Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen , so ich bei meiner Lebzeit niemandem , auch , aller Liebe ohnerachtet , dir nicht habe anvertrauen mögen . Item : anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee ; maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag worden , die Auferweckung Lazari zu malen , welches Bild sie zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen , der hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte , allwo es denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen ist . Daneben wünschte auch der Bürgermeister , Herr Titus Axen , so früher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war , sein Conterfey von mir gemalet , so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte . – Mein Losament aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder , der seit lange schon das Secretariat der Stadt bekleidete ; das Haus , darin er als unbeweibter Mann lebte , war hoch und räumlich , und war es dasselbig Haus mit den zwo Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße , worin ich , nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben , anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre . Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe eingerichtet ; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit , und bekam alles gemacht und gestellet , wie ich es verlangen mochte . Nur daß die gute Frau selber gar zu gegenwärtig war ; denn allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch zu mir hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand ; drängte mit ihrer Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum ; gar eines Vormittages , da ich soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte , verlangte sie mit viel überflüssigen Worten , der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen , obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen , von meinem Bruder auch vernommen hatte , daß selbiger , wie es die Brenner pflegen , das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe Nasen im Gesicht herumgetragen ; da habe ich denn , wie man glauben mag , dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten müssen . Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet , und sie endlich von mir lassen müssen , da sank mir die Hand mit dem Pinsel in den Schoß , und ich mußte plötzlich des Tages gedenken , da ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet , und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei . – Und also rückwärts sinnend , setzete ich meinen Pinsel wieder an ; als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen , mußte ich zu eigener Verwunderung gewahren , daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte . Aus seinem Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen mich , und ich gedachte : So wird er dir einstmals in der Ewigkeit entgegentreten ! Ich konnte heut nicht weiter malen , sondern ging fort und schlich auf meine Kammer ober der Hausthür , allwo ich mich ans Fenster setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah . Es gab aber groß Gewühl dort , und war bis drüben an die Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und Menschen ; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde , daß Gast mit Gaste handeln durfte , also daß der Stadtknecht mit dem Griper müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß , maßen es vor der Hand keine Brüchen zu erhaschen gab . Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken , die Mädchen von den Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck , dazwischen die hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen – dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben , zumal wenn selbiger , wie ich , bei den Holländern in die Schule gegangen war ; aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe . Doch war es keine Reu , wie ich vorhin an mir erfahren hatte ; ein sehnend Leid kam immer gewaltiger über mich ; es zerfleischete mich mit wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an . Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte ; vor meinen Augen aber dämmerte silberne Mondnacht , wie Schatten stiegen ein paar Zackengiebel auf , ein Fenster klirrte , und gleich wie aus Träumen schlugen leis und fern die Nachtigallen . O du mein Gott und mein Erlöser , der du die Barmherzigkeit bist , wo war sie in dieser Stunde , wo hatte meine Seele sie zu suchen ? – – Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen Namen nennen , und als ich hinausschaute , ersahe ich einen großen hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers , obschon sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann angestanden wäre . Er wies soeben einem andern , untersetzten Manne von bäuerischem Aussehen , aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und Schnallenschuhen , mit seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu , indem er selbst zumal durch das Marktgewühle von dannen schritt . Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte , ging ich hinab und lud den Fremden in das Wohngemach , wo er von dem Stuhle , darauf ich ihn genöthigt , mich gar genau und aufmerksam betrachtete . Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt , und erfuhr ich bald , daß man dort einen Maler brauche , da man des Pastors Bildniß in die Kirche stiften wolle . Ich forschete ein wenig , was für Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben hätte , daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten , da er doch seines Alters halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne ; der Küster aber meinete , es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes einmal einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget , sonst wisse er eben nicht , was Sondres könne vorgefallen sein ; allein es hingen allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen , und da sie , wie er sagen müsse , vernommen hätten , ich verstünde das Ding gar wohl zu machen , so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte Pastor mit hinein ; dieser selber freilich kümmere sich nicht eben viel darum . Ich hörete dem allen zu ; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten auf eine Zeit pausiren mochte , das Bildniß des Herrn Titus Axen aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen konnte , so hub ich an , dem Auftrage näher nachzufragen . Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde , war zwar gering , so daß ich erstlich dachte : sie nehmen dich für einen Pfennigmaler , wie sie im Kriegstrosse mitziehen , um die Soldaten für ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen ; aber es muthete mich plötzlich an , auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern , das nur eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist . Sagete also zu , nur mit dem Beding , daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich ginge , da hier in meines Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht befindlich sei . Deß schien der Küster gar vergnügt , meinend , das sei alles hiebevor schon fürgesorget ; der Pastor hab sich solches gleichfalls ausbedungen ; item , es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei erwählet ; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am Pastorate , nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden , so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne . Die Kinder , die im Sommer doch nichts lernten , würden dann nach Haus geschicket . Also schüttelten wir uns die Hände , und da der Küster auch die Maße des Bildes fürsorglich mitgebracht , so konnte alles Malgeräth , deß ich bedurfte , schon Nachmittages mit der Priesterfuhr hinausbefördert werden . Als mein Bruder dann nach Hause kam – erst spät am Nachmittage ; denn ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer Schinderleichen , so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen wollten – , meinete er , ich bekäme da einen Kopf zu malen , wie er nicht oft auf einem Priesterkragen sitze , und möchte mich mit Schwarz und Braunroth wohl versehen ; erzählete mir auch , es sei der Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land gekommen , als welcher er ' s fast wilder denn die Offiziers getrieben haben solle ; sei übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn , der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse . – Noch merkete mein Bruder an , daß bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend adelige Fürsprach eingewirket haben solle , wie es heiße , von drüben aus dem Holsteinischen her ; der Archidiaconus habe bei der Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen . War jedoch Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden . So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über die Heide schreiten , und war mir nur leid , daß letztere allbereits ihr rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte ; denn von grünen Bäumen war weithin nichts zu ersehen ; nur der spitze Kirchthurm des Dorfes , dem ich zustrebte – wie ich bereits erkennen mochte , ganz von Granitquadern auferbauet – , stieg immer höher vor mir in den dunkelblauen Octoberhimmel . Zwischen den schwarzen Strohdächern , die an seinem Fuße lagen , krüppelte nur niedrig Busch- und Baumwerk ; denn der Nordwestwind , so hier frisch von der See heraufkommt , will freien Weg zu fahren haben . Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei gefunden hatte , stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze Schul entgegen ; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich willkommen . » Merket Ihr wohl , wie gern sie von der Fibel laufen ! « sagte er . » Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen sehen . « In dem Prediger , der gleich danach ins Haus trat , erkannte ich denselbigen Mann , den ich schon tags zuvor gesehen hatte . Aber auf seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet ; das war ein schöner blasser Knabe , den er an der Hand mit sich führete ; das Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt . Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte , so gingen wir mitsammen in die Kirche , welche also hoch belegen ist , daß man nach den anderen Seiten über Marschen und Heide , nach Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen kann . Es mußte eben Fluth sein ; denn die Watten waren überströmet , und das Meer stund wie ein lichtes Silber . Da ich anmerkete , wie oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen , wies der Küster auf die Wasserfläche , so dazwischen liegt . » Dort « , sagte er , » hat einst meiner Eltern Haus gestanden ; aber anno 34 bei der großen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern ; auf der einen Hälfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen , auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus . « Ich dachte : › So stehet die Kirche wohl am rechten Ort auch ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget . ‹ Der Knabe , welchen letzterer auf den Arm genommen hatte , hielt dessen Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die zarte Wange an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes , als finde er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit , die dort vor unseren Augen ausgebreitet lag . Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren , betrachtete ich mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter , der wohl eines guten Pinsels werth gewesen wäre ; jedennoch war es alles eben Pfennigmalerei , und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier in gar sondere Gesellschaft kommen . Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte , sprach die harte Stimme des Pastors neben mir : » Es ist nicht meines Sinnes , daß der Schein des Staubes dauere , wenn der Odem Gottes ihn verlassen ; aber ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen ; nur , Meister , machet es kurz ; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit . « Nachdem ich dem finsteren Manne , an dessen Antlitz ich gleichwohl für meine Kunst Gefallen fand , meine beste Bemühung zugesaget , fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach , so von meinem Bruder mir war gerühmet worden . Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht . » Da kommet Ihr zu spät « , sagte er , » es ging in Trümmer , da ich ' s aus der Kirche schaffen ließ . « Ich sah ihn fast erschrocken an . » Und wolltet Ihr des Heilands Mutter nicht in Euerer Kirche dulden ? « » Die Züge von des Heilands Mutter « , entgegnete er , » sind nicht überliefert worden . « – » Aber wollet Ihr ' s der Kunst mißgönnen , sie in frommem Sinn zu suchen ? « Er blickte eine Weile finster auf mich herab ; denn , obschon ich zu den Kleinen nicht zu zählen , so überragte er mich doch um eines halben Kopfes Höhe ; – dann sprach er heftig : » Hat nicht der König die holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen ; nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht zu trotzen ? Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen lassen ? Betet und wachet ! Denn auch hier geht Satan noch von Haus zu Haus ! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der Sinnenlust und des Papismus ; die Kunst hat allzeit mit der Welt gebuhlt ! « Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen , aber seine Hand lag liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben , der sich an seine Knie schmiegte . Ich vergaß darob , des Pastors Worte zu erwidern ; mahnete aber danach , daß wir in die Küsterei zurückgingen , wo ich alsdann meine edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub . Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide nach dem Dorfe , wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend antraf . Geredet wurde wenig zwischen uns ; aber das Bild nahm desto rascheren Fortgang . Gemeiniglich saß der Küster neben uns und schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz , dergleichen als eine Hauskunst hier über all betrieben wird ; auch habe ich das Kästlein , woran er derzeit arbeitete , von ihm erstanden und darin vor Jahren die ersten Blätter dieser Niederschrift hinterleget , alswie denn auch mit Gottes Willen diese letzten darin sollen beschlossen sein . – In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige auch nicht ; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei ; er stand an seinen Knien , oder er spielte mit Kieselsteinchen in der Ecke des Zimmers . Da ich selbigen einmal fragte , wie er heiße , antwortete er : » Johannes ! « – » Johannes ? « entgegnete ich , » so heiße ich ja auch ! « – Er sah mich groß an , sagte aber weiter nichts . Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele ? – Einmal gar überraschete mich ein finsterer Blick des Pastors , da ich den Pinsel müßig auf der Leinewand ruhen ließ . Es war etwas in dieses Kindes Antlitz , das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte ; aber es war kein froher Zug . So , dachte ich , sieht ein Kind , das unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen . Ich hätte oft die Arme nach ihm breiten mögen ; aber ich scheuete mich vor dem harten Manne , der es gleich einem Kleinod zu behüten schien . Wohl dachte ich oft : › Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter sein ? ‹ – Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau befraget ; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben : » Die kennt man nicht ; in die Bauernhäuser kommt sie kaum , wenn Kindelbier und Hochzeit ist . « – Der Pastor selbst sprach nicht von ihr . Aus dem Garten der Küsterei , welcher in eine dichte Gruppe von Fliederbüschen ausläuft , sahe ich sie einmal langsam über die Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen ; aber sie hatte mir den Rücken zugewendet , so daß ich nur ihre schlanke , jugendliche Gestalt gewahren konnte , und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen , in der Art , wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden und die der Wind von ihren Schläfen wehte . Das Bild ihres finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele , und mir schien , es passe dieses Paar nicht wohl zusammen . – – An den Tagen , wo ich nicht da draußen war , hatte ich auch die Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen , so daß nach