ein blutendes Kind , daß sie nicht hinaus und an seine Brust fliegen dürfe . - Er suchte in mehreren Gemächern nach ihr , aber das übersah er , worin sie sich befand . Nun ging er nach dem Zimmer und sah die Goldrolle und das grüne Särglein abermals an , und wollte das Särglein zu sich stecken , denn was ging ihn das Gold an ? aber er nahm die Rolle und ließ das Särglein liegen , so verwirrt waren seine Gedanken . Die Blumen riß er aus dem Glase und warf sie heftig zu Boden , aber dann tat ihm dieser Zorn doch leid , und er hob sie wieder auf , wenigstens die Lilie , weil er wußte , daß diese der Lisbeth besonders gefallen hatte . Fast wahnsinnig vor Leid machte er einen neuen Gang in die Dunkelheit und als auch der vergebens war , blieb er erschöpft vor dem Hofe stehen und jeder Windstoß , jeder ferne Ruf mußte ihm Lisbeths Gang oder Stimme bedeuten . Aber sie kam nicht . - Zornig trat er in das Haus zurück und fragte jeden wild , ob er noch nicht Lisbeth gesehen habe ? und dann vertauschte er wieder das Haus mit dem Platze vor dem Hofe , dort immer von neuem horchend . So trieb es Liebesmühe umsonst bis spät abends . Mit der verzweiflungsvollen Unruhe des Jünglings bildete die unzerstörliche äußere Fassung des Hofschulzen einen merkwürdigen Gegensatz . Während der junge Graf wie ein verwundeter Löwe umhertosete , saß der alte Bauer gleich einem Bilde aus Stein an seinem Tische , die entsetzlichste Aufregung zurückhaltend im verschwiegenen Herzen . Siebentes Kapitel Ein Trauerspiel im Oberhofe Melpomene hat zwei Dolche . Der eine ist blank , haarscharf geschliffen , schneidet schnell und gräbt glatte , rein ausblutende Wunden . Der andere rostig , voll Scharten , reißt in das Fleisch unselige Zerstörung . Mit dem einen tritt sie Könige und Helden an , mit dem anderen pflegt sie sich öfter bei Bauern und Bürgern einzuschleichen . Der eine trifft um große , unleugbare Güter , um Krone , Reich , Leben , der andere quält um Nichtigkeiten , um einen Schall , um des Schalles Widerhall . Denn die Menschen werden nicht von den Dingen , sondern von den Meinungen über die Dinge gepeiniget . Der Palast ist nicht der einzige Schauplatz der Tragödie . - Wer jetzt bei den Schatten der Nacht unter das Dach des Oberhofes hätte blicken können , würde haben zugestehen müssen , daß dort die leidenschaftlichste Tragödie im Gange sei . Es war so spät geworden , daß die Nachbarn sich zurückgezogen , die Knechte und Mägde sich schlafen gelegt hatten und das Feuer auf dem Herde erloschen war . Der Hofschulze verschloß darnach alle Türen des Hauses und bereitete sich zu seinem Werke , welches er für die Nacht verspart hatte . Für ganz einsam hielt er sich , aber er war belauscht . Als die Türen abgeschlossen wurden , schlich sich eine dunkele Gestalt zu der Spähestelle im Eichenkamp und setzte sich dort nieder , das Gesicht nach dem Oberhofe gewendet . Es war der einäugige Spielmann , welcher inzwischen gehört hatte , daß sein Feind nicht am Schlage gestorben sei und nun sehen wollte , ob ihm nicht wenigstens die Qual aufliege , welche der Rachsüchtige ihm in heißem Grimme anwünschte . Nicht lange durfte er auf die Freude dieses Anblicks warten . Denn bald leuchtete in dem dunkelgewordenen Oberhofe ein Licht auf . - » Aha « , sagte der Spielmann , » jetzt gibt er sich ans Suchen . « - Das Licht begann eine Wanderung , jetzt erschien es hier , dann zeigte es sich da . - » Nun sucht er in den