, weil ich nicht Herr darüber bin , während Du mir Deine wahre Meinung und die wahren Gründe der Aufregung verbirgst , in der Du Dich befindest . So sollte es zwischen mir und Dir nicht sein ! Da sprang Davide plötzlich von ihrem Sessel auf , fiel vor Seba auf die Kniee , und ihr Gesicht in ihrem Schooße verbergend , während sie den Leib der Tante mit beiden Armen umschlang , fing sie zu weinen an . Was soll das , Kind , was soll das ? rief Seba , während sie das junge Mädchen zu sich empor zu ziehen versuchte . Aber dieses blieb in seiner gebückten Stellung vor ihr liegen und sagte schluchzend : Vergib mir , vergib mir ! Ich hätte Dir es ja lange sagen müssen , daß ich Alles , Alles weiß ! Ach , Du ahnst es nicht , wie unglücklich ich darüber war ! Ich .... Sie konnte vor Schluchzen nicht sprechen , ihr Zustand wurde für Seba immer räthselhafter , und im Innersten beunruhigt , fragte sie lebhaft : Worüber bist Du unglücklich , was fehlt Dir ? Was hast Du , Kind ? Ich konnte Dich eine Zeit lang gar nicht mehr lieben ! Ich ... Sie warf sich der Tante mit beiden Armen um den Hals , und ihr Gesicht an Seba ' s Busen lehnend , sagte sie kaum hörbar : Ich verachtete Dich ! - Seba zuckte erschreckend zusammen , das Wort versagte sich ihr . Du verachtetest mich ? fragte sie endlich langsam , als falle es ihr schwer , den ganzen Vorgang zu verstehen . Weil Paul Dein Sohn ist ! entgegnete Davide und sank , sich von der Brust der Tante aufrichtend , auf einen der Sessel , nieder , die am Tische standen , ihr Antlitz in ihren Händen verbergend . Seba blieb ruhig stehen . Ein schwerer Schmerz ging durch ihre in Leid wie in Geduld geprüfte Seele und fand seinen Ausdruck in dem stillen Seufzer , der über ihre Lippen glitt . Sie begriff nicht , was ihre Pflegetochter eben zu dieser Vermuthung gebracht , oder wer ihre Phantasie auf diesen Weg gewiesen haben konnte . Aber es war ihr zu Muthe , wie dem Wanderer , dem sich an einem völlig hellen Tage plötzlich die Sonne verhüllt . Aus ferner Zeit stieg die Erinnerung wie ein dunkles Gewölk unheimlich vor ihr auf und warf ihren düstern Schatten über die ruhige Sicherheit , in welcher sie sich seit Jahren bewegte . Es fröstelte sie , sie fühlte sich krank , sie hätte weinen mögen ; indeß die Thränen sind wie falsche Freunde , sie versagen dem plötzlichen , dem überwältigenden Schmerze ihre Hülfe und ihren Trost , und wie immer gewann die Liebe für die Andern in Seba ' s Brust den Sieg . Nicht an sich durfte sie denken , nicht an ihr Empfinden . Sie hatte Davide zu beruhigen , sie hatte das Kind zu trösten , das in ihr seine Mutter liebte , das irre geworden war an ihr - und wie durfte eine , wenn auch noch so späte und unerwartete Folge ihres eigenen Thuns sie überraschen und ihr als eine unverdiente Härte erscheinen ? Sie trat leise an Davide heran , legte ihre Hand auf des jungen Mädchens Schulter und sagte : Beruhige Dich , mein Kind , denn Du irrtest ! Paul ist nicht mein Sohn ! Aber wer brachte Dich auf die Vermuthung ? Davide blickte die Tante mit einem Ausdrucke an , der die ganze Verwirrung ihrer Empfindungen verrieth , und diese mußte ihre Frage wiederholen , ehe sie abgebrochen und leise die Worte hervorstieß : Als ich noch ganz klein war , hat meine Wärterin es einmal zu Deiner damaligen Jungfer gesagt ! Was hat sie gesagt ? Besinne Dich ! forschte Seba ernsthaft , um nur die Gedanken der Aufgeregten zu sammeln . Deine