sie etwas für ihren Sohn auszurichten hätte , und diese , indem sie mit Beschämung gestehen mußte , daß sie nicht einmal wisse , wo er sei , und sich zu diesem Geständnis nur widerstrebend verstand , bat ihn , den Sohn aufzusuchen und denselben aufzufordern , ihr Nachricht von sich zu geben , oder ihn womöglich zu bestimmen , nach Hause zu kommen . So stand Heinrich nun vor dem stattlich aussehenden blühenden Paare , welches bei aller Freundlichkeit sich nicht enthalten konnte , prüfende Blicke auf seinen schlechten Anzug zu werfen . Da es der letzte Tag ihres Aufenthaltes war und sie auf den Abend abreisen wollten , so luden sie ihn ein , mit ihnen zu gehen und die übrige Zeit noch mit ihnen zu verbringen . Sie führten ihn in den Gasthof , und Heinrich aß mit ihnen zu Mittag . Es war lange her , seit er sich an einem so wohlbesetzten Tische gesehen und feuriger Wein seine Lippen berührt . Der landsmännische Gastfreund ließ reichlich auftragen und drang wohlmeinend in ihn , es sich schmecken zu lassen , und alles dies machte Heinrich nur um so verlegener und ließ ihn seine Armut doppelt empfinden , und indem er sah , daß die jungen Eheleute das wohl bemerkten , sich in ihrer glücklichen Stimmung mäßigten und mit zartem Sinne einen der seltsamen Lage angemessenen Ton innezuhalten suchten , empfand er es wieder bitter , nicht nur selbst unglücklich zu sein , sondern durch sein so beschaffenes Dasein die heitere Stimmung anderer vorübergehend zu trüben , gleich einer Regenwolke , die über einen hellen Himmel hinzieht . Obgleich es ihn drängte , soviel als möglich von seiner Mutter sprechen zu hören , suchte er sich lange zu bezwingen und nicht durch Fragen zu verraten , daß er gar nichts von ihr wisse , bis der edle Wein , welchen der Mann genugsam strömen ließ , ihm die Zunge löste , ihn alles Widerstreben vergessen , sehnlich und unverhohlen nach der Mutter fragen ließ . Da nahm sich der Landsmann zusammen und sagte » Ich will es Ihnen nicht verhehlen , Herr Lee , daß Ihre Mutter sehr Ihrer Rückkunft bedarf , und ich würde Ihnen raten und fordere Sie sogar auf , so bald als immer möglich heimzukommen ; denn während die brave Frau den tiefsten Kummer und die Sehnsucht nach Ihnen zu verbergen sucht , sehen wir wohl , wie sie sich darin aufzehrt und Tag und Nacht nichts anderes denkt . Soviel ich jetzo sehe , wenn Sie meine Freiheit nicht übelnehmen wollen , steht es nicht zum besten mit Ihnen , und erachte ich , daß Sie in dem Stadium sind , wo die Herren Künstler allerlei durchmachen müssen , um endlich mit Ehre und stattlichem Ansehen aus der Not hervorzugehen . Unsereines hat wohl auch allerlei Strapazen auf der Wanderschaft durchzumachen oder als Anfänger harte Zeit zu erleben ; allein mit der Arbeit können wir , wenn wir nur wollen , uns jederzeit helfen , und unsere Hände sind immer so gut wie bares Geld oder gebackenes Brot und für jede Stunde eine unmittelbare Selbsthilfe , während es bei Ihnen dazu noch gutes Glück und allerlei Unerhörtes braucht , wovon ich nichts verstehe . Vorlaute und unverständige Weibsen und auch ebensolche Männer in unserer Stadt , wo es ruchbar geworden , daß Ihre Mutter große Summen an Sie gewendet und ihr eigenes Auskommen dadurch bedeutend geschmälert hat , haben es sich beikommen lassen , dieselbe hart zu tadeln hinter ihrem Rücken und auch ihr ins Gesicht ungefragt zu sagen , daß sie unrecht getan und sowohl ihrem Sohne schlecht gedient als durch solche unzukömmliche Opfer sich selbst überhoben habe . Jedermann , der Ihre Mutter kennt , weiß , daß alles eher als dieses