betrat und unten an der Treppe seinem Diener begegnete , den er vorher mit einem Auftrage zu dem Bruder gesandt hatte . Jonas war eigentlich nur dem Namen nach Matrose auf der „ Ellida “ ; er war längst von den Schiffsarbeiten entbunden und ausschließlich zur Dienstleistung bei dem jungen Capitain bestimmt worden , den er auch bei einem längeren Aufenthalte auf dem Lande nie verließ , und dem er mit zäher , unerschütterlicher Anhänglichkeit überall folgte . Beide standen ungefähr in gleichem Alter . Jonas war im Grunde nichts weniger als häßlich ; er konnte in seiner Sonntagstracht sogar für einen ganz hübschen Burschen gelten , aber seine ungeschickten Manieren und sein rauhes , wortkarges Wesen ließen diese Vorzüge nie zur Geltung kommen . Er stand mit dem ganzen Dienstpersonal des Almbach ’ schen Hauses , zumal mit dem weiblichen , auf beinahe feindseligem Fuße , und noch Keiner davon hatte je eine freundliche Miene bei ihm gesehen oder ein Wort mehr von ihm gehört , als unumgänglich nothwendig war . Auch jetzt sah er äußerst grämlich aus , und die vier oder fünf Thaler , die er soeben in die rechte Hand zählte , schienen sein höchstes Mißfallen zu erregen , so grimmig schaute er darauf hin . „ Was giebt es denn , Jonas ? “ fragte der Capitain herantretend . „ Hältst Du Uebersicht über Dein Baarvermögen ? “ Der Matrose blickte auf und setzte sich in Positur , aber sein Gesicht wurde nicht freundlicher . „ Zum Blumenhändler soll ich gehen und einen Strauß abholen , “ brummte er , das Geld in die Tasche steckend . „ Ei sieh ! Benutzt man Dich hier auch schon zum Blumenboten ? “ „ Ja , hier auch , “ sagte Jonas , nachdrücklich das letzte Wort betonend , und mit einem vorwurfsvollen Blicke auf seinen Herrn fügte er hinzu : „ Gewohnt bin ich ’ s freilich . “ „ Allerdings , “ lachte Hugo . „ Aber ich bin es nicht gewohnt , daß Du dergleichen Gänge für einen Andern als mich besorgst . Wer hat es Dir denn aufgetragen ? “ „ Herr Reinhold , “ lautete die lakonische Antwort . „ Mein Bruder – so ? “ sagte Hugo langsam , während ein Schatten über seine eben noch so hellen Züge hinflog . „ Und ein wahres Sündengeld soll ich dafür bezahlen , “ murrte Jonas weiter . „ Herr Reinhold versteht es noch besser als wir , die Thaler fortzuwerfen für die Dinger , die morgen verwelkt sind . Und wir sind doch wenigstens nicht verheirathet , aber er – “ „ Der Strauß ist jedenfalls für meine Schwägerin bestimmt , “ schnitt ihm der Capitain kurz das Wort ab . „ Was giebt es dabei zu verwundern ? Glaubst Du , ich werde meiner Frau keine Blumen schenken , wenn ich erst einmal verheirathet bin ? “ Die letzte Bemerkung mußte dem Matrosen wohl sehr unerwartet kommen , denn er richtete sich mit einem Rucke in die Höhe und starrte seinen Herrn im vollsten Entsetzen an , aber schon in der nächsten Minute kehrte er beruhigt zu seiner früheren Haltung zurück und sagte zuversichtlich : „ Wir heirathen nie , Herr Capitain . “ „ Ich verbitte mir dergleichen Orakelsprüche , die mich ohne Weiteres zur Ehelosigkeit verdammen , “ fiel Hugo ein . „ Und warum werden ‚ wir ‘ denn nie heirathen ? “ „ Weil wir uns aus den Frauenzimmern gar nichts machen , “ beharrte Jonas . „ Du hast eine höchst wunderbare Manier , immer im Plural zu sprechen , “ spottete der Capitain . „ Also ich mache mir nichts aus