Geschwister , sagte sie , und andere Leute . Mathilde , liebst du denn auch mich ? erwiderte ich . Ich hatte sie nie du genannt , ich wußte auch nicht , wie mir die Worte in den Mund kamen , es war , als wären sie mir durch eine fremde Macht hineingelegt worden . Kaum hatte ich sie gesagt , so rief sie : Gustav , Gustav , so außerordentlich , wie es gar nicht auszusprechen ist . Mir brachen die heftigsten Tränen hervor . Da flog sie auf mich zu , drückte die sanften Lippen auf meinen Mund und schlang die jungen Arme um meinen Nacken . Ich umfaßte sie auch und drückte die schlanke Gestalt so heftig an mich , daß ich meinte , sie nicht loslassen zu können . Sie zitterte in meinen Armen und seufzte . Von jetzt an war mir in der ganzen Welt nichts teurer als dieses süße Kind . Als wir uns losgelassen hatten , als sie vor mir stand , erglühend in unsäglicher Scham , gestreift von den Lichtern und Schatten des Weinlaubes , und als sich , da sie den süßen Atem zog , ihr Busen hob und senkte : war ich wie bezaubert , kein Kind stand mehr vor mir , sondern eine vollendete Jungfrau , der ich Ehrfurcht schuldig war . Ich fühlte mich beklommen . Nach einer Weile sagte ich : Teure , teure Mathilde . Mein teurer , teurer Gustav , antwortete sie . Ich reichte ihr die Hand und sagte : Auf immer , Mathilde . Auf ewig , antwortete sie , indem sie meine Hand faßte . In diesem Augenblicke kam Alfred auf uns herzu . Er bemerkte nichts . Wir gingen schweigend neben ihm in dem Gange dahin . Er erzählte uns , daß die Namen der Bäume , die auf weiße Blechtäfelchen geschrieben sind , welche Täfelchen an Draht von dem untersten Aste jedes Baumes hernieder hängen , von den Leuten oft sehr verunreinigt würden , daß man sie alle putzen solle und daß der Vater den Befehl erlassen sollte , daß ein jeder , der einen Baum wäscht , putzt oder dergleichen , oder der sonst eine Arbeit bei ihm verrichtet , sich sehr in Acht zu nehmen habe , daß er das Täfelchen nicht bespritzt oder sonst eine Unreinigkeit darauf bringt . Dann erzählte er uns , daß er schöne Borsdorfer Äpfel gefunden habe , welche durch einen Insektenstich zu einer früheren , beinahe vollkommenen Reife gediehen seien . Er habe sie am Stamme des Baumes zusammengelegt , und werde den Vater bitten , sie zu untersuchen , ob man sie nicht doch brauchen könne . Dann seien viele andere , welche vor der Zeit abfielen , weil die Bäume heuer mit zu viel Obst beladen wären , und ihre Kraft nicht genug ist , alle zur Reife zu bringen . Diese habe er auch zusammengelegt , so viele er in der ersten Baumreihe habe finden können . Sie werden wohl zu gar nichts tauglich sein . Er freue sich schon sehr auf den Herbst : , wo man alles das herabnehmen werde , und wo auch die schönen roten , blauen und goldgrünen Trauben von diesem Ganggeländer heruntergelesen werden würden . Es sei gar nicht mehr lange bis dahin . Wir sprachen nicht , und gingen einige Male in dem Gange mit ihm hin und wider . Die große Erregung hatte sich ein wenig gelegt , und wir gingen in das Haus . Ich ging aber nicht mit Mathilden zu ihrer Mutter , wie ich sonst immer getan hatte , sondern nachdem ich Alfred in sein Zimmer geschickt hatte , schweifte ich durch die Büsche herum , und ging immer wieder auf den Platz , von welchem ich die Fenster sehen konnte , innerhalb welcher die teuerste aller Gestalten verweilte . Ich meinte , ich müsse sie durch mein Sehnen zu mir herausziehen können . Es war erst ein Augenblick , seit wir uns getrennt hatten , und mir erschien es so lange . Ich glaubte , ohne sie nicht bestehen zu können , ich glaubte , jede Zeit sei ein verlornes Gut , in welcher ich das holde , schlanke Mädchen nicht an mein Herz drückte . Ich hatte früher nie irgend ein Mädchen bei der Hand gefaßt als meine Schwester , ich hatte nie