Der Kutscher , wie sich nachher ergab , betrunken , hatte den Wagen aus der Seitenallee in die Chaussee umgelenkt , ohne den Charlottenburger Milchkarren , der leer aber langsam ihm entgegenfuhr , zu bemerken . Die Fuhrwerke waren aneinander gestoßen , freilich zum größern Schaden des Karrens , der zerbrochen am Boden lag , die Blechgefäße polterten auf die Straße , aber auch die Equipage hatte sich übergelehnt , und Adelheid war jetzt zu dem gezwungen , wozu vorhin innere Angst sie drängte . Als die Baronin noch um Hülfe schrie , hatte sie , rasch entschlossen , sich schon danach umgesehen , und sie war zur Hand . Zwei einsame Spaziergänger waren von den entgegengesetzten Seiten des Weges auf den Lärm herangeeilt . Adelheid riß ihren Shawl von den Schultern , und warf ihn dem ihr Nächststehenden zu . Als er aber die Arme ausbreitete , um ihr herabzuhelfen , fuhr auch ihr ein Schrei über die Lippen , kein lauter in dem allgemeinen Toben und Fluchen , aber laut genug , daß er Zweien durchs Herz fuhr , der , welche ihn ausgestoßen , und dem , welcher ihr die Arme entgegenstreckte . Walter van Asten sah , wie Adelheid sich von ihm abwandte und umschlungen vom Arm des Rittmeisters Stier von Dohleneck aus ihrer gefährlichen Lage gehoben ward . Er hatte genug gesehen . Auch die Baronin durchzuckte ein Ton , der nur halb über ihre Lippen kam . Sie nahm die Hülfe des jungen Mannes dankbar an : » Ich danke Ihnen , « sagte sie , ihr Haar in Ordnung bringend , » daß gerade Sie es sind . « Wir lassen unsere Leser auf der dunkelnden Charlottenburger Chaussee nicht länger verweilen : was geht uns der Lärm , das wüste Gezänk an zwischen Kutscher , Milchmann , den umstehenden Schiedsrichtern und Helfern . Ein Rad war gebrochen , in der Equipage konnten die Damen nicht mehr nach Hause fahren . Ihre Retter führten die Erschreckten langsam , bis eine leere Kutsche ihnen begegnete . Adelheid wusste nachher nicht , was der Rittmeister mit ihr gesprochen , sie wusste selbst nicht , ob es der ihr wohlbekannte Rittmeister gewesen , an dessen Arm sie ging . Sie wusste nichts von sich auf dem viertelstündigen Wege . Erst als man sie in den andern Wagen hob , fühlte sie einen Händedruck . Walters Stimme flüsterte fest , aber nicht rauh und kalt : » Zum Abschied , Adelheid ! Nun bist Du frei . « Die Damen hielten ein gegenseitiges Schweigen für die beste Unterhaltung auf dem Rückwege . Adelheid hatte sich fest in ihren Shawl geschlungen , obgleich es eine laue italienische Nacht war und die Baronin ihr Tuch abwarf , um sich nicht zu echauffiren . Das junge Mädchen musste frieren , ihre Zähne klapperten , und es waren wohl Phantasieen , wenn die Baronin oft die Worte hörte : » Nur keine Lüge mehr ! « Sechszigstes Kapitel . Die Wollust der Märtyrer . Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen . Es war noch etwas Anderes vorangegangen - im Souterrain des Hauses . Wer die liebenswürdige Wirthin sah , wie sie mit mädchenhafter Grazie den Gästen entgegeneilte , und über das unerwartete Erscheinen von Dem und Jenem fast kindlich erfreut schien , konnte an der Wahrhaftigkeit ihrer Empfindungen zweifeln . » Wenn sie es auch nicht so meint , ist es doch angenehm , daß sie es so zeigt ! « Aber er konnte nicht ahnen , wie diese Augen , aus denen Wohlwollen und Güte blitzten , vor einer Stunde auf