seltsame Erhöhung oder runder Wulst zutage , ein hügelartiger Auswuchs des Knochens , und auf dieser einsam ragenden Extrakuppe ein stehengebliebenes Wäldchen grauer Haare , was einen höchst lächerlichen Anblick gewährte . Die zornige Verlegenheit des also Beschaffenen bewies , daß dieses sein Geheimnis und seine schwache Seite war ; aber Heinrich hatte ihm , als er dies gesehen , unwillkürlich die Zipfelmütze so blitzschnell wieder aufgesetzt und geriet selbst in so harmlose Mitverlegenheit , daß der Alte sich halb schmunzelnd , halb murrend zufriedengab und überdies etwas nachdenklich wurde . Heinrich hatte indessen lange nicht soviel Geld besessen wie jetzt , und er beschloß , ehe dasselbe zu Ende gehe , sich neues zu erwerben und , was im großen nicht hatte gelingen wollen , allmählich im kleinen zu versuchen . Da seine guten Studienblätter alle verschwunden waren , so machte er sich daran , welche aus dem Stegreif zu schaffen , und fabrizierte in kurzer Zeit eine Anzahl flüchtiger , aber bunter und kecker Skizzen , ohne An dacht und Liebe , denen man es auf den ersten Blick ansah , daß sie nicht im Freien , sondern in der Stube entstanden . Über dieser herzlosen Beschäftigung stand natürlich alles tiefere und innere Streben und Sein vollends still , wie denn auch , da kein Buch mehr in seinem Besitze war und er sich aus den Hörsälen zurückgezogen , seine Selbstbildung von dieser Seite unterbrochen war , indessen er sich in einer anderen Schule befand , wo der Alte Professor war ; denn man kann nicht alles zumal treiben . Der Alte empfing ihn aber ganz vergnügt mit den neuen Sachen , die ihm sehr in die Augen sprangen ; er nahm ihm ab , was er ihm brachte , war aber nach einiger Zeit verwundert , daß er hievon auch nicht ein Stück verkaufte und der Käufer , welcher die guten Sachen alle geholt hatte , plötzlich wegblieb . Er teilte dies seinem Schützling mit , schob aber die Schuld auf die Wunderlichkeit und den Eigensinn der Leute und forderte Heinrich auf , nur nicht nachzulassen , sie wollten einmal auf den Vorrat arbeiten , bis sich neue Käufer finden würden . Heinrich konnte das aber nicht länger mit ansehen und sagte dem Alten , daß er wahrscheinlich nie einen Fetzen von dieser neuen Art verkaufen würde und daß er sein Geld , so wenig es sei , wegwerfe . Ganz verblüfft verlangte der Alte eine deutlichere Belehrung , und Heinrich setzte ihm , so gut es ging , auseinander , welcher Unterschied zwischen diesen und den früheren Sachen bestehe , wie jene eben etwas Gewordenes , diese etwas Gemachtes seien , jene ohne des Künstlers besonderes Verdienst von einem ganz bestimmten Stoff und Wert , diese dagegen vollkommen wertlos . Er sei nun sogar froh , setzte er hinzu , daß diese Industrie vollständig mißlungen , und um sein Gewissen vollständig zu beschwichtigen , zog er seinen Geldbeutel , der die zehn Gulden enthielt , und anerbot dem Alten , ihm wieder zu ersetzen , was er ihm für die liederlichen Arbeiten gegeben . Denn er hatte jetzt vollständig das Schmähliche einer hohlen herzlosen Tätigkeit empfinden gelernt , die , ohne nur eine ordentliche ehrliche Handarbeit zu sein , sich den Schein eines edleren Berufes gibt . Der Alte hörte aufmerksam zu , nahm eine Prise über die andere , lächelte dann schlau und vergnügt , indem er das angebotene Geld sogleich einstrich , und streichelte dem Jungen die Backen , welcher Liebkosung sich dieser sachte entzog . Er hatte den Ersatz unwillkürlich angeboten und war jetzt doch etwas betroffen , denselben angenommen zu sehen , da seine kleine Barschaft dadurch stark abnahm , ohne nun weiter zu wissen , was er tun sollte . Der Alte