meinen Händen . « Er hatte diese Drohung in innerster Erregung gesprochen ; aber ihre Wirkung auf Hoppenmarieken war nur gering . Sie schüttelte bloß den Kopf , und ohne sich im übrigen im geringsten eingeschüchtert zu fühlen , wiederholte sie nur immer : » Gnäd ' ge Herr , de junge Herr ! « und salutierte dabei mit ihrem Hakenstocke , zum Zeichen , daß man sich auf sie verlassen könne . Es war dies auch besser und bedeutete mehr , als wenn sie bekräftigungshalber ihre Schwurfinger erhoben hätte . Dann griff sie wieder nach der Kiepe , lehnte den Rat , der ihr noch gegeben wurde , » sich wo möglich an die Westfalen zu machen « , mit der Bemerkung ab : » Ne , ick geih to de lütten Franzosen ; de passen nich upp « , und verließ einen Augenblick später das Zimmer . Erst als sie zwischen den zwei Auffahrtspfeilern war , machte sie noch einmal mit militärischer Promptheit kehrt und grüßte nach dem Eckfenster hinauf . Wußte sie doch ganz bestimmt , daß der alte General ihr nachgesehen habe . Dieser lachte denn auch , nahm seinen kleinen Meerschaum in die Linke und warf ihr mit der Rechten Kußfingerchen zu . » ' s bleibt doch ein Prachtexemplar , Vitzewitz « , sagte er . » Ich wollte , ich hätte so was in Groß-Quirlsdorf . « Berndt schwieg und stützte den Kopf . Nach einer Weile sagte er : » Bamme , Sie sind ein Menschenkenner . War es nicht gewagt , unser Spiel auf diese Karte zu setzen ? Können wir ihr trauen ? « » Unbedingt . « » Und warum ? Weil ihr altes Hexenherz an Lewin hängt ? « » Vielleicht auch deshalb . Etwas muß das Herz haben . Und je weniger es hat , desto fester hängt es dran . Es stirbt dafür . Gut oder böse macht keinen Unterschied . « Berndt nickte . » Aber « , fuhr Bamme fort , » das ist es nicht , weshalb ich ihr traue . Ich trau ihr , weil sie klug ist . Wissen Sie , was sie jetzt denkt ? « » Nun ? « » Die Franzosen werden nicht ewig im Lande Lebus bleiben , aber die Vitzewitze noch lange . « » Und ? « » Und Bündnisse schließt man nur mit Dauermächten . Auch wenn man Hoppenmarieken heißt . « Zweiundzwanzigstes Kapitel Im Weißkopf In denselben Stunden , in denen der über Lewins Gefangenschaft Auskunft gebende Brief den Weg von Frankfurt nach Hohen-Vietz hin machte , machte Lewin in Person den Weg von Frankfurt nach Küstrin . Nur die Breite des Flusses lag zwischen ihnen , und der alte Rysselmann , wenn er schärfer zugesehen hätte , hätte die französischen Eskorte-Mannschaften erkennen müssen , die drüben am neumärkischen Ufer ihre Straße zogen . Es waren Voltigeurs , ausgesuchte Leute , die man unter den Befehl eines alten , schon in Spanien gedienten Sergeanten gestellt hatte . Und solche Vorsichtsmaßregeln waren mit gutem Grunde getroffen worden , denn hatten es die Russen auch tags zuvor an gutem Willen und jedenfalls an Worthalten fehlen lassen , so waren sie doch in der Nähe , durchschwärmten die Neumark und machten sich recht eigentlich eine Aufgabe daraus , kleine feindliche Kommandos wegzufangen . Das erheischte nur geringe Opfer und machte von sich reden . Dieser Sachlage waren sich die Begleitmannschaften auch voll bewußt und ließen es , um schlimmsten Falles nicht ohne Fürsprache zu sein , an Aufmerksamkeit gegen ihren Gefangenen nicht fehlen . Mußten sie doch fürchten , jeden Augenblick selber Gefangene zu werden . Aber ihre Befürchtungen erfüllten