. Ein Wink Rudhard ' s , ein leichtes Kopfschütteln , foderte ihn auf , fortzufahren . Siegbert las : » Dennoch nutz ' ich jede Frist , die mir die Anfälle der traurigen Krankheit , an der ich sterbe , lassen , - es ist dies Übel jenes schmerzlichste , an dem wir Frauen uns auflösen müssen - um doch irgend Etwas abzuthun , was mit meiner schwachen Kraft mir erreichbar scheint , und da bin ich zu einer ernsthaften Betrachtung gekommen , die mich darauf führt , Ihnen zu schreiben . « Sie wird Sie , unterbrach sich Siegbert , um Verzeihung bitten , daß sie Ihnen so weh gethan , Ihren aufrichtigen Sinn verkannt , Sie von Haus und Herd vertrieben hat . O nein , sagte Rudhard , mit ironischer Miene . Erwarten Sie eine solche Reue von einer Gottbegnadigten nicht ! Auch ich erwartete , daß sie vielleicht , alle religiöse Parteiung bei Seite setzend , sich auf einen rein menschlichen Standpunkt stellen und mir als Menschen , als ehemaligem Freund , als Erzieher ihres Sohnes in der letzten Stunde ein Wort der Versöhnung zurufen würde . Nein ! Davon finden Sie nichts ! Im Gegentheil , sie verharrt in ihrem Bewußtsein reinster Gottseligkeit und überläßt mir nur noch eine Gewissenspflicht , die ich nach einer allgemeinen , rein praktischen und nur klugen Auffassung des Lebens prüfen solle . Sie anerkennt in mir den rechtlichen Mann ; Das ist Alles ! Aber viel ! sagte Siegbert . Viel wenn es ein Auftrag ist , der einen rechtlichen Mann erfodert und unter Hunderten , die sie wählen konnte , Sie es sind , an den sie in der Sterbestunde dachte , Sie , der Jahre lang ihrem Gedächtnisse entrückt war . Ich bitte , lesen Sie ! sagte Rudhard ruhig und ohne den mindesten Anflug eines geschmeichelten Gefühls . » Was aus meinem unglücklichen Egon geworden , fuhr Siegbert fort , wissen Sie vielleicht ! Ich weiß , daß es Niemandem unbekannt geblieben ist . Die religiöse Weihe , die ich seiner Erziehung geben wollte , hat keinen Widerschein in seiner Seele gefunden . Mit zerrissenem Mutterherzen gesteh ' ich Ihnen , daß kein Sohn seiner Mutter geringere Aufmerksamkeit zeigt , kein Sohn die Hoffnungen seiner Ältern mehr getäuscht hat als dieser Unglückliche , Tiefverblendete ! Daß ihn die innere Haltlosigkeit seiner Seele anekelte und ihn antrieb , nicht seinem Stande gemäß zu leben , will ich nicht tadeln . Aber nicht das Gefühl der Reue ist es , was ihn veranlaßte , sich das Kleid des Handwerkers anzuziehen , sondern leere , nichtige Originalitätssucht , der schlimmste von allen Trieben nach Auszeichnung . Ich wenigstens kann nicht daran glauben , daß die Erniedrigungen , die er in Lyon und Paris über sich verhängte , aus Liebe zum Erlöser , aus Geringschätzung des Lebens , aus wirklicher Demuth kamen . Eine Zeit lang hab ' ich es geglaubt . Wie ich erfuhr , mein Egon ist von Genf nach Lyon zu Fuß gewandert , wie er mir einst einen guten , edlen Brief von dort schrieb , wie ich hörte , ihn ekle die schaale , große Welt an , er hätte fast denselben Beruf ergriffen , den Anfangs auch der Heiland von seinem Vater Joseph erlernte , - Rudhard lächelte - überkam mich eine Stimmung , die ich nicht schildern kann und doch hab ' ich sie geschildert , habe versucht , sie zu schildern und schrieb meinem Sohne einen Rückblick auf mein Leben mit der Wahrheit , die aufgedeckt ist im Buche des Lebens und zu der es mich drängt mit unwiderstehlicher Erleuchtung . Als ich diese Geständnisse kurz vor dem