« » Wenn man den Grund dafür mathematisch - oder durch Wahrnehmungen der fünf Sinne bewiesen haben will : dann freilich ists nicht zu fassen , « sagte der Marquis . » Und kann irgend etwas vor der Vernunft Geltung haben , « fragte Florentin , » was sich nicht auf jenem Wege beweisen läßt ? « » Wenn Sie alles verwerfen , was die Sinne nicht wahrnehmen und was die empirische Wissenschaft nicht beweist , « entgegnete der Marquis , » so verwerfen Sie das ganze höhere Geistesleben des Menschen , die ganze sittliche und intellektuelle Welt , alle Lehren und Grundsätze , auf denen die Menschheit ruht . Aus ihrem chemischen Schmelztiegel geht nicht Gott , nicht die Offenbarung , nicht das Gewissen hervor . Leugnen Sie aber das alles - womit füllen Sie dann den furchtbaren Abgrund aus , der sich im Innern einer Seele auftut , welche von allen übernatürlichen Traditionen abgelöst , an nichts sich hält , als an der sichtbaren Welt ; also am Nichts ! .... denn die vergeht ! In allen großen Gesetzen und hohen Ideen der Menschheit , in ihrem ganzen Leben und Weben verrät sich die Ahnung einer übernatürlichen Welt , mit welcher der Menschengeist in geheimnisvoller unleugbarer Verbindung steht . « » Dieser Behauptung kann vielfach widersprochen werden , « sagte Florentin , » zum Beispiel durch den Zustand , in welchem sich der größte Teil der Menschheit befindet . Die wilden Völker wissen nichts von solcher Ahnung . « » Weil der Geist bei ihnen in jenen Stumpfsinn gefallen ist , der ihm die Überwucherung durch die Materie bereitet , « erwiderte der Marquis . » Und das ist auch der Grund , « rief Judith , » weshalb die Wilden unter den gesitteten und gebildeten Nationen jene Ahnung verloren haben und jenen Zusammenhang leugnen : ihr Geist ist geknechtet vom Materialismus . Sprengt ein Geist diese Fessel , so erwacht das Gottesbewußtsein in ihm - unklar , schwankend , entstellt : aber es erwacht ! das beweist der Geisteszustand aller nichtchristlichen Völker alter und neuer Zeit , sobald sie die unterste Stufe der Wildheit überwunden haben und durch dies Gottesbewußtsein treten sie in den Zusammenhang mit einer Welt , die außer und über der Sichtbarkeit liegt . Der christlichen Offenbarung ist es vorbehalten , dies dunkle Bewußtsein in lichte Erkenntnis zu verwandeln . « Indem sie so sprach , sah sie wunderschön aus : die Statue bekam eine Seele und ging aus der Traumbefangenheit zur Erkenntnis über . Es fiel allen auf . In Orest ' s Gehirn kreuzten sich die abenteuerlichsten Pläne , um Judith zu entführen und nach Damaskus zu bringen . Das mittelländische Meer , Libanon und Antilibanon zwischen ihm und der europäischen Welt - und er gleichsam allein im Universum mit Judith : das wurde seine fixe Idee . Der Marquis d ' Avallon fragte sich heimlich , ob Judith etwa auf Herrmanns Wegen gehe , was ihn , wo möglich , in noch größeres Staunen versetzen würde . Florentin dachte zähneknirrschend : sollte denn wirklich ihr skeptischer Verstand , der nach allem fragte und alles gleichgültig beiseite legte , in die Klauen eines Boten der Finsternis gefallen und von ihm umgarnt sein ! Ohne ihren Einwurf zu beachten , sagte er zum Marquis : » Das Studium der Naturwissenschaften gibt unseren Tagen das Licht der Erkenntnis . Es durchmißt und durchforscht das Universum und enträtselt die Gesetze , welche dessen Stoffe verbinden