mehr sehe , mag ich keine Frucht . Er entschloß sich , nur noch ... » unglücklich zu lieben « . Nachdem er sich für sein langes Fasten durch mäßige Kost entschädigt hatte , ging er , ruhig und mit gesenktem Haupte schlendernd , erst in die Wallstraße , um Armand ' s Auftrag beim Tischler Märtens und gelegentlich auch für Franziska Heunisch auszurichten , dann ging er nach Haus und zählte sogleich das Geld für Hackert zurecht , über den plötzlich so Günstiges zu vernehmen ihm innigst wohlthat . Die Wirthin wußte ihm nichts zu melden , als daß der Fuhrmann aus dem Pelikan mit seinem lahmen Hunde dagewesen wäre , auch ein anderer ihr ganz fremder Herr von finsterem , strengem Aussehen , der seinen Namen nicht genannt , aber versprochen hätte , wiederzukommen .. Fast antheillos warf er sich , halb entkleidet , auf das Canapé , das in Dankmar ' s Zimmer , in ihrer sogenannten Aula , stand . Eine Weile that diese Ruhe , dieses Brüten , ihm wohl . Er schlug die hundert Thaler ein , die Hackert heute Abend in einer Wohnung zurückempfangen sollte , die ihm aus Leidenfrost ' s Äußerungen über die berüchtigte Auguste Ludmer , früher Malermodell , sehr unheimlich vorgekommen sein würde , wenn er nicht auch einer dort hausenden Proletarierfamilie in wohlthuender Weise erwähnt hätte . Aber so interessant es ihm war , diese neuen Anregungen , besonders über Hackert , zu dem er längst wieder Vertrauen gefaßt hatte , seitdem er an Lasally das Pferd richtig zurückgestellt gefunden , empfangen zu haben , diese Gedankenreihe konnte ihn von seinem Kummer nicht loslösen . Er suchte nach andern Gegenständen , um aus dem tiefen Unmuth , der ihn umschattete , wieder zum Lichte eines freieren Gedankens zu kommen . Er fiel so auf das Bild , dies vielbesprochene Bild ! ... Dankmar hatte ihm ja aufgetragen , es sorgsamer zu verwahren . Wie er an dem alten Rahmen des blassen Pastellgemäldes mit den Fingern streifte und den alten Staub auf der abgesprungenen Vergoldung tilgte , dann hinten den neuangefügten Boden befühlte , der etwas einer bedeutenden Familie so Wichtiges verbergen sollte , begriff er kaum , wer es gewesen sein könne , der mit einem Andern auf so gefährliche Weise hätte sich verständigen wollen . Durch ein Bild ! Er glaubte kaum daran , daß das Bild in seinem Rücken Papiere enthielt ... Es war weniger Neugier , als die zufällige Absicht , sich irgendwie zu zerstreuen , daß er anfing , einem etwaigen Mechanismus des Bildes nachzuspüren . Der wahre Besitzer , dachte er , wird sich leicht helfen ; er weiß entweder das Geheimniß oder er zertrümmert den Rahmen . Das Letztere durfte er nicht und ein Geheimniß war nicht zu entdecken ... Er gab seine Neugier auf und machte den Versuch , irgend eine Beschäftigung vorzunehmen , vielleicht der Mutter zu schreiben , vielleicht etwas zu zeichnen . In den Zurüstungen dazu traf es sich zufällig , daß er auf einem Tische , auf dem er neben sich das Bild gelegt hatte , einen harten Gegenstand , sein Tintenfaß , bei Seite stellen wollte , um Papier aus einer , großen Platz wegnehmenden Mappe zu wählen . Nicht achtend , zufällig , stellte er das schwere Tintenfaß auf das Glas des Bildes . Doch ein starkes Glas ! dachte er erschreckend und nahm das Bild , um mit einem flüchtigen Blick die Stärke des Glases zu würdigen . Dies führte ihn zufällig darauf , mit Kraft auf den oberen Rand des Glases zu drücken und im selben Augenblick sprang hinten der Deckel der Kapsel auf . Durch Zufall hatte er das Geheimniß der Öffnung selbst gefunden . Erstaunt über diese wunderbare Enträthselung des Bildes , zögerte er fast , dem weitern Inhalt der Kapsel nachzuspüren ; doch fielen darin enthaltene , zartgeschriebene kleine Briefblätter von selbst heraus . Die Versuchung , diese kleine gekritzelte , blaßgelbe Handschrift zu lesen , war Anfangs nicht groß ... Auch widerstand ihr Siegbert . Er war ein Gewissensmensch , der selbst die Geschenke des Zufalls zurückwies , wenn er annehmen konnte , daß sie einem Andern gehörten . Wer hätte Siegbert ein großes Verbrechen daraus gemacht , wenn er diese Papiere gelesen hätte ? Er wußte so gar nichts vom näheren Zusammenhang dieser Mittheilungen und kannte nicht im mindesten die Bedeutung , die sie dem Prinzen von Hohenberg haben mußten , ja er wußte nicht einmal , von Wem sie kamen ... Darauf hin durchflog er flüchtig wenigstens die ersten Seiten .... Er fand , daß darin eine Mutter klagt , wie alle Welt sich gegen sie verschworen hätte , wie sie keinen Freund mehr auf Erden fände als Gott , und wie sie nicht wisse , wie Das , was sie einem entfernten Sohne , der seinem Stande , leider auch seiner Erziehung , seiner Bildung entsagt hätte , nach ihrem Tode in die Hände kommen sollte . Jedes bei Gerichten oder Notaren niedergelegte Dokument würde Aufsehen erregen und von Seiten ihrer Feinde doch errathen werden . Wie oft wären nicht durch scheinbaren Diebstahl Geheimnisse gewaltsam entdeckt worden ! Und doch wäre , was sie zu sagen hätte , so wichtig , so folgenschwer - Hier brach Siegbert schon ab und ließ die Papiere wie glühende Kohlen fallen . Nach einigen Augenblicken entschloß er sich , sie wieder zusammenzulegen und das Kästchen zu verschließen . Wie er sich eben dazu anschicken wollte und die Blättchen an einander reihte , fiel sein Auge , das nur ganz obenhin und flüchtig auf die Buchstaben sah , auf einen Namen , der ihm im höchsten Grade auffallen mußte . Dieser Name hieß : Rodewald . Rodewald war der Familienname seiner Mutter .. Er wagte noch einen Blick und glaubte sich nicht zu täuschen , wenn er annahm , daß hier von seinem Oheim gesprochen wurde , dem Bruder seiner Mutter , einem gewissen Heinrich Rodewald , von dem er viel Gutes und viel Schlimmes in seiner Jugend gehört hatte , viel Wüstes und Verworrenes .. Heinrich Rodewald galt als verschollen . Er hatte eine Partie gemacht , von der Siegbert ungefähr so viel wußte , daß sie seinen Verhältnissen nicht entsprechend gewesen war .. Dann wußte er noch , daß er nach Frankreich gegangen war - mehr hatte man von ihm nie erfahren .. Heinrich Rodewald ! Der Name stand jetzt fast auf allen diesen Blättern . Er mußte sie fallen lassen , sie mit Gewalt von sich thun , um nicht der Verführung zu erliegen , sie im Zusammenhang zu lesen . Als er sich von dem Tische , der ihn magisch anzog , fast mit Gewalt getrennt hatte , fühlte er , wie mächtig die Versuchung ihn doch gefangen hielt . Heinrich Rodewald ! sagte er sich . Mein Oheim ! Der verschollene Bruder meiner Mutter , den sie so liebte , der so schön und so leichtsinnig , so geistreich und so unglücklich gewesen sein soll ! Wenn ich hier etwas von ihm erführe ! Wenn ich meiner Mutter die Freude bereiten könnte , sie auf eine Spur des verlorenen Bruders zu führen , eines Menschen , dem Alle die glänzendste Zukunft prophezeiten und der unter schöner Frauen Gunst , unter Frauenanbetung und gerade durch die Frauen zu Grunde gegangen sein soll ! So nur zerstreut war Alles , was er von Heinrich Rodewald wußte .. Noch fiel ihm ein , daß er ganz klein war , als