was alles an den Talern hing , die ich damals auf der Flucht von mir warf und dir an den Hals , weil du mir zufällig zunächst standest ? Das Kind ist nicht daran gestorben , Philipp ! Ihr hättet ein schönes Leben auf die Erbschaft meiner Vorväter gebaut , wenn die Schöne , die Gute dir nicht doch hätte sterben müssen ; und dann – – wer hier unter uns hat wohl ein besseres Los gezogen als sie ? « Die Frage erforderte eine Antwort , und jeder gab sie auf seine Weise , doch laut bejahete oder verneinte niemand . Der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ drückte zum hundertsten Male dem Obersten Agonista die Hand , und dieser schüttelte sie ihm wiederum herzhaft und rief : » Was kann es alles helfen – jeder erlebt sein Leben , und wer noch mit dem nötigen Humor davon zu erzählen weiß , der ziert jegliche Tafelrunde , und selbst die Weisesten , Ehrwürdigsten und Ehrbarsten können ihn ruhig ausreden lassen . Jetzo will ich einmal eine weise Bemerkung machen , nämlich daß der größte Verdruß der Menschen im einzelnen daraus entspringt , weil sie die Welt im ganzen für zu still halten . Meine Herrschaften , die Welt ist nicht still , und man muß den Wirrwarr nur recht kennenlernen , um das , was einem vom ersten Seufzer bis zum letzten passiert , nach dem richtigen Maße zu schätzen . Hol ' der Teufel die Narren , denen ihre vier Wände auf den Kopf zu fallen scheinen : steigt aufs Dach jedesmal , wenn ' s euch zu angst wird und überzeugt euch , daß das Firmament fürs erste noch nicht die Absicht hat , zusammenzubrechen . Also , ich stand ohne einen Heller in der Tasche auf dem Kai zu Neuorleans , so ungefähr in der Stimmung eines Menschen , der aus einem schweren Rausch erwacht , übernächtig sich die Stirn reibt und doch den kühlen Morgenwind mit Wohlbehagen auf seinen Schläfen fühlt . Was aus mir werden mochte , war mir ganz gleichgültig . Ich war zu allem bereit , zum Leben wie zum Sterben , und verkaufte , da ich Hunger hatte , um wenigstens das allernächste Behagen noch einmal festzuhalten , mein Halstuch und mein Taschentuch an einen wandernden Trödler . Traktierte darauf meinen ersten guten Bekannten auf amerikanischem Boden , den einarmigen Mulatten Aaron Toothache , und zwar in einem Lokale , in dem Volk zusammensaß , von welchem man hier am Tische kaum einen Begriff haben kann . Hier lernte ich einen Haufen Gesindel von vorbenanntem Fregattschiff der Republik Chile , dem braven › Juan Fernandez ‹ , kennen , und wir gefielen uns gegenseitig . Wie die Bekanntschaft endlich im Schiffsraume des › weißen Satans ‹ auslief , habe ich euch bereits mitgeteilt . « Sie waren ihm während der letzten Minuten alle auf den Leib gerückt . Sie schienen nach seinen letzten Äußerungen ihre geheime Scheu und Abneigung gegen ihn gänzlich überwunden zu haben ! Sie waren ihm so dicht an die Ellenbogen gerückt , daß ihm die Luft auszugehen schien . Blasend machte er eine Armbewegung , um sie wieder ein wenig von sich zurückzudrängen , und wir – wir machen es vollständig umgekehrt , als die aufs äußerste gespannten Lauscher in der Hinterstube der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ : wir rücken ab vom kaiserlich brasilianischen Gendarmerieoberst Dom Agostin Agonista . Was dieser wunderliche Erzähler jetzt zu erzählen hatte , war freilich bunt genug und voll Feuerwerk und Geprassel zu Wasser und zu Lande ; allein das alles war doch schon von anderen hunderttausendmal