lernt . Der Werth , den er uns auf die Arbeiten des Landmanns , auf Feldbau , Baumzucht und alle Arten von Anpflanzungen , legen sieht , wird ihn immer aufmerksamer auf diese Gegenstände machen ; er wird sehen , bemerken , fragen , auch wohl zuweilen selbst Hand anlegen , und so unvermerkt zu Kenntnissen kommen , die er , sobald der Anfang einmal gemacht ist , bei jeder Gelegenheit zu vermehren suchen wird . Ich sehe mit Vergnügen , daß sich zwischen ihm und Kratippus , dem ältesten Sohn meines Bruders , eine gegenseitige Zuneigung entspinnt , die zu einer dauerhaften Freundschaft zu erwachsen verspricht . Mein Neffe hat fünf oder sechs Jahre mehr als dein Sohn , und weiß sich des kleinen Ansehens , so ihm dieser Vorsprung gibt , mit so guter Art zu bedienen , daß er wirklich mehr über ihn vermag als wir andern alle . Lysanias zeigt eine Anhänglichkeit an seinen ältern Freund , von welcher sich viel Gutes um so gewisser erwarten läßt , weil Kratippus nichts Liebkosendes in seinem Betragen hat , und für die Lebhaftigkeit eines jungen Atheners eher zu trocken scheinen könnte . Wahrscheinlich wird diese Vorliebe zu meinem Neffen deinen Absichten förderlicher seyn , als alles was wir Aeltern dazu beitragen können . Mein Bruder besitzt große und einträgliche Ländereien in allen Gegenden der Cyrenaika , und Kratippus hat sich aus angebornem Hang zum thätigen Landleben der Verwaltung der väterlichen Güter gänzlich gewidmet . Dieß veranlaßt häufige kleine Reisen und einen längern oder kürzern Aufenthalt bald auf diesem bald auf jenem Gute . Lysanias , der nicht lange ohne seinen Freund leben kann , hat ihn also schon mehrmals begleitet , und findet an diesen landwirthschaftlichen Reisen , die ihm in einem der fruchtbarsten und angebautesten Striche des Erdbodens immer neue und anziehende Gegenstände , Ansichten und Genüsse verschaffen , so viel Belieben , daß wir eher auf Mittel denken müssen , ihn in der Stadt zurückzuhalten als ihm Neigung zum Landleben einzuflößen . Indessen , da es bei diesen Landpartien weniger um Ergötzlichkeiten als um Geschäfte zu thun ist , und unser junger Gastfreund jedesmal gelehrter , verständiger und gesetzter zurückkommt , ohne einen andern Nachtheil davon zu haben , als daß die etwas mädchenhafte Gesichtsfarbe , die er nach Cyrene brachte , unvermerkt eine bräunliche Schattirung gewinnt ; so halten wir es für besser ihn hierin seiner eigenen Willkür zu überlassen , und werden dennoch alles so einzurichten wissen , daß die übrigen Zwecke seines Hierseyns nicht vernachlässiget werden sollen . Seit kurzem , lieber Eurybates , habe ich auch von Learch einen Brief erhalten , der mir über das Schicksal unsrer armen Lais nicht mehr Licht noch Trost gibt als der deinige . Wenn sie nirgends gefunden werden kann , und niemand etwas Zuverlässigeres von ihr zu sagen hat , als daß sie aus Pandasia , ihrem letzten Aufenthalt , plötzlich verschwunden sey ; wenn der Taugenichts , dem sie sich aufgeopfert , sie in einer Lage verlassen hat , wo ihr keine andere Wahl blieb , als entweder die Hülfe ihrer Freunde anzunehmen - oder zur Schmach einer gewöhnlichen Hetäre herabzusinken - oder zu sterben - so weiß ich was sie gewählt hat . O mein Freund , der Stolz dieses so hochbegabten außerordentlichen Weibes hatte keine Gränzen ; er mußte ihr in einer solchen Lage das Herz brechen , und - es brach ! Das meinige sagt es mir - sie hat gelebt ! 