sein Vater einmal gesagt hatte , als von des Onkels Wanderungen die Rede war : Nach Amerika sollte Rodewald ziehen ! Da mag er Wälder roden ! Dies Wortspiel hatte sich ihm tief eingeprägt und doch war es aus so früher Zeit , daß Dankmar nichts davon wußte ; denn es war im Hause hergebracht , von dem Oheim wenig zu sprechen und ihn als verschollen zu betrachten . Man sprach von Kriegsdiensten , die er in Spanien genommen hätte oder von der französischen Fremdenlegion in Algerien . Es war nicht ganz Neugier , was Siegbert reizte , es war der erwachte Familiensinn , das wirkliche Interesse für einen Mann , dem er so nahe verwandt war . Wie bebte er aber zurück , als er , noch einmal die Papiere ergreifend und sie durchblätternd , auf einer Seite den Namen Thaldüren und nicht weit davon auch das Wort Wildungen entdeckte ! .. Wieder ließ er die Papiere fallen , aber jetzt in der bestimmten Absicht , sie zu lesen . Warum sollt ' ich nicht ? sagte er zu sich selbst . Der wunderbarste Zufall fordert mich ja auf , in die Geheimnisse meiner Familie zu dringen . Bin ich nicht sogar gebunden , wenn ich von einem Menschen höre , dessen Schicksal uns bekümmert , die , die von ihm wissen , auszuforschen , gleichviel ob sie offen von ihm sprechen wollen oder ob ich sie nur belausche ? Wissen ist noch nicht ausplaudern . Wenn ich schweigen kann , wenn ich Das , was ich hier erfahre , tief in mein Innerstes verschließe und die Gelegenheit ehre , die mich zum Mitwisser fremder Tugend oder fremder Schuld machte , handle ich da gegen meine bessere Überzeugung ? Ich sehe eine Quelle und sollte mich nicht an ihr erquicken , weil eine Mauer zu übersteigen wäre , die nicht mein ist , während ich vor Durst verschmachte ? Ich lese diese Papiere . Wer kann mich hindern ? Wer sagt mir , daß ich sie nicht lesen darf ? Damit ergriff er einen Stuhl , rückte ihn an den Tisch , den Tisch dem Fenster zu , legte sich die Papiere zurecht und war eben im Begriff , mit dem ersten Bogen zu beginnen , als es stark und kräftig draußen an der vorderen Thür pochte . Diese Störung war unwillkommen . Er hatte vergessen zuzuschließen oder sich verläugnen zu lassen . Es klopfte noch einmal und während er rasch die Papiere , die ungeordnet neben ihm lagen , bunt durcheinander wieder in die Kapsel steckte , zudrückte und das Bild bei Seite legte , war schon Jemand in das vordere Zimmer , in die sogenannte » Akademie « , eingetreten . Der Besucher war ein untersetzter Mann , wol schon ein Sechziger , aber fest , gedrungen und für sein Alter kerngesund . Er hatte eine Mütze auf , die er beim Eintreten abnahm und einen Kopf von harten , strengen Zügen sehen ließ . Die Stirn trat etwas hervor , die Nase war nicht fein geformt ; sie war kurz und von starken Öffnungen , das Auge lag tief in grauüberbuschten Höhlen ... Das graue Haar mußte einst dunkel gewesen sein ; noch war es ungemein stark und ging bis tief über die Stirn herab . Der Mund war ernst , ohne das geringste Zeichen von Sarkasmus oder Satire , aber auch ohne Zeichen irgend eines üblen Willens . Recht düster und streng war der noch wenig ergraute Backenbart . Die Kleidung schlicht , aber sauber . Die Kamaschen an den Füßen gaben dem Fremden sogar ein gewähltes Aussehen , wozu freilich die grauen baumwollenen Handschuhe über den Fingern nicht paßten . Siegbert hatte diesen Mann noch nie gesehen . Als er aufgestanden war und sich in das vordere Zimmer begeben hatte , wo er den Fremden empfing , sagte dieser , daß er schon einmal dagewesen wäre , um