, retten Sie Orest ' s Seele . « Mit einem Ausdruck , der an Entsetzen gränzte , schlug Judith ihre Hände in einander und rief : » Corona Windeck ! .... und Sie sprechen liebevoll zu mir .... und bitten mich .... und knieen vor mir .... und flehen um Rettung einer Seele ! O , was muß das sein , Liebe zu den Seelen - die eine so himmlische Demut gibt . « » Ach , « sagte Corona , » denken Sie an unseren göttlichen Erlöser , der am Kreuz für seine Peiniger betete : Vergib ihnen ! sie wissen nicht , was sie tun ! - Auch Sie haben es bis jetzt nicht gewußt . « » Gnädige Gräfin , « sagte Judith , und hob ehrerbietig Corona auf ; » als mir die Ahnung dämmerte , was das Christentum sei , da sagt ' ich : Christen müssen dem Herzen nach Christusträger sein . Ich sehe an Ihnen , daß ich Recht hatte . Sie hassen mich nicht , Sie verachten mich auch nicht , Sie lassen sich mild zu einer Person herab , die das Glück Ihres Lebens zerstört hat und ferner es bedroht . Ach , ich weiß nicht , ob es möglich ist , in aller Stille hochherziger zu sein . « » Signora ! « unterbrach Corona sie lebhaft , » es handelt sich um die Rettung einer Seele - und diese Rettung soll von Ihnen ausgehen . Dagegen verschwindet meine arme Person gänzlich . « » Immer und immer diese wunderbare Liebe zu den Seelen ! « entgegnete Judith sinnend . » Ach , sie ist ansteckend ! Könnte ich mit meinem Blut Graf Orest vom Abfall zurückhalten - ich tät ' es . « » O , es muß auch andere Wege geben ! « rief Corona . » Ja , einen weiß ich , « entgegnete Judith : » ich muß für Graf Orest verschwinden . Das kann ich - und das will ich . Vorstellungen fruchten nichts bei ihm ; das werden Sie so gut wissen , als ich . Er muß tatsächlich einsehen , daß die Erfüllung seiner Wünsche an der Unmöglichkeit scheitert . Ich kann nicht behaupten , daß er dann ein guter Gatte und Vater sein werde ; allein er wird den gräßlichen Gedanken des Abfalles aufgeben , und dadurch gewinnt hoffentlich die Gnade wieder Macht über ihn . Seien Sie getrost , gnädige Gräfin , die Judith verschwindet ! Es war längst mein Wunsch , daß sie verschwinde - nur freilich in anderer Weise . Ich will nicht umsonst die Gnade empfangen , im Blut Jesu meine Sünden abzuwaschen . Ich will auch , dem Herzen nach , ein Christusträger werden . Ich will auch die Seelen lieben , wie der göttliche Erlöser meine Seele geliebt hat . « Ein milder Glanz von zerschmelzenden Tränen trat in ihr dunkles mächtiges Auge . Corona breitete die Arme zu ihr aus , und überwunden von dieser Welt neuer , starker , großer Empfindungen , sank Judith weinend an das Herz dieser Frau , der sie ein so namenloses Weh bereitet hatte . Der Engel des Lichts öffnete die Pforten des Paradieses - und die Peri trat ein . » Und wohin wollen Sie gehen ? « fragte Corona . » Ich weiß es nicht , « entgegnete Judith , und legte die Hand an ihre heiße Stirn . » Mein erster Schritt muß jetzt zum Sakrament der Taufe sein . Ich sehne mich - Christin zu werden und mit meiner Vergangenheit zu brechen . « » Sie müssen eine Taufpatin haben ; darf ich es sein ? « fragte Corona . » Ein neuer Trost ! « rief Judith . » Aber Orest darf nichts von unserer Zusammenkunft ahnen ; es würde ihn erbittern , « sagte Corona . » Ich nehme alles auf mich , « entgegnete Judith . » Ich bin eingetreten in das wunderbare Reich , welches man das der Gnade