daß der junge Herr unbequem werde , und schüttelte ihn ohne weiteres ab . Sie entdeckte auf einmal , daß es hier in dem schattigen Parke recht kühl sei , und bedauerte , ihr Tuch auf der Terrasse gelassen zu haben . Max stürzte natürlich schleunigst davon , um es zu holen und ließ die beiden allein . » Eine Frage , Herr Raimar ! Haben Sie sich wirklich der künstlerischen Richtung Ihres Bruders widersetzt ? « begann Edith . » Nein , « sagte Raimar kalt . » Er ließ mich glauben , daß er sich seine Laufbahn erst habe erkämpfen müssen , daß er sich bei seinen Studien , seiner ganzen Existenz auf die eigene Kraft gestellt habe . Er scheint sehr behaglich in Berlin zu leben und hat doch bis jetzt nur einige Studien ausgestellt . Woher stammen denn seine Mittel – von Ihnen vielleicht ? « Ernst streifte mit einem langen düsteren Blick die Fragende , aber er schwieg . » Nun ? « wiederholte sie ungeduldig . » Ich bitte – erlassen Sie mir die Antwort . « » Sie wollen Ihren Bruder nicht herabsetzen in meinen Augen ? Aber er scheute sich nicht , Sie vor mir herabzusetzen . « » Um sich bei Ihnen interessant zu machen , allerdings auf meine Kosten ! Das war ja nicht sehr brüderlich , aber doch gerade keine Todsünde . « » Nein – aber eine Erbärmlichkeit ! « sagte Edith mit unverschleierter Verachtung . Raimar war im Grunde genau derselben Meinung . Er hatte es schon nach der ersten Begegnung gewußt , daß Maxls verwegene Hoffnungen nur Luftschlösser gewesen waren , die seine Eitelkeit baute , aber es war ihm peinlich , daß die junge Dame seinen Bruder jetzt ebenso klar durchschaute wie er selbst , und er versuchte abzulenken . » Sie dürfen mit ihm nicht so streng ins Gericht gehen , « versetzte er . » Max ist noch jung , ein leichtsinniges Künstlerblut , ohne viel Gedanken und Ueberlegung . Die Sache war wohl nicht so schlimm gemeint . « » Die Verleumdung eines Bruders , dem er alles verdankt ? Sie opferten Ihre ganze Zukunft für ihn und Ihre Familie , und er – « » Woher wissen Sie denn das , gnädiges Fräulein ? « unterbrach Ernst , sie groß und erstaunt ansehend . Edith zuckte leicht zusammen , aber die unvorsichtigen Worte waren nun einmal gesprochen und konnten nicht zurückgenommen werden . » Ich begreife , « sagte er mit tief aufquellender Bitterkeit . » Ihr Herr Vater hat Sie inzwischen aufgeklärt . Ich hätte das vorhersehen können . « » Mein Vater spricht mit der höchsten Achtung von Ihnen , « fiel Edith ein . » Er sagte mir – « » Daß ich Mitleid und Schonung verdiene – nicht wahr ? Herr Marlow war in der That sehr gütig und rücksichtsvoll , ich bin nur leider eine so unglücklich angelegte Natur , daß ich nicht dankbar sein kann für solche Schonung und Großmut . Sie begreifen vielleicht nicht , daß es Menschen gibt , die von Fremden eher eine Beleidigung ertragen können als Mitleid . Ich bin damals geflohen vor diesem Mitleid , mit dem man sehr freigebig war – ich kann es noch heut nicht ertragen ! « Die Worte verrieten , wie der Mann gelitten hatte bei jener Begegnung , wenn er dabei auch äußerlich ruhig erschien . Es lag ein wilder , mühsam beherrschter Groll darin , ein verzweifeltes Aufbäumen gegen jenes wohlfeile , herablassende Mitleid , das eine stolze , leidenschaftliche Natur als Entehrung empfindet . Edith verstand das nur zu gut , sie hätte genau ebenso empfunden . Sie schwiegen beide , die anderen mußten