8 - Und wohl hat sie , in der schönsten Hora des Lebens , gelebt , wie nur wenigen von Göttern Gezeugten oder ohne Maß Begünstigten zu leben vergönnt wird ; und was auch das Loos ihrer letzten Tage war , über die Natur und das Glück hatte sie sich nicht zu beklagen ; denn schwerlich haben beide jemals zugleich so viel für eine Sterbliche gethan als für sie . Ob sie nicht mit den Geschenken von beiden besser hätte haushalten können ? - ist eine Frage , welcher die Freundschaft itzt , da ihr Schicksal entschieden ist , auszuweichen strebt . - Vielleicht hätten wir weniger schonend mit ihr umgehen sollen , da sie noch glücklich war ? - Diesen Vorwurf habe ich mir selbst schon mehr als Einmal gemacht , und kann jedesmal nicht umhin , mir selbst zu antworten : es würde vergebens gewesen seyn ; denn schwerlich hat man je ein Weib gesehen , die mit einer so zauberischen Sanftheit und Geschmeidigkeit eine so eisenfeste Beharrlichkeit auf ihrer Meinung , und mit einem so hellen Blick und scharfen Urtheil eine so unerschöpfliche Gabe sich selbst zu täuschen und ihre eigene Vernunft ( wenn ich so sagen kann ) zu überlisten , vereinigt hätte . Ob wir gleich wohl thun , uns unaufhörlich zu sagen , es hange immer von unserm Willen ab , recht zu handeln oder nicht : so scheint doch - wenn wir den Menschen betrachten , so wie er , in unzähligen , ihm selbst größtentheils unsichtbaren Ketten und Fäden an Platons großer Spindel der Anangke hangend , von eben so unsichtbaren Händen in das unermeßliche und unauflösliche Gewebe der Natur eingewoben wird - so scheint , sage ich , nichts gewisser zu seyn , als » daß ein jedes ist was es seyn kann , und daß es unter allen den Bedingungen , unter welchen es ist , nicht anders hätte seyn können . « Lais selbst hielt sich nur zu gut hiervon überzeugt . » Da ich nun einmal Lais bin ( schrieb sie in ihrem letzten Brief an Musarion ) , so ergebe ich mich mit guter Art darein , und kann nicht wünschen , daß ich eine andere seyn möchte . « - Auch mir , lieber Eurybates , wird es , je mehr ich alles erwäge was hier zu erwägen ist , immer einleuchtender , daß der Ausgang , den das genialisch fröhliche , schimmernde und vielgestaltige Drama ihres Lebens nahm , dazu gehörte , wenn sie bis ans Ende Lais seyn sollte . Ich möchte sagen , das Schicksal war es gewissermaßen der Menschheit schuldig ; sie mußte fallen ; aber ich bin gewiß sie fiel wie die Polyxena des Euripides , » selbst im Fallen noch besorgt keine Blöße zu zeigen . « Nichts wäre ihr unerträglicher gewesen als vor irgend einem Auge , das einst Zeuge ihrer Glorie war , als ein Gegenstand des Mitleidens zu erscheinen . Die Art , wie sie verschwand , war die letzte Befriedigung ihres Stolzes : wir werden nichts mehr von ihr hören . Du siehest , guter Eurybates , wie ich bei diesem traurigen Ereigniß mein Gefühl zu beschwichtigen suche . Aber die Natur behauptet ihr Recht darum nicht weniger ; es kommen Augenblicke , da ich , wenig stärker als Musarion ( deren Thränen um ihre geliebte Freundin und Wohlthäterin so bald nicht versiegen werden ) eine Art von Trost darin finde meinem Schmerz nachzuhängen ; Augenblicke , da die schöne Unglückliche in aller ihrer Liebenswürdigkeit vor mir steht , und einen Glanz um sich her wirft , worin jede Schuld verschwindet und Flecken selbst zu Reizen werden . In solchen Augenblicken möcht ' ich mit dem Schicksal hadern , daß es einen so düstern Schatten auf das herrliche Götterbild fallen ließ ; und die vom Herzen bestochne Einbildungskraft spiegelt mir eine trügerische Möglichkeit vor , wie alles anders hätte gehen können ; bis endlich die Vernunft das gefällige Duftgebilde wieder zerstreut , und mich , wiewohl ungern , zu gestehen nöthigt : es habe dennoch so gehen müssen , und , wie unbegreiflich uns auch die Verkettung unsrer Freiheit mit dem allgemeinen Zusammenhange der Ursachen und Erfolge seyn möge , immer bleibe das Gewisseste , daß das ewige , mit der schärfsten Genauigkeit in die Natur der Dinge eingreifende Räderwerk des Schicksals nie unrichtig gehen kann . 