, der Pfarrer auch die Verwundung Lambertis , die sein Ende herbeigeführt hatte , verschwieg , so entfernte sich alles Drohende bald wieder aus unserem Gesichtskreise . Aber nicht lange genossen wir die traurige Ruhe , die uns geworden war . Die äußere Stille , in der ich meine Tage durchlebte , wurde durch die ganz Italien erobernden Franzosen unterbrochen , und bei einem kleinen Gefechte wurden mehrere Häuser des Ortes , wo wir lebten , angezündet , und auch unser Haus und unsre Habe wurden ein Raub der Flammen . Der oft wiederholte Schrecken wirkte nachtheilig auf meine Gesundheit und die Gicht lähmte meine Glieder . In diesem traurigen Zustande wendete ich mich mit Lucretia nach Florenz , wo sie durch ihre geschickte Arbeit die Kosten unseres Unterhaltes bestritt . Von meinen Söhnen empfingen wir wenig Unterstützung ; denn obwohl Herr St. Julien die Großmuth gehabt hatte , ihnen dennoch bei seinem Tode eine ansehnliche Summe zu hinterlassen , so hatten doch die älteren Brüder nach ihrer wilden Weise zu leben bald alles , was sie besaßen , ausgegeben , dem jüngeren Bruder aber hatten sie keine Rechenschaft darüber abgelegt , und Francesko , der seit des Vaters Tode nichts hatte als seinen Gehalt , konnte uns nur spärlich unterstützen . In dieser Lage der Dinge schwanden die Jahre dahin , bis auch Sie Kriegsdienste nahmen , und das Unglück wollte , daß Sie den Umgang mit meinen Söhnen nur zu eifrig suchten , deren falsche Freundschaftsbezeigungen Ihr argloses Herz verlockten . Nein ! rief Francesko Lamberti , sie war nicht falsch diese Freundschaft . Ich liebte Dich wahrhaft , auch Antonio war Dir ergeben , und selbst Camillo konnte Deinen offenen , wohlwollenden Charakter nicht verkennen . Es ist ein prächtiger Junge , sagte er oft , Schade , daß er so bald sterben muß . Wir lachten über einen solchen Ausspruch , da Du gesund und blühend warst , und die Gefahren des Krieges Dich nicht mehr bedrohten , als uns . Nun , Ihr werdet sehen , sagte dann Camillo in seiner gewöhnlichen herrischen Weise , daß seine Tage gezählt sind . Endlich nahte jener verhängnißvolle Tag in Schlesien . Wir wußten , Camillo hatte Dich eingeladen , ihn mit uns zu verleben , und wir freuten uns aufrichtig Deiner Gesellschaft . Camillo miethete einen Wegweiser , mit dem er eine lange , ernsthafte Unterredung hatte . Nachdem dieß alles geschehen war , redete er uns ungewöhnlich ernst und feierlich an , und sagte , er habe von unserm verstorbenen Vater den Auftrag , ein uns zugefügtes großes Unrecht für uns unschädlich zu machen . Er habe feierlich die Verpflichtung übernommen für das Wohl der Familie zu sorgen , weil der Vater ihn als den , der am Fähigsten dazu sei , erkannt habe ; er brauche aber jetzt unsern Beistand , um dieß zu vermögen , und er fordere uns auf , ihm in dieser Angelegenheit , die zu unser aller Bestem gereiche , vollkommenen Gehorsam zu leisten . Wir waren es von Kindheit an gewöhnt , unter seiner Herrschaft zu stehen , so daß wir dieß , ohne uns zu bedenken , versprachen . Er nahm eine Reliquie , die er am Halse trug , hervor und ließ uns einen furchtbaren Eid darauf schwören , ihm blind zu gehorchen und , was er befehlen würde , so lange er lebe , selbst in der Beichte zu verschweigen . Ich zögerte einen Augenblick , doch das Beispiel Antonios riß mich hin , und wie er , leistete ich den entsetzlichen Eid . Darauf setzte unser Bruder Camillo das vermeintliche Unrecht , das uns unser Oheim St. Julien zugefügt habe , auseinander , und ich weiß nicht , ob er