schwachnervig . « » Ah – ich verstehe ! « Sie traten hinaus auf den Vorsaal . In dem jungen Manne wogte ein nicht zu beschreibender Aufruhr . Seine Hände ballten sich wie im Krampfe , und der fieberhaft angstvolle Wunsch : » Nur keine Begegnung zwischen ihr und meiner Mutter ! « wurde mit jedem Schritt weiter in die dräuende Tiefe hinab zur inbrünstigen , gen Himmel gerichteten Bitte . 6. Ein tiefes Dämmern war hereingebrochen . Drunten in dem Hausflur mußte schon die Wandlampe brennen – ein blasser Schein lief die Treppenwand herauf ; er genügte gerade , um die Holzfiguren des Geländers ins Grauenhafte zu verzerren , den weiten , schwarzen Schlund eines ausgedienten Kamins und die Wölbung einer offenen Tür zu zeigen , die in den unergründlich dunklen Bodenraum eines Hintergebäudes führte und an welcher die Hinabsteigenden vorüber mußten . » Um Gottes willen , Felix , wie hältst du es hier in dieser Hexenküche auch nur für eine Stunde aus ? « flüsterte Lucile , die Augen furchtsam schließend , dicht an seinem Ohr . Er drückte beschwichtigend ihren Arm fest an sich . Sein elastischer Tritt war fast ebenso leicht , wie die huschenden Füßchen seiner Begleiterin , und doch seufzten die Stufenbretter in schreckhafter Weise und gerieten in schütternde Bewegung . Zu seiner großen Beruhigung aber sah der junge Mann sehr bald durch das Geländer , daß der erleuchtete Hausflur vollkommen leer war , und keine der Türen offen stand – nur noch wenige Augenblicke , und er war aus der herzbeklemmenden , angstvollen Situation erlöst . In diesem Moment des heimlichen Aufatmens sprang plötzlich ein dunkler Körper tigerartig aus der unbeleuchteten Ecke der unteren Treppenwendung und schoß mit einem riesigen Satze dicht neben Lucile hin , um lautlos im oberen Stockwerk zu verschwinden – es war der verhaßte , große Kater , der in seinem Lieblingswinkel eine Abendsiesta gehalten hatte . Das junge Mädchen stieß einen gellenden Schrei aus , riß sich von ihrem Begleiter los und lief wie toll die Treppe hinab . Sofort öffneten sich verschiedene Türen . Aus der einen trat die Amme , den kleinen Veit im Arme , durch die breite Spalte der Küchentüre guckten die Köpfe zweier Mägde , und auf der Schwelle der » Amtsstube « stand die Majorin , vollbeleuchtet von der schräg gegenüber hängenden Wandlampe . » Was gibt ' s ? « fragte sie in ihrem gewohnten kurzen , herrischen Ton , ohne die Türstufe zu verlassen . Felix war der jungen Dame nachgesprungen und hielt die an allen Gliedern Zitternde in den Armen . » Beruhige dich , Lucile ! – Wie magst du dich über eine harmlose Katze dermaßen erschrecken ? « » Oh – eine Katze ? – Wer ' s glaubt ! « stammelte sie , Zorn und halbverschluckte Tränen in der Stimme . » Dieses entsetzliche , alte Klosternest ! – Mönchsseelen sind ' s , die in den Ecken hocken und einem den Tod einjagen ! « Die Mägde kicherten , und die Amme kam ungeniert herbei , um die furchtsame Dame näher anzusehen , die den alten Hauskater für ein Mönchsgespenst hielt . – Diese dreiste Ungehörigkeit , die auch die anderen Mägde ermutigte , aus der Küche zu treten , war nicht zu dulden . Die Majorin verließ die Schwelle , durchmaß mit raschen , festen Schritten den Hausflur , schob die erschrockenen Mägde in die Küche hinein und schloß hinter ihnen die Tür . » Und Sie gehen augenblicklich in die Schlafstube zurück , wo Ihr Platz ist , Trine ! « gebot sie , und die widerstrebende , frech stehenbleibende Person ohne weiteres