und eilete nach meines Vaters Sterbekammer . – Da ich eintrat , saß er laut redend in seinen Kissen , aber seine Stimme däuchte mir fremd , gleich als hätt ich nimmer sie gehöret . » Es ist dein Großvater , von dem er redet « , raunete mir meine Mutter zu . » Er sieht mich nicht , Mutter ! « entgegnete ich leise . » Nein , Josias , er ist bei denen , die ihm zu Gottes Thron voraus gegangen . « Und mein Vater sahe mit glänzenden Augen vor sich hin und redete weiter : » Lang , gar lange habe ich für ihn gepredigt – Josias thäte das gar gerne auch für mich – , denn er wurde sehr alt ; sein leiblich Augenlicht war erloschen , und der Schall der Welt drang nur verworren noch zu seinem Ohre . Aber da er seine Stunde nahen fühlte , hieß er mich und meine Schwestern ihn in die Kirche führen , und wir geleiteten ihn auf die Kanzel . Da wandte er sein Antlitz rings umher und grüßte unmerklich mit der Hand ; und sein silbern Haar hing über seine blinden Augen . Er meinete , es sei Sonntag und die Gemeinde sei versammelt . Er irrte ; die Schwestern waren oben an seiner Seiten , und drunten war nur ich allein . Aber der Greis auf der Kanzel erhub seine Stimme , und sie scholl stark in der leeren Kirchen ; denn er nahm Abschied und redete erschütternd zu allen , die hier nicht zugegen waren . « Der Kranke hatte die Arme über das Deckbett hingestrecket , und sein abgezehrtes Antlitz leuchtete wie von innerem Lichte . » Ja , mein Vater « , rief er , » aus der Ewigkeit herüber höre ich deine Stimme , wie du sprachest : › Und so wie einst herauf , so führe an deiner Hand mich jetzt hinab von dieser Stätte ! Aber , mein Gott und Herr , du hellest das Dunkel vor mir ; gleich meinen Vätern werden Sohn und Enkelsöhne von deinem Stuhle aus dein Wort verkünden . Laß sie dein sein , o Herr ! Nimm ihren schwachen Geist in deiner Gnaden Schutz ! ‹ « Nach diesen Worten schwieg mein lieber Vater ; und als nun meine Mutter ihre Arme um ihn schlang , da sank sein Haupt zurück auf ihre Schulter . – Aber er erhub es wieder ; und da sie zu ihm redete : » Mein Christian , spare deine Kräfte und ruhe nun « , da schüttelte er leise mit dem Haupt und sagte nur : » Nachher , nachher , Maria ! « Dann sahe er liebevoll , aber mit fast flehentlichen Blicken zu mir auf und sprach langsam und wie mit großer Mühe : » Du kommst vom Hof , Josias ; ich weiß es . Der Bauer ist nicht mehr , und möge Gott ihm ein barmherziger Richter sein – aber seine Tochter lebt ! Josias , das rechte Leben ist erst das , wozu der Tod mir schon die Pforten aufgethan ! « Die Hand des Sterbenden haschete ins Leere nach der meinen , und da ich sie ihm gegeben , hielt er sie sehr fest in seinen magern Fingern . Noch einmal begann er : » Wir sind ein alt Geschlecht von Predigern ; die ersten von den Unsern saßen zu Dr. Martini und Melanchthons Füßen . Josias ! « – er rief meinen Namen , daß es gleich Schwertesschnitt durch meine Seele ging – » vergiß nicht unseres heiligen Berufes ! – – Des Hofbauren Haus ist keines , daraus der Diener Gottes sich das Weib zur Ehe holen soll ! « Der Odem des Sterbenden wurde stärker ; aber seine Stimme sank zu einem Flüstern , und da wir lautlos horchten , kamen wie fernhin verhallend noch die Worte : » Versprich – – das Irdische ist eitel – – « Darauf verstummete er ganz ; seine Finger löseten sich von meiner Hand , und der Friede des Herrn ging über sein erbleichend Angesicht . Ich aber neigete mich zu dem Ohr des Todten und rief : » Ich gelobe es , mein Vater ! Mög die entfliehende Seele noch deines Sohnes Wort vernehmen ! « Da sahe meine Mutter mich voll Mitleid an ; dann zog sie das Laken über das geliebte Todtenantlitz , fiel an dem Bette nieder und sprach : » Gott gebe uns selige Nachfolge und sammle uns wieder in der frohen Ewigkeit . « Als meines