Ihr müßt also Euer Geschick schon so nehmen , wie es einmal liegt und es bis an Euer Lebensende tragen . « Er ging an dem Totschläger vorüber , gab ihm den silbernen Ring , da dieser bei näherer Betrachtung ihm nichts Merkwürdiges gezeigt hatte , zurück und entfernte sich . Der Geächtete stand betroffen , sann über die Verjährung und konnte darin durchaus keinen Sinn finden . » Also « , sagte er endlich , » meine Gedanken an die Missetat muß ich behalten und bis in jene Ewigkeit mit hinüberschleppen ; aber wenn ich mit meinem Fell die Sache büßen will , so geht das nicht mehr an , weil dreißig Jahre vorüber sind ! « - Ein Lärmen , der ganz in der Nähe entstand , unterbrach sein Nachsinnen und machte ihn aufmerksam . Kaum zwanzig Schritte vom Kreuzwege kamen auf dem Wege vom Oberhofe Menschen gelaufen und andere begegneten ihnen , die vom Hofe des Eidams gegangen kamen . - » Wißt ihr ' s schon ? « fragten die vom Oberhofe überlaut . - » Was denn ? « versetzten die anderen . Ihren Weg eiligst nach dem Jürgenserbe fortsetzend , riefen die vom Oberhofe : » Der Hofschulze hat eine Überfahrung12 ! « » Das wäre der Henker ! « riefen die ersten und liefen nach dem Oberhofe zu . Der Patriotenkaspar fletschte die Zähne , sprang wie unsinnig auf dem Mordplatze umher und schrie : » Heisa ! Heisa ! So ist ' s recht . Die Tochter machte ich dir zur Hur ' , den Jungen zu Brei , und dich macht ' ich nun zunicht ' ! Ihr sollt erfahren , was es heißt , geringere Leute verachten ! Könnt ' ich jetzt mein Protokoll aufgenommen kriegen , wäre ich ganz zufrieden ! « Viertes Kapitel Der Hofschulze kommt wieder zu sich und Lisbeth schreibt an den Diakonus Auf der Kammer , worin er das Schwert Karls des Großen verwahrte , saß oder lag der Hofschulze blaß und halb betäubt neben der eisenbeschlagenen Kiste . In diesem Zustande war er von einer Magd , die vor der Kammer vorbeiging , gefunden worden , kurz nachdem er sich die Treppe hinaufbegeben hatte . Sie war erschreckt hinuntergesprungen und hatte von dem Vorfalle Lärmen gemacht , den einige Vorübergehende weitertrugen . Die Magd kehrte mit Essig zurück und bestrich ihres Brotherrn Schläfe . Das einfache Mittel brachte ihn auch bald wieder zu sich selbst , denn der Schlagfluß war eine Vergrößerung des Unfalls , der den alten Bauer betroffen hatte . Er war nur von einem Schwindel und von jener Betäubung befallen worden , wie sie die Folgen eines plötzlichen großen Schrecks zu sein pflegen , besonders bei alten Leuten . Als er von dem scharfen Geruche des Essigs wieder erwachte , hob er sich , ohne daß ihn das Mädchen zu unterstützen brauchte , sogleich strack auf seine Füße , fuhr mit der Hand über die Stirn und warf seinen ersten Blick in die Kiste , deren Deckel aufgeklappt war . Mit einer Mischung von Entsetzen und Kummer kehrte aber der Blick des alten Mannes in sich zurück ; er klappte hastig den Deckel zu , als wollte er den Verlust seines Teuersten jedem Auge verbergen und trieb die Magd an , ihn zu verlassen . Diese fragte zwar , was dem Baas zugestoßen sei , erhielt jedoch keine andere Antwort von ihm , als daß ihn eine plötzliche Schwäche , vielleicht von dem vielen Pläsier , welches gestern und heute gewesen , angewandelt habe . Als er auf der Kammer allein war , stand der Hofschulze erst eine geraume Zeit mit