4. An Ebendenselben . Ueber Platons Dialog von der Republik . In Lagen , wo das Gefühl mit der Vernunft ins Gedränge kommt , ist uns alles willkommen , was uns in einen andern Zusammenhang von Vorstellungen versetzt , die entweder durch Neuheit , Schönheit und Wichtigkeit anziehen , oder durch einen Anstrich von sinnreichem Unsinn und Räthselhaftigkeit zum Nachdenken reizen , und sich unvermerkt unsrer ganzen Aufmerksamkeit bemächtigen . In dieser Rücksicht , lieber Eurybates , hätte mir der neue Platonische Dialog , womit du mich beschenkt hast , zu keiner gelegenern Zeit kommen können . Ich habe ihn , unter häufig abwechselnden Uebergängen von Beifall , Interesse , Bewunderung und Vergnügen - zu Mißbilligung , Kopfschütteln , Langeweile und Ungeduld , bereits zum zweitenmale durchgelesen ; was wenigstens so viel beweiset , daß , meinem Gefühle nach , das Lobenswürdige in diesem seltsamen Werke mit dem Tadelhaften um das Uebergewicht kämpfe , und es daher keine leichte Sache sey , über den innern Werth oder Unwerth desselben ein unbefangenes Urtheil auszusprechen . Wirklich scheint mir Plato alle Kräfte seines Geistes und den ganzen Reichthum seiner Phantasie , seines Witzes und seiner Beredsamkeit aufgeboten zu haben , um das Vollkommenste , was er vermag , hervorzubringen ; und ich müßte mich sehr irren , oder es ist ihm gelungen , nicht nur alle seine Vorgänger und Mitbewerber , so viele ich deren kenne , sondern , in gewissem Sinne , auch sich selber zu übertreffen . Denn unstreitig muß sogar sein Phädon , Phädrus , und das allgemein bewunderte Symposion selbst , vor diesem neuen Prachtwerke zurückweichen . Da man über diesen Punkt ( wie mir Lysanias sagt ) zu Athen nur Eine Stimme hört , und die meinige zu unbedeutend ist , um das allgemeine Koax Koax der Aristophanischen Frösche merklich zu verstärken , so wäre wohl das Bescheidenste und auf alle Fälle das Klügste , was ich thun könnte , wenn ich es bei dem bisher Gesagten bewenden ließe . Aber du verlangst meine Meinung von dieser neuen Dichtung unsers erklärten Dichterfeindes ausführlich zu lesen , und hast mich gewissermaßen in die Nothwendigkeit gesetzt dir zu Willen zu seyn , da ich nicht umhin kann , ihn gegen einen Vorwurf zu vertheidigen , den du ihm machst , und der , neben so vielen andern , die er nur zu sehr verdient , mit deiner Erlaubniß , gerade der einzige ist , von welchem ich ihn frei gesprochen wissen möchte . Bei so bewandten Dingen will ich denn ( nach andächtiger Anrufung aller Musen und Grazien die Freiheiten , die ich mir mit ihrem Günstling nehmen werde , nicht in Ungnaden zu vermerken ) mich dem Wagestück unterziehen , und dir meine Gedanken sowohl von Platons Republik als von diesem Dialog überhaupt ungescheut eröffnen ; ohne mich jedoch zu einer vollständigen Beurtheilung anheischig zu machen , welche leicht zu einem zweimal so dicken Buch als das beurtheilte Werk selbst , erwachsen könnte . Vor allem laß uns bei der Form dieses Dialogs , als dem ersten was daran in die Augen fällt , eine Weile stehen bleiben . Ich setze als etwas Ausgemachtes voraus , was wenigstens Plato selbst willig zugeben wird : daß ein Dialog in Rücksicht auf Erfindung , Anordnung , Nachahmung der Natur u.s.f. in seiner Art eben so gut ein dichterisches Kunstwerk ist und seyn soll , als eine Tragödie oder Komödie ; und ist er dieß , so muß er allen Gesetzen , die