glauben , daß sie die Ansprüche an den Adel der eigenen Gesinnungen nicht niedriger stellt , als ich , einen anderen Adel besitze auch ich nicht . Es giebt zwar Leute , die sich beharrlich einbilden , mich zu schimpfen , wenn sie nicht das harmlose Wörtchen ‚ von ‘ zwischen meinen Tauf- und Familiennamen schieben , aber mir selbst ist es nie eingefallen , Gebrauch von demselben zu machen und somit eine augenblickliche Schwäche meines Vaters immer wieder an die große Glocke zu schlagen . “ Er hielt inne und sah noch immer lächelnd auf Lilli herab , die , gründlich geschlagen durch diese Erklärung , ihre Augen betroffen am Boden haften ließ . „ Dies Band wäre also nicht zerrissen , “ fuhr er fort , „ und ich halte es um so fester in meiner Hand , als es mich möglicherweise zu einem Ziel hinleitet , das ich um jeden Preis zu erreichen wünsche … Wir harmoniren zwar – so sehr Sie auch der Gedanke an die Möglichkeit einer Harmonie zwischen uns kränken mag – wunderbar im Betreff der Fehlbitten , allein , was den Muth betrifft – “ „ So sind Sie jedenfalls tapfer genug , die Erfüllung Ihrer Wünsche zu erzwingen , Sie waren ja Soldat . “ „ Ei , Sie wissen ja mehr von mir , als ich zu hoffen wagte . Uebrigens , “ fuhr er düster fort , „ woran erinnern Sie mich , und noch dazu in diesem Ton des Hohns ! Es giebt nichts Niederschlagenderes für den menschlichen Geist , als wenn er für eine schöne , hohe Idee gekämpft hat und schließlich den mit Blut erkauften Sieg in einem Netz selbstsüchtiger Berechnungen verkümmern und versanden sehen muß … Indeß , bleiben wir bei der Sache ! Sie haben ganz recht , wenn Sie mich für beharrlich und im Notfall energisch eingreifend halten , sobald es die Erreichung eines Zieles gilt , allein hier wäre jeglicher Zwang ein Todtschlag des Preises , denn er ist sehr idealer Natur . Wenn ich es also unternehme , das Haus der Hofrätin Falk ohne ihre Erlaubniß zu betreten , und trotz der zurückweisenden Haltung meiner Widersacherin persönlich einen Ausgleichungsversuch wagen will , so muß ich doch vor allen Dingen wissen , wie Sie über diesen Schritt denken würden . “ Lilli fühlte ihr Herz zittern schon bei dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit dieses Schrittes . Sie kannte Tante Bärbchen genug , um zu wissen , daß sie nie die Hand zur Versöhnung bieten würde . Möglicherweise verzieh sie ihrem sogenannten Todfeind [ 468 ] die Demolirung des Pavillons , niemals aber , daß er ein Abkömmling der Hubert ’ s war . So ängstlich bemüht auch sonst die alte Dame war , Jedermann gerecht zu werden , hier hatte sie einen Punkt im Herzen , mit dem sie für alle Zeiten fertig zu sein glaubte , der völlig versteint war in seiner Isolirung und Unantastbarkeit ; jede Nachgiebigkeit gegen die Hubert ’ sche Linie würde sie als eine tödtliche Beleidigung ihrer dahingeschiedenen Lieben angesehen haben . Welchen Auftritt mußte mithin das Erscheinen des verhaßten Nachbars in ihrem Hause zur Folge haben ! Ein Gemisch von unsäglichem Bedauern und heftiger Angst überkam das junge Mädchen , indem sie sich die schroffe und rauhe Art und Weise vergegenwärtigte , mittels welcher die Hofrätin ohne allen Zweifel den Eindringling zurückweisen würde . Sie fühlte aber auch instinctmäßig , daß sie ihm dies seltsame Gefühl unaussprechlicher Teilnahme nicht zeigen dürfe , wenn sie ihn nicht geradezu bestärken wolle in seinem Vorhaben , und deshalb entgegnete sie so ruhig und beherrscht wie möglich : „ Ich habe Ihnen bereits gesagt , wie die Hofrätin Falk über Sie denkt ; Sie können danach leicht bemessen , welche Aufnahme Sie finden würden . Jener Schritt wäre unter den obwaltenden Verhältnissen , gelind bezeichnet , eine Taktlosigkeit , die ich um so weniger entschuldigen würde , als sie für