lieben Vaters Grab geschlossen war , kamen noch mehr der ersten Frühlingstage ; von dem Strohdach unseres Hauses tropfete der Schnee herab , und die Vögel trugen den Sonnenschein auf ihren Schwingen ; aber das Schöpfungswort : » Es werde Licht ! « wollte sich noch nicht an mir bewähren . Da geschahe es am Sonntage danach , nachmittages , daß ich von dem Dorfe Hude auf dem Fußsteig nach Schwabstedte zurückging ; ich war in meiner Amtstracht , denn ich hatte einen Kranken mit den Tröstungen unserer heiligen Religion versehen . Die ersten Tage meines Amtes waren schwer gewesen , und ich ging dahin in tiefem Sinnen . Unweit vom Dorfe aber schneidet ein Bach den Weg , der aus dem Walde zu dem Treenefluß hinabgeht . An selbigem pflegen die Vögel sich zu sammeln , welche das Wasser lieben , und war auch itzt von Finken und Amseln hier ein fröhlich Schallen , als wollten sie schon des Maien Ankunft melden . Und so von des Ortes Lieblichkeit gehalten , schritt ich nicht über den Steg , der von dem Fußweg hinüberführet , sondern ging diesseits ein paar Schritte an den Wald hinauf und setzete mich an das Ufer , wo sich der Bach zu einem kleinen Teich erweitert . Das Wasser aber , wie es um diese Zeit zu sein pflegt , war so klar , daß ich am tiefen Grunde das Wurzelgeflecht der Teichrosen und die daran keimenden Blätter gar leicht erkennen und also Gottes Weisheit auch in diesen kleinen Dingen bewundern mochte , so für gewöhnlich unserem Aug verborgen sind . Da wurd ich jählings aufgeschrecket , und auch die Vögel , die eben ihren durch meine Ankunft gestöreten Gesang aufs neue anhuben , rauschten auf und flogen fort ; denn von jenseit des Baches kam ein Geschrei : Hoido ! hoido ! , und war es , als wie bei der Kloppjagd die Bauerkerle den Hirsch zu jagen pflegen . Da ich aber den Kopf wandte , sahe ich drüben aus den Tannen einen Haufen junger Knechte hervorbrechen . » Schwimmen ! Schwimmen ! « schrien sie . » Ins Wasser mit der Hex ! « Und jetzt erst gewahrte ich unter ihnen ein Frauenbild , das gescheuchet vor dem einen und dem anderen floh und nach dem Stege zu entkommen suchte . Aber einer von den Burschen sprang voran dahin und versperrete ihr so den Weg . Ich kannte ihn wohl , von Zeit der großen Hochzeit schon ; denn es war der Sohn des Bauervogten ; und das Wild , so hier gejaget wurde , war Renate . Nun kam ich eilends auf die Füße , lief zu dem Steg hinab und rief hinüber : » Ihr dort , was wollet ihr beginnen ? « Da schrien sie hinwieder : » Die Hex ! Die Hex ! « Ich aber frug sie : » Wollet ihr richten ? Wer hat zu Richtern euch bestellt ? « Und als sie hierauf schwiegen , trat einer aus dem Haufen und sprach : » Das Brennholz ist theuer worden ; die Unholden laufen frei herum , und der Amtmann und der Landvogt fassen sie nicht an . « Und alle schrien wieder : » Hoido ! hoido ! Ins Wasser mit der Hex ! « Da setzete ich meinen Fuß auf den Steg und rief : » Rühret sie nicht an ! Im Namen Gottes , ich gebiete es euch ! « Aber der Bursche , welcher auf dem Stege war , drängte mich zurück . » Ihr trotzet auf Euer Priesterkleid ! « sprach er . » Ihr würdet sonst die großen Worte sparen ; ich rath Euch , thut das nicht zu sicher ! « Und dabei stund er vor mir mit gekniffenen Fäusten , und unter seinem Kraushaar funkelten die kleinen Augen . Da überkam es mich , und ich lösete mein geistlich Gewand und warf es von mir auf den Boden ; denn das junge Blut war damals noch in meinen Adern . Und als ich einen Blick nach drüben that , sahe ich , daß einer von den Burschen Renaten gefaßt hatte und ihr die Hände über ihren Rücken hielt ; ihre Augen aber ruheten auf mir und waren wie leuchtend in dem blassen Angesicht . » Gib Raum ! « schrie ich und packte den Burschen mit meinen beiden Fäusten ; und ich bin mir heut noch wohl bewußt , in den tiefsten Abgrund hätt ich ihn gestürzet , so ich das vermocht und solcher unter uns gewesen wäre . Einen Augenblick wurd eine Todtenstille ; denn er hatte auch mich ergriffen , und wir stunden wie in Erz gegossen an einander . Da gewahrete ich , daß sie Renaten an den Bach hinabzuzerren strebten ; und ohne Laut zu geben , rang ich mit meinem Feinde , Knie an Knie und Aug in Auge . » Geduld , du Hexenpriester ! « schrie er mit heiserer Stimme . » Erst soll sie schwimmen , eh sie der Teufel dir ins Brautbett leget ! « Ein laut Gelächter und Hoido von drüben scholl als Antwort ; vergebens suchte ich Renaten zu erblicken . Aber schon hatte ich den Burschen auf den Steg zurückgedrängt und griff nach seinem Hals , um ihn hinabzuwerfen , da empfing ich selber einen Stoß auf meine Brust , und mit einem Schrei , der mir unwillens von dem jähen Schmerz entfuhr , sank ich zu Boden . Es mochte ein Schrecken dadurch in die ganze Schaar gefallen sein ; denn ich fühlte nicht , daß eine fremde Hand noch an mir sei , und hörte , wie jenseit des Wassers der Trupp von dannen zog . Als ich aber mich mühselig aufgerichtet hatte , da schlangen zwei Weiberarme sich um meinen Hals , und die Stimme , welche ich niemalen hab vergessen können , sprach leise meinen Namen : » Josias , ach , Josias ! « Und da ich mit der Hand des Mädchens Haar zurückstrich , so ihr wirr auf Stirn und Augen fiel , da sahe ich um ihren Mund , was ich noch itzt ein selig Lächeln nennen muß , und ihr Antlitz erschien mir in unsäglicher Schönheit . » Renate ! « rief ich leise , und meine Augen hingen in sehnsüchtiger Begier an ihren Lippen . Sie regeten sich noch einmal , als wollten sie mir Antwort geben ; aber ich lauschte vergebens ; des Mädchens Arme sanken von meinem Halse , ein Zittern flog um ihren Mund , und ihre Augen schlossen sich . Ich starrte angstvoll auf sie hin und wußte nicht , was ich beginnen sollte . Als ich aber auf dem schönen Antlitz das Leben also in den Tod vergehen sahe , wurd mir mit einem Male , als blickten meine Augen weithin über den Rand der Erde , und vor meinen Ohren hörte ich meines sterbenden Vaters Stimme : » Vergiß nicht unseres heiligen Berufes ! – – – Das Irdische ist eitel ! « Und da ich noch die ohnmächtige Gestalt in meinen Armen hielt , gewahrete ich , daß unser Nachbar , der Schmied Held Carstens , mit seinem Weibe von diesseits des Weges dahergegangen kam . Da erzählete ich ihnen , wie von den jungen Knechten das Mädchen sei geschrecket worden , und bat , daß sie sich um sie annehmen möchten ; denn es sei eine andre Pflicht , so mich von hinnen rufe . Der Schmied aber trat nur zögernd näher ; und auf die Ohnmächtige hinblickend , sprach er : » Die da ? – – Nun , wenn Ihr es heischet , Herr Josias ? « Da bat ich abermalen ; und itzt kam auch das Weib heran , welches als gar verständig im ganzen Dorf berufen ist . Als ich dann aber des Mädchens Leib aus meinen Armen in die ihren sinken ließ , durchstach mir ein jäher Schmerz die Brust , daß nicht viel fehlete , es hätte mich aufs neu dahingeworfen . Und so , zwiefach verwundet , ging ich heim und sahe nicht mehr hinter mich zurück . Aber in meines Vaters Sterbekammer hab ich an diesem Abend lang inbrünstiglich gebetet . Was meine liebe Mutter auch dagegen reden mochte , und obschon die Nachfolge in meines Vaters Amte mir so gut wie zugesaget war , ich wußte doch , daß meines Bleibens nicht mehr hier am Orte sei . Und so reisete ich schon andern Tags nach Schleswig , um mich nach einem andern Amte umzusehen . Aber dort angekommen , befiel mich eine Schwäche , daß meine Mutter zu meinem Krankenbett herbeigeholet werden mußte . Und als dann eines Nachts gar ein Blutstrom aus meinem Mund hervorbrach , da schrie sie laut , daß sie anitzo auch ihr einzig Kind dahingeben