, immer erregter werdend , „ und sie muthet das auch mir zu . Aber ich will nicht heucheln , und lieben kann ich Dich nicht , Onkel Arno , denn Du bist nicht gut gegen uns und bist es nie gewesen . Gleich Dein erster Empfang war so demütigend , daß ich am liebsten sofort wieder abgereist wäre , und seitdem hast Du uns täglich und stündlich empfinden lassen , daß wir von Dir abhängig sind . Du behandelst meine Mama mit einer Nichtachtung , die mir oft genug das Blut in ’ s Gesicht treibt . Du sprichst in wegwerfender Weise von meinem Papa , von ihm , der todt ist und sich nicht mehr verteidigen kann , und mich behandelst Du wie ein Spielzeug , mit dem man es überhaupt nicht ernst nimmt . Du hast uns aufgenommen , und wir leben in Deinem Schlosse , wo Alles viel reicher und glänzender ist , als in meinem Elternhause , aber ich wäre doch weit lieber in unserem schweizer Exil , wie Mama es nennt , in unserem kleinen Landhause am See , wo Alles so einfach und bescheiden war , wo wir kaum das Nothwendige hatten , aber wo wir frei waren von Dir und Deiner Tyrannei . Mama verlangt , ich soll sie geduldig ertragen , weil Du reich bist und meine Zukunft von Dir abhängt , aber ich will Dein Vermögen nicht ; ich frage nicht darnach , ob Du mich zur Erbin einsetzest . Ich möchte fort von hier , je eher , desto lieber . “ Sie war aufgesprungen und stand jetzt in leidenschaftlichster Erregung vor ihm , den kleinen Fuß energisch vorgesetzt , den Kopf zurückgeworfen , die Augen voll von Thränen des Zornes und der Erbitterung , aber es lag doch mehr in diesem stürmischen Ausbruch als nur der Trotz eines eigensinnigen Kindes . Jedes Wort verrieth die tiefste , innerste Gekränktheit , und es war nur allzu viel Wahres in den Anklagen , die sie dem Vormunde so kühn in ’ s Antlitz schleuderte . Raven hatte sie mit keiner Silbe unterbrochen ; er sah sie unverwandt an , und als sie jetzt schwieg und die Hände tiefathmend gegen die Brust preßte , während ein Thränenstrom aus ihren Augen stürzte , beugte er sich plötzlich zu ihr nieder und sagte mit tiefem Ernste : „ Weine nicht , Gabriele ! Dir wenigstenns habe ich Unrecht gethan . “ Gabrielens Thränen stockten ; jetzt , wo sie zur Besinnung kam , wurde ihr erst die ganze Unvorsichtigkeit ihrer Worte klar . Sie hatte sicher einen Ausbruch des Zornes erwartet – und nun statt dessen diesem unbegreifliche Ruhe stumm , fast scheu sah sie zu Boden . „ Also Du willst mein Vermögen nicht ? “ fuhr der Freiherr fort . „ Was weißt Du denn überhaupt davon , wen ich zu meinem Erben einzusetzen denke ? Ich habe Dir meines Wissens niemals etwas darüber mitgeteilt , und doch scheint es Gegenstand sehr eingehender Erörterungen zwischen Dir und Deiner Mutter gewesen zu sein . “ Das junge Mädchen wurde glühend roth . „ Ich weiß nicht – wir haben nie – “ „ Laß den Versuch , es zu leugnen , Kind ! “ unterbrach sie Raven . „ Noch hast Du die Unwahrheit so wenig gelernt , wie die Berechnung ; sonst würdest Du mir nicht so gegenübertreten . Ich zürne Dir deshalb nicht ; den Trotz kann ich verzeihen ; die planmäßige Berechnung und Heuchelei hätte ich Dir bei Deinen siebenzehn Jahren nie verziehen . Gott sei Dank , die Erziehung hat noch nicht so viel verdorben , wie ich fürchtete . “ Er nahm ruhig , als wäre nichts vorgefallen , ihre Hand , zog sie auf die Bank nieder und setzte sich neben sie . Gabriele machte einen Versuch , seitwärts zu rücken „ Nun , Du