dann in unbeschränktem Verkehr mit Wanda bleiben . « Die Nähe von Rakowicz ! Der unbeschränkte Verkehr mit seinen Bewohnern ! Das entschied alles . Die Wangen des jungen Mannes flammten , als er erwiderte : » Bestimme du das ganz nach eigenem Gefallen ! Ich bin damit einverstanden . Ich gehe zwar noch nicht dauernd nach Wilicza , aber ich begleite euch jedenfalls dorthin , und die Universität hat ja auch in jedem Jahre längere Ferien . « Die Fürstin reichte ihm die Hand . » Ich danke dir , Waldemar , in meinem und Leos Namen . « Der Dank war wohl aufrichtig gemeint , aber es lag doch keine rechte Wärme darin , und ebenso kühl klang die Erwiderung Waldemars : » Ich bitte dich , Mutter – du beschämst mich . Die Sache ist ja abgemacht – und jetzt darf ich doch wohl endlich nach dem Strande ? « Er schien um jeden Preis einer längeren Unterhaltung entfliehen zu wollen , und die Mutter hielt ihn nicht mehr zurück ; sie mußte zu gut , wem sie den soeben erfochtenen Sieg verdankte . Am Fenster stehend , sah sie , wie der junge Mann in stürmischer Eile durch die Gartenanlagen nach dem Strande schritt , und kehrte dann wieder zum Schreibtische zurück , um den vorhin begonnenen Brief an ihren Bruder zu vollenden . – Der Brief war soeben beendigt und die Fürstin stand im Begriff , ihn zu siegeln , als Leo bei ihr eintrat . Er sah fast ebenso erhitzt aus , wie vorhin sein Bruder , aber bei ihm war es augenscheinlich innere Aufregung , die ihm das Blut in die Schläfe trieb . Mit finsterer Stirn und fest zusammengepreßten Lippen näherte er sich der Mutter , die befremdet aufsah . » Was ist dir , Leo ? Weshalb kommst du allein ? Hat Waldemar dich und Wanda nicht gefunden ? « » O gewiß ! « versetzte Leo in erregtem Tone . » Er kam schon vor einer Viertelstunde zu uns . « » Und wo ist jetzt ? « » Er macht mit Wanda eine Fahrt in das Meer hinaus . « » Allein ? « » Jawohl . Ganz allein ! « » Du weißt doch , daß ich dergleichen nicht liebe , « sagte die Fürstin unwillig . » Wenn ich dir Wanda bei solchen Gelegenheiten anvertraue , so ist das etwas andres . Ihr seid wie Geschwister zusammen aufgewachsen und daher zu der Vertraulichkeit von Geschwistern berechtigt . Waldemar steht ihr in jeder Beziehung ferner , und überhaupt – ich wünsche kein so ausschließliches Zusammensein der beiden . Die Segelfahrt war ja von euch gemeinsam verabredet worden . Weshalb bist du nicht bei ihnen geblieben ? « » Weil ich nicht immer die Rolle des Ueberflüssigen spielen will ! « brach Leo aus . » Weil es mir kein Vergnügen macht , zuzusehen , wie Waldemar fortwährend an Wandas Blicken hängt , wie er thut , als ob es nichts auf der Welt gäbe , als sie allein . « Die Fürstin drückte ihr Petschaft auf den Brief . » Ich habe dir schon einmal gesagt , Leo , was ich von diesen Eifersüchteleien halte . Fängst du schon wieder damit an ? « » Mama , « – der junge Fürst trat mit sprühenden Augen dicht an den Schreibtisch – » siehst du denn nicht , oder willst du nicht sehen , daß Waldemar deine Nichte liebt , daß er sie anbetet ? « » Und was thust du denn ? « fragte die Mutter , sich ruhig in ihren Sessel zurücklehnend . » Doch wohl genau dasselbe , wenigstens bildest du es dir ein . Ihr werdet doch nicht verlangen , daß ich diese Knabenschwärmereien ernst nehmen soll ? Du und Waldemar , ihr seid gerade in dem Alter , wo man notwendig ein