zum Erdgeschoß durchschlagend , alle Quadern und Mauern des Wahns auseinander . Als Form war die dramatische gewählt , die einzige , welche Leonharts innerstem Wesen gemäß . Die Entwickelung der Tragik aus den Tiefen des menschlichen Willens , zwischen Bewußtem und Unbewußtem schwankend , in ununterbrochen schnurgerader Linie psychologischer Folgerichtigkeit , in dramatische Gestaltung umgegossen - dies war sein Ziel . Die geschlossene Composition des gewöhnlichen Bühnendramas konnte ihm daher nicht genügen , da seine umfassende Anschauung über den zwerghaften Rahmen der landläufigen Kunstgesetze hinauswuchs . Aber überall nahm der philosophische Gedanke bei ihm warmen Erdkörper an . Die Dichtung fußte auf rein realistischem Untergrund , stellte sich jedoch selbst allegorisch dar . Der Held war ein moderner Faust . Wie Jener als Magister an der Wissenschaft verzweifelt , so dieser an seinem elenden Beruf der berufsmäßigen Federfuchserei . Absichtlich hatte der Dichter seinen Helden in alle und jede Erbärmlichkeit des modernen Litteratenlebens eingetaucht , ihm auch das Kleinlichste nicht erspart . Und was das Unerhörteste dabei , der Held trug Leonharts Züge unverkennbar , nur mit tausend willkührlichen Zusätzen . Die Anschauungen der modernen Naturwissenschaft lagen überall zu Grunde , waren aber nie aufdringlich breitgetreten . Nirgends fand sich die poetische , Licenz der Zufall-Anwendung , nirgend drückte sich der Dichter bei den schwersten Theilen der psychologischen Entwickelung mit ängstlichem Salto Mortale vorbei , wie die anderen Sonntagsreiter . Der Kampf mit den Naturtrieben trat überall in seiner plumpen nackten Roheit und Poesielosigkeit entgegen . Ueberall entpuppte sich die hinter dem Werke stehende Persönlichkeit als begnadete Schernatur , die zu größten Dingen bestimmt . Inmitten der kaleidoskopisch schillernden Mosaikgemälde und Feerie-Wandeldekorationen und nachgepfiffenen Epigonentriller der andern Litteraturfabrikate fühlt man ja wie , die Jungfrau , welche ihrer Mutter über die Bälle klagt : » Ach , es ist doch immer dasselbe ! « Der gewisse » Eine « war ihr eben noch nicht im Ballsaal begegnet . Aber hier bei Leonhart neben höchster männlicher Reife und fast schon angegreister Lebenserfahrung eine gewisse unverbrauchte Jugendlichkeit , wie die des tölpelhaften jungen Siegfried , der auszieht , um Krimhild und die Welt zu erobern . Ueberall hatte man hier den ganzen Mann als kompakte Thaterscheinung vor Augen in der tiefinnerlichen Untheilbarkeit seiner elementaren Persönlichkeit , deren Naturgewalt natürlich die diplomatisch kleinlichen Geistesschmarotzer der modernen Hypercultur nicht zu fassen vermochten . Wie man in der Dienst-Correspondenz eines Cromwell oder Friedrich ( » Aimez donc les détails ! « rieth der Letztere ) die ungeheure Arbeitskraft anstaunt , welche jeden Knopf und Stiefel ihrer Schwadronen im Auge behielt , - so erkannte man hier die sittliche Charakterstärke , die innere Wahrhaftigkeit , kurz die Klaue des Löwen breit und wuchtig im kleinsten Worte abgeprägt . Man sah seine weltbeherrschende Phantasie die Erde umkreisen von Pol zu Pol . Aus den bläulichen Ringeln seiner Kaffeekanne flatterten ihm braune Rosse auf , Beduinen in braunem Burnus . Sieh da , die weißen Mäntel , wie Strauße in gedrängter Herde ihre Schwingen blähen ! Der rothe Wüstensand klatscht zum Sattel empor ! Schaumflocken bedecken Bug und Nacken der Rosse , so daß sie getigerten Schecken gleichen oder fürstlichen Turnierrossen mit einem Brustlatz von Hermelin ! Und auf ihrer Spur schnauft das Hyänenrudel , in wilden Sätzen die Fährte mit den Pfoten durchtastend - denn wo die Wüstensöhne jagen , da fällt ein Opfer zum Schmaus der Hyänen und Geier , die krächzend den Trauerchor um die Gefallenen hüpfen ! Aus dem Lande der Sonne schweifte des Dichters Geist zum Norden , aus der Wüste zum Meer . Die bläulich zackigen Eisberge der