ein anderes Schauspiel , ich sage nicht lächelnd geblickt , aber theilnahmslos stier . Auch das passte nicht , vielleicht mit der Wollust eines gesättigten Raubthiers , das seines Opfers Blut fließen sieht . Der Kutscher hatte es allerdings verdient . Mit einer milderen Züchtigung wegen des ersten Unfalls auf der Potsdamer Chaussee davon gekommen , rief sein Ungeschick heute auf der Charlottenburger die exemplarische Strafe hervor , welche der Haushofmeister ihm diktirt . Auf Ordnung muß ein Herr und eine Herrin im Hause halten . Es war die Ordnung , daß der dienstvergessene Leibeigene von zweien andern eine Lektion empfing , deren Maß nur unsere Begriffe und die Kraft unserer Nerven übersteigt . Auch daß die Herrin zugegen war , um nach Handhabung der Ordnung zu sehen , verstieß nicht absolut gegen die Sitte . Nur daß sie , mit verschränkten Armen an der Kellerthür stehend , so lange zusehen konnte , ohne mit den Augenwimpern zu zucken , ohne auf die Wehlaute des Zerfleischten ein Halt zu rufen , daß um ihre Lippen ein eigenthümliches Lächeln schweben konnte , während ein seltsamer Glanz in ihren Augen leuchtete und ihre Stirn wie vor Freude sich röthete , das musste einen besonderen Grund haben . Es hatte auch einen . In Gedanken versunken , in Phantasieen , die sie interessiren mussten , schien sie eigentlich , was geschah , vergessen zu haben . Sie hatte auch den fragenden Blick des Kochs aus der Ukraine übersehen , der einen Augenblick inne hielt , in der Meinung , es sei genug . Ein Sklave darf keine Meinung haben ; als sie nicht gewinkt , fuhr er mit dem Stallknecht in der Arbeit fort . Die Herrin hatte es zu verantworten ; er und der Kalmück waren nur die Werkzeuge , vielleicht die willigen . Der Zoll von Herrendienst , den sie dem Kutscher abentrichteten , war gewiß nur eine Vergeltung für viele ähnliche , die Jener bei anderer Gelegenheit ihnen geleistet . Es hätte schlimmer werden können , wenn nicht der französische Kammerdiener der Fürstin zugeflüstert : » Madame la princesse , je crains que les cris de la bête ne pénètrent pas les oreilles de Mademoiselle Alltag . Elle fait sa toilette tout près de l ' escalier . « Da war die Fürstin aus ihren Träumen erweckt worden . Etwas unangenehm , schien es . Die Alltag durfte nichts hören . Sie hatte den Exekutoren rasch gewinkt , inne zu halten ; sie wollte ungehalten sein , daß man sie nicht früher aufmerksam gemacht , aber sie sagte , der Anblick sei rebutant . Sie hatte etwas von pauvre homme hingeworfen , und Anweisung gegeben , ihn gut zu pflegen , damit er bald wieder seinen Dienst verrichten könne . Und sie hatte noch eine unangenehme Ueberraschung gehabt . Der Kammerdiener hatte ihr auch etwas vom Herrn Legationsrath zugeflüstert , was sie damals überhört . Oben fand sie ihn in einer Anwandlung von Ohnmacht auf dem Kanapé . » Possen ! oder was ist das ? « fragte sie verwundert , als er sich durch die Tropfen erholt , die sie aus ihrem Flacon gesprengt , und er selbst ein Fläschchen entkorkte , um durch das Einathmen wieder zum vollen Gebrauch der Sinne zu kommen . - » Ich kann kein Blut sehen , « sagte er . » Sie wissen es ! « - » Starker Mann ! « - » Stärkere leiden an Idiosynkrasieen . « - » Wer seinen Freund zum Rendezvous auf zwei Kugelmündungen ladet ! « Es blieb zweifelhaft , ob die Bemerkung