Ideal haben muß , und Wanda ist bis jetzt das einzige junge Mädchen , dem ihr vertraulicher nahen dürft . Zum Glück ist sie noch Kind genug , das Ganze als ein Spiel anzusehen , und deshalb allein gestatte ich es . Würde sie jemals Ernst daraus machen , dann wäre ich genötigt , einzuschreiten und eurem Verkehr engere Grenzen zu ziehen . Das wird aber , wie ich Wanda kenne , nicht geschehen ; sie spielt mit euch beiden und lacht über euch beide . Also schwärmt immerhin für sie ! Deinem Bruder zumal kann diese Uebung in der Ritterlichkeit nicht schaden ; sie fehlt ihm leider noch gar zu sehr . « Das Lächeln , das diese Worte begleitete , war nun freilich tief verletzend für eine jugendliche Leidenschaft ; es wies sie vollständig in den Bereich der Kinderspiele . Leo schien nur mit Mühe an sich zu halten . » Ich wollte , du sprächest einmal mit Waldemar in diesem Tone von der › Knabenschwärmerei ‹ , « erwiderte er mit unterdrückter Heftigkeit . » Er würde das nicht so ruhig hinnehmen . « » Ich würde ihm so wenig wie dir verhehlen , daß ich es für eine Jugendthorheit halte . Wenn du mir nach vier oder fünf Jahren von deiner Liebe zu Wanda sprichst , oder Waldemar es thut , dann will ich euren Empfindungen Wert beilegen ; für jetzt könnt ihr noch ohne alle Gefahr die Ritter eurer Cousine spielen – vorausgesetzt , daß es nicht dabei zu Streitigkeiten zwischen euch kommt . « » Dahin ist es bereits gekommen , « erklärte Leo . » Ich bin vorhin mit Waldemar sehr scharf zusammengeraten und habe mich ebendeshalb freiwillig von der Fahrt ausgeschlossen . Ich dulde es nicht , daß er Wandas Gespräch und Gesellschaft so ausschließlich für sich in Anspruch nimmt , ich dulde überhaupt nicht länger seine herrische Art und Weise und werde ihm das von jetzt an bei jeder Gelegenheit zeigen . « » Das wirst du nicht thun , « fiel ihm die Mutter ins Wort . » Ich lege mehr als je Wert auf ein gutes Einvernehmen zwischen euch , denn wir werden mit Waldemar nach Wilicza gehen . « » Nach Wilicza ? « rief Leo außer sich . » Und ich soll dort sein Gast sein , soll mich ihm vielleicht unterordnen ? Nun und nimmermehr thue ich das . Ich will Waldemar nichts verdanken . Und wenn es meine ganze Zukunft kosten sollte , von ihm will ich nichts annehmen . « Die Fürstin bewahrte ihre überlegene Ruhe , aber ihre Stirn verfinsterte sich doch , als sie antwortete : » Wenn du einer bloßen Laune wegen deine ganze Zukunft aufs Spiel setzen willst , so bin ich noch da , sie zu vertreten . Uebrigens handelt es sich hier nicht um dich und mich allein , es sind noch andre höhere Rücksichten , die mir den Aufenthalt in Wilicza wünschenswert machen , und ich bin nicht gesonnen , meine Pläne durch deine kindische Eifersucht stören zu lassen . Du weißt , daß ich dir nie etwas Erniedrigendes zumuten werde , aber du weißt auch , daß ich gewohnt bin , meinem Willen Geltung zu verschaffen . Ich sage dir , wir gehen nach Wilicza , und du wirst deinen älteren Bruder mit der Rücksicht behandeln , die ich selbst ihm erweise . Ich fordere Gehorsam , Leo . « Der junge Fürst kannte diesen Ton hinreichend . Er wußte , daß wenn die Mutter ihn anschlug , sie ihren Willen um jeden Preis durchsetzen wollte , aber diesmal trieb ihn ein mächtiger Sporn zum Widerstände . Wenn er auch keine Erwiderung in Worten wagte , so zeigte sein Antlitz doch , daß er