Wenn man mir das von Rom oder Neapel erzählte , so würde ich es unbedingt glauben und begreiflich finden . « » O , glauben Sie mir , Herr Graf ! « bat das Mädchen . » Glauben Sie meinen Worten : ich habe Ihnen die reinste Wahrheit gesagt . « » Gewiß glaube ich Ihnen ; aber Sie müssen mir noch einige Fragen ebenso wahr beantworten . - Als er Sie entließ , was geschah da weiter mit Ihnen ? « » Ich wurde in ein anständiges Zimmer gebracht , und am andern Tage gab man mir gute Kleider , einen Paß und eine Instruktion , die ich auswendig lernen mußte . Darin stand , wie ich mich fortan zu nennen , sowie Vorschriften in Betreff der Berichte , die ich über meine Herrin zu erstatten habe . « » Und wem mußten Sie anfänglich diese Berichte machen ? « » Das weiß ich nicht ; an einer mir bezeichneten Straßenecke fand ich einen dicht verschlossenen Wagen , der mich in ein Haus brachte , wo man mich in eine dunkle Stube führte , und wo Jemand aus dem Nebenzimmer mit mir sprach . « » Keine schlechten Vorsichtsmaßregeln ! - Und dort erhielten Sie auch den Befehl , hier in diesem Zimmer den Herzog zu erwarten ? « » Ja , Herr Graf . « » Aber ich vergaß das Wichtigste zu fragen . Wie wurden Sie in Ihren jetzigen Dienst eingeführt ? - Der war doch , wenn ich mich recht erinnere , einer Anderen zugedacht . Ich selbst empfahl ja den Schützling eines Freundes . « » Das geschah auf eine eigene Art , « entgegnete das Mädchen ; » ich fand bei der Instruktion einen versiegelten Empfehlungsbrief an einen vornehmen Herrn , den ich persönlich abgeben mußte , worauf ich ein anderes Schreiben erhielt , das mich nachher zu Fräulein Eugenie von S. wies , die mich in ihren Dienst genommen . « » Und wer war jener vornehme Herr ? « fragte der Graf in großer Spannung . » Kennen Sie ihn vielleicht ? « » O ja , sehr gut ; ich sehe ihn öfters . Er besucht auch zuweilen das gnädige Fräulein . « » Sein Name ? « » Es ist der Herr Baron von Brand . In seinem Hause erhielt ich , wie gesagt , einen Empfehlungsbrief an meine Herrin . « » Das ist seltsam ! « rief einigermaßen bestürzt Graf Fohrbach . » Ganz richtig , der Baron bat mich , Ihnen eine Stelle zu verschaffen , und ich sprach für Sie , - auch er . - Das ist eine ganz sonderbare Geschichte . - Und von wem der Brief war , den Sie dem Baron brachten , wissen Sie nicht ? « » Nein ; aber soviel erinnere ich mich , daß er mit einem großen Wappen gesiegelt war . « Der Graf dachte längere Zeit nach , wobei er , wie in großer Unruhe , im Zimmer auf und ab schritt . Endlich aber wandte er sich wieder zum Fenster hin und stellte sich abermals dicht vor das Mädchen . - » Die Sache ist sehr ernst und wichtig , « sagte er zu ihr ; » thun Sie mir den einzigen Gefallen und nehmen Sie die ganze Kraft Ihres Gedächtnisses zusammen , gehen Sie in Gedanken nochmals jenen Abend durch , den Sie im sogenannten Fuchsbau verlebten , namentlich aber jene Augenblicke , wo Sie vor ihm im Zimmer standen . - Ueberlegen Sie sich genau , ob Sie nicht irgend einen kleinen Umstand vergessen , zum Beispiel irgend ein Wort , das er sagte , irgend eine Bewegung , die er machte . - Ueberhaupt haben Sie mir noch nicht erzählt , wie er zu sprechen pflegte , ob er laut oder leise , ob kräftig und energisch , oder was man bei uns geziert nennt . Es ist mir das sehr wichtig . « » Nein , er sprach nicht geziert , « entgegnete sie , » sondern laut und deutlich , dabei kräftig wie Jemand , der gewohnt ist , zu befehlen . « » Und sonst fällt Ihnen nichts mehr bei ? « » Warten Sie einmal , « erwiderte das Mädchen , indem sie die Augen mit der Hand bedeckte und dann hinauf an die Decke schaute . » Ich besinne mich da auf etwas , aber es ist zu unbedeutend . « » Bei diesem Vorfall ist nichts unbedeutend . « » Ich