ein Sitz . Alfred führte mich zu den meisten und nannte mir sie . Mich erfreute dieses Zeichen des Gedächtnisses und der Aufmerksamkeit . Er erzählte mir auch , was sie bald unter diesem , bald unter jenem Baume getan , und wie sie gespielt hätten . Die Bäume waren Eichen , Linden , Ulmen und eine Anzahl sehr großer Birnbäume . Diese Art von Wald hatte etwas sehr Anmutiges . Ich darf allein nicht zu dem Teiche gehen , sagte Alfred , weil ich leicht hinein fallen könnte , und ich gehe auch nicht hin ; aber weil du heute bei mir bist , so dürfen wir ihn besuchen . Komme mit , ich habe Brot bei mir , um es den Enten und den Fischen zu geben . Er faßte mich bei der Hand , und ich ließ mich von ihm führen . Er geleitete mich durch ein kleines Gebüsch zu einem mäßig großen Teiche , der das Merkwürdige hatte , daß auf ihm hölzerne Hüttchen in geringen Entfernungen angebracht waren , die die Bestimmung hatten , daß darin Wildenten nisteten . Das geschah auch reichlich . Es war noch nicht so weit im Sommer , und wir sahen noch manche Mutter mit ihren fast erwachsenen , aber noch nicht flugfähigen Jungen auf dem Wasser herumschwimmen . An den Ufern waren an verschiedenen Stellen Futterbrettchen angebracht . Im Wasser selber bewegte sich eine große Zahl schwerfälliger Karpfen . Alfred zog ein Weißbrot aus seiner Tasche , zerbrach es in kleine Stückchen , warf diese einzeln in das Wasser , und hatte seine Freude daran , wenn die Enten und auch manch ungeschickter Mund eines Karpfen darnach haschten . Es schien , daß er mich dieses Zweckes halber zu dem Teiche geführt hatte . Als er mit seinem Brote fertig war , gingen wir weiter . Er sagte : Wenn du auch den Garten sehen willst , so werde ich dich schon hinführen . Ja wohl will ich ihn sehen , antwortete ich . Er führte mich nun aus dem Gebüsche , wir begaben uns auf die entgegengesetzte Seite des Hauses , dort war ein mit einem Gitter umgebener großer Garten , und wir gingen durch das Tor desselben hinein . Blumen , Gemüse , Zwerg- und Lattenobst empfingen uns . In der Ferne sah ich die größeren und wahrscheinlich sehr edlen Obstbäume stehen . Daß mir der Garten um viel mehr gefiel als der Teich , sagte ich Alfred nicht , er mochte es auch nicht wissen . In sehr schöner Art waren hier die Blumen gepflegt , die man gewöhnlich in Gärten findet . Sie hatten nicht bloß ihre ihnen zusagenden Plätze , sondern sie waren auch zu einem sehr schönen Ganzen zusammengestellt . An Gemüsen glaubte ich die besten Arten zu sehen , wie man sie nur immer in den Handlungen der Stadt finden konnte . Zwischen ihnen stand das Zwergobst . Die Gewächshäuser enthielten Blumen , aber auch Früchte . Ein sehr langer Gang , welcher mit Wein überwölbt war , führte uns in den Obstgarten . Die Bäume standen in guten Entfernungen , waren gut gehalten , hatten Grasboden unter sich , und es führten auch hier wieder Wege von einem zum andern . An seiner rechten Seite war dieser Gartenteil von dichtem Haselnußgebüsche begrenzt . Ein Pfad führte uns durch dasselbe hindurch . Wir trafen jenseits einen freien Platz , auf welchem ein ziemlich großes Gartenhaus stand . Es war gemauert , hatte hohe Fenster , ein Ziegeldach , und seine Gestalt war ein Sechseck . Die Außenseite dieses Hauses war ganz mit Rosen überdeckt . Es waren Latten an dem Mauerwerke angebracht , und an diese Latten waren die Rosenzweige gebunden . Sie standen in Erde