Jungfer wunderte sich , daß Du Dich nicht verheirathet hättest , und .... Und ? wiederholte Seba , da Jene wieder in das Stocken gerieth . Und die Wärterin sagte , Du hättest schlimme Erfahrungen gemacht , Du hättest einen vornehmen Herrn geliebt .... Sie hielt auf ' s Neue inne und fing wieder zu weinen an . Da nahm Seba ihre Hand und sprach mit der ganzen Bestimmtheit , deren ihre ernste Seele fähig war : Wenn Du den Muth hattest , mir in Deinem Herzen auf das unbestimmte Wort einer Dienerin hin zu mißtrauen und mich , wie Du sagtest , zu verachten , so wirst Du Dich auch überwinden müssen , vor mir auszusprechen , was ich wissen will und muß ! Nimm Dich zusammen und antworte - was hast Du gehört ? Was glaubst Du von mir ? Davide wurde bleich . Sie kannte diesen Ton in der Stimme ihrer Tante und war gewöhnt worden , ihm unbedingt zu gehorchen , denn Seba war der Ansicht , daß strenge Unterordnung unter einen fremden Willen das Kind am leichtesten zur einstigen Selbstbeherrschung vorbereitet ; daß derjenige , welcher von je her gewöhnt wird , unbedingt zu gehorchen , sich auf einen augenblicklichen , bestimmten Befehl schnell zu überwinden , später auch dahin gelangt , sich selber zu bemeistern , wenn es Noth thut - und sie konnte an ihrer Pflegetochter eben in dieser Stunde die Richtigkeit ihrer Meinung erproben . Bewegt , aber dem befehlenden Anrufe nachgebend , sprach sie : Sie sagten , ein vornehmer Herr hätte Dich verführt und Dich verlassen , und als dann Paul mit Einem Male hieher kam , als ich sah , wie Du ihn liebtest , da .... Nun ? fragte Seba . Da dachte ich mir , er sei Dein Sohn ! Es entstand eine kurze Pause , Seba verzog keine Miene . Davide hörte ihr eigenes Herz klopfen . Es wäre ihr eine Wohlthat gewesen , hätte sie jetzt das Rollen eines Wagens vernommen , wäre Paul jetzt eingetreten . Es blieb aber Alles still auf der Straße , in dem Hause , in der Stube , und wie schwere Schläge fielen die Worte Seba ' s : Und nun hieltest Du Dich berechtigt , mich zu verachten ? in des jungen Mädchens Seele . Sie wollte sich abermals vor der Tante niederwerfen , diese hinderte sie jedoch daran , und sich leise mit der Hand nach dem Herzen fahrend , sprach sie : Man hat Dir die Wahrheit gesagt - ich habe einen vornehmen Mann geliebt und bin von ihm verrathen worden ! Ich bitte , ich beschwöre Dich , sprich nicht weiter ! rief Davide mit flehender Geberde - vergib mir , o , vergib mir , daß ich Dich daran mahnte , und schweige ! Seba beachtete ihre Bitte nicht . Da Du Dich zu meinem Ankläger und Richter aufgeworfen hast , sagte sie mit einer schmerzlichen Kälte , so wirst Du mich auch wohl hören müssen ! Ich weiß nicht , wie Deine Wärterin zur Kenntniß jenes unglücklichen Ereignisses gekommen sein kann ; darauf kommt es auch nicht an . Das Leben ist wie ein Strom , unsere Vergangenheit , unsere Thaten sinken in ihm unter , daß wir sie selbst dem eigenen Blicke für immerdar entschwunden meinen , und plötzlich bringt ein unvorhergesehenes Ereigniß sie aus der Tiefe wieder vor unserem Auge als ernste Mahnung an das Licht . - Sie hielt inne , seufzte und sprach danach : Laß es Dir eine solche Mahnung sein , eine Mahnung , den größten und reinsten Empfindungen Deines Herzens zu mißtrauen , wo sie mit dem Gesetze und der Sitte in Widerstreit gerathen ; denn wie rein unser Selbstgefühl auch sein mag , es schützt uns nicht gegen die Schmerzen , die fremder Tadel uns