sandte er ihr das Schwert des gefangenen Königs und schrieb ihr dabei : » Mein Wort ist gelöst . König Witichis ist vernichtet . Du bist gerächt und befreit . - - Nun erfülle auch Du meine Wünsche . « Einige Tage darauf beschied Belisar , seines treuen Beraters Prokop beraubt , den Präfekten zu sich in den rechten Flügel des Palastes , wo er sein Quartier aufgeschlagen . » Unerhörte Meuterei ! « rief er dem Eintretenden entgegen . - » Was ist geschehen ? « » Du weißt , ich habe Bessas mit den lazischen Söldnern in die Schanze des Honorius gelegt , einen der wichtigsten Punkte der Stadt . Ich vernehme , daß der Geist dieser Truppen unbotmäßig - ich rufe sie ab und Bessas ... - « - » Nun ? « - » Weigert den Gehorsam . « - » Ohne Grund ? Unmöglich ! « » Lächerlicher Grund ! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt abgelaufen . « - » Nun ? « - » Bessas erklärt , seit letzter Mitternacht hätt ' ich ihm nichts mehr zu befehlen . « » Schändlich . Aber er ist im Recht . « » Im Recht ? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein , auf mein Gesuch . Natürlich ernennt er mich , nach dem Gewinn von Ravenna , aufs neue zum Feldherrn , bis zur Beendigung des Krieges . Übermorgen kann die Nachricht da sein . « » Vielleicht schon früher , Belisar . Die Leuchtturmwächter von Classis haben schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet , das von Ariminum her naht . Es soll eine kaiserliche Triere sein . Jede Stunde kann sie einlaufen . Dann löst sich der Knoten von selbst . « » Ich will ihn aber zuvor durchhauen . Meine Leibwächter sollen die Schanze stürmen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... - « Da eilte Johannes atemlos herein . » Feldherr , « meldete er , » der Kaiser ! Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis . « Unmerklich zuckte Cethegus zusammen . Sollte ein solcher Blitzstrahl aus heiterer Luft , eine Laune des unberechenbaren Despoten , nach solchen Mühen , das fast vollendete Gebäude seiner Pläne gerade vor der Bekrönung niederwerfen ? Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen : » mein Kaiser ? Woher weißt du ? « - » Er selbst kommt , dir für deine Siege zu danken . Solche Ehre ward noch keinem Sterblichen zuteil . Das Schiff von Ariminum trägt die kaiserliche Präsenzflagge . Purpur und Silber . Du weißt , das bedeutet , daß der Kaiser an Bord . « » Oder ein Glied seines Hauses ! « verbesserte Cethegus in Gedanken , aufatmend . » Eilt in den Hafen , unsern Herrn zu empfangen , « mahnte Belisar . * * * Sein Stolz und seine Freude wurden enttäuscht , als ihnen auf dem Wege nach Classis die ersten ausgeschifften Höflinge begegneten und im Palast Quartier forderten , nicht für den Kaiser selbst , sondern für dessen Neffen , den Prinzen Germanus . » So sendet er doch den ersten nach ihm selbst , « sprach Belisar , sich selber tröstend im Weitergehen zu Cethegus . » Germanus ist der edelste Mann am Hof . Unbestechlich , gerecht und unverführbar rein . Sie nennen ihn : die Lilie im Sumpf . Aber du hörst mich nicht ! « » Vergib , ich bemerke dort im Gedränge , unter den eben Gelandeten , meinen jungen Freund Licinius . « » Salve Cethege ! « rief dieser , sich Weg zum Präfekten bahnend . » Willkommen im befreiten Italien ! Was bringst du von der Kaiserin ? « fragte er flüsternd . » Das Abschiedswort : Nike ( Victoria ) ! und diesen Brief , « flüsterte der Bote ebenso leise . - » Aber , « und seine Stirne furchte sich - » schicke mich nie mehr zu diesem Weibe . « - » Nein , nein , junger Hippolytos , ich denke , es wird nie mehr nötig sein . « Damit hatten sie die Steindämme des Hafens erreicht , dessen Stufen soeben der kaiserliche Prinz hinanstieg . Die edle Erscheinung , von einem reich geschmückten Gefolg