sehr geneigt war , der That nach zu rebellieren , und daß er sich schwerlich zu der geforderten Rücksicht für den Bruder herbeilassen werde . » Uebrigens werde ich dafür sorgen , daß die Veranlassung zu solchen Streitigkeiten künftig wegfällt , « fuhr die Fürstin fort . » Wir reisen in acht Tagen , und wenn Wanda erst bei ihrem Vater ist , werdet ihr sie ohnehin seltener sehen . Diese einsame Meerfahrt mit Waldemar aber , die ich überhaupt nicht billige , soll unter allen Umstanden die letzte gewesen sein . « Damit klingelte sie und befahl dem eintretenden Pawlick , den Brief fortzutragen . Er brachte dem Grafen Morynski die Nachricht der baldigen Abreise und bereitete ihn zugleich darauf vor , daß die Schwester seine Gastfreundschaft nicht in Anspruch nehmen , sondern daß die ehemalige Herrin von Wilicza in kurzem wieder dort einziehen werde . – Das Boot , in welchem sich Waldemar und die junge Gräfin Morynska befanden , flog mit vollem Segel dahin . Die See war heute ziemlich bewegt ; die Wellen , die das Schiffchen durchfurchte , brachen sich schäumend am Kiele und spritzten auch wohl über Bord , was die beiden Insassen aber wenig kümmerte . Waldemar saß am Steuer , mit einer Ruhe , die bewies , daß er der Führung unter allen Umständen Herr war , und Wanda , die ihm gegenüber im Schatten des Segels Platz genommen hatte , schien an der schwebend schnellen Fahrt große Freude zu haben . » Leo wird uns bei der Tante verklagen , « sagte sie , nach dem Lande zurückblickend , von dem sie schon eine Strecke entfernt waren . » Er ging in vollem Zorne fort . Sie waren aber auch sehr unfreundlich gegen ihn , Waldemar , « » Ich leide nicht , daß ein andrer das Steuer in Händen hat , wenn ich im Boote bin , « antwortete er kurz und herrisch . » Und wenn ich es nun haben wollte ? « fragte Wanda neckend . Er gab keine Antwort , aber er stand sofort auf und bot ihr schweigend das Steuer . Die junge Gräfin lachte . » O , nicht doch . Es war nur eine Frage . Ich habe kein Vergnügen an der Fahrt , wenn ich fortwährend auf das Lenken achten muß . « Ohne ein Wort zu sagen , nahm Waldemar das Steuer wieder zur Hand , das allerdings den ersten Anlaß zum Streit zwischen ihm und Leo gegeben hatte , wenn der eigentliche Grund auch anderswo lag . » Wohin segeln wir denn eigentlich ? « nahm Wanda nach einem kurzen Schweigen wieder das Wort , » Ich denke , nach dem Buchenholm . Es war ja verabredet . « » Wird das für heute nicht zu weit sein ? « fragte die junge Dame ein wenig bedenklich . » Bei dem günstigen Wind sind wir in einer halben Stunde dort , « sagte Waldemar , » und wenn ich später die Ruder tüchtig einlege , brauchen wir kaum mehr Zeit zur Rückkehr , Sie wollten ja den Sonnenuntergang einmal vom Buchenholm aus sehen . « Wanda widersprach nicht länger , obgleich sie ein unbestimmtes Gefühl von Bangigkeit überkam . Sonst war Leo der stete Begleiter der beiden auf allen Spaziergängen und Ausflügen ; zum erstenmal befanden sie sich allein miteinander . So jung Wanda auch noch war , sie hätte keine Frau sein müssen , um nicht schon bei dem zweiten Besuch Waldemars zu entdecken , was ihn bei dem ersten so seltsam scheu und verlegen gemacht hatte . Er war nicht fähig , sich zu verstellen , und seine Augen redeten eine nur allzu deutliche Sprache , obgleich er sich noch mit keinem Wort verraten hatte . Er war