den Frauen ? Ich dächte , das Gegentheil hätte oft genug Deinen Ingrimm erregt . “ „ Aber zur Heirath kommt es doch nicht , “ triumphirte Jonas im Tone unerschütterlicher Ueberzeugung . „ Im Grunde machen wir uns nicht so viel aus der ganzen Gesellschaft . Weiter als bis zum Blumenschicken und Handküssen geht die Geschichte nie , dann segeln wir ab , und sie haben das Nachsehen . Es ist auch ein wahres Glück , daß es so ist . Frauenzimmer auf der , Ellida ‘ – Gott bewahre uns davor ! “ Diese mit unverwüstlichem Ernste , freilich auch wieder in dem unvermeidlichen Plural gegebene Charakteristik schien leider das Richtige getroffen zu haben , denn der Herr Capitain erhob nicht den geringsten Einwand dagegen . Er zuckte nur lachend die Achseln , drehte dem Matrosen den Rücken und stieg die Treppe hinauf . Er fand Reinhold in dessen eigener Wohnung , die im oberen Stocke lag , und ein einziger Blick auf das Gesicht des Bruders , der heftig im Zimmer auf und ab schritt , zeigte ihm , daß auch heute etwas vorgefallen sein müsse . „ Du willst ausgehen ? “ fragte er nach der ersten Begrüßung mit einem Blicke auf den Hut und die Handschuhe , die auf dem Tische lagen . „ Später ! “ antwortete Reinhold , sich zusammennehmend . „ In einer Stunde etwa . Du bleibst doch einige Zeit ? “ Hugo überhörte die letzte Frage . Er stand vor seinem Bruder und sah ihn forschend an . „ Hat es wieder eine Scene gegeben ? “ fragte er halblaut . Der finstere Trotz , der einige Minuten lang aus den Zügen des jungen Mannes gewichen war , kehrte wieder zurück . „ Gewiß . Man hat wieder einmal den Versuch gemacht , mich wie einen Schulknaben zu behandeln , der , wenn er sein tägliches Arbeitspensum geleistet , sich auch noch in den Erholungsstunden überwachen lassen und von jedem Gange Rechenschaft ablegen muß . Ich habe ihnen klar gemacht , daß ich dieser ewigen Bevormundungen müde bin . “ Der Capitain fragte nicht , um welchen Gang es sich bei diesem Streite handelte ; das kurze Gespräch mit Jonas schien ihn hinreichend darüber aufgeklärt zu haben ; er sagte nur kopfschüttelnd : „ Es ist ein Unglück , daß Du so gänzlich abhängig von dem Onkel bist . Wenn es früher oder später zwischen Euch zum Bruche kommt und Du aus dem Geschäfte trittst , so ist das für Dich eine Existenzfrage ; Dein ganzes Einkommen fällt damit . Du allein könntest Dich wohl zur Noth Deinen Compositionen anvertrauen , aber ihnen jetzt schon die Erhaltung einer Familie zumuthen , hieße Deine Zukunft von vornherein in Frage stellen . Ich hatte damals nur für mich allein einzustehen ; Du wirst nothgedrungen warten müssen , bis Dich ein größeres Werk in die Lage versetzt , mit Frau und Kind der ganzen kleinbürgerlichen Sphäre den Rücken zu kehren . “ „ Unmöglich ! “ rief Reinhold beinahe ungestüm . „ Bis dahin wäre ich zehnmal zu Grunde gegangen , und was ich an Talent besitze , mit mir . Ausharren , warten , vielleicht noch Jahre lang ? Das kann ich nicht , das ist für mich gleichbedeutend mit Selbstvernichtung . Meine neue Arbeit ist vollendet . Wenn sie nur einigermaßen den Erfolg der ersten erreicht , so ermöglicht sie mir wenigstens , einige Monate in Italien zu leben . “ Hugo stutzte . [ 427 ] „ Du willst nach Italien ? Warum denn gerade dorthin ? “ fragte der Capitain . „ Wohin denn sonst ? “ warf Reinhold