Person sich so steigert , daß man sein Ich einer fortwährenden Züchtigung unterwirft ? Die Manie hört darum nicht auf eine Manie zu sein , wenn sie auch geheiligt erscheint durch Millionen , die von ihr befallen wurden . Oft kann uns schaudern vor einem Wahn , der die ganze Majestät der Gewohnheit und der Gesetze für sich hat . Und doch ist dem so und wir sehen es mit Wehmuth . Ich bekenne von mir , daß ich in meiner Erziehung zum Priester unter dem Druck einer steten Beängstigung vor dem Uebersinnlichen und Gespenstischen lebte . Die Fasten , die methodisch geregelten Lebensweisen machten uns Knaben bei allem sonstigen Leichtsinn den Kopf so wirbeln , wie eine immerfort angeschlagene eintönige Trommel zuletzt zur Verzweiflung bringt . Wir überboten uns , und nicht aus Eitelkeit und Liebedienerei , in der Schaustellung des Kampfes gegen Anfechtungen ; wir wollten Visionen haben , wie Antonius in der Wüste und Franz von Assisi . Einen meiner Mitschüler fand man eines Tages mit verletzten Gliedern ohnmächtig in seinem Zimmer am Boden . Die Gewohnheit hatte er gehabt , in jedem Augenblick , wo er allein war , an einem Querholz , das er nach langen geheimen Mühen so über einen in der Mauer hervorstehenden Balken befestigen konnte , daß es sich auch ebenso wieder abnehmen ließ , ohne daß man die Anstalt bemerkte , sich anzuklammern und für sich ganz allein wie Christus am Kreuze zu schweben . In dieser Selbstmarter würde er immer weiter gegangen sein , wenn man ihn so nicht eines Tages besinnungslos gefunden hätte . Empfindung hab ' ich für alles Poetische , das einem solchen Wahn und einem darauf begründeten Glauben und Leben zum Grunde liegen kann ; ein Schauer überrieselt mich aber doch , wenn ich mir eine solche , damals nicht etwa bestrafte , sondern eher noch bewunderte und belobigte Gesinnung in ihrer spätern Entwickelung , im weißen Gewande des Dominicaners , als Großinquisitor , als Beichtvater eines Fürsten denke und an solcher Stelle dann die Loose gemischt und gezogen , die über das geistige Wohl der Jahrhunderte entscheiden wollen . O du edler Gekreuzigter , den ich so innig liebe , was geht auf deinen Namen ! ... Einst fragte ich einen Arzt nach meiner Leichenschminkerin . Solche Dinge entstehen aus den Störungen des geschlechtlichen Lebens ! sagte er ... Nun wohl , dann will ich einen Schleier fallen lassen , so groß wie der sternenlose , schneeverhüllende Nachthimmel des Novembers , über euch Kirchen und Kapellen und Klöster und Schulen , in denen die Priester im Geiste Hildebrand ' s erzogen werden und wirken ! ... Ich sah auch vielerlei Wahn , der nicht aus den Störungen des geschlechtlichen Lebens kam . Die beleidigten Geister der Freiheit und Natur rächen sich . Sie jagen wie mit Furienfackeln die Feinde der Menschheit , die Verbrecher gegen den Heiligen Geist rund um sich selbst , daß sie keinen Ausweg mehr wissen vor ihrem eigenen Schatten und mitten in ihren Siegen , mitten in ihren Triumphen eine Verzweiflung sie ergreift , die ihnen zuletzt nicht den geistigen Tod als die höchste Lebenswonne vorspiegelt , sondern sogar den physischen - Wir hatten unter unsern Lehrern einige ehemalige Benedictiner , in ihrer Art höchst gelehrte und an sich vortreffliche Männer . Sie gehörten Klöstern an , die man aufgehoben , Klöstern , in denen sie mit großer Bequemlichkeit gelebt hatten . Einer davon verschmerzte die Versetzung in den Stand des Weltgeistlichen sehr leicht . Es war ein Mann jovialer Natur , plauderhaft und nicht reinen Geistes . Ihm hätte des alten Römers Wort : Vor Kindern habe Scheu ! vorzugsweise gerufen werden