mit einem ein liebes Wort geredet oder einen freundlichen Blick gewechselt . Dieses Gefühl war jetzt wie ein Sturmwind über mich gekommen . Ich glaubte sie durch die Mauern in ihrem Zimmer gehen sehen zu müssen mit dem langen kornblumenblauen Kleide , mit den glanzvollen Augen und dem rosenherrlichen Munde . Es bewegte sich der Fenstervorhang ; aber sie war nicht an demselben , es schimmerte an dem Glase wie von einem rosigen Angesichte ; aber es war nur ein schiefes Hereinleuchten der beginnenden Abendröte gewesen . Ich ging wieder durch die Büsche , ich ging durch den Weinlaubengang in den Obstgarten , der Weinlaubengang war mir jetzt ein fremdwichtiges Ding , wie ein Palast aus dem fernsten Morgenlande . Ich ging durch das Haselnußgebüsch zu dem Rosenhause , es war , als blühten und glühten alle Rosen um das Haus , obwohl nur die grünen Blätter und die Ranken um dasselbe waren . Ich ging wieder zu unserem Wohnhause zurück , und ging auf den Platz , von dem ich Mathildens Fenster sehen mußte . Sie beugte sich aus einem heraus und suchte mit den Augen . Als sie mich erblickt hatte , fuhr sie zurück . Auch mir war es gewesen da ich die holde Gestalt sah , als hatte mich ein Wetterstrahl getroffen . Ich ging wieder in die Büsche . Es waren Flieder in jener Gegend , die eine Strecke Rasen säumten und in ihrer Mitte eine Bank hatten , um im Schatten ruhen zu können . Zu dieser Bank ging ich immer wieder zurück . Dann ging ich wieder auf ein Fleckchen Rasen und sah gegen die Fenster . Sie beugte sich wieder heraus . Dies taten wir ungezählte Male , bis der Flieder in dem Rot der Abendröte schwamm und die Fenster wie Rubinen glänzten . Es war zauberhaft , ein süßes Geheimnis mit einander zu haben , sich seiner bewußt zu sein und es als Glut im Herzen zu hegen . Ich trug es entzückt in meine Wohnung . Als wir zum Abendessen zusammen kamen , fragte mich Mathildens Mutter : Warum seid Ihr denn heute , da Ihr mit den Kindern aus dem Garten zurückgekehrt waret , nicht mehr zu mir gegangen ? Ich vermochte auf diese Frage nicht ein Wort zu antworten ; es wurde aber nicht beachtet . Ich schlief in der ganzen Nacht kaum einige Augenblicke . Ich freute mich schon auf den Morgen , an dem ich sie wieder sehen würde . Wir trafen alle in dem Speisesaale zu dem Frühmahle zusammen . Ein Blick , ein leichtes Erröten sagte alles , sie sagten , daß wir uns besaßen , und daß wir es wußten . Den ganzen Morgen brachte ich mit Alfred im eifrigen Lernen zu . Gegen Mittag , als Gräser und Laubblätter getrocknet waren , gingen wir in den Garten . Mathilde flog mit einem Buche , in dem sie eben gelesen hatte , aus dem Hause , sie eilte auf uns zu , und wir tauschten den Blick der Einigung . Sie sah mich innig an , und ich fühlte , wie meine Empfindung aus meinen Augen strömte . Wir gingen durch den Blumengarten und durch den Gemüsegarten auf den Weinlaubengang zu . Es war , als hätten wir uns verabredet , dorthin zu gehn . Mathilde und ich sprachen gewöhnliche Dinge , und in den gewöhnlichen Dingen lag ein Sinn , den wir verstanden . Sie gab mir ein Weinblatt , und ich verbarg das Weinblatt an meinem Herzen . Ich reichte ihr ein Blümchen , und sie steckte das Blümchen in ihren Busen . Ich nahm ihr das Papierstreifchen , welches als Merkmal in ihrem Buche steckte , und behielt es bei mir . Sie wollte es wieder haben , ich gab es nicht , und sie lächelte und ließ es mir . Wir kamen in das Haselgebüsch , durchstreiften es , und traten vor die Rosen des Gartenhauses . Sie nahm einige welke Blätter ab und reinigte dadurch den Zweig . Ich tat das nämliche mit dem Nachbarzweige . Sie gab mir ein grünes Rosenblatt , ich knickte einen zarten Zweig , was eigentlich nicht erlaubt war , und gab ihr den Zweig . Sie wendete sich einen Augenblick ab , und da sie sich