damit ihm Niemand bei Nacht die Anvertraute stehle ; - darum ging er wie ein sorgsamer Knecht hinter der Gebieterin her , um ihren Wünschen sein Ohr zu leihen , und ihr so viel Annehmlichkeiten zu verschaffen , als in seinen schlechten Kräften stand . Er fand in Esther ' s Lobe kein Ende , wenn Regina kam , nach ihr zu fragen , und mißbilligte es sehr , daß das Fräulein sich weigerte , die schöne Fremde näher kennen zu lernen , daß es gleichgültig die warmen Dankesäußerungen Esther ' s zurückwies , und sich ihren einsamen Beschäftigungen überließ , wie zuvor , ohne seinen Schützling zu verstatten , ihm näher zu kommen , und vertraulicher zu werden . Ammon wußte nicht , daß weder der niedre Stand Esther ' s , noch ihr Glaube sie von Reginens mitleidigem Herzen entfernte , sondern gerade der Vorzug , den das Fräulein ihr einräumen mußte : der Vorzug , Dagobert ' s Freundin zu seyn . Ammon bemerkte es nicht , wie oft Regina im Grase sitzend , in tiefes Nachdenken versank , und Viertelstunden lang nach dem Waldgange blickte , als müsse er jetzt kommen , ... als müsse er dann den fremden Gast hinwegführen , und dann allein wieder kommen , und täglich wiederkehren , und endlich gar nicht mehr von dannen gehen . - An Dagobert ' s Statt kam aber eines Mittags Ben David an , - dürftig und verschmachtend - blos von der Hülle bedeckt , die ihm das Mitleid zugeworfen . Ammon hatte schon nach der Peitsche gegriffen , um den verdächtig aussehenden Bettler aus dem Reviere zu treiben : Esther ' s Freude- und Angstruf entwaffnete ihn . Dem Vater von Kida ' s Ebenbilde konnte er nichts Übles zufügen , und er besann sich , daß auch ihn einst sein Vater unsäglich geliebt hatte , daß auch er einst an seinem Vater mit Treue gehangen ; er begriff Esther ' s Empfindung , und wehrte dem Alten nicht , die Wohnung seiner Tochter zu theilen . Vater und Tochter waren völlig ungestört , denn eine Unpäßlichkeit hielt Reginen vom Walde fern , und Ammon machte doppelt eifrig seine Runde . Esther ' s und David ' s Wiedersehensfreude , wie ihr Leid um Jochai ' s Hinscheiden und ihre Verstoßung aus der Stadt , die ihnen Schirm und Heimath gewesen , durfte ohne störende Zeugen sich aussprechen , fessellos , wie es der Schmerz , frei , wie es die Lust verlangt . Aber schon am folgenden Tage begehrte David zu wissen aus Esther ' s Munde , wie ihr Verhältniß gewesen sey zu dem Junker . Esther ' s Wange erröthete zwar ; doch hatte ihr Mund keine Schuld zu bekennen , und ihre Rede , einfach und erklärend , trug der Wahrheit Stempel . Ben David scharfes Auge , allen seinen Glaubensgenossen mehr oder minder eigen , sah indessen durch den Schimmer der Wahrheit hindurch einen dunkeln Punkt in dem Herzen seiner Tochter ; ein verschleiertes Gefühl , dessen Decke zu heben sie nicht begehrte . Er faßte daher ihre Hand , und sprach ! » Geliebtes Kind ; Du verschweigst mir , was Du nicht solltest , und wegen dessen ich Dir nicht zürnen mag , denn es ist nur die Folge der Vergangenheit . Dagobert ist gewesen Dein Schirm , Dein Alles , weil ich lag in Banden . Dagobert hat Dich genährt und gepflegt , und gerettet aus tausend Gefahren ; der hochgelobte Gott wird ihn darob segnen und ihn eingehen lassen in ' s Paradies , weil er Gutes gethan an Israel ; weil er es hat gethan uneigennützig , und nicht hat befleckt Dein Kleid der Ehren . Friede sey mit ihm , und auch auf seinem Andenken sey einst Friede , wie auf Zodick ' s Gedächtniß Schmach sey und der Zorn Gottes , und ihm selbst das Feuer der Gehenna ! Aber , liebste Tochter , mein Kind : dergestalt , wie Du den abtrünnigen Knecht Zodick mußt hassen , - dergestalt hast Du gelernt lieben