Augenblick , wo ich in einer Nacht glaubte , an meinem Übel sterben zu müssen , vollendet hatte , wußt ' ich nicht , wohin damit ? Du stirbst und diese Blätter , wer bringt sie dem Sohne und ruft ihm durch sie zu : Folge deinem Rufe ! Übe Demuth ! Sei was dein Heiland war ! Ach , es war Nacht um mich - die Wächterin schlief . Da griff ich nach einem alten Bilde , das meine jugendlichen Züge darstellte , es hing über meinem Bette . Es hatte ein Geheimniß , ein Kästchen , das auf einen Druck am Glase aufsprang , ein Scherz , den ich in jungen Jahren zu kleinem , verstecktem Krame benutzt hatte . Dort barg ich mein Gebet zu Gott , mein Geständniß , das ich in einigen schlaflosen und doch entzückten Nächten niedergeschrieben hatte , und glaubte nun zu sterben . « Siegbert war über die plötzliche Aufklärung des Bildes so erregt , daß ihm das Lesen der schwierigen Handschrift wunderbar von Statten ging . Er fuhr fort : » Ich starb nicht . Dies Übel ist fürchterlich , lieber Pfarrer . Es gewährt augenblickliche Pausen , wo man an Genesung glaubt und dann bricht die Macht der Zerstörung mit Hammerschlägen wieder auf die verwesenden Theile und man glaubt zu sterben , ohne es zu können . Moschus und Opium führen über die gräßlichen Krisen hinweg . Ich hatte oft Denkwürdigkeiten aus meinem Leben aufgesetzt und wenn ich Bogen vollgeschrieben hatte , sie wieder verbrannt . Sie waren nicht die reine Wahrheit , sie schlüpften ohne Reue über meine größten Sünden hinweg , ich vernichtete sie , weil ich mir vorkam wie der Pharisäer , der stolz auf seine Brust schlug und sich rühmte : Ich danke dir Gott , daß ich nicht bin wie Die ! In jenem Jubelrufe an den Sohn aber war ich wahr gewesen ; doch ich schauderte , wenn ich bedachte , was ich geschrieben ! Es war Anfangs meine Absicht , jenes Bild zu versiegeln und bei Gerichten niederzulegen . Aber dann ergriff mich ' s mit furchtbarer Angst . Wie kannst du Das von dir geben ? Wie kannst du dir die Möglichkeit nehmen , diese Blätter bei andrer Gesinnung rasch zu ergreifen und zu zerstören ? Nein , du mußt sie zur Hand haben , und schon streckte die Hand sich aus , um die Papiere zu vernichten . Da zögerte ich wieder und warf mir vor : Siehst du , daß du zitterst vor der Wahrheit ! Siehst du , daß du in Kleidern prangen willst , wie die Gerechten und deine Blöße verdeckst und sie nur Gott gestehen willst ! Als ich später Schlimmes von Egon erfuhr , dacht ' ich auch : O wie gut wäre dir ' s , Sohn , der Himmel schüttete eine Schale über dich aus , eine Schale seines Zornes und du lerntest Demuth durch äußere Dinge , da sie nicht in dir ist ! « Was sagen Sie zu dieser Selbstqual ? unterbrach Rudhard den Vorleser . Siegbert fuhr ohne zu erwidern fort : » Ich schreibe an diesem Briefe schon den dritten Tag , lieber Pfarrer . Mein Ende naht . Ich fühle Das an jenem Pochen , das nun schon oft bis an ' s Herz reicht . Ein Schlag dieses Klopfers , der gut gezielt hat , und ich bin nicht mehr . Ich habe inzwischen Manches angeordnet . Der Fürst ehrte meinen Willen und läßt die Verhältnisse Hohenberg ' s ein Jahr so geordnet , wie sie sind , wenn ich die Augen schließe . Auch die Einrichtung meiner Zimmer bleibt . Dem Sohne empfahl ich durch einige Zeilen , die wol die letzten sind , die ich an ihn richtete , wirklich das Bild und sein Geheimniß . Zugleich aber , da meine Gedanken und Gefühle in einen nimmer auszugleichenden Widerstreit gerathen