Nun eilten die Knechte , den Befehl zu vollziehen ; Montfort sprang jedoch zwischen Veit , welcher Margarethen mit sich fortreißen wollte , und Dagobert , der wüthend wie ein Löwe unter das Gesindel sprengen wollte . - » Weib ! « rief er der zornrothen Else zu , die so eben dem verrätherischen Knecht den Strang zum Lohne verhieß : » Weib ! Du selbst bringst Deinen Mann unter das Beil des Henkers ! « und in demselben Augenblicke ließen sich schmetternde Trompetenstöße vor der Burg vernehmen , die von einigen Hörnern in der Ferne beantwortet wurden . Diese kriegerischen Töne , Dagobert selbst unerwartet , machten auf die Burgleute den Eindruck wie Posaunen des letzten Gerichts . - » Ihr bringt uns alle auf ' s Blutgerüste ! « brüllte Doring dem erstarrenden Leuenberger zu : » Der Bursche hat nicht gelogen . Draußen liegen die Helfer , und wir sind verloren , ein schnell überwundnes Häuflein . Laßt das Weibsbild ziehen , und rettet Eure Haut ! « - Veit ließ es geschehen , daß Montfort die frohlockende Margarethe an Dagobert übergab , und Else weigerte sich eben so wenig , die Wiedereröffnung , des Thors zu befehlen . Die Gefangenen zogen aus , und Wallrade fühlte die Demüthigung , sehen zu müssen , wie Dagobert Margarethen auf sein Pferd hob , und dasselbe am Zügel führend , neben herging , ohne einen Blick , ohne ein Wort ihr , der Heuchlerin , zu schenken . - Frau Else sank , - in ohnmächtigem Grimm und banger Ahnung vergehend , trostlos , am offnen Thore nieder , den Abziehenden nachstarrend , und ein Gebet für ihren Gatten versuchend ; der Leuenberger rennte im Hofe wie ein hintergangner Teufel auf und nieder ; die Knechte glotzten unmuthig und leise fluchend dem Zuge nach , und sandten , da derselbe schon ferne war , noch einige Bolzen und Steine hinterdrein , die jedoch ihr Ziel nicht erreichten . - » Wir sehen uns wieder , « hatte Montfort beim Scheiden zu Dagobert gesagt : » und dann stehe ich Euch Rede ! « - Wallrade hatte ihm einen vernichtenden Giftblick zugeworfen und schritt verdrossen neben Dagobert hin . In kleiner Entfernung kamen den Befreiten Vollbrecht und der Trompeter entgegen , und jubelten , Dagobert gesund und unversehrt wieder zu erblicken . - » Wahrlich , « sprach der Knecht : » wir hatten Angst , da die Zeit verrann und Ihr nicht wiederkehrtet . Und als nun vollends die Brücke aufflog , glaubten wir Euch hingemetzelt und sprengten fort . Doch , kaum an jenes Tannengehege gelangt , ersehen wir eine Schaar von Gerüsteten , die eilig heranziehen . Der Trompeter bläst , das Hifthorn des Führers antwortet , und ein Reiter voran , schwingt im Sonnenstrahl die . Lanze . Frankfurter sind ' s , und , trüge ich mich nicht , an ihrer Spitze der Edelknecht , mein ehemaliger Herr . « - Die Söldner kamen so eben heran , und der Hülshofner in eigner Gestalt sprang vom Gaule , und fiel seinem Freunde um den Hals . - » Gott sey Dank , « rief er , » daß Euers Vaters Besorgniß vergebens war , und wir , die Nachgesandten , Euch wohl und heil antreffen . Was mich betrifft , der ich freiwillig diesen Ritterzug , Euch zu beschirmen , unternahm , ich bin schier aufgebracht darüber , daß ich nicht für Euch Sturm laufen , nicht für Euch mich herumbalgen darf . Die Hunde sollten meine Faust gespürt haben . « - Er erblickte nun Wallraden , und bot ihr , höflich genug für einen rohen Gesellen , sein eigen Pferd zum Dienste an . Das Fräulein schlug es , mit einem unwilligen Blick aus