den seltnen Mann , der da handelte , als stamme er aus den Lenden Jakob ' s , und nicht vom Berge Seir . Gesteh ' es mir , mein Kind . « - » Vater , « erwiederte Esther stockend : » Deiner Klugheit kann nichts verborgen bleiben . Ich muß es bekennen , und wenn es Sünde wäre vor Dir und dem Gesetz . Nach dem hochgelobten Gott , den ich fürchte , - nach Dir , mein Vater und Herr , den ich ehre , lebt Niemand mehr auf der Welt , denn Er , den ich bewundre , den ich liebe , .... o laß mich nicht vollenden . « - » Nein , meine Tochter ; vollende nicht ; « versetzte David ängstlich : » Du liebst ihn nicht , wie der Dankbare den Wohlthäter , .... Du liebst ihn nicht , wie das Kind den Vater , ... nicht wie die Schwester den Bruder ; ... Du liebst ihn wie die Jungfrau den Mann , und Wehe geschrieen über mich und Dich ... was soll aus dieser Liebe werden ? « - » Was Gott wird beschließen , und Du , mein Vater : « sagte Esther ergeben , wiewohl sie erbleichte , und erkannte , daß sie nun an den Markstein ihres Lebens getreten . - » Ich kann nichts beschließen ; « antwortete seufzend der Vater , mit größrer Fassung , weil er auf sein eigen Unglück zurückkam : » Ich bin ein armer , geschlagener , zu Nichts gewordener Mann ; sie haben mich hinausgestoßen in die Welt , und ich habe von all meinem Gute nichts mitgenommen , als die Last der Dankbarkeit gegen den Jüngling Dagobert , dessen freigebige Hand mir noch einige Pfenninge zuwarf . Des Herzogs Glückstern ist erloschen , und mein Gold , das ich ihm lieh , gewiß verloren . Meine übrige Habe , theils in Costnitz zurückgeblieben , theils in unserm Hause zu Frankfurt verwahrt , ist eine Beute geworden , dort betrügerischer Freunde , hier der habsüchtigen Richter , die noch nach verborgenen Schätzen lechzten , von welchen ihnen der abscheuliche Zodick vorgelogen . Ich muß wieder hinaus in die Welt , wie ich gekommen bin herein , um zu erjagen , wo möglich , ein neues Glück ; und Dich , mein einzig Kleinod , muß ich lassen hinter mir , auf daß Du nicht verderbest unter ' m Druck des Elends und der Entbehrung meiner flüchtigen Wanderschaft . Du magst nun entscheiden , Tochter : ich lasse Dir die Wahl : willst Du Dich werfen in die Arme Edoms ? willst Du zurückbleiben unter unsern Leuten , zu Worms entweder , oder zu Nürnberg ? Wir haben zwar nicht Freunde mehr , nicht Verwandte , aber Israel wird nicht lassen von David ' s unglücklicher Tochter . « - Esther sprang auf , faßte heftig ihres Vaters Hand , und rief mit ausbrechenden Thränen im Auge : » Vater ! bei der Herrlichkeit des Reiches , das uns vom Messiah gebracht werden soll ! Nimm mich mit Dir ; ich will leiten Deine Schritte durch Fels und Sand ; ich will schlummern neben Dir auf Haidekraut und Moor , ich will nicht mehr begehren , denn ein Stücklein verschimmeltes Brods , um mein Leben zu fristen ; und am Ende auch dieses Leben willig verlieren , erliegend unter Bekümmerniß und Gottes , des Herrn Schickung . Aber nimmer geh ' ich nach Worms , nimmer nach Nürnberg . Unsre Leute , zu denen ich flüchtete zu Frankfurt , haben mich verrathen an die Wollust , ein Sohn der Gebote hat Dich verrathen und den Raaf Jochai getödtet ; was soll ich erwarten von ihnen ? Die Arme wird seyn verachtet und arm in Ewigkeit : eine Magd werde ich seyn müssen in Schmach und Kummer . Vater , Dir will ich folgen , aber nicht fürder dem Gesetz und seinen Bekennern . Der Herr hat uns verderben lassen in der Noth , die Brüder haben uns lassen verzweifeln . Der Christ hat mich errettet . Ihm gehören , nach Dir , meine Tage . Weisest Du mich von Dir , so bin ich sein Eigenthum , wenn er ' s verlangt , seine Dienerin , denn er ist mehr als ein Mensch ; ein Engel des Heils , ein Erlöser und Erretter ! « - » Weh mir ! weh mir ! « entgegnete Ben David bekümmert : » O , wie ist Dir doch angeflogen der Mehlthau aus Amalek ! Du willst nicht mehr seyn eine Tochter Zion ' s ! Du brausest auf in Leidenschaft und Hitze , und hörst nicht die Stimme des Herrn und des Vaters ! Erwarte nicht , daß ich Dir fluche , nicht daß ich zu Dir flehe ! Aber gerettet möchte ich Deine Seele wissen . Ich würde Dich ermorden , wenn ich Dich mit hinaus nähme in Sonnenbrand und Nachtsturm , um mir mein Brod suchen zu helfen unter den Hefen des Volks , begleitet von Verachtung und Hohn . Deine Blüthe würde nicht groß gezogen , um zu ersticken im Kothe . So bleibe denn lieber in Edom , und halte Dich zu den Ungläubigen . Vielleicht , daß einst der Herr in seiner Barmherzigkeit Deine Seele berührt mit dem Stabe seiner Gnade , - vielleicht , daß Du einst zurückkehrst in den Schooß des Gesetzes , nicht zu spät für Deine Paradieseshoffnung , wenn gleich zu spät für meine in Kummer und Todesgram erloschenen Augen ! « - Wehmüthig und beklommen stand der Vater auf , und überließ Esther dem Strome von Thränen , in welchen sich die Erschütterung ihrer Brust auflöste . Ben David legte sich hinter der Hütte in ' s üppige Waldgras , von Mücken umtanzt , von Vögeln umgeben , deren Gezwitscher herrlich und frei aus dem Wipfel der Bäume zum Himmel stieg . In dieser Einsamkeit legte sich der Sturm seines Vorurtheils und , zu der blauen Decke hinaufblickend dachte er , daß dieses schöne Zelt ja für Jeden erbaut sey , und daß die Hand des Herrn alle Menschengräber mit Gras und Blumen ziere . Die Brust wurde ihm weiter , und mit ihr auch die Fesseln , die seine knechtische Glaubenslehre ihm von Jugend an über den Nacken geworfen . Er beseufzte das Geschick , das ihn unter diesem Himmelsstriche in Jakobs ' s Hütten hatte hervorgehen lassen ; er wünschte um seiner Esther willen , in den Reichen der Gojim geboren zu seyn ; er dachte sich die Möglichkeit , sie mit Dagobert vereint zu sehen ; er gönnte ihr den edeln Mann , ihm die reine vollendete Jungfrau ; aber wie ein Felsstück von der Höhe eines Alpengebirgs rollte die Erinnerung an jenen Schwur , den er in des sterbenden Jochai ' s Hände hatte leisten müssen , auf sein Herz . - » Ich darf sie ja nicht zulassen zu dem Bade , das in Edom ein Bad der Wiedergeburt genannt wird ; « sprach er vor sich hin : » ich darf sie ja nicht abschwören lassen vor dem Volke ihren Glauben ! O , Herr ! hochgelobter Herr ! halte mich aufrecht , daß ich nicht verdiene den Zorn meines abgeschiedenen Raaf ' s. Erleuchte mich in meinem Haupte , damit ich den Ausweg finde - den rechten , untrüglichen ! Leite mich Herr , und Du , Seele meines Vaters , auf dessen Andenken der Friede sey ! « - David versank in ein eifriges Gebet , das er in den folgenden Tagen , nach kurzen Zwischenräumen immer wieder fortsetzte im Dickicht des Waldes . Er sprach kein Wort mehr über das Vergangene mit Esther . Seine Zunge schien gleichmüthig geworden zu seyn , wie seine Stirne . Er hatte seinen Entschluß gefaßt und harrte sogar mit Ungeduld auf Dagobert ' s Ankunft , welcher auch Esther ' s Herz sehnlichst entgegenschlug , denn auch ihr Herz , ihre Vernunft war zu einem Entschlusse gelangt , zu dem höchsten , dem seltensten in der Seele und dem Munde eines leidenschaftlich liebenden Weibes , zu dem Entschlusse der Entsagung . Dagobert ließ sich nicht allzulang erwarten . Eines Abends schnaubte sein Roß am Waldgehege ; seine Schritte wurden hörbar vor Esther ' s Kammer , und ein trat er zu den ihm entgegen Eilenden , wie ein verklärter