nennt . Da begegnen uns Wunder und da geschehen Wunder an uns , die unberechenbar sind . Das hat Graf Orestes nicht bedacht . Ich aber habe es bis jetzt nicht gewußt . Man wird nicht Christin , wie man sich eine neue Rolle für die Oper einstudiert und wie ich es in meiner Unwissenheit wähnte . Graf Orest selbst hat auf meine Taufe gedrungen ; er muß die Folgen hinnehmen . Heute oder morgen kommt ein Priester zu mir , mit dem ich den letzten Schritt überlegen will , und dann , gnädige Gräfin , lasse ich Ihnen Nachricht zukommen , wann und wo meine Taufe stattfinden soll . « » Ich habe Ihnen hier ein Vermächtnis zu übergeben , « sagte Corona mit bebender Stimme . » Gestern Abend kam die Trauerbotschaft vom Tode meiner geliebten Schwester « .... - » Der Karmelitesse ! .... gestern Abend ! « rief Judith . » Ach , gestern Abend sprach man bei mir von großen Opfern aus Liebe zu Gott - und da wurde auch sie genannt . « » Sie ist nun in der Heimat der Seelen , « sagte Corona . » Als Orest mir seine schreckliche Absicht mitteilte und zugleich auch Ihr Vorhaben , teure Signora , die Taufe zu empfangen , da schrieb ich meiner lieben Schwester und bat sie um ihr Gebet , daß diese trostlose Verwirrung zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen sich lösen möge . Dieser Brief kam in Regina ' s letzten Tagen an , und von ihrem Sterbebett schickt sie Ihnen dies Andenken , das ich ebenfalls gestern Abend erhielt . « Judith öffnete das kleine Kästchen und nahm die Perlenschnur eines Rosenkranzes von Onyx , woran ein goldenes Kruzifix hing - dann ein versiegeltes Blatt heraus . Sie erbrach es . Die Handschrift war kaum zu entziffern , so hatte Regina ' s Hand von Fieber und Schwäche gezittert . Judith las beklommen : » Geliebte Seele ! Auf Erden sind wir uns flüchtig begegnet , um uns nie wieder zu sehen . Aber die Gnade umfängt und trägt Sie , und dereinst , hoffe ich , begegnen wir uns vor dem Throne Gottes und singen ein endloses Alleluja dem Lamme , in dessen Blut wir das Kleid unserer Seele weiß gewaschen haben . Nicht wahr , so wird es sein ? Ich kann nicht glauben , daß eine vom Strahl der Gnade berührte Seele diese Gnade benutzen könnte , um Gott zu beleidigen . Nein ! sie wird ihn verherrlichen , indem sie ihr Opfer bringt und ihr Kreuz annimmt . Dazu stehe ihr bei Maria , die Königin der kreuztragenden Seelen . Der Rosenkranz aber erinnere sie an die Dornen , die der göttliche Vielgeliebte für uns getragen hat , damit aus unseren umdornten Herzen die Rose der heiligen Liebe erblühen könne . Mit dieser Liebe umfange ich Ihre Seele und sage : Auf Wiedersehen unter den Seligen . Schwester Therese vom Lamm Gottes . « » Vom Himmel und aus dem Grabe und wohin ich auf Erden sehe und höre , erklingt dies wunderbare Lied von der Liebe der Seelen zwischen all dem Schellengeklingel menschlicher Torheit , « sagte Judith erschüttert . » Wehe mir , wenn ich es überhören wollte ! « Sie kniete vor Corona nieder und sagte unter sanften Tränen : » Ich kann nicht fort , ohne Ihre Vergebung erhalten zu haben , gnädige Gräfin , und Sie sehen so gut und liebevoll aus , daß ich wirklich zu hoffen wage , Sie werden mir von Herzen vergeben . « » Ach , ich hab ' es vergessen , daß ich Ihnen etwas zu verzeihen hatte ! « sagte Corona lieblich und umarmte Judith , die nun rasch ihrer Wohnung zueilte , in der