habe Ihnen schon gesagt , wie ich glaube , daß ich vor ihm ohnmächtig niedersank . Er hob mich in die Höhe , und als ich wieder zu mir selbst kam , umwehte mich ein eigenthümlicher Duft . « » Ein eigenthümlicher Duft ! « rief der Graf in der höchsten Spannung . » Wie war es ? - Sprechen Sie ! - sprechen Sie ! « » Es war ein scharfer Duft , « sagte das Mädchen , das etwas erschreckt schien von der Heftigkeit des Grafen . » Es war ein Duft wie von lauter Rosen . « » Ah ! « schrie Graf Fohrbach , indem er in die Höhe fuhr , als habe er etwas ganz Erschreckliches gehört . - » Ah ! - - Coeur de rose . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Nun wissen Sie Alles , « sprach ängstlich das Mädchen nach einer kleinen Pause . - » Was soll ich nun weiter thun ? - Ich bin jetzt gänzlich in Ihre Hand gegeben , Herr Graf , « setzte sie schmerzlich hinzu . » Sie können mich nach beiden Seiten hin verderben : durch eine Anklage bei meiner Herrin , und dadurch , daß Sie von dieser räthselhaften Geschichte etwas laut werden lassen . Dort steht meine Ehre , meine Zukunft , hier mein Leben auf dem Spiel . « Während sie so sprach , war der Graf abermals heftig im Zimmer auf und ab geschritten . Doch als sie geendet , wandte er sich rasch zu ihr hin und sagte feierlich : » Gott soll mich bewahren , daß eins von Beiden geschehe ! Nein , nein ! gewiß nicht ! Ihr Geheimniß ist bei mir gut aufgehoben . « » Aber was soll ich ferner thun ? « » Machen Sie Ihre Berichte nach wie vor , aber seien Sie klug und lassen Sie von Ihrer Herrin nichts erfahren , was derselben schaden könnte ; ich will sehen , was ich für Sie thun kann . - Das schleicht sehr versteckt einher ; man muß ihm ebenso begegnen , um es sicher zu treffen . « » Aber wenn man mir neue Befehle zukommen ließe ! Zum Beispiel dies oder das zu thun ; - was weiß ich ? - Etwas , das wir jetzt nicht vorhersehen können ? « » Wenn es Ihnen unschuldig erscheint und - verzeihen Sie mir - Ihnen als kleine Plaudertzaftigkeit oder Nachlässigkeit angerechnet werden könnte , so thun Sie es in Gottes Namen , suchen mich aber von dem Vorgefallenen gleich in Kenntniß zu setzen . Man muß vorderhand allen Eklat vermeiden . - Sonst , « fuhr er lächelnd fort , » verlange ich keinen Bericht von Ihnen . - Aber , bei Gott ! es ist spät ! - Ich danke Ihnen , mein Kind . Bleiben Sie Ihrer Herrin getreu ; gewiß , sie verdient es . « » Ob sie es verdient ! « entgegnete fast schwärmerisch das Mädchen . » Wenn Ihnen diese Sache auch noch Ungelegenheiten machen kann , so hoffen Sie doch auf die Zukunft und auf mich . Ich werde mich Ihrer fortan erinnern . « Damit reichte er ihr die Hand , worauf sie das Licht aus der Fensternische nahm , um ihm ein paar Schritte zu leuchten . » Gehen Sie nicht zu weit mit mir , « sagte der Graf , » vielleicht nur bis an die Wendeltreppe ; von da finde ich den Weg schon allein . « So that sie dann auch , und während er behutsam und so geräuschlos als möglich hinab stieg , beugte sie sich oben über das Geländer und streckte den Leuchter von sich , um das dunkle Treppenhaus zu erhellen . Es wäre übrigens besser gewesen , wenn sie das nicht gethan hätte , denn obgleich Mitternacht längst vorüber war und Alles im Schlosse fest zu schlafen schien , so war dies in Wirklichkeit doch nicht der Fall . Einer der Portiers , welcher seine Wohnung an eben dieser Wendeltreppe hatte , hörte mit seinem Ohr die Tritte und öffnete geräuschlos ein Fensterchen , welches auf dieselbe hinausging , und da sah er denn deutlich das Kammermädchen droben stehen , und einen Offizier , in einen Mantel gehüllt , sich sachte hinab schleichen . - Die meisten Schloßbedienten sind auf dergleichen pikante Neuigkeiten begierig und setzen gerne ihren ganzen Scharfsinn