sind , entschloß ich mich , über diese Papiere noch Einen zu Rathe zu ziehen , vor dem ich mich nicht scheuen würde , wenn er sie läse . Ich suchte lange , bis ich ein Wesen fand , das mir würdig schien . Ich fand zuletzt einige Würdige . Aber unter den Würdigen nur Einen , der nützlich , weltlich und klug genug schien , Sie , Rudhard . Daß Sie leben , weiß ich ; denn Ihren Tod würd ' ich in den Kirchenblättern , die ich halte , erfahren haben . Wollen Sie mir das Versprechen geben , nach meinem Hingange , aber ich beschwöre Sie , ohne Kenntnißnahme des Fürsten ! sich das Geheimniß jenes Bildes zu verschaffen und selbst zu prüfen , ob Egon diese Blätter lesen darf oder nicht ? Ihnen entdeck ' ich mich , weil ich weiß , daß Sie schweigen , wenn Sie zu schweigen gelobt haben , reden , wenn Sie zu reden gelobten . Sie werden aus diesen Blättern erkennen , warum ich Christus suchte . Halten Sie sie schädlich für Ihren Zögling , der nach Allem , was er über die Verläugnung seines Standes und den Entschluß , in Frankreich ewig als ein Arbeiter zu leben , schreibt , noch treu an Ihnen und Ihren Principien hält , so vernichten Sie sie ! Lassen Sie dann meinen Sohn das Bild und nur - ich nehme Ihr heiliges Wort - mein Lieblingsbuch , den Thomas a Kempis , darin finden . Das ist meine Bitte ! Eilen Sie , um jedem Misbrauch zuvorzukommen ! Anliegend ein Wechsel für Ihre Reise , Ihre Bemühungen ! « » Wenn Sie mir schon in Ihrer umgehenden Antwort ein aufrichtiges : Ja ! Ich vollziehe diesen Auftrag , zukommen lassen ! .. bestimm ' ich , wie Ihre Mühe noch ferner soll entschädigt werden . Eilen Sie ! Einen Anfall wie den der verwichenen Nacht überleb ' ich nicht . Viel duldend , aber freudig im Herrn Amanda Hohenberg . « Diesen Brief , ergänzte Rudhard , als Siegbert erschüttert schwieg , erhielt ich erst nach einem halben Jahre und wußte an dem Datum und einer in Odessa gelesenen Zeitungsnotiz , daß sie schon einige Tage nach Absendung desselben gestorben war . Ich gestehe Ihnen , daß mein Eifer , dem Vertrauen der Sterbenden zu entsprechen , nicht groß war . Sie waren in Odessa ! Der Entfernung wegen nicht . Die Donaudampfschiffe vermitteln das Schwarze Meer mit Deutschland ... Die Summe , die die Fürstin anwies , war bedeutend ... Diese großartige Anerkennung auf dem Sterbebette ! Sie fand in ihrem Gedächtniß keinen Redlicheren als Den , der ihre Ansichten nicht theilte , dem sie Übles gethan hatte ... Wohl ! Aber es empörte mich wieder , daß sie gerade durch diese Analyse ihres Weges , wie sie zu Christus hätte kommen müssen , sich vor mir rechtfertigen , mich vielleicht in ihrem Sinne bekehren wollte . Ich sah die ganze Frau vor mir ! Dieses Gemisch der freundlichsten Eigenschaften mit einer unglaublichen Menge eitler , unpraktischer , confuser Vorstellungen ! Ich fühlte mich so erkältet durch diese Widersprüche von ihr selbst , die bis zum Rande des Grabes angedauert hatten , daß ich meiner Unentschlossenheit um so mehr nachgab , als ich von Egon gerade damals hörte , daß er die communistischen Thorheiten , die er getrieben hatte , aufgab , wol wieder Fürst war und zu einer wahrhaft verlorenen Seele , die mir die bittersten Schmerzen schon gekostet hat , zur Gräfin d ' Azimont in eine jener Beziehungen trat , die sich die verwerfliche Moral der höheren Stände , wie das Reinste und Edelste erlaubt . Sagen Sie selbst , ob ich tadelnswerth handelte , indem ich den Ablauf