neuen Vergnügen hin . Es war das erste Mal , daß das junge Mädchen überhaupt in eine größere Gesellschaft kam , daß sie aus der „ Kinderstube “ , in die der strenge Bruder sie verwiesen , in den Salon trat , und entzückt und geblendet blickte sie in die fremde glänzende Welt . [ 55 ] Sie sah nur den Kerzenglanz , die bunte , festlich geschmückte Menge , hörte nur die rauschende Musik , alles Andere existirte nicht für sie . Der rosige Mousselin wogte leicht und luftig um die kleine Elfengestalt . Die Rosen in den Locken dufteten und zitterten , als sie so in den Armen des Grafen dahinschwebte . Das jugendliche Wesen war ganz aufgelöst in Freude und Tanzlust und hatte kaum eine Ahnung davon , wie bezaubernd lieblich es in dieser Erregung erschien . Ihr Tänzer hatte und so mehr Augen dafür . Der junge Graf , gewohnt , überall nur der Coquetterie und Berechnung zu begegnen , deren Ziel meistentheils seine Hand war , schien seltsam angezogen von diesem Kinde , das sich noch so ganz kindlich und unbefangen gab , gar nicht daran dachte , sein Entzücken an dem Feste zu verhehlen , und sicher mit dem jüngsten Sohne irgend eines unbedeutenden Landedelmannes ebenso gern tanzte wie mit dem Erben von Rhaneck . Es war einmal etwas Neues , Ungewöhnliches , dem seine gleichgültige Blasirtheit allmählich zu weichen begann . Die schlaffen Züge Ottfried ’ s gewannen Leben , in seine matten Augen kehrte das Feuer zurück , während er sich in Artigkeiten und Aufmerksamkeiten aller Art erschöpfte und nicht ohne Erfolg . Der Graf hatte nicht umsonst die hohe Schule in den Salons der Residenz durchgemacht und sich dort in den Ruf der Unwiderstehlichkeit gebracht , um diesen Ruf einem sechszehnjährigen Mädchen gegenüber nicht mit Glück zu behaupten ; er konnte glänzen mit seiner Unterhaltungsgabe , wenn er wollte , und heute wollte er es entschieden . Immer kühner und kühner drangen seine Schmeicheleien in Luciens Ohr . Noch lachte sie unbefangen dazu ; aber ihr Köpfchen begann bereits zu wirbeln ; allerlei romantische Pensionsideen flatterten darin auf . Der gewandte , in allen Künsten der Eroberung erfahrene Weltmann war auf dem besten Wege , das junge unerfahrene Herz in seine gefährlichen Netze zu ziehen . Da auf einmal zuckte das junge Mädchen leise zusammen und hielt mitten im Tanze inne . Der Graf bemerkte es . „ Wünschen Sie aufzuhören , mein Fräulein ? “ fragte er artig . Lucie schüttelte leise das Haupt und tanzte weiter ; aber das , was sie vorhin wie ein jäher Stich durchfahren , schmerzte noch , als Ottfried , nachdem er nochmals den Saal mit ihr umkreist hatte , jetzt von selber innehielt . Sie war wieder den „ Gespensteraugen “ begegnet , die sie schon einmal so sehr erschreckt hatten , und wendete jetzt langsam und scheu ihren Blick dem Orte zu , wo sie leuchteten . Der Graf fing diesen Blick auf , dessen Ausdruck nicht mißzuverstehen war . „ Pater Benedict scheint Ihnen Furcht einzuflößen , mein Fräulein , “ sagte er spöttisch . „ Ich muß bekennen , daß auch mich in seiner Nähe ein gewisses Unbehagen beschleicht , trotzdem er der erklärte Günstling meines Vaters und Oheims ist . Der Fanatiker haßt Alles , was Freude und Jugendlust heißt ! Sieht er nicht aus , als wollte er das ganze Tanzgewühl und vor Allem uns Beide bis in die fernsten Tiefen der Verdammniß schmettern ? “ Lucie hätte bei jeder andern Gelegenheit mitgelacht und mitgespottet , in diesem Augenblicke aber