aber nahm ihn bei der Hand und sagte » Nur munter , Freundchen ! wir wollen sogleich eine Arbeit beginnen , die sich sehen lassen kann und wird ! letzt sind wir gerade auf dem rechten Punkt , da darf nicht gefeiert und nicht gemault werden ! « Und er führte und schob ihn in ein noch dunkleres Verlies , das hinter dem Laden lag und sein Licht nur durch eine schmale Schießscharte empfing , die in der feuchten schimmligen Mauer sich auftat . Als Heinrich sich einigermaßen an diese Dunkelheit gewöhnt , erblickte er das Loch angefüllt mit einer Unzahl hölzerner Stäbe und Stangen , ganz neu , rund und glatt gehobelt , von allen Größen lastweise an den Wänden stehend . Auf einer verjährten , längst erloschenen Feueresse , welche das Denkmal irgendeines Laboranten war , der vielleicht vor hundert Jahren in diesem Finsternis sein Wesen getrieben , stand ein tüchtiger Eimer voll weißer Leimfarbe inmitten mehrerer Töpfe mit anderen Farben , jeder mit einem mäßigen Streicherpinsel versehen . » In vierzehn Tagen « , lispelte der Alte , abwechselnd schreiend , » wird die Braut unseres Kronprinzen in unserer Residenz ihren Einzug halten ; die ganze Stadt wird geschmückt und verziert werden , Tausende und Abertausende von Fenstern werden mit Fahnen in unseren und den Landesfarben der Braut versehen ; Kattunfahnen von jeder Größe werden die nächsten zwei Wochen die gesuchteste Ware sein , habe schon zweimal in meinem Geschäft den Witz mitgemacht und jedesmal ein gut Stück Geld verdient ; wer der erste , Schnellste und Billigste ist , der hat den Zulauf . Darum frisch dran , keine Zeit zu verlieren ! Habe schon seit zwei Wochen vorgesehen und Stöcke machen lassen , weitere Lieferungen sind bestellt , das Kattunschneiden und Nähen wird ebenfalls beginnen , Ihr aber , Schweizermännchen , müßt die Stangen anstreichen . Bst ! nicht gemuckst ! Hier für diese großen gebe ich einen Kreuzer das Stück , für diese kleineren einen halben , von diesen ganz kleinen aber , welche für die Mauslöcher und Blinzelfenster der Armut bestimmt sind , müssen vier Stück auf den Kreuzer gehen ! Jetzt aber paßt auf , wie das zu machen ist , alles will gelernt sein ! « Er hatte schon mehrere Stücke teils halb , teils ganz vorgearbeitet ; nachdem die Stange mit der weißen Grundfarbe versehen , welche für beide Landesfarben dieselbe war , wurde sie durch die andere Farbe mit einer Spirallinie umwunden . Der Alte legte eine grundierte Stange am einen Ende in die Schießscharte , hielt sie mit der linken Hand waagerecht , und indem er , den Pinsel eintauchend , Heinrich aufmerksam machte , wie dieser nicht zu voll noch zu leer sein dürfe , damit eine sichere und saubere Linie in einem Zuge entstände , begann er , die Stange langsam drehend , von oben an die himmelblaue Spirale zu ziehen , womöglichst ohne zu zittern oder eine Stelle nachholen zu müssen . Er zitterte aber doch , auch geriet ihm der weiße Zwischenraum nicht gleichmäßig , so daß er das mißlungene Werk wegwarf und rief » Item ! auf diese Weise mein ich ' s ! Eure Sache ist es nun , das Zeug besser zu machen , denn wofür seid Ihr jung ? « Heinrich legte nun auch eine Stange in die Schießscharte und versuchte sich in dieser seltsamen Arbeit , und bald ging es ganz ordentlich vonstatten , während der Alte vorn im Laden hauste und zwei oder drei Nähtermädchen , die sich eingefunden hatten , rüstig Zeug zuschnitt , damit sie es in zwei Farben zusammennäheten . Draußen war es anhaltend das lieblichste Sommerwetter , der Sonnenschein lag auf der Stadt und dem ganzen Lande , und die Leute trieben sich lebhafter als sonst im Freien herum , teils im Verkehre für die zu