wirklich selbst getäuscht war oder ob er uns täuschen wollte . Er versicherte durch einen Rechtsgelehrten den Inhalt des uns nachtheiligen Testaments zu kennen , worin bestimmt sein sollte , daß , wenn Du , Adolph , ohne Erben stürbest , wir drei Brüder in Deine Rechte treten sollten . Ihr seht also ein , schloß Camillo , daß Adolph sterben muß , so leid es mir auch thut , denn ich würde ihn lieben , wenn sein Dasein nicht das unsere verkümmerte , und ich tödte ihn ohne Haß der Pflicht der Selbstvertheidigung gemäß , wie den Feind , der mir im Felde gegenüber steht . Ich schauderte vor diesem Vorsatze zurück , doch Antonio , dem künftiger Reichthum lockender als künftige Seligkeit dünkte , ging sogleich darauf ein . Ich warf mich meinen Brüdern zu Füßen . Memme , riefen Beide , Du weißt , was Du geschworen hast , und ließen mich mit der Verzweiflung ringend auf dem Boden liegen . Du kamst , Adolph ; arglos liefertest Du Dich Deinen Mördern aus . Meine Brüder bewachten mich . Ich hätte Dir kein Zeichen geben können , wenn ich es auch gewagt hätte , den entsetzlichsten Eid zu verletzen , den je eines Menschen Zunge gesprochen hat . Du fragtest mit Theilnahme nach der Ursache meines blassen , verstörten Aussehens . Meine Brüder gaben Dir die Antwort , daß ein kalter Brief meiner Braut , der nächstens eine förmliche Zurücknahme ihres Wortes erwarten ließe , mich so trübe stimme , und Camillo sagte , mir bedeutend zuwinkend , daß der feurige Wein meine gesunkenen Lebensgeister erheben würde . Du selbst zwangst mit gutmüthiger Zudringlichkeit mir mehr Wein auf als gut war , bis sich endlich mein Herz in dem Grade verhärtete , daß ich dachte : Nun , wenn er selbst es nicht besser haben will , so mag es denn sein . Man hatte auch Dir selbst nur zu viel Wein aufgenöthigt , und als wir nun endlich aufbrechen mußten , saßest Du nicht so sicher wie sonst zu Pferde . Der Bauer führte uns , wie Camillo mit ihm verabredet hatte . Man machte Dich glauben , wir schlügen einen kürzeren Weg ein , um nach der Verspätung mit unsern Truppen zur rechten Zeit in dem Versammlungsorte zusammen zu treffen . Wir hatten eine einsame Stelle im Walde erreicht . Der Führer verschwand und Camillo gab das verhängnißvolle Zeichen . Wie ein Wüthender , mit Thränen in den Augen und Zähneknirschen riß ich Dich von hinten mit der linken Hand vom Pferde ; es wurde mir dunkel vor den Augen und in Verzweiflung führte ich Streiche nach Dir , mit denen ich mein eigenes Herz zerfleischte . Ich sah nichts mehr , bis ich Camillos Stimme hörte , der rief : Es ist genug , er ist dahin ! Ich war betäubt , beinah bewußtlos ; meine Brüder faßten die Zügel meines Pferdes und rissen mich hinweg . Später hörte ich , Du seist aufgesprungen und habest Dich auf ' s Aeußerste vertheidigt . Davon habe ich nichts gesehen und es klang mir wie Töne aus weiter Ferne , wie meine Brüder sich unterredeten , Deinen Muth lobten und es beklagten , daß Du uns im Wege habest stehen müssen . Wir mußten dem Feinde entgegen gehen , und ich hatte nicht Zeit mich den Qualen des Gewissens zu überlassen . Die allererste Kugel , die auf einem Streifzuge der Feind zu uns hinüber sendete , riß mir den linken Arm hinweg , der Dich vom Pferde gerissen hatte . Schleunige Hülfe rettete mein Leben , und als ich völlig zur Besinnung gekommen und der Verband gehörig geordnet war , besuchte mich Camillo und sagte : Du bist zum Dienste unbrauchbar geworden , armer Bruder ; um so wohlthätiger wird Dir nun unseres alten Oheims Vermögen sein . Gedenke