ironisch gemeint war ihr Blick verrieth es nicht . Ihre Gedanken waren noch anderswo . » Die Kugel bringt den Tod , dem Andern oder mir . Ich fürchte weder diese Frage zwischen Sein und Nichtsein , noch das Eingehen in das Nichtsein . Aber das Blut ist eine unvertilgbare Essenz , « sprach er schaudernd , und sprang auf . » Ich kann nicht dafür , daß meine Natur so ist , noch begreife ich ' s , warum die ewig gebärende Mutter diese Anomalie in ihrem großen Schöpfungswerk zuließ . Ich wische alle Tinten , Farben spurlos aus , aber warum widersteht dieser hässliche rothe Saft , warum wird er so oft zum Verräther - « » Weil der Himmel das warme Blut in unsere Adern goß , « rief die Gargazin , » als den köstlichen Saft , in dem wir uns berauschend einen Vorgeschmack seiner Seligkeit trinken mögen . Das begreifen Sie freilich nicht , Mann von Marmor . « - » Den Rausch begreif ich , Erlauchte Frau , auch den Rausch in Blut . Aber nicht , verzeihen Sie , wenn es durch Geißelhiebe aus dem - Rücken einer elenden Kreatur gepeitscht wird . Alles , was man ohne Zweck thut , ist meiner Natur entgegen . « - » Der Zweck ! Kurios ! Fragen Sie meinen Haushofmeister . Der Mensch hat es verdient . « - » Daß Sie sich selbst strafen , und Ihren besten Kutscher zerschlagen lassen , damit er sechs Wochen nicht auf dem Bock sitzen kann , wenn je wieder ? « - » Ich war in einer animosen Laune . Wer widersteht einem Impuls ? « - » Darum war ich um meine Erlauchte Freundin besorgt , denn der Exceß in der Bestrafung könnte in diesem Staate unangenehme Folgen haben . « » Die sich redressiren lassen . « - » Gewiß , es bleibt indeß immer sehr unangenehm , wenn man seine Kräfte zum Redressiren von Vergangenem verwenden muß . Die Meinung , das Publikum übt eine Macht , die wir durch den Widerstand nur intensiv stärker machen . Wenn es hieße , die Fürstin Gargazin hat ihren Leibkutscher zu Tode prügeln lassen , so würde man die Gerüchte wohl zum Schweigen bringen , weil Sie die Fürstin Gargazin sind , auch für die Oeffentlichkeit würde die Wissenschaft Atteste bereit haben , daß der Kutscher an einem organischen Fehler gestorben ist , aber das Todesröcheln des Zerfleischten möchte doch etwas Leichengeruch in den harmonischen Duft hauchen , den der Liebreiz einer Natalie Gargazin um sich gezaubert . « Sie schwieg , aber ihre Lippen schwellten sich unmerklich zu einem süßen Lächeln . Von dem Gesprochenen hatte sie wohl nur einen Theil gehört . Mit wieder auf der Brust verschlungenen Armen , wie vorhin , sprach sie : » Sie sahen den Tod und ich das Leben , Sie das Entsetzen und ich - ich , was kann ich dafür , daß ich anderer Natur bin , Herr von Wandel ! Pawlowitsch wird nicht sterben , diese Geschöpfe haben eine andere Natur . Sie kennen das nicht . Er ist mein treuester Diener . Meinen Sie , daß er mich weniger lieben wird , weil ich ihn züchtigen ließ ? Wenn er genesen ist , versichere ich Sie , wird er mit verdoppelter Devotion sich auf die Erde werfen , meinen Rocksaum küssen und bei seinem Heiligen für mich beten . Und ich , ich theile diese Gefühle der Anhänglichkeit für das Geschöpf . Ich empfand die Geißelschläge mit . - Lachen Sie nur ! Das verstehen Sie eben nicht . Sie können auch bei der Abbildung eines Martyriums lachen , oder wenden dem schönsten Bilde aus Ekel den Rücken . Mich ergreift immer