gegen Wanda noch einsilbiger und zurückhaltender als gegen andre , aber trotzdem kannte sie ihre Macht über ihn hinreichend und wußte sie zu brauchen , mißbrauchte sie wohl auch gelegentlich einmal , denn ihr war die Sache in der That nur ein Spiel , nichts weiter . Es machte ihr Vergnügen , daß sie diese starre unbändige Natur mit einem Wort , ja mit einem einzigen Blick lenken konnte ; es schmeichelte ihr , Gegenstand einer zwar meist stummen und seltsamen , aber doch leidenschaftlichen Huldigung zu sein , und vor allem machte es ihr Spaß , daß sich Leo darüber ärgerte . Seinem älteren Bruder den Vorzug zu geben , fiel ihr in Wirklichkeit gar nicht ein , denn Waldemars ganzes Wesen war ihr im höchsten Grad zuwider . Sie fand sein Aeußeres abstoßend , seine Formlosigkeit entsetzlich und seine Unterhaltung langweilig . Auch hatte die Liebe den jungen Nordeck nicht liebenswürdiger gemacht . Er zeigte nie jene ritterliche Artigkeit , in der Leo , trotz seiner Jugend , schon Meister war . Er schien sich im Gegenteil nur widerwillig dem Zauber zu beugen , dem er doch nicht mehr entfliehen konnte , und gleichwohl gab sein ganzes Wesen Zeugnis davon , mit welcher unwiderstehlichen Gewalt ihn die erste Leidenschaft gefangen genommen hatte . Der Buchenholm mochte früher wirklich eine kleine Insel gewesen sein ; der Name deutete noch darauf hin , jetzt war er nur noch eine dichtbewaldete Anhöhe , die durch einen schmalen Landstreifen , eine Art Dünenzug , mit dem Ufer zusammenhing , von wo aus man ihn zu Fuß erreichen konnte . Der Ort wurde trotz seiner Schönheit nur wenig besucht ; er war zu einsam und abgelegen für die glänzende und zerstreuungssüchtige Badegesellschaft von C. , die ihre Ausflüge meist nach den benachbarten Stranddörfern richtete . Auch heute befand sich niemand auf dem Holm , als das Boot landete . Waldemar stieg aus , während seine junge Begleiterin , ohne seine Hilfe abzuwarten , leichtfüßig auf den weißen Sand des Ufers sprang und dann die Anhöhe hinaufeilte . Der Buchenholm führte seinen Namen mit Recht . Der ganze Wald , der sich fast eine Meile lang am Strand hinzog , zeigte nicht so viele und prachtvolle Bäume dieser Art , wie sie hier auf diesem Fleckchen Erde vereint standen . Es waren mächtige , uralte Buchen , die ihre riesigen Aeste weithin über den grünen Rasen ausbreiteten und über die grauen verwitterten Steintrümmer , die hier und da zerstreut lagen – der Sage nach die Ueberreste einer alten heidnischen Opferstätte . An der Landungsstelle traten die Bäume zu beiden Seiten zurück , und wie in einem Rahmen lag das weite Meer da . Tiefblau dehnte sich die unabsehbare Fläche aus , kein Ufer , keine Insel begrenzte den Blick , kein Segel tauchte am Horizont auf , nichts als das Meer in seiner ganzen Schönheit , und der Buchenholm lag so einsam und weltverloren da , als sei er wirklich ein kleines Eiland mitten im Ozean . Wanda hatte ihren Strohhut abgenommen und ließ sich jetzt auf einem der moosbewachsenen Steine nieder . Wanda hatte ihren Strohhut abgenommen , um den sich nur ein einfaches schwarzes Band schlang , und ließ sich jetzt auf einem der moosbewachsenen Steine nieder . Sie trug noch teilweise die Trauer um den verstorbenen Fürsten Baratowski ; das weiße Kleid zeigte als einzigen Schmuck einige schwarze Schleifen , und die schweren Enden der gleichfalls