können . Seine behäbige und immer lächelnde Art war die der unerlaubten Vertraulichkeit im Reden . Wie ein leckes Faß war er , das aus allen Ritzen quillt . Seine Lust war die , Geschichten aus seinem Kloster zu erzählen , alles durcheinander , Heiliges und Weltliches , Verbürgtes und Unverbürgtes - später hab ' ich oft solche unwürdige Greise gefunden , die ein Gefallen daran finden , gerade vor der Jugend geistig entblößt zu gehen . Was hat uns nicht dieser alte Professor , Pater Sylvester , von seinem und allen Klöstern und Pfarreien der Welt erzählt ! Nichts etwa , was gegen sie zeugen sollte , nein , das Frommste , das Andächtigste , aber gemischt mit dem Unmöglichsten und sich eben deshalb dem Spott von selbst Anheimgebenden ! Die Geschichten von einer Pfarrersköchin , die mit dem Teufel zu thun gehabt hatte , erzählte er ebenso für bestimmt , wie er die Versicherung gab , daß im Fegefeuer die Männer und Frauen getrennt sind . Dies bewies er aus der schlechtern Natur der Weiber , die durch Aussprüche der Concilien erhärtet wurde . Die Entziehung des Kelches schrieb er dem Ueberhandnehmen der Bärte zu und der Gefahr des Weines vor dem Ungeziefer - Kein Bienenschwarm , sagte er wie mit Schwuresbetheuerung , der in eine Kirche käme , rühre die Hostie an - Zwei Leichen hätten in einem Grabe gelegen , als man sie aber ausgrub , hätte man die eine über der andern gefunden und als man näher sich erkundigt , war die untere ohne Beichte gestorben - Dem Pfarrer gebühre eigentlich von allem der Zehnten , auch von der Ehe ; diesen könnte er aber den Neuvermählten schenken , da er jede Ehe schon vollständig allein genösse , nämlich am Altare im Sakrament ( man denke sich , wie uns reifende Knaben diese Worte aufregten ! ) - Die Kirchenglocken wären die Zungen der Lüfte , folglich müßten sie auch wie jede Zunge fasten ; das geschähe am Grünen Donnerstage - Im Beichtstuhl müßte man vorzugsweise nach den Träumen fragen ; eben in diesen läge der wahre Schlüssel zur beichtenden Seele , die oft selbst nicht wisse , was ihre wahre Sünde sei - Beim Lesen einer Todtenmesse erkenne man daran , wenn dem Priester das Kind Jesu in der Hostie erschiene , daß die Seele nicht mehr im Fegefeuer wäre - Und so gingen diese Belehrungen des Paters Sylvester fort bis zur Exaltation über den Werth eines Priesters , daß dieser uns geradezu Gott gleichzukommen schien . Zwischendurch liefen in aller Harmlosigkeit Berichte über ein Nonnenkloster , wo die Schwestern im Klostergarten bei Mondschein wandelten und unter den Blumen das Kind Jesu suchten und oft schon hätten sie ' s gefunden , sagte er , und hätten ' s in die Kirche an den Hochaltar getragen , geputzt und lieblich angesungen und allerlei Spaß mit ihm gehabt - oder von einem Mönche , der in einem Büchschen den Staub sammelte , der sich am Hochaltar auf den Marienbildern anlegte , und damit Zahnweh vertrieb und Aehnliches . Was aber auch Pater Sylvester uns in Mußestunden und beim Spazierengehen mit ernster Miene an solcher Narretheidung zuflüsterte - man schickte ihn endlich in ein Versorgungshaus - nichts kam dem gleich , was wir in unserm düstern Gebäude mit seinen langen Gängen , finstern Zellen , durchräucherten Winkeln und gefängnißartigen , vergitterten Fenstern endlich selbst erlebten . Ein anderer Benedictiner , Pater Fulgentius , war ein Mann von großen Kenntnissen und strenger Disciplin . Cholerischen , oft aber auch wieder tiefmelancholischen Temperaments und wie von Schwermuth über die ganze Erdenschöpfung ergriffen , flammte er bald in Ausbrüchen der Leidenschaft auf , bald versank er in ein fast