umgeben , ward von den Truppen und dem rasch zusammenströmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen . Cethegus faßte ihn scharf ins Auge . » Das bleiche Antlitz ist noch bleicher geworden , « sagte er zu Licinius . » Ja , man sagt : die Kaiserin hat ihn vergiftet , weil sie ihn nicht verführen konnte . « Der Prinz , nach allen Seiten dankend , hatte jetzt Belisarius erreicht , der ihn ehrfurchtsvoll begrüßte . » Gegrüßt auch du , Belisarius , « erwiderte er ernst . » Folge mir sogleich in den Palast . Wo ist Cethegus der Präfekt ? Wo Bessas ? Ah , Cethegus , « sagte er , dessen Hand ergreifend , » ich freue mich , den größten Mann Italiens wiederzusehen . Du wirst mich alsbald zu der Enkelin Theoderichs begleiten . Ihr gebührt mein erster Gang . Ich bringe ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung . Sie war eine Gefangene in ihrem eigenen Reich . Sie soll eine Königin sein am Hofe zu Byzanz . « » Das soll sie , « dachte Cethegus . Er verneigte sich tief und sprach : » Ich weiß : du kennst die Fürstin seit lange : ihre Hand war dir bestimmt . « Eine rasche Glut flog über des Prinzen Wange . » Leider nicht ihr Herz . Ich sah sie hier , vor Jahren , am Hof ihrer Mutter : und seitdem hat mein inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen . « - » Ja , sie ist das schönste Weib der Erde , « sagte der Präfekt , ruhig vor sich hin sehend . » Nimm diesen Chrysopras zum Dank für dieses Wort , « sagte Germanus und steckte einen Ring an des Präfekten Finger . Damit traten sie in das Portal des Palastes . » Jetzt , Mataswintha , « sprach Cethegus zu sich selbst , » jetzt hebt dein zweites Leben an . Ich kenne kein römisch Weib - Ein Mädchen vielleicht ausgenommen , das ich kannte ! - das solcher Versuchung widerstehen könnte . Soll diese rohe Germanin widerstehen ? « - Sowie sich der Prinz von den Mühen der Seefahrt einigermaßen erholt und die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte , erschien er an der Seite des Präfekten in dem Thronsaal des großen Theoderich im Mittelbau des Palastes . An den Wänden der stolz gewölbten Halle hingen noch die Trophäen gotischer Siege . Ein Säulengang lief an drei Seiten des Saales hin : in der Mitte der vierten erhob sich der Thron Theoderichs . Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan . Cethegus blieb mit Belisar , Bessas , Demetrius , Johannes und zahlreichen andern Heerführern im Mittelgrund . » Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser Stadt Ravenna und von dem abendländischen Römerreich . An dich , Magister Militum , dies Schreiben unseres Herrn , des Kaisers . Erbrich und lies es selbst der Versammlung vor . So befahl Justinianus . « Belisar trat vor , empfing knieend den kaiserlichen Brief , küßte das Siegel , erhob sich wieder , öffnete und las : » Justinianus , der Imperator der Römer , Herr des Morgen- und des Abendreichs , Besieger der Perser und Sarazenen , der Vandalen und Alanen , der Lazer und Sabiren , der Hunnen und Bulgaren , der Avaren und Sclavenen und zuletzt der Goten , an Belisa den Consularen , ehemals Magister Militum . Wir sind durch Cethegus den Präfekten von den Vorgängen unterrichtet , die zum Fall von Ravenna geführt . Sein Bericht wird , auf seinen Wunsch , Dir mitgeteilt werden . Wir aber können seine darin ausgesprochene gute Meinung von Dir und Deinen Erfolgen wie von Deinen Mitteln mitnichten teilen : und wir entheben Dich Deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres . Und wir befehlen Dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurückzukehren , um Dich vor unserem Throne zu verantworten . Einen Triumph wie nach dem Vandalenkrieg können wir Dir um so weniger gewähren , als weder Rom noch Ravenna durch Deine Tapferkeit