also auch Fische bekommen sollte aus unserm berühmten Lago Maggiore , dem Ententeich , so soll sie immer durch die neue Eisenbahn hier unser Tönneschen da kriegen und auf die Tables d ' hote am Hüneneck verkaufen ! Nicht wahr , lieb Tönneschen ? Bis du nach Belgien gehst ? Tönneschen lachte über die schmachtend elegische Huldigung und lachte nicht ohne Pfiffigkeit . Er gehörte zu den Knaben , die der Kaplan Michahelles vorhatte auswärts von den Jesuiten erziehen zu lassen ... Dem kleinen Kahne begegneten andere mit Fremden , die diesen schönen Punkt nach allen Richtungen hin genießen wollten ... Zur Belohnung für das von Armgart dabei heute so ruhig eingehaltene Gleichgewicht zog Angelika aus ihrer Provianttasche einen Brief ... Da rief Armgart : Wie ? und sprang nun auf ... Jesus Marie ! entsetzte sich Angelika . Das hatte sie nicht bedacht . Der Anblick eines Briefes ließ Armgart sofort alle Schrecken eines umstürzenden Kahnes heraufbeschwören . Vom Dechanten ! rief Armgart und wollte den Brief haben . Diese Worte hörte Angelika kaum vor verzweifelnder praktischer Anwendung der von ihr so oft vorgetragenen Theorie des Gleichgewichts . Als die Bewegungen Armgart ' s und des Kahnes sich beruhigt hatten , sagte Angelika : Nein , wie du bist , Armgart ! Es ist ein Brief aus Eschede ! Der Herr Doctor ist mit deinem Vorschlage , die Seelen der Abgeschiedenen mit einem kurzen Symbol zu bezeichnen , überraschend einverstanden ... Armgart setzte sich mit einem tief geseufzten : So ? Das ! und voll bitterer Täuschung . Angelika jedoch , der offenbaren Geringschätzung des » Herrn Doctors « nicht achtend , rückte ihr zärtlich und mit einer seit funfzehn Jahren auf die Sparkasse der Hoffnung gelegten Herzensinnigkeit näher und las : » Ja , meine theure Freundin , daß ... ( die Liebenden nannten sich seit funfzehn Jahren noch Sie ) Sie auch in den Ihrer geistigen Pflege anvertrauten Gemüthern Bekenner für meine Wissenschaft gewinnen , verpflichtet mich zum wärmsten Danke ! Wie sehr Ihre Empfehlung meiner schwachen , von Gott sicher noch mit größern Erfolgen als bisher bedachten Bemühungen um das ewig Eine , ewig Viele und ewig Besondere in Ihrer Nähe Wurzel faßt , erseh ' ich allerdings aus dem Gedanken der holden Armgart , den abgeschiedenen Seelen , wenn sie zunächst dem Fegefeuer zufliegen , tiefbedeutungsvolle Abkürzungszeichen zu geben . Ja gewiß , es gibt Semikolon-Seelen , die ihr Dasein auf Erden fast zweifelhaft und unbeendet gelassen haben und dem Himmel nur ganz unfertig , vollkommen noch weltlich und fast leichtsinnig zufliegen : es gibt Fragezeichen-Seelen , die ganz nur im Jenseits von der Gnade Gottes abhängig sein werden und etwas noch ordentlich sich Aufbäumendes , Eulen- , ja Fledermaus- und Drachenartiges im Aufflug haben : Und daß dann Fräulein von Hülleshoven ihre Freundin Comtesse Paula in der Betrübniß , die junge Gräfin könnte ihrem wieder recht nervenkrank gewordenen Zustande erliegen , gar schon innerhalb des großen Gottesherzens , das die Welt bedeutet , dem Fegefeuer in dieser Gestalt zufliegen sieht : das hat wirklich in allen Bewohnern von Eschede , denen ich dieses Symbol mittheilte , in der Frau Steuerinspectorin Emminghaus , in der Frau Geometer Schmedding , in der Frau Hofräthin Tübbecke und allen meinen treuen Anhängern und Anhängerinnen den Wunsch erweckt , auch einst nur in dieser Gestalt das Zeitliche zu segnen . Aufwärts die Flamme der Läuterung , das große Herz die das Universum zusammenhaltende göttliche Liebe und die Seele drinnen in Gestalt des geflügelten Kreuzes