb und Treue willen . Ja , ja . Erst galt es Lewin , und dann , als er gerettet war , da dauerte dich die arme Kreatur , die verlassen dalag und vor Schmerz und Jammer aufwinselte , und du stirbst nun , weil du dich des treuen Tieres erbarmtest . « » Ja , Mitleid hatt ich ! Das hatt ich immer , Mitleid und Erbarmen . Und vielleicht auch , daß meiner ein Erbarmen harrt , um meines Erbarmens willen . Ich kann es brauchen ; jeder kann es . Und in der letzten Stunde tut es wohl , etwas von diesem Ankergrund zu haben ... Ich entsinne mich eines langen Liedes , das ich in der Predigerstunde bei dem alten Oberkonsistorialrat lernen mußte ; ich hatte keinen Sinn dafür , aber eine Strophe gefiel mir , die war schön . « » Welche ? Sprich sie , oder willst du , daß ich sie spreche ? « » Es war etwas von Tod und Sterben und von Christi Beistand in der Scheidestunde . « Renate hatte seine Hand genommen und sprach jetzt , ohne weiter zu fragen , mit leiser , aber fester Stimme vor sich hin : » Wenn ich einmal soll scheiden , So scheide nicht von mir , Soll ich den Tod erleiden , Tritt du für mich herfür ; Wenn mir am allerbängsten Wird um das Herze sein , Reiß mich aus meinen Ängsten Kraft deiner Angst und Pein . « Tubal hatte sich aufgerichtet . » Ja , das ist es . « Er schien noch weitersprechen zu wollen , sank aber , immer matter werdend , in die Kissen zurück und begann unruhig und hastig , wie die Sterbenden tun , an seiner Bettdecke herumzuzupfen . Dabei war es , als ob er in seiner Erinnerung nach etwas suche . Endlich hatte er es und fuhr in abgerissenen Sätzen fort : » Es war noch früher , viel früher , und wir waren noch in der alten Kirche , da sagte mir der Kaplan ein lateinisches Lied vor . Und als Ostern herankam , da mußt ich es hersagen vor meinem Vater und vor meiner Mutter und vor Graf Miekusch . Und meine Mutter lachte , weil sie das Lateinische nicht verstand . Aber mein Vater war ernst geworden und Graf Miekusch auch . «