trat . Nachdem er die Klappe des am Fenster stehenden kleinen Pultes aufgeschlossen und eine Lage Papier herausgenommen hatte , setzte er sich daneben an den Tisch und begann zu schreiben . Eine amtliche Arbeit schien es nicht zu sein , denn er hatte weder Pläne noch Rechnungen dabei zugezogen . Mitunter stützte er den Kopf , und ein tiefes Stöhnen übertönte das einförmige Geräusch der rastlos fortschreibenden Feder ; dann fuhr er wohl empor und blickte hastig um sich und wandte das Ohr nach der Richtung des vorhin verlassenen Schlafgemaches ; aber nichts rührte sich in dem stillen Hause : Anna mußte von der gestrigen Reise sehr ermüdet sein , sogar die Magd schien sich heute zu verschlafen ; und schon begann ein graues Morgendämmern vor den unverhangenen Fenstern . Endlich stand er auf , hob wiederum die Klappe des Pultes und legte das Geschriebene hinein . Aber es war ihm das nicht gleich gelungen , denn seine Hand zitterte jetzt so stark , daß er sie an dem eisernen Überfall des Schlosses blutig gestoßen hatte . Ein kurzes Bedenken noch ; dann nahm er seine beste Kugelbüchse aus dem Gewehrschranke und lud sie sorgsam . Er hatte sie umgehangen und war schon aus der Tür getreten , als er noch einmal umkehrte . Auch die Jagdtasche nahm er noch vom Haken und hing sie behutsam über seine Schulter ; vielleicht entsann er sich , daß vor dem Schlafengehen Annas Hände ihm das Frühstück für den angekündigten Morgengang bereitet und dahinein gesteckt hatten . Eine Weile noch stand er , die Finger um die Lehne eines Stuhles geklammert ; dann ging er . Er ging über die Wiesen an dem Wald entlang ; der Nebel stand noch dicht über den Feldern und zwischen den Bäumen ; von den Zweigen fielen schwere Tropfen auf ihn herab . Als er in den durch die Holzung führenden Fahrweg eingebogen und eine Strecke darauf fortgegangen war , hörte er Schritte sich entgegenkommen , und bald auch erkannte er aus dem Nebel einen Mann , welcher , den Kopf voraus und mit den Armen mächtig um sich fechtend , eifrig vor sich hin redete , als ob er ein wichtiges Erzählen vor sich habe . Rudolf , der einen der Holzschläger erkannt hatte , wollte rasch vorübergehen ; aber der andere hob jetzt den Kopf . » Ah so , der Herr Förster ! « rief er , die Mütze herunterreißend . » Ich soll aufs Schloß zum Herrn Inspektor ; ist wieder der Teufel los mit dem Klaus Peters ; die andern kamen aber eben recht , daß wir ihn binden konnten ! « Rudolf blieb stehen und starrte den Sprecher an ; Klaus Peters war der junge Arbeiter , der als Ehemann aus dem Irrenhaus zurückgekehrt war . Der andere aber begann jetzt wieder sein Fechten mit den Armen . » Immer um die Kate herum , Herr Förster « , rief er , » und das , die Holzaxt in der Faust ; und die Frau rannte vor ihm auf und schrie Zetermordio , daß wir ' s in unsern Betten hören konnten ! Es wird nicht helfen , der Herr Graf mögen nur recht weit den Beutel auftun , denn zum andernmal kommt er wohl nicht zurück , wenn sie ihn erst wieder sicher in der Anstalt haben . « Der alte Holzschläger , während er nach einem Endchen Rolltabak in seiner Tasche suchte , wartete vergebens auf eine Beifallsäußerung seines Vorgesetzten . » So , so ? « sagte dieser endlich , ohne daß sich anderes als nur die Lippen an ihm zu regen schien ; » ja , da muß zeitig Rat geschafft werden . « Dann wandte er sich plötzlich und schritt auf einem Seitenwege in den Wald hinein , wo er den Blicken des verwundert Nachschauenden bald entschwunden war . – – Kurz ehe dies im Walde geschah , hatte im