Lebensbote . - » Grüße Dich Gott , Du vielgeprüfte Dirne ; « sagte er , dem Mädchen treuherzig und liebevoll die Hand reichend : » und auch Du , armer Ben David , sey gegrüßt . Als ich von dannen ritt aus diesem Walde , dachte ich nicht , mit so viel Glück beladen , wieder zu kommen . Esther , Du liebes treues Kind , freue Dich mit mir . Mit dem Vater ausgesöhnt , habe ich auch die Mutter , ungekränkt und gleichsam wie eine zweite junge Braut an sein Herz gelegt . Wallrade , die Stifterin des Bösen , ist verwiesen aus dem Hause , und mein Vater hat aus ihrem Munde kein Wort vernehmen wollen . Graf Montfort , dem ich Schonung zu erweisen im Stande war , will dankbar mich dem Herzog Friedrich anempfehlen , daß meine Freilassung von dem Kirchendienst vom neuen Papst bestätigt werde , und daß der Herzog so schleunig als er kann , das Geld ersetze , so er von Dir geliehen , armer Ben David . Mein , Vater , willfährig gegen meine Wünsche geworden , hat mir erlaubt ihm eine Tochter zuzuführen , sobald mein Handel mit Rom ausgeglichen und will nicht fragen nach ihrem Stand , nicht nach ihrem Namen , nicht nach ihrer Habe . « » So bringe ich denn , mein zierlich Mägdlein , mein Werben bei Dir an . Das Geschick hat uns so oft und wunderlich zusammengeführt , daß es des Himmels seyn muß , daß wir uns näher angehören . Schlag ' ein in meine Hand : Dein Vater wird sich nicht weigern , in Dein Glück zu willigen . « Bei dieser Zuversicht überflog eine zitternde Bewegung Esther ' s Körper , und ihr Mund stammelte : » Herr ! Ihr überrascht mich ... diese Güte , ... dieser Vorzug .... « » Ei , meine Esther , ist Liebe denn Güte oder Gnade ? « fragte Dagobert lächelnd . » Wenn ' s ein Vorzug ist , daß ein Reicherer eine minder begüterte Ehewirthin wählt , so hast Du diesen Vorzug über alle Maßen verdient durch Deine zarte Weiblichkeit , durch Deine Engelstugend , und durch Deine Schönheit . « » Die Schönheit verblendet Euch ; « sprach Ben David , schüchtern seine Stimme erhebend : » wird sie jedoch Euern Vater blenden ? Weiß er , daß Ihr eine Jüdin begehrt , und verpönen nicht Eure Gesetze solchen Bund mit der Strafe des Feuers ? « - » Nun , bei Gott ! « rief Dagobert : » wenn Esther eine Jüdin ist , so möchte ich die Christin sehen , die ihr gleich kömmt . Alle Menschen gleich zu lieben , befiehlt uns der Heiland ; und wenn seine Worte nicht immer und allenthalben befolgt werden , so ist es nicht des göttlichen Lehrers Schuld : kein Mensch auf Erden ist der Taufe würdiger , als Deine Tochter . Sie sehnt sich darnach , sie hat eingewilligt , aus Eurem Bunde zu treten , und als Christin wird sie vor Gott und Menschen mein Weib ! « - » Welch ein Mann ! « seufzte Esther , die Hände faltend ; Ben David ' s Stirne überzog ein finstrer Schleier , da er die Augen auf seine Tochter heftete . » Du sehnst Dich nach der Taufe ? « fragte er düster und langsam : » Du hast eingewilligt ? Tochter ! was soll ich Dir sagen , jetzt noch in dieser Stunde ? Soll ich zerreißen mein Kleid , wie für einen werthen Gestorbenen , oder soll ich mich freuen Deines Glücks in der Zeitlichkeit ? Und Ihr , Herr Frosch , ist ' s Euer ernstlicher Wille , daß Esther sich scheide von mir , und fürchtet Ihr nicht mindestens die Zungen der Welt , wenn Ihr gleich gefangen habt das Herz eines allzuschwachen Vaters ? « » Eines gerechten Vaters , « verbesserte Dagobert : » ich scherze nicht mit einer Leidenschaft . Ich gebe ihr auch nicht leichtsinnig Raum . Aber hier bin ich fest entschlossen . Du mußt zugeben , daß Deine Tochter ihre Irrthümer abschwört ; Du mußt zugeben , daß sie mein Weib werde ; und damit die Zungen der Welt unser Glück