ihren Grund in der Natur eines aus vielen Theilen zusammengesetzten Ganzen haben , und überhaupt den Regeln des Wahrscheinlichen und Schicklichen in Ansehung der Personen sowohl als der Zeit , des Ortes und anderer Umstände , eben so wohl unterworfen seyn als diese . Laß uns sehen , wie der Werkmeister dieses Dialogs gegen die verschiedenen Klagepunkte bestehen wird , die ich ihm zum Theil von etlichen strengen Kunstrichtern aus meiner Bekanntschaft machen höre , zum Theil ( ohne selbst ein sehr strenger Kunstrichter zu seyn ) meinem eigenen Gefühle nach , zu machen habe . Ich übergehe den allgemeinen Vorwurf , der beinahe alle seine Dialogen , aber den gegenwärtigen noch viel stärker als die meisten andern , trifft : daß er dem guten Sokrates unaufhörlich seine eigenen Eier auszubrüten gibt , und ihm ein System von Philosophie oder Mystosophie unterschiebt , womit der schlichte Verstand des Sohns des Sophroniskus wenig oder nichts gemein hatte ; kurz , daß er ihn nicht nur zu einem ganz andern Mann , sondern in gewissen Stücken sogar zum Gegentheil dessen macht was er war . Wir wissen was er hierüber zu seiner Rechtfertigung zu sagen pflegt , und lassen es dabei bewenden . Aber auf die sehr natürliche Frage : » Woher uns dieser Dialog komme ? « sollte er doch die Antwort nicht schuldig bleiben . Das Ganze ist die Erzählung eines im Peiräon9 am Feste der Thracischen Göttin Bendis10 im Hause des reichen alten Cephalus vorgefallenen philosophischen Gesprächs zwischen Sokrates , Glaukon und Adimanthus ; denn die übrigen im Eingang vorkommenden Personen nehmen an dem Hauptgespräche bloß mit den Ohren Antheil . Diese Erzählung legt Plato dem Sokrates selbst in den Mund ; aber an wen die Erzählung gerichtet sey , und aus welcher Veranlassung ? Wo und wann sie vorgefallen ? davon sagt er uns kein Wort . Was müssen wir also anders glauben , als Sokrates habe dieses Gespräch allen , die es zu lesen Lust haben , schriftlich erzählt , d.i. er habe ein Buch daraus gemacht ? Wir wissen aber daß Sokrates in seinem ganzen Leben nichts geschrieben hat , das einem Buche gleich sieht . Plato verstößt also gegen alle Wahrscheinlichkeit , da er ihn auf einmal zum Urheber eines Buches macht , das kaum um den sechsten Theil kleiner ist als die ganze Ilias . Doch wir wollen ihm die Freiheit zugestehen , die man einem Dichter von Profession nicht versagen würde , den Sokrates zum Schriftsteller zu machen , was dieser wenigstens hätte seyn können , wenn er gewollt hätte : aber wie kann er verlangen , wir sollen es für möglich halten , daß ein Gespräch , welches von einem nicht langsamen Leser in sechzehn vollen Stunden schwerlich mit einigem Bedacht gelesen werden kann , an Einem Tage gehalten worden sey , wenn gleich ( was doch keineswegs der Fall war ) sein redseliger Sokrates von Sonnenaufgang bis in die sinkende Nacht in Einem fort gesprochen hätte ? Adimanth und Glaukon , welche bei weitem in dem größten Theile des Gesprächs bloße Wiederhaller sind , brauchten sich zwar auf ihre ewigen , » ja freilich , allerdings , nicht anders , warum nicht ? so scheint ' s , ich sollte meinen , « und wie die kopfnickenden Formeln alle lauten , eben nicht lange zu bedenken ; aber man muß doch wenigstens Athem holen , und da in diesen vollen sechzehn Stunden , die das Gespräch dauert , weder gegessen noch getrunken wurde , so kann man ohne Uebertreibung annehmen , der gute Sokrates müßte sich , trotz seiner kräftigen Leibesbeschaffenheit , dennoch zuletzt so ausgetrocknet und verlechzt gefühlt haben , daß es ihm unmöglich gewesen wäre , das wundervolle Ammenmährchen von dem Armenier