die sich im Laufe der Zeit bei ihr einfinden konnten , dazu schien ihm keine Instruktion bindend , ausreichend genug ; - und wenn er Alles schriftlich und gerichtlich bestätiget hatte , nahm er doch auf eine rührende und mir unvergeßliche Art mich dann noch persönlich in Anspruch , und ich mußte immer wieder aufs Neue ihm das Versprechen geben , sie wie ein Heiligthum zu ehren . « » Ach , das wollen wir ja eben ! « rief Lucile . » Ich will sie ehren , als stände sie wie meine Eltermutter an der Spitze meiner Familie ! « - » Vergiß nicht , meine Theure , daß wir sie nicht nach unserer Weise beglücken oder ehren können ! Bedenke , nach dem , was Du weißt , die nothwendige Gestaltung ihres Karakters ! - Als ich nach dem Tode des Grafen Leonin ihr zuerst unter meinem Namen ihre Revenüen auszahlen ließ , schrieb ich ihr in englischer Sprache , der einzigen , die sie liest , ich glaube mit dem Ausdruck eines Sohnes an seine Mutter . Ich bat sie , mir zu gestatten , daß ich ihr ausreichendere Pflege senden dürfe ; ich bat sie , ihr einen Besuch machen zu dürfen ! Alles verfehlte jedoch seinen Zweck . Ich will von Euch Allen Nichts , als ungestörte Ruhe , und daß Niemand meine Rechte in diesem Schlosse anrührt ! Dies stand kaum leserlich auf einem alten , vergelbten Blatte , das mein Bote mir zurück brachte . Kinder waren dabei die Mittelspersonen gewesen ; Niemand hatte Emmy selbst zu sehen bekommen . « » Beruhige Dich , « fuhr er fort , sich Lucile nahend , die sichtlich durch diese Rede beschämt und verlegen war . » Dein kleines Vergehen , das überdies so spurlos vorüber ging , quält mein Gewissen nicht und belastet Dich weniger , da ich mich vielleicht niemals so ausreichend über meine Verpflichtungen aussprach . « » Nun , « sagte Margot - » es ist immer gut , daß Ihr es thatet ; denn ich gestehe , daß ich noch einen kleinen Groll gegen Euch im Herzen hatte , wegen Eures ungestümen Widerstandes , wie wir am Tage nach der Erscheinung am Fenster , durchaus die Alte besuchen wollten . « » Gewiß verdiene ich auch Ihre Verzeihung « - erwiederte Armand . » Uebrigens wird es Sie freuen , zu hören , daß mir eine andere Aussicht eröffnet ist . « » Etwa in dem liebenswürdigen , alten Vikar - oder in Veronika ? « rief Lucile . - » Sie stehen in keiner Verbindung mehr mit Emmy Gray ; ich sprach mit Beiden darüber . Die einzige Person , die sie zuweilen sieht , ist ein sehr alter Arzt , dessen tüchtigen Karakter mir die beiden edeln Geschwister sehr loben , und von dem sie glauben , daß er selbst Neigung habe , mich kennen zu lernen . Ich würde ihn schon gesehen haben ; aber er hat das Physikat des ganzen Kreises , und ein wichtiges Geschäft rief ihn gerade an dem Tage , wo er sich hatte bei mir anmelden lassen , zu einem fernen Krankenhause der soeurs grises , in welchem sich bedenkliche Symptome gezeigt haben sollen . Doch enthielt sein Brief eine ziemlich bestimmte Aufforderung , seine Rückkehr abzuwarten . « - Die ferne Hoffnung auf den alten Arzt tröstete die Damen über ihre kühneren , durch Armand ' s Festigkeit vereitelten Pläne , und jetzt gewannen sie erst Augen für den Eudoxien-Thurm . Wir kennen dessen Ausstattung . Fennimor ' s Sorgfalt hatte zuerst den Zerstörungen der Zeit entgegengewirkt , in derselben Weise fuhr Emmy gewissenhaft in seiner Pflege fort , und so war hier Viel zu betrachten ; denn auch der Harfion ruhete in