treffenden Vorbereitungen , teils im Vorgenuß der kommenden Festtage , welche dies dem Genusse nachhangende Volk recht auszubeuten gedachte . Der Laden des Alten war angefüllt mit Leuten , welche Fahnen bestellten und holten , nähenden Mädchen , Tischlern , die Stangen brachten , und er selbst regierte , lärmte und hantierte dazwischen herum , nahm Geld ein und zählte Fahnen , und ab und zu ging er einmal in Heinrichs Verlies hinein , wo dieser mutterseelenallein in dem blassen Lichtstrahl der Mauerritze stand , seinen weißen Stab drehete und die sorgfältige reinliche Spirale zog . Der Alte klopfte ihm dann sachte auf die Schulter und flüsterte ihm ins Ohr » So recht , mein Söhnchen ! dies ist die wahre Lebenslinie ; wenn du die recht akkurat und rasch ziehen lernst , so hast du vieles gelernt ! « Und wirklich fand Heinrich in dieser einfachen und verachteten Arbeit allmählich einen solchen Reiz , daß ihn , die langen Sommertage , in diesem Loch zugebracht , gleich Stunden vorübergingen . Er hatte sich bald eine große Geschicklichkeit erworben , welche trotz ihrer Geringfügigkeit recht bedeutsam war ; denn nicht nur galt es , die ewige Linie ohne Anstoß und Aufenthalt , ohne Abschweifung und Ungleichheit fortzuführen , sondern sie auch so zu beschleunigen , daß es überhaupt der Mühe lohnte und den Anforderungen genügt wurde , ohne daß durch die Eile die Arbeit schlechter wurde und die Linie sich verwirrte . Unablässig zog er dieselbe , gleichmäßig , rasch und doch vorsichtig , ohne zuletzt einen Klecks zu machen , einen Stab ausschließen zu müssen oder einen Augenblick zu verlieren durch Unschlüssigkeit oder Träumereien , und während sich so die umwundenen Stäbe unaufhörlich anhäuften und weggingen , während ebenso unaufhörlich neue ankamen , um welche alle sich dasselbe endlose Band hinzog , wußte er doch jeden Augenblick , was er geleistet , und jeder Stab hatte seinen bestimmten Wert . Er brachte es in den ersten Tagen so weit , daß ihm der ganz verdutzte Alte am Abend jedesmal nicht weniger als zwei Kronentaler auszahlen mußte . Erst sperrte er sich dagegen und schrie , er hätte sich verrechnet ; als aber Heinrich mit einer ihm ganz neuen Beharrlichkeit erklärte , so ginge es nicht , und ihm nachwies , daß er froh sein müsse , soviel liefern zu können , indem ihn Heinrichs erworbene Fertigkeit nichts anginge , gab sich , der Alte mit einer gewissen Achtung und forderte ihn auf , nur so fortzufahren , denn die Sache sei bestens im Gange . Wirklich hatte er auch einen gewaltigen Zulauf und versorgte einen großen Teil der Stadt mit seinen Freudenpanieren . Heinrich drehte unverdrossen seinen Stab , und zwar so sicher und geläufig , daß er dabei ein ganzes Leben durchdrehte und auf der sich abwickelnden blauen Linie eine Welt durchwanderte , bald traurig und verzagt , bald hoffnungsvoll , bald heiter und ausgelassen , die schnurrigsten Abenteuer erlebend . Am Abend , nachdem er in einer entlegenen Schenke ein spärliches Abendbrot gegessen , seinen Erwerb geizig zusammenhaltend , kehrte er müde und zufrieden in seine Wohnung zurück und konnte kaum den Tag erwarten , wo er in aller Frühe wieder an die seltsame Arbeit gehen durfte . So kam endlich der Tag heran , an welchem die künftige Königin ihren Einzug hielt . Schon am frühen Morgen fingen die Straßen an , das allerbunteste Gewand anzuziehen , und die Bevölkerung wogte hin und her , der besitzende , angesessene oder abhängige Teil noch mit den Anstalten beschäftigt , der müßige und unabhängige Teil gaffend und sich an dem Tun der anderen vergnügend . Werkleute hämmerten und kletterten an Gerüsten und Ehrenbogen umher , Gärtner und