Blicken hineinstarrte . » Ich beschwöre dich , Wulfrin , nimm Vernunft an und laß dir sagen : das hat ein heidnischer Poet er sonnen , leichtfertig und lügnerisch hat er erfunden , was nicht sein darf , was nicht sein kann , was unter Christen und Heiden ein Greuel wäre ! « » Und du liesest so gemeine Bücher und ergötzest dich an dem Bösen , Schuft ? « » Ich lese mit christlichen Augen « , verteidigte sich Gnadenreich beleidigt , » zu meiner Warnung und Bewahrung , daß ich den Versucher kenne und nicht unversehens in die Sünde gleite ! « Die Hände des Höflings zitterten und krampften sich über dem Blatte . » Bei allen Heiligen , Wulfrin , zerstöre das Buch nicht ! Es ist das teuerste des Stiftes ! « » Ins Feuer mit ihm ! « schrie der Höfling , und weil kein Herd da war als der lodernde des offenen Himmels , riß er das Blatt in Fetzen und warf sie hoch auf in den wirbelnden Sturm . Es trat eine Stille ein . Graciosus betrachtete stöhnend das verstümmelte Buch , während Wulfrin mit verschlungenen Armen und unheimlichen Augen brütete . So beschlich ihn die zurückkommende Palma und setzte ihm den leichten von ihr gewundenen Kranz auf das belastete Haupt . Er fuhr zusammen , da er das Geflechte spürte , zerrte es sich ab , riß es entzwei und warf es mit einem Fluche dem vom Laufe erhitzten Mädchen zu Füßen . Da flammten ihr die Augen und sie streckte sich in die Höhe : » Du Abscheulicher ! Tust du mir so ? « Zornige Tränen drangen ihr hervor . » Nun nehme ich auch den Gnadenreich nicht , dir zuleide ! « » Palma « , befahl er , » gleich kehrst du nach Hause ! Über die Alp ! Wende dich nicht um ! Ich gehe durch die Schlucht ! Läufst du mir über den Weg , so werfe ich dich in den Strom ! « Sie sah ihn jammervoll an . Seine Todesblässe , das gesträubte Haar , das unglückliche Antlitz erfüllten sie mit Angst und Mitleid . Sie machte eine Bewegung gegen ihn , als wollte sie ihm mit beiden Händen die pochenden Schläfen halten . » Hinweg ! « rief er und riß das Schwert aus der Scheide . Da wandte sie sich . Er blickte über die Brüstung und sah , wie sie in wildem Laufe durch die Alp eilte . Auch er verließ das Kastell und schlug , von dem nahen Tosen des Stromes geführt , den Weg gegen die Schlucht ein , die furchtbarste in Rätien . Gnadenreich gab ihm kein Geleit . Da er in den Schlund hinabstieg , wo der Strom wütete , und er im Gestrüppe den Pfad suchte , störte sein Fuß oder der ihm vorleuchtende Wetterstrahl häßliches Nachtgevögel auf und eine pfeifende Fledermaus verwirrte sich in seinem Haare . Er betrat eine Hölle . Über der rasenden Flut drehten und krümmten sich ungeheure Gestalten , die der flammende Himmel auseinanderriß und die sich in der Finsternis wieder umarmten . Da war nichts mehr von den lichten Gesetzen und den schönen Maßen der Erde . Das war eine Welt der Willkür , des Trotzes , der Auflehnung . Gestreckte Arme schleuderten Felsstücke gegen den Himmel . Hier wuchs ein drohendes Haupt aus der Wand , dort hing ein gewaltiger Leib über dem Abgrund . Mitten im weißen Gischt lag ein Riese , ließ sich den ganzen Sturz und Stoß auf die Brust prallen und brüllte vor Wonne . Wulfrin aber schritt ohne Furcht , denn er fühlte sich wohl unter diesen Gesetzlosen . Auch ihn ergriff die Lust der Empörung , er glitt auf eine wilde Platte , ließ die Füße überhangen in die Tiefe , die nach ihm rief und spritzte , und sang und jauchzte mit dem Abgrund . Da traf der starre Blick seines zurückgeworfenen Hauptes auf ein Weib in einer Kutte , das am Wege saß . » Nonne , was hast du gefrevelt ? « fragte er . Sie erwiderte : » Ich bin die Faustine und habe den Mann vergiftet . Und du , Herr , was ist deine Tat ? « Lachend antwortete er : » Ich begehre die