feierlich senkrecht emporsteigend « ... Was schreibt er von Paula ? unterbrach Armgart , durch das Wort » recht nervenkrank « geängstigt ... Angelika hörte aber nicht , wollte nur fortfahren und las mit der Phantasie tief versunken in die kleine escheder Gemeinde ihres Freundes , die sie ihm ohne alle Eifersucht als Ersatz für einen Lehrstuhl in Berlin oder München gönnte : » Frau Emminghaus « - Nein , nein ! unterbrach Armgart . Schreibe deinem Freunde , daß die alle nicht so ins Fegefeuer auffliegen werden , wie Paula ! Frau Emminghaus muß als geflügelte Kaffeekanne hinauf , Frau Tübbecke als geflügelter Strickstrumpf und dein Doctor , der auch als schwarzes großes geflügeltes Dintenfaß - Armgart ! verwies Angelika aufs heftigste und wäre nun fast selber aufgestanden . Da jedoch suchte Armgart sofort ihre Unart durch eine Umarmung wieder gut zu machen und nun hätte selbst die ruhige Nachhülfe Tönneschen ' s nichts gefruchtet , ein Unglück zu verhüten , wenn nicht glücklicherweise der Kahn schon dicht an das Uferschilf angekommen gewesen wäre ... Der ausgestoßene Schrei der Lehrerin erstickte in einem Vergib mir , das Armgart schmeichelnd mit einem ihrer süßesten Töne sprach . Von der gewaltigen Flut fortgetrieben , landete der Kahn weit unterhalb des Roland und mitten im Schilfe ... Dem Tönneschen war dieser Landungsplatz gerade recht , denn er wollte im Kahne verbleiben , um noch zu morgen sein Latein zu lernen , das keineswegs blos aus Spiritu tuo und Saecula saeculorum bestand ... Pfarrer Engeltraut ließ alle Knaben seiner Gemeinde , die sich durch Bravheit auszeichneten und solche Aeltern hatten , die ein glattgekämmtes Haar , ein sonntäglich Gewaschensein von Kopf bis zu Fuß , Schuhe und ein weißes , sauberes » Röckel « über den rothen Talar , den die Kirche gab , verbürgten , nacheinander dem heiligen Meßdienst administriren . Tönneschen war zum ersten male zum Schwingen des Weihrauchfasses bestimmt und beide Mädchen lobten ihn und versprachen ihm , an dieser Stelle sich wieder einzufinden und bestiegen das Ufer . Armgart wollte Angelika helfen ... Diese lehnte es jedoch ab ... In ihrem , wenn auch in allen Literaturzeitungen verspotteten , doch von ihr und seiner Stadt und seiner Provinz hochverehrten Freunde war sie denn doch aufs tiefste gekränkt worden . Ernstlich schmollend erwehrte sie sich eine Weile jeder Annäherung an ihr schwer verletztes Herz ... Armgart ' s Anmuth aber trug den Sieg davon . Während Angelika erst die Lehre von den Curven zu befragen schien , bis sie den Ansatz machte , diesen oder jenen Weg einzuschlagen , sprang jene schon voraus und machte den von Angelika endlich gewählten Weg zweimal und da gab es denn bald wieder Heiterkeit , Lachen , Kuß und Umarmung . Das gewohnte Ziel ihrer stillbeschaulichen Wanderungen lag auf der Anhöhe . Angelika wäre heute lieber in die schönen , eleganten Wirthschaften und Gasthöfe gegangen , die am Fuße des Hüneneck liegen oder in den dem Wasser näheren , wenn auch weniger comfortablen Roland . Doch dahin brachte Armgart nichts . Sie wies zu Hecken und Obstgärten hinauf und umschmeichelte die Freundin so lange , bis diese zuletzt zu den bekannten drei Birnbäumen folgte . Das waren drei einsame Birnbäume auf einem terrassenartigen Vorsprung der hohen Berglehne am Fuße des Hüneneck mit einer kleinen Bank und einer ganz himmlischen Aussicht . Hier oben pflegte sich Armgart , wenn sie etwas athemlos von der steilen Anhöhe angekommen war , gleich in das rings wachsende Gras zu werfen und sich manchmal noch ganz wie ein fünfjähriges