einiger Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren . So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem Bruder unten in unserem Wohngemache . Auf dem Tisch am Ofen war die Kerze fast herabgebrannt , und die holländische Schlaguhr hatte schon auf Eilf gewarnt ; wir aber saßen am Fenster und hatten der Gegenwart vergessen ; denn wir gedachten der kurzen Zeit , die wir mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten ; auch unseres einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir , das im ersten Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung entgegenharrete . – Wir hatten die Läden nicht vorgeschlagen ; denn es that uns wohl , durch das Dunkel , so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag , in das Sternenlicht des ewigen Himmels hinaufzublicken . Am Ende verstummeten wir beide in uns selber , und wie auf einem dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr , bei der sie allzeit Rast und Unrast fanden . – – Da , gleich einem Stern aus unsichtbaren Höhen , fiel es mir jählings in die Brust : Die Augen des schönen blassen Knaben , es waren ja ihre Augen ! Wo hatte ich meine Sinne denn gehabt ! – – Aber dann , wenn sie es war , wenn ich sie selber schon gesehen ! – Welch schreckbare Gedanken stürmten auf mich ein ! Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter , mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus , von wannen aber itzt ein heller Schein zu uns herüberschwankte . » Sieh nur ! « sagte er . » Wie gut , daß wir das Pflaster mit Sand und Heide ausgestopfet haben ! Die kommen von des Glockengießers Hochzeit ; aber an ihren Stockleuchten sieht man , daß sie gleichwohl hin und wider stolpern . « Mein Bruder hatte recht . Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses ; sie kamen uns so nahe , daß die zwei gemalten Scheiben , so letzlich von meinem Bruder als eines Glasers Meisterstück erstanden waren , in ihren satten Farben wie in Feuer glühten . Als aber dann die Gesellschaft an unserem Hause laut redend in die Krämerstraße einbog , hörete ich einen unter ihnen sagen : » Ei freilich ; das hat der Teufel uns verpurret ! Hatte mich leblang darauf gespitzet , einmal eine richtige Hex so in der Flammen singen zu hören ! « Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter , und draußen die Stadt lag wieder still und dunkel . » O weh ! « sprach mein Bruder ; » den trübet , was mich tröstet . « Da fiel es mir erst wieder bei , daß am nächsten Morgen die Stadt ein grausam Spectacul vor sich habe . Zwar war die junge Person , so wegen einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte verbrannt werden , am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker aufgefunden worden ; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein peinlich Recht geschehen . Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen . Hatte doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel , so unter dem Thurm der Kirche den grünen Bücherschranken hat , mir am Mittage , da ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten , aufs heftigste geklaget , daß nun das Lied , so sie im voraus darüber habe anfertigen und drucken lassen , nur kaum , noch passen werde wie die Faust aufs Auge . Ich aber , und mit mir mein viellieber Bruder , hatte so meine eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich , daß unser Herrgott denn der war es doch wohl gewesen – das arme junge Mensch so gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte . Mein Bruder , welcher weichen Herzens war , begann gleichwohl der Pflichten seines Amts sich zu beklagen ; denn er hatte drüben von der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen , sobald der Racker den todten Leichnam davor aufgefahren , und hernach auch der Justification selber zu assistiren . » Es schneidet mir schon itzund in das Herz « , sagte er , » das greuelhafte Gejohle , wenn sie mit dem Karren die Straße herabkommen ; denn die Schulen werden ihre Buben und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen . – An deiner Statt « , fügete er bei , » der du ein freier Vogel bist , würde ich aufs Dorf hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter malen ! « Nun war zwar festgesetzet worden , daß ich am nächstfolgenden Tage erst wieder hinauskäme ; aber mein Bruder redete mir zu , unwissend , wie er die Ungeduld in meinem Herzen schürete ; und so geschah es , daß alles sich erfüllen mußte , was ich getreulich in diesen Blättern niederschreiben werde . Am andern Morgen , als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte , war ich schon von meinem Lager aufgesprungen ; und bald schritt ich über den Markt , allwo die Bäcker , vieler Käufer harrend , ihre Brotschragen schon geöffnet hatten ; auch sahe ich , wie an dem Rathhause der Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren , und hatte Einer bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe aufgehangen ; ich aber ging durch den Schwibbogen , so unter dem Rathhause ist , eilends zur Stadt hinaus . Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war , sahe ich drüben bei der Lehmkuhle , wo sie den neuen Galgen hingesetzet , einen mächtigen Holzstoß aufgeschichtet . Ein paar Leute hantirten noch daran herum , und mochten das der Fron und seine Knechte sein , die leichten Brennstoff zwischen die Hölzer thaten ; von der Stadt her aber kamen schon die ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen . – Ich achtete deß nicht weiter , sondern wanderte rüstig fürbaß , und da ich hinter den Bäumen hervortrat , sahe ich mir zur Linken das Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen , der im Osten über die Heide emporstieg . Da mußte ich meine Hände falten : O Herr , mein Gott und Christ , Sei gnädig mit uns allen , Die wir in Sünd gefallen , Der du die Liebe bist ! – – Als ich draußen war , wo die breite Landstraße durch die Heide führte , begegneten mir viele Züge von Bauern ; sie hatten ihre kleinen Jungen und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort . » Wohin strebet ihr denn so eifrig ? « fragte ich den einen Haufen ; » es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt . « Nun , wie ich ' s wohl zum voraus wußte , sie wollten die Hexe , das junge Satansmensch , verbrennen sehen . – » Aber die Hexe ist ja todt ! « » Freilich , das ist ein Verdruß « , meineten sie ; » aber es ist unserer Hebamme , der alten Mutter Siebenzig , ihre Schwestertochter ; da können wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon fürlieb nehmen . « – – – Und immer neue Scharen kamen daher ; und itzund taucheten auch schon Wagen aus dem Morgennebel , die statt mit Kornfrucht heut mit Menschen voll geladen waren . – Da ging ich abseits über die Heide , obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann ; denn mein Gemüth verlangte nach der Einsamkeit ; und ich sahe von fern , wie es den Anschein hatte , das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen . Als ich auf dem Hünenhügel stund , der hier inmitten der Heide liegt , überfiel es mich , als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder etwan nach links hinab an die See gehen , oder nach dem kleinen Dorfe , das dort unten hart am Strande liegt ; aber vor mir in der Luft schwebete etwas wie ein Glück , wie eine rasende Hoffnung , und es schüttelte mein Gebein , und meine Zähne schlugen an einander . › Wenn sie es wirklich war , so letzlich mit meinen eigenen Augen ich erblicket , und wenn dann heute – ‹ Ich fühlte mein Herz gleich einem Hammer an den Rippen ; ich ging weit um durch die Heide ; ich wollte nicht sehen , ob auf der Wagen einem auch der Prediger nach der Stadt fahre . – Aber ich ging dennoch endlich seinem Dorfe zu . Als ich es erreichet hatte , schritt ich eilends nach der Thür des Küsterhauses . Sie war verschlossen . Eine Weile stund ich unschlüssig ; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an . Drinnen blieb alles ruhig ; als ich aber stärker klopfte , kam des Küsters alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause . » Wo ist der Küster ? « fragte ich . – » Der Küster ? Mit dem Priester in die Stadt gefahren . « Ich starrete die Alte an ; mir war , als sei ein Blitz durch mich dahin geschlagen . » Fehlet Euch etwas , Herr Maler ? « frug sie . Ich schüttelte den Kopf und sagte nur : » So ist wohl heute keine Schule , Trienke ? « – » Bewahre ! Die Hexe wird ja verbrannt ! « Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen , holte mein Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters Schlafkammer und richtete , wie gewöhnlich , meine Staffelei in dem leeren Schulzimmer . Ich pinselte etwas an der Gewandung ; aber ich suchte damit nur mich selber zu belügen ; ich hatte keinen Sinn zum Malen ; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen . Die Alte kam hereingelaufen , stöhnte über die arge Zeit und redete über Bauern- und Dorfsachen , die ich nicht verstund ; mich selber drängete es , sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen , ob selbige alt oder jung , und auch , woher sie gekommen sei ; allein ich brachte das Wort nicht über meine Zungen . Dagegen begann die Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im Dorfe und von der Mutter Siebenzig , so mit Vorspuksehen behaftet sei ; erzählete auch , wie selbige zur Nacht , da die Gicht dem alten Weibe keine Ruh gelassen , drei Leichlaken über des Pastors Hausdach habe fliegen sehen : es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus , und Hoffart komme vor dem Falle ; denn sei die Frau Pastorin bei aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwächliche Kreatur . Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören ; ging daher aus dem Hause und auf dem Wege herum , da wo das Pastorat mit seiner Fronte gegen die Dorfstraße liegt ; wandte auch unter bangem Sehnen meine Augen nach den weißen Fenstern ; konnte aber hinter den blinden Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben , wie sie überall zu sehen sind . – Ich hätte nun wohl umkehren mögen ; aber ich ging dennoch weiter . Als ich auf den Kirchhof kam , trug von der Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr ; ich aber wandte mich und blickte hinab nach Westen , wo wiederum das Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß , und war doch ein tobend Unheil dort gewesen , worin in einer Nacht des Höchsten Hand viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte . Was krümmete denn ich mich so gleich einem Wurme ? – Wir sehen nicht , wie seine Wege führen ! Ich weiß nicht mehr , wohin mich damals meine Füße noch getragen haben ; ich weiß nur , daß ich in einem Kreis gegangen bin ; denn da die Sonne fast zur Mittagshöhe war , langete ich wieder bei der Küsterei an . Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine Staffelei , sondern durch das Hinterpförtlein wieder zum Hause hinaus . Das ärmliche Gärtlein