zufügt , und es bewahrt uns nicht davor - Du hast es eben selbst erlebt - , von denen gelegentlich mißkannt , ja , selbst verachtet zu werden , denen wir durch ein ganzes Leben unsere Liebe zugewendet und deren achtendes Vertrauen wir gewonnen und verdient zu haben glauben . Das ist für mich eine bittere , für Dich eine heilsame Erfahrung ! Die Stimme bebte ihr , sie stand auf und ging nach dem Nebenzimmer . Davide wollte ihr folgen , indeß sie gab ihr ein Zeichen , zurück zu bleiben , und noch einmal lagerte sich die frühere bange Stille über diese Räume . Daviden ' s Thränen waren versiegt . Es ging etwas in ihr vor , das sie sich nicht zu erklären wußte , und doch fühlte sie die Veränderung . Es dünkte sie , als sei sie älter geworden , als sei ihr ein Amt zuertheilt , als habe sie eine Pflicht übernommen . Sie dachte mit einer ganz neuen Empfindung , mit einer ihr bis dahin völlig fremden Art von Liebe an die Tante . Sie sorgte sich um dieselbe , sie hätte sie auf ihren Händen tragen mögen wie ein Kind , und doch zog es sie , ihr Abbitte zu leisten und ihre Vergebung zu erhalten . Aber auch dabei blieben ihre Gedanken nicht haften , sie nahmen eine Richtung , in welcher sie sich nie vorher bewegt hatten . Was ist die Tugend , fragte sie sich , wenn die Tante , dieses reinste , dieses edelste der Herzen , eine That begehen konnte , welche die Religion , das Gesetz und die Sitte verdammen ? Wie war es möglich , daß ich jemals an ihr irre werden konnte , deren selbstverläugnende Güte mir beständig als ein unerreichbares Vorbild vor Augen schwebte , und wo fand ich den Muth , die Härte , die Undankbarkeit und die Grausamkeit , vor ihr auszusprechen , was , wie ich sicher wußte , sie nothwendig verwunden , doppelt verwunden mußte , da ich es war , die sich gegen sie erhob ? Davide hatte sich bisher in unbefangenem Selbstvertrauen für gut gehalten , sich ohne Bedenken die besten Eigenschaften zuerkannt , weil die übeln Leidenschaften der menschlichen Natur in ihr noch nicht zur Anregung gekommen waren , und erschreckt und gedemüthigt stand sie in dem Augenblicke , in welchem sie sich zum Ankläger ihrer Pflegemutter , ihrer Seba machte , vor sich selber da . Es war der erste Schritt , den sie auf dem schweren Pfade der Selbsterkenntniß machte , der erste Einblick in die Selbstsucht des menschlichen Herzens überhaupt , das erste Mal , daß in ihr die Ahnung auftauchte , wie leicht es sei , nach überkommenen Gesetzen blindlings abzuurtheilen , wie schwer , die Umstände erwägend , das Wesen eines Menschen und seinen Lebensgang zu verstehen und selbst in seinen Irrthümern zu begreifen . Sie verlangte nach der Wiederkehr der Tante und scheute sich doch , ihr unter die Augen zu treten . So verging eine geraume Zeit , und sie ward der Einsamen lang genug . Als Seba endlich wieder in das Zimmer trat , war jede Spur von Bewegung aus ihren Mienen verschwunden . Sie gab Davide die Hand , schloß sie , da sie sich an sie lehnte , um ihr Gesicht in den Armen der Tante zu verbergen , sanft an ihre Brust und sagte : Sei weiser und werde glücklicher , als ich ; das soll mein Trost , das soll mein Lohn sein , Kind ! - Und als die Erschütterte ihr mit neuen Thränen darauf Antwort geben wollte , hinderte Seba sie daran . Wir müssen gefaßt sein um des lieben Gastes willen , den wir erwarten . Nur so viel für diesen Augenblick , da dein Sinn nach Aufklärung verlangt : Paul ist eines