und trennen , dessen Kräfte in Bewegung setzen ; und eben weil sie das Universum umschließt und begreift , so schließt sie es auch ab - und hat somit das letzte Wort , denn über das Universum hinaus - liegt nichts ; das ist klar ! « » Für den , der im Chaos der Stoffe und Kräfte bleibt , « sagte der Marquis . » Wer aber zur Schöpfung übergeht , - findet den Schöpfer und somit wieder die übernatürliche Welt . « » Und prahlen Sie nur nicht , Signor Fiorino , daß Ihre Wissenschaften die Gesetze ergründen , welche den Erscheinungen in der Natur zum Grunde liegen ! Trotz all Ihrer Physik und Chemie gibt es tausend Warum ? die Sie so wenig beantworten können , als ich - der ungelehrtesten eine ! « rief Judith . » O bitte , Signora , ein Warum ! damit wir das Vergnügen haben , Signor Fiorino , der es beantworten wird , anzustaunen , « sagte der Marquis . » Warum , « sagte Judith lächelnd zu Florentin , » hat das adriatische Meer Ebbe und Flut , da es ein Busen des mittelländischen Meeres ist und dieses keine Ebbe und Flut hat ? « » Dies ist eine ganz vereinzelte Erscheinung , über welche man vermutlich nie physikalische Beobachtungen angestellt hat , « entgegnete Florentin nachlässig . » Mit anderen Worten : man weiß es nicht , « sagte Judith . » Ja , man kennt überhaupt nicht den Grund dieses wunderbaren Phänomens der Ebbe und Flut , das man am Ocean täglich vor Augen hat . Ihre Physik kann es nicht erklären , obgleich es durchaus dem Bereich der sinnlichen Wahrnehmungen angehört ; sie weiß nicht , welche Kräfte und Einflüsse dabei tätig sind . Und nach einem solchen Fiasco sollte man ihr vertrauen , wenn sie übersinnliche Fragen lösen und etwa beweisen wollte , es gebe keine unsterbliche Seele , denn sie entdecke weder mit dem Seziermesser im menschlichen Organismus , noch mit dem Teleskop im Universum den Platz und den Himmel , wo diese Seelen leben könnten ! Nein , guter Fiorino , Ihre Lieblings- und Fachwissenschaft kann zwar Salze , Säuren und Gase zersetzen und kombinieren , aber nicht einmal den Urgrund dieser Stoffe erklären . Wollte die Vernunft von ihr die Lösung gewisser Fragen begehren , welche sich auf übersinnliche Erscheinungen beziehen : so würde sie aufhören - Vernunft zu sein . Wähnen Sie aber nicht , Herr Marquis , « fuhr Judith zu diesem gewendet fort , » daß Signor Fiorino allein über mein Warum ? Fiasko gemacht hat ! O nein ! ich war einmal mit einer großen naturforschenden Celebrität bei einem Diner ; wo ? das sag ' ich nicht ! Dieser Herr geberdete sich in seinen Reden nicht anders , als habe der Schöpfer ihn bei der Erschaffung der Welt zu Rate gezogen . Da rief ich ihm über den Tisch die Frage zu : Warum hat das adriatische Meer Ebbe und Flut etc. ? Alles verstummte und sah erwartungsvoll das Orakel an . Aber siehe da ! auch das Orakel verstummte . « » Entsetzliches Schicksal für eine Celebrität ! « rief Marquis d ' Avallon munter . » Judith fragt - die Menge harrt - und sie verstummt . « » Signora waren aber auch sehr boshaft , sich gerade diese Frage auszudenken , « sagte ein guter , stiller , deutscher Baron , der selbst nicht recht wußte , wie er in diese Gesellschaft geraten war . » Das geb ' ich zu , « erwiderte Judith . » Ich erzählte es aber , um Fiorino zu trösten . « » Und zwar durch eine zweite Bosheit , « ergänzte der Marquis . » Kommt es häufig in der Welt vor , « fragte Madame Miranes den Marquis , daß man die mosaische Religion aufgibt , um die christliche anzunehmen ? « » Es geht mir wie jener Celebrität , « erwiderte er ; » ich kann diese Frage nicht beantworten . Das Großartige ist ja immer selten ; also steht auch die Bekehrung des Pater Augustin ziemlich vereinzelt da . Doch hat sich gerade hier in Rom vor etwa zehn , zwölf Jahren eine andere zugetragen , von der man auch sehr viel gesprochen hat , weil sie so plötzlich und doch so gründlich war ; nämlich die des Herrn Alphons Ratisbonne aus Straßburg . Er kam nach Rom , um sich zu amüsieren , keineswegs , um zu konvertieren . Er ging eines Tages mit einem Freunde nach der Kirche S. Andrea delle fratte . Während der Freund in die Sakristei geht , um mit einem Geistlichen zu sprechen , bleibt er allein in der Kapelle der Muttergottes , und als der Freund zurückkommt , erklärt er demselben , er wolle katholisch werden . Das geschah denn auch - und nach einigen Jahren stiftete Herr Ratisbonne von seinem Vermögen die Congregation von Unserer Lieben Frau zu Sion ; eine weibliche Genossenschaft , welche die Bestimmung hat , durch Erziehung und Unterricht jüdische Kinder für den christlichen Glauben zu gewinnen und namentlich in Jerusalem dies fromme Werk zu betreiben . Er hat in der heiligen Stadt den Platz des alten römischen Prätoriums gekauft und zu einer Niederlassung für seine Töchter Sions eingerichtet , während sie in Paris ihr Mutterhaus - und zum Generaloberen der Congregation den Abbé Theodor Ratisbonne haben , den älteren Bruder ihres Stifters , der schon früher konvertiert und sich dem geistlichen Stande gewidmet hat . « » Und in der Kapelle , « rief Judith , » die ein bekehrter Sohn Israels für die fernere Bekehrung des Volkes Israels gestiftet hat - habe ich in der Charwoche des vorigen Jahres das Stabat mater gesungen , um diesem Werk einige Geldmittel zuzuwenden - ich , eine Tochter dieses Volkes ! « » Die Kinder dieses Volkes müssen sich aber vor der Bekehrung zum Christentum hüten , « bemerkte Florentin giftig , » denn nach allem , was wir heute hören , verfallen sie durch dieselbe in den grauenhaftesten Fanatismus . Der eine wird Mönch , der andere wird Pfaffe , der dritte verschwendet sein Vermögen , um durch bigotte Nonnen arme Judenkinder um ihren Glauben zu bringen . Wahrhaftig , ein solches Delirium des Fanatismus kann nur abstoßend wirken . « » Signor Fiorino , « sagte Marquis d ' Avallon sehr verlegen , » vergeben Sie mir .... ich wußte nicht .... ich hätte diesen Punkt vielleicht besser unberührt gelassen .... « - » Was wußten Sie nicht , Herr Marquis ? « fragte Judith höchst verwundert über seine plötzliche Verlegenheit . » Aus Signor Fiorinos Bedauern , daß jüdische Kinder im Christentum erzogen werden , sehe ich , daß er ein eifriger Anhänger der mosaischen Religion ist - und das wußte ich nicht . « Orest lachte hellauf und rief , immer bereit , an Florentin einen Hieb zu geben : » Corpo di Bacco ! dies ist ein höchst interessantes Quiproquo - denn es ist eine Enthüllung der geheimen Verwandtschaft zwischen Jung-Israel und Jung-Deutschland . Haß gegen das Christentum ist das rosenfarbene Band , welches sie verbindet . Von jeher war Heide , Ketzer , Türk in dem Punkt des Juden Bundesgenosse . Jetzt ist es der Sozialist . Trösten Sie sich , guter Marquis ! Signor Florentin