daran , sie zu ergründen . Deßhalb bemühte sich denn auch der Portier , an einzelnen Kleinigkeiten des Offiziers zu entdecken , welche Uniform er wohl tragen könnte . Unglücklicherweise ließ Graf Fohrbach unten an der Treppe seinen Mantel etwas von der Schulter herabgleiten , so daß man Epaulettes und Fangschnüre sehen konnte . » Aha ! « dachte der Portier , » einer der Adjutanten . - Wer hatte den Dienst ? - Graf Fohrbach . - Richtig ! das ist seine Figur und sein Gang . « Damit verschloß er sein Fensterchen wieder und schlief nach einigen Augenblicken beruhigt weiter . Der Graf kam indessen durch das Labyrinth von Gängen , Treppen und Vorplätzen glücklich in ' s Freie . Es war eine finstere , kalte Nacht , weßhalb er seinen Mantel dicht zusammen zog , als er auf den Kastellplatz hinaus trat . Um von hier nach Hause zu gelangen , hatte er zwei Wege ; der eine führte durch die höher gelegenen vornehmeren Stadttheile , durch breite Straßen und über bequeme Brücken , war aber bedeutend weiter als der andere , der mitten durch die alte Stadt ging . Doch hatte der Letztere den Nachtheil , daß er meistens durch enge Straßen führte , einigemal durch finstere Durchgänge , auch beim Kanal vorbei und über dessen enge und schlechte Brücken . Doch war es hart gefroren , die Straßen auch reinlich und ohne Nässe , weßhalb der Graf den Weg durch die alte Stadt wählte . Er hatte auch nach allem dem , was er heute Abend gehört , eine leicht begreifliche Lust , sich die finstere Häusermasse , den Fuchsbau , obgleich er ihn recht wohl kannte , genau anzusehen . Er schlenderte deßhalb langsam über den Kastellplatz und kam jenseits desselben in die engen und winkeligen Straßen , welche nach der unteren Stadt führten . Rings war Niemand zu sehen noch zu hören ; die Schildwachen hielten sich in ihren Häusern ; von den Nachtwächtern bemerkte man nirgendwo eine Spur . Dazu war , wie wir wissen , der Mond nicht am Himmel , und die Nacht hüllte Alles in dichte Finsterniß . Wie er so langsam dahin schritt , ließ er in seinem Geiste nochmals die Erlebnisse des heutigen Abends vorüber gehen und schüttelte nachdenkend den Kopf , als er wieder an die Erzählung des Mädchens kam . - » Sollte es denn möglich sein , « dachte er , » daß der Baron wirklich hier im Spiele ist , daß das anscheinend so harmlose , leichtfertige , ja beschränkte Wesen desselben nur eine Maske wäre , hinter welcher sich eine so räthselhafte , ja unheimliche Gestalt verbärge , wie mir das Mädchen geschildert ! - Wenn dem so wäre , welche Zwecke verfolgt er ? Aus welchem Grunde belauscht er die Schritte Eugeniens ? - Ah ! das ließe sich am Ende erklären ; er ist mit dem Herzoge sehr liirt und macht vielleicht einen angenehmen Zwischenträger . - Aber nein ! - Worauf gründet sich meine Vermuthung , daß der Baron hier im Zusammenhange ? Auf jenen Odeur , von dem das Mädchen sprach , den scharfen Rosenduft ? - Bah ! das ist am Ende ein wenig zu weit gegangen . Die seinen Unterschiede Zwischen Coeur de rose und gewöhnlichem Rosenöl wäre ja wohl allein der Baron zu machen im Stande . - Und doch , « fuhr er in seinen Betrachtungen fort , indem er noch langsamer ging , » es gibt da so viele Menschen , die in dem Wesen des Barons etwas Räthselhaftes finden wollen . So heute noch der Hofmarschall . - Und dann erinnere ich mich auch noch einer Geschichte , die man mir einstens erzählen wollte . Ich weiß nicht , war es der Major oder der Assessor , - nein , nein ! ich glaube Arthur war es , - richtig ! der sprach mir von einem höchst sonderbaren Vorfalle , worin er den Herrn von Brand verflochten glaube . Aber ich war damals eilig und hatte keine Zeit , es mir erzählen zu lassen . Das wollen wir gleich morgen nachholen . - Ist aber dieses so natürlich