Hoffnung , daß der Abbate Don Cinthio , wie Pasqualina ihn genannt hatte , im Laufe des Morgens zu ihr kommen werde . Als sie durch das große Tor in ihren Palast eintrat , kam Florentin ihr entgegen und rief im Ton höchster Überraschung : » Ganz allein ? zu so früher Stunde schon heimkehrend ! Signora , woher kommen Sie ? « » Da ich nicht frage : Signor , wohin gehen Sie ? so sind wir quitt ! « entgegnete Judith und ging kalt an ihm vorüber die Treppe hinauf , durch die öden Gemächer , deren Luft sie frostig anwehte . In ihr Zimmer . Da stand Hyazinth am Kamin . » Das ist gut ! « rief Judith , hastig Hut und Shawl abwerfend ; » Signor Abbate , seitdem ich mit Ihnen gesprochen habe , dreht sich mir die Welt nach der andern Seite um . Ich will nicht mehr Gräfin Windeck werden , allein ich möchte gern eine recht gute Katholikin und lieber heute als morgen getauft werden . « Hyazinth sah bleich und angegriffen aus ; aber jetzt verklärte sich sein Antlitz und mit dem Freudenausruf : » O heilige Mutter Gottes ! « faltete er dankbar seine Hände . Dann setzte er besonnen hinzu : » Ihr Entschluß scheint mir sehr schnell gereift zu sein . Ist er in der Tat reif , Signora ? « » Fragen Sie mich nicht zu viel , Signor Abbate ! ich weiß nur eines : ich will katholisch werden , weil ich zur Kirche gehören will , die der gekreuzigte Gott zur Beseligung und Heiligung der Menschheit gestiftet hat ; in der er fortwirkt durch den heiligen Geist und fortlebt durch die heilige Eucharistie ; und in der sein göttliches Leben in den Menschenseelen geheimnisvoll aufblüht als Liebe zu den Seelen . Dies weiß ich ! alles übrige glaube ich - und will es glauben ; .... denn Gott selbst hat es gelehrt . « » Das genügt ! « sagte Hyazinth . » Das ist das Bekenntnis des Petrus : Ich glaube , daß du bist Christus , der Sohn des lebendigen Gottes ! und sein Ausruf : Wohin anders könnten wir gehen ? Du , Herr , hast Worte des ewigen Lebens . « » So ists ! « sagte Judith . » Wer hat es bewirkt ? « fragte Hyazinth . » Die Gnade , « erwiderte sie ; » und sie bediente sich dazu der verschiedensten Werkzeuge ! In der allerersten Zeit war es Ernest ; aber ich hörte nicht hin . Dann , im vorigen Herbst , kam Lelios Bekehrung ; ich hörte nur halb hin . Vor drei Wochen kamen Sie , Signor , und da hörte ich zu viel , um es übertäuben - viel weniger es vergessen zu können . Gestern kam ich statt zu Lelio , den ich aufsuchte - zu seiner Mutter . Sie sagte himmlische Dinge . Aber dies Himmlische war das Eigentümliche , das Natürliche , ich möchte sagen , der gesunde Pulsschlag des katholischen Glaubens : Liebe zu den Seelen . Dann kam die Welt zu mir ! Wovon sprach sie ? von himmlischen Dingen im katholischen Leben , von großen Bekehrungen aus Liebe zu Gott - und von deren Frucht : Liebe zu den Seelen . Lelios Mutter hatte mir einen Katechismus gegeben . Ich nahm ihn spät abends zur Hand - und durchwachte die Nacht mit ihm . Signor ! ich habe in meinem Leben ungeheuer viel gelesen , ernste Bücher , von klugen , geistvollen , denkenden Männern geschrieben ; aber etwas so Kluges , das die höchsten und zugleich die wissenswürdigsten Fragen so einfach und genügend - aber auch mit jenem logischen Zusammenhang , der den Stempel unverwüstlicher Wahrheit trägt , beantwortete ; so himmlische und hohe Ideen , die in dem Dogma eine so tiefsinnige