Ferrara sich selber auszustellen als das Bänkelsängerbild einer tragischen Geschichte . Und doch blieb sein Herz dem beängstigenden Einflusse des Bruders nicht verschlossen . Was er in seinen hellen Tagen mit einem verächtlichen Lächeln als törichte Hirngespinste zur Seite geschoben hätte , das gewann in einer durch die Blindheit verdunkelten Gefühlswelt Wahrscheinlichkeit und Inhalt . Konnte nicht der unglückliche Bruder in gewissen Grenzen recht haben , und ihm wirklich Schlimmes angetan worden sein ? Hatte er nicht eine verstoßene Kindheit verlebt ? War es nicht möglich , daß ihm noch heute nach dem Leben getrachtet wurde ? War Don Giulio doch selbst , den die Hofintrigen immer angeekelt hatten , einem unbegreiflichen Attentat zum Opfer gefallen ! So war er nicht ferne davon , dem Bruder beizustimmen , wenn dieser die gepriesene Gerechtigkeit des Herzogs einen Abgrund der Ungerechtigkeit nannte , nicht besser als die teuflische Bosheit des Kardinals , und den Hof von Ferrara ein Geflecht sich erwürgender oder miteinander buhlender Schlangen , einen eklen Knäuel , den es ein Verdienst wäre , zu zerhauen und zu zertreten . Der arme Don Giulio war nicht imstande , seine eigene entsetzliche Erfahrung anders zu erklären als durch die allgemeine Verderbnis , und gab allmählich und unbewußt dem Bruder , welchem er sein Mitleid nicht versagen konnte , gewonnenes Spiel . Er war von dem Wahn und den Verschwörungsgedanken Don Ferrantes mehr umsponnen , als er selbst es wußte , und ein neues Erlebnis gab den Ausschlag . Unter dem durchsichtigen Himmel eines Herbsttages ritt auf einem der von der Polizei verbotenen Waldwege , die nach Pratello führten , eine Amazone , schlank von Wuchs und untadelig im Sattel , welche , wie aus einem Rittergedicht entsprungen , auf Abenteuer fuhr . Wie sie aber näher kam , trug ihr Antlitz den Ausdruck so tiefen und unheilbaren Leides , daß sie eher mit einem ewigen Schmerz das Kloster zu suchen schien . Nun erreichte sie eine den Niederblick auf das Schloß gewährende Lichtung , glitt vom Pferde und schlang unter den letzten Bäumen die Zügel ihres offenbar dem herzoglichen Marstall zugehörigen Rappen um eine junge Ulme . Dann schritt sie vor und war wiederum eine andre . In den feurigen , von flatterndem Kraushaar beschatteten Augen wohnte Wahrheit und auf dem weichen Munde neben einem kindlichen Zuge der Trotz der Liebe , ja eine gefährliche Entschlossenheit . Von der Höhe des Waldrandes , an dem sie stand , erblickte sie den ganzen ruhigen Reiz der Landschaft von Pratello . Das nur mit den notwendigsten Verteidigungswerken umgebene Schloß lag in einer unendlichen grünen Wiese , durch welche ein breiter , spiegelklarer Fluß zog , wo kleine Fischerboote ihre Segel blähten . Gondeln lagen an dem vorragenden Halbrund der bequemen Landungstreppe , die unter den Säulengang des inneren Hofes und zum Hauptgebäude führte . Statt der von der kriegerischen Zeit geforderten Festungsgräben hielt der Fluß die schöne Wohnstätte mit ihren Umfassungsmauern und Rundtürmen beschützend in den Armen . Von der Schönheit Pratellos ergriffen , suchte die Fahrende eine etwas tiefer im Wiesengrunde gelegene dichte Baumgruppe zu erreichen , in deren schwarzen Schatten eine breite Steinbank stand . In dieser Verborgenheit ließ sie sich nieder , denn sie scheute sich , Pratello zu betreten , und ließ die Stunden vorübergehen , bald das Schloß aufmerksam betrachtend , bald in ihre Gedanken versunken . Schon stand die Sonne auf der Mittagshöhe . Da sah sie , wie an der Landungstreppe von einem alten Fährmann eine Gondel gelöst wurde , an