menschenscheues Umherirren und Suchen nach einer Ruhe , die er nicht finden konnte . Er brachte es dahin , daß Pater Sylvester endlich entfernt wurde . Von zelotischer Strenge in seiner Lehre strafte er , ließ züchtigen und verbreitete Furcht und Schrecken . Dieser Gesinnung wegen hatte man ihn zum Rector ernannt . Erst schloß er sich ein , um diese Würde abzulehnen - zwei Tage lang ! Als er endlich , von Hunger und Durst getrieben , nachgeben mußte und öffnete und die Würde annahm , war er eine Zeit lang die Milde selbst ; bald aber kam die alte wie aus Feindschaft gegen Gott und die Welt hervorgehende Strenge , die indessen den Ruf der Gottseligkeit der Anstalt mehrte . Endlich verbreitete sich das Gerücht , daß es mit dem Pater Fulgentius nicht geheuer wäre . Nachts hörten wir Kleinern zuweilen ein plötzliches Laufen auf den Corridoren , ein Schellen wie nach Hülfe - am folgenden Morgen erfuhr man , der Rector wäre krank gewesen . Erst nach einigen Tagen erschien er dann wieder , düster und verfallen , mit dem Ausdruck des tiefsten Seelenschmerzes und so , als läge das ganze Leid der Welt auf seinen Schultern . Diese nächtlichen Begebenheiten wiederholten sich , ja am Tage kamen sie schon vor und allmählich verlautete die grauenhafte Kunde , daß der Rector , gefoltert von Seelenleiden , unzufrieden mit allem und mit sich selbst zumeist , eben noch die gleichgültigsten Dinge reden , dann aber in seine Zelle gehen konnte und Versuche machen , sich zu entleiben . In der ersten Nacht hatten ihn einige Schüler der ersten Klasse gerettet , die um Mitternacht in den Chor mußten , um zu singen . Sie klopften , um den Rector , der sich zuweilen auch diese Unterbrechung des Schlafes auferlegte , abzurufen , traten , da niemand sein Zimmer verschließen darf , selbst ein Lehrer nicht , ein und hatten den Anblick eines Erhängten . Die rasche Entschlossenheit eines der stärksten Alumnen schnitt ihn los und allmählich kam er zu sich . Man verschwieg den Vorfall , mußte ihn verschweigen ; aber er wiederholte sich . Man suchte die Ehre der Anstalt zu wahren ; die Verbindung mit der Außenwelt war so lose , so locker , die Intervalle der Selbstzerstörungsanfälle wurden zuweilen länger ; man bewachte den Unglücklichen , nahm ihm weg , was ihm die Ausführung seines Gelüstens erleichtern konnte - und so wurden diese Dinge vertuscht . Als jedoch immer und immer die Scenen wiederkehrten , beriefen die Professoren , die größtentheils durch Pater Fulgentius berufen und angestellt waren , einen Mann , den wir , als wir davon erfuhren , nicht anders als für einen Exorcisten halten konnten . Denn es stand uns fest , daß eigentlich an dem Pater Fulgentius sich eine besondere Absicht der Vorsehung offenbarte . Wir sahen ihn um seines gottseligen Lebens und seiner Lehre willen nur unter den Anfechtungen des Teufels . Ihn dem Himmel zu erhalten schien uns der Zweck eines Besuches zu sein von einem durch seine Ascese berühmten Mönche , einem Laienbruder der Franciscaner , der aus ferner Gegend angemeldet wurde . Ein Bruder Hubertus erschien . Eine hagere , fast skeletartige Gestalt , mit einem Kopfe , der schon dem Beinhause anzugehören schien . Angekommen , verneigte er sich freundlich nach rechts und links und begrüßte den Rector scheinbar nur im Auftrage seiner Obern mit dem Ausrichten einer ihm anvertraut gewesenen Commission in Sachen eines Processes ; denn auch ein Advocat begleitete ihn . Pater Fulgentius wußte nichts von dem Vorhaben seiner Freunde , die eine Heilung durch den Bruder Hubertus nach dessen Rufe für möglich hielten . Auch ich erfuhr erst viel