wirst mir doch gestatten Deine Kriegserklärung in aller Form entgegen zunehmen ? “ sagte der Freiherr . „ Deine Mutter wird sich ihr freilich nicht anschließen , wenigstens nicht in so offener Weise . Sie hat Dir jedenfalls größere Liebenswürdigkeit gegen den ‚ Emporkömmling ‘ zur Pflicht gemacht . “ „ Wie meinst Du ? “ fragte das junge Mädchen betreten . „ Nun , das kann Dir doch unmöglich fremd sein . So viel ich weiß , war es die specielle Bezeichnung meiner Persönlichkeit in Deinem Elternhause . “ Diesmal hielt Gabriele tapfer den scharfen Blick aus , der auf ihrem Gesichte ruhte . „ Ich weiß , meine Eltern liebten Dich nicht , “ entgegnete sie . „ Du hast ihnen aber auch von jeher feindlich gegenüber gestanden . “ [ 208 ] „ Ich ihnen ? Oder sie mir ? Doch das kommt schließlich auf eins heraus . Das sind Dinge , die Du noch nicht beurtheilen kannst , Gabriele . Du hast keine Ahnung davon , was es heißt , mit einer Lebensstellung , wie die meinige war , in eine hocharistokratische Familie und in deren Gesellschaftskreise zu treten . Ich habe dort stets nur einen Freund gehabt , Deinen Großvater ; bei allen Anderen habe ich mir meinen Platz erst erobern müssen , und dazu giebt es nur zwei Wege . Entweder man beugt sich geduldig all den Demütigungen , die auf das Haupt des Emporkömmlings gehäuft werden , man zeigt sich tief durchdrungen von der hohen Ehre , deren man gewürdigt ist , und begnügt sich damit , geduldet zu sein – darnach war meine Natur nicht geartet . Oder man wirft sich zum Herrn der ganzen Gesellschaft auf , man läßt sie fühlen , daß es noch eine andere Macht giebt , als die ihrer Stammbäume , und setzt bei jeder Gelegenheit ihrer Ueberhebung und ihren Vorurtheilen den Fuß auf den Nacken ; dann lernen sie sich beugen . Es ist im Allgemeinen viel leichter die Menschen zu unterdrücken , als man glaubt ; man muß es nur verstehen , ihnen zu imponiren , darin liegt das ganze Geheimniß des Erfolges . “ Gabriele schüttelte leise den Kopf . „ Das sind harte Grundsätze . “ „ Das sind die Erfahrungen der dreißig Jahre , die ich vor Dir voraus habe . Denkst Du , ich habe nicht auch meine Ideale gehabt , meine Träume und meine Begeisterung ? Denkst Du , es hat hier nicht auch geflammt mit all den heißen Empfindungen der Jugend ? Aber das nimmt ein Ende , wenn man im Leben vorwärtsschreitet . In eine Laufbahn wie die meinige konnte ich die Träume nicht mit hinübernehmen . Sie halten am Boden fest , und ich wollte emporsteigen und bin emporgestiegen . Ich habe freilich einen hohen Preis dafür gezahlt , zu hoch vielleicht – gleichviel , ich habe es erreicht . “ „ Und bist Du glücklich dadurch geworden ? “ Die Frage kam fast unwillkürlich von den Lippen des jungen Mädchens . Raven zuckte die Achseln . „ Glücklich ! Das Leben ist ein Kampf , keine Glückseligkeit . Man wirft den Gegner oder wird geworfen ; ein Drittes giebt es nicht . Du freilich siehst das alles noch mit anderen Angen an . Dir ist das Leben noch ein Sommertag , wie er da draußen leuchtet . Du glaubst noch , daß dort in jener schimmernden Ferne , hinter jenen blauen Bergen ein ganzes Eden voll Glück und Seligkeit liegt – Du täuschest Dich , Kind . Die goldene Sonne scheint über unendlich viel Jammer und Erbärmlichkeit , und hinter den blauen Bergen ist auch nichts weiter , als der mühselige Weg von der Wiege zum Grabe , den wir uns noch mit so viel Haß und Streit würzen . Das Leben ist nur dazu