Stuben « , sagte der Spielmann . Zuweilen verschwand es . - » Hinten hinaus liegt auch nichts ! « frohlockte der Spielmann . Plötzlich kam es wieder rasch zum Vorschein . - » Da bist du ja schon gewesen ! « murmelte der Feind voll ingrimmiger Lust . So begleitete er jeden Schritt des verräterischen Lichtes mit seinem Hohne . Wie das Licht nicht müde ward zu wandern und der Reiche in seiner verzweiflungsvollen Anstrengung mit ihm , so ward der Bettler draußen im Dunkel nicht müde , das Licht und den Reichen zu verspotten . Endlich als es auf Mitternacht ging , und der Schein noch immer da und dort flammte , konnte er sich nicht mäßigen , sondern er feierte seinen nächtlichen Triumph durch ein Lied , welches er auf dem Leierkasten tönen ließ . Es war eins der sanften , stillen Lieder , welche das Volk auf den Gassen zu hören bekommt , er aber riß an dem Griff , daß die Walze , heftig umgeschwungen , die langsame Weise in das wildeste Allegro trieb . Damals um diese Mitternachtstunde saß auf dem Flure im Oberhofe der alte Bauer und ruhte eine kurze Zeitlang von seinem Suchen aus . Das Licht stand neben ihm und in dessen mattem Scheine glichen die gefurchten Züge des Antlitzes tiefen Gräben , die sich durch ein graues Feld ziehen , denn seine Gesichtsfarbe war von Schmerz und Gram um den ihm unbegreiflichen Verlust aschfahl . Die Augen waren fast aus ihren Höhlen getreten und er sah starr mit ihnen auf den Boden . Alles hatte er unten durchsucht , selbst das Stroh in dem Stalle umgewendet und nichts gefunden . Jetzt erhob er sich , um in dem ersten Stock des Hauses nachzusehen . Das Licht vor sich hinhaltend , ging er zitternd und gebeugt langsam die Treppe hinauf und hielt sich am Geländer . Oben stand er still und überschlug , wo er seine Forschungen anstellen müsse . Denn auch in dieser verzweiflungsvollen Seelenstimmung verließ ihn seine Bedächtigkeit nicht . Er erinnerte sich , daß er in der Kammer , worin die Kiste stand , schon gleich nach dem Wahrnehmen des Raubes nichts undurchstöbert gelassen hatte ; dort also wäre jede erneute Mühe umsonst gewesen . Aber alle anderen Gemächer , Gelasse , Ecken und Winkel durchspähte er . Er rückte die Schränke ab , wo dergleichen standen , und blickte hinter jede Kiste . Er öffnete die Schränke und Kisten , bückte sich über sie und leuchtete hinein . Jedes Gerät , welches einen Gegenstand verbergen konnte , nahm er auch hier von seinem Platze und sah nach , ob das Schwert nicht dahinter liege . Über diesem stillen und vergeblichen Suchen gingen wieder mehrere Stunden hin . Der Morgen begann schon zu dämmern . Wie der alte Mann so , unaufhörlich gehend , sich bückend , spähend , nie übereilt in seinen Bewegungen , aber auch nimmer rastend , umherwanderte , gewährte diese unablässige , stumme , stete , gleichmäßige Mühe einen peinlichen und fast schauerlichen Anblick . Wäre er rascher in seinen Bewegungen gewesen , so würde man ihn haben einem Raubtiere vergleichen können , welches nach seinen Jungen sucht ; so aber , wie er sich verhielt , glich er einer ewigen , toten , stillwühlenden Naturkraft . Das letzte Gemach , welches er durchforschte , war Lisbeths Zimmer . Er dachte nicht daran , daß er ein entkleidetes und schlafendes Mädchen dort hätte finden können . Er verwunderte sich auch nicht , daß er Lisbeth nicht darin fand , daß ein anderer es und in solcher Art , wie er sah , innehatte , denn er hätte sich über nichts