Eskimos , die den Thran in Humpen schlürfen , umschiffte er wie ein Viking . Wie der Pfeil vom Fischbeinbogen , schwirrte sein Schiff dahin durch die tiefaufrauschenden Wellen , ängstlich ächzte , sein Segel vor der kreischenden Brandung , über welcher der zackige Blitzstrahl den Donner heroldete . Und zum Klang gebrochner Helme sang die Seeschlacht wild und wilder , und der Tag sah ihn vorderst fechten . Doch in mondheller Nacht entquollen seiner Harfe die Thränen sehnender Leder . Wohl drangen die Schreie aus des Dichters eigenem Herzen , man vernahm mit Schauder diese gewaltige Stimme , - wie der faustische Held , am Meere entlangwandelnd , aus Muscheln die ferne Klage des fliegenden Holländers vernimmt , der im Maëlstrom wirbelnd dem tauben Himmel droht , bis er fadentief versinkt zu Seegras und Korallen . Der Brandung Bucht , die hohle , Einsam der Wind umpfeift . Träg von der Bergessohle Der Nebel sich niederschweift . Die Wassergeister schweben Höhnend zu mir empor : Zu Schaum zerann Dein Leben , Du bist und bleibst ein Thor . Es schwimmt das falsche Mondenlicht Lockend auf kühlem Grunde . Der Dampfer durch die Wogen bricht , Sein Licht erhellt die Runde . Und durch mein Herz , das dunkel kreist , Mit grellen Feuerstrahlen Das Schicksal seine Furche reißt . Leuchte mir , Gott der Qualen ! Ihr Heuchler , Schurken , Memmen , Gecken , Narren , Du weltliches Gesindel um mich her , Magst ein Jahrhundert auf die Stunde harren , Die heut durchwettert meiner Seele Meer ! Ich höre Dich , mein Gott , im Wogenrauschen : » Laß Menschen Menschen sein ! Ich bin Dir gut . Auf meine Donnerstimme sollst Du lauschen Und vorwärts branden , Meer , in heiliger Wuth ! Schwemm sie hinweg , die Deinen Pfad Dir sperren ! Du bangst , weil fahler Neid die Messer wetzt ? Furchtlos voran ! Ich mach ' Dich doch zum Herren Und trete nieder , was sich widersetzt ! Was half Dir Deine königliche Güte , Mit Dreistigkeit von jedem Wicht belohnt ? Laß nur Verachtung reifen im Gemüthe , Den Haß , der keine Nichtigkeit verschont ! Wo Du vertrautest , wurdest Du verrathen , Und wo Du Edles wähntest , war ' s ein Traum . Für ihre schamlos schnöden Missethaten Verschlinge sie in Deiner Brandung Schaum ! Schmied ' allen Haß in einen Blitz zusammen Und brülle nieder sie mit Deinem Fluch ! Brenn ' sie zu Spreu in Deines Hohnes Flammen ! « Sieh her , Jehova , kennst Du dieses Buch ? Wäre dies Buch , das in den Annalen der Litteratur seines Gleichen suchte , bei Lebzeiten Leonharts erschienen , so hätte es seinen Untergang beschleunigt oder direkt herbeigeführt . Thörichte Schwätzer hätten sich an das muthmaßlich Persönliche geheftet , ja vor allem liebevoll nach den angeblichen Modellen der Figuren geforscht und ein Bouquet von allerlei Persönlichkeiten zusammengestellt , um etwaige Beleidigungsklagen zu formuliren . Man muß den Leuten stets ihr Vergnügen gönnen . Niemand hätte die Großartigkeit des Typischen in all diesen scheinbar photographirten Einzelheiten erkannt , Niemand begriffen , daß ein so hoch über den Dingen und Menschen stehender Geist das Recht in sich selber trägt , seine eigene Welt nach seinem künstlerischen Willen zu gestalten . In der trostlosen Armseligkeit jener nüchternen Prosa , die nur mit den Rechenpfennigen der Alltagsmoral handelt , wäre Niemandem auch nur in den Sinn gekommen , die tiefe erhabene Gerechtigkeit dieser Heldenseele zu verstehen . Wer hätte gewürdigt , daß man es hier mit einer Dichtung zu thun habe , welche gänzlich außerhalb aller gewöhnlichen Alltagsbegriffe von Menschen und Dingen stand ! Dies war der Realismus einer Wahrheit , hoch über der handgreiflichen Wahrheit der beweisbaren Realität . Allein , mit dem adlermäßigen Sonnenflug dieses byronischen Geistes verband sich hier eine ätzende Satire , deren Bosheit den wahnsinnigen Gallenergüssen Swifts ähnelte . Die juvenalische Ader Leonharts blutete sich aus , bis sein Geist an einer