des Jahres herankommen ließ , ohne mich zu eifrig zu bemühen ? Ich weiß nicht , entgegnete Siegbert , ob ich an Ihrer Stelle mich beruhigt hätte . Die Geständnisse der Fürstin waren hoffentlich nur für den Handwerker Egon bestimmt ... Rechnen Sie noch Dies , fuhr Rudhard fort , daß ich erfuhr , Egon ' s Vater hätte die ganze Einrichtung des Schlosses Hohenberg unter der Bedingung verkauft , daß von ihr nichts verändert würde bis zu seinem Tode , daß ich ferner aus den Nachrichten , die wir in Odessa über die d ' Azimont hörten , wußte , Egon hätte nicht die Absicht jemals Paris zu verlassen . Fürst Wäsämskoi wollte eine Reise hierher unternehmen und auf diese spart ' ich meine etwa noch mögliche Erfüllung der mir zugemutheten Verpflichtung auf . Der Fürst erkrankte aber auf einer Dienstreise und starb . Da bedenken Sie denn die Verwirrung , in die eine mir unendlich theure Familie gerieth ! Bedenken Sie , wie ich alle meine schwindenden Kräfte zusammenraffen mußte , um diesen Verzweifelnden Stütze und Stab zu sein ! Da gab es zu ordnen , zu rechnen , zu schreiben ... Die Reise hieher und ein längerer Aufenthalt in dieser Stadt wurde der Kinder wegen beschlossen , die hier unterrichtet werden müssen , wenn etwas von tieferer Bildung in diese gutgearteten Seelen kommen soll . Aber es verzögerte sich von Monat zu Monat . Endlich komme ich hier an , höre von Egon ' s Anwesenheit , von Helene d ' Azimont , daß sie seit einigen Tagen hier ist ... Wir richteten uns vor dem Thore in einem dort durch die Gesandtschaft schon bereit gehaltenen Gartenlogis ein und ... Nun ? sagte Siegbert gespannt , als Rudhard stockte . Nun wollt ' ich doch sehen , ob es noch möglich ist , eine vielleicht durch die Gunst des Schicksals selbst verschobene Sache wieder aufzunehmen . Ich besuchte soeben das Palais des Prinzen , höre von seiner Krankheit , lerne einen Franzosen kennen , der mir ein so lebhaftes Interesse für den Prinzen , für mich , den er als früheren Lehrer desselben schon kannte , zu besitzen schien , daß ich mich nicht scheute , ihn in das Geheimniß der Fürstin Amanda , so weit thunlich , einblicken zu lassen . Er sprach selbst von dem Bilde und nannte mir Sie und Ihren Bruder als die zufälligen gegenwärtigen Besitzer desselben , und da bin ich denn nun , um zu hören , was Sie selbst von allen diesen Dingen halten und was Sie beschlossen haben , wie es damit ferner geschehen soll . Siegbert erhob sich , ging mit einigen entschlossenen Schritten in das Nebenzimmer und kam mit dem Bilde wieder . Da ist das Bild ! sagte er . Rudhard angenehm überrascht , erkannte es sogleich als das der Fürstin in jungen Jahren . Als er aber danach langen wollte , hielt Siegbert seine Hand darauf und Rudhard trat zurück . Siegbert sprach nichts und doch lag in seinem Blicke die beredtsamste Vertheidigung seines Vorenthaltes ... Sie haben Recht , sagte Rudhard . Ich kann keine Ansprüche darauf machen . Auch nur der Anblick der Fürstin überrascht mich ! Ich sehe die Spuren dieser eigenthümlichen Frau in meinem Gedächtnisse wieder wie lebendig auftauchen . Die Unglückliche kam schon krank nach Hohenberg und doch ... das schwärmerische , schmerzlichblickende Auge rührt mich . Vergib mir , liebe Frau , ich habe einen recht bittern Groll gegen dich im Herzen gehabt , du hast mir viel Leides angethan , vergib mir , daß ich mich deinem Andenken nicht früher versöhnte und deine dargebotene Hand ergriff ! Der Tod ist hart , aber er ist nicht die Grenze unseres Lebens . Er soll nicht Alles ausgleichen . Der Tod soll Charakter haben , wie das Leben . Wann der Tod jede That des Lebens auslöschte , stünde schon seit Jahrtausenden die Geschichte still ! Sie klagen sich an , Herr Rudhard , begann Siegbert , indem Sie sich rechtfertigen wollen ! Nach meinem Gefühle haben Sie allerdings das Recht verwirkt , die in diesem Geheimniß enthaltenen Blätter zu lesen ! Aber eben wie Sie eintraten fiel mein flüchtiger Blick in diese Papiere , deren ganze Geschichte ich erst von Ihnen erfahre , und ich fühlte , daß sie Schweres , Bedeutungsvolles enthalten . Der Geist der Fürstin Amanda ruft mir zu , daß diese Blätter ungelesen aufbewahrt bleiben sollten , bis Sie kamen ... Ich würde Ihnen doch das Bild geben , wenn nur mein Bruder damit übereinstimmt ! Ihr Bruder ? wiederholte Rudhard ... Er bot Siegberten die Hand und betrachtete den jungen Mann voll Theilnahme . Er erkannte in ihm eine jener schwärmerischen Naturen , die ihm nicht ganz sympathisch waren , aber das Ehrenhafte , Würdevolle und Sanfte seiner Äußerungen gefiel ihm doch so außerordentlich , daß er eine wahre Liebe zu dem jungen Mann faßte . Nun wohlan ! sagte er . Lassen Sie es von Ihrem Bruder , dessen Ansprüche auf das Bild ich nicht kenne , abhängen ! Der Prinz wird hoffentlich genesen . Ich durchfliege dann die Blätter und auf den ersten Blick werd ' ich sehen , ob ihm diese Geständnisse einer bis über ' s Grab hinausgehenden Wahrheitsmanie oder die Bücher des Thomas a Kempis nützlicher sind . Zürnen Sie mir deswegen , daß ich die Bitte einer Sterbenden nicht sogleich erfüllte ? Ja ! sagte Siegbert mit edler Offenherzigkeit , die Rudhard anerkennen mußte . Ich wäre nicht im Stande gewesen , eine solche Bitte unausgeführt zu lassen . Werden Sie sechzig Jahre , mein junger Freund , antwortete Rudhard , indem er seinen Hut ergriff , sehen Sie erst , was Alles auf unser Urtheil , unsere Willenskraft mit Zumuthungen und Ansprüchen einstürmt und Sie werden zähe werden im Erfüllen , wie ich es bin ! Dieses Schwunges der Phantasie , mich in Odessa von allem mir Theuren loszureißen und eine Grille verkehrter Menschen auszuführen , war ich nicht fähig . Verkehrt nenn ' ich dich , arme Frau ! Vergib mir auch dies Wort ! Ich mochte nicht in deine Falle gehen , die noch nach funfzehnjähriger Trennung mir gelegt wurde , um mich zu bekehren ! Denn Das ist es , lieber Wildungen ! Was Sie auch auf flüchtigen Blick in diesen Papieren gefunden haben mögen , sie sind nur für mich berechnet , für meine Erleuchtung , für meine noch im Tode von der Proselytin des Glaubens versuchte Erschütterung der eingebildeten eigenen Vernunft ! Siegbert schwieg über diese wol zuweitgehende , aber charakteristische Vermuthung eines starren Rationalisten und schloß das Bild in einen Schrank der » Aula « . Nach einigen Worten , die die neuen Bekannten über die Erklärung Dankmar ' s und den Ort des baldigen Wiederzusammentreffens gewechselt hatten , sagte Rudhard : Woher stammen Sie denn eigentlich ? Der Name Wildungen ist mir so geläufig ! Er erinnert mich - Vielleicht an meinen Vater ? fiel Siegbert ein . Wildungen ! Wildungen ! sagte Rudhard . Er war - Pfarrer in Thaldüren und Angerode . Studirte aber mit mir - glaub ' ich .. Auf der Universität schwerlich , sagte Siegbert . Lebt ' er noch , müßt ' er erst ein Funfziger sein . Wohl ! Wohl ! sagte