Begründung und eine so himmlisch klare Lösung finden , hab ' ich nie gelesen . Den Katechismus sollten die modernen Weltverbesserer studieren und danach sich selbst und die Menschheit zu bilden suchen . Lebte sie so , wie dies kleine Buch es lehrt , so wäre sie im wahren Fortschritt begriffen . Aber die Seelen , die Gott durch so himmlische Vorschriften , Veranstaltungen und Mittel zur Seligkeit führen will , sucht der Satan durch die Sünde zu verblenden und in seinen Abgrund zu stürzen . Nun , Signor , ich fing an , zu verstehen , was Gott von mir verlangt . Und jetzt eben komme ich von einer Frau , bei der es mir ganz klar geworden ist . Ich habe mit der Gräfin Windeck gesprochen . « » Mit Corona ? « rief Hyazinth froh überrascht . » Mit ihr , Signor ! aber wer sind Sie , daß Sie , Lelios Freund , die Gräfin bei ihrem Namen nennen ? « fragte Judith gespannt . » Verzeihung , Signora ! ach , ich bin Orests Bruder , « erwiderte Hyazinth bewegt . » O ihr Windecker ! « rief sie ; » auf der einen Seite stehen die Himmlischen unter euch und reichen mir die rettende Hand ; auf der anderen Seite die irdischen , um mich in den Untergang zu ziehen . Jetzt verstehe ich den Weg zu beiden Schicksalen . Der meine ist gewählt : ich folge dem Kreuz , das Regina von ihrem Sterbebett mir geschickt hat . « Sie reichte ihm den Brief und den Rosenkranz . Mit tiefer Wehmut sagte Hyazinth : » Reginas Gebet hat vielleicht all ' die Gnaden erwirkt , welche über Sie zusammengeströmt sind , Signora . Regina hat den Kern des Glaubenslebens gründlich erfaßt : das Opfer . Dem Opfer folgen Gnaden ; das ist eine so tiefe Wahrheit , eine so unleugbare Tatsache , daß die ganze vorchristliche Welt dies geheimnisvolle Gesetz einer höheren Macht anerkannte und sich davor beugte . Die Wiedergeburt der Menschheit ging aus dem Opfer hervor , das der Sohn Gottes zur ewigen Sühne darbrachte - und alles Gute , Große und Schöne , was seitdem auf Erden geschieht , ist eine Neugeburt dieses Opfers in dem Menschen , der es ausführt . Das Beste , Größte und Schönste , was hienieden geschehen kann , ist die Rettung der Seelen . Darum erheischt sie die größten Opfer . Darum muß der Hirt der Seelen , der Priester - ein Opfernder sein . Darum muß der Missionär , der Ordensmann , die Klosterfrau , die sämtlich den Beruf zur Rettung der Seelen haben und ihre Aufgabe durch äußere und innere Tat vollziehen : darum müssen sie ein Opferleben führen . Darum müssen ganze Epochen in der Weltgeschichte oder große Erscheinungen in der Epoche den Charakter des Opfers tragen . Das Christentum war tötlich bedroht in den ersten Jahrhunderten durch heidnische Verfolgung ; die Martyrer , die nach Millionen zählen , opferten sich mit Blut und Leben : und es siegte . Es war tötlich bedroht durch die wütenden Häresien des Orients ; und eine ganze Welt von Asceten erhob sich zum stillen Opfer der Irdischkeit : es war gerettet . Tötlich bedroht war es Jahrhunderte hindurch von den barbarisch vernichtenden Stürmen und Zügen der Völkerwanderung ; da erschienen die großen Glaubensboten und Ordensmänner , dreifach sich opfernd , als Apostel , Martyrer und Asceten , streuten , schützten , pflegten himmlische Saaten - und das Christentum war gerettet . Tötlich bedroht war es im Mittelalter teils durch häretische Sekten , die im Gewande falscher Heiligkeit ihr Gift