verwundert , seine Seele war gleichgültig gegen alles , außer gegen den einen Gegenstand , der sie erfüllte . - Nun hatte sich die Sache gewendet . Der Alte war in Bewegung und der junge Mann ruhte , oder regte sich wenigstens nicht , erschöpft von Anstrengung und Leiden . Er hatte sich , nachdem er der Hoffnung leer geworden war , Lisbeth heute wiederzusehen , über ihr Bette geworfen , um etwas zu berühren , was ihr Körper berührt hatte . So lag er , die Arme über das Kissen gebreitet und dieses an seine Wangen drückend . Leise stöhnte er und rief zuweilen schluchzend den schwäbischen Schmerzenswunsch : » Ich wollt ' , ich wär ' bei meiner Mutter ! « - Die Mutter , nach der er hinverlangte , lag aber im Grabe , und die Geliebte , um die er bekümmert war , saß wenige Türen von ihm , in der Nachtkälte frierend , ein erstarrtes Vöglein , welches tages zuvor so lieblich gesungen hatte . Der Hofschulze bekümmerte sich nicht um Oswald , und der Jüngling hörte nicht , daß der Hofschulze in das Zimmer getreten war . Auch hier tat und vollbrachte nun der Alte sein mühevoll vergebliches Werk . Der Schweiß troff ihm von der Stirne . Er seufzte tief und machte sich jetzt auf den Weg nach dem Söller , dem letzten noch undurchforschten Raume des Hauses . Als er in die Nähe der Söllertreppe kam , stand er jedoch plötzlich still und ein Schauder schüttelte seine Glieder . Nachdem dieser Schauder vorüber war , hatten seine Züge ein verändertes Ansehen gewonnen . Die Muskeln des Antlitzes spannten sich straff an , die Augenhöhlen wurden weiter , in seine Augen trat ein seherischer Glanz , sie blickten unbeweglich mit geisterhaftem Blicke vor sich hin , als schaue er etwas , ein Ding oder einen Ort , und plötzlich griff er mit der Hand nach der Luftgestalt , die ihm der auf der Höhe seiner Anstrengungen gewordene ekstatische Zustand vorspiegelte . Jene Handbewegung brachte ihn zu sich selbst zurück . Er blickte nun mit seiner gewöhnlichen Art um sich her , strich sich über die Stirne , die Anspannung der Muskeln ließ nach , die Brauen sanken herunter , die Augenhöhlen nahmen ihre gewöhnliche Größe an , er sah aus , wie zuvor . Der ganze Paroxysmus hatte nur wenige Sekunden gedauert . Aber ohne Zweifel war während desselben etwas Außerordentliches in ihm vorgegangen . - » Also da liegt es ! « murmelte er froh und beruhigt , und stieg raschen Schrittes die Söllertreppe hinauf . Oben achtete er dessen nicht , daß er mit dem brennenden Lichte neben Stroh und Heu vorbeiging ; eine Unvorsichtigkeit , wofür jeder Knecht ohnfehlbar den Dienst bei ihm verwirkt haben würde . Geraden Schritten ging er auf den Verschlag zu , worin Oswald so unbequeme und doch so glückselige Nachtstunden zugebracht hatte . Mit der Sicherheit eines , der weiß , daß ihn seine Vermutung nicht täuscht , machte er die Türe auf und sah sich im Verschlage um . Aber als er nun das Lagerstroh umgekehrt und die wenigen Sachen , welche der enge , kahle Raum enthielt , hinweggetan hatte , brach er gewaltsam zusammen . Denn zwischen diesen vier leeren Bretterwänden war das Schwert Karls des Großen auch nicht zu finden . Das brennende Licht entsank seiner Hand , er setzte sich oder fiel vielmehr auf einen dort stehenden Kasten und stieß einen furchtbaren Schrei aus , einen von den Lauten , die sich nicht beschreiben lassen , weil die Natur in ihnen ihre eigensten , nur sich selbst vorbehaltenen Rechte übt . Das Licht schwelte