da , um jeden Tag neu überwunden zu werden , und die Menschen – um sie zu verachten . “ Es lag eine unbeschreibliche Härte und Herbheit in diesen Worten , aber auch die ganze Entschiedenheit des Mannes , der einen ihm unerschütterlich gewordenen Glaubenssatz ausspricht . Die tiefe Bitterkeit freilich , welche hindurchwehte , entging dem jungen Mädchen , das halb beklommen und halb empört zuhörte . „ Aber schließlich kommt doch die Zeit , wo man dieses ewigen Kampfes überdrüssig wird , “ fuhr Raven fort , „ wo man sich fragt , ob die einst erträumte Höhe es denn werth war , sein Alles dafür einzusetzen , wo man die Summe all dieses ruhelosen Jagens und Ringens , all dieser Erfolge zieht und des ganzen Spiels herzlich müde wird . Ich bin oft müde – recht müde . “ Er lehnte sich zurück und sah in die Ferne hinaus , es lag ein finsterer Schmerz in diesem Blicke , und die tiefe Müdigkeit , von der er sprach , verrieth sich auch in seiner Stimme . Gabriele schwieg , auf ’ s Höchste betroffen von der tiefernsten Wendung , die das Gespräch genommen hatte , das auch sie auf ganz unbekannte Bahnen führte . Sie hatte bisher nur den eisernen , unzugänglichen Mann gekannt , mit seiner kalten Ruhe und seinen Gebietertone . Selbst sein Benehmen gegen sie war immer nur die Herablassung zu dem Ideenkreise eines Kindes gewesen ; er hatte nie anders zu ihr gesprochen , als in jener halb gütigen , halb spottenden Weise , in der auch heute ihr Gespräch begann . Zum ersten Male öffnete sich diese sonst so streng verschlossene Natur in einem Augenblick der Selbstvergessenheit , Gabriele sah in eine Tiefe , die sie nicht geahnt hatte , und die sich auch wohl keinen Anderen aufthat , aber sie fühlte instinctmäßig , daß sie nicht daran rühren und nicht heraufbeschwören durfte , was sich da unten regte . Es folgte eine lange Pause . Beide blickten schweigend in die weite Landschaft hinaus , die in dem heißen Lichte eines der letzten Augusttage vor ihnen lag . Der Sommer schien vor seinem Scheiden noch einmal all seine Gluth und Pracht über die Erde auszuschütten . Der hellste Sonnenschein umfloß die alterthümliche Stadt , die mit ihren Häusern und Thürmen sich am Fuß des Schloßberges ausbreitete ; er lag über all den Wiesen und Feldern , über all den Ortschaften , die sich bald näher , bald ferner dem Auge zeigten , und blitzte in den Wellen des Flusses , der in mächtigen Windungen durch das Thal zog . Um dasselbe schlossen sich die Berge , wie zu einem Kranze , bald in weichgeschwungenen Linien , bald in zackig kühnen Formen aufstrebend , mit grünen Triften und dunklen Wäldern , aus denen hier und da eine weiße Wallfahrtskirche hervorleuchtete , oder eine altersgraue Bergveste sich erhob . Ganz in der Ferne stieg in blauen Dust verloren das Hochgebirge auf , das als erhabener Hintergrund den Horizont begrenzte , und über dem Allen lächelte ein tiefblauer Himmel und schwebte goldiger Sonnenduft , der den ganzen Aether zu erfüllen schien . Es war einer jener Tage , wo Alles wie in Licht und Glanz getaucht , Alles davon überfluthet ist , als gäbe es auf der ganzen Welt nichts weiter , als nur Sonnenschein . Es konnte keinen schärferen Gegensatz geben , als diese sonnige Landschaft und den tiefen , kühlen Schatten des Schloßgartens mit seiner düstern Einsamkeit . Die riesigen Kronen der Linden , mit ihren dicht verschlungenen Aesten , hielten den ganzen Raum wie mit einer grünen Dämmerung