ist gerade so gut von einem katholischen Priester getauft worden , wie Sie und ich . « » Das wäre ein Grund , um mein Bedauern auf einen anderen Grund zu richten ! « rief der Marquis . » Nein , nein ! Trösten Sie sich nur ganz gründlich , Herr Marquis ! « rief Florentin hochfahrend . » Meine Gottheit und mein Kultus haben mit mosaischen , christlichen und islamitischen Glaubensbekenntnissen nichts zu tun ; haben diese Eierschalen , welche auf eine niedrige Abkunft deuten , von ihren Flügeln geschüttelt , und sind weder in Dogmen zu beschränken , noch in Kirchenmauern einzusperren . Der Geist , der sich zu freier Selbstbestimmung , über tausend Lug-und Truglehren , Vorurteile und Täuschungen erhebt : das ist meine Gottheit , und sie wohnt in jeder Menschenbrust . Der Kultus , der ihr wohlgefällig ist , besteht darin , daß alles weggeräumt werde , was die freie Selbstbestimmung hemmt : der ganze Kram von Dogmen , der ganze Apparat theologischer Wissenschaft , das ganze Agglomerat kirchlicher Formen und Zeremonien , Vorrechte und Gebräuche - alles ! Wer von diesen Fesseln , Ketten und Windeln des Geistes auch nur ein Atom hinwegnimmt , hat dadurch ein Weihrauchkorn der Huldigung für die ewige Gottheit gestreut , die von Anbeginn in der Menschheit gewohnt hat - aber verkannt . « » Sehr verkannt ! « sagte der Marquis trocken . » Man hat diese ewige Gottheit - Satan genannt . « » Das haben die Priester Ihres Gottes zuwege gebracht ! « fuhr Florentin fort . » Um die freie Selbstbestimmung des Menschengeistes zu hindern , nannten sie dessen Bewegung in jener Richtung : Abfall zum Bösen - und gaben diesem Bösen , um es für Kinder an Geist möglichst abschreckend zu machen , die Gestalt eines Teufels , eines Undings , das nirgends existiert , als in der Phantasie eines Pfaffen , aus dessen entmenschtem Herzen es in sein verbranntes Gehirn übergegangen ist ... « - » Herr Marquis , « sagte Judith mit ruhigem Ernst , » jetzt ist es an mir , Ihnen meine Entschuldigung zu machen , weil Sie , ein Katholik und , wie ich hoffe , ein guter Katholik - gerade bei mir einen Emanzipierten vom katholischen Glauben treffen mußten . Ich bin keine Katholikin ; aber eine Versicherung kann ich Ihnen mit aller Aufrichtigkeit geben : die Bilder , welche Sie uns heute abend in Menschen vorgeführt haben , die sich zum katholischen Glauben - und infolge davon zu einem weltentsagenden Opferleben bekehrt haben - stellen sich neben dem Bilde des abgefallenen .... oder emanzipierten Menschen , welches Signor Fiorino uns vorführt , nicht anders dar , als das Paradies neben der Hölle . « Der Marquis , dessen Glaubenstemperatur durch Judiths Beifall um einige Grade stieg , erwiderte : » Das haben Sie ganz richtig charakterisiert , Signora . Der Katholik ist infolge seiner Glaubenslehre im Besitz der vollen übernatürlichen Wahrheit , die ihn , wenn er sie praktisch ersaßt und übt - zum höchsten Ziel , zur Seligkeit durch Heiligkeit führt : und das erstreben die Menschen , von denen ich sprach . Der Katholik , der die Offenbarung der übernatürlichen Wahrheit , und folglich auch das Ziel , wohin sie führt , verwirft - hält sich zu ihrem Gegensatz und langt bei deren Ziel an : Unseligkeit ! Also : der eine zum Himmel und zur Hölle der andere . « » Und so wäre ich richtig zur Hölle verdammt ! « rief Florentin höhnisch lachend . » O mit