Forsthause auch die junge Frau sich aus dem Schlaf erhoben ; erschrocken , daß schon der graue Tag ins Fenster sah , warf sie rasch die Kleider über ; sie hatte ja noch an Bernhard schreiben wollen , ehe die Mama das Bett verließe . Als sie aber mit ihrem Schlüsselkörbchen auf den Flur hinaustrat , kam Frau von Schlitz ihr in fertigem Morgenanzug schon entgegen . » Mama ! « rief Anna überrascht ; » willkommen bei uns ! Aber so früh ? Sie müssen schlecht geschlafen haben ? « Frau von Schlitz hatte freilich schlecht geschlafen ; es war nicht nur die Mißstimmung über die Abwesenheit des Ehepaars bei ihrer Ankunft ; aber aus den Briefen beider hatte sie leicht herausgefunden , daß ihre Erwartungen von dieser Ehe sich keineswegs erfüllt hatten . Doch äußerte sie nichts dergleichen , sondern sagte nur : » Ich bin keine Langschläferin , mein Kind ! « Aber Anna wurde fast verlegen unter dem strengen Blick , von welchem dieses Wort begleitet wurde . » Und wo ist denn mein Sohn ? « begann Frau von Schlitz wieder . » Ich suchte ihn schon vergebens in euerem Wohnzimmer . « » Ich fürchte , Mama , er wird schon seinen Reviergang angetreten haben . « » Heute ? Er wußte doch von meiner Ankunft ? « » Gewiß ; aber er hat wohl nicht gedacht , daß Mama so früh schon auf sein würden . « » Laß uns nach seinem Zimmer gehen , Kleine ! « sagte Frau von Schlitz und schritt sogleich den dahin führenden Gang hinab . Von Anna gefolgt , öffnete sie die Tür , aber es war niemand in dem Zimmer . » Zürnen Sie ihm nicht , Mama « , bat die junge Frau ; » er wird nun desto früher wieder da sein ! « Aber die Ältere , die mit raschen Blicken alles um sich her gemustert hatte , wies mit ausgestrecktem Finger nach dem kleinen Pult am Fenster : » Dort steckt ja noch der Schlüsselbund ; das ist doch nicht die Ordnung , die ich meinem Sohn gelehrt hatte ! « Anna erschrak ; das war auch jetzt nicht Rudolfs Weise . » So muß er noch nicht fort sein ! « sagte sie beklommen und trat hinzu , um den Schlüssel abzuziehen . Aber als sie mit der Hand die Klappe faßte , gab diese ohne Widerstand dem Drucke nach ; der Schlüssel war nicht einmal umgedreht . In unbewußtem Antrieb hatte Anna sie jetzt völlig aufgehoben ; doch nur ein paar Sekunden lang blickte sie hinein , dann schlug die Klappe zu , und wie ein Schrei brach der Name » Rudolf ! « über ihre Lippen . Sie hatte nur die ersten Worte einer Schrift gelesen , welche obenauf im Pulte lag ; jetzt hielt sie sie mit ihren beiden Händen . Sie stand hoch aufgerichtet ; ihre Augen , starr wie Edelsteine , aber leuchtend , als ob sie ihren letzten Glanz versprühen sollten , flogen über die sichtbar am Morgen erst geschriebenen Zeilen . Es war ein Abschiedsbrief , den Rudolf hinterlassen hatte , ein Bekenntnis , daß er wahnsinnig sei , daß er es längst gewesen , daß er sie betrogen habe ; dann in dunklen Andeutungen daß ein besseres Geschick , das er , der rettungslos Verlorene mit seiner Leidenschaft gestört , sich noch an ihr erfüllen werde . Und dann nichts weiter ; nur ein durchstrichenes Wort noch , nicht einmal der Name . Mit steigender Unruhe hatte Frau von Schlitz dem Vorgange zugesehen ; jetzt hatten ihre Augen auch das Blatt gestreift und Rudolfs Schrift darauf erkannt . Unwillkürlich streckte sie die Hand danach . » Was schreibt er ? « frug sie , und ihre Stimme war nur wie ein Flüstern . » Gib ! Ich muß es selber lesen ! « Und Anna fühlte kaum , wie ihr das Blatt entrissen wurde . Wie ein Wetterschlag war es auf sie herabgefahren ; aber auch das Dunkel war einem