ein Buch . Immer Schiller im Munde . Und die Tugend , sie ist kein leerer Schall , Erzeugt in dem Hirne des Thoren ! Damit weckt sie mich alle Morgen . Bei Gott ' s ist wahr . Macht Alles die unglückliche Liebe . « - » Schade , Baron , daß Sie sich nicht auch unglücklich verlieben können . « - » Warum kann ich ' s nicht ? « - » Weil Sie zu reich sind . Wer Geld klimpern lässt , ist immer glücklich in der Liebe . « - » Sie sind ein charmanter Mensch , aber was soll mir die unglückliche Liebe ? « - » Sie könnten dann auch einmal mit der Tugend in Berührung kommen . « - » Was hab ' ich von der Berührung ? « - » Tugend vermehrt den Kredit . « Der ganze Körper des Barons zuckte in der nicht wohl zu beschreibenden Bewegung eines Gesättigten , welcher gleichgültig eine Schüssel vorüber gehen lässt , an der die Blicke der Hungrigen noch verlangend schweben . Er bedurfte nicht mehr Kredit , als er besaß . Aber auch der Satte lächelt , wenn seine Gäste die Speisen loben , die er ihnen vorgesetzt . Der Baron von Eitelbach lächelte wohlgefällig über die Bewunderung , welche man der Schönheit seiner Gemahlin zollte , während man ihre Reize mit der Comteß verglich . Zum Vortheil der ersteren , es waren Kenner , die hier urtheilten . Auf den Hacken sich wiegend , die Hände noch immer in den Taschen , die breite Unterlippe aufgeworfen , hatte er gleichgültig die Gesellschaft im andern Zimmer gemustert , während sein Ohr doch bei der Unterhaltung blieb , als er es für schicklich hielt , eine Diversion zu machen : » Sehn Sie mal , wie die Alltag eingepackt hat . Gar nicht wieder zu erkennen . « Das Kennerauge des dritten Intimus ließ sich nicht täuschen . » Vorübergehende Indisposition . Frisch begossen und die Blume ist wieder in voller Pracht . « Ueber die Indisposition lächelten die Kenner ; der Baron fühlte sich geistreich gestimmt ; er nannte die unglückliche Liebe eine Klippe für die Schönheit . Lob erntete er dafür nicht , denn die Aufmerksamkeit der Andern war wieder auf die schöne Comteß gerichtet . » Auf wen mag sie nur vigiliren ? « - » Sie ist unruhig . « - » Warum steht sie aber wie eine Schildwacht an der Thür ? « - » Muß wohl seinen Grund haben . - Halt ! sehn Sie , schon wieder - « Die drei Kenner rückten die Köpfe noch näher zusammen . Comteß hatte während des Gesprächs nochmals durch die Thürritze geblickt . » Das muß man doch rauskriegen . Welcher Magnet steckt in der andern Stube ? « Wie der Zunächststehende sich auch auf den Spitzen seiner Schuhe erhob , konnte er doch nur einen Theil des Zimmers übersehen . Da kam plötzlich ein anderer Gegenstand aus demselben , und mit vielen Verbeugungen durch die beiden Damen schlüpfend , erreichte er die beobachtende Gruppe . Der Geheimrath Lupinus von der Vogtei war gewiß nicht gefährlich , für das Auge keiner galanten Dame , die noch auf Jugend Anspruch macht ; aber je schärfer das Auge der Liebe ist , um so blinder wird es für die Gefahr , die von Beobachtern droht . Das schlaue Gesicht des Geheimraths verrieth , daß er Neuigkeiten geangelt , nnd seine freudige Miene , daß er den Markt erreicht , wo er sie absetzen konnte . » Rathen Sie ! « sprach er , sich die Hände reibend . - » Das lohnte noch der Mühe . « - » Ein neuer Gegenstand ? « - » Funkelnagelneu . « - » Raus mit der Sprache , was wissen Sie ? « - » Sehr viel . Die letzte Aventure wird nur vertuscht , aber parole d ' honneur , Sie können sich drauf verlassen , sie ist so - « » Sie meinen die mit der Schildwacht - der Kerl kann doch nicht hier sein ! « - » Ist eingestiegen , Herr Baron , so gewiß ich vor Ihnen stehe . Herr Graf verziehen die Miene , in der Garde hat man sich das Wort gegeben , nicht davon zu sprechen . Nun , ich schweige in Devotion , wenn ' s verboten ist . « - » Was geht ' s mich an , « sagte der Offizier mit einem nicht zu unterdrückenden Schmunzeln , » und wenn der Grenadier dafür Spießruthen laufen müssen , so wüsst ' er doch wofür . « - » Dazu ist ' s aber nicht gekommen . Die Disciplin hat aus Galanterie ein Auge zugedrückt . « - » Sie hat ihn wirklich ins Fenster gewinkt ? « fragte der dritte Intimus . - » In den Communs , Sie wissen doch in Potsdam die kleinen holländischen Häuschen neben dem Marmorpalais . « Der Geheimrath sprach es , mit vorgehaltener Hand , dem Fragenden fast ins Ohr . Er musste es aber mit solcher Kunst accentuiren , daß es auch den beiden Andern nicht entging . » Ja , warum hat man für Kavaliere und Hofdamen so niedrige Fenster gebaut , ça ne coûte qu ' un pas ! Warum dufteten die Linden so süß in der lauen Nacht ? Warum schlugen die Nachtigallen so verführerisch ? Warum stellt man einen jungen Grenadier , sechs Fuß hoch wie ein Apollo , vor das Kammerfenster einer schönen Hofdame ? Warum schien der Mond so sehnsüchtig und beleuchtete den jungen Mars . Da ist gar nichts bei zu verwundern , und eigentlich trägt Niemand die Schuld , denn Gott bewahre , daß er ins Fenster geklettert wäre , so ein sechsfüßiger Kerl braucht nur den Fuß hochzuheben , so ist er drin . « - » Und ? « » Das einzige Unglück war , daß die Uhren in Potsdam nicht stimmten , denn als die Ablösung kam , hatte es drinnen noch nicht voll geschlagen . « - » Dem Glücklichen schlägt keine Stunde . « - » Superbe Bemerkung des Herrn Domherrn . Die Esel - verzeihen Herr Graf , es war wohl nur der betrunkene Unteroffizier , machten Lärm , und - wie gesagt , wenn nicht glücklicherweise der junge Prinz Hohenlohe bei der Patrouille gewesen wäre - Man deckte den Mantel der Liebe über die Affaire , schmiß den Unteroffizier , weil er in der Betrunkenheit einen falschen Rapport gemacht , auf achtundvierzig Stunden ins Cachot , seine Kerls waren Stockpolen , die nicht deutsch hören und sehen können , man zeigte ihnen den Bambus , wenn sie sich einfallen ließen , etwas auszuschwatzen , was sie nicht verstehen , übrigens ein Paar Louisd ' or Schmerzensgeld Ah , Prinz Hohenlohe hat wie ein Kavalier gehandelt . « - » Und doch wusste man ' s , ehe der Morgen graute in Potsdam , schon in allen Wachtstuben . « » Meine Herren , « sagte der Garde-Offizier in vertraulich offiziösem Ton , » Diskretion ! Man wusste es auch schon am andern Morgen in Berlin , aber auf der Wachtparade gab man sich das Wort - Ich rathe auch Ihnen - « » Discretion pour jamais ! « rief der Geheimrath , den Finger an den Lippen . » Ihro Majestät die Königin darf nichts davon erfahren , « wandte er sich zu den Andern . » Die liebe Comteß , es ist doch ein gar zu charmantes Kind , und bei Licht besehen , was ist es denn ? Eine Vision , die Phantasie einer lauen Juninacht - « - « » Aber nicht die erste , « schmunzelte der Baron , » in der Dragonerkaserne wissen sie auch davon zu erzählen . « » Mon cher baron , l ' amour règne partout , aber Was bei Mondenlicht gesponnen , Verrinnt beim Licht der Sonnen . « » Der Kerl aber , der Grenadier , ist nach Warschau in ein Regiment gesteckt , « sagte der Offizier . » Und er war nicht von Mondschein gewebt , das versichere ich Sie . « » Monsieur le comte , die Erscheinung im Zimmer ist auch schwarz von Kopf bis Fuß , ordentlich spectre-artig , « nahm der Geheimrath wieder das Wort . » Das blasse Gesicht in der weißen Hand , ruht er auf dem Sopha , den Clacque auf dem Schooß , die Beine unnachahmlich hingestreckt , die andere Hand im Knopfloch am Herzen , als wenn er eine tiefe Wunde verstecken will . Soll ich Ihnen noch das schwarze Haar beschreiben , in dem zuweilen diese selbe Hand wühlt ? - Nein , die Augen sind noch dunkler . Schade nur , daß