Schwester ! « Da entsetzte sich die Mörderin , schlug ein Kreuz über das andere und lief so geschwind sie konnte . Auch er erstaunte und erschrak vor dem lauten Worte seines Geheimnisses . Es jagte ihn auf und er floh vor sich selbst . Schweres Rollen erschütterte den Grund , als öffne er sich , ihn zu verschlingen . Von senkrechter Wand herab schlug ein mächtiger Block vor ihm nieder und sprang mit einem zweiten Satz in die aufspritzende Flut . Der Himmel schwieg eine Weile und Wulfrin tappte in dunkler Nacht . Da erhellte sich wiederum die Schlucht und auf einer über den Abgrund gestürzten Tanne sah er die Schwester mit nackten und sichern Füßen gegen sich wandeln und jetzt lag sie vor ihm und berührte seine Kniee . » Was habe ich dir getan « , weinte sie , » warum fliehst , warum verwünschest du mich ? Bruder , Bruder , was habe ich an dir gesündigt ? Ich kann es nicht finden ! Siehe , ich muß dir folgen , es ist stärker als ich ! Ich lief drüben , da sah ich den Steg . Töte mich lieber ! Ich kann nicht leben , wenn du mich hassest ! Tue , wie du gedroht hast ! « Er stieß einen Schrei aus , ergriff , schleuderte sie , sah sie im Gewitterlicht gegen den Felsen fahren , taumeln , tasten und ihre Kniee unter ihr weichen . Er neigte sich über die Zusammengesunkene . Sie regte sich nicht und an der Stirn klebte Blut . Da hob er sie auf mächtigen Armen an seine Brust und schritt ohne zu wissen wohin , das Liebe umfangend , dem Tale zu . Er hatte die Klus hinter sich , da sauste es an ihm vorüber und er erblickte einen Knaben , der ein scheues Roß zu bändigen suchte . » He , Gabriel « , rief er ihm nach , » sage der Richterin , sie rüste den Saal und richte das Mahl ! Tausend Fackeln entzündet ! Malmort strahle ! Ich halte Hochzeit mit der Schwester ! « Der Sturm verschlang die rasenden Worte . Malmort mit seinen Türmen stand schwarz auf dem noch wetterleuchtenden Nachthimmel . Mit seiner Last den Burgpfad emporsteigend , sah er oben Lichter hin und her rennen . Dann begegnete er der geängstigten Mutter , die ihm halben Weges entgegengeeilt war . » Wulfrin « , flehte sie mit ausgestreckten Armen , » wo hast du Palma ? « » Da nimm sie « , sagte er und bot ihr die Leblose . Viertes Kapitel Viertes Kapitel Da Wulfrin am folgenden Tage erwachte , lag er unter den schwarzschattenden Büscheln einer gewaltigen Arve , während die Matten ringsum schon in der Mittagssonne schimmerten . Er hatte eben noch , den würzigen Waldgeruch einatmend , heiter und glücklich geträumt von dem Wettspiel in einer römischen Arena und im Speerwurf einen Lorbeerkranz davongetragen . Sein Blut floß ruhig und seine Stirne war hell . Nachdem er gestern Palma der Mutter in die Arme gelegt , war er ins Dunkel zurückgewichen . Mit irren Füßen , in ruhelosem Laufe , kreuz und quer , hatte er das Gebiet von Malmort durchjagt , bis weit über Mitternacht hinaus , und war dann im Morgengrauen niedergestürzt und in einen bleiernen Schlaf versunken . Er fand sich auf einer von leichtgeschwungenen Hügeln umgebenen Wiese , fernab von dem Geläute der Herdglocken , in tiefer Einsamkeit . Nur ein Specht hämmerte und zwei Eichhörner tummelten und neckten sich in der Mitte ihres grünen Bezirkes . Wulfrin rieb sich den Schlummer aus den Augen und schaute umher . Da entdeckte er über dem Hügelrande die Giebel und Turmspitzen von Malmort . Er ließ sich auf dem Hange gleiten und sie verschwanden . Allmählich schlich sich das Gestern an ihn heran , er wehrte es ab , er mißtraute ihm , er wollte , er konnte es nicht glauben . War er nicht der Starke und Freie , der Fröhliche und Zuversichtliche , der dem Feinde ins Auge sah und das Irrsal mit dem Schwerte durchschnitt ? Was war denn geschehen ? Eine rätselhafte