es schien sich eine Neigung zum Geize zu offenbaren , die Niemand in seiner Seele geahnet hatte , denn ihn erfreute sichtlich nichts so sehr , als immer neue Geldsummen zusammen zu bringen , und man gab auch dieser Schwäche nach , und Jeder schenkte ihm bei allen Gelegenheiten baares Geld , das in dem Greise die höchste Freude erregte , obgleich Jedermann überzeugt war , daß er es zu gar nichts benutzen könne . Auf diese Weise war ein Jahr seit der Ankunft des Alten verstrichen , und Evremont beschäftigte sich an einem schönen Frühlingsmorgen mit seinem Sohne im Pavillon des Gartens , als der französische Knabe mit erhitzten Wangen und in Thränen schwimmenden Augen eilig eintrat . Was giebt es , Francois ? fragte Evremont bestürzt . Ach Gott ! gnädiger Herr Graf , sagte der Knabe , der alte Herr Dübois ist so roth im Gesicht und spricht so seltsam . Schnell erhob sich Evremont und eilte mit seinem Sohne , der sich ihm an die Hand hängte , in Dübois Gemach . Der Greis lehnte sich auf die Kissen seines Lagers ; seine Augen glänzten unnatürlich und seine Wangen brannten in dunkler Röthe . Wie geht es Ihnen , guter Dübois ? redete Evremont ihn an . Der Alte erhob den glänzenden Blick zu ihm und streckte die brennende , zitternde Hand ihm entgegen . Da sind Sie ja , gnädiger Herr , sagte er lächelnd aus keuchender Brust , und o Gott ! ich Sünder habe in so schrecklichen Träumen gelitten , wahrhaft sträfliche Träume , fuhr er flüsternd fort . Ich bildete mir ein , Ihr edles Haupt - nein es ist gegen die Ehrfurcht , das Bild eines so freventlichen , schrecklichen Traumes durch Worte in ' s Leben zu rufen - aber bei Gott ! ich sah in einer entsetzlichen Stunde Ihr edles Blut fließen , und dieß furchtbare Bild hat meine Sinne verwirrt , daß ich alter Thor in Verzweiflung Ihr Ende beweinte . Evremont wendete sich mit Schmerz ab , denn er wußte , der Kranke redete im Fieber von seinem Vater , für den er ihn in diesem Augenblicke hielt . Dübois , sagte Adalbert klagend , was sprichst Du denn für wunderliche Worte , Niemand kann ja begreifen , was Du meinst . Ach ! sagte der Kranke freudig , da ist ja auch der kleine Graf Adolph ! Wie sich der Mensch doch unnütz quälen kann ! Den hielt ich für verloren und wagte dieß der unglücklichen Mutter erst gar nicht zu sagen , die durch den schrecklichen Tod des Gemahls ganz verwirrt war , und der lange weder Vernunft noch Religion Trost gewähren konnte . Nun Gottlob ! nun wird ja alles Leiden aufhören . Ja wohl , seufzte Evremont ; ich fürchte , für Dich endet alles irdische Leid wie alle irdische Freude . Er ließ Diener bei dem Greise zurück und ging nun eilig einen Arzt herbei zu schaffen , der auch bald erschien und mit Achselzucken bemerkte , daß das schwache Fieber des Alten leicht gehoben werden könne , daß er aber das höchste Ziel des menschlichen Lebens erreicht habe und deßhalb schwerlich von diesem Krankenlager wieder erstehen werde . Diese Nachricht verbreitete allgemeine Trauer in der gräflichen Familie . Wie es der Arzt vorhergesagt hatte , wich das Fieber den angewendeten Mitteln leicht und der Kranke begehrte , völlig zur Besinnung gekommen , einen katholischen Priester , um zu beichten und die letzten Sakramente seiner Kirche zu empfangen . Die Gräfin hatte diesen Wunsch vorausgesehen , und der Geistliche war schon im Hause . Er konnte sich also auf den ersten Wunsch des Kranken sogleich zu ihm verfügen und verließ ihn nach einer Stunde , wahrhaft erbaut von der reinen Frömmigkeit des sterbenden Greises . Als Dübois wieder allein war , ließ er den Grafen zu sich bitten und