nichten ! « entgegnete verbindlich der Marquis ; » diese Vermessenheit hat keiner von uns . Sie haben sie freiwillig gewählt , Signor . Der Weg des Abfalles und der Weg der Unterwerfung - die Hingebung an den Geist Gottes wie an den eigenen Geist - die Liebe zu übersinnlichen Dingen wie die Versenkung in Materialismus sind in unsere Hand gelegt . Wir wählen frei . Das ist ja eben die Selbstbestimmung , auf die Sie so stolz sind . « - - Judith brach auf . Ihr waren Herz und Kopf voll und übervoll von allem , was sie im Laufe des Tages gehört - und innerlich gelebt hatte . In ihrem einsamen Zimmer sank sie auf die Causeuse am Kamin und seufzte erschöpft : Bin ich endlich erlöst von meiner Menschenmenagerie ! Aber nach einer Pause setzte sie hinzu : ich muß mir diese Verachtung der Menschen abgewöhnen ! sie haben ja Seelen , für welche das Blut Jesu vergossen ist ! - - Florentin nahm Orest unter den Arm , begleitete ihn zum Hotel Meloni und sagte : » Orest , nimm Dich in acht vor den Dunkelmännern . Judith läuft Gefahr , in ihre Schlingen zu fallen . Wer hätte je so etwas gedacht ! Stupide , unbedeutende Gänschen , denen man einredet , sie würden Heilige werden , Wunder tun und prophezeien und dadurch zu Ansehen und Geltung kommen - ja , daß die sich von den Pfaffen fangen lassen , ist begreiflich . Aber Judith , die übergenug an Berühmtheit - und außerdem Urteil und Besonnenheit trotz ihres Genies und einen energischen Charakter hat - es ist unbegreiflich ! unbegreiflich ! unbegreiflich ! « » Was ist unbegreiflich ! « fuhr Orest auf ; » daß sie an Deinen Predigten über die freie Selbstbestimmung keinen Geschmack findet ; nicht wahr ? Nein , Freund ! diesem Idol können nur ganz verkommene Weiber huldigen - oder solche , die auf gutem Wege dazu sind . Mit dieser Sorte hat Judith nichts gemein , und ich freue mich darüber . Gibt es eine Horreur unter der Sonne , so ist es ein brutales Weib ; und brutal ist jede , die Deinen Theorien huldigt . « Florentin zündete höchst gelassen seine Cigarre an und sagte : » Warte nur ! wird Judith eben so fromm wie Corona , so langweilt sie Dich auch . « » Judith hat bis jetzt ein einziges Mal mit einem Geistlichen gesprochen , « sagte Orest ; » daraus kann man unmöglich auf übertriebene Frömmigkeit schließen . « » Woher weißt Du , daß es nur einmal geschah ? « » Judith hat es mir gesagt - und sie lügt nicht . « » Sage lieber - sie log nicht ! Unter der Leitung der Pfaffen muß man auf alles von ihr gefaßt sein . Ich bin überzeugt , es ist eine Intrigue in vollem Gange . « Orest machte eine Bewegung , als ob er Florentin packen und schütteln möchte , faßte sich aber und sagte : » Du bist so grenzenlos gemein , daß Dir die Niederträchtigkeit der Gesinnung gleichsam aus allen Poren dringt . « » Ich habe ja nicht von einer Liebesintrigue gesprochen , « hohnlachte Florentin . Orest sprang drei Schritte zurück und in seinen Wagen , der hinter ihm her fuhr , rief : » Gute Nacht « - und fuhr von dannen . Florentin tat einige gemütliche Züge aus seiner Zigarre und sprach zu sich selbst : Ich werde aufpassen ! das fehlte noch , daß Judith eine fromme Katholikin würde ! das muß man stören - und das kann man am besten durch Eifersucht . Orest langte höchst aufgeregt im Hotel Meloni an . Als sein Diener ihm sein Zimmer öffnete - saß Uriel da . Die Brüder fielen einander in die