einem Chorstuhle von geschnitztem Holze , und das Betpult der armen Eudoxia , was , von der Zeit gerüttelt , kaum noch wagerecht stand , war dennoch von jeder Spur der Vernachlässigung frei und lange den wehmüthigen Blicken Aller ausgesetzt . Doch entdeckten sie von hier keinen Ausgang weiter , und man trat den Rückweg an , aufs neue lebhaft von dem Wunsche ergriffen , Emmy in ihrer eigensinnigen und jetzt so geheimnißvollen Einsamkeit nahen zu dürfen . Zur Zeit der Tafel kam der voraneilende Courier des Grafen von Bussy und meldete die Annäherung der Herrschaften , und die geschickten Diener des Marquis d ' Anville meldeten zugleich die vollendete Einrichtung der Gastzimmer . Nach der Tafel bestiegen die Herren ihre Pferde , und die Damen besuchten mit gehörigem Gefolge die Gastzimmer , um eine letzte Uebersicht zu halten und die ihnen nachgetragenen Blumenvasen nach ihrer Anordnung aufstellen zu lassen . » Begreifst Du den Zustand , in den Leonce gerieth , wie er das Bild von Fennimor erblickte ? « fragte Margot ihre Cousine , als sie , auf einen Balkon tretend , sich niederließen , während in den Zimmern ihre Befehle ausgeführt wurden . Ein rascher , fast neckender Blick aus Lucile ' s Augen traf Margot , die plötzlich erröthend , ihr Gesicht nach dem geöffneten Zimmer wendete . » Nun , « sagte Lucile - » was weiter - er ist empfänglich für weibliche Schönheit ; und - gestehen wir es nur - diese Fennimor schlägt Alles nieder , was an uns selbst in diesem Fache zu loben sein möchte . Doch trösten wir uns , mein Mühmchen , Bilder sollen uns nicht gefährlich werden ! « » Davon ist auch nicht die Rede , « sagte Margot ziemlich ernst . » Du müßtest ein seltsames Gemüth haben , wenn Armand sogar Deine Eifersucht erregte . Ich denke , Fennimor könnte leben , und Deine Ruhe würde an ihrer Seite doch unangefochten bleiben . « Lucile lächelte mit inniger Befriedigung . » So ist es , meine holde , kleine Weisheit - und Du hast gut Schlüsse machen , da er selbst Deinen schönen Augen gegenüber den standhaften Prinzen machte . « » Laß ' den Spott , Lucile , « sagte Margot - » wir wollen ein wenig vernünftig reden . Ich gestehe Dir , Leonce gefällt mir nicht - es fehlt ihm Etwas - glaube mir , ich habe ihn schärfer beobachtet , als Ihr Alle ! « » So ! « sagte Lucile lachend . » Ein seltsames Geschäft für ein junges Fräulein von achtzehn Jahren ! Solche Beobachtungen sind , wenn sie scharf sind , leicht gefährlicher Natur . Was fangen wir an , wenn Du mit so bedenklichen Dingen Dich beschäftigst ? « » Du willst nicht vernünftig sein , Lucile , und ich wäre es so gern einmal . Leonce flößt mir den größten Antheil ein ; aber ich fühle , daß ich ihm nicht helfen kann ; und da ich sehe , daß Ihr Alle taub und blind seid , so wollte ich Dich darauf aufmerksam machen - vielleicht , daß Armand durch liebevolle Fragen ihm zu Hülfe kommen könnte ! « » Vielleicht , « lächelte Lucile - » daß Du selbst ihm durch einige liebevolle Fragen zu Hülfe kommen könntest , auf die er Dir gewiß die Antwort nicht schuldig bleiben würde . Genug ! Du hast Deine Absicht , mein besonderes Interesse für ihn zu wecken , nicht verfehlt ; doch so leichtsinnig , wie Du glaubst , waren weder Armand , noch ich . Auch wir sind einig , daß ihm Etwas fehlt , auch wir finden , daß er verändert ist ; aber wir finden zugleich , daß wir ihm nicht geben können , was ihm fehlt , und haben längst beschlossen , ihn Dir zu überantworten . Da Du ihn nun so scharf beobachtet hast , so zweifle ich nicht , eine liebevolle Frage Deinerseits wird Dir sein ganzes Vertrauen erwerben . « » Und Du ? « rief Margot , bis unter den Scheitel erglühend , indem sie , ungeduldig mit dem Fuße stampfend , aufsprang - » Du bist heute nicht zu einem vernünftigen Worte tauglich ! Ich habe Alles vergeblich an Dich verschwendet und stehe wie ein albernes Kind vor Dir und muß Deine ausgelassene Laune ertragen , als hättest Du Recht ! « - » Wenn Euer Gnaden etwas weiter vortreten , werden Sie den Reisezug der Herrschaften durch das Thal kommen sehen . « sprach der Haushofmeister , sich am Eingange der Thüre zeigend . Sogleich folgte man der Anweisung , und mehrere Reisewagen , von einigen Herren zu Pferde begleitet , zeigten sich den erfreuten Damen . Noch ein Mal durchliefen sie die Zimmerreihe , die nun , so viel dies in den Gemächern von Ste . Roche möglich war , ein ansprechendes Ansehen gewonnen hatten , und eilten dann hinab , ihre Gäste zu empfangen . Heloise von Guiche , die jetzige Gräfin Bussy , war mit Lucile in demselben Kloster erzogen worden , und später hatten sie zu gleicher Zeit ihren Platz als Ehrendamen der Königin erhalten . Oft verschüchtert von den herrschenden Sitten bei Hofe , hatten Beide ihren Trost in einander gefunden und Beide schätzten sich mit der ruhigen Zuneigung , die man allein der Achtung schuldig wird . Die blonde , jugendliche Heloise hatte die regelmäßige Schönheit , mit der wir nach einigen Augenblicken des Erstaunens fertig werden , wenn wir uns überzeugt haben , daß die Seele , die dahinter lebt , ein eben so regelmäßiger Körper ist , der auf der Außenseite nie eine Veränderung hervorrufen wird , nach der wir doch anfangen uns zu sehnen , wenn wir Zeit behalten , unsere Ansprüche über das Vergnügen der Anschauung hinaus zu richten . Man konnte nichts Vollständigeres sehen , als ihre rein griechische Gesichtslinie , ihr Haar von hochblonder Farbe , ihre bewundernswürdige Hautfarbe und die hohe Gestalt , welche die gewöhnliche weibliche Größe überragte und , von einer antiken Fülle verschönert , immer an die Statuen erinnerte , denen wir die Bekanntschaft mit der alten Götterwelt verdanken . Dazu kam die plastische Ruhe ihrer Bewegungen , die vorzüglich karakteristisch in der Unbeweglichkeit ihrer wunderschönen Arme und Hände hervortrat - genug , sie war eine erstaunenswerthe Erscheinung , der man eher einen Tempel zur Wohnung , ein Piedestal zum Ruhepunkt angewiesen hätte , als das Gesellschaftszimmer und den Fauteuil . Doch war ihr hierzu Alles anerzogen , was nöthig war , und das immer gleiche , verbindliche Lächeln , der Gebrauch , stets leise rieselnd zu sprechen , die große Gefälligkeit , Andere nie durch Fragen oder Gedanken zu belästigen und immer höflich zuzuhören , wenn gesprochen ward , hatten ihr allgemeine Bewunderung erworben . Lucile de Maurepas wußte jedoch , daß außer dieser bequemen , äußeren Erscheinung , ihr ein festes , tugendhaftes Herz inne wohnte , daß sie Gefallsucht und Eitelkeit aus reinem weiblichen Instinkte verabscheute und mit unerschütterlichem Muth alle Verführungen abgewiesen hatte , die an dem Hofe Ludwigs des Fünfzehnten jeder ausgezeichneten Schönheit drohten und leider mit nur zu viel Bereitwilligkeit von den ersten und vornehmsten Familien des