Bauern führten ganze Lasten grünen Zeuges herbei , indessen die Behörden und Zünfte auf den Beinen waren und ihren Aufzug in zwecklosem Umherstehen und - gehen den ganzen Tag hielten . Die dicke gespreizte Magistratsperson , die nicht wußte , wo ihr der Kopf stand vor aufgeblähtem Eifer , Wohldienerei und Wichtigtuerei , rannte die arme Witwe über den Haufen , die noch in der letzten Stunde ein Kränzchen oder Fähnchen herbeiholte , und der reiche Hofschuhmacher stieß mit der ungeheuren Schilderei , welche er an seinem Laden aufrichtete , der über ihm wohnenden alten Jungfer den verblühten Myrtenstock herunter , welchen die Geizige statt allen Aufwandes vor das Fenster gesetzt . Im Laden des Alten war es allmählich leer geworden , nur einzelne arme Leute kamen am Nachmittage noch , um nach reiflichem Entschlusse und Erwägung des Nutzens oder des Schadens , welchen die Unterlassung bringen könnte , noch eine billige Fahne oder zwei zu holen , und feilschten hartnäckig um den Preis . Der Alte zählte jetzt seine Einnahme , und vollauf damit beschäftigt , forderte er Heinrich auf , sich jetzt hinauszumachen , unter die Leute zu gehen , den Einzug anzusehen und sich etwas gütlich zu tun . » Sie machen sich wohl nichts daraus , wie ? « fügte er hinzu , als er sah , daß der Aufgeforderte keine besondere Lust zeigte , » sehen Sie , so wird man gesetzt und klug ! Schon weiser geworden dahinten bei der alten Esse in der kurzen Zeit ! Das ist recht , so muß es kommen ! Aber geht dennoch ein bißchen hinaus , Liebster , und wäre es nur , um einmal die Sonne zu genießen und ein schönes junges Königskind anzusehen . « Heinrich fühlte sich nicht berufen , dem Alten auseinanderzusetzen , inwiefern er recht oder unrecht habe mit seiner Zufriedenheit und seiner Anschauung , ging jedoch vor die Stadt hinaus , um jedenfalls etwas Luft zu schöpfen . Er sah nun auf dem Wege die ganze Herrlichkeit fertig und mit einem Male , alles schwamm , flatterte , glänzte und schimmerte in Farben , Gold und Grün , und ein unzähliger Menschenstrom wälzte sich vor das Tor , wo eine schon vorhandene gleiche Menge auf dem Felde lagerte und zechte , als ob es gälte , ein Ilion von Tonnen zu bezwingen . Aber die goldene Nachmittagssonne rechtfertigte und verklärte allen Lärm , alles Toben und alle Lust ; Heinrich atmete tief auf , und es war ihm zu Mut , als ob er ein Jahr lang am Schatten gelegen hätte in einem kalten Gefängnis , so wärmend und wohltuend strömte der goldene Schein auf ihn ein . Plötzlich ertönte Kanonendonner , Glockengeläute über der ganzen weitgedehnten Stadt , Musik erschallte an allen Enden , die Trommeln wurden gerührt , auf der breiten Landstraße wälzte sich erst ein laufender Menschenknäuel daher , dann rasselte ein geharnischter Reiterhaufen , ritten Beamtete aller Art heran , und an der Spitze eines langen Wagenzuges rollte jetzt der Blumenwagen vorüber , in welchem ein liebliches junges Mädchen saß in Reisekleidern und höchst vergnügt das tobende Volk begrüßte . Doch alles ging so schnell vorüber wie ein Traum , und hinter den letzten Reitern flutete die Menge zusammen und bedeckte , sich langsam nach der Stadt wälzend , alle Gehöfte , Wirtshäuser und Schenken im Umkreise und fiel singend , lärmend , prügelnd in die zahllosen Fallen , welche ihr die stillen Spekulanten des Tages überall aufgestellt . Auch Heinrich schlenderte in die Stadt zurück und unterhielt sich nun damit , seine Fahnenstangen vor den anderen herauszusuchen ; er kannte sie bald an verschiedenen Zeichen , und ein um das andere Haus wies diese Erzeugnisse seines Fleißes auf . Unversehens aber erwachte der Republikaner in ihm , und er rief schmerzlich in sich hinein » Das ist also nun das Ende vom Liede , daß du in dieser Stadt sitzest und solchen Unsinn beiträgst zum Unsinn ! « Und als ob alle Leute ihm ansehen könnten , daß er die unzähligen Stängelchen und Stangen bemalt , während in der Tat kein Sterblicher eine Ahnung hatte außer dem Alten , eilte Heinrich voll Scham und Zerknirschtheit wieder aus der Stadt an den abendlichen Fluß hinaus und in die schönen Gehölze , die sich längs desselben hinzogen . Er ging auf denselben Wegen , auf welchen er einst in Floribus als hoffnungsreicher Kunstjünger gefahren und gegangen in jener grünen Narrentracht und mit Ferdinand Lys gestritten hatte . Die politischen Bedenken wegen seiner Steckenarbeit traten jetzt zwar zurück , aber nur , um noch tieferen Platz zu machen . Das war nun , sagte er sich , so ein Stück Schulzeit in der Schule dieses Alten ! aber nun ist es nachgerade mehr als genug ! Der rauschende Fluß , die rauschenden Bäume , die balsamische Luft der hereinbrechenden Nacht , die er alle so lange nicht genossen , schienen ihn aufzurufen zur Treue gegen sich selbst und zum Widerstand gegen jedes unnatürliche Joch und schienen zu singen Siehe , wir rauschen , wehen und fließen , atmen und leben und sind alle Augenblicke da , wie wir sind , und lassen uns nichts anfechten . Wir biegen und neigen uns , leiden und lassen es über uns dahinbrausen und brausen selbst mit und sind doch nie etwas anderes als das , was wir sind ! Wir gehen unter und leben doch , und was wir leben , das sorgen wir nicht ! Im Herbst schütteln wir alle Blätter ab , und im Lenz bekleiden wir uns mit jungem Grün ; heute verrinnen wir und scheinen versiegt , und morgen sind wir da und strömen einher , und ich , der Wind , wehe , wohin ich muß , und tue es mit Freuden , ob ich auf meinen Flügeln Rosengerüche trage oder die Wolken des Unheils ! Als Heinrich nach der Stadt zurückkehrte , beschloß er , nie mehr zum Alten zu gehen , möge ihm geschehen , was da wolle , und so schwer es ihm auch fiel ; denn er hatte das ungewöhnliche graue Männchen liebgewonnen . Siebentes Kapitel Den andern Morgen , als Heinrich aufgestanden , empfing er einen Besuch von seiner Hauswirtin , welche eine unvermögliche Frau war und einen ganzen Trupp Kinder zu ernähren hatte , während ihr Mann seinen Erwerb anderweitig hintrug . Heinrich war ihr seit einem halben Jahre die Miete schuldig ; denn dies war ein Gegenstand , welcher ihm keine Wahl ließ , Schulden zu machen oder nicht , da er ein Obdach haben mußte . Die arme Frau hatte ihn nie gedrängt und wußte , daß die , so in Sorgen leben , am besten mit Geduld und Nachsicht zusammen aus kommen , was aber dann eine um so größere Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit mit sich bringt , die wiederum nicht so wohl wie eine harte Geschäftspflicht als mit frohem Dank aufgenommen wird . Jetzt bat sie ihn um Berichtigung seiner Schuld , da mit ihrer Beobachtung , daß Heinrich einiger Barschaft froh war , zugleich das eigene , nicht eine Stunde länger zu ertragende Bedürfnis sich gesteigert hatte , und zwar in aller Aufrichtigkeit und Überzeugung . Denn das ist das ergötzliche und artige Band bei der Armut , wenn eines ein Häppchen erschnappt hat , so schreit das andere , das sich bislang ganz still gehalten , plötzlich und ohne Bosheit , als ob es am Spieße stäke , und dieser liebenswürdige Wechsel von Entbehrung und Mitgenuß , von Opfer- freudigkeit und unverhohlenem Anspruch läßt sie nur um so natürlicher und menschlicher empfinden und zum Vorschein kommen . Heinrich , der seinerseits ebenso unbefangen nicht an seine Schuld gedacht hatte , war