diese grobe Berührung ersparte ? « Ein spöttisch ungläubiges Lächeln zuckte um seine Lippen . » Muß nicht eine Zeit kommen , wo Sie die Erinnerung an diese Flecken dennoch wie einen Makel empfinden werden ? « Seine feurigen Augen wichen nicht von ihrem Gesicht . Sie sah ihn mit stolzer Entrüstung an . » Hat Ihnen das Hofgeflüster auch zugeraunt , daß ich unwahr sei und zur Komödie neige ? « fragte sie bitter lächelnd zurück . » Soll ich Ihnen wirklich ausdrücklich die schmerzliche Tatsache bestätigen , daß mein Bruder , wenn auch als ehrlicher Mann – denn , Gott sei Dank , die Gläubiger sind befriedigt ! – so doch bettelarm von Haus und Hof gegangen ist ? – Wir können uns nicht mehr bedienen lassen , und daß dazu kein besonderer Aufwand von Entsagungen gehört , das weiß ich jetzt . Diese Flecken « – sie sah auf die geschwärzten Finger nieder – » lasse ich auch nur insofern als Makel gelten , als sie Zeugen meiner Ungeschicklichkeit sind . Aber auch das wird ja von Tag zu Tag besser . « Jetzt lächelte sie wieder mit ihrer sanften Heiterkeit , sah sie doch eine dunkle Glut in sein Gesicht steigen . Sie durfte ihn nicht noch strenger zurechtweisen , der ihren müden Liebling auf dem Arm trug . » Ich werde mich bald nicht mehr zu schämen brauchen , und gestern abend bei den verlachten Eierkuchen hätte ich getrost die strenge Beate zu Gaste laden dürfen – « » Ich bin überzeugt und leiste hiermit Abbitte ! « unterbrach er sie und neigte in sarkastischer Unterwürfigkeit sein Haupt . » Sie scheinen nicht bloß das Aschenbrödel , Sie sind es in Wirklichkeit . Ein Mann kann sich freilich schwer in eine solche Situation hineindenken , aber einen pikanten Reiz mag es schon haben , augenblicklich in der grauen Puppenhülle zu verschwinden , um später mit strahlenden Flügeln in Sonnenhöhe aufzusteigen . « Sie preßte die Lippen aufeinander und schwieg , weil sie wußte , daß sie sich vor ihrer eigenen Stimme entsetzen würde , wenn sie auch nur mit einem einzigen Worte ein Thema berührte , das sie tief verschwiegen in der Brust trug , und welches er immer wieder hartnäckig , mit einer Art von Verbissenheit aufnahm . Sie trat seitwärts , um ihm den Weg freizugeben , und er schritt weiter . Sie gingen an der Schattenseite , unter überhängenden Buchenzweigen hin . Man hörte eine Zeitlang nur die Schritte des kräftig ausschreitenden Mannes und das Hufeklappern des geduldig nebenher gehenden Pferdes , bis die kleine Elisabeth das drückende Schweigen mit einem Schmeichelnamen für den » guten , braven Fuchs « unterbrach . » Es hat auch nicht die geringste Ähnlichkeit mit seiner brünetten , spanischen Mutter , dies kleine deutsche Blondchen « , sagte Baron Lothar , während er in das reizende Kindergesicht sah . » Sie hat die Altensteiner Augen . Wir haben in Neuhaus das Bild unserer Urgroßmutter , die bekanntlich eine Altensteiner gewesen ist . Ein so wilder Junge ich auch war und so wenig Interesse die steifen Porträts an den Wänden für mich hatten , vor jenem schönen großen Ölbild bin ich doch stets stehen geblieben , wenn unsere Staatszimmer oben einmal ausnahmsweise zugänglich waren . › Die Lilie des Tales ‹ hat sie der damalige Herzog Ulrich genannt . Aber sie ist eine scheue Frau gewesen , die nie wieder zu Hofe gegangen ist , seit ihr Seine Hoheit einmal allzu feurig die Hand geküßt hat . « Wieder war es still und in das Knirschen des Steingerölls unter den Tritten der Dahinschreitenden mischte sich jetzt auch das Piepen und Zwitschern in einem Vogelnest über ihren Häuptern . » Kleine Vögelchen sind auf dem Baume , ich weiß es , Heinemann hebt mich immer hoch und läßt mich in das Nest sehen « , sagte die Kleine mit einem begehrlichen Blick nach oben . Er lachte . » Das ist zu hoch , kleiner Schelm , da hinauf können wir nicht ! Aber sieh , wie die blauen Augen auch funkeln können ! Ich glaube nicht , daß sich das sanfte Sternenlicht in den Augen meiner schönen Urgroßmutter je so verwandelt hat . Bei den Neuhäuser Gerolds ist der Frauenkopf mit dem aschblonden Lockenhaar nicht wieder aufgetaucht , keine der weiblichen Nachkommen hat das Gesicht geerbt , so viele Töchter auch in Neuhaus gefreit worden sind . Ich meinte deshalb immer , die Frau sei einzig in ihrer Art gewesen . Erst später , viel später überzeugte ich mich , daß jenes Gesicht Erbeigentümlichkeit der Altensteiner sei . Es war an unserem Hofe . Ich war mit dem Herzog auf der Jagd gewesen und wir kamen spät , gerade in dem Augenblick in den Salon der Herzogin-Mutter , als eine neue Hofdame an den Flügel trat , um › Das Veilchen ‹ von Mozart zu singen . « – Er bog sich vor , um ihr in das Gesicht zu sehen . – » Sie erinnern sich selbstverständlich des Abends nicht ? « Sie schüttelte mit einem lebhaften Erröten den Kopf . » Nein . Ich habe › Das Veilchen ‹ so oft singen müssen , daß sich keine besondere Erinnerung für mich daran knüpft . « Er hatte für einen Augenblick den Schritt angehalten , aber nun ging es in beschleunigtem Tempo wieder vorwärts . Nicht lange mehr , da schimmerte das bunte Blumenfeld des Gartens durch das lichter werdende Unterholz , und das Gebell des Hundes klang herüber . Herrn von Gerold mochte doch nachträglich das plötzliche Erscheinen seiner Schwester in der Glockenstube und ihre hastige Frage nach dem Kinde nachdrücklicher zum Bewußtsein gekommen sein , er hatte wohl auch ihr ängstliches Rufen , gehört und sich schließlich selbst aufgemacht , zu suchen , denn er kam jetzt eilenden Schrittes daher , und zwischen den Eibenbäumen des Garteneinganges bog sich scheu ein mit Kompressen umwickelter Frauenkopf in der Nachthaube – Fräulein Lindenmeyer hatte sich in ihrer Herzensangst selbstvergessen bis an die äußerste Grenze des Grundstückes gewagt , jetzt freilich rannte sie beim Erblicken der hohen , fremden Männergestalt , mit fliegenden Röcken und das Schaltuch schleunigst über den Kopf geworfen , nach dem Hause zurück . Noch vor wenigen Tagen würde Herr von Gerold an dem Neuhäuser fremd und unberührt von irgend einem verwandtschaftlichen Gefühl vorübergegangen sein , gestern aber hatte Baron Lothar seiner Schwester einen ritterlichen Dienst geleistet und heute trug er ihm sein vermißtes Kind entgegen . Er eilte deshalb mit dem Ausdruck warmen Dankes auf ihn zu , und nach einigen erklärenden Worten von seiten Klaudines schüttelten sich die beiden Männer herzlich die Hände . Und Baron Lothar machte durchaus keine Anstalten , das Pferd wieder zu besteigen und seines Weges zu reiten , nachdem Herr von Gerold ihm die Kleine abgenommen . Er schritt im Gespräch zwischen den Geschwistern weiter und weiter bis zur Gartentür , und da nahm er Herrn von Gerolds Einladung , näher zu treten und sich den interessanten Wachsfund anzusehen , ohne Zögern , als ganz selbstverständlich an . Klaudine eilte den anderen voraus nach dem Hause . Auf der Türschwelle wandte sie sich noch einmal zurück , sie mußte lächeln . Baron Lothar hatte von König Drosselbart und Aschenbrödel gesprochen und war sie nicht in der Tat wie im Märchen , die heutige Wandlung ? Dort schritt er in schlichtem Rock und führte sein Pferd an Heinemanns für den Handel