Frau hatte ihn übermocht , zu beschwören was er nicht bezweifelte . Ein Mädchen , das sich in der langen Weile eines Bergschlosses den vollkommensten Bruder ausgesonnen , war ihm zugesprungen und hatte sich närrisch ihm an den Hals gehängt . Ein tückischer Becher ungewohnten Weines , oder das freche Bild einer ausschweifenden Fabel , oder der heiße Hauch des Föhnes oder was es sonst gewesen sein mochte , hatte ihn betört und verstört . Und was er an den Felsen geschleudert , war nicht die Schwester – wie hätte sie den gähnenden Abgrund überschritten ? – sondern irgendein Blendwerk der Gewitternacht . » Und war es die Schwester und habe ich sie zerschmettert , so bin ich ihrer ledig « , trotzte er und zugleich ergriff ihn ein unendliches Mitleid und die inbrünstigste Liebe zu dem jungen Leben , das er mißhandelt und vernichtet hatte . Er sah sie mit allen ihren Gebärden , jedes ihrer süßen und unschuldigen Worte nahm Gestalt an , er schaute in ihre seligen Augen und in ihre wehklagenden . Jetzt fühlte er sie , die sich weinend und schmeichelnd mit ihm vereinigte , und wußte , daß sie noch lebte und atmete . » Meine Seele ! Blut meiner Adern ! « rief er und wieder : » Palma ! Palma ! « » – alma ! « wiederholte das Echo . » Palma mein Weib ! « Das Echo entsetzte sich und verstummte . Ein tödlicher Schauer durchrieselte sein Mark . Sich auf die Rechte stützend , hob er sich halb von der Erde und langte mit der Linken nach der blutenden Brust wie auf dem Schlachtfelde . » Es sitzt ! « ächzte er . » Ich bin der Schrankenlose , der Übertreter , der Verdammte ! Ich muß sterben , damit die Schwester lebe ! Doch womit habe ich den Himmel beleidigt ? wodurch habe ich die Hölle gelockt ? « Rasch übersann er sein Leben , er fand darin keinen Makel , nur läßlichen Fehl . » Nun , wen ' s trifft , den trifft ' s ! Ich habe eben das schlimme Los aus dem Helme gezogen und verwundere mich nicht , kenne ich ja die Grausamkeiten der Walstatt . Es geht vorüber ! « Da schien ihm denn doch das Dasein ein Gut , so leicht er es sonst wertete , jetzt da er , ob auch unter grimmigen Schrecken , seinen tiefsten Reiz und seine geheimste Lieblichkeit gekostet hatte . Er hob die starken Hände vor das Angesicht und schluchzte ... Mählich verlängerten sich die Schatten und es wurde still über der Wiese . Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter . Ohne das Haupt zu wenden , sagte er : » Ich komme « , und wollte sich erheben , denn er wußte , es war der Tod , der zu ihm trat , um ihn an den jähesten Abgrund zu führen . » Bleibe , Wulfrin ! « sprach weich die Stimme der Richterin , » ich setze mich zu dir « , und Frau Stemma ließ sich neben ihn auf das Moos gleiten in einem weiten langen Gewande , das selbst die Spitzen der Füße verhüllte . » Berühre mich nicht ! « schrie er und warf sich zurück . » Ich bin ein Unseliger ! « » Ich suchte dich lange « , sagte sie . » Warum bliebest du ferne ? Dir ist bange für Palma ? Die wurde nur leicht verwundet , hat aber in tiefer Ohnmacht gelegen . Erwachend hat sie erzählt , wie euch gestern das Gewitter in der Schlucht überraschte , wie sie glitt und die Besinnung verlor . Auf deinen Armen hast du sie getragen . « Wulfrin blieb stumm . » Oder redete sie unwahr und du warfest sie an den Felsen , um sie zu zerschmettern ? « Er nickte . Sie schwieg eine Weile , dann hob sie die Hand und berührte wiederum seine Schulter . » Wulfrin , du hassest deine Schwester oder – du liebst sie ! « Sie fühlte , wie der Höfling vom Wirbel zur Zehe zitterte . » Es ist entsetzlich « , stöhnte er . » Es ist entsetzlich « , sagte sie , » aber unerklärlich ist es nicht . Ihr seid ferne voneinander erwachsen , wurdet eurer Angesichter und Gestalten