deren Steuer er sich wartend setzte . Nun trat ein schlanker Jüngling in schwarzer Tracht aus dem Schlosse , dessen Gesicht ein breitkrempiger Hut beschattete , ehrerbietig beobachtet von einem Häuflein ihm folgender Diener , und durchkreuzte den von Weinlaub umrankten Säulengang . Auf der Landungstreppe bot ihm der Fährmann die Hand zum Tritte in die Gondel , die er behend , aber behutsam bestieg . Dann übergab ihm der Alte die Ruder , und während sie der Jüngling zu schwingen begann , lenkte der andere das kleine Fahrzeug mit dem Steuer . Als sie am jenseitigen Wiesenbord anstießen , war es der Fährmann , der ans Ufer sprang und dem Jüngling beide Arme entgegenstreckte , den Aussteigenden eher bewahrend als ihn berührend . Dieser wandte sich ohne viel Besinnen in gerader oder beinahe gerader Richtung über die sanft ansteigenden Wiesen nach der Bank unter den Steineichen . Die Lauscherin blieb nach einem leichten Zusammenschrecken und Auffahren sitzen ; sie erriet den Blinden , der sich eine tägliche Anstrengung und Übung daraus machte , die Sehenden nachzuahmen , um diese und , soviel als möglich , sich selber zu täuschen , wobei ihm seine jugendliche Biegsamkeit , sein Ortssinn , sein scharfes Gehör und die Beflissenheit seines ihm jedes Hindernis sorgfältig aus dem Wege räumenden Gesindes zu Hilfe kam . Während zwei teilnahmvolle Augen von der Steinbank aus den sich nähernden Gang des Blinden beobachteten , strauchelte der Ärmste über einen im Grase liegenden Gegenstand , den die Spähende nicht unterscheiden konnte . Er stürzte auf das Knie , schnellte sich aber , mit der vorgestreckten Linken kaum den Boden berührend , leicht und geschmeidig wieder empor , ohne nur die Gerte zu verlieren , die er in der Rechten trug . Mit dieser prüfte er nun , sie leicht in der Hand führend , den übrigen Weg , einen kleinen Verdruß auf dem blassen , vom Hute verschatteten Angesicht verwindend . Die Hände über den Knien gefaltet , das Haupt lauschend vorgeneigt , verfolgte sie jede seiner Bewegungen . Er kam und setzte sich auf die bemooste Bank neben sie , von deren Dasein er keine Ahnung hatte . Was murmelte er ? Was tönte nur halblaut , nur halbverständlich ununterbrochen von seinen Lippen ? Erhob er Klage gegen das Schicksal ? Beleidigte oder verneinte er die Gottheit ? Beschuldigte er seine Brüder ? Oder sie , die ohne sein Wissen neben ihm saß ? Beweinte er seine Verirrungen ? Nichts von alledem . Die Mittagsruhe , die Stunde des Pan träumte auf seinen Zügen . Don Giulio trieb ein seltsames Geistesspiel , das sie erst nach und nach aus seinen abgebrochenen Worten und geflüsterten Verszeilen erriet und zusammensetzte . Nach der Zeichnung der Danteschen Hölle , wie sie jedem italienischen Geiste innewohnt , beschäftigte er sich damit , nicht zwar den trichterförmigen Höllenabgrund zu bevölkern , sondern einen Krater des Unglücks zu graben , dessen Stufen er auch nicht mit Verdammten und Unseligen des geisterhaften Jenseits , sondern mit den Elenden , den Leidenden , den Verzweifelnden dieses irdischen Lebens füllte – immer eine Stufe unseliger als die andere , wobei er ohne Bedenken in die unterste dunkelste Kluft die Blinden versetzte . Mit grausamem Genusse malte er , vor sich hin singend , diesen Ort aus . Wie sich Blinde Blinden als Führer anboten und mit ihnen in den Abgrund stürzten ! Blinde Jünglinge rochen Rosenduft , aber wenn sie die Hände zum Pflücken ausstreckten , stolperten sie über Totengerippe . Er sang die Terzinen reimlos , oder wie sie der Zufall reimte . Nun dachte er offenbar an seinen Bruder Ferrante , den er in