gezogenen Blumen hin , ängstlich darauf achtend , daß die Hufe keines der nutzbringenden Blütenblättchen berührten , er , dessen ritterliche Gestalt sie bei Hofe zuletzt von einem Glanz umflossen gesehen , wie er nur selten einem Sterblichen zuteil wird – und sie , das damalige sogenannte Hätschelkind der Herzoginmutter , das gleichsam wie auf Samt gegangen war und von keinem rauhen Lüftchen angeweht werden durfte , sie eilte jetzt die dunklen , ausgetretenen Steinstufen hinab , um einige der wenigen Flaschen Wein , die noch von der Großmama her im Kellerwinkel lagen , für ihn heraufzuholen . Er führte sein Pferd in eine kühle , schattige Ecke der Kirchenruine und band es an einen starken Holunderbaum . Dann betrat er das Haus . In den Wachskeller warf er nur einen flüchtigen Blick , man sah , die prosaische Hinterlassenschaft der Nonnen war es nicht , was ihm das Eulenhaus plötzlich in einem interessanten Lichte zeigte . Klaudine stellte ein Tischchen mit Flasche und Gläsern und einem frischen Blumenstrauß draußen neben die Glastür , die aus dem Wohnzimmer ins Freie führte . Da stand , hart an der Mauer des Zwischenbaues , der letzte Ausläufer einer ehemaligen Allee , eine uralte Steinlinde mit nahezu abgestorbener Krone . Der einzige Ast , in dem noch der Saft flutete , reckte sich über das Geländer herein , er aber strotzte von jungem , kräftigem Laub und bildete mit einem ausgespannten schmalen Zeltdach eine schattige Ecke . Man sah von da aus zwei schlanke , einsam in die Lüfte ragende Pfeiler , die letzten der herrlichen , die einst das Mittelschiff der Kirche getragen , und hinter ihnen wölbte sich ein scheibenloses Spitzbogenfenster in der östlichen Seitenmauer . Duch die anderen Fenster zwängte der im Lauf der Jahre dicht an das Gemäuer herangerückte Wald sein Geäst , und von seinem Boden herauf kroch luftiges Geranke . Die Pfeiler und der Fensterbogen dagegen umfaßten ein schmales , umdunkeltes Stück Waldwiese draußen , ein stilles , grünes Eiland , über welches das Wild sorglos hinwandelte . Mit verschränkten Armen trat Baron Lothar an das Geländer und sah in die reizvolle Aussicht hinein . » Auch deutscher Wald ist schön « , sagte Herr von Gerold , der Vielgereiste , mit seiner milden , weichen Stimme neben ihm . » Was ? « fuhr der Angeredete herum . » Auch ? Ich sage , nur deutscher Wald ist schön ! Was frage ich nach Palmen und Pinien , was nach der weichen Südluft , die mein Gesicht widerwärtig umschmeichelt , wie die Liebkosung einer ungewünschten Hand ! Ich habe mich krank gesehnt nach dem Thüringer Wald und seiner herben Luft , nach seinem tiefen Schatten und feuchten Gestrüpp , das sich trotzig gegen den Jäger wehrt – krank gesehnt nach dem Wintersturm , der feindlich durch die Äste fährt , der mich hart anfaßt und meine Kraft herausfordert . Nein , und ich gestehe , selbst auf die Gefahr hin , daß ich mich damit zum Barbaren , zum deutschen Bären stemple , auch die Kunstschätze konnten mir mein Herzweh nicht überwinden helfen , denn ich verstehe sie nicht , verstehe sie so wenig , wie die meisten der alljährlichen großen Völkerwanderung nach dem Süden , wenn sie auch verzückt tun und sich vor lauter Begeisterung nicht zu lassen wissen . « Herr von Gerald lachte belustigt auf , Klaudine aber , die eben den Wein in die Gläßer goß , sagte mit einem Blick auf den am Geländer Stehenden : » Von der Musik verstehen Sie desto mehr . « » Wer sagt Ihnen das ? « fragte er stirnrunzelnd . Er trat an den Tisch . » Meines Wissens habe ich mein Licht nie bei Hofe leuchten lassen . Haben Sie mich je in Gegenwart der Hofgesellschaft eine Klaviertaste berühren sehen ? Aber sehen Sie « , wandte er sich zu Herrn von Gerold , » weil ein dumpfes Gerücht umgeht , daß ich im stillen Kämmerlein meinen Göttern Bach und Beethoven opfere , so sucht man mich an dieser schwachen Stelle zu binden , nicht um meinetwillen – Gott behüte ! Wäre mein Töchterchen nicht , so könnte ich getrost unter den Botokuden oder irgendwo leben , sie würden mich nicht holen , aber das Kind wollen sie in der Residenz haben , und deshalb mödite mich die Gnade Seiner Hoheit zum – Hoftheaterintendanten machen . « Er lachte gezwungen auf . » Eine kostbare Idee ! Ich soll die Drähte der Scheinwelt von Brettern und Pappe in die Hand nehmen , soll Kulissen- und Theaterkanzleistaub schlucken , mich mit widerspenstigen Sängerinnen und Ballerinen herumschlagen – Gott soll mich bewahren ! Lieber ziehe ich mich ganz nach Neuhaus oder auf mein Gut in Sachsen zurück , jage , säe und ernte , und gehe , wenn es sein muß , selbst hinter dem Pflug her , dann kann ich mir wenigstens sagen , daß ich an Leib und Seele gesund bleibe . « Er nahm eines der Gläser von der Platte , die Klaudine ihm bot . » Nun , und Sie ? Ich sehe nur zwei Gläser « , sagte er zu ihr . » Bei Hofe haben Sie es stets außerordentlich geschickt zu vermeiden gewußt , Ihr Glas an das meine klingen zu lassen – ich begriff das , standen sich doch Montecchi und Capuletti gegenüber , aber heute ist das anders . Ich stehe als Ihr Gast hier , und wenn Sie mir auch nicht erlauben werden , auf Ihr spezielles Wohl zu trinken , so möchte ich Sie doch bitten , mit mir anzustoßen in Erinnerung an eine Frau , welche wir beide lieben , auf das Wohl unserer verehrungswürdigen Herzoginmutter ! « Klaudine beeilte sich , ein Glas zu holen , und gleich darauf scholl der Silberton der drei aneinanderklingenden Gläser hell über den Garten hin . » Die alten Bäume mögen sich wundern « , meinte Herr von Gerold frohgestimmt mit einem Blick nach den höchsten Eichenwipfeln . » Seit dem Gelage , das die Bilderstürmer bei den Weinfässern des brennenden Klosters gefeiert haben , ist wohl kein Gläserklang hier laut geworden . Aber er tönte so hell und rein , so glückverheißend , daß ich nochmals anstoßen möchte , und zwar auf einen , den ich sehr verehre , wenn ich ihm auch persönlich stets fern gestanden . Er ist ein edler Mensch , ein eifriger Beschützer der Künste und Wissenschaften , er liebt die Poesie – unser Herzog , er lebe ! « In diesem Augenblick sprühte der goldene Rheinwein wie ein flimmernder Sonnenstrahl in weitem Bogen durch die Luft , und Baron Lothars Glas zerschellte drunten auf den Steinen . » Ah Verzeihung , ich war sehr ungeschickt ! Was für ein täppischer Mensch bin ich doch ! « entschuldigte er sich mit einem erzwungenen Lächeln . » Der alte Bursche da « – er zeigte auf den Lindenast , an den sein Arm gestoßen – » ist noch gewaltig stramm , der weicht nicht aus . Nun , Seine Hoheit wird auch ohne meinen Bescheid leben ! « Er zog den Handschuh der Rechten straffer und griff nach seiner Reitgerte . » Ich habe die Gastfreundschaft schlecht gelohnt , meine sofortige Selbstverbannung soll die Sühne sein . Ich wäre gern noch in diesem köstlichen Stilleben geblieben , und auch in die Glockenstube hätte ich einen Blick werfen mögen , aber das für ein andermal , wenn es gestattet ist . Und nun komm her , kleine Landstreicherin . « Er hob die kleine Elisabeth , die still auf einem Korbstühlchen am Geländer saß und mit großen Augen dem ungewohnten lauten Treiben auf der