der Fall ist , aber das unverständige Geschwätz hat sie vollends eingeschüchtert , daß sie fast mit niemand zusammenkommt und so in Einsamkeit und harter Selbstverleugnung dahinlebt . Obgleich die Nachbaren ihr manche Dienste anbieten , nimmt sie nichts an , und die Art , wie sie dies tut und wie sie ihre Sachen besorgt , hat , soviel man davon sehen kann , etwas höchst Seltsames und Schwermütigmachendes für uns Zuschauer . Sie sitzt den ganzen Tag am Fenster und spinnt , sie spinnt jahraus und - ein , als ob sie zwölf Töchter auszusteuern hätte , und zwar , wie sie sagt , damit doch mittlerweile etwas angesammelt würde und , da sie nichts anderes ansammeln könne , wenigstens ihr Sohn für sein Leben lang und für sein ganzes Haus genug Leinwand finde . Wie es scheint , glaubt sie durch diesen Vorrat weißen Tuches , das sie jedes Jahr weben läßt , Ihr Glück herbeizulocken , gleichsam wie in ein aufgespanntes Netz , damit es durch einen tüchtigen Hausstand ausgefüllt werde , oder gleichsam wie die Gelehrten und Schriftsteller durch ein Buch weißes Papier gereizt und veranlaßt werden sollen , ein gutes Werk darauf zu schreiben , oder die Maler durch eine ausgespannte Leinwand , ein schönes Stück Leben darauf zu malen . Zuweilen stützt sie ausruhend den Kopf auf die Hand und staunt unverwandt in das Land hinaus , über die Dächer weg oder in die Wolken ; wenn es aber dunkelt , so läßt sie das Rad stillstehen und bleibt so im Dunkeln sitzen , ohne Licht anzuzünden , und wenn der Mond oder ein fremder Lichtstrahl auf ihr Fenster fällt , so kann man alsdann unfehlbar ihre Gestalt in demselben sehen , wie sie immer gleich ins Weite hinausschaut . Seit Jahren geht sie in demselben braunen Kleide , welches sich gar nicht abzutragen scheint , über die Straße und hat sich streng von aller , auch der einfachsten Zier entblößt , daß es unsere Weiber ärgert , welche gewöhnt sind , sich mit der Zeit immer reicher zu kleiden anstatt schlichter , und darnach ihr Gedeihen berechnen . Wahrhaft melancholisch aber ist es anzusehen , wenn sie zuweilen ihre Betten sonnt ; anstatt sie mit Hilfe anderer auf unsern geräumigen Platz hinzutragen , wo der große Brunnen steht , schleppt sie dieselben allein auf das hohe schwarze Dach Eures Hauses , breitet sie dort an der Sonnenseite aus , geht emsig auf dem steilen Dache umher , ohne Schuhe zwar , aber bis an den Rand hin , klopft die Stücke aus , kehrt sie , schüttelt sie und hantiert dermaßen seelenallein in dieser schwindligen Höhe unter dem offenen Himmel , daß es höchst verwegen und sonderbar anzusehen ist , zumal wenn sie , einen Augenblick innehaltend , die Hand über die Augen hält und da hoch oben in der Sonne stehend in die weite Ferne hinauszieht . Ich konnte es einmal nicht länger ansehen von meinem Hofe aus , wo ich eben einen Wagen lackierte , ging hinüber , stieg bis zum Dache hinauf und hielt unter der Luke eine Anrede an sie , indem ich ihr die Gefahr ihres Tuns vorstellte und bat , doch die Hilfe anderer Leute in Anspruch zu nehmen . Sie lächelte aber nur und bedankte sich , und bin ich auch der Meinung , daß nur durch Ihre Heimkehr solche peinliche Abstinenz und Pönitenz vertrieben werden kann ! « Der wackere Mann , welcher keinen Augenblick Heinrich verächtlich behandelte , vielmehr dessen Lage mit achtungsvollem Mitgefühl für einen notwendigen Künstlerzustand hielt , aus welchem herauszukommen und dann die Herrlichkeiten des Künstlertums anzutreten nur von einem festen Wollen und Zusammenraffen Heinrichs abhinge , munterte ihn nun wiederholt auf , nach Hause zu kommen , und malte ihm aus , wie die sichere Luft der Heimat meistens in solchen Fällen eine günstige Wendung herbeiführe und dem Erfahrenen und Geprüften einen neuen Mut und zugleich einen klaren Überblick gebe , so daß er entweder gedeihlich im Lande bliebe oder , wenn es der Beruf so mit sich führe , mit neuer Kraft und größerer Zweckmäßigkeit zum zweiten Mal ausfliegen könne . Er bot ihm , indem er von der Mutter den Auftrag zu haben vorgab , die nötige Barschaft an zur Heimreise . Heinrich hatte dem Erzähler unverwandt zugehört ; statt auf die Vorschläge des braven Nachbars zu hören , dessen Anerbieten und jetziges Wesen er vor Jahren kaum geahnt hätte und den er dazumal kaum näher gekannt , sah er fort und fort die seltsamen Bilder seiner Mutter , welche der Landsmann ihm entworfen , und sie prägten sich seinem Sinne in einer goldenen sonnigen Verklärung ein , so daß er träumend ihnen nachhing . Als der Landsmann ihn endlich ermunterte und , sein Glas füllend , sein Anerbieten und seine Aufforderung wiederholte , lehnte er alles mit bescheidenem Danke ab und bat , die freundlichen Leutchen möchten seine Mutter tausendmal grüßen und nur sagen , es ginge ihm ganz ordentlich , er würde gewiß so bald immer tunlich zurückkehren . Denn das Anerbieten des Mannes zu ergreifen und in diesem Augenblicke und auf diese Weise nach der Heimat zu gehen , schien ihm ganz gewaltsam und wie aus der Schule gelaufen , ohne seine Tagesaufgabe gelöst zu haben . Er begleitete das Paar nach dem Bahnhofe und sah sie mit Hunderten von glücklichen Reisenden davonfliegen , indes er selbst traurig in die Stadt zurückkehrte , welche ihm mm vollends zu einem Aufenthalt des Elendes , der Verbannung wurde . Aber dieser Zustand war nun schon wieder ein anderer geworden als erst vor einem Tage , und durch die Begegnung mit dem Landsmanne und dessen Mitteilungen nahm sein leidendes Verhalten eine bestimmte und veredelte Gestalt , und er fühlte sich durch einen klaren notwendigen Verlauf der Dinge , durch die Erfüllung eines jeden Teilchens seiner Selbstbestimmung und Verschuldung an das ferne Elend gefesselt , während alle seine Gedanken mit tiefer Sehnsucht nach der Heimat zogen , wo er unaufhörlich das Bild seiner Mutter an dem drehenden Rade sitzen , durch die Straßen der alten Stadt gehen oder auf dem sonnbeglänzten Hausdache emporragen sah . Sein ganzes Wesen wurde von diesen Bildern und von glänzenden Vorstellungen der Heimat getränkt und durchdrungen , und die einfache Rückkehr nach derselben erschien ihm jetzt nach all den Hoffnungen und Bestrebungen das wünschenswerteste und höchste Gut , welches doch wiederum durch eine seltsame künstlerische Gewissenhaftigkeit in eine ungewisse , fast unerreichbare Ferne gerückt wurde , durch die künstlerische Gewissenhaftigkeit nicht etwa des Malers , sondern des Menschen , welchem es unmöglich erschien , ohne Grund und Abschluß , ohne das Verdienst eines erreichten Lebens jenes Glück vom Zaune zu brechen und gewaltsam herbeizuführen . Allein das heiße Verlangen nach diesem so einfachen und natürlichen Gute wirkte so mächtig in ihm , daß in tiefer Nacht , wenn der Schlaf ihn endlich heimgesucht , eine schöpferische Traumwelt lebendig wurde und durch die glühendsten Farben , durch den reichsten Gestaltenwechsel und durch die seligsten , mit dem allerausgesuchtesten Leide gepaarten Empfindungen den Schlafenden beglückte , mit ihrer Nacherinnerung aber auch den Wachen für alles Übel vollkommen schadlos hielt und das Unerträgliche erträglich machte , ja sogar zu einer Art von bemerkenswertem Glücke