ungeduldig ein . „ Italien ist die Schule jeder Kunst und jedes Künstlers . Dort allein kann ich das beschränkte und lückenhafte Studium ergänzen , zu dem die Verhältnisse mich zwangen . Begreifst Du das nicht ? “ „ Nein , “ sagte der Capitain ziemlich kühl . „ Ich sehe die Nothwendigkeit nicht ein , daß ein Anfänger sogleich auf die hohe Schule muß . Du findest hier zum Studium Gelegenheit genug , und die meisten unserer Talente haben jahrelang ringen und arbeiten müssen , ehe Italien ihren Werken die letzte Weihe gab . – Gesetzt aber , Du führtest Deinen Plan aus , was soll inzwischen aus Deiner Frau und dem Kinde werden ? Denkst Du sie mitzunehmen ? “ „ Ella ? “ rief der junge Mann ist einem fast wegwerfenden Tone . „ Das wäre das sicherste Mittel , mir jeden Aufschwung unmöglich zu machen . Denkst Du , ich werde beim ersten Schritt , den ich in die Freiheit hinaus thue , die ganze Kette der Häuslichkeitsmisère mit mir schleppen ? “ Zwischen Hugo ’ s Augen wurde eine leichte Falte sichtbar . „ Das klingt sehr hart , Reinhold , “ erwiderte er . „ Ist es meine Schuld , daß mir die Wahrheit endlich einmal zum Bewußtsein kommt ? “ grollte Reinhold . „ Meine Frau kann sich nun einmal nicht über die Küchen- und Wirthschaftssphäre erheben . Es ist nicht ihre Schuld , ich weiß es , aber es ist deshalb nicht weniger das Unglück meines Lebens . “ „ Ella ’ s Beschränktheit scheint allerdings als eine Art Dogma in der Familie festzustehen , “ bemerkte der Capitain ruhig . „ Du glaubst blindlings daran , wie all die Anderen . Habt Ihr Euch denn schon jemals die Mühe genommen , zu untersuchen , ob diese Annahme wirklich so unfehlbar ist ? “ Reinhold zuckte die Achseln . „ Ich glaube , das wäre in diesem Falle wohl überflüssig . In keinem Falle aber kann die Rede davon sein , daß ich Ella mit mir nehme . Sie bleibt mit dem Kinde natürlich hier im Hause ihrer Eltern , bis ich zurückkomme . “ „ Bis Du zurückkommst – und wenn es nun nicht geschieht ? “ „ Was soll das heißen ? Was meinst Du damit ? “ fuhr der junge Mann auf , während eine dunkle Röthe über sein Gesicht hinflammte . Hugo kreuzte seine Arme und sah ihn fest an . „ Es fällt mir auf , daß Du jetzt auf einmal mit fertigen Plänen hervortrittst , die jedenfalls längst entworfen und auch wohl besprochen sind . Leugne nicht , Reinhold ! Du allein wärst nie so in ’ s Extrem gegangen , wie Du es jetzt im Kampfe mit dem Onkel thust , ohne auf einen Rath oder eine Vorstellung zu hören ; es ist da fremder Einfluß thätig . – Ist es wirklich unbedingt nothwendig , daß Du Tag für Tag zu der Biancona gehst ? “ Reinhold gab keine Antwort ; er wandte sich ab und entzog sich so der Beobachtung des Bruders . „ Man spricht bereits ist der Stadt davon , “ fuhr dieser fort . „ Es kann nicht lange dauern , so dringt das Gerücht auch hierher . Ist Dir das wirklich ganz gleichgültig ? “ „ Signora Biancona studirt meine neue Composition ein , “ sagte Reinhold kurz , „ und ich sehe in ihr nun einmal das Ideal einer Künstlerin . Du hast sie auch bewundert . “ „ Bewundert , ja ! Im Anfange wenigstens , angezogen hat sie mich nie . Die schöne Signora hat so etwas – Vampyrisches in ihren Augen . Ich fürchte , auf wen sich diese Augen richten , in der Absicht , ihn festzuhalten , der bedarf einer starken Dosis Willenskraft , um Herr seiner