nicht stören , und meines Vaters Tage nicht trüben , will ich mich fern von der Vaterstadt häuslich niederlassen , einsam mit meinem schönen Kleinod . Lieb und angenehm ist mir ' s , wenn Du , Ben David , auch den falschen Herrn vertauschen willst gegen den wahren Glauben , aber selbst im Gegentheile auch soll Dir in der Ferne eine namhafte Unterstützung nicht entstehen ; nur magst Du , vor der Welt zum mindesten , meine Schwelle meiden . - Entscheide jetzt und sey klug . « » Also frägt man den Verdammten um Entscheidung seines Schicksals ; « entgegnete Ben David , betrübt und im Kampfe mit sich selbst : » Herr ! ich bin geworden zu alt , um wegzuwerfen mein Licht und Hort wie ein unnützes Kleid . Herr ! ich habe keine Stimme der Gewalt gegen eine Tochter , die da liebt , und einen Mann , der mir mein Höchstes nimmt mit dessen Befugniß . Herr ! ich bin Euch Dank schuldig , denn Ihr seyd ein vornehmer Mann , und begehrt mein Kind , eine schlechte Jüdin , in Ehren . - Ich bin geworden Euer ewiger Schuldner , da Ihr gehandelt habt wie ein Bruder an ihr , wie ein Sohn an mir . - Ich bin Euch , Gott soll mir helfen , verpflichtet , als Knecht , weil ich gesündigt habe gegen Euer Haus , und Ihr mir dennoch wollt vergeben ... « » Die Verirrung meiner Mutter wird sich milde lösen , « entgegnete Dagobert : » ich hege keinen Groll deßhalb gegen Dich , ob ich gleich weiß , daß Du vor Gerichte die Wahrheit nicht gesagt , und daß der kleine Hans nicht mein Bruder ist . « - » Gott soll mir helfen , « versetzte David eifrig , » wenn ich nicht habe gesagt Alles , so wie mir ' s der Beichtvater Eurer Mutter im Thurme hat befohlen . « - » Ich dachte mir ' s , « sprach Dagobert : » darum sey ruhig , und fahre fort in Deiner Rede , deren Bedenklichkeit ich mit den Worten der Wahrheit beantworten will . « - » Herr ; « begann Ben David wieder : » Ihr habt gesagt , ich müßte willigen in Esther ' s Übergang , in Esther ' s Ehe mit Euch . Vor dem Gesetze Eurer Herren müßte ich ' s , denn ich bin ein elender Jude , den man aufhängt zwischen Hunden , wenn man seiner los seyn will . Aber ich muß nicht vor meinem Herzen ; ich muß nicht vor dem Euern , das da ist ein gutes , und treues Herz , welches sogar in den Kindern des alten Bundes ersieht seine Nebenmenschen . Aber die Dankbarkeit ist mir mehr geworden , als das Gesetz Eurer Herren . Aber die Dankbarkeit läßt mich dazu lächeln , daß Ihr so grausam seyn wollt , auf ewig meinen größten Schatz zu nehmen , zum Lohne für das , so Ihr gethan an uns . Ich will jauchzen , wenn mir gleich das Herz brechen möchte , und ich will segnen das Band , weil ich will lösen meine Schuld , und nicht laden will auf mich den Fluch meines Kindes , mag auch dann aus mir werden , was da wolle . « Esther und Dagobert wurden tiefbewegt durch diese Rede , die Keines von ihnen erwartet hatte , durch diese Einwilligung , in welcher ein großer Schmerz sich kund that . Die Flamme der Beschämung schlug in Dagobert ' s Gesichte auf , und sein redlicher Mund verhehlte nicht , was in ihm sich vorbereitete . » Wahrlich , « sprach er : » Ben David , Du bist kein gemeiner Jude , der seine Rede nur setzen lernt , um einem Käufer ein Stück schlechter Waare für ein gutes auszuschwatzen ; Du hast die Kunst erlernt , zum Innern der Seele zu reden , und Dir möchte es gelingen mir das Theuerste , das ich kenne , damit von der Brust zu reißen . Ich will nicht grausam seyn , und die Dankbarkeit , die Du mir vielleicht schuldest , als eine Schlinge gebrauchen , in welcher Deines Lebens Freuden ersticken sollen . Davor bewahre mich der Allmächtige . Aber Deine Tochter , deren Lebensglück ich gerne stiften