wieder uns zugewandt , hatte sie den Rosenzweig bei sich verborgen . Wir gingen in das Gartenhaus , sie stand an dem Tische und stützte sich mit ihrer Hand auf die Platte desselben . Ich legte meine Hand auch auf die Platte , und nach einigen Augenblicken hatten sich unsere Finger berührt . Sie stand wie eine feurige Flamme da , und mein ganzes Wesen zitterte . Im vorigen Sommer hatte ich ihr oft die Hand gereicht , um ihr über eine schwierige Stelle zu helfen , um sie auf einem schwanken Stege zu stützen , oder sie auf schmalem Pfade zu geleiten . Jetzt fürchteten wir , uns die Hände zu geben , und die Berührung war von der größten Wirkung . Es ist nicht zu sagen , woher es kommt , daß vor einem Herzen die Erde , der Himmel , die Sterne , die Sonne , das ganze Weltall verschwindet , und vor dem Herzen eines Wesens , das nur ein Mädchen ist , und das andere noch ein Kind heißen . Aber sie war wie der Stengel einer himmlischen Lilie , zaubervoll , anmutsvoll , unbegreiflich . Wir gingen wieder in das Haus , und wir gingen , ehe wir zu dem Mittagessen gerufen wurden , zu der Mutter . Bei der Mutter waren wir stiller und wortarmer als gewöhnlich . Mathilde suchte sich ein Papierstreifchen und legte es wieder an jener Stelle in das Buch , wo ich ihr das Merkzeichen herausgenommen hatte . Dann setzte sie sich zu dem Klaviere und rief einzelne Töne aus den Saiten . Alfred erzählte , was wir in dem Garten getan hatten , und berichtete der Mutter , daß wir verdorrte und unbrauchbare Blätter von den Rosenzweigen , die an den Latten des Gartenhauses angebunden sind , herabgenommen hätten . Hierauf wurden wir zu dem Mittagessen gerufen . Nachmittag war kein Spaziergang . Die Eltern gingen nicht , und ich schlug Alfred und Mathilden keinen vor . Ich nahm ein Buch eines Lieblingsdichters , las sehr lange , und feurige Tränen wie heiße Tropfen kamen öfter in meine Augen . Später saß ich auf der Bank in dem Fliedergebüsche und schaute zuweilen durch die Zweige auf die Wohnung Mathildens . Dort stand manches Mal das Mädchen , das so schön wie ein Engel war , an dem Fenster . Gegen den Abend spielte Mathilde in dem Zimmer der Mutter auf dem Klaviere sehr ernst , sehr schön und sehr ergreifend . Dann nahm sie noch die Zither , und spielte auf derselben ebenfalls . Die Saiten mußten sie so ergriffen haben , daß sie nicht aufhören konnte . Sie spielte immer fort , und die Töne wurden immer rührender , und ihre Verbindung immer natürlicher . Die Mutter lobte sie sehr . Der Vater , welcher in einem Geschäfte in der nächsten kleinen Stadt gewesen war , kam endlich auch zur Mutter , und wir blieben in dem Zimmer derselben , bis wir zu dem Abendessen gerufen wurden . Der Vater nahm Mathilden an den Arm und führte sie zärtlich in den Speisesaal . Es begann nun eine merkwürdige Zeit . In meinem und Mathildens Leben war ein Wendepunkt eingetreten . Wir hatten uns nicht verabredet , daß wir unsere Gefühle geheim halten wollen ; dennoch hielten wir sie geheim , wir hielten sie geheim vor dem Vater , vor der Mutter , vor Alfred und vor allen Menschen . Nur in Zeichen , die sich von selber gaben , und in Worten , die nur uns verständlich waren , und die wie von selber auf die Lippen kamen , machten wir sie uns gegenseitig kund . Tausend Fäden fanden sich , an denen unsere Seelen zu einander hin und her gehen konnten , und wenn wir in dem Besitze von diesen tausend Fäden waren , so fanden sich wieder tausend , und mehrten sich immer . Die Lüfte , die Gräser , die späten Blumen der Herbstwiese , die Früchte , der Ruf der Vögel , die Worte eines Buches , der Klang der Saiten , selbst das Schweigen waren unsere Boten . Und je tiefer sich das Gefühl verbergen mußte , desto gewaltiger war es , desto drängender loderte es in dem Innern . Auf Spaziergänge gingen