meine Tante notwendig eine heftige Gemütsbewegung herbeiführen müßte . “ „ Diese Zärtlichkeit und ängstliche Fürsorge Ihres Herzens könnte in der Tat etwas Ergreifendes für mich haben , wenn sie nur nicht gar so – einseitig wäre , “ sagte er mit beißender Schärfe , „ aber , um die Seelenruhe der alten Dame vor einer momentanen Schwankung zu behüten , wären Sie im Stande , andere unglückselige Menschenseelen in Verzweiflung und Elend zu stoßen … Wenn ich Ihnen nun sage , daß mich eine unbezähmbare Sehnsucht nach jenem alten Hause zieht , eine unwiderstehliche Macht , die mich schon längst alle Rücksicht vergessend , über seine Schwelle getrieben hätte , wären nicht – ja , wären nicht zwei Augen , die bei dem leisesten Annäherungsversuch so unsäglich kalt blicken können , und kennte ich nicht so verzweifelt genau jenes unheilvolle Zurückwerfen des Kopfes , das da entschieden und unwiderleglich sagt : weiche zurück , ich habe nichts mit dir zu schaffen ! … Sie sehen , daß die Kühnheit und Zuversicht des Soldaten , Eigenschaften , die Sie vorhin in so spitzer Weise hervorhoben , trotz der überstandenen Feuerprobe , nicht in allen Fällen zum Durchbruch kommen . “ Er war , während er sprach , wieder mehrere Male rasch auf- und abgeschritten ; seine Hände kreuzten sich auf dem Rücken , wobei Lilli bemerkte , daß die Finger in unaufhörlicher , fast krampfhafter Bewegung waren . Welche Scala der Leidenschaft , durchwandelte seine Stimme beim Sprechen ! Und das Gemisch von Vorwürfen , Zorn und unaufhaltsam durchbrechenden inneren Leiden suchte er immer noch unter einer Art wilden Humors zu verstecken , eine völlig vergebliche Anstrengung , die Alles , was er sagte , nur um so bitterer erscheinen ließ . Lilli geriet allmählich in immer größere Aufregung . Es lag etwas wunderbar Fesselndes in der Erscheinung , die , von mächtiger innerer Bewegung getrieben , da vor ihr hin und wiederschritt ; aber noch klangen , wenn auch leiser und ferner , die Mahnungen der Tante durch ihre Seele , und in dem Moment , wo sich ihr einige milde , versöhnliche Worte auf die Lippen drängen wollten , fiel ihr Blick auf einen glitzernden Gegenstand , der drunten durch das Gebüsch schimmerte : es war das Turmfenster . Der Gedanke an die zwei weinenden Augen hinter den seidenen Gardinen drang wie ein Dolchstich durch ihr aufwallendes Herz und gab ihr sofort die Besonnenheit und Kraft zurück , den Anschein völliger Ruhe und Kälte festzuhalten . „ Sie finden natürlich die Unbeugsamkeit und Härte der alten Frau vollkommen gerechtfertigt ? “ fragte er , plötzlich wieder vor dem jungen Mädchen stehen bleibend . „ Ich verdenke es ihr wenigstens nicht , wenn sie sich gegen einen Verkehr sträubt , der ihr nicht wünschenswert ist . “ „ Sie würden mithin ebenso handeln , auch wenn Sie damit ein menschliches Herz auf den Tod verwunden sollten ? … Wo bleibt da die christliche Liebe ? “ „ Nun , ich denke , ein wenig Willensfreiheit müsse uns auch diesem Gebot gegenüber verbleiben . “ „ Und kraft dieser Freiheit haben Sie beschlossen , mich meinem Schicksal zu überlassen ? “ „ Ich kann nichts für Sie tun . “ „ Ist das Ihr letztes Wort ? “ „ Mein letztes ! “ rief sie zurück , denn sie war bereits einige Schritte den Berg hinabgeeilt . Drunten aus dem Gebüsch tauchte Sauer ’ s grauer Kopf auf ; der alte Diener machte die Meldung , daß eine junge Dame aus Lilli ’ s Bekanntenkreise im Hause warte . Sie folgte ihm tiefaufatmend , fand aber nicht den Muth , noch einmal dort hinaufzublicken , von wo die letzte Frage schneidend wie ein Weheruf herabgeklungen war . [ 481 ] Am andern Morgen saß Lilli neben Tante Bärbchen in der Frühstückslaube . Das junge Mädchen hatte den Schooß voll Myrthenzweige , die sich allmählich unter ihren Händen zu einer