übereinandergeschlagenen Händen ohne sich zu regen , da . Dann setzte er sich auf die Kiste und nahm seinen Kopf in beide Hände , um alle Winkel des Gedächtnisses zu durchforschen . Darauf erhob er sich , öffnete abermals die Kiste , wie wenn er es nicht für möglich halte , daß das Schwert daraus habe verschwinden können , ließ aber augenblicklich den Deckel zufallen , da er wohl sah , daß er nur in die Leere blicke , und stöhnte wie ein verwundeter Stier . Nach diesem begann der Alte ein stummes eifriges Suchen in der Kammer . Er kehrte jedes Gerät um , er durchspürte jeden Winkel , er leerte alle Kisten und Kasten aus , welche dort vor und hinter dem Saatlaken umher standen . Kein Platz blieb undurchforscht , aber alle diese Mühe war vergebens , denn das Schwert zeigte sich nirgends . Indem hörte er unten die Stimme seines Eidams und seiner Tochter , sowie der Freunde und Nachbarn , welche von der Tanzgesellschaft herbei gekommen waren , um nach ihm zu sehen . Rasch verließ er die Kammer , um nicht in seinen Anstrengungen betroffen zu werden und ging hinunter , scheinbar gefaßt . Dort stellte sich alles mit Fragen nach seinem Befinden um ihn , worauf er dieselbe Antwort gab , welche schon die Magd empfangen hatte und hinzufügte , daß ihm wieder ganz wohl sei . Er bat die Leute , sich in ihrer Lustbarkeit nicht stören zu lassen und wieder zum Tanze zurückzukehren ; eine Aufforderung , welcher mehrere folgten , andere aber auch nicht . Diese blieben vielmehr im Hofe , weil sie an dem Tanze kein Vergnügen hatten , es kamen noch fortwährend Leute vom Jürgenserbe und so war ein beständiges Ab- und Zugehen von Menschen . Als nun der Hofschulze sah , daß er der Zeugen nicht quitt werde , beschloß er alles Fernere auf die Nacht zu versparen . Er setzte sich still in seine Stube und sagte dem Eidam , er möge die Mitgift nach Hause tragen , was dieser auch mit einem Gehülfen tat . Mehrere Nachbarn stellten sich zu ihm und mit diesen sprach er nun so ordentlich und vernünftig , wie immer seine Sitte war . Niemand merkte ihm etwas an , und nur wer gewußt hätte , was vorgefallen war , würde aus seinen geschwollenen Stirnadern , aus den Augen , die zuweilen hervorquollen , und aus den Griffen , die der Alte hin und wieder nach seiner Brust tat , auf das , was in ihm vorging , haben schließen können . Während ein ungeheurer Verdruß und Schreck unten sich so heimlich hielt , hatte auch oben im Hause ein leidendes Kind seine Entschlüsse reif gedacht . Lisbeth war in schweren Körperschmerzen den ganzen Vormittag über auf ihrem Lager geblieben und hatte sich erst um die Zeit , als ihr alter Gastfreund seine trostlose Entdeckung machte , erhoben und angekleidet . Sie war so ernst , bleich und still , wie am Abend zuvor , da ihre Tränen versiegten . Aber diese hatten den Augen des Mädchens nicht geschadet ; sie leuchteten von einem fast überirdischen Glanze . Der hohe Berg , auf dessen Gipfel sie im Jubel ihrer Wonne zu stehen gemeint hatte , war unter ihr eingesunken , und die roten Wolken hatten sich verzogen , aber dennoch kam es ihr vor , als schritte sie ebenso hoch und noch höher einher , und es war ihr , als trügen Lüfte ohne Wolken , ätherreine und ätherklare ihre Füße . Sie setzte sich an ihren Tisch und sagte mit einer himmlischen Zuversicht im Ton : » Ein Findling ist