später den ganzen Zusammenhang aller dieser Vorgänge . Auf meinen künstlerischen Irrpfaden begegnete ich einem meiner frühern Mitschüler , einem inzwischen angestellten Pfarrer , der damals den obern Klassen angehört hatte , die den Rector bewachten . Man denke sich Vorlesungen über den Glauben und die Liebe , die unter solchen Umständen gehalten wurden ! Jener berühmte Rechtslehrer , der in Berlin auf die vernünftigste Art seine Pandekten las und dennoch sich einbildete , Kaiser Justinian zu sein , hat mich oft an diese Collegien in unserm Convict erinnert . Von diesem alten Mitschüler erfuhr ich erst , daß Bruder Hubertus , der gleichsam zum Ausruhen von seiner Fußwanderung einige Tage länger unter uns verblieb , eines Tages den Befehl gab , die Werkzeuge der Selbstzerstörung in des Paters Nähe - nicht wegzunehmen . Es geschah dies ... « Lucinde hörte die zwölfte Stunde schlagen ... Sie legte die Blätter zusammen ... Sie kannte ihren ganzen Inhalt ... Sie hatte alles das schon so oft gelesen und nahm es nur dann wieder vor , wenn sie sich für den Zwiespalt , in dem sie mit den Auffassungen Serlo ' s lebte , eine Beruhigung suchte , eine Brücke der Vermittelung ... Hätte Serlo noch gelebt und neben ihr gestanden - mit seiner elegischen Ironie , der lässigen Ergebenheit , der sichern Zuversicht , daß dies ganze Dasein der Mühe des Lebens nicht lohne - sie würde vielleicht über Religion und Kirche gedacht haben wie er . Bonaventura aber glaubte anders ... Das zog sie , sich nicht den Anschauungen Serlo ' s gefangen zu geben ... Wie sie schon den Beda Hunnius anders beurtheilte als Serlo , so hätte sie auch getrost den ganzen Bau , der sich um sie her durch ihr neues Bekenntniß wölbte , vollkommen anerkannt und an seiner Vollendung mitgearbeitet , hätte nur Bonaventura irgendwie ermuthigend und beifalllächelnd zu ihr herabgesehen ... und das stand überdies in ihr fest : Wahn ist ja alles ! Für den Glauben aber , es wäre kein Wahn ( und der ist nothwendig , wenn nicht alles zusammenfallen soll ) , kann es mancherlei Formen geben , von denen dann allerdings die eine vielleicht eine Kleinigkeit besser ist als die andere ... Der Name des Mönches Hubertus durchschauerte sie jedesmal , wenn sie von ihm las . Sie hatte ihn nie gesehen - aber in ihrer Jugend oft von ihm reden hören . Was knüpfte sich nicht alles an ihn an ! An diese alte Liebe der wie einst ihre Tauben gestern so am Küchenherd Erwürgten ! ... Die Nächte im Pavillon des Parks vom Schloß Neuhof , wenn die Ulmen rauschten und der Mond mit seinem so klugen , aller Dinge der Erde kundigen Antlitz in ihre Kammer schien , nachdem sie das Licht ausgelöscht und sich auf ihr Lager geworfen ... Auch jetzt ging sie zur Ruhe ... die Lampe auslöschend und hinter ihrem Schirm verschwindend wie ein Schatten ... Sie hatte die Ahnung , daß sie noch durch viel Untergang und Zerstörung gehen würde - Dann war es ihr immer , als stünde alles um sie her in Flammen ... Und auch heute war ihr erster Traum eine Feuersbrunst ... Allmählich wurden die Bilder ruhiger ... Noch zeigten sie wol die alte Frau Hauptmännin auf der Todtenbahre ... Hubertus trat zu ihr ein wie zu Pater Fulgentius ... Doch was sind Träume ! ... Der » Advocat « , der hinter ihm stand , war erst Lucifer selbst - dann milderten sich die Schrecken - die Gestalten wurden bleicher und bleicher - zuletzt blieben nur die beiden Bologneserhündchen übrig und Herr Maria mit seiner saubergefältelten Wäsche und mit Deutschlands feinstem Dialekte . Fußnoten 1 Wir werden gezogen und haben keinen freien Willen . 