ihren Bruder , aus . Dagobert gebot seinem Knechte , sein sanftes Pferd Wallraden zu leihen , und half ihr in den Sattel . Während dessen sprach Wallrade hämisch zu ihm : » Dein unzartes Benehmen gegen mich war mir ein Räthsel . Der Edelknecht hat es gelöst . Der Vater hat sicher Friede mit Dir gemacht , und Dein Übermuth ließ die Überwundne zu Fuße gehen , neben dem Rosse Deiner so sehr geliebten Stiefmutter . Nicht wahr , Du stilles Wasser , Du ehrliches Auge Du ? « - » Ich antworte Dir nur , « versetzte Dagobert still , aber , ernst , » daß ich Dir rathe , Deine giftige Zunge im Zaume zu halten . Wisse , Unselige ; Rüdiger starb in meinen Armen : gebeichtet hat er mir Deine Frevel . Ein Versuch von Dir , den häuslichen Frieden meines Vaters zu stören , und ich spreche ohne Schonung , Du entartetes Weib , Du gefühllose Mutter ! « - Wallrade wurde bleich , wie der Schnee , und Dagobert kehrte , ohne ihre Erwiederung zu erwarten , und sie der Leitung Gerhard ' s überlassend , zu Margarethen zurück , welcher der Unmuth in seinen Mienen nicht entging . - » Ihr habt mit Wallraden Zwist gehabt ? « fragte sie : » O erzürnt Euch nicht um dieses Weibes willen . Gott stärke nur mich . In den wenigen Tagen , die ich auf Neufalkenstein verlebte , hat Wallrade mir durch ihre Bosheit fast das Blut vom Herzen gesaugt ; was wird meiner erst warten , betret ' ich wieder Diether ' s Haus , vor welchem ich mich fürchte , wie vor der Hölle ? « » Der Vater ist versöhnlich geworden , « entgegnete Dagobert : » der böse Geist ist von Saul gewichen . « - » Ihr seyd das Vertrauen selbst , « sagte Margarethe ; » und warum solltet Ihr auch nicht ein Kind seyn , das fröhlich und treu Glauben gibt , und Glauben fordert ? Ihr seyd edel und bieder , ohne Falsch , ohne strafendes Bewußtseyn , .... nicht ich also , mein Freund , und darum scheue ich meines Herrn Antlitz und meine Rückkehr in sein Haus ! « - » O , Mutter , « redete dagegen Dagobert : » wie unglücklich habt Ihr selber Euch gemacht durch einen Schritt vom Pfade der Wahrheit ! Versucht nicht , mir Alles zu bekennen , denn ich weiß schon Alles , und als Euer Sohn schweige ich in Ehrfurcht vor Euch . Aber , so wie Euer Mund schweigen mag gegen mich , also mögt Ihr ihn aufthun gegen den Mann , dem Euer Vertrauen gebührt , gegen meinen Vater . Bekennt ihm offen Eure Schuld , damit er nicht aus dem Munde des Zufalls sie erfahre ; vertraut seiner Liebe zu Euch , die nicht erlosch unter der Last von Argwohn , welche er auf seinem Herzen trug , - die nicht unterging unter der Fluth von Verläumdung , mit welcher Neid und Bosheit Euern guten Ruf besteckte . Ihr werdet Euer Schicksal durch die Hand geschäftiger Freunde entweder , oder durch ein Verhängniß , das Euch wohl zu wollen scheint , gestellt finden , daß Euer Bekenntniß Euch unnöthig , vielleicht gefährlich vorkommen dürfte . Traut aber dieser einflüsternden Stimme , die nicht Euer Bestes will , nicht mehr . Das Verhängniß kann gleißen und Euch um so tückischer verderben ; Willhild könnte plötzlich wiederkehren .... « - » Ja ; Ihr wißt Alles ! « rief Margarethe händeringend : » Ihr wißt Alles , und Ihr schwiegt bis jetzt ? O , welch ein Zufall hat Euch entdeckt .... ? Warum habe ich gegen Euch geschwiegen ... ? warum ... ? Hätte ich wiederkehren können aus dem Garne , in dem mein abenteuerlicher Vorsatz mich verstrickt hat , auf dem Schellenhofe , wohin ich Euch beschied , hätte ich Alles Euch vertraut , ich hätte .... « » Unnöthige Mühe ; « versicherte Dagobert : » ich wäre nicht erschienen . Der unschuldigen Gattin meines Vaters war ich ein aufmerksames Ohr , eine hülfreiche Hand schuldig ; der des Fehls bewußten hingegen durfte ich nicht folgen , um gegen den Vater in eine Verschwörung zu treten . « Margarethe schwieg beschämt . Dagobert , darüber betroffen , und unwillig über seine Freimüthigkeit , suchte ein fröhliches Ende an den betrübten Anfang des Gesprächs zu binden . » Laßt ' s gut seyn , Mutter ! « sprach er : » ich wollte Euch nicht kränken , sondern Euch Muth machen , und die Erkenntniß Eures bessern Theils in Euch erwecken . Nicht vergeblich hab ' ich das gewollt , und darum bin ich der Eure mit Hand und Mund , sobald Ihr aufrichtig und Eurer würdig zu seyn begehrt . Mag dann der Vater auch vielleicht aufbrausen und den Zorn , den gerechten , anlegen , - nehmt ' s hin in Geduld um Eurer Sünden willen , und daß es nicht zu arg werde , und zu jämmerlichem Ausgang führe , - dafür laßt mich sorgen . Ich bin mit der Vehme fertig geworden , ich habe Wallraden kirre gemacht , und das Diebsgesindel dort in seinen eignen Schlupfwinkeln zu Paaren getrieben - ich werde doch wahrhaftig an einem guten Vaterherzen nicht erlahmen . Es ist ein herrlich Ding , zur Sühne reden , und Friede stiften , und ich will ' s fürder treiben , wenn auch nicht im Chorrock . Doch , ich merke , daß die Schatten länger wurden und die Pferde ermüdet einherschreiten . Wir wollen daher in der Schenke dort unser Nachtlager ausschlagen , um Morgen mit dem Frühsten in der Stadt einzuziehen , wie es den Siegern für eine gute Sache geziemt . « - Margarethens Angst hatte keine Eile , in Diether ' s Haus zurückzukehren ; Gerhard hatte nicht das Mindeste gegen einen Rastabend , der sich beim Becher ruhig zubringen ließ ; Wallradens Gewissen hatte das Fräulein unwohl und krankhaft gemacht . Die übrigen zu Fuße laufenden befreiten Gefangnen waren müde geworden , und Alle sehnten sich nach Ruhe . Dagobert ließ das ganze Haus von den Söldnern umlagern , schaffte Margarethen in die beste Stube des Gebäudes ; trennte Wallraden von ihr , und schlief , um die Hinterlistige zu verhindern , früher als er dem Vaterhause zuzueilen , auf seiner Schwester Schwelle . Vollbrecht aber sprengte noch am selben Abend nach der Stadt , um die fröhliche Botschaft ohne Verzug zu hinterbringen . Viertes Kapitel . Stärker noch als Frauenhaar , - Starke Fesseln doch fürwahr , - Stärker auch als Fürstenhand , Die regiert das ganze Land , Ist des Vaters treue Lieb ' ! Helvet . Denkspruch . Das abgelegenste und verschlossenste Plätzchen , viele Meilen in der Runde , war in dem Forste um das Ritterhaus Dürningen , die Stelle , auf welcher die Forsthütte erbaut war . Das Gebäude , fest und stark aus Baumstämmen zusammengefügt , war auf einer Grasfläche errichtet , die dem schönsten bunten Teppiche aus den Niederlanden glich , rings umgeben von einem schwarzgrünen dichten Waldsaum , welcher , durch angepflanzte Hecken zu einer undurchdringlichen Wand gemacht , nur einen einzigen Eingang auf die Hütte zuließ . Dieser Zugang , war demungeachtet nicht leicht zu finden , unter den vielen Schlangenwegen , die durch den Wald liefen , und der Fremde , um zur Hütte zu gelangen - mußte es entweder dem günstigen Zufalle verdanken , oder etwa dem Schall der Glocke folgen , die zur Mittagszeit vor der Hütte geläutet wurde , um das im Forste gehegte