scheinende Wesen des Barons in der That nur eine vortrefflich durchgeführte Maske , so muß man sich mit ihm in Acht nehmen , und er wird schwer zu fassen sein . « Unter diesen Gedanken war der junge Mann in die Nähe des uns bekannten Gebäudes gekommen , das wie eine dunkle Masse etwas von den übrigen Häusern abgesondert mit finsterer , geheimnißvoller Miene , ja wir möchten sagen , trotzig da lag . Von den spärlichen schmalen Fenstern , die nach außen gingen , war keines erhellt , und die riesenhaften Mauern schienen eine einzige breite Fläche zu bilden , vom Grunde hinauf bis in die Höhe der spitzen Dächer , die aber von den breiten und hohen Schornsteinen so deutlich überragt wurden . Nur ein einziger Lichtschein machte sich im Fuchsbau bemerklich , und der kam von der Gaslaterne in dem uns bekannten Durchgänge , wo die eiserne Thüre mündete , die zur Wirthschaft hinauf führte . Diesem Durchgange gegenüber auf der anderen Seite der Straße blieb der Graf einen Augenblick stehen und betrachtete sinnend diese Passage . Dort war das Mädchen , wie sie erzählt , eingetreten und von da über eine steinerne Wendeltreppe in die Schenkstube gelangt . Was aber hinter derselben läge , sei ein solches Labyrinth von Treppen , Gängen , Zimmern und Höfen , daß sie nicht angeben konnte , nach welcher Richtung man sie ungefähr geführt , und wo jenes Zimmer gelegen , in dem sie ihn , den Namenlosen , gesehen . - » Halt ! « unterbrach Graf Fohrbach mit einem fast hörbaren Ausruf seine Gedanken , » es kommt Jemand . Drücken wir uns fester an die Mauer ; wer weiß , in wiefern mir heute Abend das Glück günstig ist . « Richtig ! von seiner linken Seite her klangen Schritte , und die vernahm er so plötzlich auf dem Pflaster und in der Nähe , daß der , von dem sie herrührten , soeben aus einem der anliegenden Häuser herausgetreten sein mußte . - Vielleicht aus dem Fuchsbau selbst . Graf Fohrbach warf leicht den Mantelkragen über seine Feldmütze , damit das Silber derselben nicht durch die Dunkelheit glänze und blieb darauf regungslos stehen , in höchster Spannung , ja Aufregung . Jetzt näherte sich ihm in der That von der linken Seite ein Mann , und er bemerkte anfänglich nur eine dunkle Gestalt , dann aber sah er , daß es Jemand sei , der in einen sogenannten Radmantel gehüllt war , dessen eines Ende er über die rechte Schulter geworfen hatte . Seine Figur war hoch und schlank ; auf dem Kopfe trug er einen ganz gewöhnlichen Hut . Dieser Mann trat fest und klingend auf . Ja , es waren Sporen , die auf dem Pflaster klirrten , und als der Graf seine Blicke herabsenkte - der Fremde war unterdessen zwischen ihm und dem Durchgange angekommen - so bemerkte er vielleicht eine Sekunde lang , wie sich der Strahl der Laterne auf etwas Blankem abspiegelte - glänzende Reitstiefel . Der Unbekannte schien aber gar keine Ahnung zu haben , daß er belauscht werde , denn er ging ruhig mit gleichförmigen Schritten dahin , sogar ohne rechts oder links zu schauen . Bald war er im Dunkel der Nacht verschwunden . » Was soll ich thun ? « sprach der Graf zu sich selber , während er in die Straße hinaus trat . - » Ihm folgen , um zu sehen , wo er bleibt ? Da mache ich mir eine undankbare Mühe , denn ist Jener dort wirklich eine verdächtige Person , so wird er Verstecke genug in der Nähe haben , wo er mir entwischt , und ich mache ihn auf mich aufmerksam , was alsdann viel schlimmer ist . - Soll ich ihm nacheilen , ihm gerade auf den Leib gehen und ihn dann zu Rede stellen ? - Ich habe kein Recht dazu , und vielleicht ist er ein ebenso unschuldiger Spaziergänger wie ich selber . Und gesetzt auch , er wäre das nicht , so spiele ich eine verflucht ungleiche Partie ; immer würde ich als Angreifer gelten und mich auf diese Art in Sachen