Rudhard . Wildungen ! Sieh ! Es war mein Schüler ... Sieh ! sieh ! mein Zeltgenosse , contubernalis von dem Stifte her , das uns bildete . Im schönen Saalthale bei Naumburg auf der Schulpforte wurden wir erzogen . Ich war Primaner und nach damaliger Sitte hatt ' ich jüngere Knaben unter meiner Aufsicht . Wildungen ! Ich entsinne mich , Otto Wildungen . Otto Wildungen ! bestätigte Siegbert bewegt . Er war mein contubernalis , sagte Rudhard . Ich mochte sechs Jahre älter sein als der kleine Quartaner , der meiner Aufsicht anvertraut wurde . Ich hatte deren drei unter meiner Obhut . In meinem alten akademischen Stammbuch hab ' ich von ihm einen Denkspruch . Als ich zur Universität ging , schrieb mir jeder der Kleinen etwas zur Erinnerung , natürlich etwas , was ich ihnen dictirte , lateinisch oder griechisch , anders verewigte man sich damals nicht in den Stammbüchern von Schulpforte , in mein Album . Siegbert bezeugte eine große Neugier , dies Erinnerungsblättchen an die früheste Jugend seines Vaters zu lesen ... Und als er gar noch vernommen hatte , daß die beiden andern contubernales des Primaners Rudhard Rodewald und Gelbsattel geheißen hatten , wuchs seine Neugier in dem Grade , daß ihm Rudhard anbot , ihn doch nun gleich zu begleiten und sich die alte Reliquie anzusehen ... Siegbert schlug es aus , da ihm doch die Sammlung fehlte , mit Jemandem , der nicht ganz auf sein Innerstes gestimmt war , jetzt zu lang ' allein zu sein . Er ließ sich genau von Rudhard die Wohnung der Fürstin Wäsämskoi beschreiben und versprach , ihm schon morgen über Das , was sein Bruder wegen des Bildes beschließen würde , Bescheid zu geben . Rudhard ging mit den Worten : Ich freue mich nun doch , daß ich dem Triebe folgen mußte , Etwas zu thun , was die auf mich abgesehene Bekehrungsmethode der Fürstin Amanda erleichterte . Ich habe Sie kennen gelernt , einen Sohn meines kleinen Wildungen , der so sinnig und gut war ! Und der ruht nun auch schon ! Gelbsattel ist ein hochgestellter Papst unsrer Kirche , Rodewald , nach dem Sie mich fragen , scheint verschollen , ich verlor ihn ganz aus dem Gedächtniß . Er war der Jüngste von Allen , wild und störrisch , aber der Begabteste ! Und Sie sind nun Einer von unsrer jungen Generation ! Ein Maler ! Neue Begriffe ! Neue Lebensanschauungen ! Auf eine Welt versetzt , in Zeitwirren , aus denen wir bald erlöst sein werden . Wir nämlich , die wir sie nicht mehr verstehen ! Ich bin nur über Eins froh , daß die Menschen offner und gerader werden ! Das ist noch das Beste von Dem , was uns diese Tage gebracht haben . Das Übermaß von Freimuth hat wenigstens das traurige Untermaß von früher , die Heuchelei und das Kriechen , entfernt . Im Übrigen find ' ich mich nicht mehr in dieser Zeit zurecht ... Sie kommen freilich aus Rußland , sagte Siegbert lächelnd . Aber nicht aus Sibirien , ergänzte Rudhard , schon die Thür ergreifend . In Odessa friert der Verstand nicht ein und wo man das große allmächtige Meer sieht , das der menschlichen Dämme und Satzungen spottet , da wird man niemals Sklave . Ja , ja ! Des Meeres Anblick macht Alles gleich . Aber .. Aber .. es lehrt auch die ewige Grenze des Irdischen , es lehrt uns Demuth und Bescheidenheit . Der stolzeste Segler fährt zerschmettert an ein verstecktes Felsenriff . Die Menschen , die der Natur und ihren großen Weihestunden entrückt sind , bilden sich zuviel ein auf ihre Pygmäenkraft . Auf den Bergen wohnt