umwandelte . Ganz wie es ihm einst Römer , sein unkluger und doch so erfahrener Lehrer , verkündet , sah er nun im Traume bald die Stadt , bald das schöne Dorf auf wunderbare Weise verklärt und verändert , ohne je hineingelangen zu können , oder , wenn er dort war , mit einem plötzlichen traurigen Ausgang und Erwachen . Er durchreiste die schönsten Gegenden seines Vaterlandes , welche er in der Wirklichkeit nie gesehen , sah die Gebirge , Täler und Ströme mit wohlbekannten und doch ganz unerhörten Namen , die wie Musik klangen und doch etwas kindisch Komisches an sich hatten , wie es nur der Traum gebären kann ; er näherte sich allmählich der Stadt , worin das Vaterhaus lag , auf wunderbaren Wegen , am Rande breiter Ströme , auf denen jede Welle einen schwimmenden Rosenstock trug , so daß unter dem dahinziehenden Rosenwalde das Wasser kaum hindurchfunkelte . Ein Landmann pflügte mit einem goldenen Pfluge am Ufer mit milchweißen Ochsen , unter deren Tritten große Kornblumen aufsproßten ; die Furche füllte sich mit goldenen Körnern , welche der Bauer , indem er mit der einen Hand den Pflug lenkte , mit der anderen aufschöpfte und weithin in die Luft warf , worauf sie in einem goldenen Regen über Heinrich herabfielen ! der sie in seinem Hute auffing und sah , daß sie sich in lauter goldene Schaumünzen verwandelten , auf welchen ein alter Schweizer mit dem Schwerte geprägt war und mit einem sehr langen Barte . Er zählte sie eifrig und konnte sie doch nicht auszählen , füllte aber alle Taschen damit ; die er nicht hineinbrachte , als sie voll waren , warf er wieder in die Luft , da verwandelte sich der Goldregen in einen prächtigen Goldfuchs , welcher wiehernd an der Erde scharrte , aus welcher dann der schönste Hafer in Haufen hervorquoll , den der Goldfuchs mutwillig verschmähte . Jedes Haferkorn war ein süßer Mandelkern , eine getrocknete Weinbeere und ein neuer Batzen , die in rote Seide zusammengewickelt und mit einem goldenen Faden zugebunden waren ; zugleich war ein Endchen Schweinsborste eingebunden , welche einen angenehm kitzelte , und indem das schöne Pferd sich behaglich darin wälzte , rief es » Der Hafer sticht mich ! der Hafer sticht mich ! « Heinrich bestieg das Pferd , ritt beschaulich am Ufer hin und sah , wie der Bauer in die Rosen hineinpflügte und mit seinem ganzen Gespann darunter versank . Die Rosen nahmen ein Ende , und während sie sich zu dichten Scharen verzogen und in die Ferne hinschwammen , eine hohe Röte am runden Horizonte ausbreitend , der Fluß aber jetzt rein und wie ein unermeßliches Band fließenden blauen Stahles erschien , fuhr der Bauer auf seinem Pfluge , der sich in ein Schiff verwandelt hatte , dessen Steuer sich aus der goldenen Pflugschar formierte , singend dahin und sang » Das Alpenglühen rückt aus und geht ums Vaterland herum ! « Dann bohrte er eifrig ein Loch in den Schiffboden ; dann steckte er das eherne Mundstück einer Trompete an das Loch , sog einen Augenblick kräftig daran , worauf es mächtig erklang , gleich einem Harsthorn , und einen glänzenden Wasserstrahl ausstieß , der den herrlichsten Springbrunnen in dem fahrenden Schifflein bildete . Der Bauer nahm den Brunnenstrahl , setzte sich , auf den Rand des Schiffes und schmiedete auf seinen Knien und mit der rechten Faust ein mächtiges Schwert daraus , daß die Funken nur so stoben . Als das Schwert fertig war , probierte er es an einem ausgerupften Barthaar und überreichte es höflich sich selbst , der plötzlich als jener dicke Wirt ihm gegenüberstand , welcher an jenem Volksfeste den Wilhelm Tell vorgestellt Dieser