stets des mir geleisteten Eides , und da Du nun , wenn Du geheilt bist , nach Frankreich zurückgehst , so kannst Du der Wittwe unseres Oheims den Tod ihres Sohnes melden . Er theilte mir hierauf das Mährchen mit , das ich der unglücklichen Frau für Wahrheit verkaufen sollte . Ich bat ihn , mich mit diesem Auftrag zu verschonen . Er rief mir den Eid des blinden Gehorsams in ' s Gedächtniß zurück und sagte zürnend : Ich würde Dich , bebende Memme , nicht zu diesem Geschäft erwählen , wenn es nicht sehr gut wäre , daß die Mutter das Ende ihres Sohnes durch einen von uns erführe , die wir dabei zugegen waren , und Du , fuhr er halb spottend fort , kannst ihr ja sagen , Du habest den Arm in seiner Vertheidigung verloren , und die gute Frau wird alle Zeichen Deiner Gewissensqual für zärtliche Theilnahme an dem Geschick ihres Lieblings halten . Er gab mir Deine Uhr und Dein Taschentuch , um es der Mutter einzuhändigen und verließ mich . Noch denselben Abend blieb er in der Schlacht . Mein fürchterlicher Eid zwang mich trotz seinem Tode seinen letzten Befehl zu erfüllen , und nach meiner gänzlichen Heilung , die mich lange in Berlin aufhielt , machte ich mich , von Reue und Gram erfüllt , nach Frankreich auf . Ich übergab Deiner Mutter die Pfänder Deines Todes und erzählte das wohl eingeübte Mährchen . Aber von ihr erfuhr ich zu meiner Freude und zu meiner Bestürzung , daß Du wie durch ein Wunder gerettet lebest und in Sicherheit seist . Hier erfuhr ich auch zufällig , daß wir , wenn auch unsere Gräuelthat gelungen wäre , sie doch völlig zwecklos ausgeübt haben würden , denn unser Oheim , mit Recht wider uns aufgebracht , hatte durch sein Testament seiner Wittwe die einzige Beschränkung in der Verfügung über seinen Nachlaß auferlegt , daß er uns durch keinen denkbaren Fall , der eintreten könne , jemals zufallen dürfe . Ueberzeugt nun , daß Du uns , sobald es die Umstände erlaubten , zu blutiger Rechenschaft ziehen würdest , bereitete ich mein Gemüth auf diesen Augenblick vor , und als ich später von rückkehrenden , wie ich verstümmelten Kriegsgefährten erfuhr , Du widersprächest dem von Camillo ersonnenen Mährchen nicht , so glaubte ich , Du schwiegest bloß , weil Dir die Beweise wider uns mangelten , und als ich nun endlich auch Antonios Ende erfuhr , und nun meine Seele durch Beichte und Buße erleichtern durfte , legte ich mein furchtbares Geheimniß auch auf meiner Mutter Herz , die mit der liebevollen Lucretia hieher gekommen war , wo ich kümmerlich vom halben Sold lebte , um das Leben eines Sünders zu erleichtern . Seit der Zeit habe ich mich auf Deinen Anblick vorbereitet und den Entschluß gefaßt , durch ein vollkommenes Geständniß Dir jeden nöthigen Beweis gegen mich zu liefern ; seit der Zeit lebe ich nur der Reue und Buße . Ja und einer so furchtbaren Buße , sagte die Mutter klagend , daß meine letzte Hoffnung darüber schwindet . Wir hatten sein Unglück erfahren und seine weinende Braut , meine brave Lucretia , sagte : Um so mehr bedarf er einer treuen Begleiterin durch das Leben , die ihn sein Unglück vergessen lehrt . Wir kamen nach Paris , und das Bekenntniß seines Verbrechens erfüllte das Herz des armen Mädchens mit Schauder . Sie rang mit Thränen und Gebet vor Gott und der heiligen Jungfrau , und sagte : Wenn er sich selbst verabscheut , wenn die Menschen ihn meiden , Wer soll ihn nach und nach mit sich selbst und mit Gott versöhnen , wenn nicht die treue Freundin seiner Jugend ? Aber er legte sich so harte Bußen auf , daß sie seine Seele immer