Gottes Kind . Und wen Vater und Mutter in der Irre stehengelassen haben , den wird Gott bei der Hand nehmen und nach Hause führen . « - Die Schmerzen hatten eine wunderbare Verwandelung in ihr gewirkt . Zu ihren sogenannten Pflegern wollte sie nimmer zurückkehren . Denn als sie , von Leiden , wie von zuckenden Blitzen durchwühlt , während der Nacht auch einen Blick auf ihre Vergangenheit warf , so sah sie schaudernd und wie von einem strengen Seher erbarmungslos unterrichtet , in welchen jämmerlichen und lachensdürren Umgebungen sie gelebt hatte . Sie blickte in die traurigen und unreinlichen Trümmer hinein , zwischen denen sie so mutfroh und rein geblieben war , und sie hätte weinen mögen , wenn ihr noch eine Träne übrig gewesen wäre , als sie nun erkannte , daß ein faselnder alter Mann und eine halbverwirrte Törin denn doch die einzigen gewesen waren , die sich ihrer angenommen hatten . In einen Augenblick des äußersten Entsetzens drängte sich eine Ewigkeit von quälenden und widerwärtigen Vorstellungen zusammen - zerrissen und gepeinigt wandte sie den Blick von diesen unheimlichen Gesichten ab und in die Zukunft , worin freilich die Augen Oswalds erloschen waren und nur noch das Auge Gottes durch die Finsternisse strahlte . - So hatte das Unglück die süße Bewußtlosigkeit , worin das Kind Jungfrau geworden war , zerstört , und das Wachen der Wahrheit in der wunden Brust geschaffen . Sie schrieb einen Brief an den Diakonus . Zu diesem hatte sie großes Vertrauen , und den wollte sie zu ihrem Führer wählen . Nach dem Eingange , in dem sie sagte , daß eine schmerzliche Aufregung sie über ihr Geschick erleuchtet habe , lautete der Brief folgendermaßen : » Sie hätten wohl nicht gedacht , lieber Herr Prediger , als Sie gestern die Hand auf mein Haupt legten , daß Sie von mir heute so traurige Worte hören würden . Wenn ich es Ihnen nur recht deutlich machen kann , wie mir eigentlich zumute ist ! Denn wenn Sie das nicht einsehen , so können Sie mir auch nicht helfen . Es ist aber gewiß recht schwer , sich deutlich zu machen mit verwirrtem Kopfe und klopfendem Herzen und bebender Hand . Sie sind jedoch ein so guter und kluger Mann , daß Sie sich auch vielleicht aus dem Stammeln eines armen Mädchens vernehmen können . Ach , lieber Herr Diakonus , es ist mir außerordentlich übel gegangen seit gestern . Es hatte wohl gestern den Anschein , als könne ich eine Braut sein , und das will bei einem so armen und verlassenen Mädchen , wie ich bin , noch mehr sagen , als bei anderen , die wissen , woher sie stammen . Heute aber bin ich keine Braut mehr , nein gewiß nicht . Warum ich keine mehr bin , das kann ich Ihnen nicht sagen ; ich schäme mich zu sehr . Ihrer lieben Frau werde ich es anvertrauen , wenn ich erst ruhiger geworden bin , ganz in der Stille . Ein Mädchen , welches kein Kind mehr ist , denkt wohl zuweilen an das Heiraten und so habe ich denn auch hin und wieder daran gedacht , obgleich ich wenig Aussicht dazu hatte . Wenn mir aber die Vorstellungen davon kamen und von der Liebe , so war immer das erste Gefühl , daß die Liebe die ganze Wahrheit und nichts als Wahrheit sei und zwar die Wahrheit in der Brust , und eine solche Offenheit , daß man dem anderen auch nicht das Kleinste verschweigt . Hätte ich eine Sünde begangen , wovor mich freilich Gott geschützt hat , so würde ich meinem Freunde die Sünde haben beichten müssen , ehe ich ihm noch meine Liebe gestand . Denn wenn zwei Menschen , wie es ja lautet , ein Leib und eine Seele werden sollen , so darf doch auch nicht ein Stäubchen zwischen ihnen sein von Verschweigen , Hinterhalt , Verstellung und Künstelei . Ja , noch offener soll man gegen den Liebsten sein , als gegen Gott , denn dieser sieht selbst scharf genug , aber der arme Liebste hat ja nicht so durchdringende Augen und soll uns doch ebenso genau kennen , wie Gott , weil er sich nicht auf dieses und jenes in uns , sondern auf alles in allem Zeit seines Lebens verlassen muß . Wer mir also , wenn er sagt , daß er mich liebe , dennoch einen Schein vorweben kann , von dem muß ich glauben , was sie mir wider ihn vorbringen , und möchte es auch das Allerschlimmste sein . Wer mir sagt , Herr Diakonus , er sei ein armer Förster und ist ein großer Graf , der kann auch noch anderen Lug und Trug wider mich vorhaben . - - Ach Gott ! Ach Gott ! Zuweilen denke ich : Es ist gar nicht möglich , daß ein Mensch , der so gut aussieht , so schlimm sein kann ! - - Ich bin eigentlich ganz elend worden , und wäre in den Schmerzen dieser Nacht wohl gestorben , hätte mir nicht mein Stolz geholfen . Weil ich aber tief gedemütigt werden sollte , so hat mich das sehr stolz gemacht , ganz überaus stolz . Nun ist dieser Stolz freilich wohl nur Hülfe in der äußersten ersten Not , und deshalb flüchte ich mich zu Ihnen . Ich bitte Sie , gönnen Sie mir eine Freistatt in Ihrem Hause , Kosten mache ich Ihnen ja nicht viel und Ihrer lieben Frau kann ich doch immer etwas helfen . Sie sind immer sehr gut und freundlich gegen mich gewesen und werden mich gewiß nicht verlassen . Nach dem Schlosse gehe ich auf keinen Fall zurück , mich schaudert davor . Das war wohl bisher gut so weit , aber nun geht es nicht mehr ; nein , nein . Ich bin also wie eine Staude , die vom Boden abgeschnitten ist und weiß noch kein Erdreich , worin ich wieder wachsen kann . Daß Sie sich aber über mich nicht irren , so muß ich Ihnen sagen , daß ich gar kein Verlangen nach der Kirche habe , oder nach der Religion , wenigstens nicht mehr als sonst . Ich habe mir schon Vorwürfe darüber machen wollen , denn man sagt ja immer , daß der Mensch im Unglück hauptsächlich viel beten müsse , aber das muß denn wohl ein anderes Unglück sein , als meines . Ich fühle mich als ein so ordentliches , unschuldiges Mädchen , daß ich nicht begreife , warum ich Gott gerade jetzt besonders bitten sollte , nur beizustehen . Sondern es ist über mich verhängt worden , und nun trage ich es , und er läßt mich gehen in meiner Weise . Auch kann der Gott , von dem gepredigt wird , einem Herzen nicht helfen , welches sich weggegeben hatte und sich nun wieder zurücknehmen muß . Dem hilft sicherlich auch ein Gott , aber er steht in keinem Liede , sondern ganz tief im Herzen selbst ist er verborgen , stumm , und ich glaube , der große Stolz , den ich empfinde , ist sein Kleid . Haben Sie nur rechte Geduld mit mir , mein lieber , lieber Herr Diakonus , Sie und Ihre Frau ; Sie sollen sehen , die Lisbeth hilft sich schon heraus , denn von einem Tage zum anderen kann man doch nicht verloren sein , wenn es gleich den Anschein davon hat . Es ist aber erstaunlich , was für Schmerzen der Mensch aushalten