vor dem Hause , hatten verschiedene Größe , und waren so gebunden , daß die ganzen Mauern überdeckt waren . Da eben die Zeit der Rosenblüte war , und diese Rosen auch außerordentlich reich blühten , so war es nicht anders , als stände ein Tempel von Rosen da und es wären Fenster in dieselben eingesetzt . Alle Farben , von dem dunkelsten Rot , gleichsam Veilchenblau , durch das Rosenrot und Gelb bis zu dem Weiß waren vorhanden . Bis in eine große Entfernung verbreitete sich der Duft . Ich stand lange vor diesem Hause , und Alfred stand neben mir . Außer den Rosen an dem Gartenhause waren auf dem ganzen Platze Rosengesträuche und Rosenbäumchen in Beeten zerstreut . Sie waren nach einem sinnvollen Plane geordnet , das zeigte sich gleich bei dem ersten Blicke . Alle Stämmchen trugen Täfelchen mit ihrem Namen . Das ist der Rosengarten , sagte Alfred , da sind viele Rosen , es darf aber keine abgepflückt werden . Wer pflanzt denn diese Rosen , und wer pflegt sie ? fragte ich . Der Vater und die Mutter , antwortete Alfred , und der Gärtner muß ihnen helfen . Ich ging zu allen Rosenbeeten , und ging dann um das ganze Haus herum . Als ich alles betrachtet hatte , gingen wir auch in das Haus hinein . Es war mit Marmor gepflastert , auf dem feine Rohrmatten lagen . In der Mitte stand ein Tisch und an den Wänden Bänkchen , deren Sitze von Rohr geflochten waren . Eine angenehme Kühle wehte in dem Hause ; denn die Fenster , durch welche die Sonne herein scheinen konnte , waren durch gegliederte Balken zu schützen . Da wir wieder aus dem Innern dieses Gartenhauses getreten waren , besuchten wir noch einmal den Obstgarten , und gingen bis an sein Ende . Da wir an das Gartengitter gekommen waren , sagte Alfred : Hier ist der Garten zu Ende , und wir müssen wieder umkehren . Das taten wir auch , wir gingen wieder zu dem Eingangstore zurück , durchschritten es , begaben uns in das Haus , und ich führte Alfred zu seiner Mutter . Das war das Haus und der Garten in Heinbach , der Besitzung des Herrn und der Frau Makloden . Der erste Tag verging sehr gut , so auch ein zweiter , ein dritter und mehrere . Ich wohnte mich in meine zwei Zimmer ein , und die Stille des Landes tat mir in meiner jetzigen Gemütsverfassung sehr wohl . Für den Unterricht Alfreds war in der Art gesorgt , daß der Graf , dessen Meiereien in der Nähe von Heinbach lagen , und ein Herr von Heinbach , wie man Makloden jetzt auch nannte , eine Summe stifteten und dem Lehrer der Gemeinde Heinbach zulegten , unter der Bedingung , daß ein in gewissen Fächern gebildeter Mann stets diese Stelle bekleide , welchen sie in Vorschlag zu bringen das Recht hatten , und der die Verbindlichkeit übernahm , die Kinder des Hauses Heinbach und die des Verwalters der Meiereien in ihren Wohnungen zu unterrichten , wofür er aber besonders bezahlt wurde . Die Schule und die Kirche Heinbach waren eine kleine halbe Wegstunde von dem Herrenhause entfernt . Der Lehrer kam jeden Nachmittag herüber und blieb eine Zeit bei Alfred . Mathilde wurde nur mehr in seltenen Stunden noch von ihm unterrichtet . Für Alfred sollte ich die Art der Lehrstunden einrichten , was ich auch im Übereinkommen mit dem Lehrer , der ein sehr bescheidener und nicht ungebildeter junger Mann war , tat . Den Unterricht in gewissen Dingen , jetzt vor allem den Sprachunterricht , behielt ich mir vor . So kam die Sache in den Gang , und so ging sie fort . Das Leben in Heinbach war wirklich sehr einfach . Man stand mit der Morgensonne auf , versammelte sich in dem Speisezimmer zum Frühmahle , dem einiges Gespräch folgte , und ging dann an seine Geschäfte . Die Kinder mußten ihre Aufgaben machen , von denen Mathilde besonders von der Mutter manche in einigen Zweigen bekam . Der Vater ging in seine Stube , las , schrieb , oder er sah in dem Garten oder in dem kleinen Grundbesitze nach , der zu dem Hause gehörte . Ich war teils in meiner Wohnung mit meinen Arbeiten , die ich in der Stadt begonnen hatte und hier fortsetzte , beschäftigt , teils war ich in Alfreds Zimmer und überwachte und leitete , was er zu tun hatte . Die Mutter stand mir hierin bei , und sie hielt es für ihre Pflicht , noch mehr um Alfred zu sein als ich . Der Mittag versammelte uns wieder in dem Speisezimmer , am Nachmittage waren Lehrstunden , und der Rest des Tages wurde zu Gesprächen , zu Spaziergängen , zum Aufenthalte im Garten , oder , besonders wenn Regenwetter war , zum gemeinschaftlichen Lesen eines Buches benützt . Was man im Freien tun konnte , wurde lieber im Freien als in Zimmern abgemacht . Besonders war hiezu der Aufenthalt unter den Linnendächern am Hause geeignet , den die Mutter sehr liebte . Stundenlang war sie mit irgend einer weiblichen Arbeit und die Kinder mit ihrem Schreibzeuge oder mit Büchern auf diesem Platze beschäftigt . Dies war besonders der Fall , wenn die Vormittagssonne die Luft durchwürzte , und doch noch nicht so viel Kraft hatte , die Mauern zu erhitzen und den Aufenthalt an ihnen zu verleiden . Auch wurden die mannigfaltigen Bänkchen auf dem Rasenplatze , vor welche man Tischchen stellte , und das Innere des Rosenhauses benützt . Zuweilen wurden größere Spaziergänge verabredet . An solchen Tagen waren keine Lehrstunden , man bestimmte die Zeit , in welcher fortgegangen werden sollte , alle mußten gerüstet sein , und mit dem betreffenden Glockenschlage wurde aufgebrochen . Wir besuchten zuweilen einen Berg , einen Wald , oder gingen durch schöne , ansprechende Gründe . Manches Mal war es auch eine Ortschaft , in welche wir uns begaben . Um das Haus lagen in geringen Entfernungen Besitztümer von Familien , mit denen die Bewohner von Heinbach Umgang pflegten . Öfter fuhr ein Wagen vor unserem Hause vor , öfter fuhr der unsere in die Nachbarschaft . Die Kinder mischten sich zur Geselligkeit , und ältere traten zusammen . Die Mutter Alfreds sah es gerne , wie sie mir sagte , wenn eine Freundin Mathildens bei ihr durch längere Zeit verweilte , sie aber konnte sich nie entschließen , ihre Tochter zu anderen Leuten auf Besuch zu geben . Sie wollte nicht getrennt sein . Auch , meinte sie , würde sich Mathilde fern von ihr nicht wohl fühlen . Von Künsten wurde bei wechselseitigen Besuchen vorzüglich die Musik geübt . Es war der Gesang , der gepflegt wurde , das Klavier , und zu vierstimmigen Darstellungen die Geigen . Der Vater Alfreds schien mir ein Meister auf der Geige zu sein . Wir hörten solchen Vorstellungen zu . Wir Unbeschäftigten sahen aber auch sehr gerne zu , wenn die Kinder auf dem Rasenplatze hüpften und sich in ihren Spielen ergötzten . Bei alle dem besorgte die Mutter Alfreds aber auch ihr ausgedehntes Hauswesen . Sie gab den Dienern und Mägden hervor , was das Haus brauchte , sorgte für die richtige und zweckmäßige Verwendung , leitete die Einkäufe , und ordnete die Arbeiten