eine unbeschreibliche Wonne bei diesen Qualen , mein Blut wallt , mein Körper empfindet sie mit ; dieses spritzende Blut , ich sehe es schon in Rosen und Lilien verwandelt , diese Röthe des äußersten Schmerzes auf den Wangen , der Todesschweiß , die verzückten Augen , die krampfhaften Verrenkungen , mir werden es lauter Schönheitslinien , und wo Sie Zerrissenheit und Untergang sehen , durchschauert mich schon Harmonie und Vollendung . « » Das heißt ein Läuterungsprozeß in procura geführt , « sagte der Legationsrath , oder er dachte es vielleicht nur , denn die Fürstin , in sich versunken , schien auf seine Erwiderung kaum zu achten . » Wenn man nur dem Geschöpf diese Ueberzeugung auch einimpfen könnte , so würden seine Schauer , die wie ich glaube , gemeinerer Art sind , sich gewiß auch in eine wollüstige Empfindung auflösen . « » Sie würden es ! « rief die Fürstin . » Wer sagt Ihnen , daß sie es nicht schon sind ! Er leidet für seine Herrin , die er anbetet , er leidet durch ihren Willen , und er kennt kein höher Gesetz . Diese Leibeigenen sind glücklicher als wir , mein Herr Legationsrath von Wandel . Wie das Animal , die Pflanze , stehen sie dem Ursprünglichen näher . Und wir ringen unser Leben durch vergebens nach dem Paradieseszustande zurück , in dem sie existiren . Wie die Lilie auf dem Felde , wie der Vogel im Busch , freuen sie sich der Sonne , die sie bescheint , sie legen ihr Haupt nieder auf den grünen Rasen unter freiem Himmel , oder auf die Bank , die man ihnen am Ofen gebaut . Sie denken nicht , sie sorgen nicht auf den andern Tag ; Speise und Trank ihnen schaffen ist unsere Aufgabe . Sie kennen unsere Pein und unsere Qualen nicht , unsere Zerrüttung und Zerrissenheit steht ihnen fern . Sie würden sie so wenig begreifen , als der Herr von Wandel , warum der Erlöser für uns gelitten hat , warum in Natur und Welt es so gefügt ist , daß immer ein Anderer für den Schuldigen leidet , daß es Sündenböcke gab im alten Testament , Märtyrer und Heilige , die den Ueberschuß ihrer guten Werke uns als Erbe ließen . Diese Sklaven singen und lachen , während wir , die Erwählten , die tausend Nadel- und Dolchstiche empfinden , die Welt und Verhältnisse täglich in unser Herz drücken , und wir müssen dazu ein lächelnd Gesicht machen , auch wenn wir in krampfhafter Pein vergehen möchten . Was ist das Bischen Noth dagegen , das unsere Laune ihnen bereitet ; die schöpferische Laune , die heute quält und morgen dafür entzückt . « » Warum stehen Sie in Gedanken verloren ? « hub sie nach einer Pause wieder an ; ihre Verzückung , wie es schien , hatte sich gelöst . Sie ließ die Arme sinken , und sah ihn fast mitleidig an . » Sie armer Mann , was ich Sie bedaure in dem hochmüthigen Mitleid , was Sie in dem Augenblick über die Schwärmerin empfinden mögen . « - » Ich bedauerte nur , « erwiderte er , » daß die Gottheit , die wir uns als männliches Wesen denken , kein Weib ist . Wie viel schöner würde ihre Welt sein . « - » Ihr Spott kann mich nicht mehr beleidigen . Sie thun mir so unendlich weh , weil jede Entzückung Ihnen versagt ist . Aber ich appellire an Ihren Verstand . Womit wollen Sie die Welt zusammenhalten ? Diese Masse , diesen Pöbel , das Chaos von kriechendem Gewürm , das fliegen möchte und nicht aufrecht gehn kann ! Wer soll sie bändigen , fesseln , wenn keine eherne