nahm das Schwert , schwang es und sang mächtig : » Heio heio ! bin auch noch do Und immer meines Schießens froh ! Heio heio ! die Zeit ist weit , Der Pfeil des Tellen fleugt noch heut ! Heio heio ! seht ihr ihn nicht ? Dort oben fliegt er hoch im Licht ! Man weiß nicht , wo er steckenbleibt , Heio heio ! ' s ist , wie man ' s treibt ! « Dann hieb der dicke Tell mit dem Schwerte von der Schiffswand , die nun eine Speckseite war , urplötzlich einen dicken Span herunter und trat mit demselben feierlich in die Kajüte , um einen Imbiß zu halten . Heinrich ritt nun auf seinem Goldfuchs in das Dorf ein , darin sein Oheim wohnte ; es sah ganz fremd aus , die Häuser waren neu gebaut und alle Kamine rauchten , indessen die Bewohner sämtlich hinter den hellen Fenstern zu erblicken waren , wie sie eifrig um den Tisch herum saßen und aßen , keine Seele sich aber auf der Straße sehen ließ und ihn also auch niemand bemerkte . Dessen war er aber höchlich froh ; denn er entdeckte erst jetzt , daß er auf seinem leuchtenden Pferde noch die alten abgeschabten und anbrüchigen Kleider anhatte . Er bestrebte sich , desnahen auch , ungesehen hinter das Haus des Oheims zu gelangen ; aber wie wunderte er sich , als dieses über und über mit Efeu bewachsen und außerdem noch ganz von den alten wuchtigen Nußbäumen überhangen war , so daß kein Stein und kein Ziegel zu sehen war und nur hie und da ein Stückchen Fensterscheibe durch das dichte Grün blinkte . Er sah wohl , daß sich Leute hinter denselben bewegten , aber er konnte niemanden erkennen . Der Garten war mit einer Wildnis von wuchernden Feldblumen bedeckt , aus denen die alten verwilderten Gartenstauden baumhoch emporragten , und Schwärme wild gewordener Bienen brausten auf dieser Blumenwildnis umher . Im Bienenhause aber lag sein alter Liebesbrief , den der Wind einst dahin getragen , vergilbt und vom Wetter zugerichtet , ohne daß ihn die Jahre her jemand gefunden , obgleich er offen dalag ; er nahm ihn und wollte ihn entfalten , da riß ihn jemand aus seiner Hand , und als er sich umsah , huschte Judith damit lachend um die Ecke und küßte Heinrich aus der Entfernung durch die Luft , daß er den Kuß auf seinem Munde fühlte ; aber der Kuß verwandelte sich sogleich in ein Apfelküchlein , das er begierig aß , da er im Schlafe mächtigen Hunger empfand . Dies sah er auch sogleich ein und überlegte , daß er ja träume , daß aber der Apfelkuchen von jenen Apfeln herkomme , welche er einst küssend mit Judith zusammen gegessen . Aber das Stückchen Kuchen machte ihn erst recht heißhungrig , und er gedachte , daß es nun Zeit sei , in das Haus zu gehen , wo wohl eine gute Mahlzeit bereit sein würde . Er packte also einen schweren Mantelsack aus , welcher sich unversehens auf seinem Pferde befand , nachdem er dasselbe an einen Baum gebunden , und aus seinem Mantelsack rollten die schönsten Kleider hervor und ein feines weißes Hemd mit gestickter Brust . Wie er dieses auseinanderfaltete , wurden zwei daraus , aus den zweien vier , aus den vieren acht , kurz , eine Menge der feinsten Leitwäsche breitete sich aus , welche wieder in den Mantelsack zu packen Heinrich sich abmühte , aber vergeblich ; immer wurden es mehr Hemden und bedeckten den Boden umher , und Heinrich empfand die größte Angst , über diesem sonderbaren Geschäft von seinen Verwandten überrascht zu werden . Endlich ergriff er in der Verzweiflung eines , um es anzuziehen , und stellte sich schamhaft hinter einen Nußbaum ; aber man sah vom Hause aus an diese Stelle , und er schlich sich beklemmt hinter einen andern , und so immer fort