schwarzen Schärpe fielen an der Seite nieder . Diese Totenfarbe auf dem weißen Gewand gab der Erscheinung des jungen Mädchens etwas Ernstes , Schwermütiges , das ihr sonst gar nicht eigen war ; sie sah unendlich reizend aus , als sie so , mit leicht verschlungenen Händen , dasaß und auf das Meer hinausblickte . Waldemar , der an ihrer Seite auf den riesigen Wurzeln einer Buche Platz genommen hatte , schien das auch zu finden , denn er unterhielt sich ausschließlich damit , sie anzusehen . Die ganze übrige Umgebung existierte für ihn nicht , und er schreckte wie aus einem Traum empor , als Wanda auf ihren Steinsitz deutete und dabei scherzend fragte : » Ist das vielleicht einer von Ihren alten Runensteinen ? « Waldemar zuckte die Achseln . » Da müssen Sie meinen Lehrer , den Doktor Fabian , fragen , « entgegnete er . » Der ist in den ersten Jahrhunderten unsrer Zeitrechnung besser zu Hause als in den jetzigen . Er würde Ihnen einen sehr gelehrten und ausführlichen Vortrag über Runensteine , Hünengräber und dergleichen halten ; es wäre sein höchster Genuß , das zu thun , « » Um Gottes willen nicht ! « lachte Wanda . » Aber wenn Doktor Fabian solche Begeisterung für die Vorzeit hegt , dann wundert es mich , daß er nicht auch Ihnen den Geschmack daran beigebracht hat . Mir scheint , Sie sind sehr gleichgültig dagegen , « Der junge Mann machte eine verächtliche Miene . » Was kümmern mich diese Altertumsgeschichten ! Mich interessieren Wald und Felder nur wegen der Jagd , die sie mir bieten , « » Wie prosaisch ! « rief Wand « entrüstet , » Also nur Ihre Jagdgeschichten haben Sie im Kopf ? Und hier auf dem Buchenholm denken Sie wohl auch an die Rehe und Hasen , die er möglicherweise bergen könnte ? « » Nein , « sagte Waldemar langsam , » hier nicht . « » Es wäre auch unverzeihlich in dieser Umgebung , Sehen Sie nur diese Abendbeleuchtung ! Dort drüben scheint die Flut förmlich zu strahlen . « Waldemar folgte gleichgültig der Richtung ihrer Hand . » Jawohl – dort soll ja auch Vineta versunken sein , « » Was ist dort versunken ? « fragte die junge Dame , sich lebhaft umwendend . » Haben Sie noch nichts davon gehört ? Es ist eine unsrer Meeressagen ; ich glaubte , Sie kennten sie bereits , « » Nein . Erzählen Sie ! « » Ich bin ein schlechter Märchenerzähler , « sagte Waldemar abwehrend . » Fragen Sie unser Strandvolk danach ! Jeder alte Schiffer weiß Ihnen das besser und ausführlicher zu berichten als ich . « » Ich will es aber aus Ihrem Mund hören , « beharrte Wanda . » Also erzählen Sie ! « Auf der Stirn Waldemars zeigte sich eine Falte – der Befehl klang auch gar zu gebieterisch . » Sie wollen ? « wiederholte er mit einiger Schärfe , Wanda sah recht gut , daß er verletzt war , aber sie pochte auf eine Macht , die sie während der letzten Wochen oft genug erprobt hatte . » Jawohl , ich will , « erklärte sie mit der gleichen Bestimmtheit wie vorher . Die Falte auf der Stirn des jungen Mannes vertiefte sich . Es war wieder einer jener Momente , wo er sich trotzig gegen den Zauber aufbäumte , der ihn in Fesseln gelegt hatte , aber jetzt begegnete er den dunkeln Augen , die den Befehl in eine Bitte umzuwandeln schienen , und vorbei war es mit Trotz und Widerstand – seine Stirn glättete sich ; er lächelte . » Nun denn also , wie ich es geben kann , kurz und – prosaisch , « sagte er , das letzte Wort