Faust , umspielt von süßen Himmelslichtern , da ist , keine beseligende Illusion ; diese gemeinen , rohen , selbstischen Kreaturen , die aus Habsucht Einer auf den Andern stürzen , sich zerreißen , verzehren möchten . Sie kratzen sich die Augen aus , damit der Bruder nicht schärfer sieht , sie verschlingen die Vorrathskammern , die ihren eigenen Winter sichern sollten , damit die Mitmenschen nicht im Vollen leben . Täuscht sie der Popanz Humanität , den die Afterweisen an ihren papiernen Gesetzhimmel malen , und Jeder stellt dem Andern ein Bein , und Gift auf der Zunge , Erbschleicherei , Betrug , Raub , Brudermord lauert unter der Lämmermaske dieser Alltagsgesichter . « » Der Popanz täuscht mich nicht , Prinzessin , « sagte Wandel . » Mich täuscht überhaupt nichts . Ja , könnten wir sie alle wieder als eine Horde Leibeigene einpferchen in die dumpfen Ställe alter Gewohnheiten . - Schade nur , daß es auch nur eine Illusion ist , und wenn - die Priester würden sich untereinander auch auffressen . « » Hoffen Sie noch auf die Vernunft . « fuhr die Fürstin fort , die ihn wieder nur halb gehört . » Die Göttin , die sie in Frankreich auf die Altäre hoben , hat doch zu aller Welt geschrieen : seht , wie albern und ohnmächtig ich bin ! Oder hoffen Sie ' s mit dem Geist , der wie ein Blitz aus dem Himmel in das Gewürm wetterleuchtet . Wie oft fuhr er nieder in diesem Deutschland , in Philosophen und Gesetzgeber , in verstockte Mönche , Stubengelehrte und Fürsten auf dem Thron . Was hat er gezündet , gewärmt und gefruchtet ! Die dumpfen Ställe der alten Gewohnheit hat er in Brand gesteckt , aber die Unglücklichen , daraus Vertriebenen , wo fanden sie anderes , helleres , wärmeres Obdach ! Feuersbrünste hat er angefacht , Wälder und Haiden verzehrt , aber wo nur eine Fackel angezündet , die in der Nacht leuchtet , welche immer darauf wieder eintrat . Da lobpsalmen die alten Weiberstimmen in den nüchternen Kirchen den Herrn , daß er die Greuel des Aberglaubens und der Finsterniß verscheucht hat , aber wo blieb ihr Licht , das ihnen leuchtete , durch den finstersten Wald des Zweifels ihnen den Weg zeigte , wo ihr Haus , das die Müden und Beladenen aufnahm , wo das Geläut der Himmelsglocken , die sie mit Engelszungen in Schlaf einlullten , wo der Schlafpelz , die weiche Bärenhaut , in die sie sich hüllten , und alle Sorgen waren vergessen ! Wo in aller Welt können diese Verirrten , Heimatlosen , anklopfen in ihren Aengsten , ihrer Zerrissenheit , um den Trost zu finden , den nur die Gewißheit giebt ! Was hilft ' s ihnen , wenn sie sich von des Teufels Krallen gepackt fühlen , und der gelehrte Herr mit den Päffchen setzt die Pfeife fort , um vornehm herablassend der armen Kreatur mit rationalistischer Salbaderei zu demonstriren , daß der Teufel wahrscheinlich nicht existirt . Um etwas Gewisses , Festes , Sicheres schreien sie , und er setzt ihnen eine Schüssel Schlangeneier vor , aus denen , statt eines , tausend Zweifel schlüpfen ! « Diesmal war es der Legationsrath , welcher nicht Acht gegeben . Er hatte mit seinen Augen einen Punkt fixirt , und packte plötzlich den Arm der Fürstin am Handgelenk : » Ein Blutfleck ! « Der Aermel ihres Mousselinkleides trug unverkennbar die Spuren eines darauf gespritzten Tropfens . - » Ich habe es wirklich nicht gesehen . « - » Aber Andere werden