Wild zum Futter zu rufen . Der Pfleger dieser Waldthiere , die in ungemeiner Anzahl gehalten wurden , weil die Frau von Dürningen , weder an der Jagd Freude hatte , noch täglich einen Wildbraten für ihren Tisch verlangte , - wohnte nun in dem aus Baumstämmen erbauten Hause , warf dem Wildvolke sein Futter vor , wählte die zur Küche bestimmten Stücke aus , und wachte zunächst über die Sicherheit der Waldung , die früherhin häufig von unbefugten Schützen und Holzfrevlern beunruhigt worden war . Der Herr von Dürningen selbst war von einem solchen Wilddiebe mit einem Bolzen durch die Brust geschossen worden , wie er gerade vor der Thüre der Hütte stand , und seine Rehe überzählte ; er war auch alsobald auf diesem Platze gestorben , und seine Wittib hatte sich nicht entschließen können , jemals wieder die Stelle zu sehen , auf welcher das Blut ihres lieben Eheherrn geflossen war . Desto öfter schlich sich dagegen Regina , der Freiin Tochter und einziges Kind auf die bunte Wiesenfläche , setzte sich nieder auf den Buchenstumpf , neben welchem ihr Vater verschieden , gedachte in fröhlich wehmüthiger Erinnerung seiner , ob sie gleich bei seinem Tode nur ein ganz junges Mägdlein gewesen , und es däuchte ihr , als könnten nirgends die Blumen des Feldes schöner blühen , als gerade auf dem Hügel um den Buchenstrunk . Es traf sich oft , daß sie mit dem frühesten Morgen schon sich auf der bethauten Stätte einfand , um die perlgefüllten Waldglocken zu pflücken , und mit Butterblumen in einen Kranz gewunden , an den Resten des Buchenbaumes aufzuhängen , weil sie denselben höher wie die Grabstätte des Vaters selbst hielt . Es war nicht minder nichts Ungewöhnliches , sie am Abend wiederkehren zu sehen , um Kräuter zu pflücken zu kräftigen Suppen für die kränkelnde Mutter . Zu dieser Zeit war sie auch immer die fröhliche , unbefangen aufblühende Dirne im schönsten Lebensalter , und nicht beschlich sie die Trauer , wie wohl am Morgen geschah . Sie scherzte mit dem zahmen Hirschlein , das auf der Forsthütte gehalten wurde , spielte mit den braun und weißgefleckten Hunden des Waldwärters , oder plauderte kindisch geschwätzig noch mit dem Staarvogel des Hauses , welcher die Jägerrufe : Hussa ! Sa sa ! Hoho ! gelernt hatte , und ausschrie in den hallenden Wald ; oder sie hörte dem alten Forstwart selbst aufmerksam zu , wenn er von seinen Lebensabenteuern anhob , bis die blaudüftige Abendluft kühler wurde , und das Rosenlicht der Sonne an den Tannenwipfeln verglühte . Dann eilte sie , schnellfüßig wie die Rehe , die hie und da über ihren Pfad schwirrten , - so daß kaum der Wärter , ihr gewöhnlicher Begleiter zu Abend , ihr zu folgen vermochte , nach dem Edelhof zurück . Die Mutter wußte von ihren Waldgängen sehr genau und umständlich , aber sie dachte nicht daran , der Tochter diese harmlose Lust zu verbieten , weil sie gefahrlos zu genießen war . Der Wald war nämlich , seit der alte Ammon auf der Forsthütte hauste , so sicher geworden , als er vor dem unsicher gewesen . Plötzlich hatten die Diebereien darinnen aufgehört , und die losesten Gesellen und Gaunervögel scheuten sich in die Nähe von Ammons Wohnung zu kommen , und schlugen ein Kreuz , so sie der Zufall dann und wann Abends am Rande des Forstes vorüberführte . Der Forstwart stand nemlich in dem Rufe , einen Bund mit dem Bösen gemacht zu haben ; ein Glaube , der im Bauervolke nicht auszurotten war . Der Alte , obgleich geboren auf dem Hofe der