mit kraftvollen Händen an den breiten Schultern fassend , dirigierte sie dieselbe nach dem verlassenen Zimmer . Der Hausflur war leer . » Und nun mache dem Skandal ein Ende ! « sagte die Majorin zu ihrem Sohne und zeigte gebieterisch nach dem Ausgang . Jetzt erst sah er , wie ihr totenbleiches Gesicht in Grimm und Schmerz förmlich versteinert war – dieser Anblick erschütterte ihn in tiefster Seele . » Mama ! « rief er in flehentlicher Bitte . » Wie , Felix , ist das deine Mama ? « fragte Lucile , sich erstaunt aus seinem Arm windend , und blickte mit großen Augen zu der Frau empor , die , ein so prachtvolles Haardiadem über der weißen Stirne , so modern elegant gekleidet , in imposanter Schönheit neben dem Sohne stand . » Geh , ich bin böse , Felix ! Du hast mir nie gesagt , daß du ein so wunderhübsche Mama hast – ich habe Sie mir nie anders als mit krummem Rücken und einer großen Haube auf dem Kopfe denken können , Madame ! « Sie lachte belustigt auf – das Mönchsgespenst war vergessen . » Oh , wie ganz anders sehen Sie aus ! So präsentabel , so sehr stolz und vornehm ! ... Und da hat mir Felix weismachen wollen , Sie seien durchaus nicht dazu angetan , einen Gast wie mich zu empfangen ! « » Er hat die strikte Wahrheit gesagt , Fräulein , « versetzte die Majorin mit eisiger Kälte , und sich gemessen abwendend , sagte sie mit einer leichten , aber bedeutungsvollen Neigung des Kopfes nach der jungen Dame hin , zu ihrem Sohne : » Der beste Beweis meiner heutigen Aussprüche ! ... Als mir der ungebetene Besuch in meinem Zimmer angezeigt wurde , da kam mir der lebhafte Wunsch , von meinem guten Recht in nicht sehr sanfter Weise Gebrauch zu machen . Aber ich sagte mir , daß einem Manne von Ehre , der auf Wahrung der Frauenwürde und Anstand hält , von selbst die Augen aufgehen würden bei einer solchen beispiellosen Dreistigkeit ... Hoffentlich bist du für immer geheilt ! ... Jetzt gehe ! Und kommst du allein zu mir zurück , dann – soll alles vergeben und vergessen sein . « Die letzten Sätze sprach sie mit erhobener Stimme , und in den strengen Befehlston mischte sich ein Klang , den Felix noch nie von diesen Lippen gehört hatte , die Bitte eines angstzitternden Mutterherzens . Während sie sprach , hatte Lucile vergeblich versucht , den Schleier zurückzuschlagen , – die große , goldene Hutnadel hatte ihn gefaßt , er lag festgespannt über dem Gesicht – sie fühlte das brennende Verlangen , der imponierenden Frau mit dem bitterernsten Gesicht zu zeigen , wie schön sie sei ... Bei diesen Bemühungen hörte sie anfänglich nur mit halbem Ohr auf das , was die Majorin sagte – ein Verständnis dafür hätte sie aber auch bei ungeteilter Aufmerksamkeit absolut nicht gehabt . Sie , die Gefeierte , Vergötterte , um die sich die aristokratischen Gäste im eleganten Salon der Mama huldigend drängten , sie , das Schoßkind des Glückes , auf dessen Wink die Dienerschaft flog , das daheim unter einem rosa-atlassenen Betthimmel schlief , sie hätte sich doch nicht träumen lassen , daß sie hier in dieser niegesehenen spießbürgerlichen Umgebung eine Niederlage erlitte , wie sie demütigender nicht gedacht werden konnte ! ... Bei den letzten , mit so großem Nachdruck gesprochenen Worten der Majorin aber fuhr sie plötzlich empor ; ihre Hände sanken von dem widerspenstigen Schleier nieder , sie schob ihren Arm in den ihres Begleiters und schmiegte sich weich und geschmeidig wie ein schmeichelndes Kätzchen an seine hohe Gestalt . » Was