an . Die Bekleidung des Herrn , der Frau und der Kinder war sehr ausgezeichnet , aber auch sehr einfach und wohlbildend . Nach dem Abendessen saß man oft noch eine geraume Weile in Gesprächen bei dem Tische , und dann suchte jedes sein Zimmer . So war eine Zeit vergangen , und so kam nach und nach der Herbst . Ich lebte mich immer mehr in das Haus ein und fühlte mich mit jedem Tage wohler . Man behandelte mich sehr gütig . Was ich bedurfte , war immer da , ehe das Bedürfnis sich noch klar dargestellt hatte . Aber auch nicht bloß das wurde hergestellt , was ich bedurfte , sondern auch das , was zum Schmucke des Lebens geeignet ist . Blumen , die ich liebte , wurden in Töpfen in meine Zimmer gestellt , ein Buch , ein neues Zeichnungsgeräte fand sich von Zeit zu Zeit ein , und da ich einmal auf mehrere Tage abwesend war , sah ich bei meiner Rückkehr meine Wohnung mit Farben bekleidet , die ich einmal bei einem Besuche in einem Nachbarschlosse sehr gelobt hatte . Bei Spaziergängen gesellte sich der Vater Alfreds gerne zu mir , wir gingen abgesondert von den andern und führten Gespräche , die mir in dem , was er sagte , sehr inhaltreich schienen . Ebenso war die Mutter Alfreds nicht ungeneigt , sich mit mir zu besprechen . Wenn ich in Alfreds Zimmer war , das an das ihrige grenzte , kam sie gerne herein und sprach mit mir , oder sie ließ mich in ihr Zimmer treten , wies mir einen Sitz an und redete mit mir . Ich hatte ihr nach und nach alle meine Familienverhältnisse erzählt , sie hatte teilnehmend zugehört , und hatte manches Wort gesprochen , das höchst wohltätig in meine Seele ging . Alfred war mir gleich in den ersten Tagen zugetan , und diese Neigung wuchs . Sein Wesen war nicht verbildet . Er war körperlich sehr gesund , und dies wirkte auch auf seinen Geist , der nebstdem überall von den Seinigen mit Maß und Ruhe umgeben war . Er lernte sehr genau , und lernte leicht und gut , er war folgsam und wahrhaftig . Ich wurde ihm bald zugeneigt . Noch ehe der Winter kam , verlangte er , daß er nicht mehr neben der Mutter , sondern neben mir wohnen solle , er sei ja kein so kleiner Knabe mehr , daß er die Mutter immer brauche , und er müsse nun bald neben den Männern sein . Man willfahrte ihm auf meine Bitte , er bekam ein Zimmer neben mir , und der Diener , der bis jetzt nebst andern meine Aufträge zu besorgen gehabt hatte , wurde uns gemeinschaftlich beigegeben . Sein Körper entwickelte sich auch ziemlich regsam , er war in dem Sommer gewachsen , sein Haupt war regelmäßiger und sein Blick war stärker geworden . So endete der Herbst , und als bereits die Reife an jedem Morgen auf den Wiesen lagen , zogen wir in die Stadt . Hier änderte sich manches . Alfred und ich wohnten wohl wieder neben einander ; aber statt des Himmels und der Berge und der grünen Bäume sahen Häuser und Mauern in unsere Fenster herein . Ich war es von früherem Stadtleben gewohnt , und Alfred achtete wenig darauf . Es wurden mehr Lehrer in mehr Fächern genommen , und die Lehrstunden waren gedrängter als auf dem Lande . Auch kamen wir mit viel mehr Menschen in Berührung , und die Einwirkungen vervielfältigten sich . Aber auch hier wurde ich nicht minder gut behandelt als auf dem Lande . Ich wurde nach und nach zur Familie gerechnet , und alles , was überhaupt der Familie gemeinschaftlich zukam , wurde auch mir zugeteilt . Die Mutter Alfreds sorgte für meine häuslichen