wir drei , Mathilde , Alfred und ich , jetzt weniger als sonst , es war , als scheuten wir uns vor der Anregung . Die Mutter reichte oft den Sommerhut und munterte auf . Das war dann ein großes , ein namenloses Glück . Die ganze Welt schwamm vor den Blicken , wir gingen Seite an Seite , unsere Seelen waren verbunden , der Himmel , die Wolken , die Berge lächelten uns an , unsere Worte konnten wir hören , und wenn wir nicht sprachen , so konnten wir unsere Tritte vernehmen , und wenn auch das nicht war , oder wenn wir stille standen , so wußten wir , daß wir uns besaßen , der Besitz war ein unermeßlicher , und wenn wir nach Hause kamen , war es , als sei er noch um ein Unsägliches vermehrt worden . Wenn wir in dem Hause waren , so wurde ein Buch gereicht , in dem unsere Gefühle standen , und das andere erkannte die Gefühle , oder es wurden sprechende Musiktöne hervorgesucht , oder es wurden Blumen in den Fenstern zusammengestellt , welche von unserer Vergangenheit redeten , die so kurz und doch so lang war . Wenn wir durch den Garten gingen , wenn Alfred um einen Busch bog , wenn er in dem Gange des Weinlaubes vor uns lief , wenn er früher aus dem Haselgebüsche war als wir , wenn er uns in dem Innern des Gartenhauses allein ließ , konnten wir uns mit den Fingern berühren , konnten uns die Hand reichen , oder konnten gar Herz an Herz fliegen , uns einen Augenblick halten , die heißen Lippen an einander drücken und die Worte stammeln : Mathilde , dein auf immer und auf ewig , nur dein allein , und nur dein , nur dein allein ! O ewig dein , ewig , ewig , Gustav , dein , nur dein , und nur dein allein . Diese Augenblicke waren die allerglückseligsten . So war der tiefe Herbst gekommen . Wir hatten in dem Reste des Sommers ein Äußeres nicht vermißt . Mathilde und Alfred hatten immer weniger verlangt , in die Nachbarschaft zu fahren , und so war es gekommen , daß auch die Eltern weniger fuhren , und daß auch Fremde weniger zu uns kamen . Wenn sie aber da waren , wenn auch Alfred an den Spielen und Ergötzungen der Kinder Teil nahm , so war Mathilde doch teilnahmloser als je . Sie hielt sich ferne , wie eine , die nicht hieher gehört . Auch in ihrem körperlichen Wesen war in dieser kurzen Zeit eine große Veränderung vorgegangen . Sie war stärker geworden , ihre Wangen waren purpurner , ihre Augen glänzender geworden . Alfred liebte mich sehr . Neben seinen Eltern und seiner Schwester liebte er vielleicht nichts so sehr als mich , und ich vergalt es ihm mit ganzer Seele . Der späte Herbst war endlich dem Beginne des Winters gewichen . Wie wir sehr früh von der Stadt auf das Land gingen , so blieben wir auch sehr tief in die sinkende Jahreszeit hinein auf demselben . Alfreds Erwartung war in Erfüllung gegangen . Das Obst und die Trauben waren abgenommen worden . Auf den Zweigen der Bäume war kein Blatt mehr , und der Nebel und der Frost zogen sich durch die Gründe des Tales . Da gingen wir in die Stadt . Dort war Mathilde enger umgrenzt . Lehrer , Erziehungsstunden , Unterricht , Arbeiten drängten sich an sie heran . Ihr ganzes Wesen aber war begeisterter und getragener , und ich erschien mir reich , um vieles reicher als die Besitzer all der Häuser , der Paläste und des Glanzes der ungeheuren Stadt . Wir konnten uns nur seltener sprechen ; aber wenn sie mir auf dem Gange begegnete , wenn sie mir in dem Zimmer der Mutter einige Worte sagen konnte , wenn in der Menge das Geschick uns an einander vorüberführte , oder wenn uns ein anderer günstiger Augenblick gegeben war : dann sagten mir ihre schönen Augen , dann sagten einige Worte , wie sehr wir uns liebten , wie unveränderlich diese Liebe sei , und wie unbegrenzt unsere Seelen einander beherrschten . Sie wurde jetzt auch von andern Leuten bemerkt , und junge Männer richteten ihre