hat denn mein armer Felix verbrochen , daß Sie von Vergeben und Vergessen sprechen ? « fragte sie . » Und allein soll er wiederkommen ? – Das geht nicht , Madame ! ... Er führt mich jetzt in den Schillingshof , und dort , in dem wildfremden Hause kann er mich doch unmöglich allein lassen – das werden Sie einsehen . « – Der ganze Übermut , der in ihrem frischen , heißen Blut mitschäumte , das unzerstörbare Selbstbewußtsein des von der Natur mit kostbaren Gaben überschütteten Menschenkindes sprachen aus der graziös trotzigen Gebärde , mit der sie in diesem Augenblick den reizenden Lockenkopf hob . » Ich erlaube es ihm auch gar nicht , müssen Sie wissen – und es bleibt ihm auch keine Zeit . Wir werden uns sofort trauen lassen , wo und in welcher Kirche , ob hier , oder in England – gleichviel – es muß eben sofort geschehen , weil wir uns um jeden Preis der Mama gleich als Mann und Frau vorstellen müssen – dann hat ihr Einspruch keine Macht mehr . « Ein rauhes Auflachen ließ sie zusammenschrecken . Sie hatte bis dahin den Rat nicht bemerkt , der in dem tiefdämmernden Amtszimmer , unweit der offenen Tür gestanden und die Vorgänge in dem Hausflur mit gespanntem Interesse verfolgt hatte . Nun war er um einen Schritt näher in den hellen Lampenschein getreten ; den linken Fuß vorgestreckt , die Arme unterschlagen , und den Ausdruck des verhallenden Hohngelächters noch auf dem schmalen , geistreichen Gesicht , stand der schlanke , hochgebaute Mann in spöttischer Überlegenheit an der Schwelle , als mache er sich lustig über die Narrheit der ganzen Welt . Lucile klammerte sich fester an den Arm des jungen Mannes . » Ach , Felix , komm , – wir wollen gehen ! « drängte sie mit ängstlich klagender Stimme vorwärts ; aber die Majorin streckte ihr zurückweisend den Arm entgegen . Diese Bewegung war eine vollkommen ruhige , gebieterische , wenn auch der unnatürlich flimmernde Glanz der weitgeöffneten Augen von einem gewaltigen inneren Sturm zeugte . » Ich möchte nur das eine wissen , « – sagte sie kurz und gepreßt , als koste es sie namenlose Überwindung , das Mädchen anzureden ; – » sind Sie im Ernste so harmlos , zu denken , es stehe einzig und allein Madame Fournier die Macht zu , Einspruch zu tun ? « » Aber ich bitte Sie – wem denn sonst ? « rief die junge Dame wie aus den Wolken gefallen . » Papa und Mama sind in aller Form geschieden – Herr Fournier hat auch nicht das allermindeste Anrecht mehr an mich . Ich würde ihm auch nicht gehorchen ; er verdient es nicht – er hat eines Tages Mama heimlich verlassen . « » Klassische Bühnennaivität ! « scholl es sarkastisch vom Amtszimmer her , während die Majorin sich abwandte , als habe ihr das zierliche , sylphenhafte Wesen mit der zarten Hand einen Faustschlag in das Gesicht versetzt . » Vergib , Mama , und – lebe wohl ! « sagte Felix in bebenden Tönen , aber auch mit voller Entschlossenheit , um dem Auftritt , der auf einen furchtbaren Zusammenstoß hinauszulaufen drohte , ein rasches Ende zu machen . » Also direkt in die Ehe , Herr Referendar ? « lachte der Rat herüber . Der junge Mann erwiderte keine Silbe , nicht mit einem Blick streifte er den Sprechenden . Bitter lächelnd ließ er die Rechte sinken , die seine Mutter zurückwies . » Sieh mich an ! « gebot sie , sich gewaltsam bezwingend . » Sieh mich an ! « Das war einst die Formel gewesen , mit der sie die Sünden des heimlichen Versemachens , des verbotenen Komödienspielens mit anderen Kindern auf dem Hausboden