scharfen Licht gewichen . Mit ausgestreckten Armen lag sie auf den Knien , ihre Lippen stammelten gebrochene Worte , aber schon war sie wieder aufgesprungen ; wie ein Hellsehen war es über sie gekommen : ihm nach ; sie hatte keine Zeit zum Beten ! Da , als sie fortwollte , fühlte sie ihre Füße von zitternden Armen aufgehalten ; kaum erkannte sie das Antlitz , das stumm , wie einer Sterbenden , zu ihr aufsah . » Mama ! « rief sie . » Sind sie es denn , Mama ? « Nur ein Stöhnen kam aus dem zuckenden Munde , während die Arme sich noch fester um die Knie des jungen Weibes klammerten . Anna suchte sich vergebens loszumachen ; sie neigte sich zu der Liegenden , sie flehte , sie schrie es fast zuletzt : » Lassen Sie mich , Mama ; ich muß zu ihm , zu Rudolf ! Sie wissen ' s ja , der Tod ist hinter ihm ! « Die stumpfen Augen in dem so plötzlich alt gewordenen Gesicht der Mutter flammten auf . » Mein Sohn ! « schrie sie und sprang empor . » Ja , ja ; wir müssen zu ihm ! « » Nein , Mutter ; bleiben Sie , Sie können nicht – ich muß allein ! « Aber die starke Frau hatte sich an ihren Arm gehangen : » Hab Erbarmen , nimm mich mit zu meinem Sohn ! Du haßt mich , Anna , du hast ein Recht dazu ; aber – nimm mich mit ; du warst nicht seine Mutter ! « Ratlos blickte Anna auf die Frau , die ihrer Sinne kaum noch mächtig war . » Nein ! « rief sie ; » o nein , kein Haß , Mama ; Sie haben ja um ihn gelitten ! Aber um seinetwillen , ich muß allein ... « Sie sprach nicht mehr ; die Sekunde drängte , sie mußte fort , sie mußte fliegen , wenn es möglich war ; und das junge Weib rang mit der Mutter , die sie nicht lassen wollte ; auf beiden Seiten die Kraft und die Todesangst der Liebe . Doch nur noch ein paar Augenblicke ; dann sprang die Stubentür zurück , und gleich darauf wurde auch die Haustür aufgerissen . Drinnen im Zimmer lag die Mutter auf den Knien ; draußen über die Wiesen , entlang dem Waldesrande , lief , nein flog , wie mit dem Tode um die Wette , das junge Weib des Försters . Aus einer engen Lichtung in jenem wild verwachsenen Teil des Waldes flatterten zwei Vögel auf , schwebten eine Weile darüber und hüpften , scheu hinabäugelnd , dann wieder von einem Zweig zum andern in die Tiefe , von der sie vorhin aufgeflogen waren . Es waren ein Paar Rotkehlchen , denen sich jetzt noch eine Meise zugesellte . Als sie bald danach aufs neue über den Wipfeln sichtbar wurden , jagten sie sich schreiend durch die Zweige , denn die Meise trug einen Brocken im Schnabel , von welchem die andern ihren Anteil haben wollten . Unten in dieser Waldenge auf einem von Moos und Flechten übersponnenen Granitblock saß ein bleicher Mann ; neben ihm lehnte eine Kugelbüchse ; an seiner Brust , aus der halboffenen Joppe , ragte ein Strauß verdorrter Maililien , den er zuvor hart an dem Steine aufgesammelt hatte . Dem Anscheine nach mußte man ihn bei seinem Frühstück glauben , denn er hatte seine Jagdtasche , wie zur Tafel dienend , auf den Schoß gelegt ; eine angebrochene Schwarzbrotschnitte hielt er in der Hand . Aber er selber hatte nichts davon genossen , wie in Andacht , als ob er ein Heiliges berühre , brach er das Brot in kleine Brocken und streute es vor sich hin in das Kraut . Als die Vögel jetzt zu ihm hinab- und gleich darauf wieder emporflogen , hob er den Kopf und blickte ihnen nach ; die Meise , welche diesmal nichts erhascht hatte , saß noch drüben auf einem Buchenzweig und schaute mit bewegtem Köpfchen zu ihm hin ; vielleicht erkannte sie den jungen Förster , der so oft durch ihr Revier geschritten