selbst zu bleiben . “ Er war mit den letzten Worten an die Seite seines Bruders getreten , der sich jetzt langsam umwandte und ihn ansah . „ Hast Du das auch schon empfunden ? “ fragte er düster . „ Ich ? Nein ! “ entgegnete Hugo mit einem Anfluge seiner alten spöttischen Laune . „ Ich bin zum Glück wenig empfänglich für dergleichen romantische Gefahren und überdies hinreichend vertraut damit . Nenne es Leichtsinn , Unbeständigkeit – wie Du willst ! Aber mich vermag nun einmal eine Frau nicht lange und tief zu fesseln ; mir fehlt eben das Element zur Leidenschaft . Du aber trägst es nur zu sehr in Dir , und wo Dir ein Gleichartiges entgegenkommt , da liegt die Gefahr auch dicht dabei . Nimm Dich ist Acht , Reinhold ! “ „ Willst Du mich damit an die Fesseln erinnern , die ich trage ? “ fragte Reinhold bitter . „ Als ob ich sie nicht täglich und stündlich fühlte , und mit ihnen die Ohnmacht , sie zu zerreißen . Wäre ich frei , wie Du es damals warst , als Du Dich der Sclaverei hier entrissest , es könnte noch Alles gut werden ; aber Du hast ganz Recht , mich haben sie bei Zeiten festgekettet , und ein Traualtar ist der sicherste Riegel , den man allen Freiheitsgelüsten vorschiebt – ich muß es jetzt erfahren . “ Sie wurden unterbrochen ; der Hausdiener überbrachte eine [ 428 ] Anfrage des Buchhalters an den jungen Herrn Almbach . Dieser hieß den Mann gehen und wandte sich dann an seinen Bruder . „ Ich muß noch einen Augenblick in das Comptoir . Du siehst , ich gerathe nicht in Gefahr , in einer allzugroßen Romantik unterzugehen ; dafür sorgen schon unsere Handlungsbücher , in denen vermuthlich wieder ein paar Thaler nicht vorschriftsmäßig eingetragen sind . Auf Wiedersehen , Hugo ! “ Er ging , und der Capitain blieb allein zurück . Einige Minuten lang saß er noch wie in Gedanken versunken , während die Falte auf seiner Stirn immer tiefer wurde ; dann auf einmal richtete er sich wie mit einem raschen Entschlusse empor und verließ gleichfalls das Gemach , aber nicht , um sich nach dem unteren Stocke zu dem Oheim und der Tante zu begeben ; er ging geradewegs nach dem gegenüberliegenden Zimmer , das seine Schwägerin bewohnte . Ella war in der That dort ; sie saß am Fenster , den Kopf tief auf eine Handarbeit herabgeneigt , aber es hatte beinahe den Anschein , als sei diese in der Eile ergriffen worden , als die Thür sich so unvermuthet öffnete ; das rasch bei Seite geworfene Taschentuch und die gerötheten Augenlider der jungen Frau verriethen eben erst getrocknete Thränen . Sie sah mit unverhehltem Erstaunen ihren Schwager eintreten . Es war allerdings das erste Mal , daß er sie in ihrem Zimmer aufsuchte ; er kam auch nur bis in die Mitte desselben und blieb dort stehen , ohne sich ihrem Sitze zu nähern . „ Darf der , Abenteurer ‘ es noch einmal wagen , sich Ihnen zu nahen , Ella ? Oder bannt ihn das über ihn ausgesprochene Verdammungsurtheil gänzlich von Ihrer Schwelle ? “ Die junge Frau erröthete ; sie drehte in peinlichster Verlegenheit die Arbeit zwischen den Händen . „ Herr – “ „ Capitain ! “ fiel Hugo ein . „ Ganz richtig , so pflegen mich meine Matrosen stets zu nennen . Noch einmal diese Bezeichnung aus Ihrem Munde , und ich falle Ihnen sicher nicht wieder mit meiner Gegenwart lästig . Bitte , Ella , hören Sie mich heute an ! “ fuhr er sehr entschieden