Art Auszehrung von Menschenverachtung , wie an einem Blutverlust jeder Lebenslust , zu versiegen schien . Welch ein namenlos unglückliches Leben öffnete sich in diesen Blättern , die von Herzblut zu triefen und sich wie klaffende Wunden zu öffnen schienen ! Unseliger Mensch ! Ihm war das Leben ein graues ödes Meer , über dem nur das Wetterleuchten seines Grimms emporzuckte . Ueberall unterbrach ein grelles Auflachen das methodische Hämmern dieser zermalmenden zerhackenden Maschine eines rastlosen Denkens . Die » saeva indignatio « , welche Swifts Herz nach dessen Ausspruch zerfleischte , schmeckte man auch hier . Schonungslos auch gegen sich selbst , zerpflückte der Dichter unerbittlich seine eigenen Gefühle . Ein unerbittlicher Wahrheitsdrang , ein verzweifeltes Drauflosstürmen gegen jede conventionelle Lüge , raste sich hier berserkerhaft aus . Rücksichtslos waren die Gesetze des animialischen Lebens betont , die Naturgeschichte des Menschenviehs . Es regnete Ohrfeigen und Nasenstüber . Indem er die bübischen Begierden der Sinnesmenschen entblößte , ekelte sich dieser Faust-Mephisto und hatte doch auch » seine Freude dran « . Das Ganze bildete einen einzigen Aphorismus , ein riesenhaftes Monodrama , einen von innerer Handlung unablässig bewegten Monolog . Diesem tragischen Humoristen zerflatterte das Stoffliche oft zwischen den Fingern und löste sich in psychologische Tüftelei auf . Die geringfügigsten Ereignisse spann der Reflexionspoet mit keckem Sichgehenlassen zu wichtigen Abhandlungen und schlachtete das Unmerkliche als Stoff unendlicher Betrachtungen aus . So ging seine Laune ihren eigenen störrigen Maulesel-Trab , immer drauflos durch Blumen , Gemüsegärten , Disteln und Nesseln . Sie war nicht wählerisch . Duften die Rosen , so schlürft sie das Arom ein , und duftet der Mist , so findet sie darin einen eigenartigen Haut-Goût . Die Leichtigkeit in Führung der psychologischen Entwickelung , die sichere feste Hand in Urbarmachung des unbegrenzten gedanklichen Gebiets wurde unterstützt durch den genialen Blick für Rassenmerkmale , die fruchtbare kosmopolitische Bildung des Denkers . Ueberall erhoben sich reine Formgedanken in lichtem plastischem Marmor - statt schönheitsfroher Harmonie vernahm man freilich mystische Orgelklänge einer verschnörkelten Symbolik . Doch schmolz sich das kalt Abstrakte überall vor dieser belebenden Schöpferwärme in reale Gestalten um , welche sich nur indirekt , indem sich das Begriffliche verdichtete , zu plastischen Allegorieen herausmeißelten . Diese bis zur höchsten Potenz gesteigerte Phantasiekraft setzte sich zu der Bewegung der Weltkörper in Schwingung und möchte das All reflektiv umspannen , ohne daß sie je Gefahr lief , sich im Allgefühl zu verlieren . Diese titanische Individualität sammelte die durch zahllose Kanäle sich hinwindende Reflexion zu klarem Strom und durchflutete das Naturganze des Weltorganismus selbst wie eine besondere Weltseele , immanent der inneren Untheilbarkeit der Dinge . Hier wagte sich wieder einmal ein Viking-Skalde hinaus in die offene See , als Wrack umhergeschlendert und in brüllendem Orkan wie in warmem Sonnenschein von der unheimlichen Flut gewiegt , welche in immer gleicher fühlloser Schönheit uns alle von dannen spült . Wie die alten Seekönige kreuzte er von Küste zu Küste , wie Odin aus Sagas goldenem Methhorn berauscht . Auf seiner Hochzeitsreise mit der wilden Walküre Wahrheit verbrannte er denn sich selbst und sein Drachenschiff im Feuerwerk cynischer Selbstvernichtung . - - Wäre dies außerordentliche Geistesprodukt aus der Feder eines Lebenden geflossen , so hätte man die nervig-drastische Methode Leonharts , die minutiöse Ausmalung psychologischer Wandlungen durch Zusammenscharrung ganzer Dokumentbibliotheken , um die Illusion absoluter Lebenswahrheit zu erwecken , als langweilige Weitschweifigkeit benörgelt . Eine unreife Baby-Aesthetik hätte die erotischen