mit seiner Flamme auf dem Fußboden in der Nähe des umherzerstreuten Strohes . Der Hofschulze aber hatte kein Auge für diese Feuersgefahr . Er blieb auf dem Kasten sitzen . Die Kniee hatte er zum Haupte emporgezogen , die Arme auf die Kniee gestemmt und mit seinem Munde nagte er an den Händen . So blieb er , ohne daß er sein Lager aufgesucht hätte , oben , bis es heller Tag geworden war . Achtes Kapitel Wie der einäugige Spielmann seine Absicht bei einem leidenschaftlichen Juristen erreicht Am folgenden Morgen zwischen zehn und elf Uhr hielt ungefähr eine halbe Stunde vom Oberhofe ein kleiner leichter Wagen vor einem einzeln stehenden Hause . Den Schlag des Wagens öffnete der alte Jochem , welcher auch das Pferd - denn der Wagen war ein Einspänner - gelenkt hatte , und half dem darin sitzenden Manne heraus . Dieser war der Mann im graubraunen Mackintosh , der Oberamtmann Ernst . » Ihr bleibt nun hier , Jochem « , sagte der Oberamtmann , » ich aber will das Geschäft in der Bauerkate , in dem sogenannten Oberhofe besorgen . « » Warum fahren Sie nicht vor , Herr Oberamtmann « , fragte der alte Jochem . » Weil ich alles Aufsehen vermeiden will « , versetzte der Geschäftsmann . » Wie Ihr mir Euren Herrn beschreibt , Jochem , ist er in einer etwas erhöhten Stimmung . Unterhandlungen aber mit Leuten in solcher Stimmung wollen ganz besonders vorsichtig angefaßt sein , sonst mißlingen sie leicht . Ich würde mit dem Wagen die Leute im Hofe aufmerksam machen , der Graf könnte vielleicht durch die Anwesenheit von Zeugen gereizt werden , und was dergleichen mehr sein dürfte . Deshalb ziehe ich es vor , allein , gleichsam schleichend , nach der Kate zu gehen , ihn so zu überraschen und sacht mit fortzunehmen . - Eine Liebschaft , Jochem , sagt Ihr ? « » So sagt ' ich , Herr Oberamtmann « , versetzte der alte Jochem . » Aber er wollt ' nichts mehr damit zu tun haben und weinte dabei erbärmlich . « » Kenne das , Jochem « , sagte der Oberamtmann . » Rixae amantium usw. « - Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen , daß der Mackintosh wie das Segel eines Hamburger Evers flog und rauschte und rief : » Großer Gott , so behielte ja der Merkur recht mit der Reise nach dem aufgelesenen Schätzchen ! « » Herr Oberamtmann « , sagte der alte Jochem , » wenn ich Ihnen raten soll , so schicken Sie mich nach dem Hofe , denn ich weiß doch allein meinen Herrn zu behandeln . « - Der Oberamtmann maß den Alten mit einem geringschätzigen Blicke und schüttelte das Haupt . Der Alte , den dieser Blick etwas verdroß , und der die Eigenheit hatte , daß er zuweilen laut dachte , murmelte , daß jeder es verstehen konnte : » Wenn der ihn mit seiner Unterhandlung aus dem Oberhofe fortbringt , so will ich nicht Jochem heißen . « Nicht weit von dem Platze , auf welchem dieses Gespräch vorfiel , torkelte unter den Tannen ein Mensch umher , dessen Gebärden einen Betrunkenen verrieten . Was diesen Betrunkenen vor anderen seines Zustandes auszeichnete , war , daß er nicht fiel , obgleich ein Leierkasten , den er auf dem Rücken trug , hin und her rutschend das Gewicht auf der Seite vermehrte , auf welche er sich gerade neigte . So aber mit dem bald links , bald rechts fliegenden Leierkasten gewährte der Patriotenkaspar - denn dieser war der Betrunkene - das Schauspiel eines auf hohen Wellen treibenden Schiffes , welches gleichwohl nicht untergeht . Er hatte sich von dem Erlöse des Silberringes , den er an