fort , als die junge Frau Miene machte , aufzustehen . „ Diesmal halte ich die Thür blokirt , durch die Sie bei meinem Nahen stets zu verschwinden pflegen ; es ist auch zum Glück keine Magd in der Nähe , die Sie mit irgend einem Auftrage an Ihre Seite fesseln können . Wir sind allein , und ich gebe Ihnen mein Wort darauf , ich gehe nicht eher von der Stelle , bis ich entweder begnadigt werde , oder – den unvermeidlichen , Herrn Capitain ’ anzuhören bekomme , der mich ein- für allemal vertreiben soll . “ Ella hob die Augen empor und jetzt sah man es deutlich , daß sie geweint hatte . „ Was liegt Ihnen denn an meiner Verzeihung ? “ entgegnete sie ruhig . „ Mich haben Sie am wenigsten gekränkt ; ich sprach nur im Namen meiner Eltern und Hausgenossen . “ „ An denen liegt mir gar nichts , “ fuhr Hugo mit der ungenirtesten Aufrichtigkeit heraus . „ Aber daß ich Sie gekränkt habe , das thut mir leid , sehr leid , das hat mir wie ein Alp auf der Brust gelegen bis zu diesem Augenblicke . Ich kann doch nicht mehr thun , als ehrlich und herzlich um Verzeihung bitten . Sind Sie mir noch böse , Ella ? “ Er streckte ihr die Hand hin . Es lag in der Bewegung und in den Worten eine so warme , offene Liebenswürdigkeit und Aufrichtigkeit , daß eine Verweigerung der Bitte fast unmöglich schien , und Ella legte wirklich , wenn auch etwas zögernd , ihre Hand in die seinige . „ Nein , “ sagte sie einfach . „ Gott sei Dank ! “ rief Hugo aufathmend . „ Also endlich bin ich doch in meine Rechte als Schwager eingesetzt . Ich ergreife hiermit feierlich Besitz davon ! “ Er ließ dem Worte die That folgen , indem er einen Stuhl heranzog und an ihrer Seite Platz nahm . „ Wissen Sie , Ella , daß Sie mich seit unserer neulichen Begegnung ganz außerordentlich interessiren ? “ fuhr er fort . „ Es scheint , man muß unartig gegen Sie sein , um Sie zu interessiren , “ bemerkte Ella , fast im Tone des Vorwurfs . „ Ja , es scheint so , “ stimmte der Capitain mit voller Gemüthsruhe bei . „ Wir , Abenteurer ‘ sind nun einmal ein eigenes Volk und wollen anders behandelt sein , als die Normalmenschen . Sie scheinen bei mir durchaus das Richtige getroffen zu haben . Seit Sie mir damals so schonungslos den Text lasen , habe ich das ganze Haus in Ruhe gelassen ; ich habe einen ganzen Ehrfurchts- und Achtungs-Cursus dem Onkel und der Tante gegenüber durchgemacht und sogar meine Indianergeschichten sämmtlicher haarsträubender Effecte beraubt , einzig aus Furcht vor gewissen strafenden Augen . Das kann Ihnen doch unmöglich entgangen sein . “ Es flog etwas wie ein halbes Lächeln über das Antlitz der jungen Frau , als sie fragte : „ Es ist Ihnen wohl recht schwer geworden ? “ „ Sehr schwer , obgleich die Verhältnisse hier im Hause es mir eigentlich hätten erleichtern sollen . Sie waren in der letzten Zeit nicht danach , daß man seinen Uebermuth daran hätte üben können . “ Bei dieser Hindeutung erlosch der flüchtige Schimmer von Heiterkeit sofort in Ella ’ s Gesicht ; es hatte einen angstvoll bittenden Ausdruck , als sie sich jetzt zu ihrem Schwager wandte . „ Ja , es ist traurig bei uns , “ sagte sie leise , „ und es wird schlimmer von Tag zu Tag . Die Eltern sind so hart , und Reinhold so gereizt , so heftig bei jeder Gelegenheit . O mein Gott , vermögen Sie denn gar nichts über ihn ? “ „ Ich ? “ fragte