Kind zu kugeln , manchmal aber auch von hundert Sorgen , von denen sie bedrückt zu sein vorgab , sich auszuklagen und auszuweinen ... So heute ... Und heute nicht einmal vor Sorgen allein , sondern nur vor Ungeduld und Unruhe . Sie wußte , daß Benno in der Gegend war ... Er hatte ihr durch Tönneschen ' s Vater , der ihn gestern oberhalb der Insel übergesetzt hatte , sagen lassen , er hätte zwar bald in diesem , bald in jenem Dorfe ringsum zu thun , aber auch am Hüneneck , und vielleicht könnte er sie am Sonnabend Nachmittag irgendwo flüchtig begrüßen , am liebsten da , wo nicht die ganze Pension dabei wäre und jedenfalls nicht auf der Insel . Nun denke man sich die Unruhe , als die Beichte und das Mittagessen vorüber waren ! Und sagen wollte sie es Angelika auch nicht , was sie von Tönneschen ' s Vater wußte , den sie mit ganzen fünf Silbergroschen für seine Mittheilung belohnt hatte . Kind ! sprach Angelika , die noch immer nicht ganz die Kränkung ihres funfzehnjährigen Geliebten vergessen konnte , mit ernstem Verweise . Ich bewundere die Nachsicht , die Pfarrer Engeltraut mit dir hat ! Er kennt mich immer noch besser als du ! antwortete Armgart mit klagender Stimme ... Weil er so nachsichtig ist , dir alles zu glauben ! Freilich , wo soll auch der gute Mann all ' die Geduld herbekommen , von so vielen jungen , zur Hälfte erst gefirmelten Mädchen sich ihre Unarten erzählen zu lassen ! Sprach der Pfarrer heute von deinen abgeschickten beiden Briefen ? Wovon nur sonst ! Was sagte er ? Ich würde die Mutter doch nicht sehen können , ohne ihr nicht gleich ans Herz zu fliegen ! Das denk ' ich auch ! Und du gelobtest es ? Nein ! Armgart ! Ich werde die Mutter umarmen , wenn ich dabei die Hand des Vaters halte ! Bisjetzt war Onkel Levinus mein Vater ; Tante Benigna meine Mutter ! Ich will Aeltern haben , aber Aeltern , die sich lieben ! Lieben sie sich nicht , so will ich sie nicht hassen , aber - Der Hufschlag eines Reiters aus der Gegend von der Universitätsstadt her unterbrach sie ... Nun merkte Angelika etwas an dem Aufblicken und dem Abbrechen und Vergessen der Rede und wurde ängstlich . Sie schlug vor , am Gelände des Berges weiter zu wandern und dann in den Garten der » Vier Jahreszeiten « niederzusteigen . Dort hätte sie , wenn wie sie ahnte , Benno oder Thiebold kommen sollte , den lebhaften Verkehr vorschützen können . Sie sagte : In den Vier Jahreszeiten ist immer so auserlesene Gesellschaft ! Und ihr jungen Mädchen könnt euch nicht früh genug abschleifen ! Komm , Armgart ! Damit ging sie schon . Armgart lachte hinter ihr her . » Abschleifen ! « rief sie ... Es war ein Lieblingsausdruck Angelika ' s ... eines von den klugen Lebensworten , zu denen auch das » Sichherausreißen « der Madame Serlo-Leonhardi einst gehört hatte . Schon manche der Pensionärinnen hatte die boshafte Bemerkung gemacht : Fräulein Angelika Müller ist allerdings vom Leben schon so abgeschliffen , daß nichts mehr an ihr übrig geblieben ist ! - eine böse Anspielung auf die allerdings nicht unbedeutende Abstraction ihrer äußern Erscheinung . Als Angelika nach Armgart ' s Ausdruck » consequent wie eine gerade Linie « weiter ging , um durch die Baumwege von hinten her in den Garten der Vier Jahreszeiten zu kommen , folgte Armgart ihr erst leise auf den Zehen nach und wollte sie rasch mit der Schleife ihres Strohhutes an einen Baum binden . Hier ist unsere Jahreszeit ! sagte sie . Siehst du ! Trauriger , düsterer Herbst ! Wie die Blätter fallen ! Und die Birnen sind noch nicht einmal reif - Dabei hatte sie eine gepflückt