Angelegenheiten , und nur die Anschaffung von Kleidern , Büchern und dergleichen war meine Sache . Als kaum die ersten Frühlingslüfte kamen , gingen wir wieder nach Heinbach . Mathilde , Alfred und ich saßen in einem Wagen , der Vater und die Mutter in einem anderen . Alfred wollte nicht von mir getrennt sein , er wollte neben mir sitzen . Man mußte es daher so einrichten , daß Mathilde uns gegenüber saß . Sie war , als ich das Haus betreten hatte , noch nicht völlig vierzehn Jahre alt . Jetzt ging sie gegen fünfzehn . Sie war in dem vergangenen Jahre bedeutend gewachsen , so daß sie wohl so groß war wie ein vollendetes Mädchen . Ihr Körper war äußerst schlank , aber sehr gefällig gebildet . Man kleidete sie gerne in dunkle Stoffe , die ihr wohl standen . Wenn sie in dem tiefen Blau oder in dem Nelkenbraun oder in der Farbe des Veilchens ging , und das schöne Weiß das Kleid oben säumte , so wurde eine Anmut sichtbar , die gleichsam sagte , daß alles sei , wie es sein muß . Ihre Wangen waren sehr frisch , sanft rot , und wurden jetzt ein wenig länglich , ihr Mund war fast rosenrot , die großen Augen waren sehr glänzend schwarz , und die reinen braunen Haare gingen von der sanften Stirne zurück . Die Mutter liebte sie sehr , sie ließ sie fast gar nicht von sich , sprach mit ihr , ging mit ihr spazieren , unterrichtete sie auf dem Lande selber , und wohnte in der Stadt jeder Unterrichtsstunde bei , die ein fremder Lehrer erteilte . Nur mit mir und Alfred ließ sie sie im vergangenen Sommer oft im Garten auf dem Rasenplatze , ja sogar in der Gegend herum gehen . Da ging ich mit beiden Kindern , fragte sie , erzählte ihnen , ließ mich selber fragen , und ließ mir erzählen . Alfred hielt mich größtenteils an der Hand , oder suchte sich überhaupt irgendwie an mich anzuhängen , sei es selbst mit einem Hakenstäbchen , das er sich von irgend einem Busche geschnitten hatte . Mathilde wandelte neben uns . Ich hatte nur den Auftrag , zu sorgen , daß sie keine heftigen Bewegungen mache , welche an sich für ein Mädchen nicht anständig sind und ihrer Gesundheit schaden könnten , und daß sie nicht in sumpfige oder unreine Gegenden komme und sich ihre Schuhe oder ihre Kleider beschmutze ; denn man hielt sie sehr rein . Ihre Kleider mußten immer ohne Makel sein , ihre Zähne , ihre Hände mußten sehr rein sein , und ihr Haupt und ihre Haare wurden täglich so vortrefflich geordnet , daß kein Tadel entstehen konnte . Ich zeigte den Kindern die Berge , die zu sehen waren , und nannte sie , ich lehrte sie die Bäume , die Gesträuche und selbst manche Wiesenpflanzen kennen , ich las ihnen Steinchen , Schneckenhäuschen , Muscheln auf , und erzählte ihnen von dem Haushalte der Tiere , selbst solcher , die groß und mächtig sind und in entfernten Wäldern oder gar in Wüsten wohnen . Alfred liebte das Walten und das Tun der Vögel sehr , besonders ihren Gesang . Er freute sich , aus dem Fluge einen Vogel zu erraten , und wenn die Stimmen in dem Gebüsche oder im Walde ertönten , konnte er alle die Sänger herzählen , von denen sie strömten . Er lehrte dies ein wenig auch Mathilden , und fragte sie bei manchem Laute , woher er rühre . Ich hatte die Vorschriften der Mutter nie überschritten , und Mathilde gewann an Schönheit des Aussehens und an Gesundheit durch diese Spaziergänge . So wie die Mutter im Sommer und Herbste sie mit uns hatte herum gehen lassen , so ließ sie sie