verspritzten , teils durch die gewaltige Neigung der Welt zu den Lüsten der Erde und den breiten behaglichen Genüssen der sinnlichen Freuden . Ein Heer von opferfreudigen Seelen erhob sich in solcher Masse , daß der Jüngling die Braut nicht fand und die Jungfrau keinen Gatten ; so waren die Herzen entbrannt in Liebe zur Armut und zur Entsagung , wie St. Franziskus , der Seraphische sie lehrte und übte . Das Christentum fand durch sie seinen Nerv und seine Kraft wieder . Und abermals war es bedroht durch den grausigen Abfall des sechzehnten Jahrhunderts , den der Welt- und Erdgeist in Verbindung mit der Häresie stifteten ; und abermals wurde es gerettet durch Scharen von Heiligen , die das Kreuz ins Herz und in die Hand nahmen und mit einer alles überflügelnden Opferliebe die Tage des Apostolats und des Martertums durch sich selbst , ihre Zöglinge und geistlichen Söhne erneuerten und auf dem ganzen Erdball das Christentum teils retteten , teils verbreiteten . Auf jedem Kampfplatz erschienen sie , auf jede Bresche sprangen sie , jeden schwachen Punkt verteidigten und befestigten sie . Der große Erzbischof von Mailand Karl Borromäus , in dem die Seele des Johannes und des Paulus verschmilzt , beginnt die Reform der Kirche bei den geistlichen Hirten selbst , während der liebenswürdige Bischof von Genf , Franz von Sales , durch den Zauber seiner seelenvollen Beredsamkeit in Controverse und Predigt tausend Betörte von Calvins Irrlehre befreit . Loyola stiftet die glaubens- und todesmutige Schar seiner Söhne , die man St. Michaels Söhne nennen müßte - so kämpfen sie auf der Welt für das Reich Gottes gegen den uralten Lügengeist . Franz Xaver gewinnt in Asien Völker und Länder für das Christentum ; Franz Solano in Südamerika . Vinzenz von Paulo ruft in Paris die barmherzigen Schwestern ins Leben ; Johannes von Gott in Granada die barmherzigen Brüder . Therese von Jesu führt gottliebende Seelen in die Gebetsstille des mystischen Carmels ein ; Katharina Fiesco-Adorno , die Dogentochter , dient im großen Spital zu Genua - und beide verfassen Schriften , in denen die Kirche eine himmlische Weisheit , gepaart mit himmlischer Liebe anerkennt . Alle Orden erneuern sich und treiben frische Sprossen . Neue Kongregationen erblühen , neue Genossenschaften treten zusammen . Wo eine Lücke im kirchlichen Leben ist , wo ein geistiges Bedürfnis sich kund gibt - da ist auch schon eine opferwillige Seele zur Hand , die mit der Erfindungsgabe , welche der heiligen Liebe eigen ist , gerade das trifft , was eben zur Abhilfe not tut . Und wozu das alles ? wozu diese grenzenlose unermüdliche , heroische , demütige Hingebung an ein langes , langes Opferleben ? um Seelen für Christus zu retten , die durch Sünde , Irr- und Unglauben ihm verloren gingen ! Wieder wurde das tötlich bedrohte Christentum durch das Opfer gerettet . Und jetzt ? ist es denn jetzt anders ? wir stehen mitten im Gewühl und im Staube des Kampfes , wo wir nur das allernächste schauen können ; sind auch viel zu kurzsichtig , um unseren Blick über den Tag von heut und morgen zu erheben ; viel zu armselig , um Großes von einer Zeit zu hoffen , in der die Menschheit von unserem Schlage ist ; viel zu kleinmütig , um mit unwandelbar hochherzigem Vertrauen die Spuren des Lebens unter den Zuckungen des Todes zu verfolgen . Aber wir wissen seit achtzehn Jahrhunderten