sie nicht ein einziges Mal nach der Thürritze gerichtet sind , um die andern schwarzen Augen zu sehen , die sehnsüchtig durchblicken . Je vous assure , wenn die sich begegneten , die einmal Funken zusammen schlügen , Stahl und Feuerstein - « » Hol ' Sie der Kukuk , Geheimrath , wer ist ' s ? « - » Impertinent ! « sagte eine herzutretende Dame . » C ' est affreux , « die andere . - » Il joue l ' Anglais ! « erwiderte Jene . Beide kamen durch die bewusste Thür ; die Baronin aber , am Arm die schöne Laura führend , mit ihnen zugleich . » Warum ereifern Sie sich , meine Damen ! Mir und Comteß Laura ist ' s vorhin auch so passirt . Er merkte uns erst , als wir uns neben ihm aufs Sopha setzten , und dann redete er uns für Andere an . Nicht wahr , Comteß ? « - » Er ist zerstreut , « sagte die Comteß und war es selbst . » Haben wir ' s ihm übel genommen ? - I Gott bewahre . Wenn mich Einer nicht sehen will , lass ' ich ihn stehn . « » Aber , gnädige Frau , wer ist er denn , daß er sich so etwas herausnehmen darf ? « - » Ach Gott , vom jungen Bovillard ist man weit mehr gewohnt . Erinnern Sie sich noch - « » Doch werden Sie mir zugeben , daß Damen in einer Gesellschaft wie diese mehr Conduite von Herren voraussetzen dürfen , wenn sie dahin gehören . « Der letzte Satz ward von den seinen Lippen sehr scharf betont . » Wen die Fürstin eingeladen hat , der gehört doch her . « » Mein Mann meinte , « erwiderte die Andere , die noch nicht Lust hatte , von ihrem hohen Pferde zu steigen , » es gehöre doch ein eigner Tic dazu , einen Menschen von der Renommée ihrer Société aufdringen zu wollen . Mein Mann ist sonst gar nicht skrupulös , und gegen unsre erlauchte Wirthin fällt es mir auch nicht im entferntesten ein , damit etwas gesagt zu haben . Sie wird wohl ihre Gründe haben , warum sie Leute zusammen bittet , die nicht zusammen gehören . « » Beste Frau Staatsräthin , « erwiderte die Eitelbach , » wozu wären denn die Gesellschaften , als daß sich Die zusammenfinden , die noch nicht zu einander gehören . Wenn man immer nur alte Bekannte sähe , das wäre ja langweilig . « » Philosophie , wie sie auch ist , im Munde einer schönen Frau , « erwiderte die Staatsräthin mit süßem Lächeln , » ist immer liebenswürdig . Nur begreife ich nicht , wenn der junge Herr von Bovillard so viel zu denken hat , warum er seinen Pensées gerade in einer Gesellschaft nachgeht . « » Wissen Sie , wie mir eine Gesellschaft vorkommt ? « entgegnete die Eitelbach . » Als wie eine Komödie , wo Jeder anders aussieht und anders spricht , als ihm zu Muth ist . Uns werfen sie vor , daß wir uns putzen und schnüren und auflegen und ausstopfen - Ihr Herren mögt immer laut lachen , ich seh ' s doch , wie Ihr ' s innerlich thut . Das genirt mich gar nicht , denn die Männer spielen mehr Komödie als wir . Ach Gott , wenn sie sich präpariren , liebenswürdig zu scheinen , um Einer die Cour zu machen , wo sie ' s gar nicht so meinen . Und wenn Einer vornehm thut , als hätte er eine Elle verschluckt , oder gelehrt redet , als wär ' s ein Buch , da möchte ich ihn immer fragen : warum quälst Du Dich denn ? Wenn Du raus bist , stöhnst Du doch auf und schlenkerst mit den Armen , als wenn Du den engen Rock aufreißen wolltest und denkst : Gott sei Dank , daß es aus ist . Warum hast Du denn angefangen , warum bist Du nicht gekommen , wie Du bist , und hast gesprochen , wie Dir der Schnabel gewachsen ist ? « Der Baron Eitelbach rieb sich vergnügt die Hände : » Was sagen Sie zu meiner Frau , Frau Staatsräthin ? « » Sie wird doch Ausnahmen machen . Sie ist nicht so grausam , uns Alle zu verdammen . « » Da ist Einer wie der Andere . Jetzt merk ich ' s erst , aber ich habe es längst gewusst . « » Ihren Herrn Gemahl werden Sie wenigstens ausnehmen ? « Die