Er , womit Plato seinem Werke die Krone aufsetzt , in hörbaren Lauten hervorzubringen . Laß uns indessen aus Gefälligkeit gegen den philosophischen Dichter über alle diese Unwahrscheinlichkeiten hinausgehen : aber wer kann uns zumuthen ( höre ich einige meiner kunstliebenden Freunde sagen ) , daß wir die Urbanität so weit treiben , die Augen mit Gewalt vor einem andern Fehler zuzuschließen , der ganz allein hinreichend ist , jedes Kunstwerk , wie schön auch dieser oder jener einzelne Theil desselben seyn möchte , insofern es ein Ganzes seyn soll , verwerflich zu machen ? Was würden wir von einem Baumeister sagen , der sich um die Richtigkeit und Schönheit der Verhältnisse der Seiten , Hallen , Säle , Kammern , Thüren und andrer einzelner Theile seines Gebäudes so wenig bekümmerte , daß er ohne Bedenken die rechte Seite kürzer als die linke , oder das Vorhaus größer machte als das Wohnhaus ; einem hohen geräumigen Speisezimmer kleine Fenster und ungleiche Thüren gäbe , und den Gesellschaftssaal neben die Küche setzte ? Oder wie würden wir den Maler loben , der , wenn er z.B. den Kampf des Hercules mit dem Achelous zum Hauptgegenstand eines Gemäldes genommen hätte , uns auf derselben Tafel die schöne Deianira unter einem Gewimmel von Mägden mit Trocknen ihrer Wäsche beschäftigt zeigte , und , zu mehrerer Unterhaltung der Liebhaber , auf beiden Seiten noch eine Aesopische Fabel , eine Gluckhenne mit ihren Küchlein neben einem sich stolz in der Sonne spiegelnden Pfauhahn anbringen , und das alles so genau und zierlich auspinseln wollte , daß der Zuschauer , zweifelhaft ob der Fuchs und der Rabe , oder Deianira mit ihren Mägden , oder Hercules und Achelous , oder die Gluckhenne und der Pfau die Hauptfiguren des Stücks vorstellen sollten , über dem Betrachten der Nebendinge den eigentlichen Gegenstand immer aus den Augen verlöre ? Wiewohl dieser Tadel sich auf eine , meiner Meinung nach , etwas schiefe Ansicht des Dialogs , als Kunstwerk betrachtet , gründet , und daher um vieles übertrieben ist , wie ich in der Folge zu zeigen Gelegenheit finden werde : so muß ich doch gestehen , daß das vor uns liegende Werk von einem auffallenden Mißverhältniß der Theile zum Ganzen , und von Ueberladung mit Nebensachen , welche die Aufmerksamkeit von der Hauptsache abziehen und nöthigern Untersuchungen den Weg versperren , nicht ganz frei gesprochen werden könne . Das Problem , warum es dem angeblichen Sokrates eigentlich zu thun ist , nämlich den wahren Begriff eines gerechten Mannes durch das Ideal eines vollkommenen Staats zu finden , macht kaum den vierten Theil des Ganzen aus ; und ob ich schon nicht in Abrede bin , daß der Verfasser die häufigen Abschweifungen und Episoden mit der Hauptsache in Verbindung zu setzen gesucht hat , so ist doch unläugbar , daß einige derselben wahre Auswüchse und üppige Wasserschößlinge sind , andere hingegen ohne alle Noth so ausführlich behandelt werden , daß der Verfasser selbst das Hauptwerk darüber gänzlich zu vergessen scheint . Indessen werden alle diese Fehler in meinen Augen zu Kleinigkeiten , sobald gefragt wird : wie dieses Platonische Machwerk in Ansehung dessen , worin die wesentlichste Schönheit eines Dialogs besteht , beschaffen sey ? - Vorausgesetzt , daß die Rede nicht von Unterweisung eines Knäbleins durch Frage und Antwort , sondern von einem Gespräch unter Männern , über irgend einen wichtigen , noch nicht hinlänglich aufgeklärten , oder verschiedene Ansichten und Auflösungen zulassenden Gegenstand ist , so läßt sich doch wohl als etwas Ausgemachtes annehmen : ein erdichteter Dialog sey desto vollkommener , je mehr