des Schillingshofes , aus dem weichherzig nachgiebigen Knaben herausgelockt hatte – und so kam ihr das geläufige Wort auch jetzt wie unwillkürlich auf die Lippen . » Sieh mich an , Felix , und dann frage dich selbst , ob du mir , mir , eine Frau zuführen darfst , die – « » Mama , vollende nicht ! « unterbrach er sie mit tiefem Ernst . » Ich dulde nicht , daß ihr auch nur ein Haar gekrümmt werde ; noch weniger aber soll sie eine Beleidigung anhören , die ihr das arglose Herz vergiftet . « Zärtlich beschützend legte er seine Hand auf das braunlockige Köpfchen , das sich mit furchtsamem Seitenblick nach dem unheimlichen Amtszimmer an seine Brust gelehnt hatte . Dieser Anblick war nicht zu ertragen . In die natürliche mütterliche Eifersucht mischte sich die gekränkte Eigenliebe einer selbstsüchtigen Frauennatur , die selbst vom Sohne herrisch verlangte : » Du sollst nicht andere Götter haben neben mir ! « Es war nicht allein mehr die verachtete Tänzerin , es war weit eher noch das schöne , an seinem Herzen ruhende weibliche Wesen , das sie mit unauslöschlichem Haß verfolgte – zu ihrem eigenen Befremden – bis dahin hatte ihr der Gedanke an eine Wahl ihres Sohnes das Herz nicht berührt . Und nun dieser furchtbare innere Sturm , der ihr den letzten Rest äußeren Gleichmutes raubte ! ... Sie wußte , daß hinter jeder Tür gespannte Ohren , an jedem Schlüsselloch wißbegierige Augen lauerten ; sie mußte sich sagen , daß morgen die Familienszene in dem Hausflur des Klostergutes durch das Gesinde nach allen Richtungen in die Welt hinausgetragen wurde , und doch gab sie sich der Leidenschaft hin , die ihre Stimme erschütternd anschwellen , ihre Gebärden furchterweckend machte . » Da sieht man , wie schnell ein Kind seine Mutter verläßt ! « rief sie mit zuckenden Lippen . » Bei so schwarzem Undank muß jeder Frau der Wunsch vergehen , einem Kinde das Leben zu geben ! Habe ich deshalb die Nächte an deinem Krankenbette verwacht , nur deshalb dich mit Mühen und Opfern großgezogen , damit ich der ersten besten , jungen Kreatur weichen muß , die die Kinderschuhe kaum ausgetreten hat ? ... Wenn auch nur ein Funke von Dank , von Rechtsgefühl in dir lebt , so hältst du zu mir – ich will keine Tochter ! « In scheuer Bestürzung streifte der Blick des jungen Mannes die empörte Mutter – bei dieser plötzlich und maßlos hervorbrechenden , ungerechtfertigten Eifersucht , dieser unerhörten Beschlagnahme des ganzen Menschen , als ihres angeketteten Eigentums , mußte er an seinen unglücklichen , verschollenen Vater denken ; der grenzenlose Egoismus seitens der Frau mochte die Ehe gesprengt haben ... Diese Überzeugung stählte seine Widerstandskraft . » Dein Appell an meine Kindespflicht ist weit härter und ungehöriger , als wenn du verlangtest , ich solle mir aus Liebe zu dir die Augen ausstechen lassen – « » Phrase ! « rief der Rat herüber . » Wie kannst du mich noch einmal einer Wahl gegenüberstellen , die längst entschieden ist ? « fuhr er , den höhnischen Einwurf vom Amtszimmer her völlig ignorierend , mit gesteigerter Stimme fort . » Lucile hat sich unter meinen Schutz gestellt – ich habe zu ihr zu halten von Gott und Rechts wegen ! Oder willst du mich zum Schurken machen , der ein liebevoll vertrauendes Mädchen hilflos in Nacht und Nebel hinausstößt , damit er am warmen , geschützten Herd der Mutter bleiben darf ? ... Mutter ! « bat er nochmals weich und flehend . » Wenn du ihr die Aufnahme verweigerst , so verlierst du