Baronin schien sich zu besinnen , indem sie ihn anblickte , Ihre Antwort begann mit einem lang gezogenen » Na ! - Das ist wahr , ein Petit-Maitre will er nicht sein , und die Cour macht er auch nicht , nämlich in Gesellschaften , und spricht auch nicht , als ob er die Weisheit mit Löffeln gegessen hätte , denn er macht sich nichts aus den Gelehrten , aber - « Das » Aber « der schönen Frau , als sie inne hielt , schien lautlos von allen Lippen wiederholt , nur ihr Gemahl rief es laut lachend : » Aber , Auguste , nur raus damit ! « » Ah , « rief sie rasch , » mein Mann thut jetzt , als wenn er wünschte , daß ich Alles ausplaudern sollte , weil er so thut , als ob er sich nichts draus machte . Nachher , zu Hause , und im Wagen schon , würde er mir das Kapitel lesen : Aber , Auguste , wie konntest Du wieder ! Sehn Sie , wie er das Kinn im Halstuch versteckt . Er möchte Sie glauben machen , daß er sich vor Lachen ausschüttet , aber - aber ich will keine Komödie vor Ihnen aufführen . « Das Urtheil über die Baronin lautete heute sehr verschieden . » Wer hätte es von ihr gedacht ! « sagte die Dame , welche wir als Staatsräthin angeredet hörten . » Früher nicht den Mund geöffnet , ohne eine Betise zu sagen und wirft jetzt mit Sottisen um sich ! « » Ich weiß aber nicht , « entgegnete die Andere , » ob mir das rohe Tuch nicht lieber war , als die neue Appretur im Lagerhause . « » Die sie indeß gewiß nicht dem Bügeleisen ihres Mannes verdankt , « fiel die Erste ein . » So lange sie neu ist , wird ihre Neuheit frappiren ; ich fürchte aber , daß es mit dem Glanze gehen wird , wie mit dem Tuche ihres Gemahls : nach den ersten Regengüssen wird es fadenscheinig . « Die Urtheile der Männer lauteten günstiger . Einige gingen so weit , zu behaupten , sie hätte ihren Verstand nur cachirt oder ihr Mann ihn nicht aufkommen lassen , wogegen Andere wollten , er sei vielleicht gerade durch die Reibung mit ihm ins Leben gerufen . Die Feineren lächelten : es war ja die Wirkung der Liebe . Die Flammen hatten eine Eiskruste oder Bleirinde gesprengt . Zweiundsechszigstes Kapitel . Nationalität . In einem anderen Zimmer sah man Staatsmänner , Gelehrte und Künstler sich um die Wirthin bewegen . Die Zeitverhältnisse , die Politik waren in das Gespräch gezogen , aber mit jenem Takt , der alles Bestimmte und Persönliche ausschloß . Eine jener Stimmen war hier erklungen , die damals nur wie vereinzelte Akkorde , Trompetenstöße aus einem mythischen Lande , in das Gewirr des Tages schmetterten , um später zu einem rauschenden Orgelton zu werden . Nicht daß nicht schon im Volke , unter einzelnen Gelehrten , in den Universitäten und Schulen der Ruf der Nationalität vibrirte , den später die Arndt und Andere , zu einem mächtigen Schlachtruf für die deutsche Nation erhoben , aber in den höhern Kreisen der Gesellschaft verstummten diese Töne , erstickten diese Luftzuckungen noch immer an einer ganz - andern Luftatmosphäre . Man hörte sie an , nicht ungefällig , aber vornehm Beifall lächelnd , wie man eine neue , überraschende Erfindung betrachtet , deren glänzende Erscheinung man zwar bewundert , aber die Wirksamkeit und Dauerhaftigkeit bezweifelt . Man hatte nachdenklich einem Redner zugehört , welcher gesprochen von der Heiligkeit , einem Volke anzugehören , von dem Recht auf Sprache , Sitte , eigenes Wesen , ja von der Pflicht desselben , für dieses höchste Gut sein Alles einzusetzen . Eine Nation , die gegen diese Pflicht gleichgültig werde , habe schon das Anrecht auf ihre Existenz eingebüßt . So weit ward der Sprecher verstanden , die Damen hatten Verse aus der Jungfrau von Orleans und Tell citirt . Aber als er weiter ging , und nicht sowohl den Haß gegen alles Französische , nicht allein gegen Bonaparte und seine