kann . Wäre ich nur katholisch , so ginge ich zu den Barmherzigen Schwestern ; es muß eine recht angenehme Beschäftigung sein , zeitlebens die armen Kranken zu pflegen . Und nehmen Sie mir das schlechte Schreiben nicht übel ; es wollte aber nicht besser gehen . Durch den Überbringer bitte ich um Antwort . « Die Entschuldigung wegen der Handschrift wäre nicht nötig gewesen ; denn die Züge waren so eben und klar , wie sonst . Keine Träne war auf das Blatt gefallen . Sie sah sogar gleichmütig aus und alle ihre Züge leuchteten wirklich von einem wunderbaren Stolze . Sie rief einen Knaben herbei und schickte ihn mit dem Briefe nach der Stadt . Fünftes Kapitel Lisbeth und Oswald Aber ihre ganze Fassung war hin , als sie gedankenvoll durch das Fenster nach den Hügeln blickend , durch die Nebel einen Mann herankommen sah , eine bekannte Gestalt . Heftig bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen und noch einmal brach ein Strom der bittersten Tränen aus den schon erschöpft gewesenen Augen . Ihre Wangen wurden eiskalt und ihre Hände starben ab - » Ach ! Ach ! Ach ! « war alles , was die Brust , die sich so grimmig beraubt wähnte , zu ächzen vermochte . Was sollte sie tun ? Ihre Seele wurde von der Verzweiflung in zwei Hälften gespalten . Ach , das war er ja immer noch , der da so langsam herbeigeschritten kam , » gewiß « , dachte sie blitzschnell , » geht er so langsam , weil ihn die Schuld drückt ; wie würde er sonst fliegen ! Das ist seine Kleidung , das ist sein Gang , das ist sein Antlitz , und nur er ist es nicht , nur er nicht ! « Sie strich über ihre Schläfe , die ein kalter Schweiß bedeckte . - Dann sah sie sich im Zimmer um , wo noch manches vom vorigen Abend die Verwirrung ihrer Sinne bezeugte . Auch in dieser gramvollen Not schämte sie sich , daß er etwas unordentlich bei ihr finden könnte . Sorgfältig verbarg sie ihre Nachtkleider unter der Decke des Bettes und sah nach , ob auch dieses recht in Ordnung und überall von der Decke überhüllt wäre , denn gemacht hatte sie es freilich gleich , nachdem sie aufgestanden war . Sie rückte den Tisch am Fenster gerade und stellte die Stühle an ihre Plätze , auch den Zunder von dem verbrannten Gedichte kehrte sie sauber beiseite , und die Stücke des zerschnittenen Tuches , welche auch noch am Boden lagen , erhob sie und legte sie auf den Tisch . Sie tat das alles so emsig , wie wenn das glücklichste Mädchen den Bräutigam erwartet , und doch stockte ihr der Tod im Herzen . Ach , er kam immer näher ! - Was - was sollte sie tun ? Wie gern wäre sie in seine Arme gestürzt und hätte sich in diesen süß-giftigen Schlingen mit ihren Schmerzen ersticken lassen ! Und doch mußte sie vor ihm fliehen , unerreichbar weg , denn trat er in das Zimmer und heftete er seinen Blick auf sie , so war es um sie geschehen , das fühlte sie wohl . Kaum den Boden unter ihren Füßen sehend , schwankte sie aus dem Zimmer und wählte den Versteck , der sich ihren irren Sinnen zunächst darbot . Kein Gedanke , keine Überlegung , daß er ja nicht zu ihren Pflegern gegangen sein würde , wenn er es übel mit ihr meinte , kam in die gestörte Seele . Denn die Liebe ist , ungerüttelt , göttlicher Scharfsinn . Die Blitze ihrer Ahnung sehen das Verborgenste , sie gleicht dem Wunderrosse , welches Mahomet zwischen dem Umstürzen und Auslaufen eines