Adels entgegen genommen wurden , die eine so hoch herkommende Entehrung aufgehört hatten , unter sich so zu benennen . Dennoch waren beide Frauen , seitdem Lucile de Maurepas , Marquise d ' Anville ward , fast ganz aus einander gekommen , und die bescheidene Heloise , die für Lucile eine beinah schwärmerische Bewunderung fühlte , wagte nicht , sich selbst anzumelden , sondern überließ dies ihrem Bruder , dem jungen Grafen Guiche , der mit Leonce und Armand befreundet war . » O , Madame , « sagte sie jetzt , von Armand geführt , mit der anmuthigsten Bescheidenheit sich vor Lucile verneigend - » was werden Sie zu meinem Besuche sagen ? « » Daß Sie immer noch dieselbe Treue und Liebenswürdigkeit besitzen , die ich wohl bewundern und lieben konnte , aber nie erreichen ! « Hiermit umarmte Lucile die schöne Heloise und stellte ihr Mademoiselle d ' Aubaine vor , welche noch nicht präsentirt und der Gräfin Bussy daher fremd war : » Meine kleine Muhme , die eben so unartig , als schön , eben so gutmüthig , als ausgelassen ist ! Wollen Sie sie unter ihren Schutz nehmen ? « » Ach , Madame , wer Ihren Schutz genießt , wird den der ganzen Welt entbehren können , und Ihre schöne Muhme soll mich lehren , wie man Ihren Beifall verdient . - Doch der Graf Bussy wird mir zürnen , ihm so lange den Weg zu Ihnen vertreten zu haben . « Graf Bussy war eben so schwarz , als seine Gemahlin weiß , und in der Größe überragte er sie bedeutend . Auf seiner breiten Brust ruhte ein Firmament von Sternen ; denn er hatte in Spanien mit Auszeichnung gedient , und war Oberster eines Reiter-Regiments . Er hatte den Ernst eines Kriegers auf der breiten Stirn und blickte muthig und freundlich zugleich , wie das eine so schöne Eigenthümlichkeit dieses Standes zu sein scheint ; nur seine Lippen waren zu stark emporgedrängt ; sie bezeichneten den Stolz der Bussy-Rabutin . Er war der passendste Gemahl für Heloise de Guiche ; denn er war sicher , nie seine Heftigkeit durch sie erregt zu sehen , nie Grillen oder Widerspruch begegnen zu müssen , was er Beides nicht gelernt hatte zu ertragen . Dafür schützte er sie , wie eine Mutter ihr Kind . Er hatte eine unablässige Aufmerksamkeit für sie ; er umgab sie mit der höchsten Liebe und war glücklich , ihre schüchternen , kaum wahrnehmbaren Wünsche zu errathen und zu erfüllen . Angenehm ward die Marquise d ' Anville durch die Begleitung von der Prinzesse de la Beaume , einer alten Tante der Gräfin Guiche , überrascht , und mit ihr stellten sich Graf Guiche und der Chevalier de Vardes vor , Beide gleich ausgezeichnete Bekannte ihres Gemahls und Schwagers . Das Audienz-Zimmer der Katharina von Medicis nahm diese angenehm gemischte Gesellschaft auf , und Mademoiselle de la Beaume unterließ nicht , nachdem sie von Leonce Alles erfragt hatte , die Erinnerungen hervorzurufen , die hier so nahe lagen . » Ueberhaupt , meine liebe Marquise , « fuhr sie fort - » halten Sie sich nicht durch mein weißes Haar gegen meine Neugier gesichert ; ich bin mit dem vollständigsten Willen hierher gekommen , sie so viel , als möglich , zu befriedigen ! Glauben Sie mir , Versailles vergaß einen ganzen Tag lang , über den neuen Hofstaat der Marquise de Pompadour zu scherzen , als wir unser Glück verkündigten , Ihnen aufwarten zu dürfen ; und wer nicht irgend ein Wunder von Ste . Roche zu erzählen wußte , war den Tag nicht de bon ton ! « » Dem