in der gleichen Unbefangenheit nur froh , der Frau sogleich genügen zu können , und sah sich , ehe er sich ganz ermuntert , beinahe des ganzen Ergebnisses seiner Spirallinie beraubt . So erfuhr er nun eine noch bedeutsamere Seite der Schuldbarkeit und Pflichterfüllung , nämlich wie es tut , wenn man nicht etwa nur mit leicht erworbenen oder fremden Mitteln zierlich und gern seine Pflicht löst , sondern auch mit der Frucht der bitteren und anhaltenden Arbeit Recht und Menschlichkeit zufriedenstellt , ehe man an die eigene Not denkt . Dies war sein glückliches Erbgut , das weit mehr in seinem Blute als in seinem Wissen lag , daß er durchaus keinen Unterschied zu machen vermochte zwischen dem Gelde , das er ohne Mühe durch die Sorge anderer erhalten , und zwischen dem , was er sich sauer erworben ; denn es hinderte ihn nun , in der Versuchung der Not jener Klugheit und anscheinend gerechtfertigter Berechnung zu verfallen , welche so manche Menschen in schlimmeren Zeiten wohl schlau über dem Wasser hält , aber nur um sie dann gänzlich in Selbstsucht und Gemütsschmutz untergehen zu lassen . Die bedrängte Wirtin befreite sich noch am selben Tage von einer Menge kleiner heftiger Gläubiger , erhielt neuen Kredit beim Bäcker , tat sich etwas gütlich mit ihren vom Vater verlassenen Kindern , erwarb sogar ein Stück geringen Zeuges zu neuen Hemdchen für dieselben , kurz , sie atmete auf und lebte nach ihrer Weise herrlich und in Freuden , während Heinrich am gleichen Tage einen so ratlosen Zeitraum antrat , wie er ihn vor kurzem noch nicht geahnt . Hatte sich seine Wohnung von allem Besitztume geleert , so sah er jetzt , daß sie dennoch noch leerer und kahler werden konnte , indem er von den letzten , fast völlig wertlosen Gegenständchen und Bruchstücken zehrte , und bald sah es so verzweifelt dürr und hoffnungsarm um ihn aus , daß die Wirtin ihn auffordern mußte , sich eine andere Wohnung zu suchen ; denn er war nun , wie sie wohl sah , unter den Stand ihrer eigenen Armut hinabgesunken , und bei dieser Ungleichheit lag es nicht mehr in ihrem Vermögen , etwa auf sein besseres Glück zu bauen und die Selbsterhaltung hintanzusetzen . So zog er mit seinem leeren Koffer , in welchem allein das Buch seiner Jugendgeschichte lag , in eine neue Wohnung und erlebte es zum ersten Male , von unbekannten Leuten gleich als Habenichts ohne Höflichkeit und mit Mißtrauen empfangen und angesehen zu werden , als sie seine Nichthabe bemerkten . Er ging jetzt auch schlecht in Kleidern einher und mußte tausend Geschicklichkeiten erwerben , dies so gut als möglich zu verbergen , und alles dies und wenn ihm das Wasser in die zerrissenen Sohlen drang , lehrte ihn mit stummer Beredsamkeit die menschlichen Dinge zu empfinden und zog und bog den grünen Zweig seines Wesens kräftig nach allen Seiten , daß er geschmeidig wurde . Er ertrug das Härteste ohne Verbitterung und ohne Hoffnungslosigkeit , wohl fühlend , daß eher ein Berg einstürzt , als ein Menschenwesen ohne angemessene Schuld zugrunde geht ; wenn er sich selbst sah , wie er ebenso still und geduldig alle Strapazen , Entbehrungen und Demütigungen zu bestehen als behende und begehrlich , wie ein hungriges Füchslein , ein sich darbietendes Lebensmittelchen zu erschnappen und auch dem Allerwenigsten dankbar einen hohen Wert beizulegen verstand , ohne sich doch gierig und tierisch zu gebärden , so übte er sich gerade an diesem Schauspiel , sein besseres Bewußtsein über dasselbe zu erheben ohne geistige Überhebung und Mystizismus und sein edleres Ich beschaulich aus dem dunklen Spiegel der leiblichen Not zurückleuchten zu sehen . Es fand sich und kam ihm gut , daß Heinrich von Natur aus verstand , geduldig zu sein und äußeres leibliches Leidwesen zu dulden , ohne die Beweglichkeit der Seele zu verlieren . Diese Kunst des Duldens , welche das Christentum vorzüglich sich angeeignet und zu einer ausgebildeten Kultur erhoben hat , ist eine löbliche Eigenschaft des ursprünglichen Menschen , und das Christentum hat sie weder vom Himmel geholt noch sonst erfunden , sondern fertig im Vermögen des Menschen vorgefunden , und sie ist so gut weltlicher Natur , daß nicht nur kluge und edle Heiden sie besessen , sondern auch am kranken und leidenden Tiere täglich zu sehen ist , und zwar nicht zum Zeugnis ihrer Niedrigkeit , sondern ihrer maßgeblichen Ursprünglichkeit und Natürlichkeit . Freilich ist das Dulden der meisten Christen längst nicht mehr dieser edle und kraftvolle Grundzug , sondern ein künstliches Wesen , welches darauf hinausläuft , so bald als möglich nicht mehr dulden zu wollen und für das Erduldete hinlänglich entschädigt zu werden , daher auch die gedankenlosen und lärmenden Gegner des Christentums das Kind mit dem Bade ausschütten , alles Leiden entweder für Heuchelei und Beschränktheit oder für Feigheit halten und sich gebärden wie eigensinnige kreischende Kinder , die keine Suppe essen wollen . Obgleich Heinrich das Unglück um seiner selbst willen ertrug als eine ins Leben getretene , sehr deutlich gestaltete Sache , die um ihrer Klarheit willen zu einem Gute wurde , so verfiel er doch täglich immer wieder der christlichen Weise , Gott um unmittelbare Hilfe zu bitten in allen möglichen Tonarten , und zwar nicht seinetwegen , sondern um seiner Mutter willen , da deren Ruhe und Wohlfahrt jetzt von seinem eigenen Befinden abhing . Seit ihr letztes Opfer einen so plötzlichen schlechten Erfolg gehabt , war es ihm nicht möglich gewesen , ihr wieder zu schreiben , da er ihr nichts Gutes berichten konnte und sie doch nicht anlügen mochte . Von Woche zu Woche eine günstigere Wendung verhoffend , verschob er das Schreiben , bis eine so lange Zeit verstrichen war und sich ein trauriges Schweigen so in ihm festgesetzt hatte , daß er dieses nun nicht mehr brechen zu können meinte als zugleich mit den wohlgefälligsten Nachrichten und am besten mit einer glücklich bestellten Rückkehr . Die Mutter hatte ihm noch einigemal geschrieben und die Hoffnung seiner baldigen Heimkehr jedesmal mit der Todesanzeige eines Verwandten , Freundes oder Nachbarn geschlossen , so erst mit derjenigen des Schulmeisters , des Oheims , dann mit derjenigen alter Leute sowohl wie junger kräftiger Menschen aus Dorf und Stadt , und zahlreiche Familienereignisse und Veränderungen , Entfremdung alter Verhältnisse , Untergang manches bekannten Wohlergehens und Daseins und die Begründung gänzlich neuer verkündeten vollends dem fernen Sohne die unerbittliche Flucht der Zeit und ließen ihn die Vereinsamung seiner Mutter und den Wert eines jeden Tages doppelt fühlen . Als sie aber keine Antwort mehr erhielt , schwieg sie endlich still , und nun sprach diese Stille beredter als alle Briefe in Heinrichs Seele , welcher sich doch nicht rühren noch regen konnte . So kam es , daß er , während er für seine Person sich schuldlos fühlte und die Dinge nicht fürchtete , in Ansehung seiner Mutter eine große Schuld erwachsen sah , an der er doch wieder nicht schuld zu sein meinte , und daher wußte er in diesem Doppelzustande keinen andern Ausweg , als Gott zu bitten , seine Mutter vor Kummer und Leid zu schützen . Daß er bei diesem Schütze selber gut wegkam , darüber gab er sich vollkommen Rechenschaft und suchte sich zu überzeugen , daß dennoch sein Gebet uneigennützig und es ihm durchaus