betonend . » Vineta soll , der Sage nach , eine alte Meeresfeste gewesen sein , die Hauptstadt der damaligen Bevölkerung , die das Meer und die Küsten ringsum beherrschte und an Glanz und Pracht ihresgleichen suchte , während ihr aus allen Ländern unermeßliche Schätze zuströmten . Aber Hochmut und Sünden ihrer Bewohner riefen das Strafgericht des Himmels auf sie herab , und sie ward von den Fluten verschlungen . Unsre Schiffer schwören noch heute darauf , daß dort drüben , wo das Ufer so weit zurücktritt , die Feste Vineta unversehrt auf dem Meeresgrunde ruht . Sie wollen unter dem Wasser oft die Türme und Kuppeln erblicken , die Glocken läuten hören , und bisweilen , in gewissen Zauberstunden , soll die ganze Wunderstadt wieder heraufsteigen aus der Tiefe und sich dem besonders Begnadeten zeigen – es gibt ja Luftspiegelungen genug auf dem Meer , und wir haben hier im Norden auch eine Art von Fata Morgana , wenn auch freilich äußerst selten – « » So erlassen Sie mir doch die nüchterne Erklärung ! « unterbrach ihn Wanda ungeduldig . » Wer fragt danach , wenn die Sage nur schön ist , und wunderschön ist sie . Finden Sie das nicht auch ? « » Ich weiß nicht , « versetzte Waldemar in einiger Verlegenheit . » Ich habe eigentlich noch nie darüber nachgedacht . « » Aber haben Sie denn ganz und gar keine Empfindung für Poesie ? « rief die junge Gräfin verzweiflungsvoll . » Das ist ja entsetzlich . « Er schaute sie betreten an . » Finden Sie das wirklich so entsetzlich ? « » Gewiß ! « » Mich hat aber nie jemand gelehrt , die Poesie zu verstehen , « sagte der junge Mann , wie im Tone der Entschuldigung . » Im Hause meines Onkels weiß man nichts davon , und meine Lehrer haben mir nur immer trockene Unterrichtsstunden gegeben – ich fange erst jetzt an zu begreifen , daß es überhaupt eine Poesie gibt . « Die letzten Worte hatten einen beinahe träumerischen Ausdruck , den Waldemar sonst niemals zeigte . Er warf das Haar zurück , das ihm wie gewöhnlich tief in die Stirn herabfiel , und lehnte den Kopf an den Stamm der Buche . Wanda machte zum erstenmal die Entdeckung , daß es eine merkwürdig hohe und schön gewölbte Stirn war , die sich da unter dem blonden Haargewirr barg . Jetzt , wo sie sich frei und unbedeckt zeigte , schien sie das unschöne und unregelmäßige Gesicht förmlich zu adeln . An den linken Schläfen lief eine eigentümlich gezeichnete blaue Ader hin , die selbst im Moment der Ruhe scharf und deutlich hervortrat ; die junge Gräfin hatte sie noch niemals bemerkt unter der » ungeheuren gelben Löwenmähne « , die ihr stets ein Gegenstand des Spottes war . » Wissen Sie , Waldemar , daß ich soeben etwas entdeckt habe ? « fragte sie neckend . » Nun ? « fragte er zurück , ohne seine Stellung zu verändern . » Die seltsame blaue Ader da an Ihrer Stirn – die Tante trägt sie gleichfalls an den Schläfen , genau an derselben Stelle und genau ebenso gezeichnet , nur schwächer . « » Wirklich ? Nun , das ist wohl auch das einzige , was ich von meiner Mutter habe . « » Ja , es ist wahr , Sie ähneln ihr nicht im mindesten , « meinte Wanda unbefangen . » Und Leo gleicht ihr doch zum Sprechen . « » Leo ! « wiederholte Waldemar mit eigentümlicher Betonung . » Ja freilich Leo ! Das ist auch etwas andres . « Wanda lachte . » Weshalb ? Soll der jüngere Bruder darin etwas vor dem älteren voraus haben ? « » Warum nicht ? Hat er doch die Liebe der Mutter vor ihm voraus – ich dächte , das wäre genug . « » Aber Waldemar ! « warf die junge Gräfin ein . » Ist Ihnen das neu ? « fragte er mit einem finsteren Aufblick . » Ich dächte , es könnte für keinen dritten ein Geheimnis mehr sein , wie ich mit meiner Mutter stehe . Sie zwingt sich , freundlich gegen mich zu sein , o ja ! und das mag ihr oft Mühe genug kosten , aber sie kann die innere Abneigung nun einmal nicht überwinden , und ich kann ´ s auch nicht – also haben wir uns beide nichts vorzuwerfen . « Wanda schwieg betreten . Die Wendung , die das Gespräch nahm , befremdete sie im höchsten Grad . Waldemar schien das nicht zu bemerken ; er fuhr in herbem Ton fort : » Die Fürstin Baratowska ist und bleibt mir fremd . Ich gehöre nicht zu ihr und ihrem Sohne , das fühle ich bei jeder neuen Begegnung . Sie ahnen nicht , Wanda , was es mich kostet , immer wieder diese Schwelle zu betreten , immer wieder dieses Zusammensein zu ertragen . Es ist eine wahre Folter , die ich mir auferlege , und ich habe nie geglaubt , daß ich sie so geduldig aushalten würde . « » Aber weshalb thun Sie es denn ? « rief Wanda unvorsichtig . » Es zwingt Sie ja niemand dazu ! « Er sah sie an . Die Antwort lag in seinen Augen , lag so deutlich darin , daß das junge Mädchen bis an die Stirn errötete . Der heiße , vorwurfsvolle Blick sprach auch gar zu deutlich . » Sie thun der Tante unrecht , « versetzte sie rasch , wie um ihre Verwirrung zu verbergen . » Sie muß und wird doch ihren eigenen Sohn lieben . « » O gewiß ! « Die Bitterkeit Waldemars ließ sich jetzt nicht länger bewältigen . » Ich bin überzeugt , daß sie Leo sehr liebt , trotz ihrer Strenge gegen ihn , aber weshalb sollte sie mich lieben , oder ich sie ? Ich hatte kaum die ersten Lebensjahre hinter mir , da verlor ich Vater und Mutter zugleich . Da wurde ich fortgerissen aus der Heimat , um im fremden Hause aufzuwachsen . Als ich später denken und fragen lernte , da vernahm ich , daß die Ehe meiner Eltern ein Unglück gewesen war , ein Unglück für beide , daß sie sich im bittersten Haß voneinander losgerissen hatten , und ich habe es erfahren , wie dieser Haß über Tod und Grab hinaus noch in mein Leben eingriff . Man sagte mir , die Mutter sei an allem schuld gewesen , und doch hörte ich so manche Aeußerung , so manche Andeutung über den Vater , die mich auch an ihm irre machte . Wo andre Kinder lieben und verehren dürfen , da wurden mir Argwohn und Mißtrauen eingeflößt – ich kann sie jetzt nicht wieder los werden . Der Onkel ist gut gegen mich gewesen ; er hat mich auch lieb in seiner Weise , aber er konnte mir doch auch nichts andres bieten , als das Leben , das er selbst führt . Sie werden es ja wohl zur Genüge kennen ; ich glaube , man ist bei meiner Mutter sehr genau darüber unterrichtet – und da verlangen Sie von mir , Wanda , ich soll die Poesie kennen ? « Die letzten Worte klangen wie ein grollender Vorwurf , und doch barg sich tief dahinter etwas wie eine dumpfe Klage . Wanda blickte mit großen erstaunten Augen auf ihren Begleiter , den sie heute gar nicht wiedererkannte . Es war freilich das erste Mal , daß sie in ein ernstes Gespräch mit ihm geriet , daß er seine einsilbige Zurückhaltung ihr gegenüber aufgab . Auch ihr war das eigentümlich kalte Verhältnis zwischen Mutter und Sohn nicht entgangen , aber sie hatte nicht