Edelmannes unrechtmäßiger Sohn , und seine Mutter gab sich in der Verzweiflung ihres Herzens selbst den Tod . Ein Zusammentreffen von Umständen brachte ihn früh in meine Nähe , ein anderes Zusammenwirken von Ereignissen bewog ihn , da er dem Knabenalter kaum entwachsen war , aus dem Hause zu entfliehen , in welchem er erzogen wurde . Du hast bereits davon gehört , Du sollst mehr davon erfahren , für heute laß Dir dies genügen . Siebentes Capitel Der lang ersehnte Ton des Posthorns ließ sich in dem Augenblicke vernehmen ; er klang näher und näher , das Rollen des Wagens , der Hufschlag der Pferde schallten herauf . Seba richtete sich freudig empor . Komm ' , rief sie , Davide bei der Hand ergreifend , komm ' , wir wollen ihm entgegen gehen ! Das junge Mädchen blieb zögernd stehen . Ich kann nicht ! sagte es beklommen , und als Seba es mit sanft ermuthigendem Zuspruch mit sich fortzuziehen strebte , machte Davide ihre Hand mit dem klagenden Ausrufe : Ach , ich verdiene es nicht ! von Seba los und wollte sich eben durch das Seitenzimmer entfernen , als die Thüre des Wohnzimmers schnell geöffnet ward und , die Wildschur und die pelzverbrämte Mütze von sich werfend , ein großer , schöner Mann in das Zimmer eintrat . Da bin ich wieder einmal , meine liebe Seba ! rief er , indem er sie umfaßte und sie , während er sie küßte , mit den kräftigen Armen ein wenig in die Höhe hob , daß sie sich plötzlich befreiten Herzens in lachender Abwehr dagegen sträubte . Da bin ich wieder einmal und herzlich froh , bei Euch zu sein , denn ich versichere Euch , daß in dieser Kälte der Reisewagen und die russischen Schneefelder lange nicht so behaglich sind , als dieses Zimmer hier . Aber ich sehe den Vater nicht , er ist doch nicht krank ? - Und sich umschauend , fügte er hinzu , indem er Daviden die Hand reichte und auch sie flüchtig umarmte : Wie Du in den drei Monaten wieder gewachsen bist , Davide ! Du kannst Dir etwas darauf einbilden , Du wirst unserer Seba immer ähnlicher . Der Ton seiner Stimme hatte jenen frischen Klang , den man nur aus der Brust eines völlig gesunden Mannes ertönen hört und der an und für sich erfreulich und belebend wirkt ; aber auch die ganze übrige Erscheinung war ein strahlendes Bild jugendlicher Männlichkeit , und es dünkte dem liebevollen Herzen Seba ' s , als sei mit seinem bloßen Eintreten Licht und Wärme , als sei Frühling und Sonnenschein in dem Zimmer angebrochen und über sie gekommen . Er war , wie seine früheste Kindheit es hatte voraussehen lassen , das vollständige Ebenbild seines Vaters geworden . Es war dieselbe große , gebieterische Gestalt , es war die breite Brust des Freiherrn . Wie dieser trug er den kräftigen Nacken hoch und stolz , und jeden Zug seines Antlitzes , ja , sogar jene anscheinend zufälligen Mienen , jene kleinen , plötzlichen Geberden , die man gemeinhin als durch die Nachahmung im täglichen Beisammensein sich vom Vater auf den Sohn forterbende Eigenthümlichkeiten zu bezeichnen liebt , hatte Paul mit dem Freiherrn wie eine Stammeseigenschaft gemein , nur daß alle seine Bewegungen freier , schneller , leichter waren , als der Freiherr sie bei seinem frühen Bestreben nach würdevoller Gemessenheit in sich auszubilden im Stande gewesen war . Seba selber geleitete den lieben Gast in das für ihn bereitete Zimmer ; sie ließ es sich nicht nehmen , ihm selbst das Licht vorzutragen , während der Diener sich seines Pelzes und seines