er einem unter geistreichen und gebildeten Personen wirklich vorgefallenen Gespräch ähnlich sieht . In einer solchen gesellschaftlichen Unterhaltung stellt jeder seinen Mann ; jeder hat seinen eigenen Kopf mitgebracht , hat seine Meinung , und weiß sie , wenn sie angefochten wird , mit starken oder schwachen , aber doch wenigstens mit scheinbaren , Gründen zu unterstützen . Wird gestritten , so wehrt sich jeder seiner Haut so gut er kann ; oder sucht man einen Punkt , welcher allen noch dunkel ist , ruhig und gemeinschaftlich aufzuhellen , so trägt jeder nach Vermögen dazu bei . Glaubt einer die Wahrheit , welche gesucht wird , gefunden zu haben , so hört er die Zweifel , die ihm dagegen gemacht werden , gelassen an , und die daraus entstehende Erörterung dient entweder die gefundene Wahrheit zu bestätigen und anerkennen zu machen , oder den vermeinten Finder zu überführen , daß er sich geirret habe ; und wäre auch einer in der Gesellschaft allen übrigen an Scharfsinn und Sachkenntniß merklich überlegen , so ist dieser so weit entfernt sich dessen zu überheben , das Wort allein führen zu wollen , und den andern nichts übrig zu lassen als immer Ja zu sagen , daß er ihnen sogar , falls sie ihre Zweifel und Einwürfe nicht in ihrer ganzen Stärke vorzutragen wissen , mit guter Art zu Hülfe kommt , ihre Partei gegen sich selbst nimmt , und nicht eher Recht behalten will , bis alle Waffen , womit seine Meinung bestritten werden kann , stumpf oder zerbrochen sind . Unterhaltungen dieser Art sind es , die der Dialogendichter zu Mustern nehmen muß ; aber auch dadurch hat er den Forderungen der Kunst noch kein Genüge gethan . Denn da er , als Künstler , sich nicht auf das Gemeine und Alltägliche beschränken , sondern das Schönste und Vollkommenste in jeder Art , oder genauer zu reden , ein in seinem Geiste sich erzeugendes Bild desselben , zum Vorbilde seines Werkes nehmen und dieses eben dadurch zum wahren Kunstwerk erheben soll : so kann mit dem größten Rechte von ihm erwartet werden , daß die gelungene Bestrebung , dem Ideal eines vollkommenen Dialogs so nahe als möglich zu kommen , in seinem ganzen Werke sichtbar sey . Ich darf nicht besorgen einer Ungerechtigkeit gegen unsern Dialogendichter beschuldiget zu werden , wenn ich sage , daß er bei der Ausarbeitung des Gespräches , wovon wir reden , eher an alles andere als an diese Pflicht gedacht habe ; denn statt eines Gemäldes , worin Sokrates als die Hauptfigur in einer Gesellschaft , in welcher es ehrenvoll ist der erste zu seyn , erschiene , glauben wir den Homerischen Tiresias unter den Todten zu sehen . » Er allein hat Verstand , die andern sind flatternde Schatten . « In der That sind von der letzten Hälfte des zweiten Buchs an alle übrigen eine Art von stummen Personen ; selbst Glaukon und Adimanth , an welche Sokrates seine Fragen richtet , haben größtentheils wenig mehr zu sagen , als was sie , ohne den Mund zu öffnen , durch bloßes Kopfnicken , oder ohne sichtbar zu seyn , wie die körperlose Nymphe Echo , durch bloßes Widerhallen hätten verrichten können ; und so ist nicht zu läugnen , daß dieser sogenannte Dialog eben so gut und mit noch besserm Recht ein Sokratischen Monolog heißen könnte . Daß das erste und zweite Buch hiervon eine Ausnahme macht brachte die Natur der Sache mit sich . In einer Gesellschaft von mehr als zwölf Personen , will sich ' s nicht wohl schicken , daß einer sich der Rede sogleich ausschließlich bemächtige ; und Plato benutzt diesen Umstand , seine Leser gleich anfangs durch das Gespräch zwischen Sokrates und dem alten Cephalus ( dem Herrn des Hauses ) über die Vortheile