Pastor tat schon den Mund auf , als wolle er etwas einwenden , da trat Elke Volkerts , die eine Weile schon im Zimmer gewesen , plötzlich zu ihnen . » Wollen Euer Gnaden mir ein Wort erlauben ? « sprach sie zu dem Oberbeamten ; » es ist nur , damit aus einem Irrtum nicht ein Unrecht werde ! « » So sprecht , Jungfer Elke ! « entgegnete dieser ; » Weisheit von hübschen Mädchenlippen hört sich allzeit gut ! « – » Es ist nicht Weisheit , Euer Gnaden ; ich will nur die Wahrheit sagen . « » Auch die muß man ja hören können , Jungfer Elke ! « Das Mädchen ließ ihre dunklen Augen noch einmal zur Seite gehen , als ob sie wegen überflüssiger Ohren sich versichern wolle . » Euer Gnaden « , begann sie dann , und ihre Brust hob sich in stärkerer Bewegung , » mein Pate , Jewe Manners , sagte Ihnen , daß Hauke Haien nur etwa zwanzig Demat im Besitz habe ; das ist im Augenblick auch richtig , aber sobald es sein muß , wird Hauke noch um soviel mehr sein eigen nennen , als dieser , meines Vaters , jetzt mein Hof an Dematzahl beträgt ; für einen Deichgrafen wird das zusammen denn wohl reichen . « Der alte Manners reckte den weißen Kopf gegen sie , als müsse er erst sehen , wer denn eigentlich da rede . » Was ist das ? « sagte er ; » Kind , was sprichst du da ? « Aber Elke zog an einem schwarzen Bändchen einen blinkenden Goldring aus ihrem Mieder . » Ich bin verlobt , Pate Manners « , sagte sie ; » hier ist der Ring , und Hauke Haien ist mein Bräutigam . « – » Und wann – ich darf ' s wohl fragen , da ich dich aus der Taufe hob , Elke Volkerts – , wann ist denn das passiert ? « – » Das war schon vor geraumer Zeit ; doch war ich mündig , Pate Manners « , sagte sie ; » mein Vater war schon hinfällig worden , und da ich ihn kannte , so wollt ich ihn nicht mehr damit beunruhigen ; itzt , da er bei Gott ist , wird er einsehen , daß sein Kind bei diesem Manne wohl geborgen ist . Ich hätte es auch das Trauerjahr hindurch schon ausgeschwiegen ; jetzt aber , um Haukes und um des Kooges willen , hab ich reden müssen . « Und zum Oberdeichgrafen gewandt , setzte sie hinzu : » Euer Gnaden wollen mir das verzeihen ! « Die drei Männer sahen sich an ; der Pastor lachte , der alte Gevollmächtigte ließ es bei einem » Hm , hm ! « bewenden , während der Oberdeichgraf wie vor einer wichtigen Entscheidung sich die Stirn rieb . » Ja , liebe Jungfer « , sagte er endlich , » aber wie steht es denn hier im Kooge mit den ehelichen Güterrechten ? Ich muß gestehen , ich bin augenblicklich nicht recht kapitelfest in diesem Wirrsal ! « » Das brauchen Euer Gnaden auch nicht « , entgegnete des Deichgrafen Tochter , » ich werde vor der Hochzeit meinem Bräutigam die Güter übertragen . Ich habe auch meinen kleinen Stolz « , setzte sie lächelnd hinzu ; » ich will den reichsten Mann im Dorfe heiraten ! « » Nun , Manners « , meinte der Pastor , » ich denke , Sie werden auch als Pate nichts dagegen haben , wenn ich den jungen Deichgrafen mit des alten Tochter zusammengebe ! « Der Alte schüttelte leis den Kopf . » Unser Herrgott gebe seinen Segen ! « sagte er andächtig . Der Oberdeichgraf aber reichte dem Mädchen seine Hand : » Wahr und weise habt Ihr gesprochen , Elke Volkerts ; ich danke Euch für so kräftige Erläuterungen und hoffe auch in Zukunft , und bei freundlicheren Gelegenheiten als heute , der Gast Eueres Hauses zu sein ; aber – daß ein Deichgraf von solch junger Jungfer gemacht wurde , das ist das Wunderbare an der Sache ! « » Euer Gnaden « , erwiderte Elke und sah den gütigen Oberbeamten noch einmal mit ihren ernsten Augen an , » einem rechten Manne wird auch die Frau wohl helfen dürfen ! « Dann ging sie in den