war . Kein Lufthauch ging durch die fast lautlose Einsamkeit , selbst der Vogel schien durch die düsteren Augen des Mannes wie auf seinen Zweig gebannt ; nur von Zeit zu Zeit löste knisternd sich ein gelbes Blatt und sank zu Boden . Unhörbar streckte Rudolfs Hand sich nach der Kugelbüchse , und schon wollte er sie fassen , da , ganz aus der Ferne , kaum vernehmbar , drang ein Schall herüber . Und wieder nach kurzer Pause kam es , und dann stärker , wie vom aufgestörten Morgenhauch geschwellt ; die Glocke der fernen Schloßuhr sandte ihren Ruf durch Wald und Felder . – Auch an Rudolfs Ohr war er gedrungen ; seine Hand stockte ; er zählte : sieben Uhr schon ! Anna mußte jetzt seinen Abschiedsbrief gelesen haben ; sie wußte alles . Und plötzlich stand ihm eines , nur dies eine vor der Seele : das Schweigen , das furchtbare Schweigen war ja nun zu Ende ! Er hatte sich so jäh emporgerichtet , daß ihm gegenüber der Vogel kreischend durch die Zweige fuhr . Was gab es nur ? Was hatte er hier gewollt ? – Ihm war , als sei er träumend einem Abgrund zugetaumelt . Hoch über ihm , als hätte auch sie die Glocke wachgerufen , durchbrach jetzt die Sonne den grauen Dunst ; sie streute Funken auf die feuchten Wipfel und warf auch einen Lichtstrahl in des Mannes Seele , der hier unten noch im Schatten stand ; er wußte es plötzlich , er fühlte es hell durch alle Glieder rinnen : der Arzt hatte recht gehabt ; er war gesund , er war es längst gewesen ; es drängte ihn , sogleich die Probe mit sich anzustellen . Und mit unerbittlicher Genauigkeit rief er sich den Bericht des Holzschlägers ins Gedächtnis ; er unterschlug sich nichts ; er ließ den jungen Tollen mit der Axt sein Weib verfolgen , er zwang sich , ihr Geschrei zu hören ; aber es blieb für ihn ein Fremdes , das sein eignes Leben nicht berührte . Sein Leben – ja , jetzt konnte er es beginnen ! – Die Waldesenge um ihn wich zurück , und jene Sonnenlandschaft , unter deren Bilde ihm das ersehnte Glück so oft erschienen war , breitete sich licht und weit zu seinen Füßen ; der Weg war offen , der zu ihr hinabführte . Aber das Bild verschwand ; er stand noch in demselben Waldesschatten . Nein , nein ; nicht eine Krankheit , aber eine Schuld war es , die seine Kraft gelähmt und ihn vor Schatten hatte zittern lassen . Und nun – vor allen andern Wegen mußte er den zurück , den er hierher gegangen war ; ein reuiger Verbrecher mußte er auf die Schwelle seines Hauses treten ! Ihn schauderte , die Füße schienen ihm im Boden festzuwurzeln . Da kam ein Rauschen aus dem wilden Dickicht , und wie ein Leuchten flog es über seine finsteren Züge . » Anna ! « schrie er ; » Anna ! « und streckte beide Arme in die Leere . – Wo war sie ? – Sie suchte ihn ! Er wußte es , daß sie ihn suchte ; er sah sie vor sich in ihrer Todesangst , die schlanken Glieder , wie sie durch Zweige brachen , die blauen Augen links und rechts hin irre Strahlen werfend . » Ich komme ! « rief er . » Ja , ich komme ! « Ihm war , als ob aus leerer Luft ihm Kräfte wuchsen ; vor seinem Weibe wollte er in Demut knien und dann auf seinen Armen sie durchs Leben tragen ! Nur noch die Kugel , die im Rohre steckte , diese Kugel durfte nicht mit ihm zurück ! Er sah empor ; ein mächtiger Falke zog über den Waldeswipfeln seine Kreise . Doch – kein Blut ! Frei durch den weiten Himmel , ein Gruß ins neue Leben , sollte diese Kugel fliegen ! Und sich niederbeugend , faßte er mit raschem Griff den Schaft der Büchse . Aber ihm im Rücken , am Rand der Lichtung , war eben eine zitternde