ihm sagen , er wünsche ihn allein zu sprechen . Der Graf eilte auf die Bitte des Kranken herbei und fand ihn ohne Fieber ; der Glanz der Augen war erloschen und die nach unten gedehnten Gesichtszüge des Greises deuteten auf sein nahes Ende . Ich wünsche meine letzten Worte an Sie zu richten , sagte er zu dem Eintretenden mit schwacher Stimme . Sie können sich wieder erholen , lieber Dübois , sagte der Graf nicht ohne Bewegung . Das denken Sie selbst nicht , erwiederte der Kranke mit schwachem Lächeln , und ich bin zur Reise gerüstet in unser ewiges Vaterland . Ich habe meine Sünden gebeichtet , und ich hoffe , Gott wird mir die Schwachheit vergeben , daß ich den Prediger in Hohenthal niemals leiden mochte und selbst in der Ferne nur mit Widerwillen an ihn dachte , denn sein dreistes Fragen ohne Schonung und Achtung , sein feindliches , schneidendes Absprechen und sein hochfahrendes Wesen gegen Niedere entschuldigt einigermaßen diese Abneigung , und öffentlich angefeindet habe ich ihn nie ; ich habe nur dem nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen , was Sie seine guten Eigenschaften nannten . Der Graf mußte wehmüthig lächeln , daß der alte Mann noch im Tode nicht die Abneigung gegen den Prediger überwinden konnte , die er gegen ihn empfunden hatte , so lange er ihn kannte . Doch was reden wir von ihm , fuhr der Kranke fort . Sie wissen es , Herr Graf , ich habe immer die jakobinische Gleichmacherei verabscheut und auf Erden mit Ehrerbietung den Rang anerkannt , worin der Herr die Menschen hat lassen geboren werden ; aber vor Gott , sagt unser Herr und Heiland Jesus Christus , sind wir alle gleich , und nur unsere Tugenden werden dort gewogen . Bald werde ich vor Gottes Thron stehen , ich kann mich schon als abgeschieden von der Erde betrachten . So gönnen Sie es mir , nun noch vor meinem Hinscheiden Ihre Hand wie die Hand eines Freundes in der meinigen zu fühlen , nicht wie die des herablassenden Heren in der des durch seine Gunst beglückten Dieners , und vergönnen Sie mir die Ehrfurcht bei Seite zu setzen , die ich Ihnen immer bewiesen , wie es meine Pflicht war , so lange ich dem Leben angehörte , und lassen Sie mich die Liebe unverhohlen zeigen , die ich für Sie und die Ihrigen hegte . Wie ein Vater habe ich die Gräfin geliebt , besonders seit ihrem Unglück , aber ich will ihre weiche Seele schonen , darum bringen Sie ihr meinen Abschied und meinen Segen . Sagen Sie ihr , mein irdischer Dienst sei geendet , aber ich stürbe in der Hoffnung , daß es mir vergönnt sein wird , am Throne Gottes für Sie alle zu beten , und nehmen Sie die Schrift , die unter meinem Hauptkissen verborgen ist . Sie enthält meinen letzten Willen ; versprechen Sie mir dafür zu sorgen , daß er erfüllt wird . Der Graf nahm die Schrift , wie es der Greis verlangte , und sagte , indem er die erkaltende Hand faßte und innig drückte : Es soll alles erfüllt werden , was Sie verordnen , würdiger alter Freund . Sie wissen selbst , fuhr er mit Bewegung fort , wir alle haben Sie wie einen Vater geliebt ; Sie bestanden darauf , sich einen Diener zu nennen , wir haben Sie wie einen Freund geehrt , Sie wissen es , guter Dübois , wir hegten keine anderen Gefühle für Sie . Mit mildem Lächeln neigte der Alte bejahend das Haupt , und es schien dem Grafen , als ob er dadurch in eine unbequeme Lage gerathen sei und deßhalb schwerer athmete . Er richtete ihn also sanft in seinen Armen empor , um diese Lage zu verbessern . Ein Blick unendlicher Liebe lohnte ihm aus den erlöschenden Augen ; und als der Graf das würdige Haupt des Greises auf die Kissen