und durch sie : für das Christentum sind Zeiten des Kreuzes - Zeiten der Gnade ; Tage der Drangsal - Tage der Heiligung . Heiligen aber kann sich niemand , der nicht aus voller Seele das Opfer umfaßt - das Opfer , aus dessen Flamme das Christentum fort und fort als ein unsterblicher Phönix hervorgeht . Schrecken Sie davor nicht zurück , Signora ? « Sie sah ihn fest an und sagte ruhig lächelnd : » Nein , denn ich werde mich an das Kreuz meines Gottes schmiegen . « » Und wollen Sie das ganze Christentum umfassen mit seinen wonnevoll trostreichen Glaubenslehren und seinen unerbittlich herben Sittenlehren ; mit seinen lieblichen Tugenden und seinen mühseligen Kämpfen ; mit seinen himmlischen Kronen und seinem irdischen Dornenkranz ? « » Mit Kronen und Dornenkranz , Signor ! Aber lassen Sie mich zum Bade der Wiedergeburt eilen ! lassen Sie mich mein Opfer bringen ! Jede Minute der Zögerung ist ein unermeßlicher Verlust für mich - lassen Sie mich ein Kind Gottes werden .... und dann fliehen , mich begraben in irgend einer Einsamkeit und beten , ach beten , daß Ihres Bruders Seele gerettet werde . « » Und Ihre Mutter ? « » Gott wird sie trösten . Ich kann sie nicht in mein Geheimnis ziehen ; sie begreift es nicht . Den größten Teil meines Vermögens lasse ich ihr . Nach Jahren , wenn alle Gefahr für Orest vorüber ist , wird sie mich wiederfinden . « » Also wirklich - begraben mit Christus ? « fragte Hyazinth gerührt . » Ja ! Leben für Leben ! « sagte sie entschieden . » Ach , « rief sie plötzlich mit schmerzlicher Erinnerung , » habe ich dem armen Orest nicht versprochen : Alles für alles ! « » Er darf Ihnen nicht alles bieten , nicht seine Hand , nicht sein Wort ; denn beides gehört ihm nicht mehr ; « erwiderte Hiazinth . » Er hat es Gott verpfändet , als er das Sakrament der Ehe empfing . Sein Taufgelübde , das er bei dem Empfang der heiligen Erstkommunion wiederholte und bestätigte , war schon zuvor an Gott verpfändet für die Gnade , im katholischen Glauben leben und sterben zu dürfen . Also auch darüber darf er nicht mehr schalten und walten , und folglich hat er Ihnen nicht das alles anzubieten , wofür Sie alles versprochen haben . Er kann freilich sein zwiefaches Versprechen brechen , denn er ist keine Maschine , die von der Gnade getrieben wird , wie das Mühlrad vom Bach . Er kann der Gnade Widerstand leisten und sich in die ewigen Abgründe stürzen , aber nur um den Preis schwerer Beleidigung Gottes und freiwilliger Verzichtung auf das ewige Leben . Und wenn er dann wagte , Ihnen alles anzubieten , ach ! wie müßten Sie gerade dann erst recht ihm antworten : alles ? - aber du hast ja nichts ! .... denn was hat der , der Gott nicht hat ! Und Sie selbst , Signora , Sie haben nicht das Recht , irgend einem Geschöpf alles zu versprechen . In jedem Verhältnis , in jeder Lage muß Gott zu Rate gezogen werden : dazu gab er seine Gebote , dazu erteilte er seine Ratschläge . Wenn das unmündige Kind seinem lieben Spielgefährten sagt : ich schenke dir die Güter meines Vaters ; so hat ein solches Versprechen keinen Sinn . Ihr unmündiger Geist wähnte ein Recht zu haben , nach Belieben schalten und walten zu dürfen , weil er nichts Höheres kannte , als das Ich , dem er diente . Aber die Bestimmung Ihres Geistes , Ihres Herzens , Ihres ganzen Wesens ist : Gott zu dienen und - in welches Verhältnis Sie