weit voraus sein , denn man hörte nicht einmal mehr ihre Stimmen . Es war still , ganz still in dem großen Park , der im lichten Maiengrün stand . Auch hier regte sich überall das Frühlingsleben , in den Gebüschen ringsum flüsterte , summte und zwitscherte es , und durch die Luft kam ein leises Wehen und Duften , das die beiden schmeichelnd umfing , als wolle es sie mahnen , die Schatten und das Weh des Menschenlebens doch nicht hineinzutragen in diese sonnige Lenzespracht . Das schöne Mädchen freilich , das im vollen Sonnenglanze des Lebens stand , wußte noch nichts von jenen Schatten , die so schwer und düster auf der Stirn des Mannes dort lagerten , aber sie wußte jetzt , was auf ihm lastete . Der Sohn eines Betrügers ! Das also hatte ihn fortgetrieben aus der Welt , wie ein todwundes Wild hatte er sich in diese Abgeschiedenheit und Dunkelheit geflüchtet und barg sich dort scheu vor fremden Augen . Ja , er hatte recht , es gibt Schicksale , die den Menschen wehrlos machen , gegen die er nicht kämpfen kann – und er stand unter einem solchen Verhängnis ! Das Schweigen hatte minutenlang gedauert , jetzt hob Edith langsam das Auge empor , aber der Ausdruck , der darin lag , war dem stolzen , kalten Mädchen bisher so fremd gewesen , wie die weichen , bebenden Laute , die jetzt von ihren Lippen kamen . » Ich habe Ihnen damals wehe gethan , Herr Raimar . Ich weiß es jetzt , aber ich ahnte ja nicht , wem meine Worte galten und welche Wunde sie berührten . Wir sind an jenem Tage so herb und feindlich geschieden . Wollen wir das vergessen ? Beide vergessen ? Ich – ich bitte Sie darum ! « Sie bot ihm die Hand , da flammte es wieder auf in den Augen des Mannes , aber diesmal nicht in Zorn und Empörung . Ein heißer , leidenschaftlicher Strahl des Glückes brach daraus hervor , und wie ein sonniges Leuchten ging es über seine düsteren Züge . Er schloß die dargebotene Hand so fest in die seinige , als wolle er sie nie wieder loslassen und rief mit stürmisch aufwogender Empfindung : » Ich danke Ihnen , Edith ! « Edith ! das sprach ein Mann , den sie zum zweitenmal sah in ihrem Leben , aber sie hatte kein Zeichen der Entrüstung , der Abwehr dafür . Sie war völlig im Bann eines bisher nie gekannten , nie geahnten Gefühls , das sie halb süß , halb beängstigend durchschauerte und das sie noch nicht einmal verstand . Da ließen sich Schritte vernehmen , Raimar fuhr auf und trat rasch zurück , in der nächsten Minute bog auch schon Marlow um das Gebüsch . » Ich suchte dich , Edith , « sagte er hastig . » Soeben ist Herr Ronald angekommen . Ich werde ihn einstweilen empfangen , du kommst wohl mit Wilma nach . Entschuldigen Sie , Herr Raimar , ein Freund , den wir heute erwarteten – bitte , lassen Sie sich nicht stören ! « Er ging in ungewohnter Eile , und die beiden waren wieder allein , aber jetzt waren sie erwacht . Der Traum , der sie eben noch umfing , zerrann vor dem grellen Strahl der Wirklichkeit , der da so plötzlich hereinbrach , Ernst hatte mit keinem Laut , keiner Bewegung seine Ueberraschung verraten , aber er war bleich geworden , und es schien wie ein Eishauch über seine Züge hingegangen zu sein , so starr und kalt waren sie , als er jetzt das Wort nahm , » Sie erwarteten Herrn Ronald – hier in Gernsbach ? « » Ja , er wollte uns hier aufsuchen . Er hat meine Cousine in unserem Hause kennen gelernt und versprach