einer höher gelegenen Kluft unter den fruchtlos Ehrgeizigen erblickte : » Du willst , o Bruder , nach der Krone greifen ! Doch reckst du in die Höhe dich vergebens ! Doch wehren die Dämonen dir den Reifen ! O harte Qual des bodenlosen Schwebens ! – Ich aber bin ein König ... und entthront ... In Wahrheit war ich König dieses Lebens ! Ich hatte Götteraugen , war gewohnt Zu herrschen – was sie sahen , war mein eigen . Doch weh , der Mörder hat mich nicht verschont ... Ich bin geblendet ! Elend ohnegleichen ! « » Don Giulio « , sagte dicht neben ihm eine weiche Stimme , » es gibt einen noch tieferen Abgrund des Elends – es gibt Unseligere als du bist ! Das sind die , welche die Wonne ihres Lebens unbedacht und ungewollt selber auf ewig vernichten ! « Und er hörte gewaltsam schluchzen und spürte einen warmen Hauch und einen Schauer von Tränen , die auf seine Hände fielen . Träumte oder wachte er ? Er streckte bebend seine Hände aus und ergriff zwei andere , die in den seinigen zitterten . » Wer bist du ? « sagte er . » Wer darf sich noch unglücklicher nennen als der verstoßene Blinde ? « Und die Stimme : » Ich bin Angela Borgia , die deine Augen über alles liebte und sie zerstörte , dadurch daß sie einem Bösen ihre Schönheit lobte . « Er ließ ihre Hände fahren und sprang erbleichend auf , wie wenn er fliehen wollte , stieß sich aber an der Ecke der Steinbank und schwankte . Mit einem Strome von Tränen stürzte sie vor ihm nieder und umschlang und stützte seine Knie : » Es ist unmöglich , daß du mir verzeihst ! ... O könnte ich dir meine eigenen Augen geben , ich risse sie mir aus dem Haupte ! ... Aber , was ich dir nahm , kann ich nie dir ersehen ! ... Wo ist meine Sühne ? Wie soll ich büßen ? « » Arme Angela « , sagte er sanft , indem er sich von ihr zu lösen suchte , » geschehen ist geschehen ! Deine Schuld verstehe ich nicht – aber ich sehe , daß auch du in das Tal des Unglücks verstoßen bist . Zweimal wehe über ihn , der uns beide gemordet hat ! ... Dich und mich ! ... Sühnen kannst du nicht ! Meine Augen kannst du nicht neu schaffen ! Laß mich allein ! Gehe und vergiß ! « Dann wandte er sich und ging . Nicht einmal zu stützen wagte sie ihn , kaum mit den Augen zu begleiten . Er schien ruhig , aber seine Schritte schwankten . Der Alte bei der Barke sah es , eilte ihm besorgt entge gen , setzte ihn über und geleitete ihn mit den andern Dienern wie ein krankes Kind in sein Schloß . Dort warf er sich im kühlen Saale auf sein Lager und brach in wilde Tränen aus . So war es denn Wahrheit , was er für eine schauerliche Verzierung und phantastische Lüge Don Ferrantes gehalten , sooft ihm der Bruder die Ereignisse jenes Abends im Boskette des gefesselten Amors erzählte ! ... Der Kardinal hatte das Lob Angelas an ihm gerächt ! Aber wo war die Schuld , die das Mädchen erdrückte ? Mit teuflischer Bosheit hatte er ihr das verderbliche Wort aus dem Munde gezwungen , und hätte sie feige geschwiegen und ihn beschimpfen lassen , der Arge hätte bald eine andere Gelegenheit gefunden , die spröde Kälte des Mädchens an ihm , dem völlig Unbeteiligten , den der Zurückgewiesene bevorzugt glaubte , satanisch zu rächen . Und auch sie hatte der Ruchlose tödlich getroffen ! Ein rasender Zorn gegen den Schuldigen und nicht minder gegen den die Missetat ungestraft lassenden kaltherzigen Fürsten bemächtigte sich Don Giulios , kochte in seiner Brust und brauste durch seine Adern . Er lechzte nach dem Untergange beider ! Er sprang vom Lager auf , riß ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb an Don Ferrante mit zornigen , mißgestalteten , durcheinanderspringenden