eintreten mögen , Ihr höchstes Gut , welches zugleich das Gut Ihres himmlischen Vaters ist - Ihren Willen ! an Gott hinzugeben . Sie können ihn Gott entziehen und dem Geschöpf dienstbar machen ; aber um denselben Preis , wie Orest : um den Preis der Sünde . Alles für alles ! dürfen Sie getrost nur zu Ihrem Herrn und Heiland sagen , denn nur Er , der das unerhörteste Liebesopfer bringt , versteht das Opfer des liebenden Herzens anzunehmen und zu vergelten . Das Geschöpf versteht es nicht . Es ist etwas so Himmlisches im Menschenherzen , daß es das Gottesherz braucht , um sich daran auszuleben und auszulieben . Dann hat alles für alles einen ächten Sinn - und dann dürfen Sie gewiß sein , daß die Kreatur dabei nicht zu kurz kommt . Ströme von Liebe werden aus dem Liebesmeer der Gnade in ein solches Herz sich ergießen und überfließen .... auf Vater und Mutter , auf Gatte und Kind , auf Sünder und Heilige , auf Feind und Freund .... in Wort und Tat , in Gebet und Tränen , in unscheinbaren Werken und heroischen Handlungen . Gott ist der Ursprung dieser Liebe , Gott ist ihr letztes Ziel ; in der Mitte liegt die Liebe zu den Seelen . « » Ach , gibt es denn Seelen , die sich nicht entzünden lassen von der Liebe Gottes ? « rief Judith in Tränen . Hyazinth lächelte traurig und entgegnete : » Ich dächte , Sie hätten ein lebendiges Beispiel vor Augen .... an Orest . « » Und an Florentin , « setzte sie hinzu ; » an Ihrem Jugendgenossen , der , vom Wahnwitz des Radikalismus ergriffen , an die Verwirklichung wilder und blutiger Theorien seine Kräfte vergeudet und in dem Schiffbruch seiner besseren Verhältnisse seit Jahren schon mein Privatsekretär ist . Da aber Lelio , der ganz auf seinem Standpunkt sich befand , sich zu Gott bekehrt hat , so kann dasselbe ja auch an Orest und Florentin geschehen « » Werden Sie so fromm , daß der liebe Gott Ihnen nichts abschlagen kann , « erwiderte Hyazinth freundlich ; » aber wähnen Sie nicht , daß das die Sache von ein paar Tagen oder Jahren - oder daß es überhaupt Menschensache sei . Die Bekehrung vom Irrtum zur Wahreit , von der Sünde zur Tugend ist immer eine geistige Schöpfung , also mehr als irgend etwas hienieden - eine Gottestat . Wir können nichts dabei tun , als uns Gott zum Werkzeug anbieten durch Hingebung unseres Willens . Aber wenn wir das auch in einer Vollkommenheit täten , wie wir es , ach leider ! nicht « tun : so würden wir darum doch nicht immer den gewünschten Erfolg haben . Das Atom unserer Arbeit am Werk Gottes geht nicht verloren , wenn wir es in die unendlich wirksame Kraft des Blutes Jesu eingetaucht hatten ; aber in der großen Einheit der christlichen Kirche kann dies Atom , nach Gottes verhülltem Ratschluß , ihn mehr verherrlichen an einer Seele , die uns unbekannt ist ; oder er will uns prüfen , ob wir beharrlich hoffen und glauben - auch ohne durch äußere Erfolge gestärkt zu werden , und das ist eine heilsame Prüfung , denn sie erhält uns in Demut . Und endlich gibt es ja auch Seelen , die der Gnade widerstreben wollen . « » Ach , man muß viel leiden , wenn man die Seelen liebt ! « sagte Judith ; » ich fange schon an , das zu begreifen . Wer sich damit abgibt , setzt das Leiden des Erlösers fort ; und da diese Liebe das Merkmal und der Stempel ist , den Christus mit seinen Wunden ihr aufgeprägt hat : so zeigt sie sich gerade in diesem