sich nicht ; die Kosaken , nach denen auch Lewin von Zeit zu Zeit ausgesehen hatte , kreuzten nirgends ihren Weg , und nachdem um Mittag die Kirch-Göritzer ausgebauten Häuser und bald darauf auch die Pulvermühlen von ihnen passiert worden waren , trafen sie Punkt zwei vor der Festung ein und lieferten ihren Gefangenen auf dem alten Küstriner Schloßhof ab . General Fournier d ' Albe tat ein paar Fragen , die trotz aller Kühle doch Teilnahme verrieten , musterte die schlanke Gestalt Lewins und gab dann Befehl , ihn auf dem » Weißkopf « unterzubringen . Lewin erschrak , als er diesen Namen hörte . Der » Weißkopf « war ein auf Bastion Brandenburg stehender Rundturm , eigentlich nur das mannshohe Fundament eines solchen , von dem die Sage ging , daß es zwei , drei Tage vor der Hinrichtung Kattes als Schafott für diesen aufgemauert worden sei . Dies alles war nun freilich durch einige lebusische Spezialhistoriker , darunter auch unser Seidentopf , als nicht stichhaltig nachgewiesen worden ; aber stichhaltig oder nicht , die bloßen Vorstellungen , die sich in Folge dieser Sage an eben diese Örtlichkeit knüpften , reichten gerade hin , den Gedanken eines vor einem Kriegsgericht Stehenden eine sehr trübe Richtung zu geben . Und nach diesem » Weißkopf « hin wurde Lewin nun wirklich abgeführt . Ein Gefreiter und zwei Mann nahmen ihn in ihre Mitte , und unser Gefangener fürchtete schon , den Rest des Tages und vielleicht auch die Nacht in einem kellerartigen Gewahrsam zubringen zu müssen , als er im Näherkommen zu seinem Troste wahrnahm , daß auf dem mannshohen Unterbau des Turmes noch ein nicht unfreundlich aussehendes , aus Fachwerkwänden aufgeführtes Turmhäuschen stand , an das sich von außen her eine Holztreppe lehnte , acht oder zehn halb ausgebrochene Stufen . Und vor diesen Stufen hielt jetzt das Kommando . Der Schlüssel zu der kleinen eisenbeschlagenen Obertür fehlte , fand sich indes schließlich , als der Kastellan vom Schloß her herbeigeholt worden war , der nun öffnete und den Gefangenen eintreten ließ . Der Alte , solange der Gefreite da war , zeigte sich einsilbig und mürrisch genug ; Lewin aber , aller mangelnden Menschenkenntnis unerachtet , konnte doch leicht erkennen , daß dieses einsilbig mürrische Wesen nur äußerlich angenommen war . Er durfte sich in der Folge und unter vier Augen mehr Entgegenkommen von dem Alten versprechen . Vorläufig schloß dieser wieder ab , schob zum Überfluß noch einen Riegel vor und folgte dann dem abrückenden Wachkommando . Und nun war unser Gefangener in seinem Turmzimmer allein . Aber war es denn ein Zimmer ? Die Mansardenstuben der alten Hulen hatten ihn nicht verwöhnt , und doch waren es Palasträume , verglichen mit diesem Erstenstock-Zimmer im » Weißkopf « . Es hatte fünf Schritt im Quadrat , und wenn er sich aufrichtete , berührte seine Filzkappe die Decke . » Wie lebendig begraben ! « sagte er und schritt auf das Fenster zu , um wenigstens frische Luft einzulassen . Der rechte Flügel , den er zuerst öffnete , hing nur in der oberen Haspe , so daß er ihn um des Windes willen , der wehte , rasch wieder schließen mußte ; mit dem linken Flügel aber ging es besser , und er hakte das Ösenstäbchen ein und sah nun den Fluß und das Land hinauf , das als ein Bild winterlicher Schöne vor ihm lag . Und alles in dem Bilde kannte er , und alles