zaghafter machten , und finster entfernte er sich von der Liebe und überlieferte sich gänzlich der Qual , der Geißelung und jeder Marter . Sein strenges Fasten zehrt jede Lebenskraft auf und führt ihn an den Rand des Grabes , und ich , die ich mich lange eine glückliche Gattin eines geachteten Mannes wähnte und mich endlich als die Genossin eines Räubers fand , die die stolze Mutter dreier in Jugendkraft blühender Söhne war , verlor zwei davon , kaum wurde mir der letzte verstümmelt erhalten , und dieser letzte wird vor mir , die ich krank und elend bin , in ' s Grab sinken und meine arme Lucretia wird zum Lohne ihrer endlosen Liebe einsam vergehen , wenn sie endlich auch die Mutter , die ihr Fleiß ernährt , begraben haben wird . Das schweigende Mädchen erhob sich jetzt , und indem sie zum ersten Male die Lippen öffnete , sagte sie , ruhig um sich blickend : Ich schäme mich meiner treuen Neigung nicht und ich läugne sie nicht . Ein verächtlicher Bösewicht wird gewiß das Herz des Weibes , das ihn aus Täuschung liebte , von sich entfernen , wenn sie ihren Irrthum erkennt . Aber was bleibt dem Menschen auf dieser armen Erde , wenn das Herz seiner Lieben ihm nicht bleibt , die das seinige vollkommen kennen und es wissen , wie vieler schönen Empfindungen es noch fähig ist , wenn der schwache Mensch sich auch zu einem Verbrechen hat hinreißen lassen . Ich will , fuhr sie fort , Franceskos That nicht beschönigen , ich erkenne in ihr ein großes Verbrechen , das die Gesetze der Menschen mit dem Tode bestrafen , aber Gott , der die Tiefen seines Herzens kennt , wird sie ihm dennoch vergeben , und so bleibt auch meine Liebe ihm selbst im Tode treu , denn ist er auch ein Verbrecher , er ist kein Bösewicht , und wenn ihn Alles verläßt , so wird mein Herz ihm noch Trost , meine Seele noch Achtung bieten . Nicht ohne Rührung sagte Evremont , sich an Francesko wendend : Du siehst die Milde der ewigen Liebe abgespiegelt in einer Menschenbrust , aber wie uns dieser Anblick auch innig bewegt und uns zur Ehrerbietung zwingt , glaubst Du nicht , daß Gottes Liebe dennoch milder ist , als die auch der besten Menschen ? Darum ermanne Dich Francesko und gelobe mir Eins . Er bot dem reuigen Sünder die Hand , die dieser heftig ergriff , in demselben Augenblicke schmerzlich zusammenzuckend . Was hast Du wieder ? fragte Evremont mit edler Ungeduld . Es schmerzt und entzückt mich , sagte Francesko , daß Deine reine , großmüthige Hand so arglos in der Mörderhand ruht , die feindlich Dein edles Herz zu treffen suchte . Laß das , antwortete Evremont , ihm die Hand schüttelnd , und antworte mir , willst Du mir geloben , was ich von Dir fordere ? Ich will , sagte Francesko , und Gott sei mein Zeuge , ich will es noch treuer halten , als meinen freventlichen Eid . So gelobe mir , sagte Evremont feierlich , Dir selbst zu vergeben , wie ich Dir von ganzem Herzen verzeihe . Gelobe mir Deine künftige Buße nur in Werken der Liebe zu üben und es zu unterlassen , Dich selbst zu martern , damit Du den Deinen ein Trost sein und ihre Leiden mindern kannst , statt ihren Jammer zu vermehren . Gelobst Du mir dieß ? Ja , ich gelobe es Dir , sagte Francesko mit hervorbrechenden Thränen ; Du hast in dieser Stunde die Qualen der Hölle von meiner Seele genommen , und ich werde mir wieder ein Mensch unter Menschen und nicht mehr ein ausgestoßener Verbrecher scheinen . Evremont trat zu dem Tische , an dem das Mädchen gearbeitet hatte , und indem er zwei schöne Rosen nahm , sagte er zu ihr : Nicht wahr , Sie geben