Leid als seine Stellvertreterin . « Judith sagte Hyazinth , daß Corona ihre Taufpatin sein wolle und fragte , ob es nicht möglich sei , daß diese heilige Handlung durch Coronas Vermittlung zu Trinità dei Monti stattfinden könne ; dort hätten sie ja auch ihre Zusammenkunft gehabt . Hyazinth erwiderte , das sei sehr wohl möglich . Corona , in einer Anstalt des Sacre Coeur erzogen , habe hier eine der Damen wiedergefunden , welche die Lehrerin ihrer Kindheit gewesen sei - und er zweifle nicht an der Bereitwilligkeit der Damen , in ihrer Kirche die heilige Feier von ihm vornehmen zu lassen und alle nötigen Vorkehrungen zu treffen . » Nur möglichst still und schnell , « bat Judith . » Es wäre mir am liebsten , morgen in aller Frühe , in den ersten Stunden des Tages - damit Orest vorher nichts erfahre . « » Wie soll ich Ihnen eine Antwort zukommen lassen , Signora ? « » Durch Lelio - er ist zuverlässig , « sagte sie . Hyazinth ging auf demselben Wege zurück , auf dem er gekommen war : die kleine Treppe hinab und zur Nebentüre des Palastes , die in ein Seitengäßchen führte , hinaus . Auf den untersten Stufen der Treppe lag ein Facchino und schlief . Hyazinth ging vorsichtig an ihm vorüber , um ihn nicht zu stören , und eilte zu Corona . Von seinem ersten Besuch bei Judith hatte er ihr nichts gesagt , um keine voreilige Hoffnungen in ihr zu wecken und ein ähnliches Gefühl hatte auch sie geleitet , da sie ihm ihre Absicht , mit Judith eine Zusammenkunft zu haben , nicht mitteilte . Wie freute er sich jetzt auf ihre Überraschung , und wie dankte er Gott , der ihnen beiden das Vertrauen gegeben hatte , sich an Judith zu wenden , deren Seele , wie eine zusammengebogene Springfeder , geradeauf schnellte , als sie den Druck der Leidenschaft , der eigenen und der fremden , von sich abschüttelte . Reginas Abscheiden warf keinen Schatten mehr in seine stille Seligkeit . Leben und Tod schienen ihm eine und dieselbe Hymne von dem Triumph des Lichtes und der Gnade über Nacht und Sünde anzustimmen . Bei Corona waren sie alle versammelt , Graf Damian , Uriel und Orest . Mit Tränen im Auge rief Graf Damian ihm entgegen : » Hyazinth , Onkel Levin ist Regina schnell gefolgt ! Hier ist das Telegramm vom Pater Guardian . Blutsturz und Lungenschlag machten binnen zwölf Stunden seinem Leben ein Ende . « » Ruhe in Frieden , heiliger Greis ! « sagte Hyazinth gefaßt ; aber seine Stimme brach in Tränen . » Mir ist zu Mut , als müsse Unheil über Windeck einbrechen , jetzt - da Onkel Levin es nicht mehr bewacht ! « rief Graf Damian ; » und deshalb , Kinder , reise ich zurück ! Sind es diese beiden Donnerschläge aus heiterem Himmel , oder ist es sonst etwas .... aber es drängt mich fort von hier . Ich meine , es müsse alles drunter und drüber gehen . Onkel Levin war ein lebendiger Teil meines eigenen Lebens . All ' dessen Phasen hat er durchgemacht , inniger und treuer als ein Vater , unzertrennlich von Windeck ! es ist eine Ruine ohne ihn . « Niemand versuchte ihn zu trösten . Uriel war außer sich vor Schmerz , den Onkel Levin gleichsam im Tode verlassen zu haben . Corona beweinte ihren zärtlichen und treuen Ratgeber und Tröster . Orest war von stumpfer Niedergeschlagenheit zerdrückt . Der Tod .... und wieder der Tod ! und er behandelte das Leben und dessen Erscheinungen , als ob diese Welt voll vergänglicher Schatten - eine