es sehen . Um des Himmels willen , wechseln Sie das Kleid , ehe es Jemand bemerkt . Adelheid - « » Interessiren Sie sich so für das Mädchen ? « sprach die Fürstin , der die Unterbrechung nicht unerwünscht zu kommen schien , indem sie den befleckten Aermel mit den Fingern prüfte . Es war ein eigener Ton , in dem sie fragte , der bare Gegensatz zu dem Affekte , in welchem das Vorige gesprochen war . » Nicht im geringsten . Ich interessire mich für den Gegenstand , der Ihr Interesse erregt hat . Da ich Ihre Absichten ahne , muß ich wünschen , daß jeder Nebelfleck , der Ihren Anblick vor den Augen der Unschuld trüben dürfte , entfernt würde . « Sie sah ihn scharf an : » Sie sind die Uninteressirtheit selbst . Und doch - zuweilen fällt vor meinem Auge Ihre schöne Hülle ab wie Staub und Moder , und das nackte Gerippe starrt mir entgegen ; das Herz von chemischen Agenzien zernagt . Aber glauben Sie nicht , daß ich erschrecke . Ich betrachte gern die Natur in ihrem geheimsten Schöpfungsprozeß , wie sie ihr Schönstes und Bestes muthwillig selbst vernichtet . O , immer zu , die Natur ist eine elende Kammerzofe des Mysteriums , aus dem die Gnade leuchtet . Immer zu , mein Freund , sich selbst verzehrt , bis der Durst brennend , unerträglich wird ! Dann verlangen auch Sie nach dem Quell . O , welche Kämpfe wird es Ihnen kosten , wie wird diese Stirn rollen vor stolzem Zorn , wie diese Riesenbrust toben vor unaussprechlicher Pein , wie werden Sie wüthend mit der Faust dagegen schlagen , ringend einen Gigantenkampf mit dem Selbstbekenntniß , bis - bis der Riese krachend zu Boden stürzt , und wie ein Kind an der Mutter Brust liegt ! Wie werden Sie schlürfen , unersättlich an dem Born der Gnade ! « » Mais en attendant ? « sagte der Legationsrath . - » Rührt Sie denn nicht Adelheids Schönheit ? « - » Daß ich nicht wüsste . « - » Mir unerklärlich , mein Herr großer Sünder . Anfänglich hielt ich es für Verstellung , Sie wollten mich täuschen . Jetzt haben Sie mir nicht allein die Beruhigung gegeben , sondern auch das Räthsel zurückgelassen , daß das Mädchen Sie kalt lässt . Ist sie Ihnen eine zu vollkommene Schönheit ? « - » Kunstkenner gehen auch an vollendeten Meisterwerken vorüber . « - » Weil nur die sie interessiren , « fiel sie ein , » die Mängel haben . Ist ' s der Egoismus des kritischen Sinnes , der immer korrigirend schaffen möchte ? « - » Vielleicht , vielleicht auch nicht . Sagen Sie , eine Antipathie gegen was man reine Unschuldsseelen nennt . Es überkommt mich ein Frösteln in Gegenwart solcher jungen Mädchen . « - » Ich begreife es , weil ich es mitfühle . Aber - « » Sie selbst kajoliren die Nymphe . « - » Sie wissen , warum . « - » Und eben deshalb wundre ich mich , daß Sie dem jungen Bovillard den Zutritt in Ihr Haus erleichtern . « Die Gargazin sah ihn schadenfroh an : » Für die Naivheit möchte ich Sie küssen . « - » Sie protegiren ihn nicht ? « - » Wenn man Erz schmelzen will , braucht man Feuer . « - » Wenn man aber das Feuer über den Kessel schlagen lässt , kann es leicht kommen , daß das Erz überläuft und verdorben wird . « - » Qu ' importe ! « sagte die Fürstin und stäubte an dem Fleck am Aermel . » Was nennen Sie verdorben werden ? « - » Ich scheue nicht vor einem gewagten Spiel , aber ich frage mich vorher , ob der Vortheil das Risiko lohnt ? « - » Was geht Sie