übrigen Gepäckes bemächtigte , und abermals schlang Paul voll Zärtlichkeit , während sie neben einander hergingen , seinen Arm um sie und bedeckte ihre Hand mit seinen Küssen . Man konnte es ihnen ansehen , wie sehr sie an einander hingen . Eine Stunde später saß Paul in dem Cabinette , welches an das Comptoir des Hauses anstieß , mit Herrn Flies und Seba in ernstem Gespräche beisammen . Es war Posttag und in dem Comptoir arbeiteten die Gehülfen noch still und schweigend an ihren Pulten , obschon es später als gewöhnlich war . Die Reitpost , welche zweimal in der Woche den Briefverkehr nach Osten besorgte , ging früh am anderen Morgen ab , und den großen Handlungshäusern , die in dem Postbureau ihre laufenden Rechnungen hatten , war es vergönnt , ihre Briefe noch über die allgemeine Schlußstunde der Briefannahme zur Beförderung auf die Post zu senden . Paul hatte ein Notizbuch in der Hand , ein Copieheft und eine Anzahl Briefe lagen neben ihm . Er wünschte Herrn Flies Auskunft über die Erfolge einer gemachten Geschäftsreise zu geben , sofern dieselben nicht aus seinen früheren Briefen ersichtlich waren , und Seba hörte schweigend zu , obschon sie einsichtig und unterrichtet genug war , um an dieser Unterhaltung einen lebhaften Antheil zu nehmen , auch wenn es nicht ihr Vater und Paul gewesen wären , welche sie führten . Es freute sie eben so die scharfe Klarheit , mit der ihr Vater alle seine Fragen stellte , als die sichere Bestimmtheit , mit welcher Paul sie beantwortete ; denn Sachkundige sich auf einem Gebiete bewegen zu sehen , das sie voll und ganz beherrschen , gewährt an und für sich immer eine Genugthuung , weil es uns , gleichviel von welcher Seite , einen Einblick in das große , aus den verschiedensten Bestandtheilen sich zusammensetzende Getriebe des jedesmaligen Culturzustandes vergönnt , während es uns zugleich - und dieses Letztere genoß Seba in dem Falle mit besonderer Befriedigung - Achtung vor dem menschlichen Wollen und Vollbringen einflößt . Herr Flies schien wohl zufrieden zu sein mit allem , was der junge Mann berichtete . Paul mußte danach Auskunft über seine Erlebnisse während dieser Abwesenheit geben , und als man endlich von dem Besonderen und Persönlichen zu dem Allgemeinen überging , als man des furchtbaren Druckes gedachte , den die Napoleonische Herrschaft auf ganz Europa ausübte , fragte Seba , wie Paul die Stimmung gegen Napoleon in Rußland gefunden habe . Paul sah sich vorsichtig um , machte die Thüre , welche nach dem Nebenzimmer führte , noch besonders zu und sagte darauf : Wie wir es nur wünschen können ! Der Haß gegen ihn ist dort vollkommen so stark und so feurig , als hier bei uns , und es sind dort Männer , welche die Gluth zu erhalten und zu schüren wissen . Ich habe Briefe des Freiherrn vom Stein an den Staatskanzler mitgebracht . Du ? Und wie kamst Du zu solchen Briefen ? fragte Herr Flies . Paul nannte den Namen eines großen englischen Banquiers , in dessen Hause er den Freiherrn gesehen hatte und ihm vorgestellt worden war . Der Freiherr , sagte er , hat von mir , da ich gerades Weges von Deutschland kam , Auskunft mancher Art verlangt , die ich ihm geben konnte ; und als er hörte , daß ich mich von Petersburg eben so geraden Weges hierher begeben würde , hat er mich gefragt , ob ich mich entschließen könne , Briefe von ihm nach Deutschland mitzunehmen . Und Du ? fragte Seba ängstlich , da ein solcher Dienst für jenen