von einem Baume zum andern , bis er , dicht an das Haus gelehnt und sich in den Efeu hineindrückend , in der größten Verwirrung und Eile den Anzug wechselte , die schönen Kleider anzog und doch fast nicht fertig damit werden konnte , und als er es endlich war , befand er sich wieder in der größten Not , wohin er das traurige Bündel der alten Kleider bergen möge . Wohin er es auch trug , immer fiel ihm ein Stück auf die Erde ; zuletzt gelang es mit saurer Mühe , das Zeug in den Bach zu werfen , wo es aber durchaus nicht talab schwimmen wollte , sondern sich immer an selber Stelle herumdrehte ganz gemächlich . Er ergriff eine verwitterte Bohnenstange , die ihm in den Händen zerbrach , und quälte sich ab , die schlechten Lumpen in die Strömung hineinzustoßen ; aber die morsche Stange brach und brach immer wieder und zersplitterte bis auf das letzte Stümpfchen . Da berührte ein süßer duftiger Hauch seine Wangen , den er so recht durch allen Traum hindurch empfand , und Anna stand vor ihm und führte ihn freundlich in das grüne Haus hinein . Er stieg Hand in Hand mit ihr die Treppe hinauf und trat in die Stube , wo der Oheim , die Tante , die Basen und die Vettern sämtlich versammelt waren und ihn herzlich begrüßten . Er sah sich aufatmend um ; die alte Wohnung war ganz neu und sonntäglich aufgeputzt , manches neue , ihm noch unbekannte Möbel , wie es im Laufe der Jahre wohl in ein Haus kommt , stand da , und es war so sonnenhell in dem Gemach , daß Heinrich nicht begriff , wie durch den dicken Efeu all das Licht herkomme . Der Oheim und die Tante waren in ihren besten Jahren , die Bäschen und die Vettern lustig und blühender als je , der Schulmeister ebenfalls ein sehr schöner Mann und aufgeräumt wie ein Jüngling , und Anna war als Mädchen von vierzehn Jahren in jenem rotgeblümten Kleide und mit der lieblichen Halskrause . Was aber sehr sonderbar war alle , Anna nicht ausgenommen , trugen lange feine kölnische Pfeifen in den Händen und rauchten einen wohlriechenden Tabak und Heinrich ebenfalls . Dabei standen sie , die Verstorbenen und die noch Lebendigen , keinen Augenblick still , sondern gingen mit freundlichen frohen Mienen unablässig die Stube auf und nieder , hin und her , und dazwischen niedrig am Boden die zahlreichen Jagdhunde , das Reh , der Marder , zahme Falken und Tauben in friedlicher Eintracht , nur daß die Tiere den entgegengesetzten Strich mit den Menschen gingen und so ein wunderbares Weben durcheinanderging Der große Nußbaumtisch war mit dem schönsten weißen Damasttuche gedeckt und mit einer duftenden vollaufgerüsteten Mahlzeit besetzt , an welche aber niemand rührte . Heinrich konnte kaum erwarten , bis man sich zu Tische setze , so wässerte ihm der Mund , und unterdessen sagte er zum Oheim » Ei , Ihr scheint es Euch da recht wohl sein zu lassen ! « - » Versteht sich ! « sagte der , und alle wiederholten » Versteht sich ! « mit angenehm klingender Stimme . Plötzlich befahl der Oheim , daß man zu Tische sitze , und alle stellten die Pfeifen pyramidenweise zusammen auf den Boden , je drei und drei , wie die Soldaten die Gewehre . Darauf schienen sie unversehens wieder zu vergessen , daß sie sich eigentlich zu Tisch setzen wollten , zum großen Verdruß Heinrichs ; denn sie gingen nun ohne die Pfeifen wieder umher und fingen allmählich an zu singen , und Heinrich sang mit : » Wir träumen , wir träumen , Wir träumen , träumen , träumen , Wir säumen , träumen , säumen , Wir eilen und wir weilen , Wir weilen und wir eilen , Sind da und sind doch dort , Wir gehen bleibend fort , Wem konveniert es