einen Hausierer verkauft , auf das Rachegefühl der Nacht in dem kalten Morgennebel gütlich getan , und war so in diese Verfassung geraten , welche ihn jedoch nicht hinderte , zwar heftige aber doch völlig zusammenhängende Reden zu führen , die er unaufhörlich hervorsprudelte . Der Weg nach dem Oberhofe lief durch die Tannen . - » Das Pferd bleibt wohl ruhig hier stehen « , sagte der Oberamtmann . » Geht doch etwas voran , Jochem , und haltet mir den Menschen da seitab ; Ihr wißt , daß ich mit Betrunkenen nicht gern zu schaffen habe . « Jochem ging voran und der Oberamtmann folgte in gemessener Entfernung . Er sah , daß der Alte mit dem Betrunkenen sich in ein Gespräch gab , und rief , was da vor sei ? Jochem kam zurück und meinte , das sei der kurioseste Fuselichte , der ihm jemals vorgekommen . » Bloß die Beine sind benebelt « , sagte er ; » im übrigen ist der wüste Kerl vernünftig und spricht verständlich wie ein nüchterner Mensch von Protokoll und Mord und Totschlag . « Als der Oberamtmann diese Worte hörte , horchte er hoch auf . » Was gibt es denn damit ? « fragte er sehr gespannt . Sein Widerwille gegen den Betrunkenen war viel kleiner als seine Neugier nach dem Protokolle und nach dem Mord und Totschlag . Er ging daher zu dem Patriotenkaspar , der wirklich einen eigenen Rausch hatte , von dem sozusagen nur die Extremitäten angegangen waren , das Gehirn aber unversehrt geblieben war . Ein nicht seltener Fall bei erschöpften Körpern . Der betrunkene Spielmann rief dem Oberamtmanne gleich entgegen : » Könnt Ihr mir ein Protokoll machen , he ? « » Mein Freund , das könnte ich allerdings wohl « , versetzte der Oberamtmann mit einem juristischen Lächeln . » Nun denn , so kommt Ihr mir ja wie ein wahrer Retter in der Not entgegen « , rief der Spielmann und wollte den Oberamtmann umarmen . Dieser wich zurück , darüber verlor Kaspar das Gleichgewicht und fiel mit der Nase auf die Erde . Er raffte sich aber gleich wieder empor , ließ den Fall sich nicht anfechten und fuhr fort : » Macht mir ein Protokoll , und ich will Euch zeitlebens dankbar sein . « » Aber was soll denn in dem Protokolle stehen ? « fragte der Oberamtmann . - » Herr « , sagte der alte Jochem , » wollen Sie nicht weiter nach dem Oberhofe ? « - » Ich bitte Euch , Jochem , laßt mich doch ; man muß jeden Menschen anhören « , versetzte ungeduldig der Oberamtmann , dessen Teilnahme an diesem nach einem Protokolle durstigen Trunkenen sichtlich wuchs . » Mord und Totschlag soll darin stehen ! « rief der Patriotenkaspar . - » Ich habe einen Menschen totgeschlagen und keiner will mir ein Protokoll darüber machen , auf daß ich mein Recht und meine Strafe empfange , wie sich gebührt . « Die Gestalt des Oberamtmanns verwandelte sich bei dieser unerwarteten Nachricht zu der hölzernen Säule , an welcher er seine Inkulpaten züchtigen ließ . Ein solcher Fall war ihm nie vorgekommen . Auch der alte Diener zeigte sich erstaunt und rief : » Ich sag ' s ja immer , wenn man aus Schwabenland heraus ist unter die Franken und Sachsen und Polacken gekommen , hört Recht und Gerechtigkeit auf . ' s ist a wüst Volk haußen . « » Ihr habt einen totgeschlagen und sie wollen kein Protokoll darüber aufnehmen ? « fragte der Oberamtmann einigermaßen entsetzt . » Richtig einen totgeschlagen und keine Möglichkeit , mein Protokoll darüber gemacht zu kriegen ! « erwiderte der Spielmann . Der Oberamtmann bedachte sich , senkte das Haupt , spannte in dieser denkenden Stellung den Mackintosh wie einen Wandschirm aus , und sagte dann : » Dieser Mensch ist entweder verrückt , denn der Trunk hat ihn , wie augenscheinlich , nicht um seinen Verstand gebracht , oder es herrscht eine Nachlässigkeit der Behörden hier , die ohne Beispiel sein dürfte . « - Er hielt dem Patriotenkaspar die fünf Finger seiner rechten Hand vor die Augen und fragte : » Was seht Ihr da ? « » Fünf Finger « , versetzte der Spielmann . » Guckt einmal da oben hinauf . Was seht Ihr über Euch ? « » Den Himmel . Es ist aber noch Haarrauch , deshalb sieht man nicht viel vom Himmel . « » Sagt mir die Wochentage her . « - Der Spielmann nannte alle Tage vom Sonntag bis zum Samstag in ihrer gehörigen Reihenfolge . » Welches sind die zehn Gebote ? « - Der Spielmann hob von dem » nicht andere Götter haben neben mir « an und ließ keins aus . Nach dieser Geisteserforschung sprach der Oberamtmann : » Dieser Mensch ist so wenig irr als ich oder Ihr , Jochem . Folglich ein geständiger Totschläger , der von Reue und Gewissensbissen zerfleischt , sich angibt , dennoch nicht eingezogen , ja nicht einmal zur Anzeige gelassen wird . Schöne Wirtschaft ! Was für ein Staat ! - Kommt mit hinein in jenes Haus « , sagte er zum Patriotenkaspar , » es wird ja wohl ein Bogen Papier nebst Feder und Dinte darin zu haben sein . Ich will etwas kurzes Schriftliches von Euch aufnehmen und mir währenddessen überlegen , was weiter in der Sache zu tun ist . « » Aber Herr Oberamtmann , der Oberhof - « sagte der alte Jochem . » Der Oberhof läuft uns ja nicht fort « , versetzte der Jurist , » und Euren Herrn werde ich eine Stunde später auch noch finden . Diese Sache geht vor , man soll von mir nicht sagen , daß ich von einem Kapitalverbrechen gehört habe und meiner Wege dabei vorübergegangen sei . Bleibt Ihr bei dem Pferde , Jochem , und Ihr , Mensch , folgt mir . « Man sieht , daß der Oberamtmann kurz vor der Fahrt im württembergischen Landrechte gelesen hatte . Er ging voran in das einsam liegende Haus ; der Patriotenkaspar torkelte nach , sehr vergnügt , ein Protokoll gemacht zu bekommen , und der alte Jochem blieb kopfschüttelnd bei dem Pferde stehen , welches eine Art von Krippenbeißer war , denn es stieß beständig mit dem Kopfe nach vorn hinunter . Neuntes Kapitel Das Freigericht und was diesem folgte Oswald trat in einer seltsamen Stimmung aus der Türe des Oberhofes . Ihm wäre wohler gewesen , so bedünkte es ihn , wenn er Lisbeth im Sarge vor sich gesehen hätte , dann wäre er jammernd über den Sarg gestürzt , hätte auf den erstarrten Lippen mit seinen Küssen einen kurzen Schein der Lebenswärme hervorgerufen , hätte sich das Herz in Tränen totgeweint . Aber ein Albernes , eine Grille , etwas unbegreiflich Dummes schied ihn von ihr , oder etwas noch Schlimmeres , eine plötzliche Reue über den rasch geschlossenen Bund ; so mußte er auch glauben . Der Zorn , der Schmerz über diesen unsichtbaren Feind , über einen dumpfen und stumpfen Zauber , den er nicht lösen , ja nicht einmal anfassen konnte , fraß ihm tief in die Brust hinein . - » Ein leichtes , veränderliches Mädchen , die heute sich hingibt und morgen sich spröde versagt ! « murrte er ingrimmig und empfand es wie ein scharfes Messer in seinen Eingeweiden , daß er solche Worte sprach . Es fiel ihm nicht ein , daß er ein großer Graf und Lisbeth ein armer Findling sei , daß dieses verlassene Mädchen auch ihr reichstes