vermochte sie es nicht . Die hohe finstere Gestalt , welche dort an der Thür lehnte , einsam inmitten der bunten hin- und herfluthenden Menge , von der Keiner Lust bezeigte , sich dem düstern einsilbigen Gaste zu nahen , übte einen beängstigenden Einfluß auf sie aus . Das Antlitz des jungen Mönches hatte freilich nicht mehr jenen kalt verächtlichen Ausdruck , mit dem er beim Beginn des Festes das profane Gewühl um sich her betrachtete . War es Einbildung ? Aber es schien Lucien , als suchten jene düster brennenden Blicke einzig sie und ihren Tänzer in diesem Gewühl , als folgten sie ihnen durch alle Verschlingungen des Tanzes , und als Ottfried jetzt auf ’ s Neue den Arm um sie legte und ihre langen braunen Locken dabei seine Schulter berührten , da flammten die unheimlichen Augen plötzlich auf , nur einen Moment lang ; aber das junge Mädchen schmiegte sich , wie Schutz suchend , fester an den Arm des Grafen – er hatte Recht , der Fanatiker dort hätte sie Beide am liebsten zerschmettert mit diesem Blick ! Ottfried mißverstand natürlich diese Bewegung und er mißverstand auch völlig die Befangenheit , die sich seiner Tänzerin auf einmal bemächtigte und ihrem eben noch so frohen Lachen , ihren bisher so neckischen Antworten etwas eigenthümlich Gezwungenes gab . Er hielt für seinen Triumph , was doch nur jene räthselhafte Angst war , die Lucie hier in dem hellen menschenvollen Saale mit derselben Gewalt überkam , wie einst mitten in der Einsamkeit des Waldes . Ihr Vergnügen am Tanze war gestört ; sie war unruhig , zerstreut und athmete erst auf , als nach Beendigung des Walzers der Gegenstand ihrer Furcht verschwand und statt dessen die Gestalt ihres Bruders sich in der Nähe zeigte . Ottfried führte sie zu einem Sitz , und das junge Mädchen hatte kaum dort Platz genommen , als mehrere Herren , durch das Beispiel des Grafen ihren aristokratischen Zweifeln entrissen , ebenfalls hereintraten , um sich um die nachfolgenden Tänze zu bewerben . Es schien , als hätte ihnen Ottfried gern den Vorzug streitig gemacht ; aber der Sohn des Grafen Rhaneck hatte gesellschaftliche Verpflichtungen gegen verschiedene vornehme Damen , denen er nachkommen mußte , wollte er nicht den Zorn des Vaters auf sich laden , der jedenfalls schon die Freiheit , die er sich genommen , mit Mißfallen betrachtete . Mit einem kaum verhehlten Unmuthe trat er zurück , verneigte sich vor Lucie und ging , eine schon etwas verblühte Comteß aufzufordern , die sofort das ganze Feuer ihrer Coquetterie auf ihn spielen ließ , aber ohne allen Erfolg . Der junge Graf hatte sich noch nie so unempfindlich gezeigt wie gerade heute . Er entledigte sich so schnell wie möglich der Etiquettenpflichten , und es glückte ihm wirklich , im Laufe des Abends noch mehrere Male jenes reizende kleine Wesen in die Reihen zu führen , das , zur großen Indignation der übrigen Damen , ihn gänzlich bezaubert zu haben schien . Günther , der nur erschienen war , um sich zu vergewissern , daß seine Schwester nicht etwa an der Seite ihres Tänzers blieb , kehrte , als er sie anderweitig versagt wußte und nachdem er sie einer der älteren Damen mit einigen Worten empfohlen , wieder zu der übrigen Gesellschaft zurück , wo er bald auf ’ s Neue von dem Prälaten in ein eingehendes Gespräch verwickelt und dabei festgehalten wurde . Drinnen im Tanzsaal war schon seit einiger Zeit eine größere Pause eingetreten , als es ihm endlich gelang , sich loszumachen