Plattform zusah , hoch zu sich empor und küßte sie . » Und da hinaus wird nicht wieder marschiert « , – er zeigte mit strenger Miene hinunter nach dem Garteneingang – » wenn du die Erdbeerdame besuchen willst , dann lasse es mir sagen , ich hole dich mit dem Wagen , so oft du magst . Hast du mich verstanden ? « Sie nickte schweigend und scheuen Blickes und strebte , wieder auf den Boden zu kommen . » War er böse , der Onkel ? « fragte sie ihren Papa , als er vom Garteneingang zurückkehrte , bis zu welchem er dem Fortreitenden das Geleit gegeben hatte . » Nein , mein Kind , böse nicht , nur ein wenig wunderlich ! « antwortete er . » Das arme Glas und der edle Rheinwein ! « Er sah bedauerlich lächelnd auf die Scherben hinab . » Und der arme , verlästerte Lindenast , der es wirklich nicht getan hat ! « setzte er schalkhaft hinzu . » Aber sage doch , Klaudine – war dieser Lothar nicht der ausgesprochene Liebling des Herzogs ? « fragte er seine Schwester , die still und ein wenig vorgebeugt am Geländer stand , als horche sie noch auf die längst verhallten Huftritte . » Er ist es wohl noch « , erwiderte sie mit weggewandtem Gesicht . » Du hörtest ja , daß man ihn an die Residenz zu fesseln sucht . « Ihr Ton klang unsicher und um die nervös zuckenden Lippen irrte ein erzwungenes Lächeln , als sie an dem Bruder vorüber nach der Küche ging , um das Mittagbrot fertig zu machen . Da , inmitten des Wohnzimmers , stand der bereits angerichtete Tisch mit seinen drei Gedecken . Nun ja , das waren altmodische , verbogene Zinnteller , von welchem man aß . Die Großmama hatte bei der Übersiedlung nach ihrem Witwensitz alles Silbergerät zurückgelassen – der große , herrliche Silberschatz sollte nicht zersplittert werden – und nur ihr ererbtes altes Zinn mitgenommen , » gerade recht und passend für eine einsam lebende Witwe und ihre letzten paar Erdentage « , hatte sie gemeint . – Die Bestecke neben den Zinntellern hatten schwarze , abgenutzte Holzstiele , und zur Schonung des Tischtuches lag eine Wachstuchdecke inmitten des Tisches – alles schlicht bürgerlich und ängstlich sparsam , wenn auch von blinkender Sauberkeit . Das hatte er im Vorübergehen gesehen , und es war gut so . Da konnte von keiner Komödie die Rede sein , der ganze Zuschnitt des Hauswesens bewies ein zielbewußtes » Sicheinleben « in die gegebenen Verhältnisse . Er mußte nun wissen , daß sie es ernst gemeint mit ihrer Flucht . 7. Das herzogliche Haus besaß verschiedene Schlösser innerhalb des Landes , schöne , altertümliche Schlösser mit herrlichen Gärten und großartigen Parkanlagen , aber sie lagen meist in der Nähe von Städten oder auf dem flachen Lande , wo die Parkwege auf weite Ackerflächen mündeten und der Wald so fern begann , daß er nur wie ein dunkler Pinselstrich den Horizont säumte . Die Vorfahren hatten die sonnige Ebene geliebt und wenn die meisten auch leidenschaftliche Jäger gewesen und um der Pirsch willen oft wochenlang in den Forsten verblieben waren , so hatten doch einige da und dort verstreute , anspruchslose kleine Jagdhäuser für Nachtquartier und ein einfach zubereitetes warmes Essen genügt . Da war nun freilich der Altensteiner Geroldshof mit seiner Waldnähe und kräftigen Bergluft eine kostbare Erwerbung des Herzogs , der man im Lande allgemein zustimmte . Für die drei jungen , zarten Prinzen , die Söhnchen des Regierenden , und die äußerst schwache Gesundheit seiner Gemahlin war ein solch stärkender Aufenthalt im heißen Sommer nur zu wünschen , und deshalb begriff man auch vollkommen den Feuerreifer , mit welchem der