mischen , die sich mit dem Rocke , den ich trage , nicht vereinbaren lassen . Auch weiß ich ja vorderhand genug , und habe eine Spur , der mit Klugheit zu folgen man wohl im Stande sein wird . « Er verließ den Fuchsbau und schritt die gleiche Straße hinauf , die der Unbekannte vor ihm gegangen . Ein paar Mal blieb er stehen , und dann glaubte er wohl hie und da noch die Schritte auf dem Pflaster zu vernehmen , was ihn eigentlich willenlos jedesmal zu stärkerem Gehen anspornte . So erreichte er in Kurzem die obere Stadt und trat in eine der breiteren Straßen , wo er abermals anhielt , um zu lauschen . Tiefe Stille herrschte rings umher ; auch nicht das kleinste Geräusch ließ sich vernehmen . Doch jetzt - ja , er irrte sich nicht - vernahm er aus ziemlich weiter Entfernung den leichten Trab eines Pferdes . Vierter Band Neunundfünfzigstes Kapitel . Vorbereitungen zum Gefecht . Unter den vielen Häusern , vor welchen der Baron Brand am Neujahrstage seine Karte abgab , oder in welchen er durch allerlei Gegenreden und verfängliche Fragen , trotz der Versicherung des Bedienten , es sei Niemand zu Hause , einen schwachen Versuch machte , seinen Glückwunsch persönlich anzubringen , ließ er sich nun bei der Wohnung des Polizei-Präsidenten gar nicht abweisen und tänzelte lächelnd die Treppen hinauf , um , wie er sagte , wenigstens droben seine Karte abzugeben . Das that er denn auch mit auffallendem Geräusche , bat den Bedienten mit sehr lauter Stimme , doch ja der Herrschaft seine besten Empfehlungen zu melden , wie unendlich er es bedaure , nicht vorgelassen worden zu sein - und erreichte damit vollkommen seinen Zweck . Denn als er schon die Thüre in der Hand hatte , um sich wieder fort zu begeben , wurde ihm gegenüber der Salon geöffnet , und Fräulein Auguste erschien , aber wir können versichern , vollkommen absichtslos ; denn als sie den Baron bemerkte , wollte sie sich mit einem kleinen Aufschrei sogleich wieder zurückziehen . Daß ihr aber dies nicht gelang , daran war nur die Geschwindigkeit des Barons schuld , der sich augenblicklich näherte , leicht und gewandt ihre Hand ergriff und sie feierlich küßte , während ein tief gefühlter Glückwunsch , das neue Jahr betreffend , seinen Lippen entströmte . » Ah ! « sagte er hierauf , » so grausam zu sein , Fräulein Auguste , und dem , den Sie Ihren Hausfreund nennen , die Thüre zu verschließen ! « » Ohne alle Gnade ! « erwiderte lächelnd das Mädchen . » Hoher Befehl von Papa und Mama . - Und leider ohne Ausnahme , « setzte sie leise hinzu . » Und Sie hatten vor , eine Ausnahme zu machen ? « fragte entzückt der Baron . » Ah ! jetzt fangen Sie schon wieder an , mich zu examiniren . Man kann sich vor Ihnen nicht genug in Acht nehmen ; aber wie gesagt , keine Ausnahme . - Mama meint , « fügte sie erröthend und mit niedergeschlagenen Augen bei , » es sei noch nicht an der Zeit - irgend Jemand Begünstigungen zu erweisen . « » Aber bald , bald ! Auguste , « versetzte er stürmisch , und wandte sich bei diesen Worten so geschickt auf der Thürschwelle , daß er dem Bedienten alle Aussicht versperrte und es wagen konnte , das leicht zurückweichende Mädchen auf die Stirne zu küssen . - » Und keine Hoffnung , « fuhr er nach einer Pause hastig fort , » Sie heute Morgen noch einen kleinen , lieben Moment zu sprechen ? - Wird mich Papa nicht vorlassen ? « » Er hat dringende Geschäfte und läßt heute nur die Beamten vom Dienst vor sich . « » Die Herren Kommissäre ? « » Ja , sie machen ihren Bericht . « » Coeur de Rose ! « rief der Baron , » da bin ich ja ganz in meinem Recht ; erinnern Sie sich , Auguste , Papa war so gnädig , mir neulich die Erlaubniß zu ertheilen , so einem Berichte anwohnen zu dürfen . - Ich lasse mich bei ihm melden , es gilt nur den