möchte , hat doch auch in diesem Handel eine Stimme . Sie rede frei , ohne Zwang , ohne Überredung . Wird sie dem Vater und seinem Irrthume folgen , oder dem Verlobten in den Bund der wahren Kirche ? « - Ben David schwieg , wie Dagobert verstummte , und die Blicke beider hefteten sich unruhig auf Esther , die in den grausamsten Kampf verfiel , wie eine Siegerin jedoch , sich schnell und besonnen daraus emporriß . - » Dagobert ! « rief sie , ihren Arm fest um seinen Nacken schlingend : » Mensch , der nicht von der Erde stammt ! Herr meiner Gedanken und meiner Seele ! Daß ich Euch liebe und an Euch hänge für alle Zeit ; .. das Erstemal ist ' s , daß ich es wage , Euch es zu gestehen ; aber , Engel des Friedens ! würde ich seyn Eurer werth , wenn ich zauderte in diesem Kampfe ? Ich glaube fest , daß uns Alle jenseits vereinigen wird Ein Paradies . Dort Euer zu seyn , Dagobert , wird meinem Glauben der hochgelobte Gott gewähren . Hier .... o seht den Schmerz des Vaters ! Ich kann nicht tödten den , der mir gegeben hat das Licht ; - Vater ! nimm mich mit Dir ; über Berg und Thal , über Feld und Meer ! Dein gehör ' ich bis an ' s Ende Deiner Tage ! « - Von dem Halse des Geliebten sich losreißend , warf sie sich in die Arme des Vaters , der überrascht auf seinen Füßen wankte , der Tochter Stirne mit Küssen bedeckend , und Perlen der Angst und der Freude auf seinen benarbten Wangen tragend . So wie aber die Feier des großen Siegs verrauscht war , und Ben David ' s Auge sich nach Dagobert umschaute , und den erbleichenden Jüngling gewahrte , wie er sich kaum aufrecht zu halten vermochte , und demungeachtet seiner Esther Beifall zulächelte ; - als David auf Esther blickte , die , nicht minder zum Tode blaß , unter dem Gewichte der erfüllten Pflicht zu erliegen dachte ; da wurde sein Gesicht wieder trübe und ängstlich , und er trat an das Fenster , und sah in das Grüne hinaus , und betete zum Herrn und zu der Seele seines verstorbnen Vaters . Endlich wendete er sich um zu dem Paare , das stillschweigend sich die Hände erfaßt hatte , als sollte schon jetzt Trennung und Abschied hereinbrechen , und sprach recht milde und recht leise , wie er ' s gewohnt war , mit Esther zu reden : » Ich danke Dir , meine Tochter . Du hast wir wieder gemacht Muth , und Jehovah wird lohnen , wo ich es nicht kann . Aber Dich mitnehmen auf meinen Wegen , ... ich kann es nicht . Und zu unsern Leuten kehren willst Du nicht , und Menschen , die sich also lieben , reißen von einander ; das soll nicht seyn , spricht der Herr unser Gott , sobald er abgelegt hat den Rock des Zorns , und anlegt das Gewand der Milde und Barmherzigkeit . Darum will ich denn auch , so schwer mir ' s wird , gestehen , was ich weiß , um zu fördern Euer Glück , und mir zu erwerben Euer dankbar Angedenken . « - Ehe er begann , schöpfte er mühsam Athem ; sein kurzes Überlegen war schon eine Ewigkeit für Dagobert und Esther , die mit wißbegierigen Blicken erwartungsvoll an seinem Munde hingen . Endlich hob er an , und sprach mit kurzen Unterbrechungen und Zwischenräumen : » Mein Weib - ihre sey das Paradies - hat mir geboren zwei Söhne , und das letzte Kind , das es mir schenkte , war ein Mägdlein , an das ich mich gewöhnte schneller und leichter , denn an die Buben , was selten ist bei unsern Leuten , die nach Söhnen streben , wie nach Reichthum . So oft ich ging über Feld , legte ich das Töchterlein der Mutter auf ' s Gewissen , und drohte ihr , wofern dem Kinde widerführe etwas Leides , sie zu verstoßen aus dem Hause und der Ehe , so wie ' s das Gesetz erlaubt . Gewiß , - Gott soll mir helfen - ich hätt ' es nicht gethan , aber die Angst war