schon damals den Besuch , wenn er nach Steinfeld käme . « Edith wußte selbst nicht , weshalb sie sich bemühte , diesen Besuch , der ja ein zufälliger sein konnte , so ausführlich zu erklären oder vielmehr zu verschleiern , aber sie sah , daß Ernst sich dadurch nicht täuschen ließ , obgleich er höflich zustimmend das Haupt neigte . » Dann wollen wir nicht länger stören . Wir wollen ja ohnehin bald aufbrechen . Sie gestatten wohl , gnädiges Fräulein , daß ich mich empfehle , ich möchte den Wagen bestellen . « » Sie stören durchaus nicht , « sagte Edith , gereizt durch die jähe Veränderung in seinem Wesen . » Der Besuch des Herrn Ronald – gilt Ihnen ! « ergänzte er mit herbem Nachdruck . » Frau von Maiendorf sagte mir schon früher , daß ihre Bekanntschaft mit dem Herrn eine sehr flüchtige sei , und Ihr Herr Vater kommt ja eben von Steinfeld – es bedarf da wirklich keiner Erklärung . « » Ich wüßte auch nicht , wem ich sie zu geben hätte , « sagte die junge Dame , sich stolz emporrichtend . » Ihnen doch wohl nicht , Herr Raimar , mir sind uns ja völlig fremd . « Das klang in herber Zurechtweisung und erinnerte ihn nachdrücklich daran , daß er sich vergessen hatte mit jener Andeutung . Aber Ernst Raimar war jetzt nicht in der Stimmung , eine solche Zurechtweisung hinzunehmen , jetzt richtete auch er sich empor und gab Blick und Ton genau ebenso zurück . » Gewiß , gnädiges Fräulein , und als ein Fremder habe ich mich auch damals zu einer Erklärung hinreißen lassen , die nie ausgesprochen worden wäre , hätte ich geahnt , daß Sie in näheren Beziehungen zu Herrn Ronald stehen . Ich habe mich offen als sein Feind bekannt und kann und will das nicht zurücknehmen , aber ich begreife vollkommen , daß ich damit das Recht verwirkt habe , Ihnen wieder nahen zu dürfen . Wir sind nun einmal vom Schicksal bestimmt , uns feindlich gegenüber zu stehen – also bleiben wir dabei ! « Er verneigte sich tief und fremd und ging . Edith stand regungslos und sah ihm nach . Er erriet oder ahnte doch zweifellos die Bedeutung dieses Besuches , den sie während der letzten halben Stunde – vergessen hatte . Ja , sie hatte es in der That vergessen , daß der Mann , dem sie durch den Vater ihre Hand bereits zugesagt hatte , auf dem Wege nach Gernsbach war . Er kam nun , um auch von ihr das Jawort zu fordern , und sie dachte ja auch nicht daran , es zu versagen – aber warum mußte er denn gerade in dieser Stunde kommen ! Felix Ronald war inzwischen von seinem künftigen Schwiegervater empfangen und in den Salon geleitet worden , wo sie die Damen erwarteten . Marlow hatte ihm bereits mitgeteilt , daß Besuch aus Heilsberg da sei , den man habe annehmen müssen , hier in Gernsbach könne man sich ja leider nicht verleugnen lassen . » Warum denn nicht ? « fragte Ronald , der die Gegenwart Fremder sehr unliebsam zu empfinden schien . » Wer wird denn Umstände machen mit diesen Heilsberger Kleinstädtern , wenn sie stören , wie gerade heut ! Man schickt sie einfach fort . « » Meine Nichte hat aber manche Beziehung in der Stadt , « warf der Bankier ein . » Da war doch einige Rücksicht geboten . Uebrigens wollen die Herren in einer Stunde wieder abfahren , und dann sind wir ganz unter uns . « Die Beschwichtigung nützte nicht viel und wurde nur mit einem ungeduldigen Achselzucken aufgenommen , der neue Gast war es offenbar nicht gewöhnt , auf andere Rücksicht zu