Buchstaben , er stelle zum Morde des Herzogs und des Kardinals sich an seine Seite . Der berittene Bote war von dannen geeilt , bevor Don Giulios Blut sich beruhigte und er erwägen konnte , was er getan . In der nächsten Frühe erschien in Pratello der Oberrichter Strozzi mit bewaffnetem Gefolge und verhaftete den Este . » Ei , schön ! Dein erster Besuch , mein Freund , nach meinem Unglück ! « rief ihm der Blinde bei seinem Eintritt höhnisch entgegen . » Es war mir vom Herzog untersagt « , versehe dieser in richterlichem Tone . » Vom Herzog untersagt ? ... Hat dir der Herzog nicht auch untersagt , Schatz , mit seinem Weibe täglich und stündlich im Geiste , wie du tust , die Ehe zu brechen ? ... Aber dein Gericht erwartet dich , du getünchte Wand ! « Mit diesen Worten streckte Don Giulio die Hände den ihn fesselnden Schergen entgegen . 8. Kapitel Achtes Kapitel Wenige Tage nach der Verhaftung Don Giulios , welcher die von Don Ferrante vorangegangen war , wurden beide Brüder vor ein vom Herzog ausgewähltes Gericht gestellt . Er schied aus dem zwölf Glieder zählenden höchsten Gerichtshof die sechs jüngeren aus , so daß ein Tribunal von Silberbärten übrigblieb unter dem Vorsitze eines Jünglings ; denn daß der rechtskundige Römerkopf des Herkules Strozzi die Verhandlungen leitete , verstand sich von selbst . Das strengste Geheimnis war in dem Hochverratsprozesse vom Gesetze geboten und vom Herzog noch besonders eingeschärft . Aber es wurde , wie die meisten Geheimnisse , nur unvollständig bewahrt . Es ist anzunehmen , daß das eine und andre der beschneiten Häupter gegenüber der quälenden Neugierde einer Frau , der eigenen oder einer andern , nicht vollkommen widerstandsfest blieb . So geschah es , daß sich über den Prozeß sowohl , als über das Leben der Brüder im Kerker eine Legende mit ziemlich deutlichen Zügen bildete und diese erzählte : die Verschwörung sei aus sehr verschiedenen Elementen herausgewachsen . Neben einigen beleidigten oder sich vernachlässigt glaubenden vornehmen Geschlechtern , den Boschetti von San Cesario zum Beispiel , habe daran mancherlei abgehauster und auf alle möglichen Auskünfte und Einkünfte erpichter Hofadel teilgenommen . Auch unbezahlt gebliebene Künstler , ein Maler , ein Bildhauer , ein stimmlos gewordener Hofsänger , vor allem aber der durch das Spiel zugrunde gerichtete Hauptmann der Schloßwache und ein gewisser zweideutiger Kämmerer des Herzogs , der , halb in Ungnade gefallen , noch im Amte stehen geblieben war . Diesen hatte Don Ferrante mit einer hohen Summe gekauft und dieser verriet die Verschwörung , als ihm , dem zunächst Stehenden , die gefährliche Rolle zugewiesen wurde , den Herzog Alfonso auf einem Maskenballe zu erdolchen . Er warf sich ihm reuig zu Füßen und bekannte . Der Herzog geriet über das Komplott in flammenden Zorn und der sonst seiner Mächtige vergaß sich so weit , daß er dem Menschen mit einem Stocke , den er in der Hand führte – der Auftritt fand in einem Garten statt – das Haupt blutig schlug . Dann besann er sich , begnadigte ihn und betraute den Verräter mit der Rolle des Spions unter den Verschworenen . Im Palaste Ferrantes glückte es dem Kämmerer , der einwilligenden Zeilen des Blinden habhaft zu werden , die Don Ferrante den Verschworenen triumphierend mitteilte . So geriet das entscheidende Beweisstück , Don Giulios unförmliche zornige Schriftzüge , in die Hände des Herzogs und dieser wies es dem Gerichte zu . Mit den Schuldigen von geringerem Range wurde kurzer Prozeß gemacht . Albertino Boschetti und der Hauptmann der Schloßwache wurden nach erlittener Folter