Frauengestalt erschienen . Wie ohnmächtig hatte sie dagestanden ; jetzt gellte ihr Schrei ihm in den Ohren , und während junge Arme sich um ihn warfen , fuhr mit dumpfem Krach die Kugel aus dem Rohr . Sie schien es nicht zu merken ; aber sie bog sich von ihm ab , sie stemmte ihre Hände gegen seine Schultern und sah ihn mit fast wilden Augen an . Da schrie er auf : » Du blutest ! Du bist getroffen , Anna ! « Ihre Hände wehrten schwach den seinen , die an ihrem Nacken suchten . » Nein , nur die Dornen – – ich fühle nichts – – aber du ! « – es war , als hätten diese Worte eine Felsenlast zurückgestoßen – » du lebst ! « schrie sie ; » du lebst ! « scholl es noch einmal aus der ganzen Fülle ihrer Brust ; dann brach sie in seinen Armen zusammen . Drei Tage waren seitdem verflossen ; unter dem Dach des Försterhauses lag Anna in den weißen Linnen ihres Bettes . Keine Kugel hatte sie verletzt ; auch nicht die Wunden , die die Dornen ihr gerissen – der jähe Strahl des schon verloren gegebenen Glückes war es gewesen , der sie hingeworfen hatte . Und auch nicht um dies kräftige Leben selber , vielmehr nur um ein zweites , das in seinem Schoß dem Licht entgegenkeimte , hatte die Natur ihr stilles Ringen zu bestehen . Aber schon blickten die Augen der jungen Mutter froh und siegreich um sich , während sie im Grund der Seele nur ein Erinnern jenes Morgens festhielt ; nur wie die Arme ihres Mannes sie vom Boden hoben und wie dann , schon im Erlöschen ihrer Sinne , sich ihr Haupt an seiner Brust zur Ruhe legte . In den Nächten , die dann folgten , hatte Rudolf in seltenem Wechsel mit der Mutter , die jetzt selbst der Ruhe bedurfte , neben ihr gewacht und ihren Schlaf behütet . Der Tag fand ihn im Forste , an den Sümpfen ; dann wieder an seinem Arbeitstische oder Bericht erstattend und seine Pläne klar entwickelnd bei dem Grafen ; noch niemals hatte er das Vollmaß seiner Kräfte so empfunden . Jetzt kniete er in Demut an dem Bette seines Weibes , die seine beiden Hände in den ihren hielt ; er hatte lange zu ihr gesprochen , und sie hatte schweigend zugehört . Nun , als auch er schwieg , bewegte sie leis verneinend ihren Kopf . » Gesündigt ? Du an mir gesündigt ? « frug sie , seine letzten Worte wiederholend . Und als er sprechen wollte , entzog sie ihm die eine ihrer Hände und legte sie auf seinen Mund : » Ich weiß es besser , Rudolf : du hattest mich zu lieb , du hast mich nicht verlieren können ! Nein , sage nur nichts anderes ; du hast noch immer nicht gewußt , daß du mich nicht verlieren kannst ! « Und da er widersprechen wollte , richtete sie sich auf , und seinen Mund mit ihren Küssen schließend , schlang sie die Arme um seinen Hals und flüsterte wie leidenschaftliches Geheimnis ihm ins Ohr : » Ich glaube , Rudolf , aber Gott wird es verhüten – ich könnte noch eine größere Sünde um dich tun ! « Dann , während er , berauscht und wie von Schuld befreit , dies Geständnis seines schönen Weibes noch in seiner Seele wog , hatte diese , von leichter Schwäche überkommen , sich zurückgelegt ; nur ihr Antlitz wandte sich nach dem des Mannes , und eines alten Reims gedenkend und wie in seliger Stille ihre Augen in den seinen lassend , sprach sie leise und doch mit dem lichten Vollklang ihrer Stimme : Was Liebe nur gefehlet , Das bleibt wohl ungezählet ; Das ist uns nicht gefehlt . Dann wurde es stille zwischen ihnen ; es bedurfte keiner Worte mehr . – – Als Rudolf bald darauf durch Geschäfte abgerufen wurde , trat statt seiner die Mutter in das Zimmer . Die Falte , welche der Schrecken jenes