zurück lehnte , war das Leben entflohen . Mit der frommen Empfindung eines liebenden Sohnes drückte der Graf die erstarrten Augen zu und wehrte seinen Thränen nicht , die auf das erkaltete Antlitz niederflossen . Ist denn dieser Hauch das Leben ? fragte er sich . Muß dieß Herz nun in Staub zerfallen , das so eben noch liebend für mich schlug ? Wohin ist der Geist entflohen , der noch so eben seine Gedanken mir mittheilte ? Das Auge ist starr und eingesunken , das so wohlwollend auf alle Menschen blickte , und unempfindlich ist die Hand , die vor wenig Augenblicken den Druck der Liebe erwiederte . O , welche Welt von Empfindungen schloß diese nun erstarrte Hülle in sich ! Wie quälend , wie entzückend und wie nichtig ist das Leben ! Der Graf ermannte sich . Er traf die nöthigen Anordnungen für die Leiche und ging , um seiner Familie den Verlust bekannt zu machen , der sie eben betroffen . Alle zollten dem würdigen Greise Thränen , aber natürlich war es auch , daß der Schmerz mild war bei dem sanften Ende eines Greises , der das höchste Lebensziel erreicht hatte . Nach der Beerdigung öffnete der Graf in Gegenwart einer Gerichtsperson das Testament des Verstorbenen , und alle Mitglieder der Familie wurden von Neuem zu Thränen bewegt , als es sich ergab , daß der dahin geschiedene Greis auch hierin noch sein liebevolles Gemüth auf das Rührendste geoffenbart hatte . Alle Ersparnisse eines langen Lebens , alle Geschenke , die er in der letzten Zeit mit kindischer Freude empfangen hatte , waren zusammengehäuft , und er ernannte den Grafen Adalbert Evremont zum Universalerben dieses kleinen Schatzes und stellte es seiner Großmuth anheim , Gustav Thorfeld und dem Knaben Francois ein Geschenk daraus zuzuwenden , wobei sie sich in der Zukunft des Verstorbenen erinnern könnten . Evremont ehrte das Andenken und den Willen des Greises , und nahm dessen Vermächtniß für seinen Sohn an ; aber der Graf sicherte als Geschenk dem Knaben Francois die eine Hälfte der Summe zu und sendete die andere Hälfte als letztes Geschenk des verstorbenen Dübois an Gustav Thorfeld , von dem man schon seit einiger Zeit wußte , daß er mit der Tochter des Predigers verbunden war , und dessen neuen Hausstand dieß Erbe sicherer begründete . Der Prediger hatte bei der Verbindung seiner Tochter mit dem Justizamtmann Thorfeld erwartet , in der Person seines Eidams künftig einen Verbündeten gegen die Anmaßungen seines rebellischen Freundes , des Arztes , zu finden , aber er fand sich unangenehm getäuscht , denn der junge Mann schloß sich innig an seinen frühesten Beschützer , den Grafen Robert , an und zog auch seine Gattin in diesen Kreis hinüber , und der Prediger fürchtete nicht mit Unrecht , daß er endlich dem Arzte würde unterliegen müssen , der an seiner Schwiegermutter in allen seinen Anmaßungen eine so kräftige Stütze hatte . Die Gräfin befriedigte ihr Gefühl . Sie ließ dem wackern verstorbenen Greise ein einfaches , in edelm Style gearbeitetes Denkmal setzen , und beide gräfliche Familien in Hohenthal und am Rhein lebten fortan in ungetrübtem Frieden , und die Zukunft nur kann darüber belehren , ob der so oft geäußerte Wunsch des Grafen Robert in Erfüllung gehen und eine glückliche Heirath beide Familien in eine zusammen schmelzen wird . Wenigstens wird diese Hoffnung dadurch unterhalten , daß beide Kinder , von denen man die Vereinigung erwartet , eine große Neigung gegen einander äußern , die bei jedem Besuche , den sich die Familien wechselseitig in Schlesien und am Rheine abstatten , sich zu erhöhen scheint . Fußnoten 1 Vereheliche Frau von Knorring .