mir diese , daß ich sie meiner Gattin als ein Andenken an eine schöne Stunde bringe ? Lucretia neigte bejahend das Haupt , denn sie vermochte vor Rührung nicht zu sprechen , und Evremont verließ , von den Segenswünschen der Familie begleitet , die enge Wohnung , worin nun lauter beruhigte Gemüther zurück blieben . Auf der Straße angelangt nahm Evremont den ersten Miethwagen , der ihm aufstieß , weil er durch dieß Labyrinth von Straßen nicht nach seiner Wohnung zurückgefunden haben würde , und im Fahren überlegte er , was sich für Francesko thun ließe , denn ihm selbst irgend eine Unterstützung anzubieten und so sein Gefühl auf ' s Tiefste zu verletzen , vermochte er nicht . Er dachte an den General Clairmont und eilte noch denselben Morgen zu ihm , um ihm seine Wünsche vorzutragen , die der alte Freund seines Vaters gern zu erfüllen bereit war , dem er nur sagte , daß er sich eben erst nach einer langen Zwistigkeit mit Francesko versöhnt habe und ihm deßhalb nicht selbst Hülfe anbieten möge . Es kommt nur darauf an , sagte der General , daß ich , ohne daß es auffällt , mit Lamberti zusammentreffen kann ; das Uebrige wird sich machen , denn wenn ich auch selbst jetzt nicht dienen mag , so denken doch nicht alle ehemalige Kameraden wie ich , und ich habe unter den jetzigen Machthabern Freunde genug , die einen armen verstümmelten Krieger ehrenvoll anzustellen vermögen , und wenn Ihre Gabe durchaus verschwiegen bleiben soll , so steht es mir doch frei , eine Summe hinzuzufügen , damit ich mich nicht gänzlich mit fremden Federn schmücke . Eine Gelegenheit mit Francesko zusammen zu treffen , ohne ihn aufsuchen zu müssen , bot sich schon des andern Tages dar . Das in Paris neu gewordene Schauspiel der Einkleidung einer Nonne lockte viele theils andächtige , theils neugierige Zuschauer nach der Kirche , wo die Ceremonie Statt fand . Unter den letztern war der General Clairmont mit Evremont , und unter den ersteren Lamberti und die ihn begleitende Lucretia , die sich aufrichtig an der Handlung erbauten . Evremont hatte dem General den bleichen , abgezehrten Lamberti gezeigt , und als Jedermann die Kirche verließ , wurde dieser freundlich von dem General angeredet , der ihm auf die ungezwungenste Weise darüber Vorwürfe machte , daß er einen alten Kriegsgefährten nicht aufgesucht habe . Er forderte ihn auf , dieß wieder gut zu machen und gleich diesen Mittag bei ihm zu speisen , und als der Angeredete zögerte diese Einladung anzunehmen , sagte er : Sie werden Niemanden bei mir finden als Ihren Freund , den Obristen ; wir wollen uns ohne Zwang der vergangenen Tage erinnern . Er reichte ihm hierauf eine Karte mit seiner Adresse und sagte : Ich verlasse mich darauf , daß Sie kommen . Verwirrt verbeugte sich Francesko und nahm so die unerwartete Einladung an . Bei der Tafel konnte der General leicht das Gespräch auf die vielen Veränderungen , die jetzt in allen Zweigen der Staatsverwaltung vorfielen , wenden , und mit Geschicklichkeit erforschte er , wohin sich die Wünsche seines Gastes richteten , und sagte endlich : Ich zweifle gar nicht , daß ich Ihnen eine solche Anstellung werde verschaffen können . Nach der Tafel führte er ihn in sein Kabinet und zwang ihm eine Summe Geldes auf , die die ersten Einsichtungen erfordern würden und die er ihm in späteren Zeiten wiedererstatten könne . Mit freundlicher Gewalt setzte der General dieß durch und duldete weder Ablehnen , noch Widerspruch . Was ist es denn Großes , sagte er , ein verabschiedeter Krieger steht dem andern bei , das ist in der Ordnung . Als Beide in den Saal zurückkehrten , wo sie Evremont gelassen hatten , trat Lamberti zu diesem , der sich an ein Fenster lehnte , und sagte : Ich verdanke Dir auch dieß alles , ich weiß es wohl , der General ist zwanzig Mal an mir vorüber gegangen und hat mich nicht erkannt . Ich weiß wohl , Wer nun die Erinnerung an mich in ihm aufgefrischt hat , und ich ahne , was für einen Zusammenhang es mit seiner Freigebigkeit hat ; aber ich habe Deine Vergebung empfangen , Deine Hand hat in der meinen geruht , Du hast mich mit mir selbst versöhnt und mehr als ein Herz vom bittersten Schmerze erlöst . Nach allen diesen größten Wohlthaten , die ein Mensch dem andern erweisen kann , wie sollte ich nun nicht noch die kleinere auch von Dir empfangen können ? Mit sich selbst zufrieden verließ Evremont die Wohnung des Generals , und er hatte die Beruhigung , noch ehe er Paris verlassen konnte , zu erfahren , daß es dem alten Freunde seines Vaters in der That leicht geworden sei , sein Wort zu erfüllen , denn er hatte Lamberti in wenigen Tagen eine Anstellung verschafft , die ihn mit seiner Familie an die spanische Grenze führte und ihm dort ein anständiges Einkommen sicherte , und da sein Gemüth , von den Schmerzen der Reue geheilt , zum Frieden des Lebens zurückkehrte , so erfuhr Evremont später , daß die ihm so innig ergebene Lucretia ihr Schicksal noch fester mit dem seinen verbunden und ihm nach langer Treue ihre Hand vor dem Altar gereicht hatte . Endlich war auch Evremonts Geschäft in Paris geendigt . Er hatte seinen Abschied erhalten und eilte mit liebevollem Herzen über den Rhein in die Arme seiner ihn sehnsüchtig erwartenden Freunde zurück . XVI Mit der höchsten Freude wurde Evremont von seiner Familie begrüßt , die ihn nun erst ganz als den ihrigen betrachtete , da seine Verbindung mit Frankreich aufgelöst war , indeß er selbst über diesen Grund der Freude seufzte , denn ihn schmerzte es , daß er Frankreich nicht mehr sein Vaterland nennen sollte ; doch ging diese Trauer unter den schönsten Empfindungen des Glücks im Kreise der Seinen bald vorüber , und der Strom des Lebens schien nun einen ruhigen Gang zwischen blumigen Ufern nehmen zu wollen und nicht mehr über wilde Klippen zu schäumen . Die Stunden theilten sich zwischen Beschäftigungen und Vergnügungen ; Pläne zu kleinen Reisen wurden entworfen , so wie zur Verschönerung der Umgebung , und man gedachte bei diesen friedlichen Beschäftigungen oft des alten Dübois , dessen eigensinnige Entfernung die ganze Familie beklagte . Es sollten nach den Verschönerungsplänen , die der Graf und Evremont entworfen hatten , auf dem großen Hofe , der nach der Straße zu gewendet vor dem Eingange des Hauses lag , große Pflanzungen von Bäumen , blühenden Sträuchern und Blumen angelegt werden , zwischen denen hindurch ein Weg für die Wagen frei gelassen werden sollte , so daß dieser Hof künftig zur Zierde des Hauses dienen könnte , und die ganze Familie war auf demselben versammelt , wo der Graf und Evremont eben nach ihrem Plane die verschiedenen Plätze ihrer Bestimmung gemäß abstecken ließen . Man hatte mit Theilnahme dieser Arbeit zugesehen , bis ein auf den Hof rollender Wagen die Aufmerksamkeit Aller auf den Ankommenden lenkte . Die leichte von zwei Postpferden gezogene Equipage hielt vor dem Eingange des Hauses , und hinaus schauten unter weißen Augenbrauen die freundlichen Augen Dübois . Ein allgemeiner Ausruf der Freude bewillkommnete den zurückkehrenden Greis . Aller Hände streckten sich ihm