und Nachtheile des hohen Alters ( die kleinste und schönste Episode dieses Werks ) in Erwartung einer angenehmen und interessanten Unterhaltung zu setzen . Aber lange kann der Platonische Sokrates ein Gespräch dieser Art nicht ausdauern . Er muß etwas zu disputiren haben ; und da ihm Cephalus keine Gelegenheit dazu gibt , macht er sie selbst , indem er ihn , man sieht nicht recht warum , durch eine verfängliche Frage in einen Streit über den richtigen Begriff der Gerechtigkeit zu ziehen sucht , und dadurch den eigentlichen Gegenstand dieses Dialogs , wiewohl ein wenig bei den Haaren , herbeizieht . Der schlaue Alte , der die Falle sogleich gewahr wird , macht sich , mit der Entschuldigung , daß seine Gegenwart beim Opfer nöthig sey , in Zeiten aus dem Staube ; seinem Sohne Polemarchus auftragend , die Sache mit dem kampflustigen Herrn auszufechten . Der junge Mann zeigt sich dazu bereitwillig , und der Streit beginnt über den Spruch des Simonides , » jedem das Seine geben ist gerecht , « welchen Polemarch behauptet , Sokrates hingegen mit verstellter Bescheidenheit und Ehrfurcht » vor einem so weisen und göttlichen Manne wie Simonides , « unter dem ironischen Vorwand er verstehe die Meinung dieser Worte nicht recht , nach seiner gewohnten Art bestreitet , indem er jenen durch unerwartete Fragen und Inductionen in die Enge zu treiben und zum Widerspruch mit sich selbst zu bringen sucht . Polemarch wehrt sich zwar eine Weile , sieht sich aber , da er zu rasch und hitzig dabei zu Werke geht und seinem Gegner an Spitzfindigkeit nicht gewachsen ist , ziemlich bald genöthigt , seine Meinung zurück zu nehmen . Ich gestehe , daß ich es , an Platons Stelle , nicht über mich hätte gewinnen können , weder den Sokrates mit so ströhernen Waffen fechten , noch den Sohn des Cephalus sich so unrühmlich überwunden geben zu lassen . Man könnte zwar zu seiner Entschuldigung sagen : bekanntermaßen habe Sokrates sich gegen die Sophisten und ihre Schüler aus Verachtung keiner schwerern Waffen bedient ; da es ihm nicht darum zu thun gewesen sey , sie zu belehren , sondern ihrer zu spotten , sie in Widersprüche mit sich selbst zu verwickeln , und eben dadurch , daß sie sich so leicht verwirren und in Verlegenheit setzen ließen , sie selbst und die Zuhörer ihrer Unwissenheit und Geistesschwäche zu überweisen . Ich antworte aber : sobald Plato , der Schriftsteller , sich die Freiheit herausnahm , den nicht mehr lebenden Sokrates zum Helden seiner philosophischen Dramen und dialektischen Kampfspiele zu wählen , und ihm zu diesem Ende eine subtile , schwärmerische , die Gränzen des Menschenverstandes überfliegende Philosophie , die nichts weniger als die seinige war , in den Busen zu schieben ; mit Einem Wort , sobald er sich erlaubte aus dem wirklichen Sokrates einen idealischen zu machen , würde es ihm sehr wohl angestanden haben , auch die einzigen Züge , die er ihm lassen mußte , wenn er sich selbst noch ähnlich sehen sollte , die Art wie er die Ironie und die Induction zu handhaben pflegte , zu idealisiren ; ich will sagen , sie mit aller der Feinheit und Kunst zu behandeln , deren sie bedarf , wenn sie für eine Methode gelten soll , dem gemeinen Menschenverstand den Sieg über sophistische Spitzfindigkeit und täuschende Gaukelei mit Aehnlichkeiten , Wortspielen und Trugschlüssen zu verschaffen . Dieß , denke ich , müßte ihm Pflicht seyn , wenn er das Andenken seines ehrwürdigen Lehrers wirklich in Ehren hielte , und ich sehe nicht , womit er zu entschuldigen wäre , daß er in diesem Wortgefechte mit Polemarch gerade das Gegentheil thut . Oder muß es nicht dem blödesten