die Freiheit ! Hast Recht , edler Schiller ! Aber am Meere wohnt die Beschränkung . Leider liegen Paris , Wien und Berlin weder auf Bergen , noch am Meere . Der Dünkel des Flachlandes beherrscht uns . Die Täumerei der nackten Erdscholle , die nur blauen Himmel um und über sich sieht , Die erfindet die Ideen , die jetzt die Welt erlösen sollen ! Ich vertheidige Rußland nicht : ich achte die Menschenwürde . Aber ein Land , in dem man schweigen muß , lehrt uns denken . Da , wo man Alles sagen darf , denken die Menschen nicht mehr . Mit diesen Worten trat Rudhard an die Stiege , bis zu deren Rande ihn Siegbert begleitet hatte . Siegbert befand sich , als er wieder allein war , in einer eigenen Stimmung . Er hatte Merkwürdiges , Überraschendes erfahren , aber auch wieder eine Binde mehr vor den Augen . Diese Blätter , die er eben hatte lesen wollen , die ihn so fesselten , so reizten , schlossen sich nun wie ein heiliges Geheimniß ... Er fiel in die Wehmuth über die Erfahrungen dieses Tages zurück ... Der Schmerz um Melanie , um den Bruder , um Alles durchzuckte ihn . Dankmar kam nicht . Bei jedem Geräusch hoffte er , der Bruder würde eintreten . Er blieb aus ... Siegbert fühlte das Leid des Bruders wie sein eignes . Beiden war eine lichte rosige Wolke entflohen ! Beiden hatte derselbe Traum von Glück und Liebe gelächelt ! Des Jünglings ringende Seele hat ja nur Eins , was ihn ganz erfüllen , ganz und voll ergreifen kann : die Liebe ! Alles Andre , was sonst in sein Inneres drängt , ist ja noch unreif , unfertig und bedarf tausendfacher Bestätigung durch die Erfahrung und durch die unermeßliche Bücherwelt ! Nur die Liebe bedarf keines Buches , sie liest die größten Schätze der Weisheit und der Wahrheit im Auge der Geliebten . Die Liebe bedarf keiner Prüfung , sie sieht nur und glaubt ja und vertraut . Die Liebe bedarf der Erfahrung nicht , denn sie liegt vom Anbeginn in unsrem Herzen ! Und diese Zauberkraft war Beiden plötzlich gelähmt ! Gelähmt Beiden durch einen einzigen Schlag ! Beiden war nichts geblieben als das Bewußtsein ihrer Unfertigkeit und vielleicht nie sich abschließenden Vollendung ! Siegbert fühlte es an sich , was auch Dankmarn bewegen würde . Er sucht , wie du jetzt , sagte er sich , die Fäden , die ihn in die alte gewohnte Auffassung seiner Mühen und Pflichten wieder zurückführen sollen ! Er sucht , wie du jetzt , das in Kupfer verwandelte Gold seines Glückes in den Strom des Vergessens zu werfen und steht am Ufer vielleicht in Thränen dem schweren Falle nachhorchend ! Er bittet die Bäume vielleicht auf einsamer Wanderung , ob sie ihm den Namen der Geliebten nicht mehr zurufen würden , um ihn zu quälen ! Er bittet sie um mildernde Gedanken und Alles säuselt und rauscht doch vielleicht nur das alte süße , verlorne , erträumte Glück ! Spare mir deinen Duft doch auf , du treuherzige , vertrauliche Blume , spar ' ihn mir auf ein künftiges Glück , wenn ich es finde ! Jetzt entlockt mir dein Gruß nur Thränen ! Die Sprache , die du sprichst , darf ich ja nicht mehr verstehen . So durchbebte es Siegbert von Mitleid um den Bruder - und um sich ! Ja , auch um sich ! Gibt es denn nicht ein Mitleid auch um sich selbst ? Habt Ihr nie Thränen vergossen , träumte Siegbert , als er sich auf des Bruders hartes Sopha streckte , um Euch selber ? Nie geweint um die bittern Schläge des Schicksals , die Euch trafen ? Nicht , daß Ihr erlaget , daß Ihr unglücklich waret , schmerzte Euch so tief - Ihr hattet Kraft und Muth , das Widerwärtigste zu ertragen ; aber daß es kam , daß es Euch gerade traf , daß Ihr es sein mußtet , denen das Füllhorn Fortunas immer und immer nur stachlichte Früchte zuwarf dies Mitleid mit Euch selbst war Euch rührender als das Unglück selbst . Lebensfrohe , hoffende , glückberechtigte Jugend , warum mußt du weinen ? Stolzes , von Göttern geliebtes , riesenkräftig arbeitendes Genie , warum mußt du leiden ? Edler , großer Wille , warum mußt du scheitern ? Warum du ? Warum du ? Diese bittre Frage um Etwas , Das deine Kraft längst stolz beantwortet hat , Die ist es , die an deinem Herzen nagt und dein Gemüth verwundet ! ... Siegbert war von seinem Kummer fortgerissen und so erfüllt von der Vorstellung , daß sein Bruder , der ihn erst um neun Uhr , bei jenem ihm plötzlich sonderbarerweise so nahe gerückten Fritz Hackert in der unheimlich alten , verrufenen Brandgasse sehen wollte , die Zeit bis dahin auf einer einsamen Wanderung vor den Thoren , im Parke , am Schloßteiche , in den Alleen , die zu den Dörfern führten , zubrächte , daß er sich aufraffte und ihn dort suchen wollte . Es hatte sechs geschlagen . Die Sonne warf freundliche Lichter . Spaziergänger suchten wie er die Thore . Er flog nach der Gegend hin , die ihm die stillste und für den Kummer einladendste schien ... In einer halben Stunde war er unter jenen Gärten und Villen , die wir bei Gelegenheit der Wohnungsangabe Paulinen ' s von Harder kennen lernten . Hier gab es stille Plätze und enge Wege , die hinaus in ' s Feld führten . Kinder mit Kornblumenkränzen begegneten ihm . Liebende gaben sich hier hinter den Mauern der Gärten ihre unbelauschten Stelldicheins . Gelehrte setzten sich mit Büchern auf eine einsame Bank und schöpften freie Athemzüge in ihre gebückte Brust . Hier siehst du , sagte sich Siegbert , den Bruder unter irgend einem Lindenbaum ! Du kennst einen solchen , dicht am Eingang in die Kornfelder ! Dort sitzt er gewiß und denkt : Warum ist Siegbert nicht bei dir und wir plaudern über das Leben , die Täuschungen der Herzen , das allgemeine Ziel der Menschheit und unser eigenes ! So nachdenkend , bemerkte Siegbert kaum , daß er in dieselbe Gegend kam , wo ihm Rudhard gesagt hatte , daß auch die Fürstin Wäsämskoi wohne ... Wie erstaunte er , als er an einem Spalier in einem kleinen Vorgarten plötzlich wieder denselben strengen Mann mit einem Buche lesend fand , umgeben aber von zwei wunderschönen Kindern , einem Knaben und einem Mädchen ... Bald spielte der rüstige Greis mit den Kindern , bald las er eine Stelle in seinem Buche . Ein Teller voll Obst stand auf einem grünen Tische neben ihm . Die Kinder naschten und er stellte sich , als sähe er es nicht ... Wenn eins eine Kirsche ergriffen hatte , fuhr er mit der Hand nach den kleinen Dieben und diese freuten sich jubelnd ihn überlistet zu haben . Siegbert , der Das so beobachtete , wollte erst an dem Stacket vorüber und wußte nun nicht , ob er sich nicht lieber zurückziehen sollte . Dem Besinnen über seinen Entschluß blieb aber nicht viel Zeit ; denn Rudhard entdeckte ihn bei einer Wendung , die er , um die Kirschendiebe zu haschen , nehmen mußte . Er schien sehr angenehm überrascht , seinen eben verlassenen Bekannten schon wiederzufinden und lud Siegbert ein , jetzt nur gleich hereinzutreten .. Hier wohne er ! Dies wären die jüngsten Kinder der Fürstin ! Siegberten war es , als wenn