einen der Herren Brüder Wildungen zu sprechen . Als ihm Siegbert entgegnete , daß er der Ältere dieses Namens und Maler wäre , nannte auch der Fremde seinen Namen . Ich heiße schlechtweg Rudhard ! sagte er . Siegbert forderte ihn auf Platz zu nehmen und wartete mit Spannung auf Das , was er von diesem Besuche würde zu vernehmen haben . Auch diesen Namen hatte er noch nie gehört . Ich muß es für ein großes Glück halten , begann Rudhard , daß ich in einer Angelegenheit , die ich schon längst zu einem guten Ende hätte führen sollen , nur so kurze Wege einzuschlagen brauche . Ich dachte auf die größten Schwierigkeiten zu stoßen und bin erfreut , daß sich mir Alles wie von selbst in die Hände gibt , den letzten Willen einer verstorbenen hohen Dame zu vollziehen . Sie kannten die Fürstin Amanda von Hohenberg ? Siegbert verneinte diese Frage . So wird sie Ihr Herr Bruder gekannt haben ? Auch für seinen Bruder bestritt Siegbert eine genauere Bekanntschaft mit einer so vornehmen Frau . Er hätte davon Kenntniß haben müssen . Dann bin ich erstaunt , sagte Rudhard , wie sie Beide , meine Herren , in eine so geheimnißvolle Angelegenheit verwickelt sein können , wie Die ist , welche mich zu Ihnen führt . Sie spannen meine Neugier , sagte Siegbert und fand in dem Benehmen des Fremden mehr Weltton und Formenglätte , als dem schlichten Äußern und dem strengen Blick der Augen zu entsprechen schien . Auch wird Ihnen dann mein Name fremd sein , fuhr Rudhard fort , und ich muß es daher für meine Pflicht halten , von mir selbst zu sprechen ... Ich war in dem fürstlich Hohenberg ' schen Dorfe Plessen und für eine ziemliche Anzahl in der Nähe liegender Vorwerke vor Jahren Pfarrer und hatte wie es schien zur Zufriedenheit meiner Gemeinde an diesem Orte eine lange Zeit gewirkt . Beförderung hatt ' ich freilich wenig zu hoffen , da mein religiöses Glaubensbekenntniß von jenem abwich , durch das allein man damals auf dem kirchlichen Gebiete , leider auch in manchem andern , sein Glück machen konnte . Zu heucheln war meiner nicht würdig . So ertrug ich mein bescheidenes , oft dürftiges Loos . Ich konnte es , da Gott meine Ehe mit Kindern nicht gesegnet hatte und ich nur für mein Weib , einige Verwandte und mich zu sorgen brauchte . Siegbert fühlte sich von dieser Eröffnung schon angezogen . Er gedachte , ohnehin bewegt , seines Vaters und fühlte die Leiden auch seines gesinnungsgetreuen Charakters um so schmerzlicher nach , als dieser gerade noch die Noth um die Versorgung seiner Kinder gehabt hatte und sich selbst so Vieles entzog , um nur die Seinen glücklich zu sehen . Er hörte , befremdet zugleich von der Ehre , wie er zu diesen Mittheilungen käme , und mit gelassener , wehmüthiger Aufmerksamkeit zu . Rudhard fuhr fort : Mein Loos schien sich zu verbessern , als die Fürstin Amanda von Hohenberg sich entschloß , ihren dauernden Wohnsitz in Hohenberg , ihrem dicht bei meiner Pfarre gelegenen Stammschlosse , zu nehmen und ich daraus wol eine Erleichterung meiner Lage , wenigstens eine freundlichere Anregung erhoffen durfte . Zu gleicher Zeit wußt ' ich , daß sie sich der Erziehung ihres einzigen Kindes , eines Knaben , in dieser Zurückgezogenheit ausschließlich zu widmen gedachte . Ich erfuhr , daß sie sich sorgfältig nach mir erkundigte und die Absicht hegte , mich mit in ihren neuen Lebensplan hineinzuziehen . Alle diese Anzeichen einer neuen bessern Zukunft trübten sich plötzlich , als die Fürstin mir gleich in den ersten Gesprächen , die ich mit ihr nach ihrer vollständigen