umsponnen und unter den hohen Baumwipfeln rauschte einförmig die Fontaine . In ewigem Wechsel stieg der helle Strahl empor , um dann tausendfach zersprüht wieder niederzusinken . Bisweilen , wenn ein Sonnenstrahl , der sich hier unten verlor , die fallenden Tropfen streifte , funkelte und glänzte es , wie mit Diamantenpracht , aber sie erlosch schon im nächsten Moment . Alles lag wieder im kühlen Schatten , und durch den nebelhaften Wasserschleier blickten die grauen Gestalten der Nixen mit den langen Haaren und den steinernen Häuptern gespenstig hindurch . Die stille , schwüle Mittagsstunde schien Alles in träumerische Ruhe zu wiegen ; kein Vogel flatterte auf ; kein Blatt regte sich mehr , nur der Nixenbrunnen rauschte geheimnißvoll durch die tiefe Stille . Es war die Sprache des Quelles , der seit undenklichen Zeiten hier auf dem Schloßberge rieselte , und seit länger als einem Jahrhundert in diesem Steingewand , in das man ihn gezwungen , der treue Gefährte des Schloßgartens gewesen war . Auch an ihm waren jene Zeiten vorübergehuscht , die einst die alte Bergveste geschaut hatte , die ursprünglich an der Stelle des Schlosses stand , wilde , gewalttätige Zeiten , voll Kampf und Streit , voll Sieg und Niederlage und dann wieder Jahre des Glanzes und der Pracht , als der Fürstensitz sich hier erhob . Weltereignisse waren vorübergezogen ; Geschlechter waren gekommen und gegangen , bis endlich die neue Zeit kam , die Allem eine andere Gestalt gab . Allen , nur dem Quelle des Schloßberges nicht , um den Sage und Aberglauben eine heilige Schutzmauer gewoben hatten . Aber jetzt war auch seine Zeit gekommen ; die alten Steinbilder , welche ihn so lange schützend umgaben , sollten fallen , und er selbst sollte niedersteigen aus dem hellen Tageslichte in die dunkle Erde , um dort auf immer gebannt zu bleiben . Ob es Klagen oder Erinnerungen waren , die der Quell flüsterte , sein träumerisches Rauschen übte eine seltsame Macht auf den ernsten , finsteren Mann , der nie das einsame Träumen und seine Poesie gekannt hatte , wie auf das junge , blühende Mädchen an seiner Seite , das bisher lachend und spielend durch das Leben geflattert war , ohne seinen Ernst auch nur zu ahnen . Es löste all jenes heiße Ringen und Streben , all diese frohen Kinderträume in eine einzige rätselhafte Empfindung , welche die Beiden halb süß und halb beängstigend umspann . Unter diesem einförmigen und doch so melodischen Rieseln und Rauschen wich die Welt da draußen mit ihrer schimmernden Ferne und ihrem leuchtenden Sonnengold weit und weiter zurück , und endlich versank sie ganz . Dann legte es sich um die beiden Zurückgebliebenen wie düstere Schatten , wie kühle Wasserschleier , und [ 209 ] sie wurden fortgezogen , weit fort in geheimnißvoll dämmernde Tiefen , wohin kein Laut des Lebens mehr drang , wo alles Ringen und Sehnen , alles Glück und Weh erstarb in einem tiefen , tiefen Traum , und mitten in dem Traume vernahmen sie wieder das leise , geisterhafte Singen des Quelles , das wie aus endloser Ferne zu ihnen niedertönte . – Unten in der Stadt setzten die Glocken zum Mittagsgeläut ein . Die weichen , hellen Klänge schwebten herauf zu dem Schloßberge , und vor diesem Laut zerrannen die seltsamen Gebilde , welche jenes Rauschen gesponnen . Raven sah auf , als sei er unangenehm geweckt worden , während Gabriele sich rasch erhob und mit einer Bewegung , die fast der Flucht glich , an die