enthauptet , die drei Künstler aufs Rad geflochten . Mehr Umstände machte man mit den Brüdern des Herzogs . Sie wurden eingehend und in höflichen Formen verhört , ob auch ihre Schuld von Anfang an durch das unselige Schriftstück erwiesen war . Don Giulio war vor Gericht einfach in seinen Worten , mäßig im Ausdruck seiner Gefühle und von niedergeschlagener Haltung . Er verklagte weder sich noch andre , sondern nannte seine Geschichte ein Verhängnis , ohne damit seine Schuld mindern zu wollen . Er habe , sagte er , sich den Haß des Kardinals zugezogen durch seine unabhängige Art und seinen wilden Wandel , nicht aber durch Beleidigung der brüderlichen Person . Er räume ein , daß ihm der Kardinal über seinen Mangel an Ehrgeiz Vorwürfe gemacht , ihn wiederholt seiner Antipathie versichert und ihn davor gewarnt habe . Dessen erinnere er sich jetzt . Damals aber habe die an ihm verübte Tat ihn schlimmer als Mord , eine unmenschliche Ungerechtigkeit , eine höllische Grausamkeit gedeucht . Am tiefsten habe ihn getroffen , daß sie vom Herzog ungeahndet geblieben sei . Die Gleichgültigkeit des regierenden Bruders habe sein Herz gebrochen , und er habe nur noch an Rache gedacht . Jetzt aber sei ihm lieber , daß diese mißlungen sei , als daß neues Blut an seinen Händen klebte , zumal das vergossene Blut seiner Brüder , seines Fürsten ! Don Ferrante dagegen , erzählten sich die Ferraresen , habe zwar ebensowenig geleugnet , aber nach seiner zynischen Art nicht nur das Gericht , sondern auch die Hoheit des Herzogs und den Kardinal mit Schimpf und Hohn überschüttet . Jenen habe er einen engen Hirnkasten , diesen einen Philosophen des Verbrechens genannt . Dann habe er an das Gericht das Ansinnen gestellt , ihm aus seinen konfiszierten Schätzen Purpur und Gold zu einem kostbaren Hofnarrenkleide mit einer Schellenkappe auszuliefern und durch den Hofschneider dieses tolle Gewand für ihn anfertigen zu lassen . Denn es sei , so begründete er seine Bitte , der Narr , welcher von jeher in ihm gekauert , in die Tagesklarheit herausgebrochen , und diese seine intime Persönlichkeit wünsche den Sprung ins Nichts in gebührendem Gewande und mit Schellengeläute zu vollziehen . Dies Gesuch wurde ihm aus Rücksicht auf den Herzog verweigert . Ganz andre Bitten habe Don Giulio gestellt . Dieser habe sich im Kerker so schlicht benommen , wie vor Gericht . Zuerst habe er wie ein Kind geweint , bis der Quell der Tränen völlig versiegt war . Dann , nachdem er lange Tage seinen Bruder ertragen , dessen gottlose Lästerungen und grelle Possen ihn bis zur Qual angriffen und ermüdeten , habe er um ein eigenes Gelaß gebeten und um die Gesellschaft seines Beichtigers , des Paters Mamette von Pratello . Das sei ihm gewährt worden . Nun lasse er sich von dem Franziskaner , der seit Jahren , aber früher vergeblich , an seinem Gewissen gerüttelt , auf ein christliches Ende vorbereiten , das er eher ersehne , als fürchte , da , wie er sage , das einzige Licht , das ihm in seine Nacht heruntergestreckt werden könne , das ewige sei . Und er tat wohl daran , sich auf den Tod gefaßt zu halten . Die Richter hatten nach dem in Ferrara gültigen römischen Recht , welches das Majestätsverbrechen mit dem Tode bestraft , einstimmig das Urteil gesprochen zu Block und Beil in Ansehung des hohen Ursprungs der Schuldigen . Aber der Herzog zögerte noch , es vollziehen zu lassen . Er zögerte , doch niemand in Ferrara , der ihn kannte , zweifelte daran , daß der Aufschub der Hinrichtung nur eine Anstandsfrist von einigen Wochen sei . Dieses Hangen und Harren verursachte Don Giulio schlimme Tage