Arme . Seit fast vier Jahren hatten sie sich nicht gesehen . Jeder fand den anderen über alle Maßen verändert . » Wann bist Du angekommen ? « fragte Orest . » Gegen Abend ! Ich ging gleich nach dem spanischen Platz und fand den Vater und Corona in tiefster Trauer , denn eben war ein Brief von Onkel Levin angelangt mit der Nachricht .... von Regina ' s Tod . « » Tot ! « rief Orest erbleichend ; tot .... diese schöne , diese herrliche Regina ! Tröste Dich , Uriel ! für Dich war sie ja doch schon mehr als tot ... sie war Dir unerreichbar . Das regt auf ! Der Tod beruhigt . « » Es können freilich im Leben Ereignisse vorkommen , die schmerzlicher sind , als das Abscheiden einer edlen Seele von der Erde , « sagte Uriel und blickte Orest sanft und traurig an . » Ich verstehe Dich ! « rief Orest , » aber schweige ! ich beschwöre Dich .... schweig ' ! Du weißt alles durch Corona .... ich sehe es Dir n .... aber schweige , Uriel , denn Dein Reden ist ganz vergeblich . Mein Entschluß steht fest : ich lasse nicht von Judith . Macht , was Ihr wollt .... ich will geschieden sein . Ich gehe nach Stamberg , werde protestantisch und betreibe die Lösung dieses trostlosen Ehebandes . Ich hatte gehofft , Corona zu bewegen , die Sache in Güte abzutun , indem unsere Ehe , als durch Zwang geschlossen , für ungültig erklärt würde - was sich ja hier bewerkstelligen läßt ; aber sie geht nicht darauf ein ; sie drängt mich zu einem großen Skandal , den ich verabscheue .... und Judith noch mehr . Willst Du also von dieser Angelegenheit sprechen , so sprich mit Corona und mache ihr die geeigneten Vorstellungen , um sie zur Vernunft zu bringen . Mit mir ist jedes Wort unnütz . Ja , ich kann ' s nicht aushalten darüber zu sprechen .... es macht mich krank .... in einer so fieberhaften Spannung bin ich . « » Armer Orest ! « rief Uriel ; » in diesem krankhaften Seelenzustand rennst Du jeder Art von Verderben zu . « » Es sei ! mit Judith .... nehm ' ich es an . « » Auch die Reue ? « » Die fürchte ich am allerwenigsten ! Judith ist ein Wesen , bei dem man Himmel und Erde vergißt . « » Auf wie lange ? « » Bis zum Ende des Lebens . « » Nun , so ist doch immer noch für die letzte Stunde , wenn nicht früher - verzweiflungsvolle Trauer über Dein verwüstetes Leben zu erwarten . « » Komme , was will ! ich will zuerst glücklich sein .... und der Inbegriff meines Glückes ist Judith . « » Und Deine Frau ? .... und Dein Kind ? « » Schweig , Uriel ! .... Es gibt nun einmal Schickungen , deren wir nicht Meister sind . Eine solche war meine Heirat mit Corona : ich gab mich den Umständen hin . Eine solche ist meine Liebe für Judith ; nur daß die Leidenschaft viel gebieterischer drängt , als jene Umstände . « » Orest ! « rief Uriel zürnend , » spricht so ein Mann - ja , spricht so ein vernünftiges Wesen ? Kein Kind würde wagen , sich auf diese Weise zu entschuldigen . « » Ich entschuldige mich gar nicht ! « rief Orest . » Ich sage , wie es ist . Laßt mich meinen Weg gehen . Ihr geht ja den Euren , Du , Hyazinth ... und hat nicht die arme liebe Regina sich auf dem ihren in die Arme ihres frühen Todes recht mutwillig geworfen ? « » In die Arme Gottes hat sie sich geworfen , und er hat sie früh der Erde entrückt . So , lieber Orest , steht es mit Regina . Ich glaube , Du tust schnurstracks das Gegenteil von dem , was sie getan hat . « Orest fuhr mit