gefallen : sondern Rom durch Übergabe , Ravenna durch Erdbeben , den Zorn Gottes über die Ketzer und höchst verdächtige Verhandlungen , deren Unschuld Du , des Hochverrats angeklagt , vor unserem Thron erweisen wirst . Da wir , eingedenk früherer Verdienste , nicht ohne Gehör Dich verurteilen wollen , - denn Morgenland und Abendland sollen uns für ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit - sehen wir von der Verhaftung ab , die Deine Ankläger beantragt . Ohne Ketten - nur in den Fesseln Deines Dich selbst anklagenden Gewissens - wirst Du vor unser kaiserliches Antlitz treten . « Da wankte Belisar . Er konnte nicht weiter lesen : er bedeckte das Gesicht mit den Händen : das Schreiben entfiel ihm . Bessas hob es auf , küßte es und las weiter : » Zu Deinem Nachfolger im Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas . Ravenna übertragen wir dem Archon Johannes . Die Steuerverwaltung bleibt , trotz der wider ihn von den Italiern erhobenen höchst ungerechten Klagen , dem in unsrem Dienst so eifrigen Logotheten Alexandros . Zu unsrem Statthalter aber in Italien ernennen wir den hochverdienten Präfekten von Rom , Cornelius Cethegus Cäsarius . Unser Neffe , Germanus , mit kaiserlicher Vollmacht ausgerüstet , haftet mit seinem Haupt dafür , Dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der Höhe von Ariminum zu bringen , auf welcher Dich Areobindos nach Byzanz führen wird . « Germanus erhob sich und befahl allen , bis auf Belisar und Cethegus , den Saal zu verlassen . Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und schritt auf Belisar zu , der nicht mehr wahrnahm , was um ihn her geschah . Er stand unbeweglich , das Haupt und den linken Arm an eine Säule gelehnt , und starrte zur Erde . Der Prinz faßte seine Rechte . » Es schmerzt mich , Belisarius , der Träger solcher Botschaft zu sein . Ich übernahm den Auftrag , weil ihn ein Freund milder als einer der vielen Feinde , die sich dazu drängten , ausführen kann . Aber ich verhehle dir nicht : dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre deiner frühern auf . Nie hätte ich von dem Helden Belisar solch Lügenspiel erwartet . Cethegus hat sich ausgebeten , daß sein Bericht an den Kaiser dir vorgelegt werde . Er ist deines Lobes voll : hier ist er . Ich glaube , es war die Kaiserin , die Justinians Ungnade gegen dich entzündet hat . Aber du hörst mich nicht . - « Und er legte die Hand auf seine Schulter . Belisar schüttelte die Berührung ab . » Laß mich , Knabe - du bringst mir - du bringst mir den echten Dank der Kronen . « Vornehm richtete sich Germanus auf . » Belisar , du vergissest , wer ich bin und wer du bist . « » O nein , ich bin ein Gefangner und du bist mein Wächter . Ich gehe sofort auf dein Schiff - erspare mir nur Ketten und Bande . « * * * Erst spät konnte sich der Präfekt von dem Prinzen losmachen , der in vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persönlichen Wünsche mit ihm besprach . Er eilte , sowie er in seinen Gemächern , die er ebenfalls im Palaste bezogen , allein war , den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der Kaiserin zu lesen . Er lautete : » Du hast gesiegt , Cethegus . Als ich Dein Schreiben empfing , gedacht ' ich alter Zeiten , da Deine Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und Kriegen handelten , sondern von Küssen und Rosen ... - « » Daran müssen sie immer erinnern , « unterbrach sich der Präfekt . » Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit jenes Geistes , der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als Deine Jugendschönheit zwang . So gab ich denn auch diesmal den Wünschen des alten Freundes nach , wie einst denen des jungen . Ach , ich dachte gern unsrer Jugend , der süßen . Und ich