Leser in die Augen springen , daß sein vorgeblicher Sokrates den Spruch des Simonides auf eine Art bestreitet , die den Leser ungewiß läßt , ob der Sophist Sokrates den ehrlichen Polemarch , oder der Sophist Plato den ehrlichen Sokrates zum Besten haben wolle ? Denn ( was wohl zu bemerken ist ) Polemarch erscheint in diesem Streit zwar als ein ziemlich kurzsinniger und im Denken wenig geübter Mann , aber nichts an ihm läßt uns argwohnen , daß es ihm nicht um Wahrheit zu thun sey ; und der Satz des Simonides , wenn er gleich den höchsten und reinsten Begriff dessen was gerecht ist nicht erreicht , drückt doch eine so allgemein für Wahrheit anerkannte Maxime aus , daß man nicht begreift , wie Platons Sokrates sich erlauben kann , einen so platten langweiligen Scherz damit zu treiben . Oder sollte Plato im Ernst glauben , die Erklärung des Simonides werde dadurch der Unrichtigkeit überwiesen , » daß einer z.B. Unrecht hätte , wenn er ein bei ihm hinterlegtes Schwert dem Eigenthümer auf Verlangen wieder gäbe , falls dieser wahnsinnig wäre , oder der Depositor gewiß wüßte , daß er seinen Vater damit ermorden wolle ? « Denn wer sieht nicht , daß hier bloß mit den verschiedenen Bedeutungen , die das Wort gerecht im gemeinen Leben hat , gespielt wird ; daß die Fälle , worin es nicht recht , d.i. weder gesetzmäßig noch klug , schicklich und rathsam ist , das Anvertraute dem Eigenthümer wieder zu geben , Ausnahmen sind , die aus dem Zusammenstoß verschiedener gleich heiliger Pflichten entstehen ; und daß daher unter verschiedenen Umständen und in verschiedener Ansicht eben dasselbe recht und unrecht seyn kann ? Daß Sokrates dieß nicht zu wissen scheint - und daß der gute Polemarch , sobald ihm die Ausnahme als ein Einwurf vorgehalten wird , gleich so erschrocken , als würde ihm der Kopf der Gorgone vor die Augen gehalten , zurückspringt , und den Worten des Simonides flugs eine andere Deutung gibt , die er gleichwohl eben so wenig gegen die Sophistereien und Ironien des großen dialektischen Kampfhahns zu behaupten weiß , - alle diese Antinomien11 gegen die Gesetze der gesunden Vernunft sind , ich muß es gestehen , etwas hart zu verdauen , wiewohl sie aufhören in Erstaunen zu setzen , wenn man gesehen hat , daß das ganze Buch von ihres gleichen wimmelt . Und gleichwohl dürft ' es jedem Leser , der gerade keinen besondern Sinn für die Reize dieser Art von Spaßmacherei hat , schwer fallen , an dem göttlichen Plato nicht irre zu werden , wenn er auf die platten , und in eine Menge kleiner , zum Theil ganz müßiger Quästiunkeln aufgelösten Inductionen stößt , wodurch der treuherzige Polemarch sich vom Sokrates weiß machen läßt : aus seiner Hypothese , » jedem das Seine geben sey so viel als seinen Freunden Gutes und seinen Feinden Böses thun , « folge ganz natürlich , der gerechteste Mann sey der größte Dieb , und die Gerechtigkeit sey nur insofern etwas Gutes als man keinen Gebrauch von ihr mache . Wer kann sich einbilden , ein so scharfsinniger geometrischer Kopf wie Plato habe sich selbst über die Armseligkeit solcher Beweise , die zum Theil auf bloßen Wortspielen beruhen , täuschen können , und sehe nicht so gut als wir , daß Polemarch der blödsinnigste Knabe von der Welt gewesen seyn müßte , wenn er sich in so groben Schlingen hätte fangen lassen ? Er muß also eine besondere Absicht dabei gehabt haben ; und was konnte diese anders seyn , als seinem Pseudo-Sokrates , um ihm desto mehr Aehnlichkeit mit dem wahren zu geben , eine Eirons12-Larve umzubinden ; und die bekannte Manier im Dialogisiren , welche dem ächten Sokrates eigen war und vom Xenophon in seinem