war ihm wohlvertraut . Da nach links hin die weite Fläche mit den Weidenbüschen am Ufer , das war die Krampe , wo die Kirch-Göritzer ihre Schlacht geschlagen hatten , und dahinter , an den Kusseln erkennbar , lief der Hohlweg , den er , als er mit Tubal von Doktor Faulstich kam , bei halbem Dunkelwerden passiert hatte . Und nun gar nach rechts hin ins Bruch hinein ! Da dehnten sich , nur durch Pappelwege verbunden , die Gorgaster und Neu-Manschnower Gehöfte , und mitunter war es ihm , als sähe er den Hohen-Vietzer Turm und das Kreuz darauf , blitzend in der Nachmittagssonne . Lange hing er dem Bilde nach , dann zog er den Fensterflügel wieder heran und durchmaß den engen Raum . Fünf Schritt . In der Quere noch weniger , denn hier stand eine Bettlade . In dieser lagen vier , fünf Bretter , und zu Füßen lehnte ein Binsenstuhl , tief eingesessen , mit einzelnen , nach unten hängenden Halmen . Sonst nichts ; nur ein paar eingekratzte Herzen in der Wand und vier , fünf Namen darunter . Französische Namen . Also Neues , nichts Altes , nichts aus den Katte-Tagen her , und Lewin war so trostbedürftig , daß er in diesem geringfügigen Umstand einen Trost für seine bedrückte Seele fand . Eine Stunde mochte vergangen sein , als er wieder Tritte draußen hörte und gleich darauf den Alten eintreten sah , der inzwischen den Namen seines Gefangenen erfahren hatte und nun kam , um sich nach den Wünschen des » Junkers « zu erkundigen . Der General , so verschwor er sich , habe alles erlaubt , und was er nicht erlaubt habe , darüber würden zwei Landsleute doch miteinander reden können . » Nicht wahr , Junkerchen ? Und dann , Junkerchen , es wird nichts so heiß gegessen , wie es vom Feuer kommt . Und der letzte Trost ist immer : Einen Tod kann der Mensch bloß sterben . « » Ja « , sagte Lewin , » aber wann ? « » Ei , noch lange nicht . Ihr Sand , Junkerchen , ist noch nicht durchgelaufen . Bei Ihnen hat die Predigt erst angefangen . Und der Sand muß durch , eher ist es mit keinem nich vorbei . « Lewin dankte dem Alten für seinen Zuspruch und bat ihn um ein Nachtessen , was es sei , am liebsten eine Suppe . Aber nicht vor sieben Uhr . Wenn er ein Buch habe , so solle er es ihm schicken ; er wolle sich ans Fenster setzen , solang es noch Tag sei , und sich die Zeit mit Lesen vertreiben . Der Alte versprach alles , und nicht lange - die kleine Schloßturmuhr schlug eben vier - , so wurden draußen Stimmen laut , und ein Klappen wie von Holzpantinen ließ sich auf den Treppenstufen vernehmen . Gleich darauf öffnete sich auch wieder die kleine Tür , und ein breitschulteriger , allem Anscheine nach auch riesengroßer Chasseur à pied - der , vornübergebückt , sich abmühte , ein breit zusammengeschnürtes Bündel durch die zu schmale Türöffnung hereinzuziehen - wurde von hinten her sichtbar . Ein altes Weib , mit vielem Kupfer im Gesicht , stand noch auf den Stufen draußen und schob nach . Endlich war das Bündel durch , und der Chasseur machte jetzt Front und begrüßte den Gefangenen mit einem halb gutgelaunten , halb spöttischen : » Bon jour , camarade « , in gleichem Tone hinzusetzend : » Voici votre équipage ! « Lewin erwiderte den Gruß und musterte den jetzt aufrecht vor ihm stehenden Chasseur , der in seiner ganzen Haltung und Ausstaffierung als ein vollkommener Typus südfranzösischer Nonchalance gelten