Augen auf sie ; aber wenn man ihr entgegen kam , wenn ihr gehuldigt wurde , wenn man sie in einer Familie feierte : so war sie ganz ruhig gegen diese Dinge , setzte ihnen gar keine Äußerung entgegen , und ihr engelschönes Wesen sagte mir , es sagte es nur von mir verstanden , daß sie mit ihrer wundervollen Gestalt , mit der Wärme ihrer Seele und dem Glanz ihres Aufblühens nur mich beglücke , und daß es ihr Wonne mache , mich beglücken zu können . Oft , wenn ich von weiten Gängen in der Stadt zurückkehrte und zu dem Hause kam , in welchem wir wohnten , blieb ich stehen und betrachtete das Haus . Es war merkwürdiger , es war gefeit worden vor den Häusern der Stadt , und mit Rührung sah ich auf die Mauern , innerhalb welcher das Wesen wohnte , das von überirdischen Räumen gekommen war , meine Seele zu erfüllen . Mathilde sah die Vergötterung , welche ich ihr weihte , sie sah dieselbe genau auf den geheimen Wegen , auf denen ich ihre Liebe erkannte , und Freude leuchtete darüber von ihrer Stirne , welche gleichfalls nur von mir gesehen wurde . Die Eltern Mathildens fingen auch an , sie in vorzüglichere Stoffe zu kleiden , als sie bisher getan hatten , und wenn sie mit edlen Gewändern angetan vor mir stand , kam sie mir ferner und näher , fremder und angehöriger vor als sonst . Eines Tages , als ich über die Treppe unsers Hauses , welches nur von unserer Familie allein bewohnt wurde , herabging , um einen Freund zu besuchen , begegnete mir Mathilde . Sie war mit der Mutter an das Haus gefahren , die Mutter war in dem Wagen sitzen geblieben , sie aber sollte hinaufgehen , um irgend etwas zu holen . Sie war in schwarze Seide gekleidet , ein seidenes Mäntelchen war um ihre Schaltern , und aus dem Hute mit dem grünen Flore sah das blühende , durch die Kälte erfrischte Angesicht hervor . Da wir uns hinter einer Biegung der Treppe begegneten , wurde sie dunkelglühend . Ich erschrak , und sagte aber : O Mathilde , Mathilde , du himmelvolles Wesen , alle streben sie nach dir , wie wird das werden , o wie wird das werden ? ! Gustav , Gustav , antwortete sie , du bist der trefflichste von allen , du bist ihr König , du bist der Einzige , alles ist gut und herrlich , und Millionen Kräfte sollen es nicht zerreißen können . Ich ergriff ihre Hand , ein glühender Kuß , nur einen Augenblick gegeben , aber mit fest aneinandergedrückten Lippen , bekräftigte die Worte . Ich hörte ihre Seide die Treppe emporrauschen , ich aber ging die Stufen hinunter . Da ich unten die gläserne Doppeltür der Treppe geöffnet hatte , sah ich den Wagen stehen . Hinter den Fenstern desselben saß freundlich die Mutter Mathildens und sah mich an . Ich grüßte sie ehrerbietig , und ging vorüber . Ich ging nun nicht mehr zu dem Freunde , den ich hatte besuchen wollen . Mit Alfred betrieb ich das , was er zu lernen hatte , immer eifriger , ich war immer sorgsamer , daß er es gut inne habe , und legte , wo ich konnte , wie früher und in noch größerem Maße selber Hand an . Auch auf den Gang seiner Entwicklung im allgemeinen suchte ich so einzuwirken , wie es mir nur möglich war . Ich sprach sehr viel mit ihm , und ging sehr viel mit ihm um . Er schloß sich , da er es wohl wußte , daß ich ihn liebe , immer inniger an mich an , ja er schloß sich auf das innigste und fast ausschließlich an mich . Er wohnte wie auf dem Lande so auch in der Stadt neben mir . Im ersten Frühlinge fuhren wir wieder wie im vorigen Jahre nach Heinbach . Es war wieder die Veranstaltung getroffen , daß Mathilde , Alfred und ich in einem Wagen fuhren . Alfred saß wieder neben mir und schmiegte sich an mich . Mathilde saß gegenüber . Und so konnten wir uns zwei Tage mit den Augen der Liebe ungehindert ansehen , und konnten mit einander sprechen . Und wenn wir auch von gleichgültigen Dingen redeten , so