erlebt und mündlich oder schriftlich , ja sogar dann und wann durch den Druck mitgeteilt worden . Wir lassen ihn , den Oberst Agonista , so ungefähr um ein Uhr morgens noch einmal mit der flachen Hand über den Tisch streichen und seine jetzige Lebens- und Weltanschauungsweise in ein kurzes Wort zusammenfassen . » Also im zweiten Jahre meiner Abfahrt von Hamburg stand ich als Gefreiter in dem Peloton , das als Exekutionskommando in den Festungsgraben befehligt worden war . Der Leutnant hob den Degen , und – wir gaben Feuer : ich ohne Umstände wie die anderen . Von dem Augenblicke an war ich von meiner europäischen Lebensbürde vollständig frei . Ich machte mir aus dem Tage , der gestern war , und dem , der vielleicht morgen sein konnte , nicht das geringste mehr ; – juchhe , wie der Dichter stellte ich meine Sache auf nichts ! So bin ich immer bei mir , und zwar bei mir allein gewesen : auf dem Marsche wie in der Wachtstube , am Feuer in der Indianerhütte wie in den Salons der Präsidialstädte . Ja , meine Herrschaften , habe ich da drüben manchen Präsidenten in mancher Republik kommen und gehen sehen , habe selber geholfen , den Exzellenzen Stühle zuzurücken oder sie ihnen unterm Sitze wegzuziehen , wie ' s sich gerade schickte . Venezuela machte mich zum Luogotenente , Paraguay zum Major ; aber Seine Majestät Dom Pedro von Brasilien war am gnädigsten gegen mich , und so fand ich denn auch am meisten Gefallen an ihm . Wir beide haben jetzt manch liebes Jahr das vielfarbige Gesindel in Rio de Janeiro zur Ordnung und Tugend angehalten ; er durch regelrecht richtige konstitutionelle Güte , ich durch flache Säbelhiebe und im Notfall durch einen kurzen Galopp , drei Schwadronen hintereinander , rund über das Pack weg . Meine Herren und Sie , liebes Fräulein , Sie werden sicherlich noch einmal erschrecken und mich von der Seite ansehen ; aber es ist nicht anders , und bei der Wahrheit soll der Mensch bleiben : wenn ich das Köpfen aufgegeben habe , so habe ich mich desto energischer auf das Hängen gelegt und gefunden , daß es eine viel reinlichere Arbeit ist und seinen Zweck ebensogut erfüllt . Was aber das Gehängtwerden anbetrifft , so habe ich selber die Schlinge mehr als einmal um den Hals gefühlt , gottlob ihn aber stets noch glücklich herausgezogen . Ei ja , ich komme jetzt ganz gut mit jedermann aus – bin hoffähig und reite bei feierlichen Aufzügen am Kutschenschlage Ihrer kaiserlichen Majestäten . Komme ich nach Rio heim , so werde ich mich verheiraten ; denn für ein ferneres junggesellenhaftes Umherschweifen wird ' s allmählich ein wenig spät . Doch davon morgen , und nun vor allen Dingen das letzte Glas von diesem höchst vortrefflichen Getränk und dazu ein Rat , Wunsch und Trinkspruch : Verehrte Freunde , da wir einmal da sind , so leben wir , wie es eben gehen will ; und da das , was uns endlich aus dem Dasein hinausschiebt , immer am Werk ist , so schieben wir ohne Skrupel gleichfalls ; – vor allen Dingen aber lebe er hoch – mein Freund , mein lieber , alter , guter Freund Philipp Kristeller und mit ihm wachse , blühe und gedeihe fort und fort seine Apotheke › Zum wilden Mann ‹ ! « Das riefen sie alle nach und klangen die Gläser aneinander , und dabei erhoben sie sich und standen verwirrt , schwankend ob all des Abenteuerlichen , das der Abend enthüllt und gebracht hatte . Wie die Gäste Abschied von dem Hausherrn , seiner Schwester und dem Oberst Agostin Agonista nahmen , wußten sie selbst nachher kaum anzugeben . Der Oberst aber sagte : » Philipp , einen Schlafrock und ein Paar Pantoffel bitte ich mir aus . Ich will es doch wenigstens einmal noch behaglich im deutschen Vaterlande haben . « Die beiden Freunde vom Blutstuhl umarmten sich noch einmal ; wir aber begleiten den Förster Ulebeule und den Pastor ein Endchen auf ihrem Weg nach ihren Wohnungen . Zehntes Kapitel Daß sie , der Förster , der Pastor und der Landphysikus Dr. Hanff , ihren freundlichen Wirten gute Nacht oder vielleicht guten Morgen gesagt hatten , stand fest . Der Apotheker hatte sie mit dem Lichte an die Tür begleitet , und sie standen auf der Landstraße , wo der Doktor seinen Einspänner bereits wartend fand . Sie vernahmen noch , wie der Hausherr drinnen den Schlüssel im Schloß umdrehte , und niemand hinderte sie jetzt mehr , ihren Stimmungen , Gefühlen und Ansichten die Türen weit aufzuwerfen . Der erste , der das Wort ergriff , war natürlich der Doktor , und er rief von seinem Wagentritt aus : » Nicht wahr , da hab ' ich euch wieder mal einen tollen Gesellen ins Dorf geschleift ? He , ihr hattet wohl kaum eine Ahnung davon , daß es dergleichen auf Erden geben könne – was ? Mir gefällt der Kerl ausnehmend wohl , und ich freue mich unbändig auf eine fernere und genauere Bekanntschaft – zu Worte wird er einen im Laufe der Zeit ja auch wohl einmal kommen lassen . Wir laden ihn natürlich rund herum der Reihe nach zum Essen ein . « » Natürlich , und er soll sich dann auch über uns wundern « , rief Ulebeule , und der Doktor fuhr ab auf der Landstraße zur Rechten ; er hatte ein gut Stück Weges zu fahren , ehe er seine Behausung erreichte . Die beiden anderen wendeten sich links , und der geistliche Herr trug vorsichtig seine Taschenlaterne voran . Wo ihre Wege aber schieden , standen sie noch einmal still und sahen nach der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ zurück . Das Haus lag dunkel da unter dem wieder dunkel und schnell ziehenden Gewölk . Obgleich der Wind sich ein wenig gelegt hatte und die Sterne sichtbar waren , trieb sich noch genug bedrohliches Gedünst am Himmelsgewölbe um , und die Pappeln in der Nähe der Apotheke schwankten wie betrunkene Gespenster . » Mir wird jenes Haus dort nie wieder so aussehen , wie ich es bis zum heutigen Abend gekannt habe « , sagte der Pastor . » Was sagen Sie , lieber Freund ? « » Das weiß der Teufel ! « Der geistliche Herr zog ein wenig die Achseln zusammen . » Sie sollten dieses böse Wort vorsichtiger gebrauchen , Bester « , meinte er . » Freilich , freilich , nach dem , was wir eben vernommen haben – wer kann da sagen – wer da seine Hand im Spiele gehabt hat ? Ich lobe mir Zustände , die auf besseren Grund und Boden gebaut sind als – – kurz , was halten Sie vom heutigen Abend an von den Umständen unseres Freundes Kristeller ? « » Der Alte ist mir lieber denn je geworden ! « rief der Förster voll Enthusiasmus . » Das nenn ' ich einen braven Mann und einen guten Menschen ! Wenn einer es verdiente , diesem famosen Scharfrichter und brasilianischen Generalfeldmarschall zur richtigen Stunde auf seinem Wege zu begegnen , so war ' s unser Philipp . Die Welt oder nur ein Stück davon würde er freilich nicht erobert haben , aber was man ihm gibt , das nimmt er mit Bescheidenheit und Dankbarkeit , und für unsere Gegend ist er doch wirklich diese dreißig Jahre durch ein Segen gewesen . « » Und der andere – dieser andere – dieser Dom – Dom – Agonista ? ! « » Hören Sie , Pastore , den muß man sich erst bei Tage besehen , ehe man ein Urteil über ihn abgeben kann ; bei Lampenlicht geht nichts in der ganzen weiten Welt über ihn ! das ist ein Prachtkerl ; – wahrhaftig , solch ein Gesell aus Schmiedeeisen und Eichenholz rückt einem nicht alle Tage an den Ellenbogen . Was wollen Sie – ich glaube , ich glaube , mich hat lange nichts so geärgert , als daß er mir nicht auf der Stelle angetragen hat , Brüderschaft mit ihm zu machen . « » Da bin ich denn doch in der Tat ein wenig weichlicher als Sie , lieber Ulebeule « , sagte der Pastor mit einem leisen Schauder . » Mir ist dieser plötzlich wie aus dem Boden aufgestiegene Mensch entsetzlich ! Die Kaltblütigkeit , mit welcher er aus nichts in seinem Leben ein Hehl machte , griff mir in alle Nerven . Wenn ich zuviel Punsch getrunken haben sollte , so bin ich nicht schuld daran , sondern dieser – dieser – dieser ungewöhnliche Erzähler . Wehren Sie sich einmal gegen ein fortwährendes Einschenken , wenn es Sie fortwährend heiß und kalt überläuft ! Hatten Sie wirklich vorher eine Ahnung davon , daß es solche Lebenswege und Fata in unseres Herrgotts Welt geben könne ? « » In Büchern habe ich Schnurrioseres gelesen ; aber hier hatten wir freilich einmal das Wirkliche und Wahrhaftige in natura . Heiß und kalt hat mich seine Historie nicht gemacht , aber die Pfeife ist mir ziemlich oft darüber ausgegangen . Käme einem jeden Abend ein solcher Kerl über den Hals , so würde einem das Schmauchen auf die allernatürlichste Art abgewöhnt . Außerdem daß ich einen brasilianischen Obersten noch niemals mit eigenen Augen gesehen hatte , erzählte dieser Oberst mehr als brasilianisch gut , und noch dazu ganz und gar nicht aus dem Jägerlateinischen . Das muß ich kennen und hätte es ihm beim ersten Flunkerwort abgespürt und es ihm merken lassen , nämlich moralisch mit dem Hirschfänger übers Gesäß : Hoho , das ist für den gnädigsten Fürsten und Herrn ! Hoho , das ist für die Ritter und Knecht ' ! Dies ist das edle Jägerrecht ! « » Ulebeule ? ! « rief der Pastor klagend-vorwurfsvoll . » Ja , ja , es ist wahr , ' s ist spät , und es zieht hier arg « , rief der Förster , » aber die Mohrenschiffgeschichte allein hätte doch auf jedem Orgelbilde abgemalt werden können ; – bei allem in Grün , man kommt sich ganz abgeschmackt und verrucht verledert und in seinem Loche versumpft vor , wenn man es sich überlegt , was man seinerseits hier am Orte vor sich brachte an Erfahrung , während der sein Gewölle um so viele Nester herum ablegte . « » Ich danke dem Himmel dafür , daß er mich hier im Frieden grau werden ließ . Meine Natur hätte nicht für ein solches Dasein gepaßt . « » Das brauchen Sie mir nicht schriftlich zu geben « , lachte der Förster ; » aber hat uns nicht gerade dieses kuriose , ins Kraut geschossene Menschenkind bewiesen , daß niemand weiß , was in ihm steckt und was er unter Umständen aus sich herausziehen kann ? O je , wie oft hab ' ich in meinen jungen Jahren aus Angst oder Verdruß in die weite Welt hinauslaufen wollen ! Nach einem solchen Erzählungsabend begreift man weniger als je , weshalb man es damals nicht ausführte und seinen Schulmeistern , Eltern und sonstigen Vorgesetzten durch die Lappen ging . « » Wir werden alle unsere Wege richtig geführt und sind in guten Händen « , sprach der geistliche Hirte und trat leider gerade in diesem ganz unpassenden Moment in eine