entgegen und auch die Bedienten eilten , die Theilnahme ihrer Herrschaft nachahmend , herbei ; doch Evremont drängte sie zurück und er selbst bot dem Greise die Hand zur Stütze , der mühsam aus dem Wagen stieg , sich entzückt in dem freudigen Kreise umschaute und dann sagte : Hier ist mein Frankreich , ich habe es jenseits des Rheins nicht gefunden . Wie im Triumph wurde der alte Mann in ' s Haus geführt und er konnte seine Rührung nicht bewältigen , als Adalbert an seinem Halse hing , die von Alter gebleichten und gefurchten Wangen mit den frischen Rosenlippen zärtlich küßte , und sagte : Endlich habe ich Dich alten Papa Dübois wieder , nun darfst Du nicht wieder fort , und ich hoffe , Du hast mir schöne Sachen aus Deinem Frankreich mitgebracht . Ja wohl habe ich das , sagte der Alte , die Thränen von den grauen Wimpern trocknend , das wollen wir alles nachher auspacken . Man bemerkte jetzt erst einen zehn- bis zwölfjährigen Knaben , der dem alten Dübois gefolgt war und nun , verlegen an der Thür stehend , mit den großen schwarzen Augen im Saale umher blickte . Dübois erinnerte sich jetzt auch seiner . Er machte sich von Adalbert los , näherte sich ehrerbietig dem Grafen und sagte : Ich habe vielleicht das Vorrecht eines alten Dieners gemißbraucht , indem ich mir die Freiheit genommen habe , diesem edeln Hause einen neuen Diener zuzuführen . Ich habe mich dieser hülflosen Waise angenommen und glaube ihn um so sicherer Ihrem Schutze empfehlen zu dürfen , als ich diesen selbst im Hause des alten Grafen Evremont fand , der mich als hülflosen Knaben bei sich aufnahm und mich zum Diener seines Sohnes , meines seligen Herrn , bestimmte . So , dachte ich , könnte nun dieser Knabe seinem Urenkel , dem kleinen Grafen , dienen , wozu ich ihn selbst noch anleiten kann , wenn Sie ihn Ihres Schutzes würdigen . Wen Sie , guter Dübois , sagte der Graf , für würdig Ihres Beistandes halten , der ist mir ein willkommener Hausgenosse , und es freut mich , wenn ich für Ihren Schützling etwas thun kann . Dieß arme Kind , sagte Dübois , hat bei seiner Geburt schon die Mutter verloren . Der Vater ist bei den Verfolgungen der Protestanten kürzlich umgekommen , und es wagte Niemand aus Furcht vor den Geistlichen , die im südlichen Frankreich ihr Wesen treiben und sich Missionäre nennen , sich des armen Kindes anzunehmen , das , den Ermahnungen seines sterbenden Vaters gehorchend , seinem Glauben treu bleiben und nicht zur katholischen Kirche übertreten wollte . Die Geistlichkeit dort wollte ihn mit Gewalt in ein Kloster bringen , um , wie sie sagten , seine Seele zu retten , und dieß wäre auch wirklich geschehen , wenn ich mich nicht zum Erstaunen aller dasigen Einwohner seiner angenommen hätte . Um mich und ihn den Verfolgungen zu entziehen , gegen die mich auch mein graues Haar nicht geschützt haben würde , beschleunigte ich unsere Abreise , denn mich hielt nichts mehr in Frankreich zurück . Alle , die mir durch die Bande des Blutes jemals angehört hatten , waren theils in der blutigen Revolution , theils in den furchtbaren Kriegen umgekommen , und Frankreich selbst ist durch die unglückliche Revolution so entstellt worden , daß es seinen alten liebenswürdigen Charakter nicht wieder gewinnen kann , und der König selbst will das Alte auf eine Weise , daß es gar nicht mehr das Alte wird . Doch Gott behüte mich davor , daß ich meinen rechtmäßigen König tadeln sollte . Aber an die Stelle der Irreligiosität , die während der Revolution mein Herz erschreckte , soll nun eine