anstoßenden Pesel und legte schweigend ihre Hand in Hauke Haiens . Es war um mehrere Jahre später : In dem kleinen Hause Tede Haiens wohnte jetzt ein rüstiger Arbeiter mit Frau und Kind ; der junge Deichgraf Hauke Haien saß mit seinem Weibe Elke Volkerts auf deren väterlicher Hofstelle . Im Sommer rauschte die gewaltige Esche nach wie vor am Hause aber auf der Bank , die jetzt darunterstand , sah man abends meist nur die junge Frau , einsam mit einer häuslichen Arbeit in den Händen ; noch immer fehlte ein Kind in dieser Ehe ; der Mann aber hatte anderes zu tun , als Feierabend vor der Tür zu halten , denn trotz seiner früheren Mithülfe lagen aus des Alten Amtsführung eine Menge unerledigter Dinge , an die auch er derzeit zu rühren nicht für gut gefunden hatte ; jetzt aber mußte allmählich alles aus dem Wege ; er fegte mit einem scharfen Besen . Dazu kam die Bewirtschaftung der durch seinen eigenen Landbesitz vergrößerten Stelle , bei der er gleichwohl den Kleinknecht noch zu sparen suchte ; so sahen sich die beiden Eheleute , außer am Sonntag , wo Kirchgang gehalten wurde , meist nur bei dem von Hauke eilig besorgten Mittagessen und beim Auf- und Niedergang des Tages ; es war ein Leben fortgesetzter Arbeit , doch gleichwohl ein zufriedenes . Dann kam ein störendes Wort in Umlauf . – Als von den jüngeren Besitzern der Marsch- und Geestgemeinde eines Sonntags nach der Kirche ein etwas unruhiger Trupp im Kruge droben am Trunke festgeblieben war , redeten sie beim vierten oder fünften Glase zwar nicht über König und Regierung – so hoch wurde damals noch nicht gegriffen – , wohl aber über Kommunal- und Oberbeamte , vor allem über Gemeindeabgaben und -lasten , und je länger sie redeten , desto weniger fand davon Gnade vor ihren Augen , insonders nicht die neuen Deichlasten ; alle Siele und Schleusen , die sonst immer gehalten hätten , seien jetzt reparaturbedürftig ; am Deiche fänden sich immer neue Stellen , die Hunderte von Karren Erde nötig hätten ; der Teufel möchte die Geschichte holen ! » Das kommt von eurem klugen Deichgrafen « , rief einer von den Geestleuten , » der immer grübeln geht und seine Finger dann in alles steckt ! « » Ja , Marten « , sagte Ole Peters , der dem Sprecher gegenübersaß ; » recht hast du , er ist hinterspinnig und sucht beim Oberdeichgraf sich ' nen weißen Fuß zu machen ; aber wir haben ihn nun einmal ! « » Warum habt ihr ihn euch aufhucken lassen ? « sagte der andre ; » nun müßt ihr ' s bar bezahlen . « Ole Peters lachte . » Ja , Marten Fedders , das ist nun so bei uns , und davon ist nichts abzukratzen ; der alte wurde Deichgraf von seines Vaters , der neue von seines Weibes wegen . « Das Gelächter , das jetzt um den Tisch lief , zeigte , welchen Beifall das geprägte Wort gefunden hatte . Aber es war an öffentlicher Wirtstafel gesprochen worden , es blieb nicht da , es lief bald um im Geest-und unten in dem Marschdorf ; so kam es auch an Hauke . Und wieder ging vor seinem inneren Auge die Reihe übelwollender Gesichter vorüber , und noch höhnischer , als es gewesen war , hörte er das Gelächter an dem Wirtshaustische . » Hunde ! « schrie er , und seine Augen sahen grimmig zur Seite , als wolle er sie peitschen lassen . Da legte Elke ihre Hand auf seinen Arm : » Laß sie ; die wären alle gern , was du bist ! « – » Das ist es eben ! « entgegnete er grollend . » Und « , fuhr sie fort , » hat denn Ole Peters sich nicht selber eingefreit ? « » Das hat er , Elke ; aber was er mit Vollina freite , das reichte nicht zum Deichgrafen ! « – » Sag lieber : er reichte nicht dazu ! « Und Elke drehte ihren Mann , so daß er sich im Spiegel sehen mußte , denn sie