Dürninger , kam den Nachbarleuten dennoch vor , wie ein Fremdling . Er war als ein trefflicher Falken- und Sperberlehrer , mit Befugniß seines Leib- und Zwingherrn , in die Fremde gegangen , um seine Wissenschaft zu erweitern , ein Stück Geld zu verdienen , und nach Verlauf der ihm erlaubten drei Jahre zurückzukehren mit wohlabgerichteten Beitzvögeln für den Herrn . Er kehrte aber nicht wieder , und konnte auch keine Falken senden ; denn Neubegier und Leichtsinn hatten ihn über das pyrenäische Gebirg nach dem Lande Hispanien geführt , woselbst er in die Gewalt der unglaubigen Mauren gerieth , jedoch bald aus einem geplagten Knecht der Liebling des Königs seines Herrn wurde , seiner Geschweidigkeit und kecken Natur halber . Von diesem Könige , nach manchem Jahre , in Afrika gesendet , um ein Gespann von Leuen zu erhandeln , und nach Spanien zu bringen , als eine Zierde der königlichen Gärten ; kam ' s ihm plötzlich ein , daß es doch besser sey , umherzuschweifen wie der freie Löwe , statt wieder in den goldnen Käfich zu kriechen . Ohne sich zu besinnen , suchte er den Weg zum gelobten Lande , wo der Herr gewandert ist in Menschengestalt . Ein widriges Geschick verfolgte ihn in Palästina , und nackt wie ein Bettler , schiffte er von einem mitleidigen Schiffer aufgenommen , übers Meer , zurück gedenkend nach der Heimath . Stürme verschlugen das Fahrzeug an die Küsten des griechischen Kaiserthums , und ein Seeräuber von dem tapfern muhamedanischen Volke , das schon beinahe ganz Griechenland unterjocht hatte , fieng es auf mit Mann und Maus . Wieder manches Jahr verlebte Ammon unter den Zelten der Sarazenen , und begehrte , an dem wilden Leben Freude findend , schier nimmer von ihnen weg , als nach einer schweren Krankheit plötzlich ihn das Heimweh überfiel , das schon Manchen in der Fremde den Garaus gespielt hat . Da trieb es ihn fort auf nackten Sohlen und in die Lumpen des Elends gehüllt , durch die Wildnisse und Moräste der Bulgarei , ohne Säumen , ohne Ruhe , bis er die Länder erreicht hatte , wo man weder den Propheten anruft , noch auf griechische Weise das Kreuz macht . So kam er endlich an in der Gegend , wo er geboren worden , ein fremder , unbekannter Mensch , mit ungewohnten Sitten , ausländischen Gebräuchen und in der heidnischen wilden Sprache besser erfahren , denn in der vaterländischen . Als ein schmucker Bursche war er von dannen gezogen , und ein wilder rauher Greis kam er heim , mit der Röthe eines heißen Himmelsstrichs auf den benarbten Wangen , und mit geschornem Kopfe , aus welchem nur sparsam die Stoppelspitzen des weißen starren Haars wieder heraufteimten . Der Herr von Dürningen hatte Erbarmen mit dem alten Landstreicher und setzte ihn in den Wald als Forst- und Wildhüter . Er hatte just den Diener in sein Haus geführt , und ihm die Zahl der Rehe angegeben , als sein Stündlein schlug . Ammon schwur dem unbekannten Thäter und seinem Gelichter unversöhnliche Rache , und hielt sein Wort . Mit der gräßlichsten Strenge gieng er zu Werke ; die Holzdiebe peitschte er zum Sterben ; die auf ' s Wild lauernden Räuber ereilte er leise wie der Tod , und ehe sie sich ' s versahen , saß ihnen auch schon der Tod im Herzen , den der wilde Ammon aus einer tragbaren Donnerbüchse , die er selbst verfertigt hatte , schleuderte , ohne nur einmal seines Ziels zu verfehlen . Diese Sicherheit im Schuß , und der Umstand , daß ihn nimmer ein Bolzen getroffen , von denen , die man