äußerliches Glück in der Ehe mit ihm finden müsse ; in seinen schwärmerischen und wütenden Gedanken sah er sie hoch über sich . Er war der niedere Schäfer , sie die Prinzessin , die ihn nach Willkür an sich gezogen hatte , nach Willkür ihn nun verstieß . In so furchtbarer Gemütsverfassung , in so bitterer Pein fand er das große Gesetz der Liebe , welches dem Liebenden ewig seine Stelle zu den Füßen der Geliebten anweiset , und wäre diese eine aus dem Staube hervorgegangene Bäuerin . Habe du die Schätze des Moguls , grüne der Lorbeerkranz des Ruhmes um deine Schläfe , führe du Salomos geisterbeherrschenden Ring , kröne dich der Reif der Hoheit , die Geliebte wird , und nicht im abgeschmackten Gleichnis , sondern in der Wahrheit und Wirklichkeit deine Königin sein , demütig wirst du den zaubergewaltigen Ring in ihren Schoß legen , der Kranz wird dich drücken in ihrer Nähe , ein Bettler wirst du immerdar bleiben vor ihr , und auch als König ein Sklav ' . In solchen ausgeweinten , ausgeleerten , ausgenüchterten Stunden ergreift den Menschen eine wilde Gleichgültigkeit und zugleich schärft sich in ihm eine Art von gedankenlosem Merken auf die unbedeutendsten Dinge . An der Stelle , wo du verzweifeltest , sahst du , ob ein Grashalm so oder so gebogen war , du wußtest , daß an dem Busche , der da stand , zwanzig Knospen aufgebrochen waren , genau so viele , nicht mehr und nicht minder , du könntest den Hirten , der gerade seine Herde dem Platze vorbei trieb , lange nachher aus der Erinnerung malen , so genau beobachtetest du seinen Rock , den messingenen Kamm im Haar und seine nichtsbedeutenden Gesichtszüge . Du verwünschest dein Geschick , und erkennst während deiner schäumendsten Flüche , daß der Vogel , der dort in weiter Entfernung auf einem dürren Aste sitzt , eine Krähe ist und nicht eine Dohle . Oswald war gleichgültig über alles geworden und wäre mit seinem juristischen Freunde abgereiset , hätte sich dieser jetzt am Oberhofe eingefunden . Aber er sah auch mit den verwachten und geröteten Augen alles , er hörte alles , was um ihn vorging . - Vor dem Hause stand der Hofschulze mit einem anderen Bauern im Gespräch . Sie standen mit dem Rücken gegen die Türe , so daß sie den jungen Grafen nicht bemerkten . - » Hofschulze « , sagte der Bauer , » es kann doch nun einmal nichts helfen , kommt also nur immerhin zum Stuhl , denn das Gericht muß gehegt werden auch ohne dieses . « - Der Hofschulze antwortete auf das anfangs mit einem tiefen Seufzer , dann sagte er so hohl , als steige die Stimme aus dem Grabe empor : » Ich will kommen , aber ich weiß nicht , ob es ohne das Schwert gelingen wird . « - Der Bauer ging seitwärts ab , der Hofschulze wandte sich um und Oswald sah , daß das Antlitz seines alten Wirtes ganz verfallen war . So blickte auch der Hofschulze in das zerstörte Antlitz seines jungen Gastes ; sie warfen einander finstere und doch nichtssagende Blicke zu , und dann ging jeder seiner Wege ; der junge Graf durch die Felder , der alte Bauer in das Haus . Auf seinem Wege sagte Oswald zerstört lachend : » Sie werden heute ihren Hokuspokus am Freistuhl machen ; ich will mich verstecken und zusehen , was kann der Mensch Besseres tun , als etwas Neues beobachten ? « Nicht lange nach diesem Auftritte wanderten zehn bis zwölf Bauern von verschiedenen Seiten die Pfade den Hügel hinauf nach dem Freistuhle . Es waren die reichsten Hofesbesitzer der Umgegend . Die Gesichter