epheuumrankte Mauerbrüstung trat , um dort vorgebeugt den Klängen zu lauschen . Sie zogen weithin durch die stille Luft , wie damals am Seeufer , als sie mit Georg – Gabriele vollendete den Gedanken nicht . Warum drängte sich auf einmal Georg ’ s Name wie mit einem Vorwurf in ihr Gedächtniß ? Warum stand sein Bild plötzlich so deutlich vor ihr , als wolle es seine Rechte wahren und behaupten ? Damals , als sie unter Scherz und Lachen von ihm Abschied nahm , hatten ihr die Glockenklänge gar nichts gesagt , heute durchzuckte es sie bei der Erinnerung jäh und schmerzlich , wie eine Mahnung , sich nicht wieder fortziehen zu lassen aus dem goldenen Sonnenlicht in unbekannte Tiefen , wie eine Warnung vor irgend einer dunkel geahnten Gefahr , die ihre Kreise um sie zog . Ihr war unbeschreiblich bang zu Muthe . Auch der Freiherr hatte sich erhoben und trat jetzt zu ihr . „ Du flüchtest ja förmlich , “ sagte er langsam . „ Wovor denn ? Vor mir vielleicht ? “ Gabriele versuchte mit einem Lächeln ihrer Bangigkeit Herr zu werden , als sie erwiderte : „ Vor dem Rauschen des Nixenbrunnens , es klingt so gespenstig in der stillen Mittagsstunde . “ „ Und doch hast Du gerade ihn zum Lieblingsplatze gewählt ? “ „ Er ist ja die längste Zeit gewesen . Vielleicht verwandelt Dein Befehl ihn morgen schon in ein wüstes Chaos von Erde und Steinen , und – “ „ Und ich frage nicht danach , ob meine Befehle Jemanden wehe thun , “ vollendete Raven , als sie inne hielt . „ Das mag sein , aber – liebst Du den Quell wirklich so sehr , Gabriele ? Würde es Dir im Ernst wehe thun , ihn vernichtet zu sehen ? “ „ Ja , “ sagte Gabriele leise und hob das Auge empor , ihr Mund sprach keine Bitte aus , aber die Augen , in denen eine Thräne schimmerte , baten heiß und innig für den bedrohten Quell . Raven schwieg und wandte sich ab ; einige Minuten lang stand er wortlos an ihrer Seite , dann begann er von Neuem : „ Ich habe Dich vorhin erschreckt mit meinen herben Lebensansichten . Wer sagt denn aber , daß Du sie theilen sollst ? Ich vergaß , daß die Jugend ein Recht auf Träume hat , und daß es grausam ist , sie ihr zu nehmen . Glaube Du immerhin noch an die goldene Zukunftsferne , an die Verheißung jener blauen Berge ! Du darfst noch der Welt und den Menschen vertrauen , und Du wirst auch schwerlich je ihren Haß erfahren . “ Seine Stimme klang eigenthümlich weich und verschleiert , und aus dem Blicke , der so düster auf dem jungen Mädchen ruhte , war alle Härte und Strenge gewichen , aber Arno Raven war nicht lange solchen Regungen zugänglich , und es schien auch , als dürfe er sich ihnen überhaupt nicht hingeben , denn gerade jetzt ertönten Schritte hinter ihnen , und als sie sich umwendeten , trat der Castellan des Schlosses mit einem älteren Manne , der dem Handwerkerstand anzugehören schien , in den Garten . Beide blieben stehen , als sie den Gouverneur gewahrten , und grüßten ehrerbietig . Raven hatte schnell die ungewohnte Weichheit abgeschüttelt . „ Was giebt es ? “ fragte er , wieder ganz in dem kurzen , gebieterischen Tone , der ihm eigen war . „ Excellenz haben befohlen , den Nixenbrunnen abzubrechen und den Quell zu verstopfen , “ nahm der Handwerker das Wort . „ Es sollte heute noch geschehen ; meine Leute kommen in einer halben Stunde ; ich wollte nur zuvor nachsehen , ob die Arbeit viel Zeit und Mühe kosten wird . “ Der Freiherr sah aus den Brunnen und dann auf Gabriele , die noch an seiner