Scenen des Buches , welche die tiefste philosophische Absicht bargen , als brutalen Cynismus denunzirt . Ja , die unreifen Janitscharen der bespeichelten Modehelden hätten gar all dies Erdichtete für » Bekenntnisse einer schönen Seele « oder direkte Rousseausche Confessions genommen und demgemäß erläutert . Die Salon-Tätteler , die akademischen Säuseler , die Formalisten hätten mit Erfolg diese freche Verletzung alles gentlemanliken Dekorums gegeißelt . Muß doch die Welt jede Wahrheit in der Kunst hassen , besonders die Frau , welche ja die Welt bedeutet ! Und da waltet wohl nur ein mechanisches Gesetz ob , ohne welches die conventionelle Gesellschaftsordnung nicht denkbar wäre . Allein , aus ganz demselben Gesetz folgerte nun das Gegentheil , da es sich um einen Todten handelte , der unter so betrübenden Umständen die Consequenzen der Wahrheit gezogen und sich vom Leben verabschiedet hatte . Die Kulturmenschheit ahnt nämlich bewußt und unbewußt , daß der geliebte Materialismus d.h. der flotte thierische Kampf ums Dasein ohne die Fiction des » Idealismus « gar nicht möglich wäre . Denn der auf die Naturwissenschaft gestützte Materialismus führt unnachsichtlich zu Consequenzen des Socialismus . Um daher dem Bild von Saïs einen Schleier vorzuhängen , pflegt man ab und zu den sogenannten Idealismus , das Interesse an idealen Kulturerzeugnissen . Man gähnt pflichtschuldig das Postament der Geistesheroen alt und versteckt seine stumpfsinnige Gleichgültigkeit unter dem Tamtam neuer Götzendiener , die vom Abfall früherer Geistesthaten leben und ein großes Geräusch machen , gleich den Ammen Jupiters , um die Stimme ihres Gottes zu übertönen . Man läßt zwar das lebendige Ideale als Aschenbrödel verhungern , aber man muß ab und zu über abstrakten Idealismus faseln , um das Gleichgewicht herzustellen . So wollte denn das Gejammere über das » unglückliche Genie « , » den edeln Dichter « kein Ende , nehmen . Die » Berliner Tagesstimme « nannte ihn , nachdem sie sich von Schritt zu Schritt mehr für ihren todtgeschwiegenen Liebling erwärmt , bereits nur noch schlechtweg den » erhabenen Jüngling « . Sie wußte mit dröhnendem Pathos unser Zeitalter der Reaction dafür verantwortlich zu machen , daß eine so hochherzige Natur aus purem Lebensekel sich aus dem Leben » fort jraulte « . Jaja , das Herz dieses erhabenen Jünglings brach , denn es schlug der Freiheit sowie der Menschheit . ( Die Aktien-Dividende der » Berliner Tagesstimme « war dies Jahr besondere fett gerathen . ) Hingegen wußte das » Deutschnationale Blatt « ganz genau , daß der Antisemit Leonhart nur durch das infame Judenthum , dessen Presse sich besonders an ihm versündigte , zur Verzweiflung getrieben wurde . Das » Bunte Allerlei « wimmerte wie ein kleines Krokodil und brachte u.A. die boshafte Notiz : » Wie wir hören , soll der gräßliche Sittenschilderer K. Schm . untröstlich sein . Der Selbstmord seines Freundes L - t wirst all seine Dispositionen um . Denn er hatte denselben bereits als Helden seines neuen Romans festgenagelt und als Typus des Größenwahns unsterblich lächerlich gemacht . Leider ist ihm nun der böse Mensch zuvorgekommen . Solche Todten persiflirt man ungern . « Jedenfalls zeigte sich die Deutsche Presse eifrig bemüht , den Fall Leonhart als typisch für die deutsche Verkennung und das deutsche Schriftstellerelend möglichst breitzutreten . Ein Aufruf des allgemeinen Schriftstellerverbandes und des litterarischen Schutzbureaus erschien , worin jeder dieser Concurrenten den andern für die deutsche Misère in verblümter Weise verantwortlich machte und dann zu dem Fall Leonhart überleitete . Sämmtliche sechzehntausend Schriftsteller und Schriftstellerinnen des Kürschnerschen Lexicons sollten einen Obolus entrichten für einen interessanten Grabstein , welchen man dem » verewigten Collegen « errichten wollte . An den Grafen Oscar von Scheckwitz , Excellenz , und andere millionenreiche