etwas tiefere Pfütze , in der er ohne Gnade hätte umkommen müssen , wenn sein handfester Begleiter nicht noch gerade zu rechter Zeit zugegriffen hätte . » Bitte ein andermal um denselben Dienst « , sprach Ulebeule gravitätisch ; sonst aber brachte dieser Zufall ihr jetziges Gespräch über das Haus Kristeller und den kaiserlich brasilianischen Gendarmerieobersten Dom Agostin Agonista zu einem Abschluß . Einiges wurde jedoch noch gesprochen , ehe der Pastor geradeaus seiner Pfarre zuwanderte und der Förster sich links in den dunkeln Hohlweg schlug , der zu seiner Försterei führte . » Wir sehen uns doch morgen ? Dieses alles kann doch gewiß nicht passiert sein , ohne daß man ein weniges mehr davon sieht und hört und sich darüber ausspricht ! « » Man fühlt freilich das Bedürfnis « , meinte der Pastor , » und ich meine , wir treffen wohl irgendwo zusammen . Man ist es auch unserm guten Apotheker schuldig , daß man sich nach seinem Befinden erkundige . « » Und dem Oberst nicht weniger . « » Gewiß , gewiß . Nun , wir werden ja sehen . Und nun gute Nacht oder vielmehr guten Morgen , mein teurer Freund . Wir sind selten so lange beieinander geblieben als am heutigen Abend . « » Und immer war ' s noch zu früh zum Aufbruch , und ich wäre sofort bereit , diesen wilden Indianer mit der ersten Dämmerung tauschlägig zu spüren . Aber der Kerl schnarcht – ich bin fest überzeugt , er liegt im Bau und schnarcht wie kein zweiter Mensch mit gutem Gewissen auf zwanzig Meilen in der Runde . Sapperlot , sowie ich mich aufs Ohr gelegt habe , fange ich an , vom Blutstuhl und diesem brasilianischen Landdragoner-General zu träumen , und – morgen – morgen – mache ich – doch Brüderschaft mit ihm ! « – – So sprach also die Welt ! – Wenn eine Million Zuhörer in dem bildervollen Hinterstübchen der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ dem alten Philipp Kristeller und dem Obersten Agostin Agonista zugehört haben würde , so würde diese Million denkender und redender Wesen kaum ein mehreres und anderes als der Pastor Schönlank und der Förster Ulebeule bemerkt haben . Der Seelenaustausch in diesen Wendungen genügte übrigens auch vollkommen : wenden wir uns zu dem greisen Geschwisterpaar in der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ und zu seinem eigentümlichen Gaste zurück . Elftes Kapitel Bruder und Schwester saßen allein im jetzt recht frostig werdenden Hinterstübchen , im erkaltenden Qualm von spirituösem Getränk und Tabaksdampf . Der Gast war zu Bett gegangen . Der Hausherr hatte den Freund mit dem Lichte in das behagliche Gemach die Treppe hinaufbegleitet und noch einmal all sein überquellendes Gefühl in Wort und Empfindungslaut zusammenzufassen gesucht . Der Oberst hatte ihn freundlich zu beruhigen gestrebt und dann , noch in Gegenwart seines guten Philipps , sehr gegähnt und den Rock ausgezogen . Liebevoll aber hatte er ihn doch noch einmal von dem ersten Treppenabsatz zurückgerufen und , ihm die Hand auf die Schulter legend , gesagt : » Philipp , alter Kerl , lieber Junge , es ist mir in der Tat ein herzliches Genügen , unter deinem Dache zu ruhen . Wahrhaftig , in mancher unbehaglichen , unbequemen Stunde zu Lande und zu Wasser habe ich mir da , das heißt unter diesem Dache , oft das vorzüglichste Quartier zurechtgemacht , und jetzt hab ' ich die Wirklichkeit , und sie ist wunderbar wohltuend ! « An diesen erfreulichen Ausbruch seiner Gefühle hatte er denn freilich recht