müsse . Aber ich genas mit Gottes Hülfe , erhielt auch ein geistlich Amt im Norden unseres Landes , von Schwabstedte viele Meilen fern , und dienete noch über zwanzig Jahre dieser Gemeinde mit redlichem Willen und nach meinen besten Kräften . Ich begrub dort meine liebe Mutter und beweinete sie sehr ; nach ihrem Tode hatte ich keine , in der die Liebe so sichtbarlich an meiner Seite ging . Von Renaten hörete ich noch einige Male ; zunächst und bald nach meinem Fortgange , daß sie derzeit über das Wasser und auf den Blättern der Teichrosen , welche sie getragen hätten , zu mir hingelaufen sei . Ich aber weiß von solchem nichts ; müßte auch ein Gaukelwerk des argen Geistes gewesen sein , maßen ich ja selbst die Mummelblätter unter dem Kristall des Wassers noch in ihren Hüllen hatte liegen sehen . Dann , wohl fünf Jahre später , von einem Manne , der mit Binsenmatten durch das Land ging , wurde mir erzählet , daß eines Abends ein mächtig großer schwarzer Hund auf ihren Hof gekommen sei , beschmutzt und abgemagert und mit einem abgerissenen Strick an seinem Halse . Da sei sie zu ihm hingeknieet und habe mit beiden Armen das alte Thier umfangen und seinen rauhen Kopf an ihre Brust gezogen . – Ob sie noch itzt auf dieser Erde ist , ob Gott sich ihrer schon barmherzig angenommen , darüber ist mir keine Kunde mehr geworden . * Soweit die Handschrift . Aber der Zufall , der uns vergönnt hat , das Bahrtuch über einem verschollenen Menschenleben aufzuheben , lüpft es noch einmal ; wenn auch weniger , als manche , die dies lesen , wünschen mögen . Die zu Anfang der Erzählung erwähnte Schatulle auf dem Boden unseres alten Erbhauses ward eine tönende Vergangenheit , sobald man Mut und Geduld hatte , den Staub in ihrem Innern aufzuregen . Ich hatte das nicht immer . Aber ein paar Jahre nach dem Funde unserer Handschrift , an einem herbstlichen Sonntagnachmittage , saß ich doch wieder einmal vor ihren eingeklemmten Schubfächern und zog , oft mühsam , eines um das andere auf . Papiere über Papiere ; und fast überall jene anheimelnde leserliche Schrift des vorigen Jahrhunderts . Von vielen Päckchen hatte ich schon die Bindfäden aufgelöst und sie , nachdem ich dies und das darin gelesen , wiederum zu ihrer Ruh gelegt . Da kam ich an eines , welches allerlei Papiere über die Erbschaft eines alten Predigers in Ostenfeld enthielt ; ein Bruder meines Urgroßvaters , wie ich aus beiliegenden , an ihn gerichteten Briefen sah , hatte sich dieser Angelegenheit für eine in Husum wohnende Predigerwitwe angenommen . Und bald nahm ein ungewöhnlich langes Schreiben , datiert von 1778 aus einem ostschleswigschen Dorfe und unterschrieben » Jensen , past . « , meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch ; denn es war augenscheinlich der Begleitbrief , mit dem einst das Manuskript des Pastors Josias , allerdings sub pet . rem . , an meinen Urgroßonkel übersandt war . Die ersten Seiten beschäftigten sich unter Beifügung eines sauber ausgeführten Stammbaumes nur mit den Erbverhältnissen jenes Ostenfelder Pastors ; wie bald ersichtlich , des Vetters unseres Josias , in dessen Hause er das Gedächtnis seines Jugendlebens niederschrieb . Dann aber hieß es weiter : Unseres von Dir erwähnten Schülerbesuches bei meinen Junggesellen-Onkeln in dem Ostenfelder Pastorate entsinne ich mich gar wohl ; und daß Du den Onkel Josias in so warmer Affection behalten , hat mir insonders wohlgethan ; die Fragen aber , die Du über ihn gestellet , wirst Du in dessen hier angeschlossener eigener Handschrift insgesamt beantwortet finden . In Wahrheit , es waren zwei recht verschiedene Menschen , der Herr Josias mit seinem Johanneskopfe und der derbe aufbrausende pastor loci . Oftmals in meiner eigenen Amtsthätigkeit habe ich des ersten Sonntages dort gedenken müssen ; Du kamest erst des Abends zu uns , ich aber saß schon vormittages an Onkel Josias ' Seite in der Kirche . Noch sehe ich unter den Abendmahlsgästen die leidtragenden Frauen vor dem Altare , welche nach damaliger Sitte bis über das Kinn in schwarze Decken eingehüllt waren ; und wie der Onkel Pastor der einen mit den durch die ganze Kirche hin vernehmlichen Worten » Weg , weg damit ! « die Decken voll Ungeduld zur Seite riß , indeß er mit der anderen Hand den Kelch emporhielt . Onkel Josias aber schüttelte still den Kopf und lehnte mit einem Lächeln sich in seinen Stuhl zurück . Gleichwohl , wie ich später beobachtet , da ich den letzten Sommer vor dem großen Examen dort meine Repetitionen machte , lebten die beiden Verwandten in guter Eintracht mit einander . Beide waren Männer , die , wie man sagt , das Ihrige gelernet hatten und dies nicht in Vergessenheit gerathen lassen wollten . Sie unterhielten sich oft über gelehrte Gegenstände und disputirten dann , auch wohl lateinisch , mit einander . In einem Punkte aber stimmten sie völlig überein ; sie beide glaubten noch an Teufelsbündnisse und an Schwarze Kunst und erachteten solch thörichten Wahn für einen nothwendigen Theil des orthodoxen Christenglaubens . Der Ostenfelder Pastor that dieses im zornigen Bewußtsein eines wohl gerüsteten Kämpfers , der Onkel Josias dagegen , zu dessen zarter Gemüthsbeschaffenheit dieser wilde Glaube gar übel paßte , schien selbigen mir gleich einer Last zu tragen . Deshalb suchte ich oft , wenn wir alleine waren , mit Gründen aus der Heiligen Schrift wie aus der menschlichen Vernunft ihm solches auszureden ; allein mit allem seinem Scharfsinn , wenn gleich als wie in schmerzlicher Ergebung , vertheidigte er die gottlose Macht des Erzfeindes . Als der Sommer zu Ende ging , wurde für seine Gesundheit die strengste Vorsicht nöthig ; er durfte sonntags die Kirche nicht mehr besuchen , kaum noch das Haus verlassen ; aber seine milde Freundlichkeit und seine , ich möchte sagen , schwermuthsvolle Heiterkeit blieben sich auch dann noch gleich . Da war es kurz vor meiner Abreise an einem Morgen im October ; der erste Reif war gefallen und eine frische Klarheit durch die Luft verbreitet . Ich wandelte im Garten auf und ab und sah dabei bisweilen in die Zeitung , welche der Stadtbote mir soeben durch den Zaun gereicht hatte . Als ich nun las , daß der einst vielberühmte , aber seit lange seines Amtes wegen Simonie entsetzte Petrus Goldschmidt als ein Schenkenwirth bei Hamburg das Zeitliche gesegnet habe , eilete ich ins Haus und dachte , nicht ohne eine kleine Schadenfreude , solches dem Onkel Josias zu verkünden . Als ich zu ihm eintrat , war mir , als sei auch in dieses sonst etwas dunkle Zimmer der schöne lichte Morgen eingedrungen ; denn trotz des brennenden Ofenfeuers standen beide Fensterflügel offen , und der Schall von den benachbarten Dreschtennen und von hellen Kinderstimmen hatte freien Eingang . Aber zu meiner beabsichtigten Mittheilung kam ich nicht . Feierlich , mit strahlendem Antlitz , trat Herr Josias mir entgegen . » Mein Andreas « , rief er , » wir werden fürder nicht mehr disputiren ; ich weiß es itzt in diesem Augenblick : der Teufel ist nur ein im Abgrund liegender unmächtiger Geist ! « Indeß ich vor Erstaunen schier verstummte , gewahrte ich das Buch des Thomasius von dem Laster der Zauberei auf seinem Tische aufgeschlagen . Ich hatte es nach unserer letzten Disputation dort heimlich hingelegt und frug nun , ob ihm daraus die heilvolle Erkenntniß zugekommen . Aber Herr Josias schüttelte den Kopf . » Nein « , sprach er , » nicht aus jenem guten Buch ; es hat das Licht sich plötzlich in mein Herz ergossen . Ich denke so , Andreas : die Schatten des Todes wachsen immer höher ; da will der Allbarmherzige die anderen Schatten von mir