standen zwischen den Fenstern in ihrem Zimmer . » Da steht der Deichgraf ! « sagte sie ; » nun sieh ihn an ; nur wer ein Amt regieren kann , der hat es ! « » Du hast nicht unrecht « , entgegnete er sinnend , » und doch ... Nun , Elke ; ich muß zur Osterschleuse , die Türen schließen wieder nicht ! « Sie drückte ihm die Hand : » Komm , sieh mich erst einmal an ! Was hast du , deine Augen sehen so ins Weite ? « » Nichts , Elke , du hast ja recht . « Er ging ; aber nicht lange war er gegangen , so war die Schleusenreparatur vergessen . Ein anderer Gedanke , den er halb nur ausgedacht und seit Jahren mit sich umhergetragen hatte , der aber vor den drängenden Amtsgeschäften ganz zurückgetreten war , bemächtigte sich seiner jetzt aufs neue und mächtiger als je zuvor , als seien plötzlich die Flügel ihm gewachsen . Kaum daß er es selber wußte , befand er sich oben auf dem Haffdeich , schon eine weite Strecke südwärts nach der Stadt zu ; das Dorf , das nach dieser Seite hinauslag , war ihm zur Linken längst verschwunden ; noch immer schritt er weiter , seine Augen unablässig nach der Seeseite auf das breite Vorland gerichtet ; wäre jemand neben ihm gegangen , er hätte es sehen müssen , welche eindringliche Geistesarbeit hinter diesen Augen vorging . Endlich blieb er stehen : das Vorland schwand hier zu einem schmalen Streifen an dem Deich zusammen . › Es muß gehen ! ‹ sprach er bei sich selbst . › Sieben Jahr im Amt ; sie sollen nicht mehr sagen , daß ich nur Deichgraf bin von meines Weibes wegen ! ‹ Noch immer stand er , und seine Blicke schweiften scharf und bedächtig nach allen Seiten über das grüne Vorland ; dann ging er zurück , bis wo auch hier ein schmaler Streifen grünen Weidelands die vor ihm liegende breite Landfläche ablöste . Hart an dem Deiche aber schoß ein starker Meeresstrom durch diese , der fast das ganze Vorland von dem Festlande trennte und zu einer Hallig machte ; eine rohe Holzbrücke führte nach dort hinüber , damit man mit Vieh und Heu- und Getreidewagen hinüber und wieder zurück gelangen könne . Jetzt war es Ebbzeit , und die goldene Septembersonne glitzerte auf dem etwa hundert Schritte breiten Schlickstreifen und auf dem tiefen Priel in seiner Mitte , durch den auch jetzt das Meer noch seine Wasser trieb . › Das läßt sich dämmen ! ‹ sprach Hauke bei sich selber , nachdem er diesem Spiele eine Zeitlang zugesehen ; dann blickte er auf , und von dem Deiche , auf dem er stand , über den Priel hinweg , zog er in Gedanken eine Linie längs dem Rande des abgetrennten Landes , nach Süden herum und ostwärts wiederum zurück über die dortige Fortsetzung des Prieles und an den Deich heran . Die Linie aber , welche er unsichtbar gezogen hatte , war ein neuer Deich , neu auch in der Konstruktion seines Profiles , welches bis jetzt nur noch in seinem Kopf vorhanden war . › Das gäbe einen Koog von zirka tausend Demat ‹ , sprach er lächelnd zu sich selber ; › nicht groß just ; aber ... ‹ Eine andere Kalkulation überkam ihn : das Vorland gehörte hier der Gemeinde , ihren einzelnen Mitgliedern eine Zahl von Anteilen , je nach der Größe ihres Besitzes im Gemeindebezirk oder nach sonst zu Recht bestehender Erwerbung ; er begann zusammenzuzählen , wieviel Anteile er von seinem , wie viele er von Elkes Vater überkommen und was an solchen er während seiner Ehe schon selbst gekauft hatte , teils in dem dunklen Gefühle eines künftigen Vorteils , teils bei Vermehrung seiner Schafzucht . Es war schon eine ansehnliche Menge ; denn auch von Ole Peters hatte er dessen sämtliche Teile angekauft , da es diesem zum Verdruß geschlagen war , als bei einer teilweisen Überströmung ihm