nehmen , während er für sich selbst die höchste Rücksicht forderte . Felix Ronald war nicht mehr jung , etwa vierzig Jahre und konnte nicht einmal für stattlich gelten , denn seine Gestalt erreichte kaum die Mittelgröße . Trotzdem war seine äußere Erscheinung interessant , ja bedeutend , denn die Energie , welche die ganze Laufbahn dieses Mannes kennzeichnete , prägte sich unverkennbar darin aus . Ein scharfgezeichnetes Gesicht , mit hoher Stirn , stahlgraue , durchdringende Augen , die alles sahen , alles erfaßten , eine Haltung voll hochmütigen Selbstbewußtseins und doch nichts von der prahlerischen Art des gewöhnlichen Emporkömmlings . Eine gewöhnliche Natur war dieser Ronald nicht , das sah man auf den ersten Blick , aber es lag ein Zug nervöser Ueberreizung in seinem ganzen Wesen . Es verriet die fieberhafte Rastlosigkeit eines Menschen , der die Ruhe überhaupt nicht kennt , dessen Geist unaufhörlich arbeitet an neuen Plänen und Entwürfen . » Edith und meine Nichte werden sogleich hier sein , « hob Marlow wieder an . » Was übrigens den Besuch aus Heilsberg betrifft , so ist er Ihnen nicht ganz fremd . Sie haben ja wohl den jungen Maler Max Raimar in meinen Salons gesehen ? « Ronald war an die Glasthür getreten und blickte zerstreut auf die Terrasse hinaus . » Ich glaube ja , « sagte er nachlässig . » Ein hübscher , unbedeutender Junge , soviel ich mich erinnere . Eine Art Schützling von Fräulein Edith , die ja überhaupt die Kunst protegiert . « » Ganz recht , aber auch Ernst Raimar ist hier . « » Wer ? « » Der ältere Bruder , der jetzt als Notar in Heilsberg lebt . Sie haben ihn ja doch auch gekannt . « Ronald hatte sich jäh umgewandt , als der Name genannt wurde , und eine sichtlich unangenehme Empfindung malte sich in seinen Zügen , als er entgegnete : » O ja ! Der junge Herr hat mir damals genug zu schaffen gemacht , als die Katastrophe im Hause seines Vaters eintrat . Er wollte die Sache durchaus › aufklären ‹ , wie er es nannte – als ob sie nicht klar genug gewesen wäre – und als ich auf seine tollen Hirngespinste von Diebstahl der Depots und dergleichen nicht einging , gerieten wir ernstlich aneinander . Er verstieg sich einmal sogar bis zur Beleidigung gegen mich – ich habe ihm das heute noch nicht vergessen ! « Die Worte klangen in voller Gereiztheit , aber Marlow schüttelte ernst den Kopf . » Nun , einem Sohn muß man es schon verzeihen , wenn er an die Schuld des Vaters nicht glauben will ; ihm kam der Schlag ja ganz unerwartet . Jedenfalls werden Sie es nicht vermeiden können , ihm heut zu begegnen . « » Meinetwegen , wenn er es nicht vermeidet ! « sagte Ronald hochmütig , aber in diesem Augenblick traten die Damen ein , denen Major Hartmut und Max folgten , das machte dem Gespräch ein Ende . Die Begrüßung konnte selbstverständlich noch keine vertrauliche sein , das entscheidende Wort sollte ja erst gesprochen werden , man blieb also in den Schranken des gewohnten Verkehrs , Hartmut berührte mit keiner Silbe die einstige Bekanntschaft im Raimarschen Hause und ließ sich als Fremder vorstellen , und Ronald wollte sich offenbar jener früheren Begegnung nicht mehr erinnern , aber er war immerhin artig und verbindlich dem Offizier gegenüber . Dagegen machte er mit Max nicht die geringsten Umstände , dieser wurde mit einem kurzen Kopfnicken und einem sehr herablassenden : » Ah , Herr Raimar , wie