und versuchte sie trotz alles Weinens und aller Ungeduld des Herzens ... Die Erzieherin zankte jetzt wieder in allem Ernst , band sich frei , behauptete ihre Autorität und ging . Sie ängstigte sich wahrhaft , Benno von Asselyn oder der dreiste Thiebold de Jonge könnten hier so plötzlich hinter einem Busch hervortreten ... Armgart folgte und sagte : Ich habe keine Kraft ! Wie eine Binse könnt ihr mich biegen ! Als aber Angelika immer mehr eilte , erhob sie die Stimme zu feierlichem Ernst und rief laut hinter ihr her : Das aber sag ' ich euch , wenn ich Furcht bekomme vor mir selbst und gegen euch alle nicht mehr aufkommen kann , dann flieg ' ich davon und sollt ' es in die Flamme des großen Gottesherzens selber sein ! All ' ihr Heiligen ! wandte sich Angelika jetzt und sagte mit ängstlich schmeichelnder Geberde : Aber Kind , so beruhige dich doch ! Der Dechant ist ja nur so lässig ! Er wird ja schreiben ! Auch hört man ja aus der Stadt , daß die da kürzlich ermordete Frau eine Schwester der Frau von Gülpen gewesen ist ! Das alles wird die Antwort gehindert haben ! Und dein Vater wird wol selber kommen ! Nein ! rief Armgart , wild mit dem Fuß auftretend , und entfloh dann und schoß den Weg hinunter . Künstlich angelegte und wohlunterhaltene Wege führten niederwärts und zuletzt in den erwähnten Garten , in welchem Durchreisende unter einer langen Veranda die hochberühmte Aussicht genossen . Armgart war bereits lange unten , als Angelika ihr nachkam ... Die Menschen hier ! jammerte Armgart ihr entgegen und sah dabei doch über alle Tische hinweg , über Engländer , Maler , Studenten , berliner Hofräthe und Hofräthinnen und wer alles in Naturandacht hier beisammensaß ... Sie suchte Benno , der nicht zu sehen war ... Angelika bestellte zwei Gläser Milch . Wenn das da deine Mutter wäre ! flüsterte die Erzieherin neckend und zeigte auf eine junge Dame , die mit der Lorgnette die Gegend und die beiden Ankömmlinge musterte ... Sie wollte nur Armgart durch den Scherz beruhigen ... ... Armgart blickte rasch hinüber , dann wandte sie sich ab ... Du zweifelst wol , schmeichelte Angelika , weil die Dame so jung ist ? Ei , deine Mutter ist eine ganz junge Frau , die nur zu lebendig , zu rührsam noch sein soll ! Dein Vater mag ein vortrefflicher Jäger und Schwimmer und was sonst noch alles sein , aber mürrisch und kalt ist er ! Das hast du doch schon an dem einsilbigen Hedemann gesehen ! Armgart sagte , Hedemann gefiele ihr ganz wohl ... Eines nur hat deine Mutter , fuhr Angelika flüsternd fort , was sonst nur dem Alter gehört ... ganz silbergraue Haare soll sie haben ... Armgart wandte den Kopf ... Sie ist nicht vierunddreißig Jahre , hab ' ich gehört , und doch hat sie ganz silbergraue Haare ! Sie trägt sie vorn in langen Locken und soll bei ihrer Jugendlichkeit und Schönheit damit so auffallen , daß alles still steht und ihr nachsieht ! Armgart gerieth in die größte Aufregung . Sie fand den Ursprung dieser Locken nur im Kummer ... die Augen umflorten sich ihr , wie wenn ihnen Thränen zuströmen wollten ... Nun aber ertönte in nächster Nähe ein Posthorn ... Armgart lehnte sich rasch über die Brüstung des Gartens . Von der Universität her kam eben die Post angefahren ... Hüben schon seit fünf Tagen konnte Armgart das Posthorn nicht hören , ohne sich aus Kocher , und drüben seit gestern nicht , ohne sich schon aus Wien eine Antwort zu denken ... Der gelbe große » Rumpelkasten « ( Pensionsausdruck ) hielt am Roland und heraussprang - seligste Freude belohnter Erwartung ! - in der That Benno ... Die Post selbst fuhr