hörten wir doch unsere Stimme , und in gewöhnlichen Dingen zitterte das tiefe Herz durch . Jene zwei Tage waren die glückseligsten meines Lebens . Auf dem Lande begann nun wieder ein Leben , wie es im vergangenen Jahre gewesen war . Wir waren ungebunden und konnten leichter unsere Seelen tauschen . Wir waren freier in dem Zimmer der Mutter oder in dem des Vaters , wir konnten den Garten besuchen , wir konnten unter den Bäumen des Rasenplatzes wandeln , und wir konnten spazieren gehen . Am liebsten wurde uns der Weinlaubengang . Er war ein Heiligtum geworden , seine Zweige sahen uns vertraut an , seine Blätter wurden unsere Zeugen , und durch seine Verschlingungen bebte manches tiefe Wort und wehte mancher Hauch der unergründlichsten Glückseligkeit . Fast eben so lieb war uns das Gartenhaus . Manchen Flog der Wonne deckte es mit seinen schützenden Mauern , und es umgab uns wie ein stiller Tempel , wenn wir alle drei eintraten und zwei Gemüter wallten . Wir gingen oft an diese beiden Orte . Die Verbindungsfäden wuchsen tausendfach , Mathilde wurde stets noch herrlicher , sie wurde von andern immer heißer begehrt , aber ihre Seele schloß sich nur fester an die meinige . Ich machte jetzt oft sehr große Wege allein . Wenn ich so weit war , daß ich das Haus nicht mehr sehen konnte , und wenn ich so dastand und die weißen Wolken betrachtete , die über dem Hause stehen mußten , und wenn ich auf den Wald sah , jenseits dessen das Haus sich befand , so kam eine tiefe Bewegung in mich . Und wenn ich dann nach Hause eilte , ins Innere der Mauern ging , sie da sah und an ihr die Freude des Wiedersehens erkannte , so frohlockte gleichsam springend mir das Herz in dem Busen über meinen unendlichen Besitz . Dennoch war allgemach etwas da , das wie ein Übel in mein Glück bohrte . Es nagte der Gedanke an mir , daß wir die Eltern Mathildens täuschen . Sie ahnten nicht , was bestand , und wir sagten es ihnen nicht . Immer drückender wurde mir das Gefühl , und immer ängstender lastete es auf meiner Seele . Es war wie das Unheil der Alten , welches immer größer wird , wenn man es berührt . Eines Tages , da eben die Rosenblüte war , sagte ich zu Mathilden , ich wolle zur Mutter gehen , ihr alles entdecken und sie um ihr gütiges Vorwort bei dem Vater bitten . Mathilde antwortete , das werde gut sein , sie wünsche es , und unser Glück müsse dadurch sich erst recht klären und befestigen . Ich ging nun zur Mutter Mathildens , und sagte ihr alles mit schlichten Worten , aber mit zagender Stimme . Ich habe das von Euch nicht erwartet und nicht geahnt , erwiderte sie , ich kann Euch auch einen Bescheid nicht geben . Ich muß erst mit meinem Gatten sprechen . Kommt in einer Stunde in mein Zimmer , und ich werde Euch antworten . Ich verbeugte mich , verließ ihr Gemach , und begab mich in mein Eckzimmer . Als die Stunde vorüber war , ging ich in das Besuchzimmer der Mutter Mathildens . Sie erwartete mich schon . Sie saß an ihrem Tische , um den wir uns so oft versammelt hatten . Sie bot mir auch einen Stuhl an . Nachdem ich mich gesetzt hatte , sagte sie : Mein Gatte ist mit mir gleicher Ansicht . Wir haben Euch ein Vertrauen geschenkt , das so groß war , daß wir es nicht verantworten können . Ihr gabet uns Grund zu diesem Vertrauen . Wir wollen nicht weiter darüber rechten . Aber eins muß gesprochen werden . Die Verbindung , welche ihr beide geschlossen habt , ist ohne Ziel , wenigstens ist jetzt ein Ziel nicht abzusehen . Ihr mögt wohl beide einen gleichen Anteil an der Schließung dieses Bundes haben . Aber beide dürftet ihr vielleicht an seine Folgen nicht gedacht haben , sonst könnten wir euch schwerer entschuldigen . Ihr habt euch nur eurem Gefühle hingegeben . Ich begreife das . Ich kann mir nur nicht erklären , daß ich es nicht schon früher begriffen