und nach Lucie zu sehen . Sie war nicht im Saale , und auch auf der Terrasse , von woher ihm das Lachen und Plaudern der anderen Paare entgegenscholl , die dort promenirten , konnte er sie nicht entdecken . Unruhig darüber , wollte er seine Nachforschungen eben weiter ausdehnen , als die Gesuchte plötzlich eintrat , allerdings auch von der Terrasse her , und zwar am Arme des Grafen Ottfried , der seit dem letzten Tanze nicht von ihrer Seite gewichen war . Das Antlitz des jungen Mädchens zeigte nichts mehr von jener augenblicklichen Befangenheit und Zerstreutheit , das war längst vorüber ; jetzt strahlte dort unverkennbar ein kindischer Triumph , und es glühte dunkel auf unter dem Auge des Bruders , der sie und den Grafen mit einem scharfen Blick musterte . Er trat rasch auf sie zu . „ Wo warst Du ? “ fragte er kurz , „ ich habe Dich überall gesucht ! “ „ Ach , Herr Günther , “ Ottfried konnte auch gegen Bürgerliche verbindlich sein , wenn sie schöne Schwestern besaßen , „ das dürfen Sie der jungen Dame nicht zum Vorwurf machen . Ich führte sie ein wenig auf die Terrasse hinaus und war eben so glücklich , auch die Zusage des nächsten Tanzes von ihr zu erhalten . “ „ Das bedauere ich , Herr Graf . “ Günther zog ruhig den Arm seiner Schwester aus dem des Grafen und legte ihn in den seinigen . „ Lucie tanzt heute zum ersten Male und ich wünsche nicht , daß sie es übertreibt . Sie ist erhitzt und ermüdet , und wird für diesmal aufhören , wir fahren ohnedies bald . “ „ Aber , mein Herr ! “ Die Stimme Ottfried ’ s nahm einige Schärfe an . „ Das Fräulein hat bereits über den Tanz disponirt und ich habe doch wohl das Recht – “ „ Gewiß , Herr Graf ! Aber Sie werden dies Recht sicher nicht in Anspruch nehmen , da Sie hören , daß ich von dem allzuvielen Tanzen nachtheilige Folgen für meine Schwester befürchte . Sie gestatten wohl , daß ich sie mit mir nehme . “ Die Entgegnung klang sehr höflich , aber sie schnitt alle und jede Einwendung von vornherein ab . Ottfried biß sich auf die Lippen und trat zurück , vorher jedoch wechselte er noch einen Blick offenbaren Einverständnisses mit Lucie . Diese war im ersten Moment ganz starr vor Staunen und Schrecken über diesen unerwarteten Eingriff des Bruders , und schien sehr geneigt , sich dagegen aufzulehnen , aber ein Blick auf sein Gesicht ließ sie davon [ 56 ] abstehen . Wenn Bernhard so aussah , war keine Nachgiebigkeit von ihm zu erwarten , man that dann am besten , ihm unbedingt zu gehorchen , das junge Mädchen fügte sich , aber es standen Thränen in ihren Augen , als der rücksichtslose Bruder sie so ohne allen Grund von dem ersehnten Vergnügen und von der Seite des liebenswürdigen Tänzers fortriß . Sie konnte nicht begreifen , weshalb er dem Grafen in einer so schroffen , fast beleidigenden Weise entgegentrat , er war heute überhaupt in einer abscheulichen Laune , und während drinnen die verlockenden Tanzweisen auf ’ s Neue erklangen , führte er sie wirklich fort , mitten unter die alten Damen und Herren , die an den Spieltischen saßen oder in steifer Unterhaltung begriffen waren , und stellte sich wie zur Wache neben ihrem Sessel auf – ein Glück wenigstens , daß jener unheimliche Pater Benedict nicht mehr im Saale zu erblicken war ! Hätten diese dunklen Augen sie nun auch noch gequält und gepeinigt , sie wäre sicher in Thränen ausgebrochen . Graf Rhaneck hatte sich den ganzen Abend hindurch in keiner sehr angenehmen Stimmung