meine Rechnung an ? Einen Stein kann man nicht schmelzen , man sprengt ihn oder wartet , bis der Blitz ihn spaltet ; das Erz kann man aber so lange glühen und wieder zerglühen lassen , bis man es zu der Form geschmeidig findet , die man ihm geben will . Wollen Sie sich in Adelheid verlieben , Ihre Künste an ihr versuchen , ich habe nichts dagegen , ich will nicht eifersüchtig sein . Sie liebt ihn , ich meine Bovillard , das ist ihre Krankheit , die verborgene , die an ihr zehrt . Sie muß heraus , die Krisis ist nothwendig ; darum wird sie kommen , ohne daß wir etwas dazu thun . Verstehen Sie mich , wir lassen die Natur walten . « - » Und dann ? « - » Wenn Sie die Bibel läsen , würden Sie wissen , man soll nicht für den andern Morgen sorgen . Sein Sie heut Abend liebenswürdig , Herr Legationsrath . « - » Ich bin nicht ganz disponirt . « - » Sie sollen es sein , Sie können es sein . Herr von Bovillard hat nur zwei Augen , und die gehören jetzt nicht ihm . « Die Wagen fingen an vorzurollen ; die Fürstin verschwand mit dem wiederholten Befehl : » Sein Sie liebenswürdig ! « - Sie hatte kaum Zeit , ihre Toilette zu ändern , aber Niemand hat den Blutfleck an ihrem Aermel gesehen . Einundsechszigstes Kapitel . Was sagen Sie zu meiner Frau ? Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen . Der Abendstern , der heute glänzen sollte , sagten wir schon , erschien aber wie ein erlöschendes Licht . Die Töne , welche im Souterrain das Ohr zerrissen , waren nicht zu Adelheid gedrungen , und wenn einer , so ahnte sie nicht den Grund ; es war für sie nur in der Luft das dumpfe Accompagnement ihrer eigenen zerrissenen Gedanken . Nie war ihr eine Toilette schwieriger geworden . Sie dachte , so müsse einem Verurtheilten zu Muthe sein , wenn er sich zum letzten Gange ankleidet . Zum Glück war die Aufmerksamkeit heute nicht auf die blasse Adelheid koncentrirt ; sie richtete sich vielmehr auf eine andere Erscheinung , von der man sagen dürfte , daß sie in voller Blüthenpracht war . Aus einiger Entfernung sah die junge Dame an der Thürecke wie ein liebliches junges Mädchen aus , dem die Scham die Wangen röthet , die Augen schlägt sie nieder in holder Befangenheit . So schüchtern stand die Gazellengestalt , halb bedeckt von dem Oleanderbosket , das aus irdenen Töpfen in malerischer Unordnung um den mit Epheu umhangenen Thürpfosten duftete . Die schöne Blüthe zitterte vor jeder Berührung , wenn wir die Begegnung , die Ansprache der älteren Damen , welche die Thür passirten , so nennen sollen . Das Wechselgespräch war immer sehr kurz ; man konnte glauben , zur Zufriedenheit des jungen Mädchens , das vielleicht erst seit Kurzem in die Gesellschaft eingeführt war , und der Boden unter ihr brannte , vor Angst , daß sie einen Verstoß begehe . Wenn man einen Schritt näher trat , verwandelte sich die Achtzehnjährige allerdings in eine vollblühende Zwanzigerin , die Moosrose ward zur vollen Centifolie . Aber schön blieb sie , man konnte unwillkürlich rufen : wunderschön ! Wem das dunkle , schwimmende Auge zwischen den schwarzen Brauen und den rothen , anmuthig schwellenden Pfirsichwangen einen Blick zuwarf , musste von Stein sein , wenn er nicht gerührt ward . Und war sie nicht eine Zauberin , eine Armida ? Zwischen den Oleandertöpfen schossen eine weiße und eine Feuerlilie in die Höhe , und bunte