10. Hoiho ! ... Hoiho ! ... Hoiho ! So rief es hellauf hinter einer lieblichen Gruppe von Birken und Hängeweiden und von einer weiblichen Stimme , rein , metallen , wie Silberton . Die Ruferin war ein junges Mädchen in blauem Kleide , einem leichten runden Strohhut auf dem einfach gescheitelten Haare - Ein Ruder in der Hand stand sie in einem leichtgebauten Kahn , ihn hin- und herwiegend mit herausforderndem Muthe . Noch lag der Kahn an einer Kette , die ihn am Ufer festhielt ; noch stieß und rauschte sein Vordertheil an den Sand und die Steine des Strandes der Insel Lindenwerth . Ein Schifferknabe saß an der entgegengesetzten Seite ; das Steuerruder schon in der einen Hand und auf den erwarteten Befehl bereit , die Kette mit der andern zu lösen . Die Ruferin winkte jetzt durch die Hängeweiden und Birken hindurch einem alten , von Linden umstandenen Gebäude zu , das klosterähnlich dicht in der Nähe , in der Mitte der kleinen Insel lag . Sie schien es auf ein Fenster abgesehen zu haben , an dem auch eben eine andere , ältere weibliche Gestalt sichtbar wurde . Der Seemannsruf Hoiho ! Hoiho ! schien aber dort nicht die beabsichtigte Wirkung hervorzubringen . Armgart von Hülleshoven - sie nur ist es - befahl mit einem kurzen vertraulichen Winke dem Schifferknaben , weiter ins Wasser hinauszustechen und lehnte sich selbst über Bord , um die Kette vom Pflocke , der sie festhielt , abzunehmen . Als zu dem Ende der Knabe sein zweites Ruder ergriffen hatte , nahm sie ihren Hut ab und setzte sich ans Steuer statt seiner . Der Knabe wußte schon , sie wollte , um von der Dame am Fenster gesehen zu werden , mehr die Höhe der kleinen Hafenbucht gewinnen . Nun mußte doch gewiß das Winken mit dem großen Hute sichtbar werden an dem Fenster des Klostergebäudes ! Aber jetzt war die daselbst ersichtlich gewesene Dame vollends verschwunden . Armgart harrte erst , ob die Gerufene inzwischen vielleicht herabkäme ... Da sie aber ausblieb , forderte Armgart den Knaben auf , einige hörbare und kräftige Zeichen von sich zu geben . Hast ja dem geistlichen Herrn neulich um deine Stimme so gefallen , sagte sie , und sprichst als Ministrant dein » Saecla Saeclum « so prächtig laut , daß sie dich hören muß , Tönneschen ! Ruf ' einmal recht Juhu ! Und Antonius , genannt Tönneschen , rief denn auch , immer auf ihr Auge sehend , ein Juhu um das andere lautschallend in die Weite hinaus . Freilich mußte er dazu von Armgart erst wieder aufs neue ermuthigt werden , denn es ging gar still her um die Insel Lindenwerth und wirklich war er von jenem geistlichen Herrn um seines schönen Aussehens und seiner sanften Augenwimpern willen in allem Ernst zur Verfolgung der kirchlichen Laufbahn ermuntert worden , als er ihn beim Ueberfahren zu den Englischen Fräulein in einem Büchlein schon vor Wochen auf den Thuriferar studiren sah , den er am morgenden Sonntag drüben in der Kirche zu Drusenheim - noch nicht in der byzantinischen des Herrn Bernhard Fuld , sondern in der alten - beim Hochamt übernehmen sollte . Ei , Tönneschen ! Lauter ! Lauter ! Was schadt ' s ! rief Armgart . Nun ließ Tönneschen ganz den Schifferknaben los und wagte einen Naturlaut von einer solchen Kraft , daß man das Echo vom jenseitigen Ufer drüben im Enneper Thale , wie hüben vom vielbesungenen Hüneneck zurückschallen hörte . Dann sah er Armgart an , als wollt ' er sagen : Nun , war ' s so recht ? Aber dir überlass ' ich die Verantwortung ! Die Dame erschien wieder am Fenster ... Sie machte jedoch die entschiedensten Zeichen der Ablehnung der ihr offenbar zum Mitfahren gestellten Aufforderung . Mit zärtlich winkender Geberde wiederholte Armgart ihr