Einrichtung wechselte , als eine fanatische Anhängerin der neuen frömmelnden Richtung entgegentrat . Sie betonte den Erlöser , die Gnade , die Rechtfertigung und die Nichtigkeit der guten Werke in einem Grade , der mich mit Befremden erfüllte . Eine Weltdame , die sie war , einst , wie ich gehört hatte , vielfach gefeiert , Gattin jenes wilden , berühmten Kriegers , über dessen Sitten wie über seine Tapferkeit nur eine Meinung herrschte , schien es mir unglaublich , daß sie in die Netze der neuen Verlockungen durch eine trübe , oft unehrliche Welt- und Lebensauffassung fallen konnte . Ich beging die Thorheit , mit ihr zu streiten . Der Streit war gerade Das , was sie suchte . Aber weit entfernt , mir zu danken , wie ich ihr doch Gelegenheit bot , für ihre Wahrheit und für ihren Heiland Zeugniß abzulegen , warf sie Mistrauen , Groll , ja zuletzt Feindschaft auf mich . Zwar erhielt ich die Oberaufsicht über den jungen Prinzen und begann mein Werk in meiner Weise , allein es verging nicht ein Tag , wo ich über unsre entgegengesetzten Grundsätze der Erziehung mit der Mutter nicht in Streit gerieth . Wie oft wollt ' ich nicht die Zügel meiner Aufsicht in ihre Hand zurückgeben ! Eine gewisse Achtung vor meinen mancherlei zerstreuten Kenntnissen , die Liebe und Anhänglichkeit des Knaben an mich trotz meiner Strenge , endlich aber wol die Verlegenheit , dem Kinde in dieser ländlichen Zurückgezogenheit irgend eine starke Nahrung des Geistes zu bieten , bestimmte sie doch immer wieder auf ' s neue , mit mir anzuknüpfen , Aussöhnungen vorzubereiten und Waffenstillstände zu schließen . Dies dauerte einige Jahre , bis es nothwendig wurde , fachwissenschaftliche Lehrer mit zu Rathe zu ziehen . Statt den Knaben in ein Institut zu geben , wollte die Fürstin ihn unter ihren Augen behalten und umgab sich mit fortwährend wechselnden Sprach- und Musiklehrern und andern Präceptoren , die im Schlosse viel Unheil anrichteten und sich selten länger als einige Monate auf ihren Plätzen behaupteten . Ich litt bei diesem Wirrsal am meisten ; denn selbst die Kinderseele , für die ich dabei am meisten fürchtete , hielt die wilde Planlosigkeit zur Noth aus . Wie stark ist nicht ein junges Gemüth in seinem ersten Wachsthum ! Wieviel geht nicht in das dürstende Herz hinein , wieviel hinaus , ohne ihm zu schaden ! Wär ' es nicht so , so müßte man die Kinder in einen durchsichtigen Glasschrank setzen und von der ganzen Welt abschließen ! Ihr Werk ist gesegnet worden , bemerkte Siegbert . Der leider so heftig erkrankte Prinz Egon soll sich in jeder Hinsicht auszeichnen . Siegbert sprach diese Worte mit einer Betonung , die seine über diese sonderbar aufrichtigen Mittheilungen zunehmende Verlegenheit deutlich zu erkennen gab . Darüber fehlt mir ein genaueres Urtheil , fuhr Rudhard ernst fort . Ich habe nur die ersten Keime der Bildung in sein allerdings sehr begabtes Innere pflanzen können . Es war ein liebes Kind , trotz Eigensinn und Starrheit und einer überlebhaften Neigung zu Extremen ! Ihn krank zu wissen , den nun herangewachsenen Jüngling , ja schon Mann , macht mich traurig .. Nach so vielen Jahren hätt ' ich ihn gern freudiger begrüßt . Ich bin gewiß , er hätte sich meiner ohne störendes Misbehagen erinnert ! Hat mir doch auch die Mutter in ihren letzten Lebensaugenblicken einen Beweis gegeben , daß sie in weiter Ferne meiner noch mit Achtung , ja sozusagen Versöhnung gedachte ! Sie schieden also von Hohenberg ? fragte Siegbert . Schon vor langer Zeit , fuhr Rudhard fort . Die Verstimmung