Himmel sei Dank , Madame ! « rief Lucile . » Der Marquis d ' Anville wird aufs neue Hoffnung fassen für meine noch mögliche Entwicklung , wenn er an Ihnen beobachten kann , daß die höchste Liebenswürdigkeit sich mit etwas Neugier verträgt ! Ich war gar zu sehr in Mißkredit gekommen ; denn ich hatte denselben Vorsatz , wie Euer Gnaden , und ihn zum Theile schon ausgeführt . « » O , « rief Mademoiselle de la Beaume - » wie allerliebst , daß ich in Ihnen eine Verbündete finde ! Der Marquis ist wahrscheinlich schon mit Allem , was Neugier heißt , durch Sie versöhnt , und wir haben seine Unterstützung sicher . - Sagen Sie mir nur das Eine , ob wir auch ein wenig graulich wohnen werden ; denn es wäre doch entsetzlich , wenn wir nicht in der Nacht ein noch nie erlebtes Ereigniß hätten ! « » O , ma princesse , « rief die Gräfin Bussy - » darnach trage ich gar kein Verlangen ! Doch , wie kann ich sie annehmen , wo meine theure Marquise herrscht ! « » Theure Gräfin , « lachte Lucile - » bis jetzt beherrschen die Phantasien dieses Schlosses mich mehr , als ich sie ! Wir haben uns gestern noch gestanden , daß über uns Alle ein besonderes Wesen gekommen ist , dem Jeder von uns einen kleinen , ungewöhnlichen Tribut zahlen mußte ; und wir sahen Ihrer Ankunft mit dem Vertrauen entgegen , in Ihrer Nähe alle unsere Träumereien zu vergessen . Die Zimmer übrigens , die Sie , ma princesse , bewohnen werden , sind leider mit keinem besonderen Attentate bezeichnet . Katharina von Medicis ließ sie für die polnischen Magnaten , die hier vor der Wahl des Herzogs von Anjou ihren heimlichen Besuch machten , einrichten ; und außer Liebestränken und goldenen Netzen , wird sich hier nicht Viel nachweisen lassen . « » Ich hoffe doch ! « sagte die heitere alte Dame - » das wird der glorreichen Frau Königin nicht Alles nach Wunsche gegangen sein ! Irgend einer von den anwesenden Herren hat sich gegen ihren Willen gesträubt ; da ist er denn verunglückt - von dem Altan gefallen - zwischen den Tapeten verschwunden - der Nachttrunk hat ihm einen Schlagfluß zugezogen - geschweige denn die nothwendigen Liebesopfer , die Katharina gerade so , wie Gift und Dolch anzuwenden verstand - genug - ich hoffe , wir erleben etwas ! « » Ich bleibe die ganze Nacht auf , « sagte die Gräfin Bussy - » wenn Sie mich so ängstigen , ma chere tante ! « » Still , still , mein Engel ! « lachte die alte Dame , indem sie sich erhob - » die schönen , polnischen Magnaten werden selbst mit dem Kopf unter dem Arme , Dir den Respekt nicht versagen , den Deine Schönheit befiehlt . « Alle erhoben sich nun , um im Hofdamen-Zimmer die interessanten Portraits aus jener Zeit zu betrachten . - Als Margot d ' Aubaine am Abende dieses Tages ihre Kammerfrauen entlassen hatte , öffnete sie , wie es ihre Gewohnheit war , das niedere Fenster , das nach dem Burggarten führte , und setzte sich auf den Fensterrand . So viele Gedanken und Gefühle wogten in ihr ! Die großen , feurigen Augen glänzten feucht und blickten so ernst , daß man hier kaum das gaukelnde Kind des Tages wieder erkannt hätte . Da flog plötzlich eine Rose so gut gezielt und so geschickt hinein , daß sie Margot wider Willen in der Hand behielt . » Leonce ! « rief sie unwillkürlich ; denn - waren ihre Gedanken mit ihm beschäftigt gewesen - war ihr diese Art , sich anzukündigen , bekannt - genug , sie zweifelte nicht , wer es sei . » Nun Sie