einer verzweiflungsvollen Geberde mit beiden Händen in sein Haar und sagte dann : » Willst Du vielleicht noch zu Nacht essen ? ich muß schlafen gehen . Es ist mindestens Ein Uhr . « Uriel gab ihm die Hand . Da umarmten sie sich doch wieder , die beiden Brüder ! aber Orest schlief mit dem Gedanken ein : Ich gebe sie alle auf , alle und alle , für Judith . Tag und Nacht Zur bestimmten Stunde stand Judith am anderen Morgen an der Pforte von Trinità dei Monti , schellte , wurde eingelassen , als sie ihren Namen nannte , und in ein Zimmer geführt , wo sich bereits eine Dame befand . Diese hatte ihren dichten schwarzen Schleier herabgelassen , so daß es unmöglich war , ihr Gesicht zu erkennen . Als Judith eintrat , ging sie ihr entgegen , reichte ihr die Hand und sagte mit einer bewegten sanften Stimme : » Ich danke Ihnen , Signora , daß Sie gekommen sind . « In ihrer Haltung , ihren Bewegungen , ihrem Ton lag etwas so Edles , daß Judith sich heimlich fragte : Bin ich an eine verbannte Königin geraten ? Dieser Frau kann ich unmöglich Geld anbieten .... und wenn es Millionen wären ! » Und ich werde Ihnen danken , Signora , « erwiederte sie , » sobald ich weiß , womit ich Ihnen dienen kann . « » Ich habe erfahren , daß Ihnen das überschwängliche Glück zu Teil werden soll , das heilige Sakrament der Taufe zu empfangen . Da ich nun nicht zweifle , daß Sie in dem Augenblick , wo ein göttliches Lösegeld für die Rettung Ihrer Seele von unserem Heiland mit seinem Blut gezahlt wird - erkennen werden , wie kostbar eine Seele ist : so flehe ich Sie an , Signora , die Hand zur Rettung einer armen verirrten Seele zu bieten , die in der Verblendung einer traurigen Leidenschaft ihre Würde , ihre Pflicht , ihre Ehre mit Füßen tritt , ihrer Familie Schmach bereitet und der Welt ein furchtbares Ärgernis gibt . « » Aus ganzem Herzen biete ich dazu die Hand ! « rief Judith . » Die Liebe zu den Seelen , zu den unbekanntesten , den fremdesten , den elendesten Seelen , ist etwas so Himmlisches , daß der Heiland sie ganz gewiß vom Himmel herab gebracht hat und durch himmlische Mittel in den christlichen Herzen entzündet ; denn die Welt weiß nichts von dieser Liebe . Sie ist dem Christentum eigentümlich : so liebt der Erlöser die Seelen und so liebt sie der Erlöste . So werde auch ich lieben und dann erst wissen , was Liebe ist ! .... Also , Signora , was hab ' ich zu tun ? « » Darf ich fragen , ob Sie sich an einen katholischen Geistlichen gewendet haben ? « » Gewiß ! « rief Judith , » an einen Priester hab ' ich mich gewendet , der von der Kirche , also aus dem Herzen Gottes heraus , Weihe , Sendung und Vollmacht zum Apostolat hat . « » Gottes Gnade lenkt sichtbar Ihre Schritte , « sagte die Dame gerührt . » Sie wissen also auch , daß der Sohn Gottes selbst die Kirche gestiftet hat , als er zu Petrus sprach : Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen , und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen ! und zu allen Aposteln sprach : Wer euch höret , der höret mich ; und tausend andere Verheißungen gab , welche seine Heilsanstalt zu einem göttlichen Werk machen , das unwandelbar und unerschütterlich die ewige Wahrheit offenbart . « » Ich weiß und glaube es . « entgegnete Judith . » Glaubt der Mensch überhaupt an den Erlöser , so muß er auch glauben dürfen , daß er eine untrügende Kunde über das