Geroldshof zur Aufnahme seiner fürstlichen Bewohner hergerichtet wurde . Die junge Herzogin selbst trieb mit leidenschaftlicher Heftigkeit zur Eile . Kein Bad , kein Klimawechsel hatten ihre sinkende Kraft neu zu beleben vermocht , nun erhoffte sie alles von dem Aufenthalt im Walde . Deshalb wurden auch auf Befehl des Herzogs sämtliche Baulichkeiten nur äußerlich aufgefrischt , kein Mauerstein durfte verrückt , keine Gartenanlage verändert werden , und als man Seiner Hoheit einen Entwurf zu einem stilvollen Brunnenbecken an Stelle des zwar schön gearbeiteten , aber doch zu » dorfmäßigen « Steintroges im Hofe vorgelegt , da hatte er ihn stirnrunzelnd verworfen und befohlen , daß der Brunnen bleibe wie er sei . Geradezu erzürnt aber war er gewesen , als er erfahren hatte , daß man das Goldregen- und Syringengesträuch in den Hofwinkeln mit Stumpf und Stiel ausgerissen habe , um für die verdüsterten Zimmer der Hofdamen Licht zu schaffen , und scheele Gesichter gab es unter den Hofbediensteten auch , als der Herzog den alten Friedrich Kern , der zuletzt Kutscher , Gärtner und Diener in einer Person bei dem letzten Altensteiner Herrn gewesen war , zum Kastellan auf dem Geroldshofe ernannte . Seine Hoheit meinte mit Recht , daß solch ein treuer Diener der beste Hüter seines neuen Besitzes sei . So war dem Geroldshofe sein Äußeres nahezu verblieben und auch im Innern war so manches wertvolle Einrichtungsstück , welches der Herzog durch dritte Hand hatte ankaufen lassen , wieder an seinen alten Platz gekommen , so die alte prachtvolle Meißener Porzellangarnitur mit ihren Armleuchtern , ihrem vielbewunderten Kronleuchter in einem der schönen Salons , so die Rokokomöbel , welche die Initialen und das Wappen der Altensteiner , in Perlmutter und Silber reich ausgeführt , auf ihren Platten und Flächen tragen . Tag und Nacht war fieberhaft auf dem Geroldshofe gearbeitet worden , und die Bahnzüge hatten pünktlich gebracht , was Paris und Wien an Möbeln und Ausschmückungsgegenständen lieferten . So war es möglich geworden , daß der Hof zu Ende Juli in das Paulinental übersiedeln konnte . Im Eulenhaus ging inzwischen auch so manche Veränderung vor sich . Heinemann hatte ausgezeichnete Geschäfte gemacht , und eines Tages hielt ein Wagen vor der Gartentür , und das , was Bienen- und Nonnenfleiß zusammengetragen , stieg aus der Nacht der Erdentiefe an Gottes freies Sonnenlicht und ging hinaus in die Welt , um der Menschheit dienstbar zu werden . Und als danach Heinemann eine hübsche Anzahl großer Banknoten auf den Tisch vor seiner jungen Herrin niederlegte , da meinte er mit seinem treuherzigen Augenblinzeln , nun dürfe man auch die Butter auf die Bemmchen zum Tee ein bißchen dicker streichen und ein größeres Stück Fleisch in den Kochtopf tun , von den neuen Vorhängen gar nicht zu reden , die doch nun angeschafft werden müßten , weil ja jetzt so viele Augen von der Straße her nach der guten Eckstube guckten . Die drei kleinen Prinzen waren mit Gefolge und Dienerschaft zuerst nach dem Geroldshofe übergesiedelt , und der Weg an dem Eulenhaus hin mußte ihnen wohl ganz besonders gefallen ; denn täglich kamen sie vorüber . Das war nun freilich eine unbezahlbare Augenweide für das strickende alte Mamsellchen am Eckfenster , dies junge fürstliche Blut , auf schmucken Ponnys dahertrabend ; und fast ebenso schön war es , wenn die prachtvolle Kutsche aus Neuhaus in Sicht kam ; die konnte man sich doch in aller Ruhe und Bequemlichkeit ansehen , denn sie fuhr langsam , ganz langsam . Im Rücksitz saß die schöne Frau von Berg und