jetzt mit uns fahren . Sie saß zwei Tage uns gegenüber . Es war am Morgen und Abende noch ziemlich kühl . Ich hatte einen Mantel , und Alfred war in einen warmen Überrock geknöpft . Mathilde hatte über ihr dunkles Wollkleid , aus dem nicht einmal die Spitzen ihrer Schuhe hervorsahen , ein Mäntelchen , das ihren ganzen Oberkörper bis an das Kinn verhüllte , auf dem Haupte hatte sie einen warmen , wohlgefütterten Hut , dessen weite Flügel sich wohl anschmiegten , so daß nichts als beinahe nur die Wangen , welche in der Märzluft noch röter geworden waren , und die glänzenden Augen hervorsahen . Wir beredeten , was wir in dem nächsten Sommer vornehmen wollten . Der Hauptinhalt unserer Gespräche aber war , daß alles , was uns auf unserem Wege oder in dessen Nähe begegnete , bemerkt wurde , daß wir es nannten und darüber sprachen . So kamen wir endlich bei heiterem und klarem Märzwetter in Heinbach an . Die Bäume vor den Fenstern hatten noch kein Laub , der Garten war öde , und die Felder waren noch nicht grün , außer dort , wo sie die Wintersaaten trugen . Obwohl es draußen sehr unwirtlich war , wenn man den äußerst freundlichen blauen Himmel abrechnet , so war es in dem Hause sehr heimisch . Alles war auf das reinlichste geputzt und zu dem Empfange der Bewohner hergerichtet . Die Zimmer glänzten , die Fenster spiegelten , durch die Vorhänge schien eine helle Märzsonne herein , und in den Kaminen brannte ein behagliches Feuer . Meine zwei Gemächer waren um ein sehr liebliches Eckzimmerchen vermehrt worden , und man hatte mir schönere und bequemere Geräte in meine Wohnung gestellt . Ich traf jetzt die Veranstaltung , daß die Tür von meiner Wohnung in Alfreds Zimmer immer offen war , daß beide Wohnungen eine bildeten , und daß ich gleichsam neben einem jüngeren Bruder lebte . Hatte ich eine Arbeit vor , bei der eine Störung hindernd gewesen wäre , so ging ich in mein Eckzimmer . Das Leben in dem Landhause begann jetzt wieder wie in dem vorigen Sommer . Wenn auch noch kein Laub auf den Bäumen war , wenn sich das Grün der Wiesen noch dürftig zeigte , und auf den Feldern für die Sommerfrucht noch die nackte Scholle lag , so gingen wir doch schon vielfach spazieren . Alfred und ich gingen täglich , selbst wenn trübes Wetter war , nur nicht , wenn heftiger Regen von dem Himmel strömte . Wenn nach einem klaren Morgen , an dem wir noch die Erde und die Dächer weiß gesehen hatten , ein heiterer Tag kam und die Wege trocken waren , ging Mathilde mit uns , und wir führten sie auf Anhöhen oder Felder , wo wir kurz vorher die schönsten Triller der Lerchen gehört hatten . Diese Sänger waren die einzigen , die mit uns schon die Gegend bevölkerten . Nach und nach wurde das Weiß auf Feld und Wiesen seltener , die Sonne schien kräftiger , das Feuer in den Kaminen war nicht mehr nötig , die Wiesen gewannen Grün , die Bäume Knospen , und an den Zweigen der Lattenpfirsiche im Garten erschienen einzelne Blüten . Die Sänger der Luft erschienen in verschiedenen Gestalten und Farben . Wenn ich irgendwo Veilchen oder andere Frühlingsblumen fand , welche Mathilde nicht mit uns hatte pflücken können , so brachte ich sie ihr in einem Strauße für das Blumenglas ihres Tischchens nach Hause . Als Dank für solche Aufmerksamkeiten erhielt ich zu meinem Geburtsfeste , welches in die ersten Tage des Frühlings fiel , von ihrer Hand gestickt ein rundes Deckchen , worauf ein silberner