deinen Sohn – « » Lieber gar kein Kind , als ein entartetes . « » Aber ich begreife dich nicht , Felix – wie magst du dich so quälen lassen ! « rief Lucile aufgebracht und entschlossen . Sie hatte längst den furchtsam hingeschmiegten Kopf erhoben , und ihre Augen funkelten in grünspielendem Feuer durch das Schleiergewebe . » Madame , Sie sind eine herzlose Frau ! « » Lucile ! « unterbrach sie der junge Mann erschrocken , indem er sie an sich zu ziehen suchte . » O nein , Felix , lasse mich ! Das muß gesagt sein ! « – rief sie und schob seine Hände zurück . – » Es ist zu lächerlich , zu unglaublich ; aber ich sehe und höre es doch mit meinen eigenen Augen und Ohren – und da muß es wohl so sein ! ... Madame , Sie bilden sich offenbar ein , ich müsse es für eine Ehre halten , hier aufgenommen zu werden – großer Gott ! – in diesem Hause ! ... Und wenn Sie mir alle Schätze der Welt versprechen wollten , ich bliebe nicht bei Ihnen ! « – Sie zog ihren Hut zornig in die Stirne , bei welcher Bewegung die steinbesetzten Armbänder am Handgelenk im Lampenlicht auffunkelten . » Sie haben mich vorhin eine junge Kreatur genannt – oh , ich muß sehr bitten , – so schilt man in unserem Hause nicht einmal die Spülmagd ! ... Danken wir Gott , Madame , daß mich die Großmama nicht in dieser Situation erblickt – sie würde Ihnen sofort klarmachen , welche von uns beiden sich herabläßt ! « Die Majorin starrte das Mädchen wortlos an , dessen jugendliche Stimme wie ein feingeschliffenes Messer ihr Gefühl berührte , und der Rat brach in ein schallendes Gelächter aus . » Oh , lachen Sie immerhin , mein Herr – ganz wie es Ihnen gefällt ! « rief die junge Dame erbittert hinüber . » Madame Lucian ist doch die Verlierende . Felix ist mein – wir lassen nicht voneinander ! « » Still , Lucile ! « gebot Felix und zog tieferblaßt , mit ernst verweilender Miene ihren Arm fest in den seinen . » Mama , dieses nicht zu billigende Auftreten meiner Braut hast du selbst hervorgerufen – du hast sie unverantwortlich gereizt . « » So mag sie gehen , die – Theaterprinzessin – « » Nicht ohne mich ! – Komm , mein Kind ! « Die Majorin hob unwillkürlich die Arme , und ihr Blick flog , wie Beistand suchend , nach ihrem Bruder hinüber . » Laß sie laufen , Therese ! Du verlierst nichts – sie sind beide keinen Schuß Pulver wert ! « rief er ihr brutal und verächtlich zu . Sie trat zurück und gab den Weg frei , und als ob die rohe Verurteilung seitens ihres Bruders sie urplötzlich beschämend aus ihrem Leidenschaftsrausch aufgerüttelt und ihr die kalte Besonnenheit zurückgegeben habe , streckte sie den Arm gegen den Ausgang hin und sagte mit unnatürlicher Ruhe zu ihrem Sohne : » Gut – du kannst gehen , mit wem , und wohin es dir beliebt ! – Nur sorge dafür , daß ein weiter Raum zwischen uns liegt ; denn ich will dich nie wieder sehen , nie ! – Selbst nach dem Tode nicht ! – Fort mit dir ! « Damit schritt sie rasch und ohne sich umzusehen , die Treppe nach dem oberen Stockwerk hinauf , während die Tür des Amtszimmers zuflog . » Gott sei Dank , daß wir diese Mördergrube im Rücken haben ! « sagte Lucile zu dem jungen Mann , der stumm und schwer atmend mit ihr den Vorderhof durchschritt . Ihre kindlich helle Stimme klang noch bitterböse , und die nach dem Hause zurückdeutende Hand ballte sich zur kleinen drohenden Faust . Aber sie duckte sich auch sofort wieder furchtsam nieder , denn noch waren sie im Bannkreis der » Mördergrube « , aus deren tiefen Fensterhöhlen