Seite stand ; es war , ein kaum merkliches , sekundenlanges Zögern . „ Schicken Sie die Leute zurück ! “ befahl er dann , „ die Arbeit ist nicht mehr nöthig . “ „ Wie meinen Excellenz ? “ fragte der Handwerker erstaunt . „ Die Wegnahme des Brunnens würde den Garten schädigen ; er bleibt stehen . Ich werde andere Bestimmungen treffen . “ Ein Wink mit der Hand verabschiedete die beiden Männer ; sie wagten natürlich keinen Widerspruch , aber die Verwunderung prägte sich deutlich auf ihren Gesichtern aus , als sie den Garten verließen . Es war das erste Mal , daß ein mit so großer Bestimmtheit gegebener Befehl des Gouverneurs zurückgezogen wurde . Raven war an den Rand der Fontaine getreten und blickte in den fallenden Tropfenregen . Gabriele stand noch drüben an der Mauerbrüstung ; jetzt kam sie langsam , zögernd näher und streckte ihm dann plötzlich beide Hände hin . „ Ich danke Dir . “ Er lächelte , aber nicht mit dem gewohnten Sarkasmus – diesmal flog es wie Sonnenschein über seine Züge , als er die dargebotene Hand ergriff und zugleich mit der Linken sanft Gabrielens Haupt emporhob , um ihre Stirn zu küssen . Das war durchaus nichts Außergewöhnliches . Er pflegte es stets zu thun , wenn sie ihm beim Frühstücke den Morgengruß brachte , und sie hatte es bisher ebenso unbefangen hingenommen , wie der Vormund kühl und ernst von seinem väterlichen Rechte Gebrauch machte . Heute zum ersten Male wich das junge Mädchen unwillkürlich zurück , und Raven fühlte , wie die Hand , die er in der seinigen hielt , leise bebte . Er richtete sich plötzlich empor , ohne daß seine Lippen ihre Stirn berührt hatten , und ließ die Hand fallen . „ Du hast Recht , “ sagte er gepreßt . „ Das Rauschen des Nixenbrunnens hat etwas Geisterhaftes – laß uns gehen ! “ Sie wandten sich zum Gehen . Hinter ihnen rauschte und rieselte der Quell und warf unermüdlich seine weißen Wasserschleier empor . Die drohende Vernichtung war ja nun abgewendet ; die Bitte jener braunen Augen und die Thräne darin hatte ihn gerettet , und der ernste , kalte Mann , der die Höhe des Lebens längst überschritten hatte , fühlte es vielleicht in diesem Augenblicke , daß er auch nicht gefeit war gegen den „ Nixenzauber “ . Georg Winterfeld saß in seiner Wohnung am Schreibtische . Er sah angegriffen , fast leidend aus ; die kurze Frische , welche die Reise seinem Aeußeren gegeben , war längst wieder geschwunden , und die Blässe , welche selbst damals die feinen , durchgeistigten Züge des jungen Mannes deckte , war noch um einen Schein tiefer geworden . Er muthete sich in der That bisweilen allzu viel in der Arbeit zu – die Pflichten seiner Stellung nahmen ihn schon hinreichend in Anspruch , aber trotzdem benutzte er jede freie Stunde , um sich mit rastlosem Eifer allen möglichen Studien hinzugeben , die ihm in seiner Laufbahn förderlich sein konnten . Georg arbeitete oft genug auf Kosten seiner Gesundheit ; ihn trieb ein edlerer Sporn , als der Ehrgeiz , mit jedem Schritte , den er vorwärts that , minderte sich ja die Kluft , die ihn von der Geliebten trennte , und er war sich trotz aller persönlichen Bescheidenheit doch zu sehr seiner Kraft und seines Werthes bewußt , um nicht die zuversichtliche Hoffnung zu hegen , daß diese Kluft sich einst ganz ausfüllen werde . Seine Collegen , die sich meist auf ihre pflichtmäßigen Leistungen in den Bureaustunden beschränkten , wußten kaum von dieser stillen , angestrengten