erkannte wohl , daß Antoninens Gemahl allzu fest in Zukunft stehn würde , wenn er diesmal nicht fiel . So raunte ich denn - wie Du geschrieben - dem Kaiser in die Ohren : Allzu gefährlich sei ein Untertan , der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben könne . Keinen Feldherrn dürfe man lange solcher Versuchung aussetzen . Was er diesmal gegaukelt , könne er ein andermal im Ernst versuchen . Diese Worte wogen schwerer als alle Siege Belisars , und alle meine , d.h. Deine Forderungen , gingen durch . Denn Mißtraun ist die Seele Justinians . Er traut nur einer Treue auf Erden - der Theodoras . Dein Bote Licinius ist hübsch - aber unliebenswürdig : er hat nur Rom und Waffen in Gedanken . Ach , Cethegus , mein Freund , es lebt keine Jugend mehr wie die unsre war . Du hast gesiegt , Cethegus - weißt Du noch den Abend , da ich Dir diese Worte flüsterte ? - Aber vergiß nicht , wem Du den Sieg verdankst . Und merke Dir , Theodora läßt sich nur solang sie selber will als Werkzeug brauchen . Vergiß das nie . « » Gewiß nicht « , sagte Cethegus , das Schreiben sorgfältig zerstörend , » du bist eine zu gefährliche Verbündete , Theodora , - nein , Dämonodora ! - laß sehn , ob du unersetzbar bist . Geduld : - in wenig Wochen ist Mataswintha in Byzanz . - Was bringst du ? « fragte er den eintretenden Syphax , der glänzende Waffen trug . » Herr , ein Abschiedsgeschenk Belisars . Nachdem er deinen Bericht an den Kaiser gelesen , sprach er zu Prokop : Dein Freund hat meinen Dank verdient . Da , nimm meine goldne Rüstung , den Helm mit dem weißen Roßschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten Gruß Belisars . « Sechsundzwanzigstes Kapitel . Der Rundturm , in dessen tiefen Gewölben Witichis gefangen saß , lag an dem rechten Eckflügel des Palastes , desselben Querbaues , in dem er als König gewohnt und geherrscht hatte . Der Turm bildete mit seiner Eisentür den Abschluß eines langen Ganges , der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war . Gerade dieser eisernen Hofpforte gegenüber lag im Erdgeschoß auf der linken Seite des Hofes die kleine Wohnung Dromons , des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes . Sie bestand aus zwei kleinen Gemächern : das erste , von dem zweiten durch einen Vorhang getrennt , war ein bloßes Vorzimmer . Das zweite Gemach gewährte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den Rundturm . Beide waren von einfachster Einrichtung : ein Strohlager im Innengemach und zwei Stühle und Tische im äußern nebst den Schlüsseln an den Wänden waren ihr ganzes Gerät . Und auf der Holzbank an jenem Fenster saß Tag und Nacht , unverwandt den Blick auf die Mauerlücke heftend , aus welcher allein Luft und Licht in des Königs Kerker fiel , schweigend und sinnend ein Weib . - Es war Rauthgundis . Niemals ließ ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm . » Denn dort , « sagte sie sich , » dort hängt auch sein Blick , dorthin schwebt seine Sehnsucht . « Auch wenn sie mit Wachis , ihrem Begleiter , oder mit dem Kerkermeister , der sie beherbergte , sprach , wandte sie das Auge nicht von dem Turm . Es war , als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten könne . Lange , lange war sie heute wieder so gesessen . Es war dunkler Abend geworden . Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten Schatten über den Hof und diesen linken Flügel des Palastes . » Dank dir , gütiger Himmelsherr , « sprach sie . » Auch deine schweren Schläge treiben zum Heil . Wär ' ich in die Felsen der Skaranzia , auf den hohen Arn , zum Vater , wie ich mir ausgesonnen , - nie hätte ich von dem Gang des Elends hier vernommen . Oder doch viel zu spät . Aber mich zog die Sehnsucht nach der Todesstätte des Kindes , in die Nähe unsres Ehehauses , - das zwar räumte ich - - : wußte ich denn , ob nicht sie , seine Königin , dort einsprechen würde ? So hausten wir in der Waldhütte nahe bei Fäsulä . Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Mißlingens die andre jagte , und als die Sarazenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen leuchten sah bis in mein Versteck , da war ' s zu spät nach Norden zum Vater zu entrinnen ; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten , was flüchtete mit gelbem Haar , den Massageten aus . Kein Weg blieb offen als der Weg hierher - nach der Rabenstadt - wohin ich als sein Weib nie hatte kommen wollen . Als flüchtige Bettlerin kam ich hier an , nur sein Roß Wallada und sein Knecht , nun sein Freigelassener , Wachis , noch mir eigen und treu . Aber ihm zum Heil , - von Gott hierher gezwungen , - ob ich schon nicht wollte - ihn zu retten , zu befreien von scheußlichem Verrat des eignen Weibes ! Und aus seiner Feinde Bosheit . Dank dir treuer Gott ! Ich durfte nicht mehr mit ihm leben - aber - aber ich , - Rauthgundis ! - darf ihn retten . « - Da rasselte ihr gegenüber die eiserne Hofpforte . Ein Mann mit Licht trat heraus , ging über den Hof und trat alsbald in das Vorzimmer . Es war der alte Kerkerwart . » Nun ? sprich ! « rief Rauthgundis , ihren Sitz verlassend und ihm in das erste Gemach entgegeneilend . » Geduld - Geduld - laß mich erst die Lampe niederstellen . So ! - Nun , also : er hat getrunken . Und es hat ihm wohlgetan . « Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust . » Was tut er ? « fragte sie dann . » Er sitzt immer schweigend in der nämlichen Stellung . Auf dem Holzschemel , den Rücken gegen die Tür gewandt , das Haupt in beide Hände gestützt . Er gibt mir keine Antwort , so oft ich ihn anspreche . Er pflegte sich sonst gar nicht zu regen . Ich glaube , der Gram und Schmerz hat ihm was angetan . Aber heute , wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach : Trink , lieber Herr , es kommt von treuen Freunden : - da blickte er auf . So traurig , so zum sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz . Und tat einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte tief , tief , daß es mir durch die Seele schnitt . « Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Händen . » Weiß Gott , was er Böses mit ihm vorhat ! « brummte der Alte leise vor sich hin . » Was sagst du ? « » Ich sage , du mußt jetzt auch einmal tüchtig essen und trinken . Sonst verlassen dich die Kräfte . Und du wirst sie brauchen , arme Frau . « » Ich werde sie haben . « - » So nimm wenigstens einen Becher Wein . « - » Von diesem ? Nein , der ist für ihn allein . « - Und sie trat in das innere Gemach zurück , wo sie ihren alten Platz einnahm . » Der Krug reicht ja noch lang , « fuhr der alte Dromon für sich fort . » Und ich fürchte : wir müssen ihn bald retten , wenn er gerettet werden soll . Da kömmt Wachis . Wenn er nur gute Nachricht bringt , sonst ... - « Wachis trat ein . Er hatte seit dem Besuch bei der Königin die Sturmhaube und seinen Mantel mit Gewändern Dromons vertauscht . » Gute Botschaft bring ' ich , « sprach er im Eintreten . » Aber wo wart ihr vor einer Stunde ? Ich pochte vergeblich . « » Wir waren beide ausgegangen , Wein zu kaufen . « » Ach ja , deshalb duftet das ganze Gemach so stark - was seh ' ich ? Das ist ja alter , köstlicher Falerner ! Womit hast du den bezahlt ? « » Womit ? « wiederholte der Alte , » mit dem edelsten Golde der Welt ! « Und seine Stimme bebte vor Rührung . » Ich erzählte ihr , daß der Präfekt ihn absichtlich Mangel leiden lasse , daß er elend werde . Seit vielen Tagen hat man mir gar keine Speise für ihn gegeben . Ich habe ihn , gegen mein Gewissen , nur dadurch erhalten , daß ich den andern Gefangnen an dem ihren abbrach . Das wollte sie nicht . Sie sann nach und fragte dann : Nicht wahr , Dromon , die reichen Römerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der Germaninnen so hoch ? Und ich , in meiner Einfalt nichts ahnend , sage ja . Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen , schönen , goldbraunen Flechten und Zöpfe ab und bringt sie mir . Und damit ward der Wein bezahlt . « Da stürzte Wachis in das nächste Gemach , warf sich vor ihr nieder und bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Küssen . » O Herrin « - rief er mit versagender Stimme - » goldne , goldtreue Frau ! « » Was treibst du , Wachis ? steh auf und erzähle . « » Ja , erzähle , « sprach Dromon hinzutretend , » was rät mein Sohn ? « » Wozu brauchen wir seinen Rat ? « sprach die Frau . » Ich , ich allein will es vollenden . « » Sehr nötig brauchen wir ihn . Der Präfekt hat aus allen jungen Ravennaten , nach dem Muster der römischen , neun Kohorten Legionare gebildet und meinen Paulus auch eingereiht . Zum Glück hat er diesen Legionaren die Bewachung der Stadttore anvertraut . - Die Byzantiner liegen draußen im Hafen , seine Isaurier hier im Palast . « » Die Tore nun , « fuhr Wachis fort , » werden zur Nacht sorgfältig gesperrt . Aber die Mauerlücke am Turme des Aëtius ist immer noch nicht ausgebaut . Nur die Wachen stehen dort . « » Wann trifft meinen Sohn die Wache ? « » In zwei Tagen : die dritte Nachtwache . « » Allen Heiligen sei Dank . Viel länger durft ' es nicht währen : - ich fürchte ... - « Und er stockte . » Was ? sprich « , mahnte Rauthgundis entschlossen . » Ich kann alles hören . « » Es ist am Ende besser , du weißt es . Denn du bist klüger und findiger als wir beide . Und findest eher Rat als wir . Ich fürchte : sie haben ' s schlimm mit ihm vor . Solange Belisar hier befahl , ging es ihm noch gut . Aber seit der fortgebracht und der Präfekt , der schweigsam kalte Dämon , Herr im Palast ist , hat ' s ein gefährlich Ansehn . Alle Tage besucht er ihn selbst im Kerker . Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein . Ich habe oft im Gang gelauscht . Er muß aber wenig ausrichten . Denn der Herr gibt ihm , glaub ' ich , gar keine Antwort . Und wenn der Präfekt herauskommt , blickt er so finster wie - wie der König der Schatten . Und seit sechs Tagen erhalte ich keinen Wein und keine Speisen für ihn als ein kleines Stück Brot . Und die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe . « Rauthgundis seufzte tief . » Und gestern , als der Präfekt heraufkam - er sah grimmiger als je darein - da fragte er mich ... - « » Nun ? sprich es aus , was es auch sei ! « » Ob die Foltergeräte in Ordnung seien . « Rauthgundis erbleichte , aber sie schwieg . » Der Neiding ! « rief Wachis , » was hast du « - » Sorget nicht , eine Weile hat ' s noch gute Wege . « » Clarissime , antwortete ich , - und es ist die reine Wahrheit - die Schrauben und die Zangen , die Gewichte und die Stacheln und das ganze saubere Qualzeug liegt in schönster Ordnung alles beisammen . - Wo ? fragte er . Im tiefen Meer . Ich selbst hab ' es , schon auf König Theoderichs Befehl , hineingeworfen . Denn wisset , Frau Rauthgundis : euer Herr hat einmal , da er noch einfacher Graf war , mich gerettet , da die Geräte an mir selbst versucht werden sollten . Da wurde auf sein Bitten das Foltern völlig abgetan : ich schulde ihm mein Leben und meine heilen Glieder . Und darum wag ' ich mit Freuden meinen Hals für ihn . Und will auch , wenn ' s nicht anders geht , gern diese Stadt mit euch verlassen . Aber lange dürfen wir nicht säumen . Denn der Präfekt bedarf nicht meiner Zangen und Schrauben , wenn er einem das Mark aus dem Leibe quälen will . Ich fürcht ' ihn , wie den Teufel . « » Ich haß ' ihn , wie die Lüge , « sagte Rauthgundis grimmig . » Darum müssen wir rasch sein , eh ' er seine schwarzen Gedanken vollführen kann . Denn er sinnt Arges gegen den guten König . Ich weiß nicht , was er noch weiter von dem armen Gefangnen will . Also hört und merkt euch meinen Plan . In der dritten Nacht , da mein Paulus die Wache hat , wann ich ihm den Nachttrunk bringe , schließe ich ihm die Ketten los , werfe ihm meinen Mantel über und führe ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof . Von da kömmt er ungehindert bis an das Tor des Palastes , wo ihn die Torwache um die Losung fragt . Diese werd ' ich ihm sagen . Ist er auf der Straße , dann rasch an den Turm des Aëtius , wo ihn mein Paulus die Mauerlücke passieren läßt . Draußen im Pinienwald , im Hain der Diana , wenige Schritte vor dem Tore , wartet Wachis auf ihn , der ihn auf Wallada hebt . Begleiten aber darf ihn niemand . Auch du nicht , Rauthgundis . Er flieht am sichersten allein . « » Was liegt an mir ! Frei soll er sein , nicht noch einmal an mich gebunden . Du nennst meinen Namen gar nicht . Ich hab ' ihm nur Unglück gebracht . Ich will ihn nur noch einmal sehen , von diesem Fenster aus , wann er in die Freiheit tritt . « * * * Der Präfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefühle der Macht . Er war Statthalter von Italien : in allen Städten wurden auf seine Anordnung die Befestigungen geflickt und verstärkt , die Bürger an die Waffen gewöhnt . Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise Gegengewicht zu halten . Ihre Heerführer hatten kein Glück , die Belagerungen von Tarvisium , Verona und Ticinum machten keine Fortschritte . Und mit Vergnügen vernahm Cethegus , daß Hildebad , dessen Schar sich durch Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhöht , Acacius , der ihn mit tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen , blutig zurückgeschlagen hatte . Eine starke Abteilung von Byzantinern aber , die ihm von Mantua aus entgegenrückte , verlegte ihm alle Wege - er wollte nach Tarvisium zu Totila - und nötigte ihn , sich in das noch von den Goten unter Thorismuth besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen . Hier hielten ihn die Byzantiner eingeschlossen , vermochten aber nicht , den festen Bau zu nehmen , und schon sah der Präfekt die Stunde kommen , da ihn Acacius zu Hilfe rufen würde , den Goten , der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte , zu vernichten . Es freute ihn , daß die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung sich offen vor ganz Italien als unfähig erwies , den letzten Widerstand der Goten zu brechen . Und die Härte der byzantinischen Finanzverwaltung , die Belisar überall , wo er einzog , mit sich führen mußte - er konnte die auf Befehl des Kaisers geübte Aussaugung nicht hindern - , erweckte oder steigerte in den Städten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die Oströmer . Cethegus hütete sich wohl , wie Belisar getan , den ärgsten Übergriffen der Beamten Justinians zu wehren . Er sah es mit Freude , daß in Neapolis , in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedrücker in offnem Aufruhr emporloderte . Waren die Goten vollends vernichtet , der Byzantiner Macht verächtlich , ihre Tyrannei verhaßt genug geworden , dann konnte Italien aufgerufen werden , frei zu sein und der Befreier , der Beherrscher hieß Cethegus . Dabei verließ ihn nur die Eine Besorgnis nicht - denn er war fern von Unterschätzung seiner Feinde , - , der Gotenkrieg , dessen letzte Funken noch nicht ausgetreten , könne nochmal aufflammen , geschürt durch die Entrüstung des Volkes über den geübten Verrat . Schwer fiel dem Präfekten ins Gewicht , daß die tiefstgehaßten Führer der Goten , daß Totila und Teja