weiter ... Aber Benno war sogleich in den Roland getreten und nun hielt die Post vor den Vier Jahreszeiten . Hier sprang ein zweiter Passagier heraus ... Alles das sah Angelika , aber nicht Armgart mehr . Armgart zog die Freundin mit sich fort - ohne daß die Milch bezahlt war ! Benno könnte ja so leicht zu den drei Birnbäumen hinaufgehen wollen - » unnützerweise « , sagte sie - sie müßten also zu ihm . Der Weg ging durch das Haus ; nun - » schliff sie sich ab « in ihrer Art , an jedem , der ihr in den Weg kam , an Kellnern , die Kaffeegeschirr trugen , am Wirth , der dem neuangekommenen Fremden die besten Zimmer seines Hotels zeigen wollte , an diesem Fremden selbst , der sie mit neugieriger Theilnahme musterte . Sie flog voraus zum Roland und nicht etwa in dem Ueberwallen eines durch das Wiedersehen beglückten liebenden Herzens , sondern weil der » gute Mensch und Vetter sie ja möglicherweise irgendwo suchen könnte , wo sie gar nicht war « ... Alles das sah Angelika mit Entsetzen , zahlte , ließ ganz gegen ihre Gewohnheit einige herauszubekommende Pfennige im Stich und kam nur eilends nach und gerade noch zur rechten Zeit , um die schon über die ersten freudigen Begrüßungen Hinausgekommenen zu trennen mit den Worten : Halt Armgart ! Was soll das ? Der Brief ist an mich ! Die Adresse eines von Armgart schon halb erbrochenen Briefes war allerdings an » Demoiselle Angelika Müller « ... Aber vom Onkel Dechanten ist doch der Brief ! rief Armgart und mit wiederholtem : Was schreibt er denn ? folgte sie Angelika , die zur Seite abgewandt schon mitten auf der Landstraße zu lesen begann ... Und im Grunde besaß Angelika ganz die Spannung , wie Armgart , wenn sie dieselbe auch nicht eingestand . Benno stand inzwischen in bestäubten Reisekleidern vor dem Wirthshause zum Roland und sprach mit dem Wirth , der ganz besonders erwartungsvoll seinem Eintritt entgegengeharrt zu haben schien . Als Armgart gleich mit ihrem Taschentuch ihn abzustäuben begonnen , hatte Herr Zapf mit mächtiger Stimme dem Hausknecht gerufen . In Kurzem war Benno befähigt , die Damen begleiten zu können . Im Lesen vertieft und sogar des Chausseegrabens nicht achtend , schob sich Angelika querwärts in die Anhöhen hinauf . Armgart mit der Linken zurückdrängend , hielt sie mit der Rechten den Brief versteckt und lehnte jetzt schon eine Mittheilung zu machen ab . Müßte sie doch selbst erst ganz orientirt sein , sagte sie , und dann noch hinge jede Entscheidung von dem Pfarrer Engeltraut ab und von den Englischen Fräulein ... und sie wisse ja das alles , was Anstand und Hausregel in Lindenwerth mit sich brächten ! Armgart faltete die Hände gen Himmel ... Benno suchte von dem Wirth loszukommen , der ihn in emsigem Gespräch begleitete ... Das wußte schon Armgart von der ersten Begrüßung her , auf ihr laut gerufenes : Hier ! Hier ! der Brief war an Benno aus der Residenz des Kirchenfürsten nachgeschickt worden , der Dechant hatte ihm diese Zeilen übersandt als Einschluß einer umgehenden Antwort auf die Mittheilung über den Tod der der Dechanei seit Jahren fremd gewordenen Hauptmännin von Buschbeck ... Er hatte geschrieben , daß er einige Tage lang suchen würde die Zeitungen zu verbergen , um die Tante auf eine nur allmähliche Art mit einer Begebenheit bekannt zu machen , die bei ihrem » zartfühlenden Herzen « eine gewaltige Erschütterung und » allerlei Hausjammer « in Aussicht stellte ... Den Brief an » Demoiselle Angelika Müller « hatte er ihm zu zweckmäßigster Besorgung beigelegt , weil er die Regel solcher Pensionate zu kennen erklärte , daß die Vorsteherinnen alle Briefe , die kämen und gingen , erst selbst zu lesen begehrten ... Daß er dabei die Lage einer Lehrerin mit derjenigen einer Schülerin verwechselte , bewies die wirkliche Aufregung , in der sich der alte Herr befand . Armgart bat und bat : Was schreibt der Dechant ? Reist der Vater nach Wien ? Wenn er mir verspricht , mich mit nach Wien zu nehmen ... Dabei suchte sie mit plötzlicher List den Brief zu erhaschen ... Armgart , nun kein Wort weiter ! sagte Angelika und verbarg den Brief sorgfältigst . Ich habe geloben müssen , dich von keinem Schritt der Deinigen einseitig in Kenntniß zu setzen ! Deine ganze Familie ist betheiligt ! Alle sind sie es , die dich lieben ! Morgen das Weitere nach der Messe ! Und nun genug davon ! Jetzt war es doch für Armgart ein Gefühl , als hätte sie sich auf die abschüssige Anhöhe werfen müssen und sagen : Nun , guter Gott , so laß mich sinken , sinken immer abwärts - bis in die Tiefen des Meers ! Benno hatte Mitleid mit dem lieblichen Kinde , dessen Natürlichkeit sich in keiner Regung ihres Gemüthes verleugnete . Sie sah wie eine von den bittersten Leiden der Seele Gefolterte und sich nun wirklich Ergebende so verklärt , so durchgeistigt aus , daß der von ihr mit einem ihr unbewußten Aufschlag der schönen Augen auf ihn gerichtete wehmüthige Bitteblick ihm das Herz mit Schmerz und Wonne zugleich erfüllte . Um den Ton zur Heiterkeit zurückzuführen , hätte er von diesen und jenen Dingen beginnen dürfen . Doch war er zartfühlend und Menschenkenner genug , die Richtung der Gedanken , die in Armgart ' s Seele lebten , nicht zu verlassen . Von Wien sprechen Sie ? sagte er . Vielleicht ist der fremde Herr da , mit dem ich fuhr , schon der Kurier Ihrer lieben Mutter ! Armgart blickte mit lächelnder Ergebung auf die Vier Jahreszeiten ... Wirklich ! Wirklich ! Er wollte nach Drusenheim zu Herrn Bernhard Fuld hinüber ! Wo eine Dame in den Gasthöfen da am besten aufgehoben wäre , fragte er . Sein Accent war wienerisch . Angelika flüsterte schmeichelnd : Beruhige dich ! Es wird alles gut werden , Armgart ! Morgen , nach der Messe in Drusenheim , da sprech ' ich mit dem Pfarrer und dann sollst du sehen , du bist zufrieden - Gedulde dich ! Geduld ! seufzte Armgart , sich ergebend . Sie überwand sich , nicht dem Fremden nachzueilen , der in behender Weise in der That in einen Nachen sprang , um zum jenseitigen Ufer überzusetzen . Benno ' s Ruhe , Angelika ' s Festigkeit mußten Armgart zuletzt zur Besinnung bringen . Man stieg höher und wieder in die Anlagen hinauf . Benno mußte erzählen , was ihm alles seit dem Abschied an der Maximinuskapelle - dort weithin in blauer Ferne waren ihre schlanken Thürme sichtbar - und seit dem Zusammentreffen mit jener Lucinde Schwarz begegnet wäre ? Wo diese hingewollt hätte ? Wie die Manöver abgelaufen wären ? Wie dem Thiebold de Jonge die Uniform gestanden hätte ? Ob Hedemann nach Witoborn zöge ? Was der Vater überhaupt beginnen würde ? Benno , der seine Cigarren trotz alles Schmerzes von Armgart selbst ausgesucht und fast angeraucht bekam - sie lernte » Unarten « dieser Art von den Mitpensionärinnen , wenn diese den Besuch ihrer Brüder empfingen - und wenigstens die Spitze der von ihr ausgewählten biß sie noch dem » Vetter « in mechanischer Anschmiegsamkeit an all sein Thun und Lassen ab - , Benno erzählte von dem Ersteigen des St.-Wolfgangberges , von der wirklich angeknüpften Bekanntschaft mit Lucinden , von dem Zusammentreffen im Pfarrhause zu St.