befunden . Schon unmuthig über die Opposition , die sein Bruder ihm mit diesem Günther machte , eine Opposition , deren Gründe er weder anzuerkennen , noch zu würdigen geneigt war , verstimmte es ihn auf ’ s Aeußerste , als er sehen mußte , wie die ganze Gesellschaft allmählich dem Beispiel des Prälaten folgte und der Eindringling mit jeder Minute mehr an Terrain gewann . Nun nahm sich auch noch Ottfried die unverzeihliche Freiheit , Lucie Günther zum Tanz zu führen ! Er vergaß über ein Paar schöner Augen vollständig , was er seinem Range und seiner Stellung schuldig war , und der Graf nahm sich vor , ihn ernstlich daran zu erinnern . Geärgert durch all diese Vorkommnisse und auf ’ s Höchste gelangweilt von den ewigen Jagd- und Pferdegeschichten der übrigen Herren , über deren Niveau seine Natur sich denn doch erhob , riß er sich endlich davon los und trat nach einem Gange durch den Saal auf die Terrasse , die jetzt beim Wiederbeginn des Tanzes vollkommen leer und öde war . In tiefe und , wie es schien , nicht gerade erfreuliche Gedanken versenkt schritt Rhaneck die Stufen hinunter , als er plötzlich auf einer der seitwärts stehenden Bänke eine Gestalt gewahrte , die wie todtmüde dort hingeworfen , die Stirn gegen den kalten Stein gepreßt , regungslos in dieser Stellung verharrte . Der Graf stutzte einen Augenblick , dann trat er rasch näher und legte dem Einsamen die Hand auf die Schulter . „ Bruno ! “ Der Gerufene fuhr auf und sprang empor ; es war zu dunkel , als daß der Graf die Blässe und die sichtbare Verstörtheit seiner Züge hätte bemerken können , dennoch klang eine unverhehlte Besorgniß aus seinem Tone . „ Was machst Du hier allein in der Nacht und Einsamkeit ? Weshalb bist Du nicht drinnen im Saale ? “ „ Ich kann nicht ! “ stieß Benedict gepreßt hervor , „ es ist mir zu schwül drinnen ! “ Der Graf schüttelte den Kopf . „ Ich weiß , Du liebst diese weltlichen Feste nicht und weißt es meinem Bruder schwerlich Dank , daß er gerade Dich zur Begleitung auserwählte , aber Dich ihnen so hartnäckig zu entziehen , das ist unrecht , das grenzt ja nahezu an Haß . “ „ Ich hasse sie auch ! “ sagte Benedict dumpf . Sie standen am Fuße der Terrasse , durch die geöffneten Fensterthüren quoll der Kerzenglanz und der rauschende Jubel der Musik , man sah die einzelnen Paare im Tanze vorüberschweben , der Blick des jungen Mönchs heftete sich starr auf jene erleuchteten Fenster , und es lag in der That etwas von der eben ausgesprochenen Empfindung darin , gleichwohl schien er das Auge nicht losreißen zu können . „ Du gehst zu weit ! “ sagte der Graf begütigend . „ Du siehst doch , daß Dein Abt und Deine Mitbrüder diese Feste weder verdammen , noch sich ihnen ganz entziehen . Dein Orden giebt uns die Redner unserer Kirchen , die Erzieher unserer Knaben , Ihr könnt und dürft nicht so ganz mit der Welt brechen , wie ein Karthäusermönch es thun mag . “ Benedict gab keine Antwort , er stützte sich auf die Steinbank und sah finster zu Boden . „ Und jetzt komm in den Saal zurück , “ drängte Rhaneck , „ es ist ja unheimlich hier in dieser Einsamkeit ! “ „ O , nicht immer ! Man sieht und hört auf dieser einsamen Terrasse oft mehr , als drinnen im Ballsaal . “ Es lag eine unendliche Bitterkeit in den Worten , aber der Graf lächelte unwillkürlich . „ Dein strenges Richterohr hat wohl irgend ein harmloses Liebesgeflüster aufgefangen ? Ich fürchte , es spielen mehr solcher kleinen Romane