Glaslampen , damals etwas in Berlin Unbekanntes , warfen ihr Zauberlicht auf die Blumen und das schöne Mädchen , das sich auf ihnen zu wiegen schien wie eine Titania , Grazie jede Bewegung . Wie sie mit den Blumen in ihrer Hand spielte die sie vielleicht in Gedanken von einem Strauch gepflückt , das war kein gewöhnliches Fächerspiel , das die Verlegenheit verbergen soll und die fehlenden Worte ersetzen . Es war die Sicherheit einer Königin , die den Herzen zu gebieten weiß , unbesorgt um ihre Herrschaft . Wenn sie die sanft geworfenen Lippen öffnete und die schönen Zähne im Gespräch zeigte , konnte man schwören , wenn man auch kein Wort verstand , daß sie eine witzige Replik , eine glückliche Bemerkung hinwarf . Sie konnte auch abfertigen , und man mochte ebenso schwören , daß die Vielen , die mit ihr eine Unterhaltung anknüpften , aus Lust oder aus Gelegenheit , ihr nicht genügten . Wenn man indeß noch einige Schritte näher trat , - doch wir können unsre eignen Beobachtungen sparen , wo eine Gruppe Herren , an der Thür gegenüber , sich die ihrigen schon mittheilten . » Was hat sie denn heut für ein Roth auf , « sagte ein Garde-Offizier . - » Wer ? « - » Comteß Laura . Das blinkert ja wie eine Karmoisinmuschel . « - » Neueste Josephinenschminke , liebster Graf , « drängte sich der Baron Eitelbach an sein Ohr . » Bei Herrn Arnous vorige Woche frisch aus Paris . Die von der Oper sind außer sich , ist ihnen zu theuer . Was kann der Schönheit zu theuer sein , sage ich . « - » Und greifen in die Tasche . « Der Baron hielt allerdings beide Hände in den Seitentaschen , und es klimperte etwas von Geld , aber er zuckte die Schultern : » Fürs ganze Corps de Ballet ! Na , hören Sie , das bringt mir ein ganzes Regiment nicht auf . Alles was recht ist . « - » Sie sparen ' s für Ihre Frau Gemahlin . « - » Ein sublimer Einfall von Ihnen , Graf , wahrhaftig , ein sehr sublimer . Wie sie blaß aussieht gegen die Laura ! Aber sie will sich nicht schminken . Partout nicht mehr . « - » Hat ' s auch nicht nöthig , « sagte ein dritter Intimus . » Meinen Sie ? - Ich sage Ihnen , die Schminke bringt ' ne Revolution hervor . Das ist ein Geschicke zu Arnous , aber - die alte Voß und - na warten Sie nur , ich kann sie Ihnen alle nennen , die schon von haben . Sind ihrer nicht viel : aber passen Sie acht , eh ' vierzehn Tage um sind - « » Wenn die Männer die Thränen auf den Wangen sehen , « sagte der dritte Intimus , » greifen sie doch in die Tasche , und wenn das Roth pures Gold wäre . « - » Gold , ein charmanter Einfall ! « rief der Baron . » Wenn ' s Mode würde , echtes Gold auf die Backen ! Bei Gott , ich gäbe was drum : wie die Weihnachtsäpfel . An den Backen sähe man ' s den Frauen an , was ihre Männer sind . « - » Eine Taille , auf Ehre doch , wie ' ne Wespe , « sagte der Garde-Offizier . » Ich sollte meinen , wer sich so schnürt , braucht sich gar nicht zu schminken . « - » Und Füßchen , ' ne Pariserin könnte sie beneiden , « meinte der Dritte . - » Das tänzelt nur so auf dem Boden . « - » Was für welche hat meine Frau dagegen ! Sehn Sie mal , « rief der Baron und nahm eine Prise . - » Eine Heroine muß nicht auf Tänzerfüßen stehn . « - » Heroine ! charmanter Einfall . Meine Auguste eine Heroine . Wie sie mit einander parliren ! Ich versichere Sie , auf Ehre , meine Frau spricht jetzt wie