konnte . Sein Collet stand offen , während seine beiden Füße in großen , mit Stroh gefütterten Holzschuhen steckten ; offenbar ein gutmütiger , renommistischer Gascogner , der , um anderweitig dienstfrei zu werden , den Kalfakterdienst im Schloß übernommen hatte . » Madame de Cognac « , wandte er sich jetzt an die noch immer auf der Treppe stehende Alte , » s ' il vous plaît ! Komme Sie herein , Madame , und knüppre Sie auf . « Lewin lächelte . » Oui , monsieur ; knüppre Sie auf ; c ' est tout-à-fait allemand . Oh , ich gelernt habe gut Deutsch . Moi . N ' est-ce pas , Madame ? « Diese nickte . » Vous voyez , Monsieur , notre marquise de Chaudeau a consenti . « Während dieses Gespräches war denn auch wirklich das Bündel aufgeknotet worden , und der Chasseur und seine Begleiterin mühten sich jetzt gemeinschaftlich ab , ein Lager für den Gefangenen herzustellen . Und nun waren sie fertig damit : ein Strohsack , ein Seegraspfühl und ein verschossener Mantel mit Otterfellkragen , den der alte Kastellan , da Betten oder Decken im ganzen Schloß nicht mehr aufzutreiben gewesen waren , aus seinem eigenen Kleiderschranke hergegeben hatte . In dem großen Bündel hatten sich übrigens auch noch drei Bücher befunden , die jetzt von seiten des Chasseurs unter affektiert respektvollen Verbeugungen und » avec les compliments de monsieur le Châtelain « an Lewin überreicht wurden . » Et à sept heures le souper . « Darnach klappten wieder die Pantinen auf der Treppe draußen , und das Kauderwelsch mit der Alten setzte sich fort , bis es in dem Winde , der über Bastion Brandenburg hinstrich , verklungen war . Lewin rückte den Stuhl ans Fenster , um in die drei Bücher hineinzusehen , die der Kastellan ihm geschickt hatte . Zwei , schwarz gebunden mit zitronengelbem Schnitt , waren , was sich erwarten ließ , Bibel und Gesangbuch . Aber das dritte ! Es war nur ein Büchelchen , zwei Pappdeckel , mit marmoriertem Papier , an den Ecken abgestoßen . Und nun las er : » Bericht des Majors von Schack über des Lieutenants von Katte Dekapitation , 6. November 1730 . « Das hatte der Alte schlecht getroffen . Es überlief unseren Gefangenen eiskalt , und er legte die Bibel darauf , daß er es nicht sähe . Lange , lange Stunden . Er ging wieder auf und ab und zählte . » Erst tausend Schritt . « Endlich schlug es sieben . Es war ihm ein unangenehmer Gedanke , den Gascogner noch einmal eintreten zu sehen , aber statt seiner erschien der alte Kastellan selbst und brachte das Nachtessen : eine Suppe , aus Brotrinden und Hagebutten gekocht . » Nun , Junkerchen , da haben Sie was Warmes . Das Brot , das haben die Franzosen gebacken , aber die Hagebutten , die sind aus Markgraf Hansen seinem Küchengarten , und meine Lene , was meine Jüngste ist , die hat sie selber gepflückt . Es war ein rechtes Hagebuttenjahr . Hören Sie , Junkerchen , auch für die Franzosen ; aber die haben die Hacheln gekriegt . « Und dabei setzte der Alte den Suppentopf und eine Stallaterne , in der ein Lichtstümpfchen schwelte , vor Lewin nieder und sagte , während er schon halb in der Türe stand : » Und nun Gott befohlen , Junkerchen . Es kommt , wie ' s kommt . Und blasen Sie gleich aus ; denn Licht darf nicht sein . Es geht mir sonst an Kopp und Kragen . Hören Sie , gleich ausblasen . « Lewin hatte Hunger , und der würzige Duft tat seinen Sinnen