und schlaflose Nächte . So wendete er sich wiederum an das Gericht mit dem Bekenntnis , die Geister des Dunkels mißbrauchten seine Blindheit , um seine Seele zu zerrütten , und mit der Bitte , ihm , um die langen Stunden zu täuschen , eine Handarbeit zu erlauben , wie sie ein armer Blinder betreiben könne , ein Gewebe oder Geflecht oder etwas ähnliches . Da beauftragte das Gericht den Kerkermeister , von Pratello ein paar Wellen Stroh bringen zu lassen , wie man es zum Flechten von feinen Matten verwendet . Nun zogen eines Tages vor den ergötzten und gerührten Augen der Ferraresen ein Dutzend Bauern von Pratello in ihrem Festgewand , die Schulter mit Garben des feinsten und glänzendsten Strohes beladen , ernsthaft durch die Straßen Ferraras nach den Kerkern im Schlosse , wo ihre Gaben zwar in Empfang genommen , sie selbst aber zurückgewiesen wurden mit einziger Ausnahme des Findelkindes Strappovero . Diesen Jungen nämlich behielt der Kerkermeister , damit er Don Giulio flechten lehre . So hatte der Blinde wieder Gesellschaft , eine harmlosere als anfangs , mit der man ihn oft kindlich lachen hörte . Aber nur für kurze Zeit . Sobald er die leichte Kunst ergriffen hatte , schloß der Kerkermeister den von Don Giulio reich belohnten Jungen aus dem Gefängnis . Dieser aber sperrte sich dagegen wie ein Verzweifelnder und klammerte sich an die Gitterstäbe , ein jämmerliches Geschrei erhebend , so daß er einen kleinen Auflauf des Mitleids verursachte in dem stillen und wohlgehüteten Ferrara . Es war unglaublich , wie die Leute von Pratello ihren geblendeten Herrn zu lieben begannen ! Sei es , daß sie seine vergangenen Übertretungen für reichlich gesühnt hielten , sei es , daß für sie auf dem dunkeln Hintergrunde seines Unglücks das Grundbild seines warmen und ehrlichen Gemütes fesselnd und blendend hervortrat . Allen diesen aufregenden Ereignissen war die Hauptperson am Hofe des Herzogs , der größte Schuldige aber in den Augen des Volkes , vollständig fern geblieben ; denn es war Wahrheit , der mächtige Kardinal rang im Dämmer eines Krankenzimmers mit seinem Gewissen und dem Tode . An jenem Unglücksabende in Belriguardo , da Don Giulio das blutende Haupt in den Purpur des Kardinals vergrub , die erschrockenen Gäste auseinanderstoben und der erste Windstoß durch die Wipfel fuhr , hatte Ippolito nach seinen Dienern und seinen Pferden gerufen , sich auf seinen Leibhengst geworfen und war , Belriguardo verlassend , wo er sich für längere Zeit eingerichtet hatte , unter den sich kreuzenden Blitzen des Gewitters , ohne sich nach dem Gefolge und den stürzenden Pferden umzusehen , nach Ferrara geflohen . Dort in seinem Stadtpalaste im Fackelschein der Halle fiel sein Blick auf seinen von den verwüsteten Augen des Bruders befleckten Purpur , den die Gewitterströme nicht hatten rein waschen können , und ein Schauder schüttelte sein Gebein ! Er aber raffte seine Geister zusammen und verschloß sich in seine Kammer . Er verfiel in bleiernen Schlaf , der gegen Morgen in unheimliche Fiebergefühle überging . Dennoch verließ er das Lager und begann wie sonst seine Tagesgeschäfte . Er erzwang es , sie zu verstehen und zu beherrschen wie zu andern Zeiten . So trieb er es eine Weile . Kein Verhaftbefehl erschien , ebensowenig der Herzog selber . Täglich wuchs seine Ungewißheit und seine Unruhe . Ihn ekelte vor jeder Speise , ihm graute vor den Kissen seines Lagers ; denn seine Nächte wurden immer schauerlicher und seine Träume jagten auf immer wilderen Rossen . Es kam eine Sonne , die ihn nicht mehr zu vollem Bewußtsein aufweckte . Er fuhr ein in einen dunklen