-Wolfgang , von dem Begräbniß des alten Mevissen , von der Entweihung des Friedhofs ... Alle diese noch nicht auf die Insel Lindenwerth gedrungenen und doch so überraschenden Thatsachen hörte Angelika voll Staunen , Armgart , da sie den Pfarrer von St.-Wolfgang betrafen , mit dem Gefühl , wie wenn sie nicht Armgart , sondern Paula wäre . Benno mußte unausgesetzt erzählen . Einen so langen , so inhaltreichen Brief hatte sie noch nie nach Westerhof geschrieben wie diesen , den sie jetzt schon couvertirt und adressirt im Geiste vor sich liegen sah ; sie betrübte sich bereits um die Vorsteherin Schwester Aloysia , die bei ihrer Censur - alle wenn auch nicht ankommenden , doch aus dem Pensionat abgehenden Briefe las in der That erst Schwester Aloysia - gewiß wieder das Schönste davon für sich genoß , dann aber eine nochmalige Abschrift zu verlangen pflegte , lorsque vous aurez supprimmé les choses inconvenantes . Aber auch für Angelika waren die Mittheilungen , die Benno in glückseliger Behaglichkeit gab , vorzugsweise überraschend . Diese ihr wohlbekannte Lucinde Schwarz , von der sie seit Hamburg nichts mehr gehört hatte , sie war bei Frau von Gülpen » Nichte « gewesen ! Einen Tag , länger nicht ! Wie konnte das anders sein , nach dem Wenigen , das sie von dieser » Abenteurerin « wußte und das sie dem Pensionate an der Maximinuskapelle wohlweislich verschwiegen hatte ! Und man müßte dann die Menschen wenig kennen , wollte man Angelika ' s eigenthümlich gezogenem und erstaunendem : Ist ' s denn möglich ? nicht eine gewisse Genugthuung anmerken , daß auch diese Gesellschafterin , wie so viele andere und vorzugsweise sie selbst , den Anforderungen der Dechanei nicht entsprochen hatte . Sie lag in den Worten : Der Dechant ist ein so lieber guter Mann ! Zugleich sollte dies Zeugniß von Frau von Gülpen das Gegentheil ausdrücken . Und so gutherzig Angelika war , die Verbindung , in die Benno die neueste Zeitungskunde von dem Mord in der Stadt mit dem Stolze der Frau von Gülpen brachte , verbreitete selbst über ihre , freilich von Staunen und Schreck überschauerten Gesichtszüge doch zuletzt ein gewisses Aufleuchten schadenfrohen Behagens . Alledem hörte Armgart nur sinnend zu . Benno hatte in seinem Wesen etwas Milderndes und Beruhigendes wie für andere so auch für sie . Sie hätte seine Hand ergreifen und sie wie die eines Bruders halten können ... Seine Mittheilungen über Bonaventura ' s Anwesenheit in der Residenz des Kirchenfürsten , die wahrscheinliche Beförderung und Ansiedelung desselben in dieser Stadt , alles das waren Thatsachen , die ihr Ohr buchstabenweise aufnahm , nur um die für Paula bestimmte Depesche so inhaltreich wie möglich zu machen . Erzählen Sie mir jetzt von meinem Vater ! sagte sie dann , als Angelika etwas zurückblieb . Wie fanden Sie ihn ? Ist er so , wie ihn Hedemann schilderte ? Ohne Zweifel ... antwortete Benno zerstreut ... Mit Armgart allein zu sein , ließ ihn erhöhter den ganzen Reiz ihrer Erscheinung fühlen . Ist er groß , so etwa wie - wie Hedemann ? Hedemann war untersetzt , sie hatte » wie Sie « sagen wollen ... Um einen halben Kopf höher , sagte Benno ; aber ebenso wetterbraun , ebenso breitschultrig und - wie soll ich sagen - ganz so englisch ! Ist Hedemann Schiffssteuermann , so ist Ihr Vater Kapitän oder Commodore ! Unsere vaterländische Art von drüben hat die passendste Anwendung gefunden ... Wie so ? Unser Land ist ja drüben fast wie ein Meer ! Die unermeßliche Heide , das Ackerfeld , der Torfmoor - alles das ist ein Meer des Landes . Auf dem schwimmen wir mit unsern Höfen wüst und einsam . Nicht einmal ordentliche Städte haben