nicht gewöhnt , und so waret ihr euch frisch und neu , da ihr euch fandet , wie ein fremder Mann und ein fremdes Weib . Mutig ! Rufe und rufe es deinen Gedanken und Sinnen zu : Palma und Wulfrin sind eines Blutes ! Sie werden schaudern und erkalten und nicht länger die himmlische Flamme der Geschwisterliebe verwechseln mit dem schöpferischen Feuer der Erde . « Er antwortete nicht , kaum daß er ihre Worte gehört hatte , sondern murmelte zärtlich : » Warum hast du sie Palma novella getauft ? Das ist ein gar seltsamer und schöner Name ! « Stemma erwiderte : » Ich habe sie die junge Palme genannt , weil sie aus dem Schutte des Grabes frisch und freudig aufsprießt und , bei meinem Leben ! wer an dem schlanken Stamme frevelt , den richte und töte ich ! Noch ist Palma unschuldig . Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein Härchen der Wimper , nicht den äußersten Saum des Kleides versengt . Unglücklicher , wie ist ein solches Leiden über dich gekommen ? « » Wie eine Seuche , die aus dem Boden dampft ! Aber mein Schutzengel warnte mich vor Malmort . Da du mich riefest , verschloß ich das Ohr . Ich bog ab und fiel in die Hände der Lombarden . Warum hast du den Pfeil des Witigis gehemmt ? « Er starrte vor sich nieder . Dann schrie er verzweifelnd auf und ergriff und preßte den Arm der Richterin , die finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend : » Bei dem Haupte Gottes – « » Bei dem Haupte Palmas « , sagte sie . » – ist sie meine Schwester ? « » Wie sonst ? Ich weiß es nicht anders . Was denkst du dir ? « » Dann ist mein Haupt verwirkt und jeder meiner Atemzüge eine Sünde ! « Er sprang auf , während sie ihn mit nervigen Armen umschlang , so daß er sie mit sich emporzog . » Wohin , Wulfrin ? In eine Tiefe ? Nein , du darfst diesen starken Leib und dieses tapfere Herz nicht zerstören ! Nimm dein Roß und reite ! Reite zu deinem Kaiser ! Mische dich unter deine Waffenbrüder ! Ein paar Tagritte und du bist gesundet und blickst so frei wie die andern ! « » Das geht nicht « , sagte er jammervoll . » Wir leiden nicht den geringsten Makel in unserer Schar und ich sollte verräterisch die Schande unter uns verstecken ? « » So stachle dein Roß , reite Tag und Nacht , über Berg und Fläche , springe in ein Schiff , bringe ein Meer und ein zweites zwischen sie und dich , und wenn dich Delphin und Nixe umgaukelt , tauchen vor dir aus der Bläue Inseln und Vorgebirge , verwegenes Abenteuer und die Schönheit als Beute ! « » Was hülfe es ? « sagte er . » Sie zöge mit mir , die Nixe trüge ihr Angesicht und ich umarmte sie in jedem Weibe ! Denn ich bin mit ihr vermählt ewiglich . Nein , ich kann nicht leben ! « » Das ist Feigheit ! « sprach sie leise . Der Schimpf trieb ihm wie ein Schlag das Blut ins Angesicht . Er bäumte sich auf . » Du hast recht , Frau ! « schrie er . » Ich darf nicht als ein Feigling umkommen , du selbst sollst mich richten und verurteilen . Am lichten Tag , unter allem Volke , will ich den Greuel bekennen und die Sühne leisten ! « So rief er in zorniger Empörung , dann aber besänftigte sich sein Angesicht , denn er hatte die Lösung gefunden , die ihm ziemte . » Unsinn ! « sagte sie . » Solche verborgene Dinge bekennt man nicht dem Tage , denn du bist ein Verbrecher nur in deinen Gedanken . Die Tat aber und nur die Tat ist richtbar . « » Frau , das wird sich offenbaren ! Vernimm , was ich tue . Ich wandere zu dem Kaiser und spreche zu ihm : Siehe , Wulfrin der Höfling begehrt das eigene Blut , das Kind seines Vaters ! Es ist so , er kann nicht anders . Schaffe den Sünder aus der Welt ! Und spricht der Kaiser : Die Tat ist nicht vollbracht , so antwortet Wulfrin : Ich vollbringe sie mit jedem Atemzuge ! « » Auf sündiger Geschwisterliebe « , drohte Frau Stemma , » steht das Feuer . « Wulfrin lachte . » Und du willst vor dem ganzen Volke dastehen in deiner Blöße ? « » Ich will dastehn « , sagte er , » als der welcher ich bin . « » So mangelt dir der Verstand und die Kraft , das Geheimnis der Sünde zu tragen ? « » Das ist Weibes Art und Weibes Lust « , sagte er verächtlich . » Und du wirst mit dem Kaiser kommen und ich soll dich richten ? « » Du ! « » Das werde ich ! « sagte sie und entfernte sich langsam . Jetzt da Wulfrin sein Schicksal entschieden und vollendet glaubte , kam die Ruhe des Abends über ihn . Er blieb unter seiner Arve , bis die Sonne niederging und der Tag ihr folgte . Und wie sie mit gebrochenen Speeren sich legte und ihr Blut am Himmel verströmte , erlosch er mit ihr und sah sich die Schwester , wie das Spätlicht , im grünen Gewande und auf stillen Sohlen nachschreiten . Das aufgegebene Schwert reute ihn nicht . » Sie werden drüben einen Krieger brauchen « , sagte er sich und wandelte schon unter den seligen Helden . Wie es Nacht war und der Mond leuchtete , ging er sachte bergab , denn er gedachte ein Seitental zu gewinnen und seinen Kaiser zu erreichen , ohne daß er Malmort und die Stapfen der Schwester berühre . Beide wollte er nur am Gerichtstage wiedersehen . Er gelangte an den Strom , der hier ohne Gewalt und Sturz Klippen und Felsen breit überflutete . Das Mondlicht verlockte ihn , sich auf ein Felsstück zu lagern und wunsch- und schmerzlos mit den Wellen dahinzufließen . Er wurde sich selbst zum Traume . Da sah er Elb oder Elbin tauchen . Es schwamm weiß im Strome , ein Nacken schimmerte und jetzt hob der blanke Arm ein Hifthorn in die Höhe , das der Mond versilberte . Er erkannte sein entwendetes Erbteil und trat ohne Hast und Erstaunen dem freundlichen Wunder nahe . » Herr Wulfrin « , jubelte eine Knabenstimme , » freue dich ! Glück über dir ! Ich halte dein Horn ! « und Gabriel , der sein Hirtenhemde wieder umgeworfen hatte , sprang zu ihm empor . » Schon heute mittag « , erzählte er , » sah ich es beim Fischen auf dem Grunde . Ich kannte es gleich , doch war ich nicht allein und mußte die Nacht erwarten . Hat es schon lange gelegen ? « Er schüttelte das Horn und ließ das Wasser sorgfältig aus der Bauchung abtropfen . » Wenn es nur nicht verdorben ist ! « Er hob es an den Mund und stieß darein , daß die Berge widerhallten . » Hier , Herr ! « sagte er . » Wahrhaftig , es hat ihm nichts getan . Ein wackeres Schlachthorn ! « Wulfrin ergriff es und hing es sich um . Als er sich aber einen Goldring – irgendein Beutestück – von der Hand ziehen wollte , um den Knaben abzulohnen , wehrte Gabriel . » Nein , Herr , lege lieber ein Wort für mich ein , daß mich der Kaiser mitreiten läßt ! Doch jetzt muß ich heim ! Ich habe noch in den Ställen zu tun . Kommst du mit ? Ich weiß Stapfen an dem Felsen empor und wir gelangen durch ein Hinterpförtchen noch einmal so rasch in den Hof als auf dem Burgwege . « Und Wulfrin folgte . Die Handlichkeit und Herzlichkeit des Buben hatte seine Sinne und Geister erwärmt . Der Wiedergewinn seines Erbes weckte das Bild des Vaters und die kindliche Gesinnung auf . Und obwohl aus dem Elben ein Menschenknabe geworden war , zitterte doch über dem Strom ein Schimmer von Geisterhilfe . » Am Ende ist es der Vater « , sagte er sich , » und er wird mir beistehen , wenn er kann . Wenn er noch irgend da ist , läßt er mich nicht elend umkommen . Ich will ihn rufen . Vielleicht antwortet er . Es ist ein Glaube , daß der Tote aus dem Grabmal mit seinen Kindern redet . Ich wage es ! Ich blase ihn wach ! Dann frage ich nichts als : Vater , ist Palma dein Kind ? Redet er nicht , so nickt er wohl , oder schüttelt das Haupt . « Obschon der Höfling an Stemma nicht zweifelte , deren Wesen über ihn Gewalt hatte , focht ihn doch der Widerspruch zwischen dem Glauben an die Lebendige und der Frage an den Toten wenig an . Er fühlte einfach , daß er den Vater – wenn dieser zu erreichen sei – befragen und beraten müsse , ehe er sich anklage und sich richten lasse . Aber seine Ruhe war weg , sein Geist gespannt und er hörte kein Wort von dem , was der Knabe unterwegs plauderte . Ebenso unruhig schritt Stemma hinter dem erhellten Fenster , das der Emporklimmende über dem Burgfelsen aufsteigen sah . Aus der Ferne und Tiefe war ein Ton zu ihr hergedrungen , den sie haßte und den sie vernichtet zu haben glaubte . Während ihr Kind auf dem Lager schlummerte , ging sie rastlos auf und nieder . Sie vergegenwärtigte sich Wulfrin , wie er vor Kaiser und Volk eines seltenen , ja unglaublichen Frevels sich beschuldigte , und ihr wurde bange , daß sie und wie sie über ihn richten werde . War es denkbar , daß sich die Natur so verirrte ? daß ein so lauterer Mensch in eine solche Sünde verfiel ? War es nicht wahrscheinlicher , daß hier Irrtum oder Lüge Bruder und Schwester gemacht hatte ? So hätte die Richterin ohne Zweifel geforscht und untersucht , wäre sie nicht Stemma und Palma nicht ihr Kind gewesen . Aber sie durfte nicht untersuchen , denn sie hätte etwas Vergrabenes aufgedeckt , eine zerstörte Tatsache hergestellt , ein Glied wieder einsetzen müssen , das sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte . Jetzt begann es mit einem Male vor ihr aufzutauchen , die Sünde des Unschuldigen sei das gegen sie selbst heranschreitende Verhängnis . » Gilt es mir ? Wird ein Plan gegen mich geschmiedet ? Ist eine Verschwörung im Werke ? « rief sie ins Dunkel hinein . Da hatte sie ein Gesicht . Sie erblickte mit den Augen des Geistes durch die dämmernde Wand , weit in der Ferne und doch ganz nahe , ein gewaltiges Weib von furchtbarer Schönheit . Diese saß in langen blauen Gewanden , eine Tafel auf das übergelegte Knie gestützt , einen Griffel in der Hand , schreibend oder zählend , irgendeine Lösung suchend . Nach einigem Sinnen ging ein stilles langsames Lächeln über den strengen Mund und schien zu sagen : So ist es gut und siehe , es ist so einfach ! Da glaubte die Richterin eine Feindin sich gegenüber zu sehen und trotzte ihr , Weib gegen Weib . » Das bringst du nicht heraus ! Du findest keine Zeugen ! « Die Fremde aber hob die Tafel mit beiden Händen empor über die sonnenhellen Augen und verschwand . » Du hast keine Zeugen ! « rief ihr die Richterin nach . Ihr antwortete ein erschütternder Ruf , der aus allen Wänden , aus allen Mauern drang , als werde die Posaune geblasen über Malmort . Stemma erbebte . Sie sprang an das Lager ihres Kindes , um es fest in den Armen zu halten , wenn Malmort unterginge . Palma war nicht erwacht , sie schlief ruhig fort . Die Richterin besann sich . Hatte der grauenhafte Ton in Tat und Wahrheit diese Luft , diese Räume , diese Mauern erschüttert ? Müßte Palma nicht aus dem tiefsten Schlummer aufgefahren sein ? Es war unmöglich , daß der gewaltige Ruf sie nicht geweckt hätte . Frau Stemma war nicht unerfahren in solchen unheimlichen Dingen : sie kannte die Schrecken der Einbildung und die Sprache der überreizten Sinne . Sie hatte es erfahren an den Schuldigen , die sie richtete , und an sich selbst . » Das Ohr hat mir geklungen « , sagte sie , die noch am ganzen Leibe zitterte . Hätte sie durch Dielen und Mauern blicken können , so sah sie den bleichen Wulfrin , der an der Gruft des Vaters kniete , ins Horn stieß , ihn rührend beschwor , ihm herzlich zusprach , Rede zu stehen . Sie hätte gesehen , wie Wulfrin , da der Stein schwieg , das Horn zum andern Male an