dieser Leute waren ernsthaft und feierlich . Ihre Schritte übereilten sie nicht , und wo auch zwei zusammen gingen , wurde dennoch kein Wort gewechselt . Diese alten Freibankbauern trugen auch heute noch ihren Feierputz , und die großen breitkrempigen Hüte gaben ihnen ein schweres und würdiges Ansehen . Der Nebel , der noch immer fortdauerte , umhüllte die heimlichen und schweigenden Wanderer . Als sie oben am Freistuhle angekommen waren , einer nach dem anderen , setzten sie sich schweigend und einander nicht begrüßend auf die Steine umher , die in der Einsenkung zwischen den Brombeergebüschen lagen , der größte aber unter den drei alten Linden blieb leer und für den Freigrafen aufbehalten . Sie saßen wohl eine Viertelstunde lang , ohne einander anzusehen , geschweige daß sie zusammen geredet hätten . Jeder blickte starr und fest vor sich hin . Zuletzt kam der alte Bauer , welcher mit dem Hofschulzen gesprochen hatte , der Fronbote ; nächst dem Besitzer des Oberhofes der kundigste in den Sitten und Gebräuchen der Väter . Dieser stellte sich außerhalb des Kreises der Steine hin , auf seinen Knotenstock gestützt und nach der Gegend des Oberhofes hinuntersehend . Von dieser Gegend kam nach einer Viertelstunde der Hofschulze heraufgegangen , der Freigraf . Neben ihm ging sein Eidam . Feiermäßig war auch sein Anzug , aber gebückt und kummervoll sein Gang . Den Eidam ließ er an einer über hundert Schritte vom Freistuhl entfernten Stelle zurückbleiben , das Gesicht von diesem abgekehrt . Der Fronbote ging dem Hofschulzen entgegen , führte ihn bis an den Kreis und sagte : Herr Graf , mit Urlaub und mit Behagen Tue ich Euch fragen ; Soll ich ; Euer Knecht , Euch den Königsstuhl setzen , wie Recht ? Der Hofschulze erwiderte : Alldieweil die Sonne mit Rechte Bescheinet Herren und Knechte Und alle unsere Werke , Spreche ich , das Recht zu stärken , Den Stuhl zu setzen eben , Und rechte Maß zu geben . Der Fronbote ging hierauf durch den Kreis zu dem großen Steine unter den drei alten Linden , legte die Hand an denselben , als setzte er ihn wie einen Stuhl zurecht , stellte ein kleines Kornmaß , welches er unter dem Rocke hervorzog , vor den Stein , blieb selbst daneben stehen und rief dem Hofschulzen , der sich noch immer außerhalb des Kreises befand , folgenden Spruch zu : Herr Grafe , lieber Herre ; Ich vermahne Euch bei Eurer Ehre , Ich bin Euer Knecht , Darum sagt mir für Recht , Ob diese Maß ist gleich Für arm und reich , Zu messen Land und Sand Bei Eurer Seelen Pfand ? Der Hofschulze antwortete : Ich erlaube Recht und verbiete Unrecht Bei Peen der alten erkannten Recht . Er ging nun auch in den Kreis , schritt , ohne von seinen Genossen begrüßt zu werden , oder sie zu begrüßen , auf den Stein unter den Linden , den Königsstuhl , zu , setzte sich , stellte seine Füße auf das Kornmaß und entblößte das Haupt , welchem Beispiele die Bauern folgten . Dann zog er eine Flechte von Weidenzweigen aus dem Rockärmel und gab sie dem Fronboten , der sie auf einen tischartigen Stein vor dem Stuhle legte . Die Bauern murmelten und einer fragte : » Die Wyd sehen wir ; wo ist das Schwert ? « Der alte Freigraf zuckte zusammen und der Fronbote antwortete statt seiner : » Es hat nicht gleich auf der Stelle gefunden werden können . « » Nachbarn « , sagte der Hofschulze zitternden Lautes , » es ist ein Malheur mit dem Schwerte von Carolus Magnus geschehen , und wenn ihr so wollt , stehen wir auf