wohl . Aber er konnte nicht essen . Es war nicht der verzinnte Löffel , der so bitter schmeckte , es war die Todesfurcht , die sich ihm auf die Zunge legte . Er stellte den Napf aus der Hand , löschte das Licht und warf sich auf das Bett . Im Liegen empfand er , daß ihn die Uhr drücke , und er nahm sie heraus , um sie neben sich auf den Binsenstuhl zu legen . Dann erst wickelte er sich in den Mantel , zog den Kragen bis unter das Kinn und sah von seinem Kissen aus auf die Sterne , die matt durch die kleinen Fensterscheiben zu ihm her flimmerten . » Und kann auf Sternen gehn « , klang es in seiner Seele immer leiser , immer ferner , und darüber schlief er ein . Er schlief fest , viele Stunden lang ; der überanstrengte Körper verlangte sein Recht . Aber gegen Morgen begann er zu träumen . Er sah eine Schlittenfahrt und hörte das Läuten der Glocken , und als die Schlitten hielten , war es vor einem alten Rundbogenportal , durch das winterlich in Mäntel und Muffen gekleidete Paare in ein hochgewölbtes Schiff eintraten . An den Pfeilern hingen vertrocknete Kränze mit langen Bändern , die sich im Zugwind bewegten , und zwischen diesen Pfeilern hin schritten alle , unter denen auch die schöne Matuschka war , auf den Altar der Kirche zu . Und als sie nun dicht heran waren , begann die Orgel zu spielen . Aber in demselben Augenblicke wandelte sich das Bild , und die grauen Steinpfeiler wurden zu weißgetünchten Holzsäulen , um die grüne Girlanden gewunden waren . Und auch die Frauen waren nicht mehr dieselben , andere waren es , sommerlich gekleidete mit Blumen im Haar , und alle folgten einem voranschreitenden Paare , das er nicht erkennen konnte , denn er schritt hinterher , und erst als er den Altar erreicht hatte , vor dem ein Grabstein lag , sah er , daß er es selber war , der an dieser Stelle getraut werden sollte . Aber er wußte nicht mit wem , denn die Braut war über und über in einen weißen Schleier gehüllt , und auf dem weißen Schleier leuchteten goldene Sterne . Als nun aber die Orgel schwieg und der Geistliche nach dem » Ja « fragte , da schlug die Braut den Schleier zurück , und statt des » Ja « , das ihm auf der Lippe war , sagte er : » Marie « . Er hatte das Wort laut gesprochen und fuhr auf , als ob er eine schwindende Erscheinung festhalten wolle . Wo war er ? Er sah den Sternenhimmel und fühlte den von seinem eigenen Atem feucht und eisig gewordenen Mantelkragen . Und allmählich stieg die ganze furchtbare Wirklichkeit vor ihm herauf , und er lauschte , ob er nicht schon den Tritt eines ihn abholenden Wachkommandos hören könne . Wußte er doch , daß die Morgendämmerung die Zeit für solche Szenen sei . Aber was war die Stunde ? Er griff nach der Uhr und ließ sie repetieren . Fünf . Das war noch zu früh ; es konnte nicht vor sechs geschehen . Also noch eine Stunde Leben , aber auch noch eine Stunde Tod , und er wünschte sich die Minuten weg , um Gewißheit zu haben . Das Letzte , das Schreckliche konnte nicht so schrecklich sein wie diese Qual . Er sprang auf , öffnete das Fenster und sog begierig die Nachtluft ein , aber umsonst ; er sah alles , wie es kommen mußte , und rief Gott an , nicht mehr um sein Leben , das war hin , sondern um Kraft in seiner letzten Stunde . » Nur nicht gemein aus diesem Leben gehen ! « Und dann sah er wieder nach Hohen-Vietz hinüber , nach