Geächteten gefährlich genug war . Nun , ich habe mich natürlich nicht besonnen , entgegnete Paul ; ich war glücklich genug , den Mann zu sehen , stolz darauf , etwas für ihn leisten zu können , und noch heute will ich die Papiere in die Hände des Staatskanzlers überliefern . Er nahm , während er das sagte , die Pelzmütze , die er auf der Reise getragen , von dem Seitentische , auf dem er sie liegen hatte , zog ein kleines Messer hervor und fing an , den breiten Zobelbesatz , der sie umgab , mit schneller Hand herunter zu trennen und die Briefe , welche unter demselben verborgen gewesen waren , sorgfältig zu glätten . Welch ein Zustand , rief Seba , in dem die Bewohner eines ganzen Welttheiles unter der Tyrannei eines Einzigen ihres Lebens nicht mehr sicher sind ; in dem jede persönliche Freiheit wie die allgemeine Freiheit gleichmäßig bedroht , in dem jede selbstbestimmte That gefährlich wird ! - Bis , fiel Paul ihr in das Wort , und seine großen Augen funkelten in schönem Feuer , bis alle die Einzelnen sich zu einer großen , selbstbestimmten That vereinen , und dieser ersehnte Augenblick wird nicht lange auf sich warten lassen ! - Er hatte das mit mehr Lebhaftigkeit gesprochen , als er bisher gezeigt , aber seine Stimme zu leiser , vertraulicher Mittheilung senkend , fuhr er fort : Man erwartet in Rußland den von Napoleon beabsichtigten Angriff mit eiserner , gewaltiger Entschlossenheit , und würde selbst der Kaiser Alexander schwankend , so ist er von Männern umgeben , die ihn um jeden Preis festzuhalten wissen werden . Aber mehr noch als der theoretische Haß gegen die Tyrannei wird die Nothwendigkeit die Völker zwingen , sich gegen dieselbe zu erheben . Wenn man einem Menschen die Lebensadern unterbindet , muß er die Bande sprengen , sofern er nicht ersticken will . Für unsere ideale Ueberzeugung ist unser Vortheil der stärkste Bundesgenosse : der Handel kann die Continentalsperre nicht länger ertragen , das Gewerbe liegt überall darnieder , das Land , durch welches ich gekommen bin , ist , soweit der Krieg es getroffen , furchtbar mitgenommen , und Niemand kann wagen , neue Capitalien , neue Arbeit an seine Herstellung zu wenden , da neuer Krieg am Horizonte dieses Jahres steht . Und eben deßhalb , lieber Vater , habe ich ein Ansuchen an Sie ! Es lag in dem Tone , mit welchem er diese letzten Worte sprach , eine gewisse Bewegung , welche Seba sich nicht gleich zu deuten wußte , aber Paul ließ ihr nicht Zeit , darüber lange nachzusinnen . Als ich vor drei Jahren nach Europa zurückkam , boten Sie , lieber Vater , mir großmüthig an , mich als Theilnehmer in Ihr Haus aufzunehmen . Und Du lehntest es ab ! bemerkte Herr Flies , ihm in die Rede fallend . Ich lehnte es ab , entgegnete Paul , weil Sie meiner in keiner Weise nöthig hatten und weil ich zu erproben wünschte , was ich selber für mich thun könnte . - Er hielt ein wenig inne und sagte dann mit einer Bescheidenheit , die seiner stolzen Gestalt sehr wohl anstand : Die Umstände , Sie wissen es , sind mir günstig gewesen . Ich habe mir mit den Mitteln , die ich herüber gebracht , in Hamburg ein eigenes Geschäft , ein eigenes Haus und ein gewisses Vermögen geschaffen . Wollen Sie mir jetzt noch die Möglichkeit gewähren , mich mit diesem Capitale in Ihrem Hause arbeiten zu lassen , so würden Sie mir eine große Gunst erzeigen . Herr Flies zögerte , zu antworten , aber sein Blick ruhte mit wohlwollendem Nachdenken