Handleuchter , den mir Mathildens Mutter gab , zu stehen bestimmt war . Der Frühling war endlich mit voller Pracht gekommen . Im vergangenen Jahre hatte ich ihn in dieser Gegend nicht gesehen , weil ich erst später angelangt war . Überhaupt hatte ich meines längern Stadtlebens willen schon lange nicht einen vollkommenen Frühling in der Tiefe des Landes erblickt . Nur an der Grenze des Landes , das heißt , wo es an die Stadt reicht , hatte ich den einen oder andern Frühlingstag zugebracht , oder irgend einen Sonnenblick erlauscht . Das teilt man aber mit vielen , die aus der Stadt hinaus kommen , und muß es im Gedränge und Staube genießen . In Heinbach war Einsamkeit und Stille , die blaue Luft schien unermeßlich , und die Blütenfülle wollte die Bäume erdrücken . Jeden Morgen strömte neue Würze durch die geöffneten Fenster . Man fühlte in Heinbach , wie sehr mich Ungewohnten dieser Reichtum überrasche und freue , und man suchte mir diese Freude auf jede Weise noch fühlbarer zu machen und sie zu erhöhen . Jeden Tag wurden die Blumen in meiner Wohnung durch neu aufgeblühte aus den Gewächshäusern ersetzt . Wenn in dem freien Grunde sich etwas zeigte , sei es ein Gesträuch , sei es eine Blume , so machte man mich darauf aufmerksam , man brachte den größten Teil der Zeit im Freien zu und machte weit öfter und weit längere Spaziergänge als sonst . Mathilde erzählte mir es , wenn sie den Gesang eines Vogels gehört hatte , wenn Faltern vorüber geflogen waren , wenn sich ein Becher in einem Gebüsche geöffnet hatte , ja sie gab mir zuweilen Blumen , um sie in meiner Wohnung aufzubewahren . So verging der Frühling , und der Sommer rückte vor . War mir das Leben im vergangenen Jahre in dieser Familie angenehm gewesen , so war es mir in diesem noch angenehmer . Wir gewöhnten uns immer mehr an einander , und mir war zuweilen , als hätte ich wieder eine unzerstörbare Heimat . Der Herr des Hauses zeichnete mich aus , er besuchte mich oft in meiner Wohnung und sprach lange mit mir , er lud mich zu sich , zeigte mir seine Sammlungen , seine Arbeiten , und sprach über Gegenstände , die bewiesen , daß er mich auch achte . Mathildens Mutter war sehr liebreich , freundlich und gütig . Sie sorgte wie früher für mich ; aber sie tat es einfacher , und fast wie ein Ding , das sich von selber verstehe . Wir waren oft alle in ihrem Zimmer und spielten ein kindisches Spiel oder trieben Musik . Alfred hatte gleich anfangs schon viel Zutrauen zu mir gezeigt , dieses Zutrauen war immer gewachsen , und war dann unbedingt geworden . Er war ein vortrefflicher Knabe , offen , klar , einfach , gutmütig , lebendig , ohne doch einem heftigen Zorne anheimzufallen , heiter , unschuldig und folgsam . Er war jetzt gegen neun Jahre alt , entwickelte sich stets fröhlicher , und gewann am Geiste sowie am Körper . Mathilde wurde immer herrlicher , sie war zuletzt feiner als die Rosen an dem Gartenhause , zu denen wir sehr gerne gingen . Ich liebte beide Kinder unsäglich . Wenn Alfred Unterrichtsstunde hatte , war ich dabei , und leitete und überwachte sie , ich überwachte sein Lernen , und fragte ihn immer um das Gelernte , damit er sich bei dem Lehrer keine Blöße gebe . Die Gegenstände , die ich mit ihm vornahm , vermehrte ich ansehnlich , ich suchte sie ihm recht gut beizubringen , und er lernte sie auch besser als früher bei andern Lehrern . Vater und Mutter waren oft bei dem