Schacht , der sich mit flackernden , sich drängenden Visionen bevölkerte . Da schritt ein feierlicher Zug . Je zwei und zwei ! Männer und Weiber ! Das sind die vielen , vielen Opfer seines unerbittlichen und unersättlichen ferraresischen Ehrgeizes mit den minder zahlreichen seiner seltenen , aber rasenden persönlichen Begierden . Da gehen ermordete Boten , verschwundene Gefangene , erdrosselte Zeugen und jetzt nebeneinander zwei schöne , traurige Frauen , die blonde mit triefenden Haaren , geschwollenem Hals und auf dem Rücken gefesselten Armen , die Dunkle mit einer blutenden Herzwunde . Aber während diese alle je zu zweien schritten , wandelte allein in der Mitte des gräßlichen Zuges ein Riese mit blutigen leeren Augenhöhlen . Da plötzlich ergoß sich eine blendende Helle , ein stechend blauer Himmel breitete sich aus , in dessen Mitte eine ungeheure Wage schwankte . Sie schwankte lange . Da wuchsen , immer deutlicher werdend , aus dem Himmel zwei große Augen hervor und ließen rote Tränen in die eine Waagschale fallen , deren Becken mit metallenem Klang in die Tiefe stürzte , die andere Schale wie einen Federball hoch in die Lüfte schleudernd . Endlich verschwand ihm alles in Angst und Nacht . Eines Morgens , nach Monaten , erwachte er mit bis auf das letzte Mark verzehrten Kräften , aber trotz seiner Todesschwäche mit völlig klaren Sinnen . Da sah er neben sich seinen Bruder , den Herzog sitzen , der ihn mit besorgten Blicken behütete . » Wo bin ich ? Was geschah mit mir ? « hauchte der Kranke . Der Herzog erwiderte vorsichtig , die Sommerhitze und vielleicht die Sumpfluft in Belriguardo habe , wie die paduanischen Arzte behaupten , dem Kardinal ein verderbliches Fieber zugezogen . Gleichzeitig entdeckte der Kranke mit seinen wieder schärfer werdenden Augen in einer Fensternische zwei sich zusammen beratende würdige Männer im dunkeln Professorentalar , von denen er sich erinnerte , daß sie unter seine Traumgestalten getreten waren . » Eminenz ist gerettet ! « sagte jetzt der eine und der andre nickte zustimmend mit dem Haupte . » Ich danke den gelehrten Herrschaften für ihren Beistand « , flüsterte Ippolito mit versagender Stimme , » und ersuche sie , mich eine kurze Weile mit der Hoheit des Herzogs allein zu lassen . « » Einen Moment ! « erinnerte der eine der Paduaner und erhob warnend den Finger . Beide verließen die Kammer . » Was war es in Belriguardo ? Ist es wahr , habe ich den Bruder geblendet ? « Der Herzog bejahte betrübt . » Lebt er ? « Wiederum bejahte der Herzog . » Sieht er schrecklich aus ? « » Ich habe ihn nicht mehr gesehen . Zuerst weil ich nur an dich dachte , und dann , weil er mit Ferrante sich gegen uns verschwor , da er sich rächen wollte . « » Und du entdecktest das ohne mich ? « » Man verriet sie . Sie liegen beide im Turme zum Tode verurteilt . « Jetzt wurde leise die Tapete gehoben , und eine ärztliche Stimme bat mit Ehrfurcht um Beendigung des ersten Gespräches . Der Herzog küßte die herabhangende Hand des Bruders mit Zärtlichkeit ; denn nicht nur liebte er den Bruder , die Rettung Ippolitos gab ihm auch den unentbehrlichen Ratgeber zurück . » Es ist ein kalter Novembertag « , sagte er , sich erhebend . » Ich gebe Befehl , Feuer in deinem Kamine anzufachen . « So geschah es . Der Kardinal starrte in die steigende Glut . » Lodert auf , ihr Flammen und Peinen ! « seufzte er und sank in Schlummer zurück . Der Kranke erholte sich langsam , oder eigentlich , er erholte sich nicht , denn seine Kraft war gebrochen . Täglich wurde er von Don Alfonso besucht und erhielt nun auch von den Ärzten die Erlaubnis , die an ihn einlaufenden Briefe zu öffnen . Einen derselben hielt er einmal sinnend in der Hand , da der Herzog eintrat . Das Schreiben kam von dem Sforza in Mailand , Ludovico Moro , und hatte einen merkwürdigen Inhalt , den Ippolito dem Bruder nicht vorenthielt . Der Fürst bot dem längst ihm befreundeten Kardinal sein Mailand zum Asyl an . Er redete zu ihm mit Bedauern , aber ohne Vorwurf von dem blutigen Vorgange in Belriguardo , welcher ihm , nach seinem Dafürhalten , ein längeres Bleiben in Ferrara und an der Spitze der dortigen Staatsgeschäfte unmöglich mache ; denn es habe sich wunderbarerweise in einer Zeit , die der Gewalttaten nicht entraten könne , ein unverständlicher Zorn über die Blendung Don Giulios an den italienischen Höfen erhoben . Dagegen gebe es nun keine Waffe , und er erwarte ihn bei sich auf seinem Kastell in Mailand . Er wisse , daß Ippolito die Hoheit des Herzogs seines Bruders und die Politik Ferraras durch seine Gegenwart nicht schädigen wolle , und auch in Mailand wären genug politische Verstrickungen , deren Lösung einer geschickten Hand , wie die seinige sei , bedürfe . » Der alte Fuchs hat recht « , sagte der Kranke ruhig . » Du wirst dich , Bruder , ohne mich behelfen müssen ! « Der Herzog erschrak . » Davon hoffe ich dich abzubringen « , antwortete er . » Wie sollt ich dich entbehren ! ... Oder ersetzen ? « » Durch deine Herzogin « , lächelte der Kardinal . Zu wiederholten Malen kam er mit dem Herzog auf die Unmöglichkeit zurück , daß er im ferraresischen Staatsdienste bleibe . » Ich wundere mich selbst darüber « , sagte er , » doch sehe ich aus meinen Briefen , daß ganz Italien annimmt , ich werde nach der Blendung Giulios nicht mehr bei dir , dem gerechtesten Fürsten Italiens , mich halten können , sondern freiwillig die Verbannung suchen , um es deiner Gerechtigkeit zu ersparen , mich zu bestrafen oder ungestraft zu lassen . Sterben wie ich mich fühle , gehorche ich der öffentlichen Stimme . Aber so lange will ich noch leben und bleiben , bis wir den Dämon wieder gefesselt oder vernichtet haben , der in Kürze Italien verstören wird . Alle meine Schreiben sind voll von Don Cesare . Aus Neapel , aus Rom , aus Frankreich wird mir berichtet , Cäsar rüttle an den Gittern seines Kerkers und habe sie zerbrochen . Ich weiß aus Erfahrung , daß ein Gerücht , das die Geister durch die Luft tragen und nicht müde werden auszustreuen , sich endlich verwirklicht . In dieser Gefahr werde ich noch neben dir stehen , dann gehe ich . « Endlich kam der Tag , da der Kranke sich erhob und Lust äußerte , am Arme eines Dieners seine Schritte zu versuchen . Dieser führte ihn in einen großen anstoßenden Saal , dessen kalte Fliesen man aus Vorsorge für den Kardinal mit feinen Strohteppichen belegt hatte . Während er , auf den Diener gestützt , Fuß vor Fuß setzte , haftete sein Blick auf der langen Strohmatte , über die er wandelte und deren reinliche und geschmackvolle Arbeit ihm auffiel . » Wo wurde das gekauft ? ... Wer hat das geflochten ? « fragte er . Und der Diener antwortete verlegen : » Beim Kerkermeister . Prinz Julius liebt solche Arbeit . « Da war es dem Kardinal , als sehe er feine königliche Hände webend über die Matten huschen . Zu seiner Rechten und Linken , vor ihm , neben ihm , allerenden webten und regten sich zu Hunderten die weißen , fleißigen Geisterhände . Ihm schwindelte und er fiel dem begleitenden Diener in die Arme . 9. Kapitel Neuntes Kapitel Es gab in dem ältesten und untersten Stockwerk des herzoglichen Stadtschlosses , das ein schweres , an mehrere Bauarten und Jahrhunderte erinnerndes Gebäude