dem Fleckchen Erde , das ihm vor allem teuer war , und er winkte und grüßte mit der Hand . » Lebt wohl , all ihr Geliebten . « In diesem Augenblicke schoß ein Lichtstrahl am östlichen Himmel auf und verschwand wieder . Es war der erste Bote , den der Tag sendet , lange bevor er selber mit seinem goldnen Wagen heraufzieht . » Soll es mir ein Zeichen sein ? « Und er wurde ruhiger . Sechs Uhr . Der Tritt keines Wachkommandos wurde draußen hörbar , und so festigte sich in ihm die Überzeugung , daß er wenigstens diesen Tag noch zu leben haben werde . Und ein Tag war viel ; was konnte dieser eine Tag nicht alles bringen ? Und er sprach wieder die Strophe vor sich hin , die schon einmal in allertrübster Stimmung ihn aufgerichtet hatte : » Hoffe , harre ; nicht vergebens Zählest du der Stunden Schlag , Wechsel ist das Los des Lebens , Und es kommt ein andrer Tag . « Ja , ja , hoffe , harre . Ein Tag noch , ein ganzer Tag noch ! Und dieser Tag lag jetzt vor ihm wie das Leben selbst , und er sah ihm entgegen , als ob er ihm eine Welt von Ereignissen bringen müsse . Was er ihm aber zunächst brachte , war nur wieder der Chasseur , dessen ohnehin unsoldatischer Aufzug durch einen an seinem linken Arm hängenden Deckelkorb noch gesteigert wurde . » Bon jour , monsieur de Vietzewitz . Pardon , si ce n ' est pas tout-à-fait correct . Mais votre nom , c ' est un nom difficile . « Lewin bestätigte . » Voici votre café . Un bon café , sans doute . Cela veut dire : de la chicorée . Mais qu ' importe ! c ' est un café allemand . « Unter diesen und anderen Worten ( denn er zählte zu den Schwatzhaften ) hatte der Chasseur den Deckelkorb geöffnet und den braunen Bunzlauer Topf auf das Fensterbrett gesetzt , unterließ auch nicht , Schwarzbrot und ein paar frischgebackene Semmeln hinzuzulegen . Dann hing er statt des Korbes die große Laterne , die vom Abend vorher noch da war , an seinen Arm und empfahl sich mit einem halb spöttischen : » Votre serviteur . « Lewin war froh , wieder allein zu sein , rückte den Stuhl an das Fenster und nahm sein Frühstück . Es schmeckte leidlich , und als er damit geendigt , lehnte er sich zurück und sah , aufatmend und neu belebt , in den glühenden Sonnenball , der eben die vor ihm liegende Göritzer Kirchturmspitze vergoldete . » Nun will ich lesen . « Und damit nahm er die Bibel und schlug auf : » Prophet Daniel ! « Ein Lächeln überflog seine Züge , und er sagte vor sich hin : » Nein , nicht Daniel . Jeder in meiner Lage bildet sich ein , in der Löwengrube zu sein . « Und er blätterte weiter , bis er an die Makkabäer , und dann wieder zurück , bis er an das Buch der Richter kam . » Ja , das ist ein hübsches Buch ; frisch , mutig , das soll mich aufrichten ! « Und er begann zu lesen . Aber seine Lektüre war noch nicht weit gediehen , als er ein Stapfen und Räuspern hörte und , sich aufrichtend , Hoppenmarieken erkannte , die hart am Rande von Bastion Brandenburg entlangkam . Keine zwölf Schritt von ihm entfernt . Sie sah jetzt hinauf , hob den Stock mit ihrer Linken und warf im selben Augenblick ein Knäuel , das sie rasch aus dem Brusttuch hervorgeholt hatte , in sein Fenster hinein . Zugleich mit dem Knäuel fielen ein paar Scheibensplitter vor ihm nieder , und ehe er noch Zeit hatte , sich von seiner Überraschung zu erholen , war die Alte schon wieder fort . Er sah