Unterrichte zugegen und überzeugten sich von den Fortschritten . Mathilde nahm ich nicht nur sehr gerne , sondern viel lieber als früher zu unsern Spaziergängen mit . Ich sprach mit ihr , ich erzählte ihr , ich zeigte ihr Gegenstände , die an unserm Wege waren , hörte ihre Fragen , ihre Erzählungen , und beantwortete sie . Bei rauhen Wegen oder wo Nässe zu befürchten war , zeigte ich ihr die besseren Stellen oder die Richtungen , auf denen man trockenen Fußes gehen konnte . Zu Hause nahm ich an ihren Bestrebungen Anteil . Ich sah öfter ihre Zeichnungen an , und gab ihr einen Rat , den sie sehr gerne verlangte und befolgte . Sie freute sich sehr , wenn das Veränderte dann viel besser aussah . Ich war dabei , wenn sie auf dem Klaviere spielte , und hörte zu , so lange ihre Finger aus den Saiten die Töne hervor zu locken suchten . Ich schrieb ihr in Hefte sehr zierlich ab , wenn sie irgendwo einen Gesang hörte und sich denselben aus dem Gedächtnisse in Musiknoten aufschrieb . Dies war besonders in Hinsicht der Zither der Fall , die sie spielen zu lernen angefangen hatte , die sie sehr liebte , und auf der sie bedeutende Fortschritte machte . Oft hörte die Mutter Mathildens mit Aufmerksamkeit zu , wenn sie anmutige Weisen aus den Metallsaiten hervorbrachte , und ich und Alfred regten uns nicht und lauschten . Ich las ihr und der Mutter aus ihren Büchern vor , und bezeichnete schöne Stellen durch eingelegte Zeichen . Auch Blumen , Waldfrüchte und dergleichen brachte ich ihr , wenn ich dachte , daß sie ihr Freude machen könnten . Der Sommer war beinahe vergangen , und der Herbst stand bevor . Wir hatten so viel getan , daß uns die Zeit sehr kurz schien . Wir waren uns auch genug , um unsere Stunden zu erfüllen . Wenn fremde Kinder zugegen waren , wenn Spiele veranstaltet waren , und alle auf dem heiteren Rasen hüpften und sprangen , stand Mathilde seitwärts und sah teilnahmlos zu . Wir fuhren auch nicht so oft in die Nachbarschaft wie im vergangenen Jahre , und verlangten es auch nicht . Eines Tages nachmittags standen wir drei an dem Ausgange des langen Laubenweges , der mit Reben bekleidet ist und zu dem Obstgarten führt . Mathilde und ich standen ganz allein an der Mündung des Laubganges , Alfred war unter den Bäumen damit beschäftigt gewesen , einige Täfelchen , die an den Stämmen hingen und schmutzig geworden waren , zu reinigen , dann las er abgefallenes halbreifes Obst zusammen , legte es in Häufchen , und sonderte das bessere von dem schlechteren ab . Ich sagte zu Mathilden , daß der Sommer nun bald zu Ende sei , daß die Tage mit immer größerer Schnelligkeit kürzer werden , daß bald die Abende kühl sein würden , daß dann dieses Laub sich gelb färben , daß man die Trauben ablesen und endlich in die Stadt zurückkehren würde . Sie fragte mich , ob ich denn nicht gerne in die Stadt gehe . Ich sagte , daß ich nicht gerne gehe , daß es hier gar so schön sei , und daß es mir vorkomme , in der Stadt werde alles anders werden . Es ist wirklich sehr schön , antwortete sie , hier sind wir alle viel mehr beisammen , in der Stadt kommen Fremde dazwischen , man wird getrennt , und es ist , als wäre man in eine andere Ortschaft gereist . Es ist doch das größte Glück , jemanden recht zu lieben . Ich habe keinen Vater , keine Mutter und keine Geschwister mehr , erwiderte ich , und ich weiß daher nicht , wie es ist . Man liebt den Vater , die Mutter , die