den Mund setzte und endlich verzweifelnd über die Mauer sprang . Wieder schütterte Malmort in seinen Tiefen , stärker noch als das erste Mal . Da war kein Zweifel mehr , es war das Wulfenhorn , das sie mitten in Gischt und Sturz geschleudert und in unzugängliche Tiefen hatte versinken sehen . Sie sann an dem ängstlichen Rätsel und konnte es nicht lösen . Sie sann , bis ihr die Stirnader schwoll und das Haupt stürmte . Da fiel ihr zur bösen Stunde der Comes ein , wie er murmelnd im Schilfe sitze und mit dem schweren Kopfe unablässig daran herumarbeite , ob Frau Stemma ihm ein Leides getan . » Er besucht sein Grabmal und stößt in sein Horn ! Er stört die Nacht ! Er verwirrt Malmort ! Er schreckt das Land auf ! Das leide ich nicht ! Ich verbiete es ihm ! Ich bringe den Empörer zum Schweigen ! « Und der Wahn gewann Macht über diese Stirn . Ohne sich nach Palma umzusehen , stürzte sie zornig die Wendeltreppe hinab und betrat den Hof , wo der Comes und ihr eigenes Bild auf der Gruft lagen . Darüber webte ein ungewisser Dämmer , da eine leichte Wolke den Mond verschleierte . Der Comes ließ sein Horn zurückgleiten und die steinerne Stemma hob die Hände als flehe sie : Hüte das Geheimnis ! Aufgebracht stand die Richterin vor dem Ruhestörer . » Arglistiger « , schalt sie , » was peinigst du mein Ohr und bringst mein Reich in Aufruhr ? Ich weiß , worüber du brütest , und ich will dir Rede stehen ! Keine Maid hat dir der Judex gegeben ! Ich trug das Kind eines andern ! Du durftest mich nie berühren , Trunkenbold , und am siebenten Tage begrub dich Malmort ! Siehst du dieses Gift ? « Sie hob das Fläschchen aus dem Busen . » Warum ich leben blieb , die dir den Tod kredenzte ? Dummkopf , mich schützte ein Gegengift ! Jetzt weißt du es ! Palma novella unter meinem Herzen hat dich umgebracht ! Und jetzt quäle mich nicht mehr ! « So grelle und freche Worte redete die Richterin . Durch ihr lautes Schelten zu sich selbst gebracht , betrachtete sie wieder den Comes , der jetzt im klarsten Mondenlichte lag Die furchtbare Geschichte kümmerte ihn nicht , er lag regungslos mit gestreckten Füßen . Jetzt sah sie , daß sie zum Steine gesprochen , und schlug eine Lache auf . » Heute bin ich eine Närrin ! « sagte sie . » Ich will zu Bette gehen . « Sie wandte sich . Palma novella stand hinter ihr , weiß , mit entgeisterten Augen , das Antlitz entstellt , starr vor Entsetzen . Der zweite Hornstoß hatte sie geweckt und sie war der Mutter auf besorgten Zehen nachgeschlichen . Zwei Gespenster standen sich gegenüber . Dann packte Stemma den Arm des Mädchens und schleppte es in die Burg zurück . Sie selbst hatte ihrem Geheimnisse einen Mund und einen Zeugen gegeben und dieser Zeuge war ihr Kind . Fünftes Kapitel Fünftes Kapitel Seit der Höfling aus Malmort verschwunden war , lastete auf den schweren Mauern Schweigen und Kümmernis . Das Gesinde munkelte allerlei und Knechte und Dirnen steckten die Köpfe zusammen . Die junge Herrin sei krank . Es sei ihr angetan worden . Irgendein Zauber – ob sie einer Drude begegnet oder ein giftiges Kraut verschluckt oder aus einem schädlichen Quell getrunken – habe die Ärmste der Vernunft beraubt . Ihr mangle der Schlummer , sie weine unablässig und lasse sich weder trösten noch auch nur berühren . Ihr widerstehe Speise und Trank und sie schwinde zum Gerippe . Die Laute und Wilde sei gar still und zahm und ihr Lebensfaden zum Reißen dünn geworden . Die bekümmerte Richterin folge ihr auf Schritt und Tritt und dürfe sie nicht aus den Augen lassen . Zwei Mägde standen am Brunnen zusammen und flüsterten . Benedikta war der jungen Herrin unversehens im Flur begegnet und wollte ihr gebührlich die Hand küssen . Palma sei angstvoll zurückgewichen und habe