praktisch die Frage nach dem Stiefelknecht geknüpft . Während der Bruder dem Gaste zu seinem Schlafzimmer leuchtete , war Fräulein Dorette in der Bildergalerie sitzengeblieben , doch hatte sie den Ehrensessel aufgegeben und sich auf ihrem gewohnten Stuhle niedergesetzt . Da saß sie , beide Ellenbogen auf den Tisch stützend und starr durch den Qualm , den die Herren hinterlassen hatten , und über die leere Punschschale und die gleichfalls leeren Gläser weg auf die buntbehängte Wand gegenüber sehend . Da saß sie und horchte auf die Schritte über ihrem Kopfe und dann auf die Schritte des zurückkehrenden Bruders auf der Treppe . » Welch ein Erlebnis ! « murmelte sie . » Wie fällt das jetzt in unsere Tage ? – So spät im Leben ! – Und was werden die Folgen sein ? – Oh , oh , oh ! « Nun aber trat der Bruder wieder ein und zur Schwester heran . Nun legte er seinerseits ihr die Hand auf die Schulter : » Weißt du dich auch noch nicht in dem Glück , das uns dieser Abend gebracht hat , zurechtzufinden ? O Dorette , liebe Dorette , wie schön hat sich nun alles ineinander gefunden und geschlossen – und gerade an diesem Tage , an diesem Abend . Wer glaubt da an Zufall ? Wer hat jemals deutlicher als wir die Hand der Vorsehung , die alles gut macht , in seinem Lebenslose erblickt ? « » Oh ! « stöhnte die Schwester . » Ach , Bruder , Bruder , was wird nun aus unserm Leben werden ? – Oh , wenn er doch nur früher gekommen wäre ! Aber so spät am Abend – so spät am Abend – was sollen wir anfangen ? « Herr Philipp Kristeller hatte sich auf seinem Stuhl niedergelassen und blickte die Schwester groß und verwundert an . » Was – wie meinst du das , Dorothea ? « » Jetzt frage mich nur nicht weiter « , sagte das alte Fräulein scharf . » Es wird sich ja alles finden – morgen , übermorgen ! Ja , morgen ist ja auch ein Tag ! – Aber man kann es ja nicht lassen . – Bester Bruder , wenn er nun bliebe ? Wenn er sich bei uns niederlassen wollte ? Man muß sich ja da alle möglichen Fragen stellen . « » Wenn er bliebe ? Wenn er sich bei uns niederlassen wollte ? Aber das wäre ja herrlich ! « rief der Apotheker , entzückt sich die Hände reibend . » Wie weich und angenehm wollten wir ihm sein Leben machen ! « Verwundert sah er hin , als das Fräulein zweifelnd und melancholisch den Kopf schüttelte . » Du glaubst nicht , daß wir das vermöchten , Dorothea ? « » Nein erwiderte das Fräulein kurz und sprach unter einem schweren Seufzer mehr zu sich als dem Bruder : » Und dann der andere Fall – wenn er morgen wieder abreisen will , und dazu – « Sie brach ab und vollendete den Satz auch nicht , als der Bruder gespannt eifrig fragte : » Und dazu ? – Was meinst du ? Was willst du sagen ? « » Wir müssen es eben abwarten « , sprach Fräulein Dorothea Kristeller aufstehend . » Etwas anderes läßt sich in dieser Nacht doch nicht bereden ; und jetzt wollen auch wir zu Bett gehen und versuchen zu schlafen . « Nach diesem saßen sie doch noch , aber stumm , eine gute halbe Stunde beieinander . Als sie zu Bette gegangen waren , schlief weder Bruder noch Schwester einen ruhigen Schlaf . Den ruhigsten Schlaf von allen , deren Bekanntschaft wir diesmal machten , schlief der brasilianische Oberst Dom Agostin Agonista . Der lag friedlich auf dem Rücken und lächelte im Schlummer und sogar beim Schnarchen . Man vernahm ihn so ziemlich durchs ganze Haus , und wenn er träumte , so träumte er , ganz gegen alle soldatische Sitte und Gewohnheit , weit in den jungen Tag hinein . Dieser junge Tag kam frisch , reingewaschen , glänzend und sonnig – ein klarster , kalter Oktobertag . Die Berge in ihrem braunen Herbstgewande hoben sich scharf von dem hellblauen Himmelsgewölbe ab ; die leeren Felder der Ebene lagen bis in die weiteste Ferne klar da ; und die Dörfer , die einzelnen Gehöfte , Anbauerhäuser und Hütten erschienen dem Auge scharf umzogen , als ob sie dem Spiegel einer Camera obscura entnommen worden und in die Morgenlandschaft hinein aufgestellt seien . In dieser sonnigklaren Herbstmorgenlandschaft erschien aber die Apotheke › Zum wilden Mann ‹ vor allem übrigen wie hübsch auf- und abgeputzt . Die Firma über der Tür glänzte in ihrer Goldschrift weithin , die Landstraße nach rechts und links entlang . Und alles , was sonst zu dem Hause gehörte : Gartengitter , Stallungen und Mauern , befand sich im ordentlichsten Zustande . Man sah , daß um jegliches Zubehör dieses Heimwesens ein sorglicher Geist walte , der seine Freude und sein Genügen dran habe und sein möglichstes von Tag zu Tag tue , alles im Hof , Haus und Garten im guten Stande zu erhalten . Bis auf die vom Sturme der Nacht zerzausten Sonnenblumen , die noch in ihren welken Resten über den Gartenzaun hingen , war alles rings um die Apotheke › Zum wilden Mann ‹ im vollsten Sinne des schönen Wortes – präsentabel . Und Bruder und Schwester warteten mit dem Kaffee auf den Gast . Eben hatte er heruntersagen lassen : augenblicklich rasiere er sich und werde in zehn Minuten erscheinen . Die Dünste der Nacht waren verscheucht , das Hinterstübchen gekehrt und mit weißem Sande bestreut . Die Hauskatze putzte sich unter dem Tische , und der Zeisig zwitscherte lebendig in seinem Bauer – es war ein Vergnügen , Herrn und Fräulein Kristeller an ihrem Kaffeetische sitzen zu sehen und – eingeladen zu werden , gleichfalls daran Platz zu nehmen . Der Oberst ließ nur wenig über die angegebenen zehn Minuten auf sich warten . Schon vernahm man seinen martialisch schweren Schritt auf der Treppe – der Apotheker Philipp Kristeller riß die Tür seines Lieblingsgemaches auf . » Schönen guten Morgen ! « rief der Oberst Dom Agostin Agonista auf der Schwelle , und Wirte und Gast faßten sich rasch zum erstenmal bei hellem Tageslicht ins Auge : am schärfsten sah das Fräulein zu ; etwas weniger scharf sah sich der brasilianische Kriegsmann seine Leute an – der Apotheker , Zum wilden Mann » sah gar nichts , sein Gast und Freund schwamm ihm vor den Augen – wenigstens die ersten Minuten durch . » Recht alt geworden « , meinte der Oberst bei sich , und er hatte recht . » Unter anderen Verhältnissen würde ich gar nichts gegen ihn haben « , sagte das Fräulein in der Tiefe der Seele , » ein anständiger , behäbiger Herr ! « Der Apotheker Philipp Kristeller sagte gar nichts ; er schüttelte von neuem dem alten wiedergefundenen Freunde – dem Wohltäter und Gaste die Hand und drückte ihn diesmal trotz alles Widerstrebens auf den Ehrenplatz nieder . Erst als der Oberst saß , sagte Herr Philipp etwas , und zwar nicht bei sich und in der Tiefe seiner Seele , sondern er rief es fröhlich und laut : » August , ich freue mich unendlich – du bist merkwürdig jung geblieben ! « » Bei allen Göttern zu Wasser und zu Lande , ich hoffe das « , lachte der Oberst Dom Agostin , und es war eine Wahrheit : trotz seiner schneeweißen Haare und seiner wohlgezählten Jahre war er sehr jung geblieben ; aber das jüngste an ihm