habe . Ich habe Euch so - so sehr vertraut . Hört mich aber jetzt an . Mathilde ist noch ein Kind , es muß eine Reihe von Jahren vergehen , in denen sie noch lernen muß , was ihr für ihren einstigen Beruf not tut , es muß noch eine Reihe von Jahren vergehen , ehe sie nur begreift , was der Bund ist , den sie eben geschlossen hat . Sie ist lebhaft , sie hat ein Gefühl von ihrer Seele Besitz nehmen lassen , welches ihr angenehm ist , und welches wahrscheinlich diese ihre ganze Seele erfüllt . Sollen wir sie in diesem Gefühle befangen sein lassen in der ganzen Zeit , in der sie erst die wichtigsten Vorbereitungen zu ihrem künftigen Leben treffen muß , oder soll sie ruhiger sein , um diese Vorbereitungen in dem rechten Maße treffen zu können ? Soll das Gefühl nun fortdauern , immer fort , bis wir sagen können , daß sie Braut sei ? Wenn es fortdauert , wird es nicht peinigende Stunden bringen , da es nicht so bald in seinen natürlichen Abschluß gelangen kann , und Zweifel , Ungeduld , Vorwärtstreiben , Unmut und Schmerz in seinem Gefolge führen ? Wird es da nicht jene schönen , edlen , heitern , ruhigen Tage wegfressen , die der aufblühenden Jungfrau bestimmt sind , ehe sie den Brautkranz in ihre Haare flicht ? Sind nicht oft frühzeitige , auf weite Ziele gerichtete Neigungen die Zerstörerinnen des Lebensglückes geworden ? Wenn Ihr Mathilden liebt , wenn Ihr sie mit wahrhafter Liebe Eures Herzens liebt , könnt Ihr sie einer solchen Gefahr aussetzen wollen ? Gräbt nicht tiefes Sehnen und heftiges Fühlen durch Jahre fortgesetzt alle Kräfte des Menschen an ? Und wie , wenn die Neigung des einen schwindet , und das andere trostlos ist ? oder wenn sie in beiden ermattet und eine Leere hinter sich läßt ? Ihr werdet beide sagen , das sei bei euch nicht möglich . Ich weiß , daß ihr jetzt so fühlt , ich weiß , daß es bei euch vielleicht auch nicht möglich ist ; allein ich habe oft gesehen , daß Neigungen aufhörten und sich änderten , ja daß die stärksten Gefühle , welche allen Gewalten trotzten , dann , da sie keinen andern Widerstand mehr hatten als die zähe , immer dauernde , aufreibende Zeit , dieser stillen und unscheinbaren Gewalt unterlegen sind . Soll Mathilde - ich will sagen Eure Mathilde - dieser Möglichkeit anheim gegeben werden ? Ist ihr das Leben , in das sie jetzt mit frischer Seele hinein sieht , nicht zu gönnen ? Es ist größere Liebe , auf die eigene Seligkeit nicht achten , ja die gegenwärtige Seligkeit des geliebten Gegenstandes auch nicht achten , aber dafür das ruhige , feste und dauernde Glück desselben begründen . Das , glaube ich , ist Eure und ist Mathildens Pflicht . Ihr könnt mir nicht einwenden , daß dieses Glück durch eine Verbindung , die sogleich geschlossen wird , zu begründen sei . Wenn auch Mathildens Vermögen so groß wäre , daß daraus ein Familienbesitzstand gegründet werden könnte , wenn Ihr es auch über Euch vermöchtet , von dem Vermögen Eurer Gattin wenigstens eine Zeit hindurch zu leben , was ich bezweifle , so wäre damit doch noch nichts gewonnen , da Mathilde , wie ich sagte , die bei weitem größere Zahl von Eigenschaften noch nicht besitzt , welche eine Gattin und Mutter besitzen muß , da sie ferner nach den Ansichten , die wir über das körperliche Wohl unserer Kinder für unsere Pflicht halten , wenigstens vor sechs oder sieben Jahren sich nicht vermählen kann , und da also die Unsicherheit und Gefahr , wie ich früher sprach , auch bei dieser Eurer Behauptung für sie und Euch vorhanden wären . Da die Kinder in dem Alter Mathildens ihren Eitern ohne Bedingung zu folgen haben , und da gute Kinder , wozu ich Mathilden zähle , auch wenn es ihrem Herzen Schmerz macht , gerne folgen , weil sie der Liebe und der bessern Einsicht der Eltern vertrauen : so hätte ich nur sagen dürfen , mein Gatte und