gekommen auf das Weib , und es meinte , sterben zu müssen auf dem Fleck , als es eines Morgens - da ich abwesend war , und mein Töchterlein erst alt drei Wochen - das Kind todt fand in der Wiege ; denn die Katze hatte sich hereingeschlichen vom Nachbarhause , und sich gelegt auf des Kindes Hals , und dasselbe also erstickt . Die Mutter erhob kein groß Geschrei , denn sie wollte nicht kund geben ihre Nachlässigkeit , allein sie setzte sich in den Winkel neben das todte Kind , und weinte bitterlich , und da gerade der Vater Jochai hereinkam , so redete sie zu ihm : Raaf ! sieh hier das Kind . Dein Sohn verstößt mich ; so er ' s erfährt , und ich bin doch unschuldig . Hilf mir , daß wir beten über das Kind , ob es vielleicht erwache , ehe noch der Vater heimkommt mit den Buben . Und sie beteten über das Kind , und Gabriel erweckte es nicht . Da nun mein Weib wieder , anhob zu klagen , so sagte der kluge Greis Jochai : Schweige , Weib : Ich will gehen hinaus , und sehen , was mir der Herr eingibt , oder der Prophet Elias . - Und nicht lange war er fort gewesen , so kehrte er wieder zu der betrübten Mutter , und trug ein klein Mägdlein auf dem Arme , und redete : Weib ! sieh hier ; was mir hat Gott bescheert . Draußen an der Straße hab ' ich gefunden ein Bettelweib im Sterben , und das Würmlein hier an dessen Brust , die doch keine Nahrung mehr gab . - Mutter , sagte ich , weil mir ' s der Herr eingab : willst Du mir erlauben Dein Kind , ehe es mit Dir stirbt ? Ich bin ein ehrlicher Mann . - Das Weib sah schon nicht mehr hell und wußte nicht , daß ein Jude zu ihm sprach : es reichte mir aber das Mägdlein hin , und sagte : » Nimm ' ehrlicher Mann , und Gott vergelt ' s. Getauft ist das Kind , und heißt Marie . « - Es war der Armen letztes Wort ; sie starb , und hier bringe ich Dir die Kleine , damit sie eine Jüdin werde , und Davids Herz nicht betrübt sey bis in den Tod . Legten die beiden das lebende Kindlein von gleichem Alter und selbem Ansehen an die Stelle des todten , das sie heimlich fortschafften , und da ich wiederkam , liebte ich das Kind wie zuvor , und habe es erzogen , und nicht anders gewußt ; als bis ich von Jochai auf seinem Sterbelager erfahren , was er gethan ; wofür ich ihn noch segne , denn mein Weib ist hinüber gegangen im häuslichen Frieden , mein Herz war nicht betrübt bis in den Tod , und ich vermag ' s , zwei Herzen zu verbinden , die sich lieben , denn Du , Esther , .. wahrlich ... Du bist jenes Kind . « » Eine Christin ? « rief Dagobert frohlockend . » Nicht Deine Tochter ? « fragte Esther mit einer Empfindung gemischt aus Freude und Wehmuth : » So steht ja unserm Bunde nichts im Wege ? « fuhr Dagobert fort : » Marie ! Geraubt aus unsrer Kirche kehrst Du doch wieder dahin zurück , zum Glück der Zeitlichkeit , zum Glück des ewigen Lebens . Marie ! o laß uns den Greis segnen , der noch am Sterben seinen Betrug offenbarte ; laß uns diesen ehrlichen Juden segnen , der die Hinterlist seines Volkes verschmähend , uns bekannt gemacht mit dem Geheimnisse , das uns ohne Widerrede verbindet ! « - Dankbar gerührt reichten Beide dem Juden die Hände . » Es quält mich , wie es mich entzückt , daß ich nimmer Deine Tochter seyn soll ; « sprach Esther : » Ganz verwaist stehe ich nun da in dieser Welt . « - » Hast Du nicht mich , Deinen Freund , Deinen Gatten ? « erwiederte Dagobert : » Hast Du nicht den Heiland wieder gefunden , Du , nach seiner Mutter genannte ? O , ich ahnte oft , was sich jetzt entdeckt ! Du warst nie eine Jüdin ; du theiltest nie den Haß jenes Volkes gegen Andersglaubende , Du warst stets so rein , so züchtig , wie die Heilige , deren Namen Du führst . « - »