oft aus Busch und Dickicht meuchlings gegen ihn versandte , schreckte die Bösewichter schon , die auf übernatürliche Künste zu schließen gern bereit sind . Bald theilte das ganze Landvolk , um und um , diese Meinung . Ammon ging nie zur Kirche , wurde nie betend gesehen , und zeigte sich immer so finster und verschlossen , daß Jedermann , darauf schwur , er stehe mit dem Gottseybeiuns im Pakt . Dieser Glaube schien nicht ohne Grund zu seyn , da Ammon häufig bei Nachtzeit in Wald und Moor herumlief , Ottern suchte , und ihr Fett zu gewissen Salben bereitete , und seine Hütte offen stehen ließ , ohne Furcht . Einige Waghälse hatten zwar einmal den Augenblick benützen wollen , da der Alte nicht zu Hause war , um dasselbe zu berauben , oder in Asche zu legen , allein sie fanden in einer ungeheuren Wolfsfalle auf spitzigen Pfählen den Tod , und Ammon hing ihre Leiber zur Warnung für Andre an den Fichten auf , neben welchen der Eingang in den Wald führte . Nun floh ihn und seinen Aufenthalt , was in der Umgegend lebte , Regina ausgenommen , die das Geheimniß gefunden hatte , sich die gutmüthige Theilnahme des verwilderten Greisen zu gewinnen , indem sie seinem polternden Wesen Gleichgültigkeit entgegensetzte , seinen Erzählungen ihr aufmerksames Ohr nicht entzog , und ihn auf jede Weise in Schutz nahm , wenn nachbarliche Zungen die fromme Mutter vor dem alten Knechte warnten , der zu keiner Messe gieng , und den geselligen Verkehr mied , wie die Sünde . Nach wie vor fand das Fräulein seines Tages Freude auf dem stillen Waldplatze , und war eines Morgens , wie gewöhnlich , beschäftigt , einen Kranz von Wiesenblumen zu flechten , als der Schall mehrerer menschlichen Stimmen unter den Baumgewölben vernehmbar wurde , - Stimmen , die sich anriefen , und Verirrten , des Weges unkundigen zu gehören schienen . - » Ammon ; « sagte Regina zu dem Alten , der , unweit von ihr , ein Jägernetz ausbesserte : » Geh doch hin , und weise die Leute zu recht . « - » Ei was ! « brummte der Forstwart entgegen : » Haben sie sich hereingefunden , mögen sie auch sehen , wie sie wieder hinauskommen . Führt sie der Weg hierher , dann will ich ihnen schon den Weg weisen . « - Diese letzten Worte begleitete er mit einer sehr nachdrücklichen Geberde , die auf keinen guten Empfang der ungeladeuen Gäste schließen ließ . - Regina warf ihm seine Unverträglichkeit vor , und verbot ihm ernsthaft jede Gewaltthat , insofern die Verirrten hieher gerathen , und nach dem Wege fragen sollten . Sie hatte kaum ausgeredet , als sich schon am Eingange des Platzes ein Mann zeigte , welchem ein Frauenbild folgte , und ein anderer Mann , der einige Gäule nach sich durch den Wald zog . Ach ! wie ging in Reginens Seele die Erinnerung an den letzten Osterabend auf , den sie in Frankfurt zugebracht . Denn der junge Mann , der so bescheiden sich nahte , um nach der rechten Straße zu fragen , war - sie wußte es ganz gewiß - der anmuthige Junker , sie eine Königin genannt , und der erste Mann gewesen , der wohlthuend ihren Reitzen vor aller Augen Gerechtigkeit hatte wiederfahren lassen . Der ernsthafte Ausgang jenes fröhlich begonnenen Ostermahls hatte ihre , jugendliche Brust wit Bewunderung für den kühnen Jüngling erfüllt , der die unverletzlichen Menschenrechte muthig vertheidigte gegen den schnöden Vorwurf , - und dann und dann und wann war des Jüngling Bild noch wiedergekehrt vor ihre Seele , und hatte immer den Wunsch im Gefolge gehabt , ihn einst wieder zu sehen , - ihn bald wieder zu sehen ; nicht im Ernst eines schon Standes und Alters , sondern noch im Schmuck , in der fröhlichen Freiheit jugendlichen Lebens , Plötzlich nun war dieser Wunsch erfüllt worden , und Regina , davon überrascht , zögerte nicht , ein harmloses Kind der Natur , dem Ankömmling entgegen zu eilen , ihn zu begrüssen , seine Hand zu schütteln wie ein Mann , und ihm das Anerbieten zu machen , ihn zu ihrer Mutter zu führen , die erfreut seyn würde ihn zu sehen . Dagobert , wohlthätig überrascht von diesem Empfang , den er in diesen Wäldern nicht erwartet hatte , warf einen forschenden Blick um sich her , und sprach zu Reginen : » Mein gutes Fräulein ! Es ist als ob mich Gott hiehergeführt hätte , in diesen traulichstillen Wald , und in Eure Nähe . Ihr befehlt als Herrin hier , und so Ihr wollet , könntet Ihr mir größere Huld verleihen , als ich Euch je vergelten könnte . Wir sind seit Mitternacht geritten auf ' s Geradewohl in die Welt hinein , verfolgt von Ungewitter und gefährlichen Menschen , die es auf dieser Jungfrau Leben abgesehen hatten . Die Unglückliche hat jedoch kein Obdach für die erste Zeit , und heilige Pflichten rufen mich auf mehrere Tage von ihrer Seite . Wäret Ihr wohl geneigt , meine liebliche Königin , in deren duftigen Wald und Blumenreiche wir angekommen sind , eine kurze Zeit hindurch , dieß edle , sonder Verschulden in ' s Elend gerathene Mädchen in diesem stillen Hause verborgen zu halten vor Jedermann , - die Mutter selbst nicht ausgenommen , - weil die Jungfrau hier noch keine Christin ist , sondern sich erst vorbereiten will , zum heiligen Bunde zu treten ? Eine kurze Frist nur , - dann sorge ich ferner für Esther ' s Geschick ; ... den alten Mann dort wenn er ihr verschwiegener Hüter seyn wollte , würde ich lohnen , wie ein Fürst nur kann , und ewig dankbar seyn , mein Fräulein . « Es wallte sich in Reginens Busen die Begierde auf , dem bewunderten jungen Manne einen Dienst zu leisten , und es schmeichelte nicht wenig ihrer kleinen Eitelkeit , hier , ganz im Stillen , eine Handlung der Oberherrschaft auszuüben . Ihr Auge verweilte indessen forschend und ernst auf Esther ' s Angesichte , und je reizender ihr dieses vorkam , je deutlicher wurde ihr ein geheimer Widerwille , der in ihr aufstieg , und ihr widerrathen wollte , sich der allzuschönen Fremden anzunehmen . Ihre Haltung wurde dadurch gemessener . Der schlanke Leib , sonst in Geberden und Bewegung zwanglos frei sich regend , nahm die Stellung einer prüfenden , mißbilligenden Herrin an , und ihr Blick wandte sich halb verlegen gegen Ammon , in dessen Gesichte sie indessen zu ihrer Verwunderung keine finstre Verwirrung , sondern eine wohlgefällige , seltne Heiterkeit wahrnahm . - » Sprecht doch mein Urtheil , « sagte hierauf . Dagobert schmeichelnd , und führte Esther dem Fräulein entgegen : » Seht , holdes Fräulein , dieses seltne Geschöpf , und gesteht , daß selbst unter dieser niedern Hülle eine Blüthe verborgen ist , die mit den Schönsten Eures stilles Reichs den Wettstreit beginnen kann , ... Eure Majestät , wie sich ' s gebührt , ausgenommen . « - Das Fräulein mußte über diese scherzhafte Schmeichelei lächeln , und schon ließ ihre angeborne Fröhlichkeit die Larve der gezwungenen Bedenklichkeit sinken . - Esther , die es deutlicher fühlte , was in dem Busen Regineus , der kaum entwickelten Jungfrau , vorging , schwieg , ergeben in ihr Schicksal , und