nehmen . « Seine Augen leuchteten wie in überirdischer Verklärung ; er wandte sich gegen das Licht und breitete die Arme aus . » O Gott der Gnaden « , rief er , » aus meiner Jugend tritt ein Engel auf mich zu ; verwirf mich nicht ob meiner finsteren Schuld ! « Ich wollte ihn stützen , denn er wurde todtenbleich , und mir war , als sähe ich ihn wanken ; er aber lächelte und sprach : » Ich bin nicht schwach in diesem Augenblick . « Dann ging er an seinen Schrank und reichte mir daraus dasselbe manuscriptum , welches Du mit diesem Brief empfängst . » Nimm es , mein Andreas « , sagte er , » und bewahre es zu meinem Gedächtniß ; ich bedarf desselbigen nun nicht mehr . « – – Kurz darauf reiste ich ab ; und was nun folget , hat mir erst lange nachher der Sohn des dortigen Küsters erzählt , welcher einige Jahre hier im Dorfe Lehrer war . Noch in dem Monat meiner Abreise nämlich verbreitete sich das Gerücht im Dorfe : wenn sonntags alles in der Kirche und die Straßen leer seien , so stehe ein fahlgraues Pferd , desgleichen man sonst in der Gemeinde nicht gesehen , vor der Pforte des Pastorates angebunden ; und bald danach : es komme von Süden her ein Weib über die Heide geritten , die binde ihr Pferd an den Mauerring und geh dann selber in das Pfarrhaus ; wenn aber der Pastor und der Strom der Gemeinde aus der Kirche heimkomme , dann sei sie jedesmal schon wieder fortgeritten . Daß dieses Weib den Herrn Josias besuche , war unschwer zu errathen ; denn um solche Stunde weilte niemand außer ihm im Hause . Dabei aber ereignete sich gar Sonderliches ; denn obschon sie unzweifelhaft schon in älteren Jahren gestanden , so ist doch von etlichen , welche sie gesehen haben , dawider gestritten und behauptet worden , daß sie noch jung , von anderen , daß sie auch schön gewesen sei ; wenn man aber des Näheren nachgefragt , so hatten sie nichts wahrgenommen als zwei dunkle Augen , aus denen das Weib sie im Vorüberreiten angeblicket . Im ganzen Dorfe ist nur ein einziger gewesen , der von diesen Dingen nichts erfahren hat , und zwar der Pastor selber , denn alle haben des Mannes aufflammende Heftigkeit gefürchtet , und alle haben den Onkel Josias lieb gehabt . Aber eines Sonntages , da es wieder Frühling worden und die Veilchen in den Gärten schon geblüht haben , ist die Heidefrau auch wieder da gewesen ; und auch diesmal , da der Pastor aus der Kirche heimgekommen , hat er weder sie noch ihren Gaul gesehen ; es ist wie immer alles still und einsam gewesen , da er seinen Hof und dann sein Haus , betreten hat . Und da er , wie er itzo nach der Kirche pflegte , in seines Verwandten Zimmer ging , war es auch dort sehr still . Die Fenster standen offen , so daß von draußen aus dem Garten die Frühlingsdüfte den ganzen Raum erfüllet hatten , und der Eintretende sah Herrn Josias in seinem großen Lehnstuhl sitzen ; doch , was ihn wundernahm , ein kleiner Vogel saß furchtlos auf einer seiner Hände , die er vor sich auf dem Schoß gefaltet hatte . Aber der Vogel flog fort und in die freie Himmelsluft hinaus , als der Pastor itzt mit seinem schweren Schritt herankam und sich über den Lehnstuhl beugete . Herr Josias saß noch immer unbeweglich , und sein Angesicht war voller Frieden ; nur war derselbe nicht von dieser Welt . – Nun aber hat es bald ein laut Gerücht im Dorf gegeben , und auch dem Onkel Pastor haben alle es erzählt , von denen er es hat hören wollen ; man wisse nun , die Hexe von Schwabstedte sei es gewesen , die auf ihrem Roß allsonntags in das Dorf gekommen ; ja derer etliche hatten sichere Kunde , daß sie , unter Vorspiegelung trügerischer Heilkunst , dem armen Herrn Josias das Leben abgewonnen habe . Wir aber , wenn Du alles nun gelesen , Du und ich , wir wissen besser , was sie war , die seinen letzten Hauch ihm von den Lippen nahm .