war doch seine Stimme . Diese allein schon konnte als eine Merkwürdigkeit gelten . Mit einem behaglichen Widerhall erfüllte sie das Haus , ging einmal voll und rund durch die Ohren ins Herz und paßte sich gemütlich , ja sozusagen tröstlich-fröhlich allem und jeglichem an , was die Stunde im Guten und im Bösen bringen mochte . Wer sie von fern vernahm und vorzüglich in Verbindung mit dem herzlichen Lachen ihres Besitzers , der sagte sich unbedingt : » Da freut sich ein braver Gesell seines Daseins . « Der Oberst schüttelte nun noch einmal dem Fräulein die Hand und sprach zum Apotheker : » Ich habe euch heute morgen das Recht gegeben , mich für einen Langschläfer zu halten , aber ihr werdet wahrscheinlich morgen früh schon eines Besseren belehrt werden . Gewöhnlich pflege ich drei Stunden vor Sonnenaufgang auf dem Marsche zu sein . Man lernt das , auch ohne Anlagen dazu zu haben , unterm Äquator ; und wenn ihr eines Morgens das Nest ganz leer finden solltet , so braucht ihr euch nicht allzu sehr zu wundern . « » Oh , Freund « , rief der Apotheker , » wir werden dich zu halten wissen ! wir werden dich sicherlich fürs erste nicht loslassen ! Du bist unser ! Du darfst nicht gehen , wie du gekommen bist – du würdest für lange Zeit alle unsere Freude , unser Behagen mit dir wegführen ! « » Hm « , sagte der Oberst , und dann frühstückten sie gemächlich und der alte Soldat mit besonders ausgezeichnetem Appetit . Er zeigte auch beneidenswert wohlkonservierte Zähne und wußte sie trefflich zu gebrauchen . Nach vollendetem Frühstück lehnte er sich behaglich seufzend zurück und setzte seine Pfeife in Brand . Dorette ging ihren Hausgeschäften nach , und die beiden Herren waren allein . Sie plauderten jetzt – sie konnten jetzt plaudern – , der Ernst in ihren gegenseitigen Verknüpfungen war wenigstens für den Moment überwunden ; sie hatten die nötige Ruhe zum harmlosen Schwatzen gefunden , und sie schwatzten miteinander – zwei gemütliche ältliche Herren , deren einer etwas mehr von der Welt gesehen und sich bedeutend besser erhalten hatte , als es dem anderen vergönnt gewesen war . Der Brasilianer freute sich über die deutschen Stubenfliegen , welche ihm um die Nase summten ; es war ihm auch durchaus nicht zu verdenken ; aber die Tatsache verdient , in einem eigenen Kapitel behandelt zu werden . Zwölftes Kapitel » Ihr glücklichen Leute wißt gar nicht , um wie vieles unsereiner euch zu beneiden hat « , sprach der Oberst . » Da sitzt ihr in eurer täglichen Behaglichkeit , und wenn ihr euch nicht dann und wann wirklich über die Fliege an der Wand zu ärgern hättet , so ginge es euch ziemlich gut . Nun guck ' einer , wie niedlich sich das Ding da auf der Zuckerdose die Nase wischt und die Flügel putzt ! Sollte man es nun für möglich halten , daß der Gutmütigste von euch hierzulande vor Wut außer sich gerät , wenn das ihm während des Mittagsschlafes über die Stirn spaziert ? So ein Biwak am Rio Grande ohne Moskitonetz , das würde etwas für euch sein , um euch Geduld in Anfechtungen zu lehren ! « Der Apotheker lächelte und sagte : » Unsere Anfechtungen haben wir auch wohl ohne das , lieber August . « » Lieber Agostin ! wenn ich dich bitten darf « , rief der Gast . » Du hast keine Ahnung davon , wie verhaßt mir dieser frühere August ist . Wenn jemand seinen alten Adam so vollständig wie ich im Graben ablegt , dann hält er auch etwas auf seinen neuen Rock . Mein jetziger paßt mir wie angegossen ,