sein bester Schafbock ertrunken war . Aber das war ein seltsamer Unfall gewesen , denn so weit Haukes Gedächtnis reichte , waren selbst bei hohen Fluten dort nur die Ränder überströmt worden . Welch treffliches Weide- und Kornland mußte es geben und von welchem Werte , wenn das alles von seinem neuen Deich umgeben war ! Wie ein Rausch stieg es ihm ins Gehirn ; aber er preßte die Nägel in seine Handflächen und zwang seine Augen , klar und nüchtern zu sehen , was dort vor ihm lag : eine große deichlose Fläche , wer wußt es , welchen Stürmen und Fluten schon in den nächsten Jahren preisgegeben , an deren äußerstem Rande jetzt ein Trupp von schmutzigen Schafen langsam grasend entlangwanderte ; dazu für ihn ein Haufen Arbeit , Kampf und Ärger ! Trotz alledem , als er vom Deich hinab- und den Fußsteig über die Fennen auf seine Werfte zuging , ihm war ' s , als brächte er einen großen Schatz mit sich nach Hause . Auf dem Flur trat Elke ihm entgegen . » Wie war es mit der Schleuse ? « frug sie . Er sah mit geheimnisvollem Lächeln auf sie nieder . » Wir werden bald eine andere Schleuse brauchen « , sagte er ; » und Sielen und einen neuen Deich ! « » Ich versteh dich nicht « , entgegnete Elke , während sie in das Zimmer gingen ; » was willst du , Hauke ? « » Ich will « , sagte er langsam und hielt dann einen Augenblick inne , » ich will , daß das große Vorland , das unserer Hofstatt gegenüber beginnt und dann nach Westen ausgeht , zu einem festen Kooge eingedeicht werde : die hohen Fluten haben fast ein Menschenalter uns in Ruh gelassen ; wenn aber eine von den schlimmen wiederkommt und den Anwachs stört , so kann mit einem Mal die ganze Herrlichkeit zu Ende sein ; nur der alte Schlendrian hat das bis heut so lassen können ! « Sie sah ihn voll Erstaunen an . » So schiltst du dich ja selber ! « sagte sie . – » Das tu ich , Elke ; aber es war bisher auch soviel anderes zu beschaffen ! « » Ja , Hauke ; gewiß , du hast genug getan ! « Er hatte sich in den Lehnstuhl des alten Deichgrafen gesetzt , und seine Hände griffen fest um beide Lehnen . » Hast du denn guten Mut dazu ? « frug ihn sein Weib . – » Das hab ich , Elke ! « sprach er hastig . » Sei nicht zu rasch , Hauke ; das ist ein Werk auf Tod und Leben ; und fast alle werden dir entgegen sein , man wird dir deine Müh und Sorg nicht danken ! « Er nickte . » Ich weiß ! « sagte er . » Und wenn es nun nicht gelänge ! « rief sie wieder ; » von Kindesbeinen an hab ich gehört , der Priel sei nicht zu stopfen , und darum dürfe nicht daran gerührt werden . « » Das war ein Vorwand für die Faulen ! « sagte Hauke ; » weshalb denn sollte man den Priel nicht stopfen können ? « – » Das hört ich nicht ; vielleicht , weil er gerade durchgeht ; die Spülung ist zu stark . « – Eine Erinnerung überkam sie , und ein fast schelmisches Lächeln brach aus ihren ernsten Augen . » Als ich Kind war « , sprach sie , » hörte ich einmal die Knechte darüber reden ; sie meinten , wenn ein Damm dort halten solle , müsse was Lebigs da hineingeworfen und mit verdämmt werden ; bei einem Deichbau auf der andern Seite , vor wohl hundert Jahren , sei ein Zigeunerkind verdämmet worden , das sie um schweres Geld der Mutter abgehandelt hätten ; jetzt aber würde wohl keine ihr Kind verkaufen ! « Hauke schüttelte den Kopf : » Da ist es gut , daß wir keins haben , sie würden es sonst noch schier von uns verlangen ! « » Sie sollten ' s nicht bekommen ! « sagte Elke und schlug wie in Angst die Arme über ihren Leib . Und Hauke lächelte ; doch sie frug noch einmal : » Und die ungeheuren Kosten ? Hast du das bedacht ? « – » Das hab ich , Elke ; was wir dort herausbringen , wird