Thätigkeit des Assessors , der nie darüber sprach ; nur das durchdringende Auge seines Chefs hatte herausgefunden , welch eine Summe von Arbeitskraft und Begabung in dem jungen Beamten lag , so wenig dieser auch bisher Gelegenheit gefunden hatte , sie nach außen hin zu bethätigen . Georg benutzte mit Vorliebe die Morgenstunden zum Arbeiten ; auch heute saß er über ein juristisches Werk gebeugt und hatte sich so darin vertieft , daß er das Oeffnen der Thür im vorderen Zimmer vollständig überhörte . Erst als eine bekannte Stimme sagte : „ Bemühen Sie sich nicht ! Ich finde schon allein den Weg zu dem Herrn Assessor , “ fuhr er auf . In dem gleichen Augenblicke trat der Ankömmling auch schon ein . „ Guten Morgen , Georg ! Da bin ich . “ „ Max ! Ist es möglich ? Wie kommst Du nach R. ? “ rief Georg freudig überrascht , dem Freunde entgegeneilend . [ 210 ] „ Geradeswegs von zu Hause , “ versetzte dieser , die Begrüßung ebenso herzlich erwidernd . „ Ich bin erst vor einer halben Stunde im Gasthofe angelangt und habe mich sogleich auf den Weg zu Dir gemacht . “ „ Aber weshalb schriebst Du mir denn nicht einige Zeilen ? Wolltest Du mich überraschen ? “ „ Das nicht , die Reise war vielmehr eine Art Ueberraschung für mich , denn es sind durchaus keine idealen Freundschaftsgefühle , die mich herführen , wie Du Dir vielleicht schmeichelst , sondern eine höchst reale Erbschaftsangelegenheit . Aber vor allen Dingen – wie geht es Dir ? Du siehst blaß aus – natürlich , wenn man schon am frühen Morgen über den Büchern sitzt – Georg , Du bist unverbesserlich . “ Georg wehrte lachend die Hand des Freundes ab , der nach seinem Pulse greifen wollte , und zog ihn auf das Sopha . „ Laß ’ nur den Doctor bei Seite ! Ich befinde mich vortrefflich . Also eine Erbschaftsangelegenheit führt Dich her ? Sind Euch Reichthümer zugefallen ? “ „ Das gerade nicht , “ sagte Max . „ Nur ein sehr bescheidenes Vermögen , der Nachlaß eines alten Vetters , der hier in der Umgegend von R. ein kleines Gut besitzt . Ich habe ihn gekannt . Er war mit meinem Vater wegen dessen politischer Vergangenheit vollständig zerfallen . Jetzt ist er ohne Testament und ohne directe Erben gestorben , und Papa erhielt , als der nächste lebende Verwandte , vom hiesigen Gericht die Aufforderung , seine Rechte geltend zu machen . Er persönlich kann das nun freilich nicht ; Du weißt ja , daß er sein Vaterland nicht betreten darf , ohne sofort wieder in die Festung zu wandern , die er einst auf dem etwas ungewöhnlichen Wege der Strickleiter verlassen hat ; das damalige Urtheil hängt ja noch immer über seinem Haupte . Also hat er mich als seinen Vertreter geschickt . “ „ Du hast doch hinreichende Vollmacht ? “ warf der Assessor ein . „ Die ausgedehnteste , aber trotzdem wird es Weitläufigkeiten und Formalitäten genug geben . Papas damalige Flucht und dauernde Entfernung verwickeln die Sache einigermaßen , und mein berüchtigter Demagogenname wird die Herren vom Gericht auch gerade nicht zu besonders liebenswürdigem Entgegenkommen veranlassen . Ich habe in dieser Voraussicht einen längeren Urlaub genommen und denke bis zur Erledigung der Sache in R. zu bleiben . Ich rechne sehr auf Deinen juristischen Rath und Beistand . “ „ Ich stehe Dir ganz zur Verfügung . Vor allen Dingen aber gieb Dein Quartier im Gasthofe auf und komme zu mir ! Ich habe Raum genug . “ „ Das werde ich mit Deiner Erlaubniß nicht thun , “ sagte Max trocken . „ Weshalb nicht ? “ „ Weil ich Dir keine Unannehmlichkeiten mit Deinen Vorgesetzten zuziehen will . Oder kannst Du mir versichern , daß Dein Besuch bei uns ganz unbemerkt und ungerügt vorüber gegangen ist ? “ Georg sah zu Boden . „ Ich habe allerdings einige scharfe Worte von meinem Chef hinnehmen müssen , aber die Bevormundung und die Rücksicht auf meine Stellung hat ihre Grenzen . Meine Freundschaftsbeziehungen opfere ich ihr nicht . “ „ Das brauchst Du auch nicht , “ erklärte der junge Arzt , „ aber Du brauchst den Conflict auch nicht herauszufordern . Du weißt , ich halte gar nichts von den nutzlosen Aufopferungen , und Deine Einladung ist eine solche . Keine Einwendung , Georg ! Ich bleibe unbedingt im Gasthofe . Du compromittirst Dich schon genug in den Augen aller loyalen Gemüther , wenn Du mich nicht als Freund verleugnest . “ Die Weigerung wurde in so bestimmtem Tone ausgesprochen , daß Georg einsah , wie nutzlos jeder fernere Versuch sein würde , er fügte sich also . „ Nun , so laß mich Dir wenigstens zu der Erbschaft gratuliren , “ nahm er wieder das Wort . „ Sie ist , wenn auch nicht bedeutend , doch immer von Wichtigkeit für Euch . “ „ Gewiß , und das hauptsächlich um meines Vaters willen . Er kann sich nun ungestört seiner geliebten Wissenschaft hingeben , ohne daß die Existenzfrage ewig für ihn im Vordergrunde steht . Auch ich gewinne dadurch eine langgewünschte Selbstständigkeit . Ich hätte längst schon meine Stellung am Hospital aufgegeben , wäre es nicht nothwendig gewesen , unserem Haushalt ein festes Einkommen zu sichern , das er nun entbehren kann . Ich werde mir jetzt eine Praxis gründen und mich verheirathen . “ „ Du willst heiraten ? “ fragte Georg erstaunt . „ Natürlich will ich das . Eine Frau muß der Mensch doch haben – das gehört zur Bequemlichkeit . “ „ Aber wen willst Du denn heiraten ? “ „ Das weiß ich noch nicht . Sobald ich einen eigenen Herd habe , halte ich Umschau und führe die Braut heim . “ „ Doch wohl eine von den Töchtern des Schweizerlandes ? “ „ Gewiß ! Ich schätze die tüchtige praktische Natur dieses Volkes sehr hoch , wenn auch bisweilen einige Derbheiten mit unterlaufen . Zartheit kann ich bei meiner Frau ohnehin nicht brauchen ; Eheleute müssen zu einander passen . “ „ Da gehst ja sehr gründlich zu Werke , “ spottete Georg . „ Du hast Dir wohl ein förmliches Programm zurecht gemacht , mit all den Eigenschaften , die Deine zukünftige Frau besitzen muß ? Also , Paragraph eins – ? “ „ Vermögen ! “ sagte Max lakonisch . „ Ja , da empören sich nun wieder Deine idealistischen Gefühle . Vermögen ist unerläßlich . Zweitens : praktische Hausfrauenerziehung – das ist ebenso wichtig , wenn man ein bequemes Leben führen will . Drittens : blühende Gesundheit ; ein Arzt , der sich mit allen möglichen Krankheiten herumschlägt , will nicht auch in seinem Hause den Doctor spielen . Viertens : – “ „ Um Gottes willen , höre auf ! “ unterbrach ihn der Freund . „ Ich glaube , Du hast ein Dutzend Paragraphen für Dein Eheglück nöthig . Die Liebe steht wohl in keinem derselben ? “ „ Die Liebe kommt nach der Hochzeit , “ versetzte der junge Arzt zuversichtlich . „ Bei vernünftigen Leuten wenigstens , und die besten Ehen sind die , welche mit genauer Berechnung der Charaktere und Verhältnisse geschlossen werden . Sobald das Programm stimmt , mache ich meinen Antrag und heirathe . Punctum ! “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft