den Zuckerpflaumen fragte , als dann die Frau Bebenroth loszeterte und in der Stube herumfuhr , und sie – die arme Eilike – von ihrem Mittagsessen Bescheid zu geben hatte , da schämte sie sich vor der fremden Dame wie noch nie in ihrem Leben vor einem Menschen . Und weil sie sich so sehr schämte – grade weil sie sich so sehr schämte , zeigte sie den Bauerngroschen in ihrer magern Hand und erzählte der schönen , schwarzen fremden Dame ( nicht dem Paten Justizrat ! ) , daß der Vater sie abgebildet habe – nackt abgebildet habe ; und dann hatte sie sich zusammengenommen , um sich nichts merken zu lassen – sie hatte die Zähne gezeigt und gelacht und hätte es gern gehabt , wenn die fremde Frau laut , ganz laut gerufen hätte : » Oh , sie ist blödsinnig ! « Das war nicht das erste Wort gewesen , welches sie von der Frau Salome vernommen hatte , als sie aufgewacht war , aber der Pate Scholten hatte gesagt , daß die schöne Dame das schlimme Wort in ihrer Seele gesprochen habe . Und da ging ein armer Mensch im Dorfe umher , von dem wußte sie , daß er blödsinnig sei . In der ganzen durch ihre unglücklichen Zustände verschütteten Reinlichkeit , Klarheit und Zierlichkeit des Weibes schauderte sie vor ihrem Dasein ; es blieb ihr nichts übrig , als dumm zu lachen und die Zähne zu zeigen ! Jetzt auf ihrem Bette ihre Haare flechtend und in den Strahl des Mondes , der durch ihr Fenster kam , sehend , wiederholte sie : » Sie ist blödsinnig ! « , und leiser , mit heißerem Atem sagte sie : » Und der Herr Pate sagt auch , mein Vater sei ein Narr ! « Der Mond stieg an der Wand dem Bette gegenüber hinauf und traf den griechischen Frauenkopf ; – schön-ruhig sah das hellenische Gesicht gradaus , und Eilike Querian faltete die Hände auf ihrem rechten Knie und rief , ihre Tränen niederschluckend : » Nein , du bist doch nicht meine Mutter . Meine Mutter ist erst [ 344 ] seit zwölf Jahren tot , du aber bist schon vor tausend Jahren gestorben . Ich bin blödsinnig , und du bist das fremde Bild , das mein Vater im Sinne hat und nicht finden kann , und mein Vater ist ein Narr . Wer kann uns aus unserer Not helfen ? Niemand als der liebe Gott , wenn er uns einen guten Tod schickt . « Es war eine schöne Sommernacht , kein Lüftchen regte sich , der Mond ging an dem wolkenlosen Himmelsgewölbe hin , und die Berge und Wälder lagen im tiefen Frieden . Von der Hitze und dem Frost , von dem Hundstagsfeuer , von dem Knirschen des Schnees und dem Krachen des Eises schien die Natur nichts zu wissen . Es war nur eine linde Kühle . Das Kind schlang seine Zöpfe um die Stirn ; es machte noch immer nicht Miene , sich zu entkleiden . Es hatte nur den einen Schuh vom Fuße fallen lassen , und jetzt zog es auch den wieder an . Es sprang wieder empor von seiner Bettstatt und schwang sich in die Fensterbank ; da saß es still eine Weile . Nun riß es ein Blatt von dem Baumast , den ihm der Wald gleich einem hülfreichen Arm hinzuhalten schien , und drückte dieses kühle , taufeuchte Blatt an die heiße Stirn . Dann kniete es von neuem auf dem Schindeldache , doch es glitt diesmal nicht hinab . Die buschbewachsene Hügelwand , welche die Hütte Querians im Rücken deckte , sperrte jede weitere Aussicht ab . Unten im Hause schnarrte und schnurrte etwas . Ob es eine Feile oder das Rad einer Drehbank war – einerlei ; es bedeutete jedenfalls , daß der närrische Vater sich auch noch wach und zu einem seiner närrischen Werke halte oder vielleicht auch wohl ein Gerät zu einer neuen Arbeit schärfe . Eilike legte den Finger auf den Mund und horchte auf den Ton ; sie hatte Angst , daß sie gerufen werde aus der Werkstatt , und schon stand sie schlank und leicht auf dem Dache . Behende wie eine Katze , geschmeidig wie eine Schlange glitt sie aufwärts bis zum First da stand sie im weißen Lichte und sah tiefatmend sich um . Ein leichter Rauch , manchmal gerötet von der Flamme des Herdes drunten , stieg aus dem Schornstein kerzengrade und verlor sich in dem klaren Äther . Eilike Querian stützte sich mit der einen Hand auf den Rand des Schornsteins , mit der [ 345 ] andern wischte sie die letzte Träne vom Auge und sah in die Ferne . Von drei Seiten her begrenzten über der Talmunde , in welcher die Hütte ihres Vaters lag , die hohen Berge und die dunkeln Wälder die Aussicht ; doch nach der vierten Seite öffnete sich das Tal auf die Hochebene und das weit darüberhin verzettelte Dorf und über die Gassen des Dorfes weg , zwischen den Gärten und Baumwipfeln durch , auf die im lichten Mondnebel flimmernde Norddeutsche Tiefebene . Seltsam und verlockend – verstreute Lichter im blauen Glanz ! – blitzte und funkelte es aus der Ferne . Was Jakob Böhme sah und fühlte und wovon er zu schreiben versuchte , hier war ' s und konzentrierte sich in dem Herzen des unverständigen , verwahrlosten Geschöpfes , der Eilike Querian : das ewige Kontrariurn zwischen Finsternis und Licht – die » Quall « im Universo ! Was vielleicht Peter Schwanewede zu Pilsum am Pilsumer Watt in dieser Mondscheinnacht aus den Büchern des mystischen Philosophen mit ächzenden Hebebäumen und knarrenden Ketten des Geistes aufzuwinden trachtete : hier lag es auf den Lippen des Kindes , unter den Zähnen , die diese Lippen blutig preßten ! Das Auge Eilikes schwebte über den ganzen sichtbaren Ausschnitt der nächtlichen Weltenschöne von der Talwand zur Linken bis zum Hochgebirge auf der Rechten und wieder zurück ; es trennte das Licht von der Nacht . Dann schloß es sich eine Weile , und als es sich wieder öffnete , suchte es zur Rechten am fernen Tannenwalde . Da lief jenseits der grauen Dächer des Dorfes den Berg entlang ein weißer , schimmernder Strich , der um eine Ecke bog und noch weiter weg an einer andern Berglehne wieder auftauchte , um dann bald ganz in dem Walde zu verschwinden . Das war die Straße , auf der die Frau Salome nach ihrem Besuche beim Justizrat Scholten nach Hause geritten war . Aus der Qual des Alls rettete das hülflose Menschenkind , nach seiner Art von Adam an , sich eben auf den nächsten Weg , der aus der Unzulänglichkeit und Verwirrung der irdischen Zustände herauszuführen schien . [ 346 ] » Die Welt ist so weit , so weit « , sagte Eilike Querian , und sie sagte es ganz laut . » Die Wege sind so lang , so lang , und in den Wäldern geht man in die Irre . Es sind auch viel zu Viele Menschen in der Welt – keiner kennt den andern , und wenn einer den andern kennt und fern Von ihm wohnt , weiß er nicht einmal , ob er noch lebt . – Und die einander nahe wohnen , die fürchten einander und tun sich allen möglichen Schabernack und Possen an . Die Leute im Dorfe , was die Bergleute sind und was die Ackerleute sind , und ihre Frauen und Kinder zu Hause quälen sich schlimm mit ihrer Arbeit und sind niemals zufrieden ; aber am schlimmsten quält sich mein Vater , und der ist am wenigsten zufrieden . Der Herr Pate Scholten tut auch nur so , als ob er Vergnügt sei , wenn er hier im Dorfe wohnt und spazierengeht in die Berge und sich einen guten Tag macht . Bei der Witwe Bebenroth möchte ich nicht wohnen ! Oh , der Pate ärgert sich genug und schimpft genug , und sein Französisch hilft ihm auch nicht viel . Er hat mit seinem lustigen französischen Buche nach dem tauben August geworfen , weil er meinte , daß der ihm den Sack voll Ameisen ins Bett geschüttet habe . Ich wollte nur , der Arme könnte genug sehen , hören und sprechen zu solchem Streich , und dem Herrn Paten hat ' s auch sehr leid getan , und er hat ihm einen blanken Taler geschenkt , nachdem ihm die Frau Bebenroth das Blut abgewaschen hatte . Er ist meines Vaters bester Freund , der Herr Pate , und es tut ihm auch leid , wenn er sagt , er sei ein Narr . Von mir sagte die schöne vornehme Dame , die heute hier war , in ihren Gedanken , ich sei blödsinnig – oh – und so , so hat mich noch kein Mensch angesehen wie die schöne Dame . Auch mein Vater tat ihr leid : oh , wenn sie nicht so übel dran wäre wie wir alle hier ? ! Wenn sie alles kann , was sie will ? ! « – – Da machte sich das Elend von neuem in einem Tränenstrom Luft . Ein großer Nachtraubvogel flatterte schwarz aus dem Walde hinter dem Hause Querians auf , erhob sich schwerfällig in die Luft und stand flügelschlagend einen Moment über der Feueresse und dem Haupte Eilikes . Dann zog er langsam durch den weißen Glanz des nächtlichen Friedens , und Eilike Querian [ 347 ] sah ihm erschreckt durch ihre Tränen nach , bis er plötzlich über dem Dorfe jach herabfiel und verschwand . Beinahe hätte sich ein Schrei um Hülfe dem jungen Mädchen entrungen , atemlos horchte es , ob sich nicht ein Todeskreischen vernehmen lasse ; aber es blieb still . » Oh , der Verderber ! « flüsterte die Tochter Querians , und in diesem Augenblick wälzte sich ein dichterer , schwärzerer Qualm vom Herde des Vaters durch die Esse , an der sie lehnte , und ein röterer Glutschein beleuchtete die aufwärts rollenden Wirbel des Rauches . Der Vater mußte das Feuer , das ihm bei seinen närrischen Werken half , zu neuem Aufflammen angeschürt haben . Es krachte und prasselte drunten wie von trockenen harzigen Fichtenzweigen und Tannenzapfen . Vor dem erstickend sich verbreitenden Gewölke glitt Eilike Querian wieder hinab von ihrem wunderlichen nächtlichen Lugaus zu ihrem Fenster hin . Noch zögerte sie eine Minute ; dann setzte sie den Fuß auf den schwankenden Ast . Er zerbrach auch diesmal nicht unter der leichten Last , und geschmeidig erreichte sie , an dem alten treuen Stamm hinunter , den festen Boden der Erde . Noch einmal sah und horchte sie nach dem Hause hin ; schwere Hammerschläge erschallten jetzt aus der Werkstatt des Vaters , scheu rückwärts schreitend , auf den Fußspitzen , zog sich Eilike aus dem Mondenschein in das Dunkel unter den Bäumen zurück . Dann wendete sie sich rasch , das Gebüsch an der Tallehne rauschte , wie sie sich durchwand . Sie war verschwunden hier , und niemand begegnete ihr auf jenem fernen lichten Streif an den Bergen , der Landstraße , die auf der letzten Höhe im Hochwalde sich dem Auge des Dorfes verlor . Zehntes Kapitel [ 348 ] Auf einem der äußersten Vorberge des Gebirges , eine gute Stunde hinter jenem Hochwalde , lag eine elegante Villa von jener jedem Stil , aber auch jeder Bequemlichkeit sich fügenden Bauart , in welcher es die jetzige Zeit zu einer so großen Vollkommenheit [ 348 ] gebracht hat . Zierliche und wohleingerichtete Nebengebäude und Stallungen , ein schöner Blumengarten mit Springbrunnen und Terrakotta-Figuren – alles an dem rechten Platz – umgaben das Haus . Ein künstlerischer Sinn und eine sachverständige Hand hatten das Grundstück für den Zweck aus der Wildnis herausgegriffen , es mit Mauerwerk und Pflanzenwuchs bedeckt und mit einem hübschen eisernen Gitter umzogen . Eine Wiese stieg im Rücken der Villa aufwärts am Berge bis an den Wald . Aus den Fenstern und von den Balkonen der Vorderseite sah man hinunter über den Garten auf eine kleine Stadt mit mittelalterlichen Türmen und den Logierhäusern , den Restaurationen eines frisch und waldduftig in den Reisebüchern Deutschlands und des Auslands aufgetauchten Badeorts für Leute , die eben nicht ins Bad reisen wollten . Über das Städtchen weg lag auch hier die Norddeutsche Ebene vor den Augen , das heißt ein gut und wohlbebaut Stück von derselben mit Städten , Dörfern , Eisenbahnlinien bis in die weiteste Ferne hinaus . » Ein gewisser Unterschied zwischen der Villa Bebenroth und der Villa Veitor läßt sich nicht in Abrede stellen « , sagte der Justizrat Scholten , als er im vorigen Sommer seine Freundin zum erstenmal in ihrem Sommeraufenthalt besuchte und denselben gründlich inspizierte . » Wahrlich , Jehova ist groß , und es wundert mich gar nicht , daß sich immer noch Leute finden , die Panier für euren alten Rachegott aufwerfen , da er dergleichen aus dem Handel mit alten Kleidern und neuen Papieren aufwachsen läßt . « Die Frau Salome hatte herzlich gelacht und erwidert : » Als mein seliger Mann vor sechs Jahren sich dieses idyllische Winkelchen einrichtete , war man sofort so freundlich , ihm eine Telegraphenlinie an den Fuß des Berges nachzulegen : die Gelegenheit , Ihre Überraschung nach Berlin , Wien , London , Petersburg und Paris kundzugeben , ist Ihnen also aufs bequemste geboten . Mein seliger Mann – « » Bleiben Sie mir mit Ihrem seligen Mann vom Leibe ! « hatte Scholten fast wütend gegrunzt , und die Baronin Salome Veitor hatte von neuem gelacht , aber dann doch nach einem Seufzer tief [ 349 ] aus der Brust Atem geholt und gemeint : » Lieber Freund , ich glaube zwar mit Ihnen , daß das Schicksal uns im Grunde nur deshalb zusammengeführt und zu so guten Bekannten ge macht hat , damit wir einander heiter die größtmöglichen Sottisen sagen , allein wir wollen uns die guten Stunden doch nicht stets von vornherein verderben . Lassen wir die Toten ruhig unter ihren Steinplatten im Tale Josaphat ; die Lebenden machen uns wohl genug zu schaffen , vorzüglich , wenn man eine große Verwandtschaft hat wie ich und einen bei den Namen Wien , Berlin und Frankfurt am Main eine Gänsehaut am heißesten Sommertage überkommt . Ich bin eine geplagte Frau , Scholten , und es ist durchaus nicht notwendig , daß auch meine Freunde ihre Lazzis an meine Wände schreiben wie ein Teil meiner jüngern und ältern Nachbarschaft aus der Stadt da unten die seinigen an mein Gartentor . « Das war im vorigen Jahre gewesen , und seitdem hatten sich der Justizrat und die Frau Salome noch um vieles besser kennengelernt ; und auch die Bekanntschaft eines ziemlichen Teils des großen Kreises lieber Verwandten der Dame hatte der alte Scholten gemacht . Er wußte ganz sicher , daß die Baronin Veitor eine geplagte Frau war und daß ihr der » Ichor « in ihren Adern das Dasein keineswegs gemütlicher machte . Die so weit über ganz Europa verbreitete Blutsverwandtschaft gab nichts auf den Ichor , sie ärgerte sich sogar dann und wann an dem Ichor , sie ließ es die Kusine häufig merken , daß der Ichor keinen Kurs bei ihr habe . » Was tue ich mit dem Ichor ? « fragte die Verwandtschaft ; und die Frau Salome , die , wenn sie in Leidenschaft geriet , sofort immer in den jüdischen Akzent und Inversionsredestil fiel , sagte zu ihrem guten Freunde : » Es ist immer dasselbe gewesen mit mir und es wird mit mir bleiben immer das nämliche . Ich habe in einer feinen Wiege gelegen – « » Meine Wiege hätten Sie mal sehen sollen « , warf der Justiz rat ein . » Und ich bin geboren mit einem großen Ekel vor vielen Dingen , und alles , was mir zuwider ist , ist listiger und mächtiger als [ 350 ] ich . Und auch ich bin aus Affrontenburg wie mein Stammesgenosse , der gute Heinrich Heine , und ich bin ein armes Mädchen und Weib gewesen , und ich habe mich ducken müssen vor jedem Affront , der mir angetan worden ist zu Affrontenburg . « » Haben Sie das wirklich ? « fragte Scholten , und dann kam ein Strahl von dem uralten scharfen Geierblick , wie er durch die Bücher von den Königen funkelt und in den Büchern der Makkabäer vor Antiochus dem Syrier . » Ja , sie hätten es gern gehabt , wenn ich hätte auch gelächelt zu jeglichem Affront ; aber ich habe dann und wann gelacht ! Ich habe auch meine Zähne , und sie sind echt und sind echte jüdische Zähne . Ich habe gebissen , wenn ich gleich keine bissigen Gedichte und Lieder drucken lassen konnte wie der Pariser Poet , mein talentvoller Herr Vetter aus dem Morgenlande . Ich schillerte bunt und lieblich – purpurn , golden , grün und violett und zeigte ein rot Zünglein wie eine fremde Schlange in der Menagerie . Es war aber gefährlich , die Hand in den gläsernen Behälter zu senken ! Das Gleichnis paßt nicht ganz . Der Mensch blieb draußen vor dem Zelt : wir waren ganz unter uns , und es waren auch recht noble Charaktere unter uns : der stolze Löwe , der brave , kluge Elefant , der biedere Bär , das würdige Kamel ! Aber die Füchse , die Luchse , die Wölfe und dergleichen Nachbarschaft war schlimm , und vor allem anderen die Affen . « » Es geht ordentlich ein Geruch von Ihrer Schilderung aus , meine Beste « , meinte der Justizrat mit innigster ungeheucheltster Teilnahme . » Na , auch ich war in Arkadien , bin sogar noch immer drin , und Sie brauchen nichts weiter zu sagen . « » Gott sei Dank ! « rief dann die Frau Salome . » Manchmal komme ich mir nicht vor wie eine gefangene Schlangenkönigin im Glaskasten , sondern wie ein arm keuchend Häslein , und dann ist es immer ein Trost , einem Kameraden zu begegnen , der gleichfalls hinkt und mit allen Hunden gehetzt wurde . « » Nun , ich bin ein alter Rammler , und wie ich gebraten schmecken werde , weiß ich nicht . Horazische Oden wie mein Landsmann , der Professor Ramler aus dem Preußenlande , lasse ich auch nicht drucken ; aber den Horaz lese ich und den François [ 351 ] Marie Arouet dazu . Ich komme schon durch und weiß fertig zu werden mit Berlin und Hannover . « » Und ich mit Affrontenburg ! « rief die Frau Salome mit einem sozusagen glücklichen Lächeln . » Darf ich Ihnen noch eine Tasse Tee einschenken , Scholten ? « Die Sonne geht wohl glorreich , klar und würdevoll vernünftig auf ; aber die Menschen , die auf die Berge klettern und dort in wüsten Hirtenhütten und unkomfortablen Hotels übernachten , um den Sonnenaufgang zu sehen , haben gewöhnlich ermüdete , überwachte Leiber , heiße Stirnen und fieberisch trockene Zungen und Hände und wenig Vergnügen von dem Pläsier . Der , welcher die Sonne wirklich aufgehen sieht , merkt eben nichts davon ; es versteht sich ihm von selbst , daß die Sonne aufgeht und er an seine Arbeit . Diese Bemerkung geben wir zum besten , weil der zweite Sonnenaufgang nach der kühlen Mondscheinnacht , in der Eilike Querian von dem Dache ihres Vaters verschwand , einen außergewöhnlich heißen Morgen , eine seltsam schwüle Temperatur brachte . Und alles zu Berg gestiegene Touristenvolk im Harz behauptete , nie die Sonne so wundervoll und eigentümlich emporsteigen gesehen zu haben . Es war etwas daran . Auch die Arbeiter auf dem Felde tauschten vom ersten Erscheinen der roten Kugel ihre Bemerkungen darüber aus und hielten von Zeit zu Zeit ein mit ihrer Beschäftigung , um sich um und nach oben zu schauen . Es war ein Dunst in der Luft , den der Mittag nicht zerstreute , und in der Ferne , über der Ebene im Norden , Nordwesten und Nordosten lag dieser Dunst zusammengeschichtet , doch nicht zu massigem Gewölk , sondern wie ein dunkler Schleier . Gegen elf Uhr morgens wurde die Hitze schier unerträglich ; der dichteste Waldschatten gab keinen Schutz vor ihr ; die Tiere in der Gefangenschaft wie in der Freiheit fingen an zu merken , daß nicht alles richtig sei in der Atmosphäre , und die Menschen fragten einander : » Nun , was soll denn das mal wieder werden ? « Am verwundertsten aber sahen sich die Bergleute in der Oberwelt um , wenn sie aus ihrem unterirdischen Reich zu Tage auffuhren . Älteste , Knappen und Jungen schüttelten in gleicher Weise die Köpfe , sobald sie den Druck dieses [ 352 ] glühenden Firmaments auf ihnen verspürten , und sie huben einer wie der andere an , von allerhand gefährlichen Vorkommnissen da unten in ihrem Reich , von den bösen Wettern und den Bergwassern , vom Einsturz und dergleichen zu sprechen , und erinnerten sich gegenseitig an einzelne Fälle , wie das damals war , als das und das geschah und die und die zugrunde gingen da unten in der Tiefe . – Trotz geschlossener Jalousien und niedergelassener Vorhänge war die Hitze auch in der Villa Veitor arg zu spüren . Die bunten Farben auf Wänden und Decken linderten sie nicht , die bunten Glasscheiben machten sie nur noch bemerkbarer , und das Rauschen des Springbrunnens im Garten gewann in der niedergedrückten Phantasie eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Singen und Brodeln eines überkochenden Kessels auf dem Kohlenfeuer . Die Frau Salome hatte den Kampf bereits aufgegeben ; sie lag hingestreckt wie die büßende Magdalena auf dem Bilde Correggios , jedoch mit keinem Totenkopfe vor sich , sondern umringt von einem Kreise zerknitterter deutscher und ausländischer Zeitungen . Gar sehr verwunderte sie sich , als sie , das Journal des Débats zu den übrigen werfend , jetzt unter ihrem Altane eine fremde Stimme im Verkehr mit ihrer Dienerschaft vernahm . » Besuch ? Mein Gott , was ist das für ein Menschenkind , das zu dieser Stunde und bei dieser Temperatur mich sprechen will ? Wer es auch sei und was ihn zu mir treiben mag : wenn er nicht schwitzt und wenn er mir drei vernünftige Worte im logischen Zusammenhang mitbringt , so ist der Äquator sein Vater , die Wüste seine Mutter und der Schirokko sein rechter Bruder – o ihr Götter , es ist ja Scholten ! – Scholten , sind Sie es denn wirklich ? Eben habe ich da noch gelesen , daß man wieder einmal die Stadt München mitten in den sibirischen Steppen als Spiegelbild in der Luft gesehen habe : ich bitte Sie , Scholten , reden Sie auch , geben Sie mir die Gewißheit , daß Sie kein Produkt der Fata Morgana sind ! « » Jawohl – leider bin ich ' s , und heute mal ich zu Esel ! « ächzte der Justizrat , in den nächsten Sessel fallend und die Mütze in [ 353 ] die fernste Ecke schleudernd . Halstuchlos , mit aufgerissener Weste , stierte er um sich , und wenn ' s auf Schwitzen ankam , so gehörte er nicht in die Verwandtschaft , welche die Baronin ihm soeben zurechtgemacht hatte . Er schwitzte gräßlich . » Zu Maulesel – im Galopp zu Esel bin ich da ; das heißt , was noch von mir übrig ist . Warten Sie nur – es ist eine Kunst , drei verständige Worte zusammenzubringen . Ah , den ganzen Kant und Aristoteles für ein Glas Selterswasser mit einer Nuance von Kognak ! O Jesus , meine Beste , und Sie haben es sogar bei dieser Witterung fertiggebracht , sich mit der Orientalischen Frage zu beschäftigen ? « Das letztere war mit einem kläglichst matten Blick auf den Zeitungshaufen gesagt . Die Baronin fand zwischen den Aufträgen , welche sie in aller Hast dem Diener betreffs der Aufrichtung und Erfrischung des lieben und liebenswürdigen Besuchers gab , die Zeit , mit fröhlicher Miene zu erwidern : » Sie kennen doch meine Stellung zu der Lehre von der Seelenwanderung , Scholten ? Vor dritthalb tausend Jahren kam ich aus Saba zum König Salomo . « » Jetzt lassen Sie mich gütigst mit alledem in Ruhe , Frau Salome ! Auf der Wanderschaft befindet sich meine Seele augenblicklich auch , und ich wollte nur , sie hätte das Eisbärenfell schon gefunden , in das sie am liebsten aus ihrem jetzigen abgeschmackt unerträglichen Futteral sich verziehen möchte . Uh – oh , am Nordpol ist es schön ! « » Aber das Dach der Witwe Bebenroth ist an einem solchen abnormen Sommermorgen wie der heutige , gegen einen Eselritt von dritthalb Stunden gehalten , auch nicht zu verachten ? ! « Da sprang der Justizrat Scholten , vor Ärgernis pfeifend , in die Höhe und schrie : » Glauben Sie etwa , meine Gute , ich sei pour vos beaux yeux jetzt hier ? Da könnten Sie sich ebensogut einbilden , Frau , mein Esel habe mich gesattelt und gezäumt , um auf mir zur Visite nach der Villa Veitor zu reiten ! Alle Teufel , Sie Närrchen – meine Gute , Liebe , Beste , der Teufel reitet mich freilich und nicht mich allein , sondern das Dorf , den Querian , die Eilike , kurz uns [ 354 ] alle ! Die Eilike ist seit gestern verschwunden und bis heute noch nicht wiedergefunden ; Querian ist vollständig toll geworden , und ich – ich war drunten in der Stadt auf der Kreisdirektion , um als braver deutscher Staatsbürger daselbst bescheidentlich anzufragen , was unter den obwaltenden Umständen zu tun sei . Glauben Sie wirklich , ich habe ganz und gar vergeblich Jurisprudenz studiert ? Glauben Sie , ich wisse ganz und gar nicht , woran der germanische Mensch in seinen Nöten sich zu halten habe- he ? « » Ich weiß nur , daß Ihr Studium und Ihr Germanentum Sie nicht hindern , einer der ausgezeichnetsten Grobsäcke zwischen der Weichsel und dem Wasgau zu sein ; und ich glaube versichern zu können , daß die heutige etwas schwüle Witterung eine mildernde Wirkung auf Ihr Temperament und Ihre Ausdrucksweise nicht ausgeübt hat . « » Und Ihr Eiskeller ist so vortrefflich , und Ihr Rheinwein dito – ah , noch ein Glas Soda ! So ? Ich grob , Liebste ? Außer mir bin ich – weiter nichts ! Verrückt bin ich – hundertmal toller als Querian , und das ist das Ganze , und dann kommen noch die Leute , die hier auf dem Diwan liegen und die kühlen Bergwasser in ihre Trägheit , um nicht zu sagen Faulheit , hineinsprudeln hören , und wollen von Grobheit reden ! Verrückt , verschroben und toll bin ich : Querian und Schwanewede , aufeinander gepackt , reichen längst nicht mehr an den armen Scholten heran . Und nun falten Sie einmal Ihre glatte , kluge Stirn , Frau Salome ; raten Sie , helfen Sie ! Die Polizei allein tut ' s nicht , zumal wenn die Landreiter über Land geritten sind und heute abend erst nach Hause kommen werden . « » Nehmen Sie noch ein wenig Eiswasser und versuchen Sie dann , mir ruhig zu erzählen , was vorgefallen ist . Vor allen Dingen aber , was ist mit dem Kinde , das ich vorgestern bei Ihnen kennenlernte ? « » Das Mädchen ist fort , und mein kuriöser Freund Querian behauptet , man habe es ihm gestohlen . Und ich soll es ihm gestohlen haben ! Wutschnaubend hat er mir seine dahingehende Ansicht von der Sache in die Zähne gerückt . « [ 355 ] » Und dieses ist nicht der Fall ? Sie haben keine Schritte getan – « » Ich habe nichts getan . Nach Pilsum an Peter Schwanewede habe ich geschrieben um Rat ; und in der Nacht , während ich schrieb und Sie nach Hause ritten , muß das Ding davongegangen sein . Da ist ein Halunke im Dorfe , ein armer geistesschwacher Kretin , halb blind und ganz taubstumm , August sein Name , und mir sonst als Charakter ziemlich verdächtig , der hat zu Protokoll gegeben , daß er das Mädchen im Mondschein von ihres Vaters Dach kletternd und im Walde laufend gesehen habe . Seine Mutter hat ihn geprügelt , und jedesmal , wenn ihn seine Mutter geprügelt hat , so hat sich der Hydrocephalus , der Wasserkopf und der Kropfmensch , in den Schutz der Eilike begeben , das heißt unter einem überhängenden Stein im Busch hinter ihrem Hause seine Zuflucht genommen . Er sagt nun aus , die Eilike sei an ihm vorbeigeschlüpft , und ich glaube nicht , daß der Tölpel dieses Mal lügt . Fort ist sie , und dann ist am Morgen Querian zu mir gekommen – seit langer Zeit zum erstenmal am hellen Tage hat er sich aus seiner Höhle erhoben – und hat seine Fräulein Tochter von mir zurückverlangt . Da hat es Auftritte gegeben in der Idylle bei der Witwe Bebenroth und auf der Dorfgasse , die mir den Aufenthalt auf Patmos für alle Zeiten verleidet haben . Der ganze liebenswerte Ort ist zu einem Tollhause geworden , und alles Bergmannsvolk hat für den primus inter pares , für meinen Freund Querian , Partei genommen . Wahrhaftig , da leben wir mitten im erleuchteten neunzehnten Jahrhundert und erleben es , daß einem die Tierheit , der Unverstand die Tor mit den Köpfen einrennen und Recht verlangen für ihren weisen Meister ! Sie nennen ihn wirklich und wahrhaftig ihren weisen Meister , und sie haben vor meiner justizrätlichen , whistklub- und landtagswahlfähigen Nase auf den Tisch geschlagen und es sich verbeten , daß ich mich in – ihre Angelegenheiten mische ! Sie haben behauptet , ich habe das Kind fortgeschickt ; und Querian , selbstverständlich