geht es Ihnen ? « abgefertigt und die Antwort wurde gar nicht abgewartet . Ernst schien sich draußen im Parke verspätet zu haben , das Gespräch war schon im vollen Gange , als er endlich eintrat . Ediths Augen richteten sich gespannt auf die beiden Männer , deren Begegnung ihr ein Rätsel lösen sollte , es wurde auch teilweise gelöst , denn schon in der nächsten Minute wußte sie , daß die Feindschaft eine gegenseitige war . Wilma stellte Herrn Notar Raimar vor , und Ronald , der dessen Eintritt kaum zu bemerken schien , mußte nun notgedrungen Notiz von ihm nehmen . Er wandte sich um , mit einer sehr nachlässigen Bewegung und zweifellos in der Absicht , den älteren Bruder mit derselben beleidigenden Nichtachtung zu behandeln , wie vorhin den jüngeren , aber hier scheiterte der Versuch völlig . Ernst Raimar stand ihm gegenüber in einer so eisigen Haltung , mit einem so unnahbaren Stolze , daß er sich wenigstens zur äußeren Form der Höflichkeit herbeiließ . Er grüßte kalt und gemessen , und der Gruß wurde ebenso förmlich erwidert , aber dabei begegneten sich die Blicke der beiden Männer mit einem Ausdruck , daß Edith unwillkürlich an zwei sich kreuzende Schwerter denken mußte . Sprühender Haß auf der einen Seite , drohendes Aufflammen auf der anderen ! Das war keine Gegnerschaft , wie zwei Todfeinde standen sich die beiden gegenüber , Auge in Auge und maßen einander , wortlos , aber als gelte es einen Kampf auf Leben und Tod . Das dauerte freilich nur Sekunden , und zu Worten kam es überhaupt nicht , denn Raimar wandte sich sofort an die Frau vom Hause . » Wir möchten uns Ihnen empfehlen , gnädige Frau , wir müssen aufbrechen . – Arnold , der Wagen ist bereits vorgefahren . « Der Major sah etwas überrascht aus bei dieser Ankündigung , man hatte ja erst in einer Stunde fahren wollen , aber er stimmte sofort zu . Marlow dagegen atmete erleichtert auf ; nach dieser Begegnung hätte sich ein längeres Zusammensein allerdings sehr unerquicklich gestaltet . Der Abschied war ziemlich kurz , man bedauerte den schnellen Aufbruch der Gäste , der im Grunde allen erwünscht war , machte aber keinen Versuch , sie zurückzuhalten . Nur Klein-Lisbeth war sehr betrübt , daß ihr Freund schon fort wolle und hing sich schmeichelnd an ihn mit der Bitte , doch noch zu bleiben . Er versicherte lachend , die Aufmerksamkeit der jungen Dame sei ihm unendlich schmeichelhaft , aber fünf Minuten später saß er bereits mit den anderen im Wagen . Anfangs herrschte ein unbehagliches Schweigen . Hartmut lehnte verstimmt in der einen Ecke des Wagens , Ernst stumm und düster in der anderen , während Max mit einem sehr langen Gesichte dasaß . Erst als man das Haus und den Park hinter sich hatte , fing der Major an . » Das war ja eine nette Ueberraschung ! Was zum Kuckuck hat dieser Ronald in Gernsbach zu suchen ? Wir waren gerade mitten in der vollsten Gemütlichkeit . Frau von Maiendorf lachte mit ihrer Lisbeth um die Wette – sie hat etwas so kindlich Frohes , wenn sie lacht – und sogar der steifleinene Bankier wurde ganz menschlich vergnügt bei einigen lustigen Kriegsgeschichten , die ich zum besten gab . Da wird der › Nabob ‹ gemeldet und sprengt wie ein böser Geist uns alle auseinander ! – Was soll denn das alles bedeuten ? « » Daß ich kein längeres Zusammensein mit dem Herrn Felix Ronald wünschte ! « sagte Ernst kurz , aber mit vollster Schärfe . Hartmut zuckte die Achseln . » Nun ja , ich begreife , daß dies Zusammentreffen mit eurem ehemaligen Prokuristen und jetzigen Milliardenbesitzer dir nicht gerade angenehm war , aber deshalb brauchten wir doch nicht so über Hals und Kopf davonzugehen . Was soll Frau von Maiendorf denn davon denken ! – Maxl , du bist ja so merkwürdig still geworden , was sagst du eigentlich zu der Geschichte ? « Max war nicht bloß verstimmt , sondern tief beleidigt . Anstatt im Vordergrunde zu stehen , wie er sich geschmeichelt , war er heut überall beiseite geschoben worden und hatte das natürlich sehr übel genommen . » Ich sage , daß dieser Besuch sehr eigentümlich ist ! Herr Ronald läßt sonst nur wenigen Auserwählten die Gnade seines Erscheinens zu teil werden , für gewöhnlich empfängt er , und wenn ihm das gerade nicht paßt , läßt er die Ersten und Vornehmsten abweisen . Bei den Marlows war er freilich oft , und jetzt fährt er vier Stunden von Steinfeld hierher und scheint tagelang zu bleiben , denn ich hörte , wie Frau von Maiendorf dem Diener befahl , den Koffer des Herrn nach dem Fremdenzimmer zu tragen . Ihr gilt das natürlich nicht , Ronald kennt sie ja kaum – man kommt dabei wirklich auf ganz eigene Gedanken ! « » Oho , bist du eifersüchtig ? « rief Hartmut lachend . » Übrigens könntest du recht haben , mir kam die Begrüßung auch etwas verdächtig vor . Da heißt es tapfer sein , Maxl ! Vorwärts ! Schlag die Milliarde aus dem Felde und sichere dir die Million . Dir ist das ja eine Kleinigkeit . « » Die Sache ist durchaus nicht scherzhaft , Herr Major , « versetzte Max in gereiztem Tone . » Wenn ein Ronald als ernstlicher Bewerber auftritt , hat ein anderer kaum noch Hoffnung neben ihm , denn da entscheidet natürlich nicht die Persönlichkeit oder das Talent . Da triumphiert einzig das schnöde Geld – erbärmlich ! « » Ja , das Geld ist immer erbärmlich , wenn man es nicht haben kann , « bemerkte der Major philosophisch . » Bei dir ist übrigens diese Verachtung des schnöden Reichtums ganz neuen Datums , früher dachtest du sehr hochachtungsvoll darüber . – Was meinst du , Ernst , glaubst du an derartige Pläne ? Marlow ist ja selbst reich , da wird seine Tochter sich doch nicht verkaufen um des Geldes willen . « » Warum denn nicht ? « sagte Ernst mit schneidender Bitterkeit . » Vielleicht reizt sie weniger das Gold als die Macht , die es verleiht . Es beugt sich ja alles vor diesem Ronald , diesem Götzenbilde des Mammon ! Warum sollte es da ein Mädchen nicht reizen , sich an seine Seite zu stellen und sich auch anbeten zu lassen ! « » Nun , ihr seid ja heut beide in einer liebenswürdigen Stimmung ! « brach Hartmut ärgerlich aus . » Was hast du denn eigentlich , Ernst ? Du hast doch nicht auf die Millionärin spekuliert und benimmst dich gerade so wütend wie der Maxl . Mir ist es höchst gleichgültig , wen dieser Nabob mit seiner Hand und seinem Mammon beglückt , aber ich habe mich tagelang auf diese Fahrt nach Gernsbach gefreut , und nun – « er brach plötzlich ab und biß sich auf die Lippen , als habe er sich übereilt , aber weder Raimar noch Max achteten darauf . Sie hingen schweigend ihren eigenen Gedanken nach , und so lehnte sich denn der Major zurück und schwieg als der Dritte im Bunde . In Gernsbach war mit der Abfahrt der Gäste der Zwang gefallen , den man sich vor ihnen auferlegen mußte , und Marlow stellte die