da drinnen unter dem jungen Volk . Es kann nicht ein Jeder die Weltentsagung üben , zu der Du Dich bekennst . “ „ Zumal Graf Ottfried nicht ! “ sagte Benedict schneidend . Die Stirn des Grafen umwölkte sich leicht . „ Also Ottfried war es , den Du belauschtest ? Ja , ich weiß , er ist leichtsinnig , leichtsinniger sogar , als ich ihm mit aller billigen Rücksicht auf seine Stellung und seine Verbindungen in der Residenz zugestehen kann . Ein Sohn meines Hauses sollte doch einen andern Ehrgeiz haben , und eine andere Lebensaufgabe kennen , als nur die , der Löwe der Salons zu sein und in ihren Abenteuern zu schwelgen . Ich fürchte , es ist bei seiner Erziehung Manches versäumt worden , Manches unterblieben , was besser geschehen wäre . Ich habe leider in meinem vielbewegten und vielbeanspruchten Leben niemals Zeit gefunden , mich eingehend darum zu bekümmern . “ Ein großer verwunderter Blick aus den Augen Benedict ’ s traf den Sprechenden , er erinnerte sich doch , daß der Graf stets Zeit gefunden , sich mit seiner Erziehung zu beschäftigen , daß er oft genug Proben davon erhalten hatte , und nun diese ganz offen eingestandene Vernachlässigung , dem eigenen Sohne und Erben gegenüber ! Zum Glück bemerkte Rhaneck nicht sein stummes Befremden . „ Ich hoffe viel von Deinem Einfluß auf Ottfried , “ fuhr er lebhaft fort , „ ich habe ihn in Bezug auf die Ausübung seiner religiösen Pflichten an Dich gewiesen und – “ „ An mich ! “ rief der junge Priester , heftig zurücktretend . „ Herr Graf , ich bitte dringend , nehmen Sie diese Anordnung zurück . Graf Ottfried und ich , wir thun besser , uns einander nicht zu nähern ! “ „ Ich wünsche es aber ! “ Der Graf legte einigen Nachdruck auf das Wort . „ Du wirst streng gegen ihn sein , ich sehe es an Deiner Entrüstung , aber gleichviel , er wird den Priester in Dir ehren und sich Deinem Spruche fügen , ich bürge Dir dafür . Und jetzt komm , Bruno , ehe mein Bruder Dich vermißt , mir scheint , er wird bald aufbrechen . “ Er ergriff sanft den Arm Benedict ’ s und zog ihn mit sich fort , ohne ihm Zeit zur Erwiderung zu lassen , Seite an Seite mit seinem Schützlinge betrat er den Saal . Der Prälat hatte Recht , es lagen seltsame Widersprüche in dem Charakter seines Bruders , aber einer derselben wenigstens ward von der Gesellschaft im vollsten Maße getheilt . Auch Pater Benedict war bürgerlich , wie Günther , war jedenfalls von noch niedrigerer Herkunft als dieser , und doch fiel es Niemandem ein , seine Einführung in diesen exclusiven Kreis zu beanstanden . Das Priestergewand deckte Namen und Herkunft , es stand neben , ja über den Wappenschildern , unnahbar für jede weltliche Rücksicht , ein Gegenstand unbedingtester Ehrfurcht . Die grauen Häupter der vornehmsten unter den Herren neigten sich vor dem jungen , aus einer Unterthanenfamilie hervorgegangenen Geistlichen mit einer Achtung , die der gereifte , in allen Lagen des Lebens geprüfte Mann dort drüben , der an Stellung und Reichthum ihnen jetzt gleich war , sich nicht hatte erzwingen können . – „ Darf ich fragen , wer der junge Benedictiner dort hinter dem Sessel des Herrn Prälaten ist ? “ wandte sich Günther auf einmal an den Baron Brankow , als dieser zufällig in seine Nähe kam . „ Sie meinen Pater Benedict ? Einer der Geistlichen unseres Stiftes , ein junger , erst kürzlich geweihter Priester , auf den seine Oberen , so viel ich weiß , große Hoffnungen setzen . “ „ So ? “ Günther ’ s Auge hing so fest an den Zügen des eben Genannten , als wolle er jede Linie darin studiren . „ Er scheint sehr vertraut mit dem Grafen Rhaneck , steht er vielleicht in irgend einer verwandtschaftlichen Beziehung zu ihm ? “ „ Nicht doch ! “ sagte der Baron ruhig , „ nicht im geringsten . Er stammt im Gegentheil von – mein Gott , der Name ist mir entfallen , die Rhanecks haben so zahlreiche Besitzungen – von einem der Güter des Grafen , der den talentvollen , aber gänzlich mittellosen Knaben erziehen ließ und für das Kloster bestimmte . Er hat ein gutes Werk an ihm gethan , weiter nichts . “ „ Gewiß , ein sehr gutes Werk ! “ [ 69 ] Brankow blickte überrascht auf , es war ihm gewesen , als ob ein gewisser Hohn in der Bemerkung Günther ’ s läge , aber er mußte sich wohl geirrt haben . Günther ’ s Gesicht zeigte sich unbeweglich , während sein Blick noch immer nicht den Gegenstand des Gespräches verließ . „ Sie scheinen sich für Pater Benedict zu interessiren , “ sagte der Baron artig , „ wünschen Sie vielleicht näher mit ihm – “ „ Ich danke ! “ fiel ihm Günther rasch in ’ s Wort . „ Ich stehe in gar keiner Beziehung zu den Herren des Stiftes , wie Sie ja wissen . Mir fiel nur dieser interessante Kopf auf , und dann eine flüchtige Aehnlichkeit – bemühen Sie sich nicht , Herr Baron ! “ Er überließ Brankow einem so eben herantretenden Gaste und kehrte zu seiner Schwester zurück . „ Also in ’ s Kloster haben sie den Knaben gesteckt ! “ murmelte er bitter , „ und dem Anschein nach einen vollständigen Fanatiker aus ihm gemacht . Ein meisterhafter Schluß des ganzen hochgräflichen Schurkenstreiches ! “ – Der Prälat und Graf Rhaneck mit seiner Familie brachen jetzt gleichzeitig auf , was wie gewöhnlich mit ziemlichem Geräusch und Aufsehen vor sich ging . Als die Brüder zusammen durch das Vorzimmer schritten , konnte der Graf nicht umhin , seinem lang verhaltenen Aerger wenigstens in einigen Worten Luft zu machen . „ Nun , Dein Schützling ist ja heut , Dank Deiner Auszeichnung und Deinem Beispiel , nichts mehr und nichts weniger gewesen , als der Held des Abends ! Hast Du denn wirklich aus diesen plumpen , nichtssagenden Zügen irgend eine Gefährlichkeit herausgelesen ? “ „ Ja ! “ sagte der Prälat kalt . „ Der Mann ist gefährlich , ist es um so mehr , weil er unbedeutend erscheinen will . Er wird uns noch zu schaffen machen , verlaß Dich darauf ! “ Die Gräfin , welche nur halb hingehört und nicht viel mehr verstanden hatte , als daß es sich um Günther handelte , verzog die schmalen Lippen . „ Mein Gott , es ist und bleibt doch ein entsetzlicher horreur , daß dieser Mensch , wie man sagt der Sohn eines Unterförsters , in unseren Kreisen erscheinen durfte ! “ Der Prälat verneigte sich Abschied nehmend vor seiner Schwägerin , ohne ihr eine Antwort zu geben . Zu Gründen und Erklärungen ließ er sich ihr gegenüber nie herab , die Gräfin war in seinen Augen eine eben solche Null , wie in denen ihres Gemahls , eine Null , die man allerdings respectiren mußte , weil auch sie den Namen Rhaneck trug und ihm durch ihren Reichthum einen noch größeren Glanz verlieh . Auch hier mußte die äußere Form der Achtung alles ersetzen . Kurz nach der Entfernung der gräflichen Familie verabschiedete sich auch Günther mit seiner Schwester . Die Fahrt nach Dobra ward meist schweigend zurückgelegt , Bernhard schien nicht zum Reden gestimmt , und Lucie , die sonst immer etwas zu fragen und zu plaudern