nicht ? Wie schön ist dies Gedicht ! Hallo , hallo ! Es lebe , was auf Erden stolziert in grüner Tracht , Die Wälder und die Felder , die Jäger und die Jagd ! « Diese merkwürdige Traumkomposition sangen die Weiber und Männer mit wundervoller Harmonie und Lust , und das Hallo stimmte der Oheim mit gewaltiger Stimme an , so daß die ganze Schar mit verstärktem Gesange darein tönte und rauschte und zugleich , blässer und blässer werdend , sich in einen wirren Nebel auflöste , während Heinrich bitterlich weinte und schluchzte und die Tränen stromweis flossen . Er erwachte in Tränen gebadet , und sein schlechtes Lager , welches seine jetzigen Wirtsleute , weil er nicht bezahlen konnte , lange nicht aufgefrischt , war vor . Tränen benetzt . Als er diese mit Mühe getrocknet , war das erste , dessen er sich erinnerte , der wohlbesetzte Tisch , der ihm so schnöde entschwunden , und erst dann fiel ihm nach und nach der ganze Traum bei , und er schlief voll Sehnsucht hurtig wieder ein , um nur schnell wieder in das gelobte Land zu kommen und die Heimreise zu vollenden . Er fand sich in einem großen Walde wieder und ging auf einem wunderlichen schmalen Brettersteig , welcher sich hoch durch die Äste und Baumkronen wand , eine Art endlosen hängenden Brückenbaues , indessen der bequeme Boden unten unbenutzt blieb . Aber es war schön , hinabzuschauen auf denselben , da er ganz aus grünem Moose bestand , welches in tiefer Dunkelheit lag . Auf dem Moose wuchsen Tausende von einzelnen sternförmigen Blumen auf schwankem Stengel , die sich immer dem oben gehenden Beschauer zuwandten ; im Schatten jeder Blume stand ein kleines Bergmännchen , welches mittelst eines in einem goldenen Laternchen eingefaßten Karfunkels die nächste Blume beleuchtete , daß sie aus der Tiefe glänzte wie ein blauer oder roter Stern , und indem sich die Blumengestirne langsamer oder schneller drehten , gingen die Männchen mit ihren Laternchen um sie herum und lenkten sorgfältig den Lichtstrahl auf den Kelch . Jede Blume hatte ihr eigenes Männchen , und das kreisende Leuchten in der dunklen Tiefe sah sich von dem hohen Bretterwege wie ein unterirdischer Sternhimmel an , nur daß er grün war und die Sterne in allen Farben strahlten . Heinrich ging entzückt auf seiner Hängebrücke weiter und schlug sich tapfer durch die Buchen- und Eichenkronen , manchmal kam er in eine Föhrengruppe hinein , welche etwas lichter war , und das purpurrote , von der Sonne durchglühte , stark duftende Holzwerk der Fichtenkronen bot einen fabelhaften Anblick und Aufenthalt , da es wie künstlich bearbeitet , gezimmert und mit wunderlichem Bildwerk verziert erschien und doch natürliches Astwerk war . Manchmal führte der Steg auch ganz über die Bäume hinweg unter den offenen Himmel und Sonnenschein , und Heinrich stellte sich auf das schwanke Geländer , um zu sehen , wo es hinausginge ; aber nichts war zu erblicken als ein endlos Meer von grünen Baumwipfeln , so weit das Auge reichte , auf dem der heiße Sommertag flimmerte und Abertausende von wilden Tauben , Hähern , Mandelkrähen , Finken , Weihen und Dohlen herumschwärmten , und das Wunderbare war nur , daß man auch die allerfernsten Vögel deutlich erkannte und ihre glänzenden Farben unterscheiden konnte . Nachdem Heinrich sich sattsam umgeschaut , ging er weiter und schaute wieder in die Tiefe , wo er jetzt eine noch viel tiefere Felsschlacht entdeckte , die aber für sich allein gänzlich von der Sonne erhellt war , welche durch irgendeine Bergspalte hereinbrach . Auf dem Grunde war eine kleine Wiese an einem klaren Bache ; mitten auf