Didaktiker richtete man eine Adresse : » Ew . Excellenz ! Hochgeborener Herr Graf , hochmögender Herr Kammerherr ! Mit jener Ehrerbietung , welche Alldeutschland Ihrem glorwürdigen Schaffen zollt « u.s.w. Er möge , um die entsetzliche deutsche Dichterverachtung im Volk der Dichter und Denker zu brandmarken , das Portrait Leonharts nach einer Zeichnung von Stauffer-Vern anfertigen lassen und seiner berühmten Gallerie einverleiben . Graf Scheckwitz , Excellenz , edelherzig wie immer , zog sich jedoch noch glänzender aus der Affaire . Er versprach nämlich statt dessen die Tantièmen seines neuen griechischen Dramas mit Chören » Gott Hymenäos « , falls dasselbe sofort von seinem Standesgenossen Graf Hochberg aufgeführt werde , als Preis auszusetzen für die beste Denkschrift über » Friedrich Leonhart , den deutschen Chatterton . « Es giebt noch gute Menschen . Regnete es doch nur so » Erinnerungen an den verewigten Dichter « ! Frank Säuerbach in München veröffentlichte einen Essay in der » Allgemeinen Zeitung « , worin er mit braminenhafter Spitzfindigkeit den Leichnam Leonharts secirte und an demselben pathologische Studien verübte . Der Keim zum Selbstmord habe von jeher in Leonhart gelegen , ebenso wie etwa Satyriasis in dem sogenannten Pantheismus jüngstdeutscher Lyriker . Er brachte als Beweismittel zwei Gedichte bei , die der Unglückliche vor Jahren veröffentlicht habe : Du , des Tages blind Geschöpf , jammerst , daß Dein Herz verblutet , Daß Dein ganzes Sein sich fühlt vom Verwesen angemuthet ? Ja , die Hoffnung bald entwich , Nur den Tod zu suchen frommt , nur der Tod macht Dich unsterblich . Nur des Denkers Ideal bleibt von Zeit zu Zeit vererblich , Dein Gedanke unveräußerlich . Als Volker vorgefiedelt , sprang auf des Tisches Brett Herr Hagen , jäh zertrümmernd die Krüge beim Bankett . » Nun trinken wir die Minne und zahlen des Königs Wein : Der junge Vogt der Hennen - der soll der Allererste , sein ! « Wer will zum Tanz mir fiedeln ? Ich möchte schon sogleich Zertrümmern meines Herzens Gefäß mit festem Streich . » Nun trinken wir die Minne und zahlen des Schöpfers Wein : Das Blut des Dichterherzens - das muß das allerbeste sein . « Diese traurige Lebensverschmähung , dieser bachantische Trieb zur Selbstvernichtung wie zu einem Festgelag , sei nun durch die berechtigte Verzweiflung des Dichters über die stumpfe Aera , in welche ihn das Schicksal verbannte , gesteigert worden . Sogar der Componist Francis Henry Annesley meldete sich einem litterarischen Magazin mit einem Artikel » Meine Beziehungen zu Friedrich Leonhart « . Denn obschon er für alle Zeiten jeglicher Schmier-Bethätigung entsagt und sich ganz der edeln Musika gewidmet habe , besäße für ihn die Feder noch immer genug Anziehungskraft , um zwei edeln Todten den Zoll der Dankbarkeit zu bringen . Dies seien der Maler Rother und der Dichter Leonhart , beide auf rätselhafte Weise verunglückt , wahrscheinlich durch Selbstmord . » Ja , sie wanderten nicht von einer Kaltwasserheilanstalt in die andere , wie so mancher andere Schmerzenreich , « - ( gestand der junge Musiker mit achtungswerther Selbstironie ) - » ewig entsagend und immer wieder da , von den Todten auferstanden . Sie machten Ernst mit ihrer Verneinung des Lebens , mit dem letzten Facit unter der Summe ihrer Schmerzen . « Und jetzt folgten eine Menge enthusiastischer Lobeserhebungen über die » hehren Verblichenen , « welche » die einzigen absolut selbstlosen , neid- und parteilosen Menschen « gewesen seien , die ihm je begegnet . Er idealisirte sie jetzt ebenso ins Maßlose , wie er sie früher bemäkelt und ausgebeutet hatte . Allein , mochte man darüber denken wie man wollte , etwas Rührendes lag trotz eines Anflugs der alten Schauspielerei in dieser offenherzigen Reue , mit welcher sich der sonst so geckenhafte und seines eigenen Edelsinns bewußte Jüngling selber des knabenhaften Undanks bezüchtigte . Er habe zur