zwischen der Fürstin und mir war nicht mehr zu heilen . Immer mehr Menschen , immer heftigere Bedürfnisse religiöser Schwärmerei drängten sich zwischen sie und mich , und als sie sich entschlossen hatte , gegen mein Bitten und Flehen den Prinzen nach Genf in eine bigotte reformirte Erziehungsanstalt zu schicken , war ich ohne ferneren Halt auf meinem Platze und zog vor , Plessen zu verlassen . Bei der Fürstin hatte sich ein Predigtamtscandidat , ein sehr befähigter , aber grundsatzloser Mann , eingenistet . Er wurde , da ich merkte , daß ich in jeder Hinsicht unbequem war , und nun eine andre Pfarre übernahm , mein Nachfolger . Ich darf , mein Verehrter , bei Ihnen , dem ich ganz fremd bin , kein Interesse ansprechen , wenn ich von meinen ferneren Schicksalen erzählen wollte , ich überschlage daher die Blätter meines Lebens bis auf den Augenblick , wo ich - Nein , nein , sagte Siegbert und ergriff treuherzig die Hand des Fremden , kann einem jungen Manne etwas lehrreicher sein , als die Erfahrung des Alters sprechen zu hören ! Ich fühle und lebe das Alles mit Ihnen mit , was Sie erzählen ! Meine Zeit drängt mich nicht und die letzte Aufklärung über Das , was Sie zu den Brüdern Wildungen führte , bleibt mir ja doch wol gewiß . Rudhard empfand ein sichtliches Wohlgefallen an diesen in so weichen Tönen gesprochenen Worten des jungen angenehmen Mannes . Er blickte auf ein reines Gemüth , wie er es lieben mußte . Seine Augen milderten sich der sanften Klarheit des Blickes gegenüber , den Siegbert auf ihn ruhen ließ . Doch that er Das nicht , was vielleicht jeder Andere gethan hätte und sprach etwa mit Anerkennung über die Gesinnung des jungen Mannes , die er doch schätzen mußte . Er machte nur eine kurze Pause und fuhr mit einer gewissen Strenge fort : Ich zog mit meinem kränkelnden Weibe an die fernste Grenze unsres Vaterlandes , Rußland zu , in einen Ort Namens Schmalelinken . Dort in einer Provinz , wo man klare Begriffe von der Provinzhauptstadt aus beförderte und beschützte , glaubt ' ich , für die spärliche Saat , die jetzt noch Geistliche in die Herzen der Menschen streuen können , hinlänglichen Boden zu finden und fand ihn . Die Nähe einer Rittergutsbesitzung , der angesehenen Familie von Osteggen gehörend , machte mich ganz besonders glücklich . Diese Familie war am begütertsten im benachbarten Kurland , lebte aber lieber als in Rußland auf dem bescheidenen Schlößchen Ostegg bei Schmalelinken , wo ich als Pfarrer wirkte . Dieses Glück dauerte aber nur kurze Zeit . Meine Gattin starb . Ich hätte es verwinden können . Aber dem Tiefgebeugten , der gleichsam mit dieser guten Frau auch die Kinder verlor , die sie ihm nicht hatte schenken können , der nun ganz allein in der Welt dastand , entzog sich auch der Trost jener Beziehung zu der Osteggen ' schen Familie , wo ich zwei jungen liebenswürdigen Mädchen , Adèle und Helene , Erzieher geworden war . In Plessen war ich von bigotten Deutschen verdrängt worden , in Osteggen verdrängte dagegen mein Erscheinen einen gewissen Rafflard aus der reformirten französischen Schweiz . Ich erlöste diese Familie förmlich von der Sklaverei unter dem Joche dieses Rafflard , eines eiteln , unwissenden Intriguanten und hatte die Genugthuung , daß mein Wirken anerkannt , gewürdigt wurde . Da starb aber mein Weib und meine einzige Anlehnung , die Osteggen ' sche Familie , wurde durch die glänzende Heirath Adèlens , der ältesten Tochter , mit dem Fürsten Wäsämskoi bestimmt , nach Odessa zu ziehen , wo der Fürst am russischen