senkte erwartungsvoll die schöne Wimper über das schönre Auge . - Regina , zweifelnd , zögernd , nachgebend und dennoch widerstrebend , ließ sich in abgebrochenen Worten vernehmen . Sie äußerte , es falle ihr schwer , vor ihrer lieben Mutter ein Geheimniß zu haben , ob sie gleich im selben Augenblicke zugab , es sey nichts leichteres , als das Geheimniß zu bewahren , weil die Frau von Dürning nimmer diesen Platz besuche . Aber ihre Bedenklichkeiten beschränkten sich endlich darauf , daß sie nicht wisse , ob es nicht eine Sünde sey , eine Jüdin heimlich zu hegen , und ob Ammon sich bewegen lassen würde , die Ungläubige in seinem Hause aufzunehmen . Dagobert bekämpfte den ersten Theil dieses Vorwandes mit der Betheuerung , Esther verlange nichts Sehnlicheres , als eine Christin zu werden , und Ammon stellte seinerseits Reginen völlig sicher . » Mir ist gleich , « sprach er , ob ' s ein Türke , ein Heide , oder ein Jude ist , der unter meinem Dache haußt , so Ihr ' s befehlt , mein Fräulein . Gott ist überall , und - getauft oder nicht getauft , - Gottes Sonne bescheint uns überall , und dem Heiden wachsen so gut seine Saaten , als dem Christen ; und des Christen Feld zerschlägt der Hagel eben so gut , als des Ungläubigen Korn . Sagt , ob Ihr wollt , Fräulein , und mehr bedarf es nicht . - Und da Regine einen neuen , wohlwollendern Blick auf die schöne Fremde warf , und sich nicht verhehlen konnte , daß sie eben so schön sey , und rein in ihren Zügen , als wie das kunstreiche Marienbild im Edelhofe ; - als endlich Esther ihre Augen aufschloß , das Fräulein in den ganzen Zauber dieser Paradiesessterne sehen ließ , und mit der schmelzend weichen Stimme , der nichts widerstehen konnte , die Worte sprach : » Verstoßt mich nicht , gute , edle Jungfrau , und vergelten wird ' s Euch der hochgepriesne Gott , und meines Vaters Segen , und meines edeln Freundes Dankbarkeit ! « - Da hätte Regina nicht das gefühlvolle , reine Mädchen seyn müssen , um nicht einzuwilligen von Herzen . - So wohnte denn nun , von jenem Augenblicke an , Esther in der Hütte des Forsts zu Dürningen , und der alte Ammon sorgte für ihre Bedürfnisse , so gut als er es vermochte , denn er war geschmeidig geworden durch die Erinnerung , durch diesen Zauber , der den Menschen durch das Leben geleitet , und im Greise stärker wirkt , als im Jüngling selbst , weil sein Daseyn blos nur in der Vergangenheit liegt . Auch der wilde Falkenjäger hatte einst geliebt , da sein Scheitel noch umwallt war von braunen Locken , und seine Jugend in der schönsten Blüthe stand ; und diese Liebe war ein Maurisches Mädchen gewesen , herstammend aus glühender Zone , und ähnlich den Zügen Esther ' s. Seit vierzig Jahren war diese Dirne aus den Lebenden geschieden , von gäher Krankheit dahingerafft , in einer Zeit , wo Ammon seiner Väter Glauben willig hingeworfen hätte , um das schöne Kleinod sein zu nennen . Seit vierzig Jahren feierte Ammon alljährlich des Mädchens Todestag , und nun , da Kida ' s Bild merklich schon abgebleicht worden war in der Kammer seines Gedächtnisses , - nun war sie gleich wie auf ' s Neue lebendig geworden in der reizenden Esther , zu ihm getreten in seine Wildniß , - ein freundlicher Engel , ein Trost für seine leere Brust . Darum hatte er auch dem Mädchen die einzige Stube des Hauses eingeräumt , und sich auf den Speicher gebettet : darum hatte er , rund um die Hütte , neue , gefährliche Fallen und Gruben angelegt ,