Entschuldigung anzuführen , daß er durch die Gesellschaft heuchlerischer Banditen à la Edelmann und Haubitz mit dem Gift eines allgemeinen Mißtrauens inficirt sei , weil er alle andern Menschen nur als elende Selbstlinge kennen lernte . Dies nur habe ihn nicht voll würdigen lassen , was Rother stets für ihn gethan . Seither sei er älter und männlicher geworden , und wisse jetzt , was in dieser kalten gemeinen Welt ein warmes Freundesherz bedeute . Jetzt sei er sich seiner Nichtigkeit und Zwergheit bewußt - seiner moralischen Inferiorität einem Rother , seiner geistigen einem Leonhart gegenüber . Von dem lächerlichen Größenwahn , der ihn dämonisch verzehrt habe , sei er curirt . Den » Schwur des Hannibal « in der Hand , am Grabe dieser großen Seelen , welche der Weltroheit nicht zu widerstehen vermochten , habe er sich zugeschworen , jedem eiteln Ehrgeiz zu entsagen . Wo solche Menschen untergehen mußten , da lohne es sich grade , den Beifall der gemeinen Herde zu erschwindeln und um den feilen Odem des Pöbels zu buhlen . - So hatte der Tod mit seinem ernsten Seherblick eine schon erblindete Seele erhellt . Der edle Grundstoff und der ideale Instinkt einer schon verschlammten krankhaften Wesensart wurde emporgerüttelt , so wie ein jäher Schreck das Wechselfieber vertreibt . - Max Henkelkrug veröffentlichte in Separat-Abzug bei Schabelitz ( Zürich ) eine hochtrabende Rhapsodie in Bänkelsängerformat : Ein sociales Nachtstück . Der Dichter der ist todt . Verscharrt ist sein Gebein , An seinem Grab ein Rabe droht , Kreischt » Mord « ins Land hinein . Der Afterdichter rührte stolz Die Saiten vorm horchenden Volke . Da plötzlich sprang der Harfe Holz Und die Saite barst in Stücke . Von des Regenbogens Brücke Erklang es aus der Wolke : » Der Wicht , der mich erschlug , Hier seine Strafe fand . Des Meisters Harfe nie ertrug Des Ungeweihten Hand . Wer hat zum Skalden Dich bestimmt , Geboren und auserkoren ? Odin , der Skaldengott ergrimmt , Geschworen ist Dein Verderben . Denn Thoren sollen nicht erben Den Ruhm , den Weise verloren . « Die Auferstehung der Todten ist eine schöne Sache . Jetzt war jeder Philister , der sich auf seinen Wollsäcken wälzt , freudig bereit , sein Licht auf den Scheffel zu stellen und seinen Idealismus in wohlschmeckenden Festessen zu Ehren eines halb verhungerten Dichters leuchten zu lassen . Wenn man nur durch Heiligsprechung der Todten den Lebenden ihre Rechte verkümmern kann , dann sind wir allemal diejenigen , welche . Freilich kostet es ja auch weniger , je einen Penny für ein Grabmonument beizusteuern , als ein Pfund zu einer Subscription auf ein zu schaffendes Werk . Statuen dienen zur Verschönerung der öffentlichen Plätze , und zur Drucklegung patriotischer Prospekte , besonders zur Ordensempfehlung des Gemeinderaths . Wenn heut ein Geist herniederstiege , er würde dazu nur rufen : Unsinn , Du siegst und ich muß untergehen . Doch fehlte es natürlich auch nicht an dissentirenden Stimmen . Denn Haß und Neid überleben selbst den Tod . So schrieb Peter v. Schnapphahnitzkoi in der » Kreuz- und Schwertzeitung « : » Als wir den hochtrabenden Titel lasen und von dem Inhalt des Buches hörten , befiel uns abergläubische Furcht . Wie , der Kampf mit dem Drachen ? Wer wagt es , Rittersmann oder Knapp ? Der Knapp ' wagt es und Herr Leonhart taucht in den Schlund - der lernäischen Hyder an der Spree . Zu solcher Schandthat sollte man sich erst aufschwingen , sobald man die Blöße des Gegners entdeckt hat . Aengstlich von Natur , stoßen auch wir nur in solchem Falle zu . Aber ach , solche Kraftleistung kann uns nicht in diesem Falle erschlaffen , denn der verewigte Dichter bietet ja dem Messer der Kritik selbst überall die Kehle dar . Er nestelt sich , wie eine kleine Brigg der Wasser-Geusen an eine schwerfällige spanische Gallione ; wie ein Torpedoboot an ein Linienschiff alter Holzconstruction , an die bestehende Gesellschaftsordnung an und wundert sich , wenn ihn diese in den Grund bohrt . Er schmeißt seiner spröden Feindin , der bösen Welt , faustdicke Grobheiten ins Gesicht und wundert sich , wenn sie diesem Liebeswinke widersteht . Mein Gott , was kann da sein ! Leonhart war ein kecker verschlagener Husar , der sich in Vorpostenschaarmützeln herumhieb , so daß gewiß irgend ein Feldherr , der oben auf dem Berg seine Batterieen ordnet , an ihm seine helle Freude gehabt hätte . Nur muß der mehrfach dekorirte Rittmeister nicht urbi et orbi verkünden , er habe schon selbstständig commandirt und Schlachten gewonnen ; dann wird er wegen Vergehens gegen die Disciplin gemaßregelt . Was hat denn der vielbeklagte Jüngling eigentlich geleistet ! Romane konnte er nicht schreiben , der Faden seiner Handlung spann sich niemals ungezwungen ab , die äußeren Griffe des Erzählhandwerks beherrschte er kaum , und alles verlief sich ins Gefühlsverworrene . Die glückliche Hand eines alterfahrenen Technikers blieb ihm versagt , er scheiterte an der Klippe der Manierirtheit und Uebertreibung . Wenn er versuchte , geistreiche Silhouetten aus der Berliner Gesellschaft herauszuschneiden , so häufte er nur eine Fülle intimer Details mit reportermäßigem Behagen auf . Statt ohne Umschweif vorzugehn , das Ding an sich zu packen und knapp beim Namen zu nennen , verlor er sich in Schönrednerei , weil ihm für die praktisch-nüchterne Wahrhaftigkeit und poesielos trockene Gesundheit des Berolinischen Alltagslebens das feinfühlige Tastorgan fehlte . Und nun diese unwahre Schmerzfexerei , dies Reklamegeschrei , diese überreizte Fruchtbarkeit ! Bekanntlich leidet unsre Zeit an drei großen Krankheiten : Atheismus , Morphiumsucht und Größenwahn . Wir wissen nicht , ob Leonhart an Morphiumsucht krankte . Seinen Atheismus vermuthen wir . Gewiß aber sind wir seines Größenwahns . Bei dieser widerlichen Selbstberäucherung , wo der Dichter gleichsam vor seinem verschönerten Ebenbild anbetend auf den Knieen rutscht , fällt wohl Jedem das gesunde Sprüchwort ein : Eigenlob stinkt , Andrer Lob klingt . - Krastinik lachte bitter auf . Klingt - ja leider klingt es manchmal wie Zwanzigmarkstücke . Und da scheint denn doch das Eigenlob beträchtlich weniger zu stinken . Ist heut nicht jedes Lob verdächtig ? Die wirklich Schlauen fügen in Lobhndeleien stets gehörigen Tadel ein , denn die Möglichkeit einer selbstlosen Begeisterung scheint ausgeschlossen . Fängt bei den Kollegen , die Wahrheitserkenntniß doch sicher erst an , wenn die persönliche Existenz des Autors erloschen ist . Was aber soll uns dann noch eine Kritik , die eben nur auf persönlichen Verhältnissen fußt ? Besser wahres Eigenlob , als erlogenes Andrerlob ! Es kommt hier einfach auf den Satz heraus : Quod licet Jovi , non licet bovi . Psychologisch betrachtet , verräth die Unvorsichtigkeit des Selbstlobes nur , daß die Eleusinischen Mysterien der Streberei dem muthigen Verletzer fremder Eitelkeit unbekannt blieben . Krastinik dachte aus der Fülle seiner Erfahrung an all jene Geschmeidigen , die der Kenner auf den ersten Blick durchschaut , heißen sie nun Cohn oder Baron , die geschickt das plumpe Selbstlob vermeiden , sich überall durchwindend ohne anzustoßen und doch vordrängend . Und wird nicht das verrufene Selbstlob vollends eine verzeihliche Nothwendigkeit , falls man gegen die Schmach , die Unwerth schweigendem Verdienst erweist gar keine andere Waffe mehr hat ? Hier hört das Selbstlob auf , rein persönliche Eitelkeit auszustrahlen , und verliert seinen ursprünglichen Charakter , indem es einfach zur Vertheidigungsrede sich umformt . Krastinik las weiter . Der kleine Lumpensammler kritikasterte nun so fort , indem er emsig auf die Untugend der Unbescheidenheit losklopfte und einen Injurien-Platzregen vom Olymp des Jupiter Pluvius Stupidus herabgoß . Krastinik verzog keine Miene . Denn wer einmal im inneren Ring der litterarischen Geschäfte thronte , constatirt ja nur mit ruhig geschäftsmäßigem Tone , warum dies und das geschrieben sei . Einen ungetrübten Blick für Ideales pflegen nur Fernstehende bewahren zu können . Zum guten Ton einer wahrhaft vornehmen Kritik gehört es hingegen unbedingt , die Absichten des Autors möglichst zu verdrehen und geistiger Urkundenfälschung zu fröhnen . Man erstarrt als Uneingeweihter zur Salzsäule über die angeblichen Motivirungen , welche dieser skandalisirende Mephisto über die idealsten Dinge zum Besten giebt . Dies Büchlein riecht zum Himmel , daß Zeus sich die Nase zuhält . Es athmet einen Rinnstein-Odeur von roher Bosheit . Unter dem würdigen Schlachtgebrüll eines edeln Zornes drängelte der verstorbene Litteraturpapst nicht übel mit dem Ellenbogen , um einen Platz in erster Reihe zu ergattern . Er schwenkte als Zwingvogt seinen Hut auf eine hohe Stange hinauf , und wer sich nicht aus dem Staube machte , wurde gefaßt , weil man dem Hut nit Reverenz erwiesen . Er schmiß sogar seinen Geßlerhut tief ins Lager der Widersacher , um ihn dort wieder herauszuhauen . Das Schlachtgetümmel mit Tschingderatata wollte kein Ende nehmen . Nun hat es ein Ende genommen , freilich ein Ende mit Schrecken . Mag der Geist des seligen Dichters noch so wuchtig mit dem Tölke ' schen Knüppel drohen : Wer dies Buch nicht lobt , fühlt sich von ihm getroffen - mag ihm als Motto seines Strebens der alte Vers vorgeschwebt haben : Was kann Genie ? das stirbt , eh man ' s begriffen , verkannt , verlästert , ausgepfiffen , - wir können nur achselzuckend dies hohle Machwerk einer kindischen Selbstanbetung bei Seite werfen . Trefflich urtheilt unser schneidiger Waffengänger Rafael Haubitz : Es fehlte eben Leonhart an einer ausgeprägten Physiognomie . De mortius nil nisi bene . Fesselte nicht diese Erwägung unsre Feder , wir möchten dieselbe wohl viel schärfer gespitzt haben . - Zum Schluß nur noch eine ruhige Frage , welche den ganzen Dunst des lächerlichen Todtentanzes einer schwindelhaften Dichtergrab-Bewunderung zerbläst : was hat Leonhart unter all seinen zahlreichen Schreibereien , speciell seinen Dramen , denn je geschaffen , was an Größe der Conception und Schönheit der Ausführung auch nur entfernt sich messen kann mit dem wundervollen Drama Graf Xaver Krastiniks , unseres neuerstandenen großen Dichters ? Schlägt Die Meeresbraut nicht alle verfehlten Versuche jenes Stürmers und Drängers um zwanzig Pferdelängen ? Nicht umsonst erlebte Die Meeresbraut jetzt schon die dreißigste Aufführung binnen so kurzer Frist , unerhört im Deutschen Theater . Dorthin gehe man , um zu schauen , was wahre Dichtkunst bedeutet ! Leonhart war höchstens ein Vorläufer des genialen Grafen Xaver von Krastinik . « Krastinik ballte das Zeitungsblatt mit der Faust zusammen und warf es zerknüllt zu Boden . O öffentliche Meinung des bedruckten Zeitungspapiers , du bist geduldig . Vorläufer , ja wohl ! Wagte nicht auch Webster in der Vorrede seiner » Vittoria Corombona « vier Jahre vor Shakespeares Tode den größten Genius aller Zeiten in einem Athem zu nennen mit dem Akademiker Ben Jonson und den adligen Theatralikern Beaumont-Fletcher , ja sogar mit Eintagsfliegen wie Chapman , Dekker und Haywood , die heut kaum der Literarhistoriker beachtet ! » Schließlich , doch ohne ihn durch diese letzte Nennung beleidigen zu wollen « nennt der gute Mann als seinen Vorläufer auch noch den gottähnlichen Ewigkeitsmenschen . Eine Posse von tiefbedeutsamer Mahnung . Jaja , Gegengewicht muß sein ; gegen drohendes Uebergewicht imaginäre Werthe ausspielen - vive l ' Egalité ! Und hier bei diesem Fall , wo durch die überwältigende zerschmetternde Ironie des Zufalls einmal die plumpe Gehässigkeit der Beschränktheit offenbar werden konnte , wo die Aufdeckung der Wahrheit - - Krastinik schauderte in sich zusammen . Er preßte die Hände vors Gesicht , wie um die Welt nicht zu sehn oder vielmehr sich vor ihr zu verstecken . - - - -