sie bei weitem überholen , auch die Erhaltungskosten des alten Deiches gehen für ein gut Stück in dem neuen unter ; wir arbeiten ja selbst und haben über achtzig Gespanne in der Gemeinde , und an jungen Fäusten ist hier auch kein Mangel . Du sollst mich wenigstens nicht umsonst zum Deichgrafen gemacht haben , Elke ; ich will ihnen zeigen , daß ich einer bin ! « Sie hatte sich vor ihm niedergehuckt und ihn sorgvoll angeblickt ; nun erhob sie sich mit einem Seufzer . » Ich muß weiter zu meinem Tagewerk « , sagte sie , und ihre Hand strich langsam über seine Wange ; » tu du das deine , Hauke ! « » Amen , Elke ! « sprach er mit ernstem Lächeln ; » Arbeit ist für uns beide da ! « – – Und es war Arbeit genug für beide , die schwerste Last aber fiel jetzt auf des Mannes Schulter . An Sonntagnachmittagen , oft auch nach Feierabend , saß Hauke mit einem tüchtigen Feldmesser zusammen , vertieft in Rechenaufgaben , Zeichnungen und Rissen ; war er allein , dann ging es ebenso und endete oft weit nach Mitternacht . Dann schlich er in die gemeinsame Schlafkammer – denn die dumpfen Wandbetten im Wohngemach wurden in Haukes Wirtschaft nicht mehr gebraucht – , und sein Weib , damit er endlich nur zur Ruhe komme , lag wie schlafend mit geschlossenen Augen , obgleich sie mit klopfendem Herzen nur auf ihn gewartet hatte ; dann küßte er mitunter ihre Stirn und sprach ein leises Liebeswort dabei , und legte sich selbst zum Schlafe , der ihm oft nur beim ersten Hahnenkraht zu Willen war . Im Wintersturm lief er auf den Deich hinaus , mit Bleistift und Papier in der Hand , und stand und zeichnete und notierte , während ein Windstoß ihm die Mütze vom Kopf riß und das lange , fahle Haar ihm um sein heißes Antlitz flog ; bald fuhr er , solange nur das Eis ihm nicht den Weg versperrte , mit einem Knecht zu Boot ins Wattenmeer hinaus und maß dort mit Lot und Stange die Tiefen der Ströme , über die er noch nicht sicher war . Elke zitterte oft genug für ihn ; aber war er wieder da , so hätte er das nur aus ihrem festen Händedruck oder dem leuchtenden Blitz aus ihren sonst so stillen Augen merken können . » Geduld , Elke « , sagte er , da ihm einmal war , als ob sein Weib ihn nicht lassen könne ; » ich muß erst selbst im reinen sein , bevor ich meinen Antrag stelle ! « Da nickte sie und ließ ihn gehen . Der Ritte in die Stadt zum Oberdeichgrafen wurden auch nicht wenige , und allem diesen und den Mühen in Hausund Landwirtschaft folgten immer wieder die Arbeiten in die Nacht hinein . Sein Verkehr mit anderen Menschen außer in Arbeit und Geschäft verschwand fast ganz ; selbst der mit seinem Weibe wurde immer weniger . › Es sind schlimme Zeiten , und sie werden noch lange dauern ‹ , sprach Elke bei sich selber und ging an ihre Arbeit . Endlich , Sonne und Frühlingswinde hatten schon überall das Eis gebrochen , war auch die letzte Vorarbeit getan ; die Eingabe an den Oberdeichgrafen zu Befürwortung an höherem Orte , enthaltend den Vorschlag einer Bedeichung des erwähnten Vorlandes , zur Förderung des öffentlichen Besten , insonders des Kooges wie nicht weniger der Herrschaftlichen Kasse , da höchstderselben in kurzen Jahren die Abgabe von zirka tausend Demat daraus erwachsen würden – war sauber abgeschrieben und nebst anliegenden Rissen und Zeichnungen aller Lokalitäten , jetzt und künftig , der Schleusen und Siele und was noch sonst dazu gehörte , in ein festes Konvolut gepackt und mit dem deichgräflichen Amtssiegel versehen worden . » Da ist es , Elke « , sagte der junge Deichgraf , » nun gib ihm deinen Segen ! « Elke legte ihre Hand in seine . » Wir wollen fest zusammenhalten « , sagte sie . – » Das