Hugo ernst . „ Die Frage möchte ich Ihnen , der Gattin , zurückgeben . “ Ella schüttelte in trostloser Resignation das Haupt . „ Auf mich hört ja doch Niemand , und Reinhold am wenigsten . Er ist der Meinung , ich verstehe nichts von all diesen Dingen – er würde mich nur herb zurückweisen . “ Hugo blickte mitleidig auf die junge Frau , die so offen eingestand , daß sie ihrem Manne gegenüber ganz macht- und einflußlos war , und auch nicht den geringsten Antheil an seinem Denken und Streben hatte . „ Und doch muß irgend etwas geschehen , “ sagte er entschieden . „ Reinhold reibt sich in diesem Kampfe auf ; er leidet grenzenlos darunter und macht Andere leiden . Sie hatten geweint , Ella , als ich eintrat , und es ist in diesen Wochen kein Tag gewesen , wo ich nicht diesen rothen Schein um Ihre Augen gesehen habe . Nein , rücken Sie nicht so ängstlich seitwärts ! Dem Bruder wird doch wohl einmal ein freies Wort erlaubt sein , und Sie sollen sehen , daß er auch etwas Anderes kann , als Posten treiben . Ich wiederhole Ihnen : es muß etwas geschehen , durch Sie geschehen . Es gilt Reinhold ’ s Künstlerberuf , seine ganze Zukunft , und in dem Kampfe muß seine Frau an seiner Seite stehen , sonst könnten es – Andere statt ihrer thun , und das wäre gefährlich . “ Ella sah ihn mit einem Gemisch von Erstaunen und Schrecken an . Es geschah ihr wohl zum ersten Male in ihrem Leben , daß man sie zur offenen Parteinahme aufrief , und sich von ihrem Eingreifen irgend eine Wirkung versprach . Und was konnte denn mit den „ Anderen “ gemeint sein , die ihren Platz einnehmen könnten ? Ihr Gesicht verrieth deutlich , daß sie auch nicht die leiseste Ahnung davon hatte . Hugo sah das und hatte doch nicht den Muth , weiter zu gehen ; denn weiter gehen hieß hier , den ersten Verdacht in die Seele der noch ganz ahnungslosen Frau werfen , zum Angeber des eigenen Bruders werden und unausbleiblich eine Katastrophe heraufbeschwören , von deren Nothwendigkeit er gleichwohl überzeugt war . Aber das ganze Wesen des jungen Capitains sträubte sich gegen diese peinvolle Aufgabe ; er saß unentschlossen da , als ihm der Zufall zu Hülfe kam . Es wurde draußen an die Thür geklopft und gleich darauf trat Jonas mit einem großen Blumenstrauße in der Hand ein . Der Matrose mochte sonst wohl vorsichtiger sein , wenn er dergleichen Aufträge für seinen Herrn besorgte . Er wußte aus Erfahrung , daß dessen Blumenspenden , wenn auch von den betreffenden jungen Damen , so doch nicht immer von den respectiven Vätern und Beschützern mit besonderer Freundlichkeit aufgenommen wurden , und pflegte sich , wenn auch mit geheimem Ingrimm , stets an die richtige Adresse zu halten . Diesmal aber hatte Hugo mit der hingeworfenen Bemerkung , der Strauß sei für seine Schwägerin bestimmt , den Irrthum selbst verschuldet . Jonas zweifelte natürlich nicht daran , daß die Bemerkung seines Capitains , mit der dieser nur seinen Bruder decken wollte , ernst gemeint sei ; er schritt deshalb direct auf die junge Frau Almbach zu und präsentirte ihr die Blumen mit den Worten : [ 429 ] „ Ich kann Herrn Reinhold im ganzen Hause nicht finden , und da will ich den Strauß doch lieber gleich hier abgeben . “ Ella sah erstaunt auf das prachtvolle Rosenbouquet nieder , das , mit ebenso viel Kunst wie Geschmack zusammengefügt , eine Auswahl der herrlichsten Blüthen zeigte . „ Von wem kommen die Blumen ? “ fragte sie . „ Vom Blumenhändler , “ berichtete Jonas . „ Herr Reinhold hat sie bestellt , und ich habe sie abgeholt ; da ich ihn aber nirgends finde – “ „ Es ist gut . Du kannst gehen , “ fiel ihm Hugo in ’ s Wort , während er rasch zu seiner Schwägerin trat und die Hand , wie beschwichtigend , auf ihren Arm legte . Ein befehlender Wink gab der Weisung noch mehr Nachdruck , und Jonas trollte ab , konnte aber doch nicht umhin , sich darüber zu wundern , daß die junge Frau Almbach die Artigkeit ihres Mannes in so seltsamer Weise aufnahm . Sie war ja auf einmal zusammengezuckt , als habe sie ein Stich in das Herz getroffen , und kreideweiß war sie dabei geworden . Aber der Herr Capitain hatte mit gerunzelter Stirn und einem Ausdruck im Gesicht dabei gestanden , als möchte er die theuren Blumen am liebsten zum Fenster hinauswerfen . Jonas besaß zum Glück allzu viel Phlegma , als daß er sich um die Verhältnisse im Almbach ’ schen Hause viel hätte kümmern sollen ; bei seiner feindseligen Stellung zu dem Dienstpersonal erfuhr er auch wenig genug davon ; so ließ er es denn bei einer mäßigen Verwunderung bewenden und kümmerte sich in der Ueberzeugung , seinen Auftrag gewissenhaft erfüllt zu haben , nicht weiter um den Auftraggeber . Drinnen im Zimmer herrschte einige Secunden lang tiefes Schweigen . Ella hielt das Bouquet noch krampfhaft fest in der Hand ; aber das sonst so stille , leblose Antlitz der jungen Frau mit dem leeren , beinahe stumpfen Ausdrucke war seltsam verändert . Jetzt war jeder Zug desselben gespannt , wie im peinigenden Schmerze , und die Augen hafteten starr und unverwandt auf der bunten Blüthenpracht , auch jetzt noch , als sie sich zu ihrem Schwager wandte . „ Reinhold gab den Auftrag ? “ fragte sie , wie nach Athem ringend . „ Dann kamen die Blumen wohl nur durch – Irrthum in meine Hände ? “ „ Nicht doch , “ sagte Hugo mit einem vergeblichen Versuch , sie zu beruhigen . „ Reinhold hat den Strauß bestellt , nun ja ! Jedenfalls doch für Sie ? “ „ Für mich ? “ Es klang ein ergreifendes Weh aus dem Tone . „ Ich habe noch niemals eine Blume von ihm erhalten . Für mich sind diese hier sicher nicht bestimmt . “ Hugo sah , daß er nicht auf halbem Wege stehen bleiben dürfe – der Zufall hatte entschieden ; jetzt galt es , dem Winke des Schicksals zu gehorchen . „ Sie haben Recht , Ella , “ versetzte er entschlossen , „ und es wäre nutzlos und gefährlich , Sie noch länger darüber zu täuschen . Reinhold hat mir nicht gesagt , wem das Bouquet bestimmt ist ; ich weiß aber , daß es noch heute Abend in den Händen der Signora Biancona sein wird . “ Ella zuckte zusammen , und der Blumenstrauß fiel zu Boden . „ Signora Biancona ? “ wiederholte sie tonlos . „ Die Sängerin , die sein erstes Lied vor dem Publicum sang , “ fuhr der Capitain mit Nachdruck fort , „ der auch seine neue Composition gilt . Dieselbe , zu der er täglich geht , die bereits sein ganzes Denken und Empfinden einnimmt . Sie wußten bisher noch nichts davon – ich sehe es an Ihrem Gesichte ; aber Sie müssen es jetzt erfahren , ehe es zu spät ist . “ Die junge Frau gab keine Antwort ; ihr Antlitz war so farblos , wie die weißen Blüthen , die den Rand des Bouquets umgaben ; stumm bückte sie sich danach , hob es vom Boden auf