Gouvernement wirkte . Was that ich ? Ich entschloß mich , den dringenden Bitten der Familie , der ausdrücklichen und ehrenvollen Anerbietung des Fürsten Wäsämskoi zu folgen und ging , nahe meinem fünfzigsten Lebensjahre , mit nach Odessa . Dort am Ufer des schwarzen Meeres , unter südlichem Himmelsstrich verlebte ich glückliche Jahre . Mancher düstre , trübe Zug meines Charakters milderte sich . Was früher hart und starr war , wurde weicher und ebener . Leider verschonten uns herbe Schicksalsschläge nicht . Die alte Baronin Osteggen starb . Vor einigen Monaten ist auch ihr Schwiegersohn , der Fürst Wäsämskoi , auf einer Reise nach der Krim an einem Fieber dahingegangen . So fiel die Sorge für die Fürstin Adèle und ihre drei Kinder auf mich . Ihre jüngere Schwester , Helene Osteggen , hatte in Odessa die Bekanntschaft des in Aufträgen reisenden französischen Attaché , Grafen d ' Azimont , gemacht und war , nachdem er sie geheirathet , erst nach hier , dieser Stadt , wo er fixirt war , dann nach Paris mit ihm gezogen - Die Gräfin d ' Azimont ? fragte Siegbert gespannt . Irr ' ich nicht , so ist die Gräfin hier ? Sie ist es , sagte Rudhard mit düstrer Miene , auch ihre ältere Schwester , die Fürstin Wäsämskoi ist hier . Leider gerieth mein jüngster Zögling , Helene d ' Azimont , so in den Strudel des modernen Weltlebens , daß sie mit der ganzen Familie brach und durch ihre wilde phantastische Lebensweise die Liebe und das Herz der Mutter zu frühe knickte ... Seit mehren Jahren schon ist jeder Verkehr zwischen den Schwestern Helene und Adèle abgebrochen und selbst das unter andern Umständen sehr erfreuliche Zusammentreffen in dieser großen Stadt wird keine Aussöhnung zu Stande bringen . Ich erwähne da Dinge , die in der großen Welt leider zu bekannt sind ... Auf Siegbert ' s Lippen schwebte die Frage , ob Rudhard wol wisse , welche Beziehung zwischen dem Prinzen Egon und der Gräfin d ' Azimont stattfände ; doch schwieg er , weil er dem Herzen eines Mannes wehe zu thun fürchtete , dem ohne Zweifel das Werk seiner Erziehung an der zweiten Tochter der Baronin von Osteggen nicht gelungen war . Rudhard nahm aber diesen Gegenstand selbst auf und zeigte sich über die Chronik der Schwester seines treugebliebenen Zöglings , der Fürstin Wäsämskoi , vollkommen unterrichtet . Wie schmerzlich muß es mir sein , sagte Rudhard , daß sich die Nachrichten , die wir dann und wann über die Schwärmereien Helenens empfingen , an meinen plötzlich in Paris wieder auftauchenden Schüler Egon von Hohenberg anknüpften ! Ich sah , daß auch Egon durch seine Genfer Erziehung in den Strudel gerathen war , in welchem Helene unterging , als sie sich verheirathete an einen Mann , der ihr niemals eine sittliche Anlehnung bieten konnte . Wie tief hab ' ich das Conventionelle im Leben unserer vornehmen Stände damals verabscheut , wie bitter beklagt , daß mir unmöglich wurde , dies liebenswürdige , reizende , gutmüthige Kind , Helene Osteggen , nicht von einer , wie man sie nennen mußte , glänzenden Partie mit einem nicht mehr jungen , aber reichen und interessanten französischen Diplomaten fern zu halten ! Legte sich doch selbst der Wunsch des Kaisers in die Wagschale , russische Unterthanen in Paris , an der Quelle der Begebenheiten , in genauester Verbindung eben mit den Lenkern der Begebenheiten zu wissen ! Ich begehe keine Indiskretion , indem ich von diesen Dingen spreche ; denn ich muß sie Ihnen sagen , weil sie mit Dem zusammenhängen , was mich zu Ihnen und Ihrem Bruder führt . Ich