geglaubt , daß dieser überhaupt eine Empfindung dafür habe ; hatte er doch bisher mit keiner Silbe darauf hingedeutet , und nun auf einmal verriet er eine fast leidenschaftliche Kränkung darüber . Dem jungen Mädchen kam erst in dieser Stunde eine Ahnung davon , wie einsam , wie grenzenlos leer und öde die Jugend Waldemars gewesen sein mußte , und wie verlassen und freundlos der junge Erbe , dessen Reichtum sie so oft hatte preisen hören . » Sie wollten ja den Sonnenuntergang sehen , « sagte Waldemar plötzlich abbrechend , in ganz verändertem Ton , indem er sich erhob und an ihre Seite trat . » Ich glaube , wir haben ihn heute in seltener Pracht . « Das Gewölk , das den Horizont umsäumte , war in der That schon von roter Glut umflossen , und die Sonne selbst sank in voller Klarheit dem Meere zu , das seltsam aufleuchtete , als es den Abschiedsgruß des scheidenden Gestirns empfing . Eine Flut von Glanz und Licht schien darüber hinzuströmen und sich weithin zu verbreiten . Dort drüben aber , wo Vineta auf dem Meeresgrund ruhte , brannten die Wellen in dunklem Purpurscheine ; in ihren Furchen glänzte es wie flüssiges Gold und Tausende von strahlenden Funken tanzten darüber hin . Es liegt doch etwas in den alten Sagen , was sie weit hinaushebt über den Aberglauben , und man kann ein Kind der neuen Zeit sein und doch voll und ganz die Märchenstunde erleben , in der das alles wieder lebendig wird . Es waren ja Menschen , welche die Sagen schufen , und ihre ewigen Rätsel , wie ihre ewigen Wahrheiten ruhen noch heute tief in der Menschenbrust . Freilich nicht jedem öffnet sich das jetzt so streng verschlossene Märchenreich , aber die beiden auf dem Buchenholm mußten wohl zu den besonders Begünstigten gehören , denn sie fühlten deutlich den Zauber , der sie leise , aber unwiderstehlich in seine Kreise zog , und keines hatte den Mut oder den Willen , sich ihm zu entreißen . Ueber ihren Häuptern rauschten die Buchenwipfel im Winde , und noch lauter rauschte das Meer zu ihren Füßen . Woge auf Woge kam an das Ufer gerollt ; die weißen Schaumkronen auf den Häuptern , bäumten sie sich einen Moment lang empor , um dann zischend am Strande zu zerschellen . Es war die alte mächtige Melodie des Meeres , jene aus Windesrauschen und Wellenbrausen gewobene Melodie , die mit ihrer urewigen Frische jedes Herz gefangen nimmt . Sie singt von träumender , sonnenbeglänzter Meeresstille , von Sturmestoben mit all seinem Schrecken und Verderben , von rastlosem , endlosem Wogen und Leben , und jede Welle bringt einen Ton davon ans Ufer , und jeder Windhauch bringt den Accord dazu . Waldemar und seine jugendliche Gefährtin mußten diese Sprache wohl verstehen , denn sie lauschten ihr in atemlosem Schweigen , und für sie klang auch noch etwas andres mit hindurch . Aus der Tiefe der Flut schwebten die Glockenklänge zu ihnen empor , und es legte sich ihnen um das Herz , wie Schmerz und Sehnsucht , und doch wieder wie die Ahnung eines unendlichen Glückes . Den purpurnen Wellen aber entstieg ein schimmerndes Luftgebild . Es schwebte auf dem Meer ; es zerstoß im Sonnengold und stand doch klar und leuchtend da , eine ganze Welt voll unermessener , nie gekannter Schätze , von ihrem Zauberglanz umwoben , die alte Wunderstadt – Vineta . Der glühende Sonnenball schien jetzt mit seinem strahlenden Rande die Flut zu berühren ; tief