Anliegen . Sie zeigte ringsum in die Gegend , deutete mit dem Hut auf die wundervolle Luft und beschrieb mit dem einen Arm , den sie frei hatte , einen Kreis , als wollte sie sagen : Gibt es denn etwas Schöneres in der Welt , als so auf dem schönsten Strom der Erde an einem Sonnabend Nachmittag im Kahne durch die Wellen zu kreuzen ! Gibt es denn etwas Vernünftigeres , da du doch immer die Vernunft im Munde hast , als eine Erlaubniß zu benutzen , die die gestrengen Englischen Fräulein mir Unverbesserlichen zugestanden haben ! Ist denn der Antonius Hilgers trotz seiner unverkennbaren Bestimmung zum Priester nicht der beste und kundigste Ruderer der Insel ? Meiden wir denn nicht sorglichst die Dampfschiffe , obgleich , im Vertrauen gesagt , nichts über das Schaukeln geht , wenn sie vorüber sind und der Nachen in ihre zurückgelassenen Furchen geräth ? Hüten wir uns denn nicht vor Thiebold de Jonge ' s großen Holzflößen , mit denen nicht zu spaßen ist ? Und ist denn nicht jetzt die Stunde , wo wir möglicherweise drüben - Alles das sagte ihre Geberdensprache und ihr Blick , aber die grausame Dame zeigte auf eine Näharbeit , die sie hoch emporhielt ... Ach was ! war Armgart ' s Geberdenantwort . Sonnabend Nachmittag ! Die seligste Zeit im Leben lernensgeplagter Jugend ! Sonnabend Nachmittag mit seinem Stillstand aller theoretischen und praktischen Lehrcurse , mit seinem Wonnegefühl vollbrachter geographischer und linguistischer Anstrengungen , mit seinem erhebenden Rückblick auf wenig Lob und viel Tadel , mit seiner zurecht gelegten Sonntagswäsche , seinem erquickendsten Reinigungsbehagen , auch dem geistigen , dem abgelegten Sündenbekenntniß in der Beichte ; Sonnabend , Sonnabend mit seinen Ahnungen und Hoffnungen auf Sonntag , auf die Extramehlspeise , Nachmittags auf die Landpartieen der Philister , denen diese schöne Natur Feiertagskuchen ist , uns das tägliche Brot ! ... Alles das wurde durch Deuten auf Himmel , Wasser , Erde , Luft , Ohr , Auge , Herz und ähnliche erfinderische Mimoplastik ausgedrückt . Und zuletzt stand sie sogar ganz still , bat nur mit den Augen und ließ die an ihr jetzt sogar seit dem Abend bei Piter Kattendyk stadtbekannten zwei weißen Zahnperlen unter den vor Ungeduld und Schmerz halbgeöffneten Lippen sichtbar werden . Die Dame oben - es war Angelika Müller - sollte daraus entnehmen : Meine drei Aves , die ich für meine heute gebeichtete bekannte Ungeduld und Verzweiflung um das lange Schweigen des Dechanten und meiner angebeteten Paula und mein Herzpochen um die Antworten auf die Briefe nach Kocher am Fall und nach Wien zur Buße zu beten vom Pastor Engeltraut drüben aufbekam , hab ' ich bereits hinter den ausgenaschten Brombeerhecken und beim Auflesen der auf den Boden gefallenen ersten reifen Mirabellen in aller Stille hinter mir ... also so komm ' doch , so komm ' doch , so komm ' doch ! Da nun aber bei alledem die Grausame hartnäckig und lächelnd ablehnend verblieb , da es auf der Insel sogar schon lebendig wurde über den Lärm des sonst so still sittsamen Tönneschen , da die Mitbewohnerinnen der Pension sich aus den Fenstern , ja sogar schon im Gemüsegarten meldeten und zwei davon , die kein Deutsch konnten , in französischer Sprache sich vom Ufer aus über Nautik und den Atlantischen Ocean mit Armgart zu unterhalten anfingen , was leicht damit enden konnte , daß ihrer mehrere mitfahren wollten , und als vollends von dem Ufer am Hüneneck her schon ein Kahn voll natur- und romantiktrunkener Engländer und Engländerinnen angefahren kam , so wandte Armgart ihr letztes und stärkstes Beschwörungsmittel an . Tönneschen