der Wiese saß auf ihrem kleinen Strohsessel Heinrichs Mutter in einem braunen Einsiedlerkleide und mit eisgrauen Haaren . Sie war uralt und gebeugt , und Heinrich konnte ungeachtet der fernen Tiefe jeden ihrer Züge genau erkennen . Sie hütete mit einer grünenden Rute eine kleine Herde großer Silberfasanen , und wenn einer sich aus ihrem Umkreise entfernen wollte , schlug sie leise auf seine Flügel , worauf einige glänzende Federn emporschwebten und in der Sonne spielten . Am Bächlein aber stand ihr Spinnrad , das mit Schaufeln versehen und eigentlich ein kleines Mühlrad war und sich blitzschnell drehte ; sie spann nur mit der einen Hand den leuchtenden Faden , der sich nicht auf die Spule wickelte , sondern kreuz und quer an dem Abhange herumzog und Sich da sogleich zu großen Flächen blendender Leinwand bildete . Diese stieg höher und höher hinan , und plötzich fühlte Heinrich ein schweres Gewicht auf seiner Schulter und entdeckte , daß er den vergessenen Mantelsack trug , der von den feinen Hemden ganz geschwollen war . Indem er sich mühselig damit schleppte , sah er , wie die Fasanen plötzlich schöne Bettstücke waren , die seine Mutter sonnte und eifrig ausklopfte . Dann nahm sie dieselben zusammen und trug sie geschäftig herum und eines ums andere in den Berg hinein . Wenn sie wieder herauskam , so schaute sie mit der Hand über den Augen sich um und sang : » Mein Sohn , mein Sohn , O schöner Ton ! Wie schön er verhallt Im tönenden Wald ! Mein Sohn , mein Sohn geht durch den Wald ! « Ihre Stimme tönte rührend hell und klingend in der weit und breiten Stille ; da ersah sie ihn plötzlich , als er hoch über der Schlacht auf seinem schwebenden Stege stand und sehnlich auf sie herabschaute . Sie stieß einen lauten , weithin verklingenden Freudenschrei aus und schwebte blitzschnell wie ein Geist davon über Stock und Stein , ohne zu gehen , so daß sie Heinrich immer in der größten Ferne zu entschwinden drohte , während er ihr vergeblich rufend nacheilte , daß die Baumkronen um ihn tanzten und sausten und der Steg sich bog und knarrte . Plötzlich war der Wald aus , und Heinrich sah sich auf dem steilen Berge stehen , welcher seiner Geburtsstadt gegenüberlag , aber welch einen Anblick bot diese ! Der Fluß war zehnmal breiter als sonst und glänzte wie ein Spiegel ; die Häuser waren alle so groß wie sonst die Münsterkirche , von der fabelhaftesten Bauart und leuchteten im Sonnenschein ; alle Fenster waren mit einer Fülle der seltensten Blumen bedeckt , die schwer über die mit Bildwerk bedeckten Mauern herabhingen , die Linden stiegen in unabsehbarer Höhe in den dunkelblauen durchsichtigen Himmel hinein , der ein einziger Edelstein schien , und die riesenhaften Lindenwipfel wehten daran hin und her , als ob sie ihn noch blanker fegen wollten , und zuletzt wuchsen sie in die durchsichtige blaue Masse hinein , daß es vollkommen anzusehen war wie die Moospflänzchen , die man im Bernstein eingeschlossen sieht , nur unendlich größer . Zwischen den ungeheuren grünen Laubmassen der Linden stiegen die beiden gotischen Türme des Münsters empor , indessen das byzantinische Schiff der Kirche wie ein Steingebirge unter der Laubmasse lag ; aber wo etwas davon sichtbar wurde , war es die künstlichste Bildhauerarbeit . Die beiden goldenen Kronen aber , welche , Heinrich wohlbekannt , die Turmknöpfe bildeten , funkelten in der Himmelshöhe und waren voll junger Mädchen , die darin tanzten . Obgleich er trotz des breiten Stromes jede Fuge an der Stadt und jedes einzelne Lindenblatt klar und scharf erkennen konnte , so konnte er doch