und legte es auf den Tisch nieder ; aber kein Laut , keine Entgegnung kam von ihren Lippen . Hugo wartete vergeblich darauf . „ Glauben Sie , daß ich Freude habe an der Grausamkeit , Ihnen zu enthüllen , was man sonst jeder Frau verbirgt ? “ fragte er mit unterdrückter Bewegung . „ Glauben Sie , daß ich nicht mit irgend einer Erfindung die Ungeschicklichkeit des Burschen wieder gut machen und mich selbst für den Spender der unglückseligen Blumen ausgeben könnte ? Wenn ich das nicht thue , wenn ich Ihnen die ganze Wahrheit schonungslos aufdecke , so geschieht es , weil die Gefahr auf ’ s Aeußerste gestiegen ist , weil nur Sie allein noch retten können – und dazu müssen Sie klar sehen . Signora Biancona steht im Begriffe nach ihrer Heimath abzureisen , und Reinhold erklärte mir vorhin , daß er seine Studien in Italien fortsetzen wolle und müsse . Begreifen Sie den Zusammenhang ? “ Ella fuhr auf . Jetzt zum ersten Male brach eine verzweiflungsvolle Angst mitten durch die starre Ruhe ihres Wesens . „ Nein , nein ! “ rief sie wie außer sich . „ Das kann er nicht . Das darf er nicht . Wir sind ja vermählt . “ „ Er darf nicht ? “ wiederholte Hugo . „ Sie kennen die Männer schlecht , Ella , und Ihren eigenen Mann am wenigsten . Trauen Sie nicht zu sehr auf das Recht , das die Kirche Ihnen gab ; auch diese Macht hat ihre Grenze , und ich fürchte , Reinhold steht bereits jenseits derselben . Sie freilich haben keine Ahnung von jener glühenden , dämonischen Leidenschaft , die einen Mann willenlos in Fesseln legt , ihn so mit ihrem Banne umstrickt , daß er um ihretwillen Alles vergißt und Alles opfert . Signora Biancona ist eine von jenen dämonischen Naturen , die solche Leidenschaften einflößen können , und hier steht sie im Bunde mit Allem , was Reinhold ’ s eigentliches Leben ausmacht , mit der Musik , der Kunst , dem Ideale . Da schützt keine Kirche und kein Trauschein mehr , wenn sich die Frau nicht selbst zu schützen weiß . Sie sind sein Weib , die Mutter seines Kindes . Vielleicht hört er Ihre Stimme noch , wo er sonst nichts mehr hört . “ Die schweren Athemzüge der jungen Frau zeigten , wie schwer sie litt , und ein paar Thränen , die ersten , rollten langsam aus ihren Augen , als sie kaum hörbar erwiderte : „ Ich werde es versuchen . “ Hugo trat dicht an ihre Seite . „ Ich weiß , daß ich heute einen Zündstoff in die Familie geworfen habe , dem vielleicht der letzte Rest von Frieden zum Opfer fällt , “ sagte er ernst . „ Hunderte von Frauen würden jetzt verzweiflungsvoll zu ihren Eltern stürzen , um mit ihnen , oder allein , den Gatten zur Rede zu stellen und eine Scene herbeiführen , die das letzte Band zerreißen und ihn unwiderruflich aus dem Hause treiben würde . Sie werden das nicht thun , Ella ; ich weiß es , deshalb habe ich bei Ihnen gewagt , was ich so leicht bei keiner andern Frau gethan hätte . Was Sie Reinhold sagen , wie Sie ihn halten wollen , das steht ja bei Ihnen , aber lassen Sie ihn jetzt nicht von Ihrer Seite , lassen Sie ihn nicht nach Italien ! “ Er schwieg und schien eine Antwort zu erwarten – vergebens ! Ella saß da , das Gesicht ist beiden Händen verborgen , sie regte sich kaum , als er ihr Lebewohl sagte . Der junge Capitain sah , daß sie den Schlag allein verwinden mußte , und so ging er denn . – Als Reinhold eine halbe Stunde später