hatte , war heut ausnahmsweise mit dieser Schweigsamkeit einverstanden . Tief in die Ecke des Wagens geschmiegt , zerdrückte sie achtlos den Flor und die Blumen ihres Anzuges , und fuhr verwundert empor , als sie in den Hof von Dobra einrollten , die Fahrt hatte ihr so kurz geschienen . Zu Haus angelangt wollte das junge Mädchen dem Bruder gute Nacht sagen , als dieser sie mit einem kurzen „ Ich habe mit Dir zu sprechen , Lucie ! “ zurückhielt . Er nahm dem alten Diener , der ihnen folgte , das Licht aus der Hand und gab ihm einen Wink sich zu entfernen . Lucie stand erstaunt und befremdet da , aber sie sollte nicht lange in Zweifel bleiben , um was es sich handelte . Bernhard trat an den Tisch , zog sie zu sich heran und wendete ihr Gesicht dem Lichte zu , so daß dessen voller Schein darauf fiel . „ Was ist zwischen Dir und dem Grafen Rhaneck vorgefallen ? “ fragte er plötzlich . Luciens Antlitz glühte wieder dunkel auf , wie vorhin im Ballsaal , als der Bruder ihr entgegentrat , und diesmal ergoß sich die heiße Röthe tief herab bis über Hals und Schultern ; sie sah , daß sie dem gefürchteten Examen doch nicht mehr entrinnen konnte . Sie hob daher keck den Lockenkopf empor , setzte ihr Füßchen energisch um einen Schritt vorwärts und erklärte sehr determinirt : „ Er hat mir gesagt , daß er mich anbete ! “ „ Nach zweistündiger Bekanntschaft ? Was man doch nicht alles wagt , einem sechszehnjährigen Mädchen gegenüber ! Darf ich fragen , wo er Dir diese interessante Eröffnung gemacht hat ? “ Das junge Mädchen zögerte . „ Du wirst antworten , Lucie ! Du wirst mir auch nicht eine Sylbe von dem verschweigen , was zwischen dem Grafen und Dir gesprochen worden ist , hörst Du ? “ Lucie sah aus , als wolle sie anfangen zu weinen ; es war aber auch zu viel verlangt , daß sie ihr romantisches Geheimniß so auf Commando preisgeben sollte , noch dazu dem rücksichtslosen Bruder preisgeben , der sicher nicht das mindeste Verständniß dafür [ 70 ] besaß . Aber Bernhard duldete keine Weigerung , das wußte sie , und so ließ sie sich denn zögernd zu einem Geständniß herbei , als dessen Resultat schließlich eine vollständige Liebeserklärung des Grafen Ottfried herauskam . Der Graf hatte ihr , schon als er das erste Mal mit ihr tanzte , eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit erwiesen , eine Aufmerksamkeit , die sich beim zweiten und dritten Male noch steigerte . Beim Beginn der Pause hatte er sie auf die Terrasse geführt , wie die anderen Herren ihre Damen auch , aber es so einzurichten gewußt , daß sie sich von den Uebrigen entfernten und durch die Orangerie vor deren Blicken gedeckt waren . Hier war er plötzlich vor ihr auf die Kniee gesunken – „ auf beide Kniee , Bernhard ! “ – und hatte ihr erklärt , daß er sie anbete , daß sie gleich beim ersten Anblick einen unauslöschlichen Eindruck auf sein Herz gemacht , daß er nicht leben könne , ohne die Hoffnung , sie wiederzusehen , und verzweifeln werde , wenn mit dem Ende des Festes ihm diese Hoffnung genommen würde , darauf hatte er um eine Rose aus ihrem Haar gefleht , dieselbe an seine Lippen gedrückt – kurz , die Geschichte war so über alle Beschreibung romantisch , und Lucie so voll Entzücken über diese Romantik und über die Rolle , die sie selber darin gespielt , daß ihre anfängliche Scheu und Befangenheit bei der Erzählung sich in ein immer größeres Selbstbewußtsein verwandelte , und sie am Schluß derselben den