ihr nach und bemerkte jetzt , daß sie mit einem weiter abwärts stehenden Wachtposten ein Gespräch begonnen hatte , natürlich in Zeichensprache . Sie bot ihm aus ihrer Flasche an , und als andere , von den nächsten Schilderhäusern her , herzukamen , gab es Kapriolen und schallendes Gelächter , bis sie schließlich mit ihrem Stock salutierte und um den Schloßhügel herum wieder auf die Stadt zuschritt . Jetzt erst nahm Lewin das Knäuel auf . Es war nicht groß , wog aber schwer und mußte mithin noch einen Inhalt haben . Er spaltete zunächst von einem der in der Bettlade liegenden Bretter einen Span ab und begann nun die nur stricknadeldicke , aber sehr feste Hanfleine vorsichtig abzuwickeln , ersichtlich zu dem Zweck , daß er , wenn er überrascht würde , beide Knäuel , das alte und das neue , mit Leichtigkeit verbergen könne . Und jetzt war er fertig und hielt sorglich einen umnähten flachen Stein in Händen , an dessen fester Lederöse das eine Hanfleinenende befestigt war . In derselben Lederöse steckte aber auch ein zusammengerollter Papierstreifen . Diesen rollte er jetzt auseinander und las : » Wirf Schlag zwölf ( Ablösung ist erst um eins ) dieses Knäuel über das Bastion ; halte den Faden fest und sorge , daß er abläuft . Wenn er sich strafft , ziehe die Strickleine hinauf . Dann laß dich hinab . Schlimmsten Falles springe ! Unten tiefer Schnee - und wir . « Lewin verbarg das Zettelchen ; es zerreißen , das konnte er nicht , denn er fühlte , daß er es wieder und immer wieder lesen werde . Dann aber sank er , wo er stand , in die Knie und dankte Gott für die Rettung seines Lebens . Denn er zweifelte nicht mehr , daß er gerettet werden würde , und war fest entschlossen , wenn alles andere scheiterte , den Sprung von dem Bastion aus zu wagen . Sprang er fehl , so starb er wenigstens in den Händen der Seinen , und der Armesündergang , samt dem Trommelwirbel und den verbundenen Augen , blieb ihm erspart . Und vor diesem Apparat erschrak er am meisten . » Der Tod ist erträglich , aber die Exekution ist unerträglich . « Das bloße Wort widerte ihn an , und alles , was roh und häßlich ist , stieg bei dem bloßen Klange desselben in einer Reihe fratzenhafter Jahrmarktsbilder vor ihm auf . Und diesem Widerwärtigen , was auch kommen mochte , war er nun entronnen . Aber freilich , als der erste Jubel seines Herzens vorüber war , fühlte er bald , daß er nur die Tyrannen gewechselt habe und daß das Horchen auf die Rettungsstunde fast so qualvoll sei wie das Horchen auf den Tod . Er durchmaß den engen Raum immer wieder , öffnete und schloß das Fenster und überflog den Zettel , dessen Inhalt er längst auswendig wußte , zum zehnten und dann zum hundertsten Mal . Der Chasseur brachte das Mittagessen ; aber er bat ihn , alles wieder mit fortzunehmen ; ihn verlangte nur nach Luft und Frische , und wahrnehmend , daß vom Dache her lange Eiszapfen bis dicht an sein Fenster niederhingen , brach er ein paar davon ab und labte sich an ihrer Kühle . Dann las er wieder und prüfte das Knäuel und berechnete die Höhe des Bastions . Und das letzte war immer , daß es nichts sei und daß jeder Sprung aus einer zweiten Etage viel , viel mehr bedeute . Und unten zehn Fuß Schnee ! Es mußte glücken , und er vergaß unter diesen Vorstellungen fast , daß ihm der Sprung überhaupt nur als Notbehelf und letztes Mittel