riß die Augen auf über die Geberden , die plötzlich das Fräulein von Hülleshoven machte . Sie ließ das Steuer fahren , hob noch einmal das zweite schwere Ruder in die Luft und beschrieb mit ihm allerlei wunderliche Zeichen . Erst einen großen Kreis , dem sie gleichsam zuletzt in der Mitte einen Punkt gab . Dann ein Dreieck , in das sie wieder ein Dreieck hineinzeichnete . Dann ein Viereck , durch dessen vier Winkel sie einen Kreis beschrieb ... So , eine mathematische Figur nach der andern , und wie die Hand müde wurde , legte sie das Ruder nieder und drehte mit dem Finger Spirallinien und Wellenlinien und machte Schnörkel über Schnörkel in die Luft . Da schüttelte denn endlich Angelika Müller am Fenster lächelnd den Kopf . Sie schüttelte ihn wie über ein Wesen , mit dem man die unsäglichste Geduld haben müßte ... Wir wissen aber schon , daß dies jene Zeichen sind , auf welche Dr. Laurenz Püttmeyer , Angelika ' s Freund und funfzehnjähriger Verlobter ( Hegel lebte nicht mehr , aber sein vom Staate respectirtes Testament duldete keinen neuen Lehrstuhl neben dem von ihm selbst bestimmten Nachfolger ) seine rechtgläubige Philosophie begründet hatte . Jetzt kam denn Angelika ... Rasch war Armgart bei der Hand , setzte ihr Ruder wieder ein und wies auf den Punkt , wo Angelika immer vorzog , zu einer Stromfahrt einzusteigen ... Und es war die höchste Zeit . Junge Mitpensionärinnen machten schon Miene , mitfahren zu wollen » nach Amerika « , wie es hieß , » nach Canada « ... Alle hatten seit einiger Zeit nur Amerika und Canada im Munde ; Thiebold de Jonge hatte zwar keine Verwandte im Stifte und durfte es deshalb nicht betreten , trug aber doch die Verehrung für die Tochter seines Lebensretters nicht wenig zur Schau . Stundenlang in einem gelben Nankinghabit , das ihm mit rothseidenem Sacktuch auf der Brust und gelbem Strohhut allerliebst stand , in der Gegend der Insel allein herumzusteuern war seiner Schwärmerei » eine Kleinigkeit « . Ja , alle wußten schon , daß morgen im Enneper Thale Thiebold de Jonge und seine Freunde , Piter Kattendyk ausgenommen , zu den Hunderten von Gästen gehören würden , die sich Sonntags hier regelmäßig drängten , ja sie wußten schon durch Briefe aus der Stadt von Gebhard Schmitz , daß es ganz ausdrücklich auf eine Begegnung mit den Stiftlerinnen abgesehen war . Angelika Müller kam , einen mächtig großen runden Hut auf dem Kopf , mit einem Shawl in Reserve für etwaige Zugluft , mit einem Regenschirm in Reserve für etwaiges Gewitter , mit einem Sonnenschirm in Reserve für etwaige zu stechende Sonnenhitze , mit einem Proviantbeutel in Reserve für etwaigen Schiffbruch und eintretende Hungersnoth . Trotz der nicht erfüllten äußerlichen Erwartungen , die einst Frau von Gülpen auf die Dame setzte , die ihr diese » Nichte « anempfahl , hatte sie ein überströmendes Herz voll Güte und Antheil . Sie lehrte in der Anstalt Rechnen und Mathematik , ohne jedoch irgendwie geistig so abstract zu sein , wie sie es allerdings zum damaligen Schrecken des Dechanten äußerlich war . Als die allverehrte Docentin der Mathematik , nicht ohne ein leises Kichern der Aengstlichkeit , über einige große Steine , unterstützt von dem hülfreichen Beistande der mürrisch zurückbleibenden Pensionärinnen , eingestiegen war , rief Armgart ein im Grunde des Herzens tief vorwurfsvolles : Gott sei Dank ! und war über die Sprödigkeit ihrer besondern Freundin und Gönnerin fast dem Weinen nahe . Du weißt doch , sagte sie und setzte sich wieder ans Steuerbord , während am Backbord Tönneschen jetzt beide Ruder zugleich mit kräftig ausholenden Armen in Bewegung