nicht um sich selbst zu tun sei ; dann mußte er sich aber wieder sagen , daß seine Mutter ohne Zweifel zu Hause in der nämlichen Weise Gott für ihr Kind und nicht für sich selbst bitte , und da doch alles beim alten blieb und Gott in der Mitte der sich kreuzenden flehentlichen Bitten sich ganz still verhielt , so vermehrten starke Zweifel an der Vernünftigkeit dieses ganzen Wesens sein Leid und sein Schuldbewußtsein . Denn wenn er sich bemühte , um sich das Verhalten eines wirklich vorsehenden und eingreifenden Gottes glaubwürdig und begreiflich zu machen , an der Mutter selbst eine Art Schuld aufzufinden , welche eine solche Leidensschule verursacht , so konnte er keine finden , und diese ganze Untersuchung dünkte ihn lästerlich und unkindlich ; oder wenn er endlich , etwa dachte , daß vielleicht gerade das ängstliche Wesen der Mutter in irdischen Dingen , der große Wert , den sie auf ein sicheres Auskommen und auf eine herbe Sparsamkeit legte , ihr Vergehen sei , welches eine weise Schule Gottes hervorgerufen , so konnte er doch zwischen der anhaltenden und bitteren Strenge dieser Schule und der geringfügigen harmlosen und unschädlichen Ursache derselben durchaus kein gerechtes und weises Verhältnis finden , und wenn noch irgend etwas Verhältnismäßiges da war , so dünkte es ihn erträglicher und edler , es lediglich als die innewohnende Folgerichtigkeit und Notwendigkeit der Dinge zu betrachten , als es dem vorsätzlichen Benehmen eines überkritischen Gottes zuzuschreiben . Nichtsdestominder wandte er sich jedesmal , wenn das verlorene Schweigen zwischen ihm und der Mutter recht in ihn hineinfraß , wieder mit einem wahren sehnsüchtigen Höllenzwang von heißen Gebeten an eben diesen sich mäuschenstill verhaltenden Gott . Als er eines Tages niedergeschlagen und in schlechten Zuständen auf der Straße ging und sich von keinem Menschen beachtet glaubte , kam ein stattlicher junger Bürgersmann mit einem blühenden Weib am Arme auf ihn zu und redete ihn in seiner Heimatsprache an , welche ihm wie ein Laut aus besserer Welt klang in dem Rauschen und Dröhnen der fremden Stadt . Der Landsmann zeigte sich erfreut , ihn endlich gefunden zu haben , und verkündete ihm Grüße von seiner Mutter . Während in Heinrich süße Freude und trauriger Schreck sich mischten und bekämpften und er rot und blaß wurde , erzählte der Fremde , wer er sei , und wunderte sich , von Heinrich nicht gekannt zu sein . Es war aber niemand anders als ein nächster Nachbar des väterlichen Hauses und jener junge Handwerker , welcher mit Heinrich am gleichen Tage in die Fremde gezogen , aber zu Fuß und ein schweres Felleisen tragend , von seiner armen Mutter begleitet , indessen jener so hoffnungsvoll auf dem Postwagen in die Welt hineinfuhr . Sich in seinem einfachen Handwerk beschränkend und nichts anderes kennend als die unermüdete Nutzanwendung seiner fleißigen und geschickten Hand , jeden Vorteil für dieselbe ersehend und die Augen überall aufmachend , aber nur auf ein und denselben Gegenstand gerichtet und allerorten nur diesen sehend , war er nach wenigen Jahren als ein wohlgeschulter und entschlossener junger Mann zurückgekehrt und begann die Gründung seines Hauses mit so zweifellosem und glücklichem Willen , als ob es gar nicht anders hergehen könnte , und die Welt empfing und förderte ihn dabei , als ob es nur so sein müßte , von seinem klaren Mute angezogen und bezwungen , und als Pfand gab sie ihm ein schönes und wohlhabendes Bürgermädchen zur Frau , mit welcher er jetzt eben , nicht ohne kluge geschäftliche Nebenzwecke , die Hochzeitreise machte . Er hatte vor seiner Abreise bei Heinrichs Mutter angefragt , ob