auf dem jungen Manne . Du wolltest nicht mit leeren Händen kommen , sagte er . Mißbilligen Sie das ? entgegnete der junge Mann . Nein , mein Sohn , ich lobe es vielmehr . Jedermann soll und muß erproben , was er sich selber werth ist ; aber Du hattest dies bereits gethan , als Du nach Europa wiederkehrtest , und ich kann nicht absehen , was Dich in diesem Augenblicke dazu bestimmt , Deine Geschäfte , die sich sehr gut angelassen haben , aufzulösen , um mit mir zu arbeiten , denn was das Brauchen und Nöthighaben anbetrifft , walten heute genau dieselben Verhältnisse wie vor drei Jahren ob . Ich bin , dem Himmel sei Dank dafür , noch rüstig , und Du kannst immerhin , da Du einmal auf eigenen Füßen zu stehen gewohnt bist , noch eine Weile für Dich allein fortarbeiten . Ich werde Dich rufen , wenn ich Deiner zu bedürfen glaube . Sie halten mich für selbstloser als ich bin , meinte Paul . Ich bitte um meiner eigenen Sicherheit , um meines Vortheiles willen , jetzt als schweigender Partner bei Ihnen eintreten zu dürfen . Meine Vorräthe sind , Dank der unheilvollen Handelspolitik Napoleon ' s , über all ' mein Erwarten vortheilhaft verwerthet . Die Reise , welche ich eben beendet , hat mir vollauf bewiesen , daß auf dem Landwege kein Ersatz für die gehemmte Einfuhr zur See zu hoffen ist , von dem man sich wesentliche Erfolge versprechen darf , und die Truppenmärsche , die seit Monaten aus dem fernsten Süden und Westen sich langsam gegen Osten bewegen , schneiden vorläufig die letzte Aussicht auf andere als auf solche Unternehmungen ab , welche die Versorgung der Armeen oder den Handel mit der Waare , die jetzt die begehrteste ist , den Handel mit dem Gelde selbst , zur Grundlage haben . Lieferungen für die Franzosen kannst Du nicht unternehmen ! fiel Seba ihm in die Rede . Gewiß nicht ! betheuerte Paul ; aber gerade darum möchte ich meine Capitalien frei zur Hand haben , denn die Rüstungen von dieser Seite werden Rüstungen von der anderen hervorrufen , und mehr als das ! Es kommt doch hoffentlich der Tag , an welchem wir selber einzustehen haben werden für unser Recht . Ist dann mein Vermögen in Ihren Händen , theuerster Vater , so wird es sicher auf die beste Weise benutzt und angewendet - und ich bin frei ! Seba reichte ihm ihre Hand , er ergriff sie und küßte sie herzlich . Herr Flies war aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder . Er war gewohnt , sich die Dinge von allen Seiten zu betrachten , ehe er seine Meinung aussprach . Während dessen brachte einer der Handlungsgehülfen ihm die Briefe , welche an dem Abende noch abgehen sollten , zur Unterschrift . Er sah sie mit schnellem Blicke durch , unterzeichnete sie , und sich an Paul wendend , nachdem der Gehülfe das Cabinet verlassen hatte , sprach er , an das Unterzeichnen der Briefe denkend : Das wirst Du mir also einmal in Zukunft abnehmen und ich werde auch an den Posttagen mein Whist haben können . Die politischen Ereignisse , für welche Du Deine Freiheit sicher zu stellen wünschest , scheinen mir unwahrscheinlich oder mindestens so sehr in weitem Felde , daß man darauf hin noch keine Plane zu machen braucht ; denn wer seine Herrschaft auf so ungeheuren Grundlagen baute , wie Napoleon Bonaparte , den entwurzelt man nicht wieder ! fügte er mit jener Bewunderung des Erfolges hinzu , die man bei Kaufleuten häufig antrifft , weil sie leicht dazu verführt werden , ihre eigene persönliche Bedeutung an