hatte das arme , kleine Gespenstchen , das hinterlassene Töchterchen der Prinzessin Katharina , auf dem Schöße , und Baron Lothar fuhr sein krankes Kind selber . Heinemann dagegen war stets eifrig mit seinen Rosenbäumen beschäftigt , wenn der Wagen sichtbar wurde ; dann hörte und sah er nicht und wendete der Straße beharrlich den Rücken , denn das korpulente Frauenzimmer , das sich da auf die Seidenkissen » hinprätzelte « , als sei sie die Prinzessin selber , war ihm ein Greuel . Hatte er doch mit eigenen Augen gesehen , daß sie , als seine Herrin im weißen » Sonntagskleide « , schön wie ein Engel , am Geländer droben gestanden , den Kopf so schnell weggedreht hatte , als sei ihr eine giftige Kröte in das dicke Milchgesicht gesprungen . Und hatte sie nicht gleich beim Vorüberkommen das liebe , alte Haus da im Garten mit dem Augenglas höhnisch beguckt und ihn , den alten Heinemann , von oben bis unten hochmütig gemessen , als solle und müsse er gleich auf der Stelle seinen alleruntertänigsten Kratzfuß vor ihr machen ? Ja , da konnte sie warten ! Etwas ganz anderes war ' s freilich , wenn der Neuhäuser auf seinem schönen Fuchs dahergeritten kam . Da wurde die schönste Rose am Stock erbarmungslos abgeschnitten und dem Reiter , der sie stets in sein Knopfloch steckte , über den Zaun hingereicht . Und Heinemann bekannte ehrlich , er begreife seinen eigenen , alten Dickkopf nicht mehr ; aber mit dem besten Willen könne er gar nicht mehr so erbost auf den Neuhäuser sein ; er gucke ihm eigentlich für sein Leben gern in die feurigen , herrischen Soldatenaugen , wenn er so vom Pferd herunter über den Zaun weg mit ihm spreche . Beate war auch schon einigemal im Eulenhaus gewesen . Sie kam stets zu Fuß und blieb auf ein Kaffeestündchen ; und so verschlossen sie auch sonst war in bezug auf das , was ihre Seele bewegte , das gestand sie doch wiederholt ein , daß sie sich die ganze Woche auf diese Besuche freue . Dann saßen die beiden Pensionsschwestern bei einer Tasse Kaffee auf der » Zinne « und die kleine Elisabeth spielte und sprang um sie her . Und wenn auch Herr von Gerold sich nie entschließen konnte , hinabzugehen und den Besuch zu begrüßen – er schüttelte sich stets , wenn er an die Begegnung im Treppenhause des Geroldshofes dachte – so sah er doch von dem Fenster seiner Glockenstube aus , wie behaglich sich sein Kind auf Tante Beates Schoß schmiegte , wie es zärtlich die großen , braunen Hände streichelte und sich von ihnen ein Butterbrot streichen ließ . – Baron Lothar fuhr dann pünktlich gegen Abend vor , um die Schwester abzuholen . Heinemann mußte bei den Pferden bleiben , während der Neuhäuser die Damen auf der » Zinne « begrüßte und auch wohl in die Glockenstube hinaufstieg , um dem Einsiedler einen guten Abend zu bieten . Nun waren die höchsten Herrschaften im Geroldshofe eingezogen , und die farbenleuchtende Flagge wehte hoch über dem First des Hauses . Die Dorfleute hatten am Wege gestanden und sich schier zu Tode gewundert über die Pracht und Herrlichkeit der vorbeisausenden herzoglichen Equipagen und » das Menschenvolk « , das in minder schönen Wagen nachkam . Da blieb doch gewiß kein Kämmerchen leer im Geroldshofe ! Aber das Altensteiner Gutshaus war ein gewaltiger Bau ; hatten doch alle Generationen an dem alten Stammsitz je nach Bedürfnis weitergebaut und verschönert . Seinem Umfang und den architektonischen Schönheiten nach konnte man ihm ohne Bedenken die Bezeichnung » Schloß « geben . Die Nachmittagsonne lief schräg über seine imposante , von zwei achteckigen Türmen abgeschlossene