Soldaten , gegen die Revolution und die Jakobiner empfahl , worin man ihm beigestimmt haben würde ; als er es als noch heiligere Pflicht forderte , daß der Einzelne wie das Ganze sich versenke in das , was deutsche Art und Wesen sei ; daß nur dann , wenn wir dieses wieder rein hergestellt in der Sprache , unsern Gewohnheiten , unserer Denkweise , wenn wir ganz wieder zurückgekehrt zur eigenthümlichen Anschauungsart unserer Väter , das Fremdartige , was durch Jahrhunderte sich in unser Blut gefressen , abstreifend und ausmerzend , daß nur dann Rettung sei für unsere Nation von der Fremdherrschaft : da hörte man wohl belobende Phrasen , die Meisten aber verstanden es nicht , Andere schwiegen , noch Andere schüttelten den Kopf . Der Redner hatte eine noch kühnere Hypothese aufgestellt : nur in der Nationalität sei die Wurzel der Kraft , um der Tyrannei zu widerstehen . Der corsische Riese , der mit den Flügeln des Vogels Rock die Welt umspanne , wisse was er thue , indem er das Ureigene der Nationen erdrücke , um sie in eine Allgemeinheit von gleicher Farbe , gleicher Prägung zu stampfen . Das ermatte den Lebensnerv ; woran solle die Begeisterung , der Patriotismus sich klammern , wenn ein Pfeiler nach dem andern der alten heiligen Erinnerungen , der Töne und Bilder zerbreche , an denen wir uns als Kinder gehalten ? Das unscheinend Unbedeutendste sei da von Wichtigkeit , ein altes Lied , es dünkt uns ohne Sinn , ein Sprüchwort , eine Ruine , ein dunkler Winkel , den ein Geist , eine Sage umschwebt , eine Gewöhnung , die uns albern erscheint , Alles sei doppelt bedeutend , was als Heftnadel gelten könne , um ein Volk zusammenzuhalten , in einem Augenblick , wo Alles hinarbeitet , es zu zersplittern und sein Dichten und Trachten in allgemeine Begriffe von Wohlergehen und Glückseligkeit aufzulösen . Er ging noch weiter : nur den Nationen , welche diese ihre Nationalität festgehalten , winke die Palme des Sieges . Nicht seine Insellage schütze Albion , sondern das ehrenwerthe Festhalten an den alten Sitten und Gesetzen . So sah er in Spanien eine Mauer , an welcher des Eroberers Ehrsucht scheitern müsse , er erwartete von den Basken in den Pyrenäen , daß sie die Standarte der heilig gehaltenen Volksrechte erheben würden , er blickte nach Russlands Steppen , wo eine Völkerwiege das Ureigene braue , aber seine Stimme wurde bewegt , als er von dem theuren , deutschen Vaterlande sprach , einem Volk , das sich selbst zerrissen und sich nicht wiederfinden könne , das wie Kinder , die Muscheln am Meere sammeln , alles Neue , Fremde , Glänzende aufgreife , das wie ein Schwamm die Feuchtigkeit der Luft einsauge und seine schönsten Eigenschaften zu selbstmörderischer Thätigkeit auspräge . Mit seltener Empfängnißkraft begabt , drängt seine Natur es dazu , alles Große zu bewundern , aber sein böser Geist wolle , daß es nur das Fremde bewundert ; wo die eigne Größe Anerkennung fordert , erschrecke es scheu , kalt , ängstlich , und im Mißtrauen an sich selbst zergehe die schönste Kraft . Der Redner , ein junger Mann von hoher Abkunft , hatte einen doppelten Fehler begangen . Er hatte begeistert gesprochen ; die Begeisterung gehört in keinen Salon . Er war selbst gerührt worden ; das war ein Fehler unter allen Umständen . Er hatte aber auch sein Auditorium nicht berechnet , und das war unverzeihlich . Er befand sich in Friedrichs Hauptstadt , in einem Kreise von Würdenträgern und ausgezeichneten Männern , die sich für Träger der Monarchie des großen Königs hielten , diese selbst aber für so fest , gesichert und in gutem Stande , daß es nur einiger Ausbesserungen bedürfe , aber keines Fundamentalbaues . War nicht seine ganze Rede ein einziger Angriff gegen die Schöpfung des Einzigen ? Wo war denn die