Wasserkruges durch alle sieben Himmel trug und ihm die Herrlichkeiten eines jeden zeigte - verstört , in falsche Bahnen gelenkt , ist sie Wahnsinn , der bei Domen vorübergeht , ohne sie wahrzunehmen , und Maulwurfshügel für Alpengipfel ansieht . Oswald betrat unten das Haus . Er hätte nie gedacht , daß er über eine Schwelle so scheu wie ein Sünder würde schreiten müssen . Ein grimmiger Verdruß über die ekelhaften Schlangenknäuel des Lebens , über den plumpen Spaß des Daseins , welcher oft Spülicht und die Blume des Weines zusammen mischt , saß ihm am Herzen . Immer kränker fühlte sich dieses Herz . Noch hingen die Locken des Jünglings verwirrt vor seinem Antlitz , um welches zuweilen eine fliegende Röte ergossen war , und seine Augen sprangen unstet zwischen den Gegenständen hin und her , ohne einen derselben mit ihren Blicken zu treffen . Er schritt an den Leuten vorüber , die im Flur waren und an dem Hofschulzen , ohne jemand zu grüßen . Sein Herz war voll von Gram aber auch voll von Entschluß . Zu Lisbeth ging er , zu der Lisbeth , welche ihn gestern mit dem Wiesenkrönchen als ihren König und Herrn gekrönt hatte , und die er nun der süßen Dienstbarkeit entlassen wollte . Denn ihr Bild war ihm besudelt worden ; freilich ohne Schuld der Unschuldigsten . Aber ist das Liebesgefühl , stark wie der Tod , nicht auch verletzlich , gleich den Hörnern der Schnecke ? - » Es muß mir das nicht bei ihr einfallen « , hatte Oswald unaufhörlich auf dem Wege zu sich gesagt . - » Sie wird zwar unglücklich , aber werde ich ' s nicht auch ? Nicht tief , tief unglücklich ? - Ach , wie wollte ich an ihrer Seite daheim werden in meinem Herzen , daheim und selig zu Hause sein bei mir , und jedes Winkelchen kennenlernen , darin lieblich Geräte steht und Krüge würzig duften voll sanften Weines und Öles , und muß nun doch wieder mich selber draußen suchen gehen ! Aber die Braut des Grafen Waldburg darf nicht - « Er tat die Türe des Zimmers mit dem gewaltigsten Herzpochen auf . » Sie « wollte er sie nennen und zu ihr sagen , daß er komme , um von ihr Abschied zu nehmen , sie solle ihn aber nicht fragen , was sich so plötzlich zwischen sie beide gedrängt habe . Mit diesen Gedanken trat er in das Stübchen , vernichtet fast von dem bevorstehenden Augenblicke und als er sie nicht fand , da - rief er : » Sie ist nicht hier ! « mit eben dem Entzücken , mit welchem er gestern die verschlossene Türe der Dorfkirche begrüßt hatte . Denn nun hatte er sie ja noch , vielleicht zwei , vielleicht gar drei Minuten , bis sie wieder in das Zimmer trat . Er setzte sich am Bette nieder und streichelte die Decke , als streichle er ihre Hand . Dann schob er die Hand unter die Decke am Fußende , wo er ihre Nachtkleider vermutete , und da geriet ihm ihr Mützchen zwischen die Finger . Er drückte das Mützchen mit seinen Fingern , denn er wollte Abschied nehmen von allem , was sie berührt hatte . Dann legte er die Hände in den Schoß und sah vor sich hin und um sich her , lange . Ach , alles war reinlich und sauber umher und der Hauch ihrer Nähe webte noch in dem kleinen Zimmer . Es kam ihm vor , als sei es darin golden helle , als scheine die Sonne draußen und doch dunstete der graue , häßliche Nebel auch um dieses Haus . - Nach einem langen Schweigen sagte er beklommen : » Ich hätte nicht hierher kommen , ich hätte ihr schreiben sollen ; so schwere Dinge soll man schriftlich abmachen . « Sie blieb immer aus . Er begann , sich nach ihrer Erscheinung zu sehnen , stand auf und ging unruhig hin und her . » Was ? « rief er , indem er sich plötzlich über dieser Sehnsucht ertappte , » du verlangst danach , von ihr Abschied zu nehmen ? « - Sein Blick fiel in den kleinen Spiegel an der Wand , er sah seine Locken in greulicher Verwirrung , schämte sich dieses Anblickes , strich sie in Ordnung , und ein Gesicht sah dahinter hervor , welches zwar bleich war , aber sich doch nicht so übel ausnahm , wie er noch vor wenigen Augenblicken gemeint hatte , daß es sich ausnehmen müsse . Denn eine sanfte Wärme hatte sein ganzes Inneres durchdrungen , welches seit einigen Stunden wie erfroren gewesen war . Es hob sich eine Last von seinem Herzen , es trat wie ein schwerer Fluch von seiner Seele zurück . Mit jedem Augenblicke wurde ihm freier und freier ; ihm ward zumute , wie dem begnadigten Sünder , wie dem verlorenen Sohne , da der Vater ihm ein köstliches Mahl anrichten ließ . Ganz und voll durchdrang ihn eine unaussprechliche Empfindung , die aus hülfreichem Mitleid und schöpferischer Zärtlichkeit gemischt war ; ein herzliches Wollen , ein tiefes Entschließen und eine göttliche Geburtswehe des Gemütes . Alles das wallte wie ein Meer in ihm empor und in die Fluten dieses Meeres sanken die Fratzen des sogenannten Schlosses hinab und wurden nicht mehr gesehen . Ja , er hatte sie wieder , die zufällig Gefundene , rasch Geliebte , für die Ewigkeit Erkannte ! - Er hatte sein Reh wieder , sein Mädchen , sein Herz , und was gestern noch Glück war , das war heute eine schwere , süße Eroberung durch die Tapferkeit seiner wärmsten Blutstropfen geworden . Er rieb sich vor Vergnügen die Hände ; jauchzend rief er : » Bin ich nicht frei , bin ich nicht zu meinem allergrößten Glücke ganz frei ? « - Und dann setzte er sich auf den Stuhl am Fenster , auf dem sie zu sitzen pflegte , nahm die Feder , mit der sie eben den traurigen Brief an den Geistlichen geschrieben hatte und focht damit in der Luft hin und her , fröhlich wie ein Junker , der seinen ersten Degen erhalten hat . Er schrieb nicht mit der Feder auf dem Papiere , nein in den Lüften zog er einen schönen Schnörkel aus L und O geschlungen und freute sich über die gefällige Form dieser Buchstaben und um dieselben zog er ein lateinisches W. Ihm dünkte das ein trefflicher Namenszug zu sein . Mutig rief er ; » Und wäre sie von Räubern und Mördern entsprossen , und wäre sie unter dem Hochgerichte geboren , sie bliebe doch die Lisbeth , und doch würde sie mein ! « - Wer von der Geliebten Abschied nehmen will , gehe nicht in ihr Zimmer , sondern schreibe an sie , obgleich auch dann wohl manches Billett zerrissen werden und statt des Billetts der Liebende sich auf den Weg machen möchte . Sechstes Kapitel Suchen und nicht Finden Er sagte : » Aber erfahren darf sie es nie , nie darf sie nach ihrem Ursprunge forschen . Auf mich allein und in meine Brust muß sie gepflanzt sein . « - Da war nun das Erdreich , in welchem die arme abgeschnittene Staude wieder wachsen sollte , und sie wußte es nicht . Sie war so nahe , daß sie fast seine Stimme hören konnte und doch wußte sie es nicht . - Nichtige Nöte ! Ihr gehört zur Liebe , wie Schwindel zum