mich erkannt , dürfen Sie weder nach Hülfe rufen , noch vor Schreck in Ohnmacht fallen , « sagte er leise - » sondern Sie müssen mir Erlaubniß geben , hinter der Hollunderwand hervorzukommen und mit Ihnen von Herzen zu reden . « » Das werde ich nicht thun , « rief Margot , ohne sich vom Fenster zu rühren - » ich werde Ihr unschickliches Verfahren nicht aufmuntern . « » Gut , « sagte Leonce - » so will ich Ihnen die Verantwortung ersparen ! « und in demselben Augenblicke saß er vor ihr in der andern Ecke des Fensters , das er von Außen mit einem Satze erreicht hatte . » Jetzt , « sagte er , lachend die Arme in einander schränkend - » kann unsere Gouvernante die Distancen messen und wird Alles in bester Ordnung erklären müssen . « Margot senkte den Kopf , um ihr Lächeln zu verbergen . Sie hatte weder zum Billigen , noch Mißbilligen das Herz . » Und nun , « fuhr er fort - » theure , liebe Margot , die Masken vom Gesichte ! Nein , wenden Sie sich nicht von mir weg ! Denken Sie , daß ich diesen tollen Streich , aus meinem Fenster zu steigen , um das Ihrige zu erreichen , gewagt hätte , wenn mir der Gedanke Ruhe gelassen hätte , daß ein Mißverständniß zwischen uns treten könnte ? Sagen Sie mir , theure Liebe , erkennen Sie mein Herz ? Sind wir uns Beide verständlich geblieben - und vertrauen Sie meiner treuen Liebe ? « Margot schwieg einen Augenblick - dann fuhr sie rasch empor . Beide kleine Hände streckte sie nach ihm aus und rief so innig und zärtlich , wie sie vermochte : » Nein , nein , guter , lieber , edler Leonce , ich verkenne Sie nicht ! Mein Herz begreift Ihre Absichten und - lassen Sie es mich gestehen - mit den sichersten Hoffnungen für meine glückliche Zukunft ! « In demselben Augenblicke sprang Leonce auf , und ehe sich Margot besinnen konnte , umschlang er sie und gab ihr einen herzlichen Kuß . » Ungeheuer ! « schrie Margot , außer sich vor Schreck ; aber schon saß er ihr in der größten ruhe gegenüber . » Sie haben Nichts mehr von mir zu fürchten , « sagte er - » aber Ihr allerliebstes Geständniß machte mich zu glücklich ! « » Nun , hören Sie weiter ! - - Hören Sie nur , « rief Margot , zitternd vor Schreck - » man hat uns belauscht - wir sind verrathen ! « Auch Leonce hatte auf dem Altan über ihrem Fenster die Thüren öffnen hören und erinnerte sich , daß hier die Zimmer von Mademoiselle de la Beaume waren . » Still ! « sagte er leise - » sein Sie ganz still - wir werden durch die Geisterfurcht der alten Dame gerettet werden ! « » Ach , Euer Gnaden , « rief eine zitternde Stimme - » wagen Sie sich nicht so dreist - Sie haben es selbst gehört - es ist nur zu gewiß , nicht hier draußen war das Geräusch - hier innen , hinter dem großen Bilde - ach , mein Gott , lassen Sie mich die anderen Herrschaften wecken , daß sie uns zu Hülfe kommen ! « » Schweig ' , Thörin , « erwiederte Mademoiselle de la Beaume ; - » hier von Außen kam das Geräusch ! Ich habe nicht durch tolle Furcht mein Gehör verloren . « » Ach , so sei Gott Euer Gnaden gnädig ! - Nicht einmal den Rosenkranz haben Sie am Arme - nun so soll der meinige Euer Gnaden schützen ! « - Jetzt hörte man eine Stimme , wahrscheinlich den Rosenkranz murmeln . Mademoiselle de la Beaume stand indessen auf dem Altan - eine stille , horchende Beobachterin ; - und die jungen Leute kauerten unten so eingeschüchtert , daß sie ihren Athem zu fürchten schienen . » Es ist gewiß , daß von Außen und zwar unter diesem Balkon das Geräusch sich hören ließ , « hob jetzt Mademoiselle de la Beaume mit einer sehr lauten und ernsten Stimme an . » Aber ich sehe ein , daß ich nicht berufen bin , diesem Geheimnisse nachzuspüren ; nur das Eine mag man sich nicht einbilden , daß man mich durch Gespensterfurcht von der Wahrheit ablenken kann ; - kein überirdisches , sondern ein sehr irdisches Geräusch von Menschen drang an mein Ohr . Komm ' , « fuhr sie , wahrscheinlich gegen ihre betende Kammerfrau , fort - » ich bin dieser Scene überdrüssig ! « Die Thüren fielen zu . Beide junge Leute athmeten auf ; Margot brach jedoch in Thränen aus und rang die Hände . » Ich bin verloren , « rief sie - » es ist klar , daß sie dort oben Alles gesehen und gehört hat - ihre Strafrede war an mich gerichtet ! - O , wie unglücklich bin ich durch Ihren unbesonnenen Streich ! « » Fassen Sie sich , Margot ! « rief Leonce , besorgt und bekümmert über den Schmerz des guten Kindes . - » Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre , daß Ihr Ruf darunter nicht leiden soll ! Ich weiß , daß Mademoiselle de la Beaume ein edles , gütiges Wesen ist ; ich eile morgen , ehe wir uns versammeln , zu ihr , und entdecke ihr unser wahres Verhältniß . « » Nein , nein , « rief Margot weinend - » um Gotteswillen nicht ! Ehe mein Vater Alles weiß - ehe er einwilligt und mir vergiebt , darf Niemand darum wissen . « - » Nun , so müssen wir das ungerechte Mißtrauen eine kurze Zeit tragen ! - Jetzt zum Hauptzwecke meiner kühnen That ! Ihr Bruder ist von seiner Wunde fast genesen ; an ihn , wie an Ihren Vater habe ich geschrieben , und von Ersterem gestern eine völlig genügende Antwort erhalten ; er selbst ist auf dem Wege nach Montreal , um Ihrem Vater die Ursache des Duelles selbst zu erzählen und der Wahrheit nach die Schuld des ganzen Vorfalles auf sich zu nehmen ; - dann , hoffe ich , werden meine Gründe Eingang finden und dann « - - » Gehen Sie , Leonce , « rief Margot ängstlich , die Hände vorsteckend ; denn sie schien seine schnellen Manieren zu fürchten - » ich höre Ihnen schon viel zu lange zu . « » Aber , « sagte er neckend - » Sie haben nun doch gerade so lange zugehört , um Alles zu erfahren , was Sie selbst gern wissen wollten . Adio , Mühmchen , jetzt hoffe ich , trocknen Sie Ihre Thränen und träumen von Ihrem Vetter - oder « - » Fort , fort ! Kein Wort mehr ! « rief Margot , sprang in ihr Zimmer hinein und schloß , da Leonce im Nu verschwunden war , vorsichtig die Fensterflügel . - Wer zur Sommerzeit auf dem Lande , in einem Kreise liebenswürdiger Menschen , begünstigt von äußeren Annehmlichkeiten , eine kurze Zeit zubrachte , wird wissen , daß Jahre in der Stadt , mit denselben Menschen verlebt , nicht so zu nähern vermögen , als einige solcher ländlichen Wochen . Es war , als ob von Allen sich die Hemmungen ablösten , die sich nach und nach in den geselligen Zuständen der Stadt ankünsteln . Der Schlepprock und der Fächer wich dem bequemen Kleide , welches der Promenade , dem Fahren und Reiten und auch dem vorkommenden leichten Sprunge , oder dem geschickten Rennen günstiger war , und der Sonnenhut ersetzte den Fächer , um die Hand frei zu lassen für die kleinen Spiele des Federballes oder der seidenen Reifenschnur . - Die Herren hatten keine Uniformen , keine Orden mehr ; der leichte seidene Rock zeigte nur bei Tafel Stickerei