Geduld seines künftigen Schwiegersohnes auf keine harte Probe . Nachdem man noch eine Viertelstunde geplaudert hatte , nahm er die kleine Lisbeth an der Hand , um mit ihr draußen auf der Terrasse die Tauben zu füttern . Wilma folgte ihnen , und damit war die gewünschte Gelegenheit zur Erklärung gegeben . Edith und Ronald waren im Salon zurückgeblieben , aber ein Fremder hätte schwerlich erraten , daß es hier eine Brautwerbung galt . Da gab es kein plötzliches Verstummen auf der einen Seite , kein Erröten und keine Verwirrung auf der anderen , wie wohl sonst bei einem ersten Alleinsein , aber hier handelte es sich ja auch um keine romantische Scene . Die junge Dame , die in ihrer gewohnten kühlen Haltung auf dem Sofa saß , sollte einen Antrag entgegennehmen , den der Vater in ihrem Namen bereits angenommen hatte , und der Mann ihr gegenüber wußte es ja , daß er ein Jawort erhalten würde . Die Sache vollzog sich so durchaus korrekt und nüchtern , wie gewöhnlich solche Verbindungen in der großen Welt . Noch vor wenigen Stunden hatte Edith dieser Unterredung so ruhig , so sicher und hochbefriedigt entgegengesehen ; äußerlich schien sie das ja auch jetzt zu sein , und doch lag es auf ihr wie ein beklemmender Druck , wie eine rätselhafte Angst vor dieser doch lang erwarteten Entscheidung . Für den Augenblick freilich sprachen sie noch von gleichgültigen Dingen . » Sie wollen im Sommer nach der Schweiz ? « fragte Ronald . » Herr Marlow sagte mir schon , daß er einen längeren Aufenthalt in den Berner Alpen beabsichtige . Wer sich doch auch so losreißen könnte von den Sorgen und Arbeiten des Tages ! « » Werden Sie sich denn im Sommer gar keine Erholung gönnen ? « fragte Edith . » Ich kann nicht . Wer im Mittelpunkte so vieler Unternehmungen steht wie ich , der wird schließlich ein Sklave seiner eigenen Schöpfungen . Man muß immer auf dem Platze sein , wenn man Herr bleiben will über all dies Getriebe . Ich habe keine Zeit zur Erholung . « » Nein , Sie haben nur Zeit für die Arbeit , wie es scheint . « » Bis jetzt , ja , « sagte Ronald langsam . » Aber nun möchte ich endlich auch Zeit für – etwas anderes haben . « Er hielt inne , als erwarte er eine Antwort ; als diese aber nicht kam , erhob er sich und trat an die Seite der jungen Dame . » Sie haben mir erlaubt , nach Gernsbach zu kommen , und nun komme ich mit einer Frage , einer Bitte zu Ihnen , die Sie vielleicht schon erraten haben . Ihr Vater hat mir eine Hoffnung gegeben , deren Erfüllung bei Ihnen allein steht , und ich möchte nun mein Urteil von Ihren Lippen hören . Ich biete Ihnen meine Hand , Edith – darf ich hoffen ? « Es war ein Antrag in aller Form , in klaren , kühlen Worten , aber in dem Ton lag eine mühsam verhaltene Erregung , und die Augen des Bewerbers hingen mit verzehrender Unruhe an dem schönen Mädchen , das mit der Antwort zögerte . Da war sie wieder , die rätselhafte Angst , die sich vorhin so dunkel und beklemmend regte . Jetzt im Augenblick der Entscheidung flammte sie auf mit jäher Gewalt und schloß die Lippen , die das bindende Wort sprechen sollten , sie blieben stumm . » Edith , ich warte – ich bitte ! « mahnte Ronald . Das kam aus dem Munde eines Mannes , der jetzt nur noch zu befehlen gewohnt war . Hier lag wirklich eine Bitte in seiner Stimme , und hier gab es ja überhaupt keine Wahl mehr . Mit ihrer ganzen Willenskraft entriß sich