wollen wir . « Dann wurde die Eingabe durch einen reitenden Boten in die Stadt gesandt . " Sie wollen bemerken , lieber Herr " , unterbrach der Schulmeister seine Erzählung , mich freundlich mit seinen feinen Augen fixierend , " daß ich das bisher Berichtete während meiner fast vierzigjährigen Wirksamkeit in diesem Kooge aus den Überlieferungen verständiger Leute oder aus Erzählungen der Enkel und Urenkel solcher zusammengefunden habe ; was ich , damit Sie dieses mit dem endlichen Verlauf in Einklang zu bringen vermögen , Ihnen jetzt vorzutragen habe , das war derzeit und ist auch jetzt noch das Geschwätz des ganzen Marschdorfes , sobald nur um Allerheiligen die Spinnräder an zu schnurren fangen . Von der Hofstelle des Deichgrafen , etwa fünf- bis sechshundert Schritte weiter nordwärts , sah man derzeit , wenn man auf dem Deiche stand , ein paar tausend Schritt ins Wattenmeer hinaus und etwas weiter von dem gegenüberliegenden Marschufer entfernt eine kleine Hallig , die sie › Jeverssand ‹ , auch › Jevershallig ‹ nannten . Von den derzeitigen Großvätern war sie noch zur Schafweide benutzt worden , denn Gras war damals noch darauf gewachsen ; aber auch das hatte aufgehört , weil die niedrige Hallig ein paarmal , und just im Hochsommer , unter Seewasser gekommen und der Graswuchs dadurch verkümmert und auch zur Schafweide unnutzbar geworden war . So kam es denn , daß außer von Möwen und den andern Vögeln , die am Strande fliegen , und etwa einmal von einem Fischadler , dort kein Besuch mehr stattfand ; und an mondhellen Abenden sah man vom Deiche aus nur die Nebeldünste leichter oder schwerer darüber hinziehen . Ein paar weißgebleichte Knochengerüste ertrunkener Schafe und das Gerippe eines Pferdes , von dem freilich niemand begriff , wie es dort hingekommen sei , wollte man , wenn der Mond von Osten auf die Hallig schien , dort auch erkennen können . Es war zu Ende März , als an dieser Stelle nach Feierabend der Tagelöhner aus dem Tede Haienschen Hause und Iven Johns , der Knecht des jungen Deichgrafen , nebeneinanderstanden und unbeweglich nach der im trüben Mondduft kaum erkennbaren Hallig hinüberstarrten ; etwas Auffälliges schien sie dort so festzuhalten . Der Tagelöhner steckte die Hände in die Tasche und schüttelte sich . » Komm , Iven « , sagte er , » das ist nichts Gutes ; laß uns nach Haus gehen ! « Der andere lachte , wenn auch ein Grauen bei ihm hindurchklang : » Ei was , es ist eine lebige Kreatur , eine große ! Wer , zum Teufel , hat sie nach dem Schlickstück hinaufgejagt ! Sieh nur , nun reckt ' s den Hals zu uns hinüber ! Nein , es senkt den Kopf ; es frißt ! Ich dächt , es wär dort nichts zu fressen ! Was es nur sein mag ? « » Was geht das uns an ! « entgegnete der andere . » Gute Nacht , Iven , wenn du nicht mitwillst ; ich gehe nach Haus ! « – » Ja , ja ; du hast ein Weib , du kommst ins warme Bett ! Bei mir ist auch in meiner Kammer lauter Märzenluft ! « » Gut Nacht denn ! « rief der Tagelöhner zurück , während er auf dem Deich nach Hause trabte . Der Knecht sah sich ein paarmal nach dem Fortlaufenden um ; aber die Begier , Unheimliches zu schauen , hielt ihn noch fest . Da kam eine untersetzte , dunkle Gestalt auf dem Deich vom Dorf her gegen ihn heran ; es war der Dienstjunge des Deichgrafen . » Was willst du , Carsten ? « rief ihm der Knecht entgegen . » Ich ? – nichts « , sagte der Junge ; » aber unser Wirt will dich sprechen , Iven Johns ! « Der Knecht hatte die Augen schon wieder nach der Hallig . » Gleich ; ich komme gleich ! « sagte er . » Wonach guckst du denn so ? « frug der Junge . Der Knecht hob den Arm und wies stumm nach der Hallig . » Oha ! « flüsterte der Junge ; » da geht ein Pferd – ein Schimmel – das muß der Teufel reiten – wie kommt ein Pferd nach Jevershallig ? « – » Weiß nicht , Carsten , wenn ' s nur ein richtiges Pferd ist ! « » Ja , ja , Iven ; sieh nur , es frißt ganz wie ein Pferd ! Aber wer hat ' s dahin gebracht ; wir haben im Dorf so große Böte gar nicht ! Vielleicht auch ist es nur ein Schaf ; Peter Ohm sagt , im Mondschein wird aus zehn Torfringeln ein ganzes Dorf . Nein , sieh ! Nun springt es – es muß doch ein Pferd sein ! « Beide standen eine Weile schweigend , die Augen nur nach dem gerichtet , was sie drüben undeutlich vor sich gehen sahen . Der Mond stand hoch am Himmel und beschien das weite Wattenmeer , das eben in der steigenden Flut seine Wasser über die glitzernden Schlickflächen zu spülen begann . Nur das leise Geräusch des Wassers , keine Tierstimme war in der ungeheueren Weite hier zu hören ; auch in der Marsch , hinter dem Deiche , war es leer ; Kühe und Rinder waren alle noch in den Ställen . Nichts regte sich ; nur was sie für ein Pferd , einen Schimmel , hielten , schien dort auf Jevershallig noch beweglich . » Es wird heller « , unterbrach der Knecht die Stille , » ich sehe deutlich die weißen Schafgerippe schimmern ! « » Ich auch « , sagte der Junge und reckte den Hals ; dann aber , als komme es ihm plötzlich , zupfte er den Knecht am Ärmel . » Iven « , rannte er , » das Pferdsgerippe , das sonst dabeilag , wo ist es ? Ich kann ' s nicht sehen ! « » Ich seh es auch nicht ! Seltsam ! « sagte der Knecht . – » Nicht so seltsam , Iven ! Mitunter , ich weiß nicht , in welchen Nächten , sollen die Knochen sich erheben und tun , als ob sie lebig wären ! « » So ? « machte der Knecht ; » das ist ja Altweiberglaube ! « » Kann sein , Iven « , meinte der Junge . » Aber , ich mein , du sollst mich holen ; komm , wir müssen nach Haus ! Es bleibt hier immer doch dasselbe . « Der Junge war nicht fortzubringen , bis der Knecht ihn mit Gewalt herumgedreht und auf den Weg gebracht hatte . » Hör , Carsten « , sagte dieser , als die gespensterhafte Hallig ihnen schon ein gut Stück im Rücken lag , » du giltst ja für einen Allerweltsbengel ; ich glaub , du möchtest das am liebsten selber untersuchen ! « » Ja « , entgegnete Carsten , nachträglich noch ein wenig schaudernd , » ja , das möcht ich , Iven ! « » Ist das dein Ernst ? – dann « , sagte der Knecht , nachdem der Junge ihm nachdrücklich darauf die Hand geboten hatte , » lösen wir morgen abend unser Boot ; du fährst nach Jeverssan ; ich bleib so lange auf dem Deiche stehen . « » Ja « , erwiderte der Junge , » das geht ! Ich nehme meine Peitsche mit ! « » Tu das ! « Schweigend kamen sie an das Haus ihrer Herrschaft , zu dem sie langsam die hohe Werft hinanstiegen . Um dieselbe Zeit des folgenden Abends saß der Knecht auf dem großen Steine vor der Stalltür , als der Junge , mit seiner Peitsche knallend , zu ihm kam . » Das pfeift ja wunderlich ! « sagte jener . » Freilich , nimm dich in acht « , entgegnete der Junge ; » ich hab auch Nägel in die Schnur geflochten . « » So komm ! « sagte der andere . Der Mond stand , wie gestern , am Osthimmel und schien klar aus seiner Höhe . Bald waren beide wieder draußen auf dem Deich und sahen hinüber nach Jevershallig , die wie ein Nebelfleck im Wasser stand . » Da geht es wieder « , sagte der Knecht ; » nach Mittag war ich hier , da war ' s nicht da ; aber ich sah deutlich das weiße Pferdsgerippe liegen ! « Der Junge reckte den Hals . » Das ist jetzt nicht da , Iven « , flüsterte er . » Nun , Carsten , wie ist ' s ? « sagte der Knecht . » Juckt ' s dich noch , hinüberzufahren ? « Carsten