und den stählernen Galanteriedegen . Und wie diese äußeren Pallisaden nach und nach verschwanden , so trat auch Geist und Gefühl ohne Reifrock in natürlicherer Grazie hervor - und die glückliche Mischung der Gesellschaft gab ein ungemein angenehmes Zusammensein . Dennoch fühlten Margot und Leonce mitunter den scharfen Blick von Mademoiselle de la Beaume ; ja , selbst die höfliche und bestimmte Weise , mit der sie das unter der Dienerschaft verbreitete Gerücht einer nächtlichen Störung von sich abwies , enthielt für Beide die demüthigende Gewißheit , daß das Fräulein ihrer Sache sicher zu sein glaubte und sie zu schonen dachte . Dies trübte zuweilen die Stimmung der kleinen Margot , die - ein Gegenstand von drei gleich eifrigen Bewunderern - sonst ein ganz heiteres Leben führte . Auch waren die beiden jungen Fremden ganz dazu geeignet , Leonce in Athem zu halten , wenn er darauf bedacht war , ihnen den Rang abzulaufen ; denn der Chevalier de Vardes war , ungeachtet eines fast häßlichen , von den Pocken verdorbenen Gesichtes , doch in hohem Grade liebenswürdig durch Witz , Heiterkeit und tausend kleine , gesellige Geschicklichkeiten und , wie es schien , von Margot ' s schönen Augen bezaubert . Gefährlicher aber noch erschien der junge Graf Guiche . Er war seiner Schwester sehr ähnlich , und Beide hätten , ohne Ausstellung der Kritik , für das schöne Geschwisterpaar der alten Götterwelt gelten können . Aber der junge Guiche besaß auch die belebende Schönheit des Geistes und eine würdevolle Ruhe des Karakters , die mit seiner plastischen Schönheit aus einem Gusse schien . Er war nicht , wie Vardes , der haschende , flatternde Schmetterling , der die Blume ewig neckend umspielt - er erinnerte an den Sonnenstrahl , von dem Leonce gescherzt , der ruhig und in gleicher Wärme auf der Knospe ruht , sehnsüchtig ihre geschlossenen Blätter betrachtend . Es war , als ob Margot vor diesem Blicke , dessen Ursprung sie mädchenhaft zu errathen schien , sich zuweilen zu flüchten suchte , als könne sie ihn nicht mehr ertragen ; und als ob sie dann nur bei Leonce Zuflucht fände , so eilte sie zu ihm , der sie immer schon zu erwarten schien . Besonders aber hatte eine unbedeutende Veranlassung die Gefühle des jungen Guiche so sehr verrathen , daß Margot seitdem vor ihm floh , um jede weitere Veranlassung zu vermeiden . Eine Flucht wilder Tauben hatte nämlich die Reiter auf einem Waldwege beinah überfallen , und Margot , die den Zug anführte , war in den ersten Schwarm gekommen und fast von ihnen bedeckt . Ganz außer sich , Alles vor sich niederrennend und stoßend , war Guiche in diesem Augenblicke , wo er sie bedroht hielt , an ihre Seite gestürmt . Er hatte ihren Vornamen mit Accenten einer Leidenschaft genannt , die von Niemandem wieder vergessen wurden ; fand aber zu seiner großen Verwirrung ein ganz ruhiges Pferd und eine , nur durch seine Heftigkeit , bestürzte Reiterin , die ihn kalt zurückwies und jede Gefahr abläugnete . So standen die Verhältnisse , als eines Morgens ein Bote aus Ardoise einen Brief an die Marquise d ' Anville brachte , in welchem sich eine Einlage mit der Adresse : » an Miß Elmerice Eton , « befand . Die Tante schrieb der Marquise auf das zärtlichste und liebevollste und bat sie , diesen Brief an ihre junge Freundin Miß Eton abzugeben , von der sie so eben höre , daß sie sich in Ste . Roche bei Mistreß Gray befinde