dienen sollte . Und nun war Mittag vorüber und endlich auch der Nachmittag . Die Sonne ging unter , das Abendrot erblaßte , und der Tag schwand hin . Nur noch sechs Stunden , bald nur noch fünf . Er zählte die Minuten . Um sieben Uhr kam der alte Kastellan . » Junkerchen , sie sitzen jetzt am grünen Tisch ; der alte General ist auch da , ein bon garçon , wie der Tagedieb sagt , den sie mir als Kalfakter zugelegt haben . « » Also Kriegsgericht über mich ? « » Ja , Junkerchen . Ich habe den großen Saal heizen müssen . Das ist der mit dem Balkon , wo Markgraf Hans über dem Kamin hängt , lebensgroß mit gelbledernen Stiefeln , und Sporen so lang wie meine Hand . Der wird sich wundern . « » Ich glaub ' s. « » Und wenn der junge Herr noch einen Brief schreiben wollen oder eine Bestellung an den Papa ... « » Steht es so , Kastellan ? « » Ich sage nicht , daß es so steht ; aber es kann so stehen . Ein Kriegsgericht ist ein Kriegsgericht , und es hängt allewege an einem seidenen Faden . Ach , Junkerchen , unser Bestes ist schon immer : gesattelt sein . « » Das ist es « , sagte Lewin mechanisch , während sich seine Seele , der ihre Furcht noch einmal wiederkehrte , mit doppelter Gewalt an das Leben klammerte . Aber der Alte sah es nicht ; er nahm den Deckelkorb , den der Chasseur zurückgelassen hatte , bot eine » Gute Nacht ! « und ließ seinen Gefangenen allein . » Sie sitzen also jetzt oben « , sagte dieser , » und Markgraf Hans mag dreinschauen , wie er will , er wird mich vor ihrem Todeswort nicht retten . Es ist mir , als sprächen sie es jetzt . Und ich fühle den Stich hier im Herzen . Aber ich will leben ; Gott , erbarme dich meiner und sei mit deiner Gnade über mir . Laß ihr Wort zuschanden werden . « Und er faltete die Hände wieder und preßte seine heiße Stirn an die Scheiben . Die Sterne zogen herauf , und er suchte die Bilder zusammen , soviel er deren kannte . Aber im Gewölk verschwanden sie wieder . » Die Stunde rinnt auch durch den längsten Tag . « Und nun endlich schlug es elf . » Noch eine Stunde « , murmelte er vor sich hin , » und diese Qual hat ein Ende ! So oder so . « Dreiundzwanzigstes Kapitel Die Befreiung Um dieselbe Zeit , wo Lewin diese Worte sprach , hielten zwei Schlitten vor dem Hohen-Vietzer Herrenhause . Der vorderste war eine bloße Schleife und sah dem Planschlitten ähnlich , in dem Lewin am Weihnachtsheiligabend seine Fahrt von Berlin nach Hohen-Vietz gemacht hatte , nur daß die Korbwände niedriger waren und der hohe Planbogen völlig fehlte . Statt dieses Planbogens war ein Stück schwarze , nach beiden Seiten hin tief herabhängende Wachsleinwand über den Wagenkorb gelegt und mittels eingeschnittener Löcher an den vier Speichen befestigt worden . In der Gabeldeichsel ging ein kleines struppiges Bauernpferd , und Pachaly , die Leinen in der Hand , saß auf dem Vorderbrett . Das zweite Gefährt war ein gewöhnlicher , aber sehr großer Fahrschlitten , den man sich , um eben dieser Größe willen , von Schulze Kniehase geborgt hatte . In diesem Schlitten saßen sechs Personen : Berndt und Hirschfeldt im Fond , ihnen gegenüber auf dem Rücksitze Tubal und Kniehase , vorne Krist und der junge Scharwenka . Krist fuhr . Die Ponies waren eingespannt , aber ohne Geläut . Was am meisten überraschen durfte , war , daß Bamme fehlte , und doch war eben dieses Fehlen für jeden ,