sich jeden Augenblick noch der Knochenarm eines büßenden Mönches unendlich lang herüberstrecken und ihr Genick eiskalt berühren konnte ; noch trennte die hohe , finstere Mauer den Klosterhof von der offenen Straße , und seitwärts unter den dichtverschränkten Lindenwipfeln ballten sich die Schatten der Nacht zu hockenden Gestalten , – es rauschte leise von dorther wie verdächtiges Stimmengemurmel , und der Wasserstrahl des Laufbrunnens glitzerte durch das nächtliche Dämmerdunkel , wie ein breites , gezücktes Schlachtmesser . Die kleine Klosterpforte war rasselnd hinter ihnen zugefallen , und nun , ihre kleine Person in vollkommener Sicherheit wissend , blieb Lucile stehen . » Puh , was für Menschen ! « rief sie und rüttelte und schüttelte unter drollig trotzigen Gebärden die biegsame , seidenrauschende Gestalt , als wolle sie aus jeder Kleiderfalte den dicken Klosterstaub und von der Seele die häßlichen Eindrücke schütteln . » Armer Felix , du bist ja in einem wahren Zuchthause aufgewachsen ! – Eine schöne Verwandtschaft , das nimm mir nicht übel ! Und das nennt sich Mutter ! Und der schreckliche Mensch , der immer wie Samiel im Freischütz so teuflisch aus der Kulisse lachte – « » Mein Onkel , Lucile ! « unterbrach sie Felix nachdrücklich , wenn auch mit vor Aufregung halb erstickter Stimme . » Ach was ! – Für einen solchen Onkel danke ich ! « entgegnete sie ungeduldig . » Du bist viel zu gut und sanft , Felix ; du hast dir jedenfalls stets zu viel gefallen lassen , und nun sollst du nicht einmal heiraten , und die Frau Mama möchte dich alles Ernstes als alten Junggesellen ins Haus stiften , der ihr zeitlebens das Garn wickelt und beim Gemüseputzen hilft – oh , da sind wir auch noch da , Madame ! ... Was für eine hochmütige Frau ! Vermutlich , weil sie noch hübsch ist – bah , was nützt das bei solchem Alter ! Und alt ist sie , alt wie die Mama , die auch schon längst mit der Puderquaste die Löcher in der Haut ausfüllt ... Jung sein – ja , das ist die Hauptsache ; und wir sind jung , Felix , blutjung , gelt ? – Und darum beneiden uns die Alten . « Er antwortete nicht . Ihm , für den sonst die übermütige Silberstimme der Geliebten ein Quell berauschender Melodien war , ihm flog ihr Geplauder in diesem Augenblick unverstanden und wirkungslos am Ohre hin – der Schmerz über die stattgehabten Auftritte mit seiner Mutter und die schwere , unsäglich bange Sorge , wie es nun werden sollte , stürmten durch seine Seele . Sie gingen unter dem tief niederhängenden Gewitterhimmel hin , von dem sich bereits einzelne , schwer auf dem Pflaster zerschellende Regentropfen lösten . Ein heißer Brodem füllte die menschenleere Straße , an deren äußerstem Ende eben die erste Gasflamme auftauchte . Trotz der einbrechenden Nacht sah man hinter dem herrlichen , alten Eisengitter des Schillingshofes die bleiche Verschlingung der Landwege , die mächtigen Päonienbeete voll großgeöffneter , feuriger Blüten im Vordergrund des eleganten Rasenparterres ; sah man das prächtige Brunnenmonument mit seinen scheinbar unbeweglich stehenden , silbernen Wassersäulen , und dahinter , wenn auch halbverwischt , die Fassade des italienischen Hauses . Das war freilich ein anderer Eingang als auf dem Klostergute – so viel vornehme Ruhe , wie eben ein venezianischer Prachtbau , oder eine florentinische Villa um sich behaupten . Das Gittertor drehte sich geräuschlos in den Angeln , und das Fallen der Brunnenwasser kam als ein so weiches , melodisches Plätschern herüber , daß man daneben jeden vereinzelten , klatschenden Schlag der Regentropfen auf den großen Rizinus- und Rhabarberblättern , das Rieseln des Sandes hörte , den Luciles Schleppe streifte . Die junge Dame sog in tiefen Zügen die gewohnte vornehme Lebensluft ein – sie fühlte sich wieder in ihrem Element . Der schweigende Mann an ihrer Seite ging ihr viel zu langsam – sie hätte das Rasenrund umfliegen mögen , um so schnell wie möglich wieder Parkett unter den Sohlen und schwebende Lüster über dem Lockenkopf zu haben ... Da stockte ihr Fuß plötzlich – dicht am Wege , unter eine Taxushecke geduckt , kauerte ein kleines Mädchen . » Was tust du da , Kind ? « fragte die junge Dame . Es erfolgte keine Antwort . Felix bog sich nieder und erkannte in der Kleinen , die sich scheu noch tiefer in das dunkle Gebüsch wühlte , Adams Töchterchen . » Du bist ' s , Hannchen ? « sagte er . » Ist dein Vater wieder drin beim alten Herrn ? « – er zeigte nach dem Säulenhaus . » Ich weiß nicht , « stieß das Kind hervor – es rang unverkennbar mit einem Jammerausbruch . » Hat er dich hierhergeführt ? « » Nein – ich bin allein fortgelaufen . « – Sie weinte in sich hinein ; man hörte das keuchende Kämpfen der kleinen Brust . – » Die Großmutter versteht ' s nicht – sie sagt , ich sei dumm und schlecht , weil ich so was von meinem Vater dächte . « » Was denn , Kind ? « fragte Lucile . Die Kleine weinte laut auf ; aber sie antwortete nicht . » Die Großmutter wird es wohl auch besser wissen , Hannchen , « sagte der junge Mann beruhigend . – » Ist dein Vater ausgegangen ? « » Ja – und er war so rot . Die Großmutter zankte mit ihm , weil er nicht mehr beim gnädigen Herrn ist – er war aber still und hat nur gesagt , er hätte seine schlimmen Kopfschmerzen und wollte sich Tropfen in der Apotheke holen – und da wollte ich mitgehen , weil – « sie verstummte für einen Augenblick , in Tränen aufgelöst – » und das litt die Großmutter nicht ; sie war böse und hat mir Schuhe und Strümpfe ausgezogen , « stieß sie schließlich heraus . » Da bist du ohne Erlaubnis und barfuß fortgelaufen ? « fragte Felix . » Ich war nur in der Engelapotheke , « antwortete sie , die direkte Frage umgehend , während sie die nackten Füße unter das kurze Röckchen zog ; – » aber sie sagten , der Vater sei gar nicht dagewesen . « » So war er jedenfalls in einer anderen – geh nach Hause , Hannchen ! « mahnte der junge Mann . » Dein Vater ist ganz gewiß schon wieder bei der Großmutter und wird sich um dich ängstigen . « Die Kleine rührte sich nicht von ihrem Platze und wandte nur zornig die Augen weg ; denn die Leute waren auch wie die Großmutter – sie » verstandenes nicht ! « Und nun gingen sie auch durchaus nicht fort und quälten sie , und sie mußte immer wieder sprechen und antworten . » Der Hausknecht muß gleich kommen ; er geht um die Zeit die Abendwege , « sagte sie mit angewendetem Gesicht , jetzt selbst im Tone die finstere Entschlossenheit verratend , die schon heute nachmittag das schmale , kluge Kindergesicht so herb und drohend gemacht hatte . » Deswegen bin ich hergelaufen ; der hat den Vater lieb – der sucht ihn mit mir . « » Aber es wird gleich regnen ! « rief Lucile . » Schau , es fallen schon große Tropfen . « – Sie schüttelte lächelnd den Kopf , als das Kind schweigend und unbeweglich in seiner kauernden Stellung verblieb und nur die nackten Ärmchen unter die Schürze steckte . » Was für ein trotziges , kleines Ding ! – Da , wickle dich hinein ! « sagte sie und warf ihr den Crepe-de-chine-Schal zu , der über ihrer linken Schulter hing ; aber das kleine Mädchen rührte keine Hand , um das kostbare , weiche Gewebe heranzuziehen ; es sah nur seitwärts darauf nieder , wie es auf dem roten Röckchen lag , zum größten Teil aber schneeflockenweiß den Kiesweg bedeckte und bereits von dem jetzt intensiver niedersprühenden Regen besprengt wurde . Und nun floh Lucile selbst , lachend und die Kleider zusammenraffend , dem Säulenhause zu ; denn sie wollte sich nicht mit » windelnassem Nixenhaar « statt ihrer herrlich rollenden Locken im Schillingshofe vorstellen . 7. Felix zog die Hausglocke , und die mächtige Rundbogentür unter der Säulenhalle tat sich geräuschlos auf . Früher hatte hier von der Decke der Flurhalle eine einfache Glasglocke mit der dürftigen Flamme eines Ollämpchens , an langer Kette tief niedergehangen ; ihr Schein hatte gerade hingereicht , dem spiegelnden Mosaikfußboden einen kleinen , blassen Reflex zu entlocken und den Weg in die dunklen Eingänge der Seitenkorridore zu zeigen – heute aber schrak das Auge zurück vor der Lichtflut , die den Lampentulpen der Wandleuchter entströmte . Feierlich sahen die ernsten , schönen Mädchengesichter der die Decke tragenden , schlanken Karyatiden hernieder ; feierlich vornehm klang der Schritt des in sehr reservierter Haltung hervortretenden Bedienten auf der hallenden Steinmosaik . Felix zögerte beklommen an der Schwelle . – Der einst notwendigerweise nach bürgerlich gemütlichem Zuschnitt geführte Haushalt im Schillingshofe , der ihn so sehr angeheimelt , hatte , in jäher Wandlung der äußeren Verhältnisse , sofort das aristokratische Gepräge wieder angenommen , das dem alten Geschlecht der Freiherren von Schilling von Rechts wegen zukam . » Ist Baron Arnold von Schilling zu Hause ? « fragte der junge Mann den Bedienten . » Ja , Felix ! « rief eine schöne , vollklingende Männerstimme aus dem nächsten Zimmer herüber , dessen Tür sich eben auftat . Der Sprechende trat heraus , aber er fuhr bestürzt zurück , als Lucile wie eine Libelle auf ihn zuflog . » Oh , cher Baron , was machen Sie für ein komisches Gesicht ! « lachte sie . » Genau wie Felix – der stand auch wie Lots Weib ! « Ihre lustig laute Stimme scholl wie Flötenton von den hohen , polierten Steinwänden der Flurhalle zurück . Unter ungeduldigem Aufstampfen mit dem Fuße begann sie abermals den Kampf mit dem widerspenstigen Schleier , und jetzt flog er in Fetzen herunter – das reizende Gesicht mit seinem pikantesten Ausdruck kam in mattweißer Frische wie eine Teerosenknospe zum Vorschein . » Grüße von Mama und Großmama bringe ich Ihnen selbstverständlich nicht , denn – « sie legte die Hand an den Mund , » der lustige Schalksstreich « durfte nicht auch von den Wänden widerklingen – » denn ich bin durchgebrannt , müssen Sie wissen . « Baron Schilling sah tiefbetroffen und forschend über ihren Kopf weg in das Gesicht seines Freundes , das so bleich und verstört erschien . » Kann ich dich und deinen Vater für eine halbe Stunde allein sprechen ? « fragte Felix ; in der fliegenden Hast , mit der er sprach , malte sich die ganze Bedrängnis seiner Seele . » Komm , der Papa ist noch in seinem Zimmer , « versetzte Arnold und wandte sich rasch nach den Gemächern seines Vaters . Felix zögerte . » Ich möchte dich bitten , vorerst Lucile bei deiner jungen Frau einzuführen . « » Bei meiner Frau ? « – Das klang überrascht , verlegen ,