Bruder mit dem vollsten Triumph anblickte . Es war doch wahrlich keine Kleinigkeit , gleich beim ersten Schritt , den sie in die Welt und die Gesellschaft that , einen jungen Grafen zu erobern , der vor ihr auf den Knieen lag und sie anbetete ! Was wohl Bernhard dazu sagte ? Ob er es noch versuchte , sie wieder in die Kinderstube zu schicken ? Bernhard sagte vorläufig gar nichts , er machte einige Male einen Gang durch das Zimmer und blieb endlich dicht vor ihr stehen . „ Und was hast Du dem Grafen darauf geantwortet ? “ „ Ich sagte ihm , er brauche gar nicht zu verzweifeln , er könne ja nach Dobra kommen und uns besuchen , Du würdest gewiß – ja freilich , Bernhard ! “ unterbrach sie sich auf einmal schmollend , „ da wußte ich noch nicht , daß Du so ungezogen gegen ihn sein würdest , als es nachher der Fall war . “ „ Ich fürchte , ich werde dem Herrn Grafen noch ungezogener erscheinen , wenn er wirklich hierherkommen sollte , woran ich zweifle . Ich würde mir seine Besuche ein für alle Mal verbitten , und Du würdest in diesem Falle auf Deinem Zimmer bleiben , und überhaupt nicht in seinen Gesichtskreis kommen . “ Lucie fuhr erschreckt und empört auf . „ Ah Bernhard , das ist abscheulich ! Wie kannst Du den Grafen so beleidigen , blos weil Du nun einmal Alles hassest , was vornehm ist , und weil es sich mit Deinen demokratischen Principien nicht verträgt , daß ich Gräfin Rhaneck werde ! “ „ Gräfin Rhaneck ! “ wiederholte Bernhard langsam . „ Ah so , Du meinst , der Graf habe Dir einen Heirathsantrag gemacht . “ Lucie hob das Auge zu ihm empor , noch funkelte die Entrüstung darin , aber daneben leuchtete auch noch die vollste Unbefangenheit des Kindes . „ Nun , er hat mir doch gesagt , daß er mich liebe , daß er ohne mich nicht leben könne ! Was soll denn anderes damit gemeint sein ? “ Der Bruder blickte tief in die blauen Kinderaugen des jungen Mädchens , und seine Stimme wurde unwillkürlich milder . „ Ich bezweifle , Lucie , daß der Graf gerade dies meinte . Doch gleichviel , für Dich kann nur dieser eine Fall in Betracht kommen . Du kennst Gott sei Dank noch keinen andern und sollst ihn auch nie kennen lernen , aber “ – hier nahm sein Ton plötzlich eine seltsame Härte an – „ nimm Dich in Acht vor diesem Geschlechte , Kind , selbst wenn es Dir scheinbar ehrenhaft naht . Einem Rhaneck ist Alles möglich , selbst das , ein angetrautes Weib zu haben , das nicht Gräfin Rhaneck heißt ! “ Betreten schaute Lucie ihn an , sie vermochte sich diese Worte nicht zu enträthseln , die Gräfin trug ja doch den Namen ihres Gemahls , wie es auch nicht anders möglich war . „ Kennst Du denn die Rhaneck ’ sche Familie näher ? “ fragte sie erstaunt . „ Ich dachte , Du sähest sie heute zum ersten Male . “ Bernhard gab keine Antwort ; er schien jene übereilten Worte schon zu bereuen , langsam zog er die Schwester wieder zu sich und hob ihren Kopf empor . „ Höre mich an , Lucie , und vergiß nicht , daß ich jetzt im vollsten Ernste zu Dir spreche . Ich verbiete Dir hiermit jeden ferneren Verkehr mit dem Grafen , gleichviel ob er ihn mündlich oder schriftlich versucht , gleichviel wo und wie er sich Dir naht . Du sollst mit diesen Rhanecks nicht in Berührung kommen , ich will es nicht ! Richte Dich danach . “ Es lag in der That ein furchtbarer Ernst in seinen Zügen und eine erstreckende Härte in seinem Ton , wie Lucie beides noch niemals an dem Bruder gesehen , aber sein despotisches Verbot , so