erstaune über Das , was ich hören werde , sagte Siegbert und strich sich über die Stirn , als könnte sie kaum alle diese wunderbaren Beziehungen fassen . Mein Unmuth , fuhr Rudhard fort , erstreckte sich in dem Grade auf Alles , was mit Helenen zusammenhing , daß ich auch Egon verwarf und Niemanden mehr verwarf als die Mutter Egon ' s , die Fürstin Amanda , die mir so viele bittere Schmerzen in meinem an Freuden nicht reichen Leben verursacht hatte . Was sollte ich dazu sagen , daß ich vor anderthalb Jahren einen Brief von der Fürstin Amanda empfing , den sie auf ihrem Todtenbette geschrieben hatte ! Einen Brief , der mich erst in Schmalelinken suchte und ein halbes Jahr brauchte , mich am Schwarzen Meere zu finden ; einen Brief , dessen Absicht ich versäumt glaubte , als er ankam , ja der selbst rechtzeitig hätte eintreffen können und mir keinen Entschluß würde abgewonnen haben , so erbittert und gram war ich damals dem Andenken an Alles , was mich an Hohenberg erinnerte . Doch lesen Sie selbst diesen Brief und erfahren Sie damit zu gleicher Zeit den Grund , der mich zu Ihnen führte und mich bestimmte , Ihnen einen Überblick meines Lebens zu geben . Um jedoch Ihre Spannung nicht zu lange hinzuhalten , bemerk ' ich , daß mein Besuch mit einem Bilde der Fürstin Amanda zusammenhängt , das Sie besitzen . Mit einem Bilde ? fragte Siegbert erstaunt .... Ist es nicht so ? bemerkte Rudhard , der sich in seinem sichern Auftreten nicht stören ließ . Sie besitzen ein Bild der Fürstin ? Allerdings ; aber .... So bitt ' ich ! Lesen Sie ! Dreizehntes Capitel Eine neue Wendung Rudhard zog ein großes Portefeuille aus der Brusttasche , schnallte es auf und nahm aus mancherlei Papieren und Dokumenten , die in ihr angehäuft lagen , einen zierlichen Brief hervor , der durch seine mit hundert Notizen und Strichen überkritzelte Adresse einen wunderlichen Anblick bot . Es waren darauf ersichtlich die vielen Postzeichen und Bemerkungen des Hin- und Hersendens nach dem Adressaten in deutscher und russischer Sprache , in blauer , rother , grüner Tinte und wer weiß , setzte Rudhard mit einem leisen Anfluge von Lächeln hinzu , ob nicht noch in unsichtbarer , sympathetischer Tinte , die nur die geheime Polizei zu sehen und zu lesen im Stande ist ! Der Brief selbst , mit schwacher Hand , unsicher , wie von einer Todtkranken geschrieben , lautete : » Nach Allem , lieber Rudhard , was zwischen uns auf dieser Erde vorgefallen ist , werden Sie erstaunen , wie Sie noch , ehe ich dies Dasein verlasse , von mir einen Abschiedsgruß erhalten können ! Ja , mein lieber Rudhard , ich stehe an der Pforte der Ewigkeit . Die Stunden sind gezählt , die mich die Langmuth des Herrn noch athmen läßt und ich frage mich , warum der erlösende Engel noch immer nicht kommen , an mein Lager treten und mir die Augen zudrücken will ! Ich frage : Was gibt dir denn der Herr noch zu bedenken ? Was sollst du noch in deinem Hause ordnen , ehe du die Heimkehr zu deinem Erlöser antrittst ? Ich blicke um mich , wo wol noch ein Herz schlägt , das ich betrübte , wo wol noch ein Fehl zu sühnen und zu büßen ist , und der Erinnerungen an Schlimmes und Sündhaftes sind in mir so viele , lieber Rudhard , daß ich noch eine Ewigkeit leben müßte , jeden nagenden Gedanken aus meiner Seele zu tilgen . Ach , mein Heiland , muß ich beten , ich ermüde , mich so zu schmücken wie du mich haben willst ! Nimm mich hin in deine Arme und laß die Gnade mich rein waschen von meinen Sünden ! « Siegbert stockte , gerührt von diesen innigen Worten