setzte , du weißt doch , wie mein Herz bekümmert ist und wie ich ohne Beistand geradezu vergehen muß ! Angelika breitete im Kahn ihre Sachen aus und prüfte vor allem erst des Fahrzeuges Gleichgewicht . Da sie die unruhigen Bewegungen Armgart ' s , ihr Aufstehen und Aehnliches voraussah , legte sie alles , was sie bei sich führte , sich gegenüber , um , so leicht sie war , doch Gegengewicht zu haben . Dann spähte sie rundum . Gefahr von größern Schiffen war nicht vorhanden . Die große Strömung des Flusses geht auf der entgegengesetzten Seite der Insel nach dem Enneper Thale zu . Tönneschen wußte schon , er hatte nach dem Hüneneck zu fahren . Prächtig ging es mit dem Strome ; nur laviren mußte man , um nicht zu weit unten zu landen , sondern mehr nach oben , womöglich an des Herrn Joseph Zapfs stattlichem Wirthshause Zum Roland . Das Kummervollste bleibt immer unsere baldige Trennung ! sagte Angelika . Tante Benigna und Onkel Levinus machen jetzt Ernst mit Heiligenkreuz ! Armgart ' s Ausdruck nahm den eines Schmerzes an , der den Blick , den Mund , die Bewegung der Arme , alles ergriff und sie einer jener leidenden , stillergebenen Heiligen ähnlich sehen ließ , die Murillo und Carlo Dolce gemalt haben . Angelika ! Was soll ich in Heiligenkreuz ! sagte sie . Erst nur die Stelle einnehmen ; das Uebrige findet sich ! Hunderte beneiden dich um das Glück , eine Stiftsdame zu werden ! Ein Jahr zur Probe , wie eine Nonne ! Wie werden die alten Fräulein mich zurecht setzen in dem düstern Hause ! Jetzt , wo ich Flügel haben möchte , um ans Ende der Welt zu fliegen ! Angelika vermied es auf diese Wünsche und Klagen zustimmend einzugehen ... Liebes Kind , sagte sie , eine Stiftsdame zu Heiligenkreuz schon in seinem sechzehnten Jahre zu werden , ist eine Auszeichnung , die man nur Familien vom ältesten Adel und von besonderer Distinction zuwendet . Nach einem Jahre kannst du dann mit deiner Pension wohnen , wo du willst , vorausgesetzt , daß du alle zwei Jahre einige Monate unter den Damen zubringst , die es vorgezogen haben sich im Stift für immer anzusiedeln . Und ist denn Westerhof so entfernt von Heiligenkreuz ? Ein schöner Waldspaziergang und du hörst schon die großen Hunde von dem Kamp her bellen , aus dem Schloß Westerhof wie eine alte Gluckhenne heraussieht ! Angelika lachte , scheinbar über ihren eigenen Einfall ; aber sie lachte eigentlich nur vor Behagen , weil Armgart sich so ruhig verhielt ... auch sah die kleine Träumerin in ihrem Leid gar komisch aus . Das ist noch mein Trost ! sagte Armgart , setzte aber seufzend hinzu : Wer weiß , was aus Paula wird ! Das kann noch lange währen , liebes Kind ! Rechnet man z.B .... Nur nicht rechnen ! rief Armgart . Nicht rechnen ? Als Stiftsdame wirst du den ganzen Tag rechnen ! fuhr Angelika fort . Die Einkünfte bestehen in Naturalien und die vornehmen Fräulein müssen ihre Butter , ihre Eier , ihre Hühner , ihr Korn und ihr Stroh selbst verkaufen ! Also ewig - dividiren ! sagte Armgart träumerisch seufzend . 16 Jahre in 1111 - so viel Jahre mögen im Stift beisammen sein - wie viel kommt da auf mich ? Du meinst , die Einkünfte werden insgesammt verkauft und jedem wird dann je nach seinem Alter sein Antheil gegeben ? Bewahre , Kind ! Früher war das so ! Aber einige alte Fräulein kamen , die sehr geizig waren , andere trauten sich viel Kenntnisse von Handel und Wandel zu , jede hoffte für sich allein bessere Preise zu gewinnen , als der Verwalter , und nun verkauft jede ihre Einkünfte apart auf ihrem Zimmer für sich und hält alle vier Wochen bei sich Markt ... Nun gut ! ergab sich Armgart . Wenn ich