ihren Erfolgen abzumessen . Er machte darauf eine kleine Pause und sagte danach : Im Uebrigen aber , abgesehen von allen Deinen politischen Erwartungen und patriotischen Hoffnungen , gefällt mir Dein Vorschlag . Thue immer die nöthigen Schritte zu seiner Ausführung . Wir sprechen mehr davon . Jetzt sieh ' zu , daß Du Dich Deiner mitgebrachten Briefe bald entledigst . Es ist spät , der Weg bis zum Palais des Staatskanzlers ist weit , und ich möchte Dich bei Tische haben . Paul sah nach der Uhr und entfernte sich mit der Zusage , so bald als möglich wieder zurück zu sein . Herr Flies blickte ihm durch die Glasthüre nach , wie er leichten Schrittes durch das Comptoir hinging . Wie schön er geworden ist ! sagte Seba mit einer wahrhaft mütterlichen Zärtlichkeit . Ja , er ist ein ordentlicher Mensch ! bekräftigte der Vater . Achtes Capitel Es war nahezu Mitternacht , Herr Flies hatte sich zurückgezogen , auch Davide , die sonst gern mit Seba wach blieb , war zur Ruhe gegangen , und diese saß nur noch mit Paul in einsamem Gespräche beisammen . Sie wollte wissen , wie er den Vater aussehend fände , denn Herr Flies war allgemach in die Jahre gekommen , in denen die sorgsame Liebe ängstlich auf jedes Zeichen von Schwäche oder von der nothwendig beginnenden Abnahme der Kräfte achtet , weil man auf deren Neubelebung nicht mehr zu rechnen hat ; aber Paul versicherte ihr , daß er keinen Wechsel weder in ihres Vaters körperlicher Rüstigkeit noch in seiner geistigen Frische und Festigkeit bemerke , und er erinnerte sie daran , daß Herr Flies während des Abendessens von weitgreifenden kaufmännischen Planen gesprochen habe , was man im Greisenalter immer als das beste Zeichen einer gesunden Kraft betrachten müsse , weil ein hinfälliger Mann , im Gefühle seiner Ohnmacht , sich nicht leicht zu solchen Gedanken verleitet fühle . Dagegen meinte er , daß mit Davide eine große Wandlung vorgegangen sei . Als ich vor vier Monaten hier war , sagte er , dünkte sie mir noch völlig ein Kind zu sein . Ihre unruhige Neugier , ihre oft unbegreifliche Verlegenheit und daneben das oft eben so unbegreifliche Zutrauen , mit dem sie Fragen thun und Erörterungen veranlassen konnte , die sonst Niemand herbeigeführt haben würde , hatten noch etwas völlig Kindisches . Sie hatte für mich nur Bedeutung , weil Du sie liebst , weil sie zu Deinem Lebensglücke gehört ; ich für mein Theil hätte sie Tage lang um mich haben können , ohne daß es mich gefreut oder gestört hätte . Heute finde ich plötzlich , daß sie anziehend geworden ist . Ihr Blick ist stätiger , ihre Stimme weicher , und das knabenhaft Herbe , das mir an ihr mißfiel , scheint sich auch verloren zu haben . Sie hat etwas Demüthiges bekommen , etwas Mädchenhaftes , das ihr sehr wohl ansteht . Seba nickte zustimmend . Du irrst Dich nicht , entgegnete sie , aber diese Wandlung ist der neuesten eine . Sie hat sich heute , eben in diesen Stunden erst vollzogen , und Du hast mehr Antheil daran , als Du es weißt . Was Du für mädchenhafte Demuth hältst , ist ein Schuldbewußtsein , eine Art von Reue , und diese wird vielleicht dazu dienen , die herbe Sprödigkeit in Davidens Wesen , die an und für sich mir immer als ein Zeichen innerer Gesundheit an ihr erschienen ist , zu brechen . Wie soll ich das verstehen ? fragte Paul . Seba setzte ihm danach auseinander , was vorgegangen war ; er hörte ihr achtsam zu und meinte , das junge Mädchen sei in seinem Rechte