wir . Nicht einmal ordentliche Dörfer . Ein Fahrzeug segelt auf gut Glück am andern vorüber . Unser Volk ist ein seefahrend Volk der Heide ... So ! So ! ... sagte Armgart . Seltsam ! Ich hasse alles Englische ... Benno erwiderte lachend : Ja die englische Aussprache ist schwer ! Die Asche seiner Cigarre drückte er jetzt schon an einem der drei Birnbäume ab ... Nein - darum nicht - ! fuhr Armgart ohne alle Reizbarkeit fort ... Aber das Englische hassen ? Und das sagen Sie bei Englischen Fräulein ? Die verließen schon vor hundert Jahren England , um in Deutschland unserm Gott besser dienen zu können ! Sehen Sie , alle diese Engländerinnen hier ringsum jetzt , die blieben am liebsten auch wie Mary Ward in Rom und bei uns , um katholisch zu sein ! Ich weiß das ! Sie wissen das ? Benno verließ den verfänglichen Gegenstand und regte die Phantasie seiner Begleiterin lieber mit allen Abenteuern an , die ihr Vater und sein Freund oder Diener ihm erzählt hatten . Sie hätten Seltenes erlebt , Tapferes geleistet , auch Pensionen dafür gewonnen und stünden unter dem kleinen , beschränkten Volk in Kocher am Fall wie zwei Riesen da , die man auf Jahrmärkten zeigte ... Benno wollte bei diesen Berichten vielleicht nur hören , ob Armgart nicht nach Thiebold de Jonge fragen würde ... Angelika kam inzwischen näher ... Sie hatte auf ein Ausruhen gerechnet und fand nun die Wandelnden bereits schon wieder über die Birnbäume hinaus . Ei , was ist denn das da unten ? Sehen Sie ! Im Fluß ! Da taucht ' s auf ! Nun ist ' s wieder fort ! Geben Sie Acht , da unten kommt ' s wieder ! Mit jener Sorglosigkeit , die der Jugend auch eben nur dann eigen ist , wenn sie gleichsam ahnt , daß es zu Geständnissen des Herzens noch lange , lange Zeit bleibt und nichts ihm verloren geht , verlangte Armgart plötzlich die Anerkennung ihrer Sehkraft ... Unten im Kahne hatte sich auch Tönneschen aus dem Schilf aufgerafft und warf mit Steinen vom Uferrande über den Wasserspiegel hinweg ... Das seh ' ich wol ! Der wirst Butterstollen ! sagte Benno und erinnerte Armgart an den Ententeich zwischen Schloß Westerhof und Borkenhagen ... Den kennen Sie noch ? ... Es ist ja eine wilde Ente ! ... Unsern Ententeich ? ... Sehen Sie doch nur , wie sie den Kopf aufwirft ! Rasch duckt sie ihn nieder und unterm Wasser geht ' s fort ! Sassa ! Da ist sie ! Im Nu hundert Schritte ! Wieder blickt sie auf , dreht den Kopf ! Da , da ! Guten Tag ! ... Adieu ! Glückliche Reise ! ... Nein , auf unserm Ententeich gibt ' s keine so wilde ! Mit dem Verfolgen der Wasserente , die sich Tönneschen zu treffen vergeblich bemühte und die Benno jetzt erkannte , waren beide bei Angelika wieder vorübergekommen , die sich nachdenklich gesetzt hatte und nun ernstlich zum Aufbruch und zur Rückkehr auf die Insel mahnte . Die Sonne sank schon über die westliche Bergwand ... Und nun , wie wenn Himmel und Erde in bester Ordnung und nichts auf dem Herzen wäre , weder bei ihm noch bei Armgart , durfte Benno scherzen : Ja , so gehen die Lügen durch die Welt ! Von so einer Wasserente kommen ja die Zeitungsenten ... Angelika , die über Benno ' s Erscheinen überhaupt an ihre vielgeprüfte , treue Liebe erinnert wurde , gedachte der vielen Angriffe , die Doctor Püttmeyer erleiden mußte , gedachte der Macht der Lüge in so vielen Literaturzeitungen und siel mit einem Seufzer ein : O wohl ! O wohl ! O wohl ! Dann stellte sie einige Erkundigungen nach Büchern an , wollte von den Ereignissen der Politik hören , von der Burschenschaft , um die Dr. Püttmeyer auch ein Jahr » Köpenick « erduldet hatte