Versuch , - und einen Versuch , « setzte er zärtlich hinzu , » der , wenn er gelingt , mir das hohe Glück verschafft , Sie - später sehen und sprechen zu dürfen ; denn wenn der Herr Präsident mich einmal in ' s Zimmer läßt , so muß er mich auch nachher zu Ihnen hinüber führen . « » Ja , ja , thun Sie so , « entgegnete sie eilig . » Aber jetzt fort ! - ich höre Mama . « Damit sprang sie in ' s Zimmer und schloß die Thüre hinter sich zu . Der Baron nahm eine wichtige Miene an und bat den Bedienten mit ernster Stimme , ihn dem Herrn Präsidenten in Geschäften zu melden . Worauf er denn auch wenige Augenblicke nachher in das Kabinet des Polizei-Präsidenten geführt wurde . Dieser war eben im Begriffe , seine Nase spazieren zu führen , denn er hatte sie mit der rechten Hand sanft erfaßt , während er , die Linke auf dem Rücken haltend , auf und ab schritt . Beim Anblick des Barons ließ er sie aber los , worauf sie augenblicklich ein paar Zoll höher schnellte , als er sie gewöhnlich zu tragen pflegte . - Der Präsident wollte hiedurch einigermaßen sein Erstaunen , ja Befremden ausdrücken , sich so in einer wichtigen Stunde gestört zu sehen . Doch war Herr von Brand der Mann nicht , der sich so leicht einschüchtern ließ ; er näherte sich dem Chef der Polizei mit einer tiefen Verbeugung , wobei er sagte : » Euer Excellenz wollen mir verzeihen , ich komme allerdings in Geschäften . Der Herr Präsident hatten neulich die außerordentliche Gewogenheit , mir zu erlauben , einem der Rapporte beizuwohnen , und da ich mich unterstehe , heute von dieser Erlaubniß Gebrauch zu machen , so wird mir zu gleicher Zeit das Glück zu Theil , Ihnen meinen tiefgefühlten und herzlichsten Glückwunsch zu Füßen legen zu dürfen . « Dabei hatte er die Hand des Präsidenten ergriffen , und drückte sie so herzlich und gerührt , daß der alte Herr augenblicklich anfing , seine Nase mit der einen noch freien Hand zu streicheln , was als ein Zeichen einer guten Laune bei ihm angesehen werden konnte . Und so war es denn auch ; er vergaß , daß der Baron gegen seinen Willen eingedrungen , und erwiderte dessen Wunsch zum Beginn des neuen Jahres so verbindlich als möglich . » Was aber den Rapport anbelangt , « sagte er , » so kommen Sie diesmal etwas spät und auch zu einem ganz interesselosen Zeitpunkt ; ich habe nur noch einen Bericht zu empfangen , und wenn Sie den mit anhören wollen , so habe ich nichts dagegen . Später aber hoffe ich , sollen Sie Gelegenheit haben , einen besseren Blick in die von mir organisirte Maschine des Polizeiwesens werfen zu können . « Bei diesen Worten fing er mit einem gewandten Griffe seine Nase wieder , die in der Luft umherschnüffelte , und indem er sie tief hinab zog , blickte er dem jungen Mann väterlich und wohlmeinend von unten herauf in die Augen . Die Thüre öffnete sich und der erwartete Kommissär trat ein , nach einer tiefen Verbeugung brachte er dem hohen Chef seinen Glückwunsch dar , fing aber hierauf seinen Bericht nicht sogleich an , sondern blickte bald auf den Präsidenten , bald auf den Baron von Brand . » Ich bin ja der geheime Sekretär Euer Excellenz , « flüsterte der Baron dem Chef der Polizei zu . Worauf dieser seine Nase heftig zwinkte , ihr einen leichten Klapps gab , so daß sie sich zugleich mit dem ganzen Gesichte gegen den Beamten drehte . - » Sprechen Sie nur , « sagte er alsdann , » dieser Herr ist einer meiner Vertrautesten , vor welchem ich keine Geheimnisse habe . « Nun war aber der Bericht des Polizei-Kommissärs für den Präsidenten in der That ziemlich unbedeutend , nicht so ganz aber für den Herrn von Brand . Er handelte nämlich von dem Hause eines gewissen Meister Schwemmer , welches , so sagte der Beamte , zuweilen der Aufenthaltsort allerlei Gesindels , das man