Edith jenem beklemmenden Druck und warf all die widerspruchsvollen Empfindungen hinter sich . » Wenn mein Vater Ihnen bereits Hoffnung gegeben hat , so werde ich sie wohl bestätigen müssen , « sagte sie mit einem Lächeln . » Nun denn ja – hier ist meine Hand ! « Sie wollte ihm die Hand reichen , aber da fühlte sie sich plötzlich von seinen Armen umschlungen , an seine Brust gerissen , fühlte heiße , wilde Küsse auf ihrem Antlitz , auf ihren Lippen . Es war , als breche aus dem Innern des Mannes urplötzlich eine Flamme hervor , die über sie hinwehte und sie versengte mit ihrem glühenden Atem . Bestürzt , halb betäubt duldete sie das einige Sekunden lang , aber schon in der nächsten Minute riß sie sich los und stieß ihn von sich . » Herr Ronald ! « Das klang nicht angstvoll , sondern entrüstet : als gelte es eine Beleidigung abzuwehren . Ronald zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück . » Was soll das , Edith ? « fragte er mit drohender Heftigkeit . » Ich dächte , Sie hätten sich soeben zu meiner Braut erklärt ! « Edith stand bleich mit bebenden Lippen da . Sie war einer unwillkürlichen , halb unbewußten Regung gefolgt , ohne zu wissen , was sie damit verriet . Ronald sah sie noch immer unverwandt an , und ein seltsamer Blick schoß aus seinen Augen . » Ist das Ihre Antwort auf die erste Umarmung des Bräutigams ? Ich meine doch , ich hätte jetzt ein Recht dazu . Aber das sah ja aus wie – wie Widerwille ! « » Sie haben mich erschreckt mit diesem stürmischen Aufflammen , « sagte Edith leise . » Erschreckt ? Sie sind doch sonst nicht schreckhaft ! Welche Zeremonien erwarteten Sie denn bei unserer Verlobung ? Sollte ich Ihnen nach allen Regeln der Etikette die Hand küssen und für die gütige Zusage danken ? Darf ich meine Braut nicht in die Arme schließen ? « Er hatte recht mit seinem Vorwurf , Edith fühlte es und machte den Versuch , den Eindruck zu verwischen . » Sie tragen selbst die Schuld an meiner Ueberraschung , « entgegnete sie . » Ich glaubte nicht , daß Sie überhaupt leidenschaftlich empfinden könnten , Sie zeigten sich mir bisher von einer ganz anderen Seite . « » Bisher ! Da trafen wir uns nur im Salon , vor Fremden , da zeigt man nicht sein wahres Gesicht . Die Welt hält mich freilich für eine Art Rechenmaschine , die nur Zahlen kennt – haben Sie das auch gethan ? « Es klang wie bitterer Hohn in seinen Worten , und doch bebten sie in unterdrückter Leidenschaft , als er fortfuhr : » Da sind Sie doch im Irrtum gewesen . Der kluge , kühle Geschäftsmann , der nur rechnet und abwägt , das ist Ihr Vater , Edith . Ich bin es nicht , bin es nie gewesen , und damit erzwingt man auch nicht eine Laufbahn wie die meinige , die Erfolge eines ganzen Menschenlebens in wenigen Jahren ! Sie kennen ihn freilich nicht , den dunklen , dämonischen Drang , der in manchen Naturen liegt und sie rastlos vorwärts treibt , durch alle Hindernisse , über alle Schranken hinweg . Ich habe diesen Dämon schon gekannt , als ich noch arm und unbekannt war , und er allein hat mich emporgetragen . Ich wollte ihm nicht folgen , ich mußte . Ihr Vater hat mir oft gesagt : › Sie rechnen zu kühn ! Das sind keine Rechnungen , Wagnisse sind es ! ‹ Aber sie glücken immer , wenn man nur den Mut hat , sich ganz und voll dafür einzusetzen , und die Energie , sie durchzuführen bis ans Ende . Schreckt Sie das , Edith ? Ich glaubte ,