Rausche . Sie kam aber immer nicht . Er wurde unruhig , ging hinunter und fragte nach ihr . Die eine Magd wollte sie den ganzen Tag über nicht gesehen haben , die andere meinte , sie sei aus dem Hofe gegangen . Er durchstrich die nächsten Umgebungen des Oberhofes , aber da war nichts von Lisbeth zu erblicken . Es fing schon an , düster zu werden . Sein Herz wurde ihm nach kurzer Freude noch schwerer als früher . Ihr Verschwinden war ihm unerklärbar . Er ging wieder auf ihr Zimmer , worin er wegen der Dunkelheit die Gegenstände nicht mehr unterscheiden konnte . Nach kurzem Verweilen trieb es ihn abermals hinunter , er traf nun den Hofschulzen an und erkundigte sich bei dem , wo sie sei ? - » Die wird nach Ihnen nicht viel mehr fragen , junger Herr « , versetzte der Alte . » Sie ist gewitziget . « - » Was ! « rief Oswald in äußerster Bestürzung und wollte von dem Hofschulzen nähere Auskunft haben . Diese versagte aber der Alte , denn er hatte zwar seine Pflicht , wie er meinte , gegen das Mädchen üben müssen , aber mit dem jungen verliebten Hitzkopfe mochte er nichts zu tun haben . Liebessachen gehörten überhaupt nicht zu den Gegenständen , die für ihn von Wichtigkeit waren , und worin er Treue und Glauben als Pflichten anerkannte . Um sich des Jünglings durch irgendeinen Vorwand , wahr oder falsch , zu entledigen , setzte er hinzu : » Junge Frauenzimmer sind wetterwendisch ; es mag ihr wohl so ernst nicht gewesen sein , nun schämt sie sich und will sich nicht vor Ihnen sehen lassen . « Ein Weiteres war von dem Alten nicht herauszubringen . Außer sich stürzte Oswald zum dritten Male nach Lisbeths Zimmer , als müsse sie dort sein , wenn er sie suche . Er hatte ein Licht mitgenommen . Lisbeth fand er nicht , wohl aber bei dem Scheine des Lichtes und mit dem Scharfsinn , den der Kummer gibt , die traurigen Zeichen der zerstörten Liebeshuld . Er nahm , was auf dem Kasten lag , hinweg , da sah er drinnen seine Goldrolle und das grüne Särglein liegen , von Lisbeths Busen verstoßen , hinweg geworfen ! - Die Stücke des zerschnittenen Tüchleins sah er ; der Schnitt ihrer Schere hatte eigentlich dem Bande zwischen ihnen gegolten ! - Auch ein halbverbranntes Stückchen Papier erhob er vom Boden , denn alles war ihm wichtig , was sein Elend ihm erleuchten konnte . Noch stand darauf : In deinem Ernst , in deinem Lachen Gehörst du dir - Weiter war nichts zu lesen . - » Ja « , rief er , » du gehörst nur dir und keinem anderen , aber das Lachen wird dir wohl eigener sein , als der Ernst ! « - Er war böse auf sie , er zürnte ihr ingrimmig , denn auch er glaubte , was der Hofschulze ihm gesagt hatte , und meinte , das Mädchen habe nur in einem Anstoß , der rasch verflogen sei , sich in seinen Arm gelegt . Es war das Unglaublichste , was es nur geben konnte , aber er hätte nicht geliebt , wenn er gezweifelt hätte . - Liebe ist so feige , daß sie vor ihrem eigenen Schatten erschrickt ; Liebe ist blind in der Wahl , noch blinder in der Qual . Er stellte sich an die Türe des Zimmers und rief mit sanfter Stimme über den Gang : » Lisbeth ! « - Sie hörte ihn wohl , aber sie antwortete ihm nicht , denn sie war entschlossen , lieber zu verhungern und zu verdursten , als sich zu zeigen , so lange er im Oberhofe sei . Fest hielt sie ihre Hand auf die Lippen gedrückt und wimmerte leise wie