Religionsunduldsamkeit treten , von der ich nicht glaube , daß sie Gott gefällig sein kann . Ich hoffe , fuhr der alte Mann mit Wärme fort , als ein ächter Katholik zu sterben , aber ich habe so viel Tugend bei Andersglaubenden gefunden , daß ich nicht befürchten kann , Gott werde sie verstoßen , wenn sie auch in manchen Punkten irren sollten , und deßhalb kann ihm die Verfolgung nicht wohlgefällig sein . Der Graf lobte die milde Frömmigkeit des alten Mannes und versprach für das Fortkommen des mitgebrachten Knaben zu sorgen . Als Dübois sein Zimmer betrat , rührte es ihn von Neuem , hier Alles in der Ordnung zu finden , wie er es verlassen hatte , als wenn seine Rückkehr täglich wäre erwartet worden , und als er sich von der Reise etwas erholt hatte , mußte er dem Dringen Adalberts nachgeben und die für ihn mitgebrachten Geschenke auspacken . Sehen Sie , sagte der alte Mann bei jedem Stück , das er dem neugierig zuschauenden Kinde vorzeigte , dieß ist französisches Spielzeug , dieß sind französische Farben , hier sind französische Bilderbücher , dieß sind französische Confituren , und als alle Herrlichkeiten vorgezeigt waren , deutete er auf den fremden Knaben , der bei dem Auspacken geholfen hatte , und sagte : Und dieß ist Ihr französischer Kammerdiener . Der große Nachdruck , den der Alte auf das Französische legte , bewirkte , daß Adalbert seine großen Augen mit einer Art von Ehrfurcht auf den so Bezeichneten richtete , die sich jedoch bald verlor , als der Angekommene sein Schulgenosse , sein Spielgefährte und sein Aufwärter zugleich wurde , und in keinem dieser Verhältnisse die Achtung aus den Augen setzte , die dem jungen Grafen gebührte , eine Sache , worauf Dübois streng hielt , denn er behauptete , das künftige Glück seines Zöglings beruhe darauf , daß er seine Herrschaft mit einem religiösen Gefühl verehre , denn alsdann würde es ihm nicht möglich sein , seine Pflichten anders als mit Ergebenheit und strenger Rechtlichkeit zu erfüllen , und wie sehr eine edle Herrschaft dieß anerkenne , lehre sein eignes Beispiel . Dübois hatte den heftigen Wunsch befriedigen wollen , sein altes , geliebtes Frankreich wiederzusehen , was vielleicht nie so da gewesen war , wie seine liebende Sehnsucht in der Ferne es sich gedacht hatte , und kehrte , in seiner Erwartung getäuscht , zu seinen wohlwollenden Freunden zurück , die er seine Gebieter nannte . Aber das Frankreich seiner Einbildung hegte er immer noch mit gleicher Liebe in seiner Seele und hoffte mit Zuversicht , daß es als höchste Vollendung menschlicher Einrichtungen sichtbar auf Erden erscheinen würde , wenn die Gemüther sich nur erst völlig von den Erschütterungen erholt haben würden , die die vielen Veränderungen veranlaßt hätten . Der Graf bestätigte seine Meinung in so weit , daß er die Ansicht aussprach , es sei unmöglich , daß so viel Blut vergeblich geflossen sei , und daß nicht endlich die Früchte aller gebrachten Opfer die Welt mit ihrem Segen erfreuen sollten . So ging das Leben nun einen gleichmäßigen und stillen Gang fort . Dübois machte es zu seiner Hauptbeschäftigung , Adalbert zu vergnügen und dabei für die Reinheit seiner Aussprache des Französischen zu wachen . Es erfreute ihn , daß Evremont französisches Obst pflanzte , und sein Auge entzückte jede seltene Pflanze , die der Graf aus Frankreich erhielt , weil sie ja früher in dem geliebten vaterländischen Boden gewurzelt hatte . Die Freunde scherzten jetzt zuweilen über die sonderbare Richtung , die der Charakter des alten Mannes nahm , denn