Morgens ihrem Antlitz eingegraben hatte , war nicht daraus verschwunden ; aber sie schien nur einen früheren Zug der Härte hier verdrängt zu haben , der selbst den Sohn ihr nie völlig hatte nahekommen lassen . Mit aufmerksamen , ja fürsorglichen Blicken betrachtete sie die junge Frau , die in ruhigem Genügen , mit gefalteten Händen vor sich hin sah . Die Entschlossenheit derselben , welche selbst sich gegen sie zu wenden keine Scheu getragen hatte , mochte die Achtung der rücksichtslosen Frau gewonnen , zugleich aber der Umstand , daß die Starke nun selbst hülflos ihrer Hand bedurfte , den daneben aufgestiegenen Groll versöhnt haben . Behutsam trat sie näher . » Du lächelst , Anna « , sagte sie , indem sie sich zu ihr neigte ; » aber du bist sehr blaß ! Rudolf ist zu lange bei dir gewesen . « » Zu lange ? « wiederholte Anna ; und als ob sie nur die eigenen Gedanken weiterspinne , fuhr sie fort : » Nein , nicht mehr dazu war ich ihm noch nötig – – Sie irrten doch , Mama – er war schon ohne mich genesen ! Aber jetzt – – vielleicht – jetzt bin ich doch sein Glück ! « Ein Lächeln wie Sonnenwärme breitete sich auf ihrem Antlitz . Frau von Schlitz nickte schweigend : was redete die da vor sich hin ? – Ihr Sohn , ihr Kind , das sie mit ihrem Blut getränkt hatte ! – Wie mit Schlangenbissen fiel ein eifersüchtiges Weh sie an . » Ich irrte , sagst du ? « sprach sie strenge , während ihr eine dunkle Glut bis in die Augen flammte ; » du brauchst mich nicht zu schonen , Anna ; es war nie meine Art , mich zu belügen ! – Aber dafür – dafür « – – ihre zitternden Lippen rangen vergebens noch nach Worten . Mit Angst sah Anna in das stumme Antlitz , in dem nur noch die Augen Leben hatten . » Mama ! O Mama , was ist dir ? « rief sie . Da gewann die harte Frau die Sprache wieder . » Dafür « , sagte sie langsam , indem das Haupt ihr auf die Brust herabsank , » hast du mich arm gemacht . « Aber schon hatte , in plötzlichem Verständnis , die unschuldige Feindin ihre Hand ergriffen , und sich sanft darüber neigend , flüsterte sie : » Du mußt mich lieben , Mutter ! « » Muß ich ? « – Ein finstrer Blick war auf die junge Frau gefallen ; dann aber lag sie an der Brust der Mutter , überschüttet von durstiger , ungestümer Liebe : » Ja , ja , mein Kind ich sehe keine andere Rettung ! « Noch hingen die letzten Blätter an den Bäumen , als die still gewordenen Räume des Hauses durch die frisch erstandene junge Frau sich wieder neu belebten : ihr leichter Schritt , ihre frohe Stimme – wenn Rudolf sie in seinem Zimmer hörte , so konnte er nicht lassen , seine Tür zu öffnen ; ihm war , als ob es dann in Kopf und Kammer heller würde . In fester Pflichterfüllung gingen Mann und Weib zusammen : der Winter nahte ; aber vor beider Augen lag die Sonnenlandschaft . Eines Morgens , als nach Ende des Monats Rudolf die Löhnungslisten zur Revision erhalten hatte , sah er darin auch den Namen jenes jungen Holzschlägers , außer der Lücke von ein paar Tagen , bis ans Ende aufgeführt . » Klaus Peters ? « frug er den alten Andrees , der ihm die Papiere eben von dem Inspektor überbracht hatte . » Ich dächte , der wäre wieder krank geworden ? « Der Waldwärter lachte : » Ein Schreckschuß , Herr Förster ; der ist so gesund wie Sie und ich ! Die beiden waren in Zank geraten , er und das dumme Weib ; er schlug sich grad schon in der Frühe sein bißchen Winterholz , und wie sie nun in der Hitze ihm seine frühere Tollheit vorgerückt , da hat er freilich die Axt nicht fortgelegt , als er um die Kate hinter ihr die Jagd gemacht ; nun aber gehen sie schon sonntags wieder Hand in Hand zur Kirche . « Rudolf nickte zustimmend . » Schickt mir gelegentlich das Weib , Andrees « , sagte er ; » ich muß doch einmal mit ihr reden ! « Ihn freute dieser Ausgang um des jungen Menschen willen , weiter aber kümmerte auch dies ihn nicht . Und gleichwohl , als Anna bald danach zu ihm hereintrat , hatte sich ein nachdenklicher Ernst auf seiner Stirn gesammelt : es lag noch eines vor ihm . Als sie fragend zu ihm aufblickte , zog er sie sanft zu sich heran . » Ich reite heute nachmittag zu Bernhard « , sagte er ; » du weißt ja alles , meine Anna ; ich möchte warm und offen um des treuen Mannes Freundschaft werben . « Ein stiller Winter war vergangen ; nun wehten am Waldesrande schon die Primeldüfte , seit ein paar Wochen war auch der Graf schon wieder aus der Residenz zurück , um der weiteren Durchforstung seiner Wildnis beizuwohnen . An diesem Morgen aber schritt er neben seinem Schwiegervater , der tags vorher zum Genuß der ersten Frühlingsfrische angelangt war , auf jenem Steige , dem Runensteine vorüber , in den Wald hinein ; beide , wie damals im verflossenen Herbste , in angelegentlichem Zwiesprach . » Aber , mein Lieber « , sagte der alte Herr ; » so ist denn der von Schlitz nun doch dein Oberförster ; wenn mir recht ist , schien dir derzeit die Musik des jungen Herrn nicht völlig zu gefallen ? « » Ja , ja , derzeit « , erwiderte der Jüngere ; » aber es wurde anders , ich war auch selbst wohl etwas ungestüm ; er kann doch mehr , als Chopin spielen ; du wirst dich wundern , wie weit wir schon mit unserer Wildnis sind ! « » So ! « meinte der General , und ein leises Lächeln zuckte um seinen weißen Schnurrbart ; » ei der Tausend , da hat dich also dein gerühmter Scharfblick doch einmal im Stich gelassen ! « » Spotte nur , Papa ; aber es dürfte dir leicht ebenso ergangen sein ! « Der Alte lachte : » Mir ? Das glaub ich ; aber ich bin auch nicht mein Tochtermann ! Nun aber , was hat es denn gegeben ? « Der Graf blieb stehen : » Du mußt dir schon an einem › on dit ‹ genügen lassen ! Also : das Schießen zählt eben nicht zu den Künsten des Herrn Oberförsters gleichwohl , so wird gemunkelt – es war damals , um die Zeit deiner Abreise – , soll er doch sein junges Weib getroffen haben . « » Der Tausend ! « sagte wieder der alte Herr . » Und dann ? « » Dann ? Ja , das schlägt in dein Fach , Papa ! Es gibt ja Leute , die erst tapfer werden , wenn sie Blut gesehen haben ; jedenfalls – von da ab an datiert die neue Ära . Mir ist nur bange « , setzte er hinzu , » der Staat wird mir den Mann nicht allzulange lassen . « » Mein Lieber « , erwiderte der General , » ich nehme allen Spott zurück und will nur hoffen , daß die junge Frau – – – « » Die Frau , oh , die ist schöner und heiterer als je ; am Ende ist auch dieser Schuß nur so ein Stück moderner Sagenbildung . Übrigens glückliche Menschen das , Papa ! Erst am vergangenen Montag habe ich mit dem Schwiegervater , dem trefflichen Pastor von da drüben , ihnen den ersten Jungen aus der Taufe gehoben . Selbst mit der alten Gnädigen von Schlitz verstehen sie zu leben , was meinem Schulgenossen , dem Walzerkomponisten , nicht so ganz gelungen sein soll ; aber – die beiden Jungen sind auch bessere Musikanten . « Der alte Herr nickte freundlich lächelnd mit seinem weißen Kopfe ; dann gingen beide weiter . – Niemand hatte dies Gespräch belauscht , wenn nicht doch der Buchfinke , der gleich danach über der Tür des Forsthauses in dem jungen Grün der Eiche seinen hellen Sang erhob .