Erlösungswerk irgendwo auf Erden finden könne . Kann niemand ohne den wahren Glauben selig werden - und ist der Zweck des Erdenlebens , nach der Seligkeit zu ringen : so wird der Gott , der aus Liebe zu den Menschen am Kreuze starb , nicht so lieblos oder so unweise gewesen sein , ihnen die ächte Glaubenskunde in einer Reihe mit menschlichen Lehren vorzuführen . Göttliche Weisheit und Liebe stiftete die Kirche auf Erden , und der Geist Gottes , der ihr blieb , als der menschgewordene Sohn Gottes von ihr schied , bewahrt die Lehre in ungetrübter Reinheit , so daß die Kirche nichts hinzutun , nichts hinwegnehmen darf . Sie verkündet die göttliche Lehre ; aber sie erfindet sie nicht . Das glaube ich . « » Nun , Signora , « sagte die Dame , » die arme Seele , von der ich rede , will sich von dieser göttlichen Heilsanstalt losreißen , weil der himmlische Glaube von der irdischen Leidenschaft ein Opfer begehrt ; will die Absicht Gottes vereiteln , seine Liebe , die ihn an ' s Kreuz gebracht hat , verachten ; will mit dem Abfall vom Glauben den Abfall zur Sünde zudecken . « .... - » Ha , das ist ' s , was der Abbate sagte ! « rief Judith ; » Sünde ist die Verachtung der Liebe Gottes « .... und einer Liebe , die ihn gekreuzigt hat ! Der Abfall vom Glauben vereitelt auf ewig die Absicht Gottes , den Menschen durch die ewige Wahrheit zur Seligkeit zu führen . Es ist ein freiwilliges Aufgeben der Gnade , ein freiwilliger Übertritt zu allem , was nicht von Gott und aus Gott ist : zur Sünde , zur Lüge , zum Untergang . O , Signora , wir müssen diese arme , arme Seele retten ! « Das Gespräch war bisher französisch geführt worden . Jetzt schlug die Dame ihren Schleier zurück und sagte in deutscher Sprache und mit zärtlicher Bitte in Ton und Blick : » Wohlan , Signora , retten Sie Orest . « Judith hatte Corona in Interlacken wohl öfters von Ferne gesehen , war auf Spaziergängen an ihr vorüber gestreift und bewahrte keine andere Erinnerung von ihr , als das Bild einer ganz jungen , wunderhübschen , unbedeutenden Frau . Es ist ja auch nicht selten , daß Personen , welche zu einer wirklichen , tiefen Seelen-und Charakterbildung gelangen , in der Jugend - und namentlich bei ihrem Auftreten in der Welt , zuerst den Eindruck von Unbedeutendem machen . Das Weltleben ist ihnen etwas Fremdes und Neues , das sie nicht auf der Stelle bewältigen können , weil sie sich nicht , wie die wirklich Unbedeutenden , gedankenlos von der allgemeinen Strömung ergreifen und treiben lassen , und nicht auf der allgemeinen Höhe des Stromes schwimmen . Ihr Wesen ist noch unreif , noch unentwickelt , eine grüne Knospe . Nur Geduld ! sie wird sich entfalten , diese Knospe , zu einer schönen duft-und farbenreichen Blume - und um so schöner , je weniger sie von Außen dazu gedrängt wird . So war es mit Corona . Ihre Seelenbildung fand innerlich statt : der Schmerz war deren Wurzel und der Glaube ihre Sonne . Corona glich einer Passionsblume , die das Kreuz umrankt : so zart , so geistig edel war sie . Dazu ihre verweinten Augen , ihre Blässe , ihr Traueranzug - und Judith , die sich die Gräfin Windeck als eine höchst alltägliche Frau ausgemalt hatte , begriff nicht , wer vor ihr stehe . » Orest ! « sagte sie überrascht . » Ich bin Corona Windeck , « sagte Corona sanft und glitt vor Judith auf die Knie ; » und um des Blutes Jesu willen bitte ich Sie