Nationalität hier , die er als einzigen Anker , der Zukunft und Vergangenheit zusammenhalte , anpries ? Wo das ureigne deutsche Element ? Friedrich , der mit dem Degengriff und der Feder zerstörend in das Zerfallende hineingegriffen , hatte eine Schöpfung hingestellt , die der Gegenwart angehörte . Freilich hatte er diesen Vorwurf in seinem Sinne nicht deutlich ausgesprochen , noch begriffen es Alle , aber man fühlte es . Ein peinliches Schweigen war eingetreten . Einige Damen lobten hinter dem Rücken das sonore Organ des Redners : leise aber laut genug , daß er es hören konnte . Man begegnete ihm mit großem Respekt , aber - es galt seinem Stande . Der junge Mann fühlte sich unbehaglich , er verschwand bald ; er war noch zu Hofe geladen . Dennoch hatte sein Rede einen Eindruck hinterlassen . Ob die Fürstin das Lob der Nationalität , die Hoffnung auf Rußland , für ein Kompliment genommen ? » Was sagen Sie dazu ? « sprach sie , aus ihrem Nachsinnen erwachend , als ihr Blick auf einen Mann fiel , dessen Stirn , Auge , Haltung den Künstler nicht verkennen ließen , der sich mit dem Stolz des Bewusstseins in dem Kreise bewegte , welcher an Stand und Geburt weit über ihm stand . Aber sein Blick , seine Sprache , die Nonchalance seines Wesens bekundete , daß er sich , wenn nicht ihnen gleich , doch frei und unberührt von der Präponderanz dieser Geburts- und Standesvorzüge fühlte , ohne doch in das umgekehrte Extrem einer brusken Nichtachtung zu verfallen . Er hatte der Rede des jungen vornehmen Mannes mit zugehört , anfangs aufmerksam , dann hatte er mit dem Kammerherrn von St. Real eine Marmorgruppe betrachtet , und schien ihn jetzt auf einige Fehler derselben aufmerksam zu machen . » Ich habe , die Eloquenz admirirt , « entgegnete der Künstler . » Überhaupt , wenn in den Schulen etwas dafür gethan würde , möchte die art rhétorique auch in Deutschland Progressen machen . « - » Ich meine , was Sie zur Sache sagen . Was halten Sie von der Nationalität , Schadow ? Ein Künstler muß darüber ein Urtheil haben . « - » Meine gnädige Fürstin , « entgegnete der Bildhauer , » wenn man die Menschen nackend auszieht , so sieht Einer aus wie der Andere , und wir Skulpteurs haben ' s eigentlich nur mit nackten Menschen zu thun . « - » Aber die Rassen sind anders gebildet . Wo wären die Götterbilder der Griechen , wenn ihre Phidias und Praxiteles nur nackte Hottentotten gesehen hätten . « - » Ich parire darauf , wenn Phidias sich nur eine hübsche Hottentottin ausgesucht , er würde auch eine Venus zu Stande gekriegt haben , die unsere Amateurs admiriren müssten . Und was die Rassen betrifft , so ist unsere deutsche auch eben keine Schönheit gewesen . Nach den Deskriptions der Historiker und den Skulpturen an den Säulenbildern waren unsere barbarischen Vorfahren auch barbarisch hässlich . « - » Die Kultur also hat die Rassen veredelt . Das ist Ihre Meinung ? « - » Sie könnte noch immer etwas mehr thun , als sie gethan hat ; indessen wir Künstler dürfen es nicht zu genau nehmen . Wo wir nichts finden , borgen wir , hier einen Arm , da ein Bein , eine Hüfte , eine Schulter - « » Und das Beste thun Sie selbst hinzu , die Harmonie . Die Kunst ist Stückwerk , wie Alles unter dem Monde , der Geist muß in die Formen fahren , um ihnen eine Seele zu geben . Aber Sie wollen mich nicht verstehen und verstehen mich doch . Die Griechen waren eine Nation , die Römer - « » Die Juden sind auch eine , « fiel Schadow ein , » und doch rümpft man in der Société die Rase . « » Ich will Ihre Meinung wissen , Schadow , « sagte die Fürstin mit entschiedenem Ton . » Ihre Moquerien ein ander Mal . « » Wenn man meine Skulpturen so gütig ist zu rühmen , « sagte der Künstler , » ist ' s jetzt so Mode , ein Schwanzende dran zu setzen , daß wir uns von der französischen Imitation losreißen müssten . Ich habe auch nichts dagegen ; wer frei stehen kann , mag sich losreißen , aber ein Kind gebiert sich nicht selbst . Es ist dazu eine Mutter und ein Vater nöthig , und die mussten wieder Väter und Mütter haben . Meine ersten Väter waren die französischen Maitres , die der grand Frédéric herbeirief . Was fängt die junge Welt jetzt an gegen sie zu schwätzen ! Auch meine Jungens , der Rudolf und Wilhelm , thun ' s , seit sie den Mund aufthun können , als müsste es so sein . Habe auch nichts dagegen , denn Schwatzen gehört zum Leben , aber ich lache so im Stillen , was wäre ich denn , und was wäret Ihr und wir Alle ohne die Franzosen ! Und die Franzosen ohne die Italiener und die ohne die Griechen und Römer ! Und die Griechen vielleicht ohne die Aegypter und so weiter . « - » Sie mögen Recht haben . « » Da wollen sie jetzt auf Goldgrund malen , lange Engelsgesichter mit Wickelkinderleibern und mit Schleppkleidern , und das nennen sie deutsch , weil sie vor vierhundert Jahren , als das Gold noch wohlfeiler war , die Leinwand so angestrichen haben . Als ob der Fiesole und die Florentiner so gemalt hätten , wenn sie damals schon Besseres gesehen . « - » Sie springen ab . Ist die Nationalität Ihnen gar nichts ? « » Das Kleid , was der Mensch sich anlegt , weil wir nun einmal nicht nackt gehen sollen . Sie sagen , es schickt sich nicht , ich aber meine , weil wir zu eitel sind . Weiter nichts , um unsere Gebrechen und Unschönheiten zu bemänteln , legen wir Cotillons , Surtouts und Redingoten an . Und gar nicht nach unserer Wahl , wie wir ' s von unser Voreltern überkommen haben . Wir ändern nur den Schnitt . Und von wem kommt der ? So weit Sie zurückgehen , aus Paris . Nehmen Sie mir Stück für Stück vom Leibe , was vom Auslande stammt , und ich würde wirklich mich nicht unterstehen , in dem Kostüm , was die Natur mir lässt , vor Euer Erlaucht stehen zu bleiben . Was ist ' s nun mit der Nationalität anders , gnädigste Frau , verschieden geschnittene und gefärbte Röcke um dieselben Menschen . Freilich pressen enge Schuhe den Fuß der Chinesinnen klein , und der des Türken wächst plump in seinen weiten Pantoffeln , aber der Fuß bleibt Fuß , und mit der Sohle treten sie in Grönland auf und in Konstantinopel . Ist der Franzose ein Anderer , weil er mehr auf den Zehen geht , und wir mehr auf den Hacken ? Wo wir nun Alle bettelarm wären , und zottig umherlaufen müssten in unserer Blöße , lohnt sich ' s da , um den Schnitt und das Kostüm uns zu hassen ? Denn weiter ist die Nationalität nichts . « » Einem Bildhauer vergebe ich diese Naturauffassung . Aber Sonne , Klima , Luft wirken verschieden auf die Kreatur Die Nationen sind verschieden in Gemüthsart , Intentionen , das können Sie nicht abstreiten . « » Ja , in jedem Lehrbuch steht ' s , daß der Franzose leichtes Blut hat , der Spanier schwarzes , der Italiener heißes , der Deutsche warmes . Der Franzose ist leichtfüßig und eitel , der Italiener zänkisch und rachsüchtig und der Deutsche keusch und treu . Eigentlich brauchte man nur an den Puls zu fassen , und gleich hätte man weg , von welcher Nation Jemand ist . Schade nur , Prinzessin , daß ich in Italien die liebsten Menschen fand , von warmem Blut und dem besten Herzen , fleißig , emsig , rechtschaffene Familienväter und treue Freunde . Sollte ich sie darum hassen , oder die Franzosen , weil Montesquieu und Rousseau , weil Buffon und Laplace Franzosen waren , oder alle Deutsche darum lieben , weil sie alle grad , ehrlich , Männer von Wort , Biedermänner und keusch wie Joseph sind ? « Herr Schadow hatte dabei wie zufällig den Blick auf dem Kammerherrn von St. Real ruhen lassen , welcher etwas unruhig ward . Es giebt Thiere