gewöhnlich in dem berüchtigten Fuchsbau anzutreffen pflege , sei . » Mir ist gemeldet worden , « berichtete er , » daß in den nächsten Tagen dort irgend eine Streitigkeit , ein Zank ausbrechen werde , weßhalb ich es für meine Pflicht halte , diesen ohnedies sehr abgelegenen Ort beobachten zu lassen . « Dagegen wußte der Polizei-Präsident durchaus nichts zu erinnern , und da der Andere nichts weiter vorzubringen hatte , so wurde er in Gnaden entlassen und zog sich rückwärts zur Thüre hinaus , nicht ohne sich vorher die Gestalt des Barons - derselbe hatte sein Gesicht abgewandt - mit einem langen prüfenden Blick in ' s Gedächtniß zu prägen . Der Präsident hatte für heute Morgen seine Arbeitsstunden beendigt , und der Baron mehrere seiner Zwecke erreicht . Wir sagen mehrere , denn es geschah , was er vorhin der jungen Dame vorausgesagt : der Papa nahm ihn , ohne mit dem Gang und dem Bedienten in Berührung zu kommen , durch eine Reihe der hintern Zimmer mit sich in den Salon , und dort verplauderte er mit den Damen des Hauses eine höchst angenehme Stunde . Da aber bei dieser Unterredung nichts vorkam , was für unsere Geschichte von Interesse wäre , so überlassen wir ihn seinem Schicksale , das heißt , der scharfen redseligen Zunge der Präsidentin und den sehr gefährlichen Augen ihrer Tochter . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Einige Tage später in demselben Monat Januar , an einem frischen und klaren Nachmittage - es mochte an fünf Uhr sein - gingen zwei Männer neben einander nach der äußeren Stadt , wo die regelmäßigen Straßen aufhörten und wo nur hie und da einzelne Häuser zwischen Gärten lagen . Der eine dieser Männer , eine große kräftige Gestalt , schritt aufrechten Hauptes einher und hatte im Gehen die Gewohnheit , daß er etwas mit dem Oberkörper hin- und herwankte . Der Andere , ein kleines , mageres Männchen , hatte die Hände auf den Rücken gelegt , und bei jedem Schritte , den er machte , folgte sein Kopf , wohl unwillkürlich , dieser Bewegung und war deßhalb in einem unaufhörlichen Nicken begriffen . Ersterer war der junge Hammer , Sohn des ersten Theatermaschinisten , der Andere Herr Schellinger , der Theaterschneider . Beide gingen eine Zeitlang stillschweigend ihres Weges dahin ; nur zuweilen räusperte sich Herr Hammer , indem er einen Seitenblick auf seinen kleinen Gefährten warf , oder Herr Schellinger hob den Kopf in die Höhe , zog seine Nase empor , schnüffelte in der Luft und sagte mit seiner dünnen Stimme : » Heute wird ' s malitiös kalt . « Bald ließen sie die letzten Häuser hinter sich und kamen in die Nähe der Stadtmauer , wo der Garten lag , durch welchen uns zu begleiten der geneigte Leser schon einmal so freundlich war , als wir uns nämlich in die Wohnung und in die Kleinkinderbewahranstalt des Meister Schwemmer begaben . Herr Hammer und Herr Schellinger traten ebenfalls in diesen Garten , doch gingen sie nur bis zum kleinen baufälligen Hause , in welchem , wie wir bereits wissen , der Garderobegehilfe seine armselige Wohnung hatte . Der junge Zimmermann blieb vor der Thüre stehen , stemmte die Arme in die Seite und sagte , während er an dem Hause hinauf blickte : » Nimm mir nicht übel , Schellinger , das ist in der That eine scheußliche Baracke . Wenn es Einer von unserem Handwerk sieht , so muß ihm völlig übel werden . Es ist mir immer , als sollte ich mit der Schulter auf die eine Seite drücken , daß dies Gestell wieder in ' s Blei käme . Aber ich fürchte , es könnte umfallen . Sind dir die schiefen Fußböden nicht selbst unangenehm ? « » Mir gewiß nicht , « entgegnete ruhig der Schneider , » ich bin das so gewohnt ; es erweckt in mir auch eine höchst angenehme Erinnerung , denn von allen Tagen , die ich auf meinen weiten Reisen zubrachte