Stirnseite und durch die hohen , weit offenen Fenster schlug die Luft , Nadelholzdüfte und kräftige Waldfeuchte im Atem , in das Haus herein – eine köstliche Luft ! » Mein Gesundbrunnen ! « sagte die junge Herzogin Elise inbrünstig mit ihrer leisen , belegten Stimme . » Hier werde ich wieder dein flinkes Reh , deine muntere Liesel , gelt , Adalbert ? « sagte die junge , fürstliche Frau und suchte mit zärtlichem Aufblick die Augen des schönen Mannes . Gewaltsam reckte und streckte sie die überschlanke Gestalt und mühte sich , strammen Schrittes neben ihm her zu gehen . Ja , so schattenhaft schmächtig und fahl sie auch da im weißen Hauskleide an dem deckenhohen Wandspiegel hinglitt , sie wurde hier schnell gesund , das Kraftgefühl kehrte zurück , das spitze , kleine Gesicht rundete sich und die Gestalt nahm jene zartschwellende Fülle und elastische Grazie wieder an , die man einst nymphenhaft genannt hatte ! Nur zwei Monate hier in diesem kraftstrotzenden Waldodem , und alles war wieder gut ! Sie bewohnte die Zimmer des östlichen Flügels , an welche der nach dem Hofe gelegene Speisesaal stieß , und nur ein gemeinschaftliches Empfangszimmer trennte diese Gemächer von den westlich liegenden ihres Gemahls . Das letzte Zimmer der langen Flucht war sein Wohnzimmer , dessen eine Ecke in den Turmerker auslief . Inmitten des Zimmers stand eine Treppenleiter . Der alte Friedrich , oder vielmehr der Kastellan Kern , wie er jetzt genannt wurde , hatte eine eben angekommene Ampel an die Decke gehangen und kletterte nun beim Eintreten der Herrschaften eiligst die Stufen herab . Die Herzogin blieb unwillkürlich unter der Tür stehen . » Ach , hier hat die arme schöne Spanierin gewohnt « , rief sie mit leise zitternder Stimme . » Und da ist sie wohl auch gestorben ? « Sie heftete ihre großen , fieberisch glänzenden Augen ängstlich fragend auf das Gesicht des alten Mannes , der sich tief verbeugte . Er schüttelte den Kopf . » Nein , Hoheit , hier nicht . Der gnädige Herr hatte ihr freilich das Zimmer malen lassen und es hat ein schweres Stück Geld gekostet , aber keine zwei Stunden hat sie es hier ausgehalten . Der Ökonomiehof ist zu nahe . Sie konnte keine Kuh brummen hören , und wenn ein Leiterwagen über das Pflaster rasselte und die Drescher in den Scheunen hantierten , da hielt sie sich die Ohren zu und lief durch alle Zimmer und Gänge , bis sie ein stilles Eckchen fand , wo sie sich hineindrücken konte wie ein junges , verscheuchtes Kätzchen . Ja , zur Gutsfrau paßte sie freilich nicht ! Sie hat zuletzt im Gartenhause gewohnt , und wenn schön Wetter war , da wurde sie in seidenen Decken hinausgetragen und auf den Moosboden gelegt , da , wo die Waldbäume an den Garten stoßen . Ja , da war sie noch am liebsten in dem blassen Lande , wie sie unser gutes Thüringen nannte , und da ist sie auch an einem schönen Herbsttage eingeschlafen , ausgelöscht ! Das Heimweh soll schuld gewesen sein . « Die Herzogin trat tiefer in das Zimmer , und ihre Augen glitten über die Wandgemälde . » Das Heimweh ! « wiederholte sie mit leisem Kopfschütteln . » Sie hätte nicht mit dem deutschen Manne gehen sollen , denn sie hat ihn nicht geliebt . Ich würde in der fernsten Eiswüste nicht an Heimweh sterben , wenn ich bei dir wäre ! « flüsterte sie innig und sah dem hohen Manne an ihrer Seite abermals unter das gesenkte Gesicht , während sie mit ihm in den Turmerker trat . Er lächelte freundlich auf sie nieder . Sie sank auf einen der kleinen , lehnenlosen , mit violettem Samt bezogenen Sessel und sah entzückt über das sich draußen