Brautkrone ineinanderschlangen . Nachmittags sollte die Trauung einer ihrer Freundinnen stattfinden und Lilli hatte als Brautjungfer die Sorge für den bräutlichen Kopfschmuck übernommen . Wie bleich und müde neigte sich ihr Gesicht über den vielverheißenden Kranz , auf dessen zarten Blättern die meisten Mädchenaugen endlose Weissagungen künftigen Glückes zu lesen pflegen ! Der ganze gestrige Tag und die schlaflose Nacht waren Lilli wie ein Traum vergangen , aber es war einer jener Träume , die uns unablässig durch einen Kreislauf marternder Gedanken und Gebilde jagen und die wir frohlockend abschütteln , wenn uns das süße Morgenlicht in die beruhigende Wirklichkeit zurückführt . Hier gab es jedoch kein Erwachen ; das Leben und Geräusch des Tages scholl herein in den stillen Garten , und durch das Gezweig der Laube sinkend irrte ein heller Sonnenstrahl über die Stirn des jungen Mädchens … Welch ’ ein Chaos widerstreitender Empfindungen hatte das Begegniß mit dem Blaubart in ihr hervorgerufen ! Wie sie auch rang und sich und ihre eigene Schwäche und Charakterlosigkeit verspottete , das Gefühl eines unsäglichen Mitleidens ließ sich nicht unterdrücken . Sie fand es vollkommen unwürdig , dem Bild eines Mannes , dessen Haus ein so zweideutiges Geheimniß umschloß , auch nur für einen Augenblick Raum zu geben , und doch fühlte sie fort und fort seinen düster traurigen Blick auf sich ruhen , und ihr Gedächtniß wiederholte mit peinlicher Genauigkeit Alles , was er gesagt hatte ; das aber war edel und außergewöhnlich gewesen und konnte aus keiner lasterhaften Seele kommen … Sie schämte sich vor der Tante , und – seltsam – gleichwohl stieg ein nie empfundenes Gefühl von Bitterkeit gegen die mütterliche Freundin in ihr auf ; es kamen Momente , in denen sie die alte Dame des blinden Hasses anklagte , der auch sie verleitet habe zu so rauhen , zurückweisenden Antworten . Diese Antworten brannten ihr auf der Seele , ja , sie meinte bisweilen , ein böser Dämon habe sie ihr eingeflüstert . Gedachte sie aber plötzlich jenes Abends , an welchem sie den Blaubart mit der Unbekannten zusammen gesehen hatte , dann überkam sie selbst wieder ein Gefühl von Grausamkeit , dann rief sie sich prüfend und mit unbeschreiblicher Genugtuung jedes herbe Wort zurück , ob es auch ihren Mädchenstolz , ihre Unnahbarkeit gehörig an den Tag gelegt habe . Wer vermöchte alle die Regungen eines jungen Mädchenherzens zu verfolgen , das neben dem urplötzlich aufleuchtenden Strahl einer wunderbaren Seligkeit den unerbittlichen Schatten völliger Hoffnungslosigkeit erblickt ? Die Hofrätin hatte längst die Brille zusammengeklappt und auf das vor ihr ruhende , aufgeschlagene Buch gelegt ; ihr Blick haftete eine Weile forschend und befremdet auf dem Gesicht des in trübes Sinnen völlig verlorenen jungen Mädchens . „ Na , Kind , “ unterbrach sie endlich die lautlose Stille in der Laube , „ wer ’ s nicht wüßte , daß Du da einen Brautkranz bindest , der müßte d ’ rauf schwören , es sei ein Andenken für den Gottesacker ! … Wie siehst Du denn aus ? Ein schönes Hochzeitsgesicht das ! “ Lilli war bei den ersten Worten jäh emporgefahren , und die von der Hofrätin auf Lippen und Wangen vermißte Farbe kehrte für einen Moment hochaufglühend zurück „ Ich habe freilich auch so meine eigenen trüben Gedanken gerade bei dem Kranz da , “ fuhr Tante Bärbchen fort , als die Angeredete schwieg ; „ ist er doch erzwungen und ertrotzt worden von den Eltern , die nun einmal die Wahl ihrer Tochter für eine unglückliche halten . Das hat böse , böse Auftritte gegeben in dem Hause ! … Ich weiß nicht , zu meiner Zeit war das ganz anders ; da hatte man mehr Respect vor der Einsicht der Eltern und , ich meine auch , man liebte sie mit mehr Aufopferung . “ Ihre großen , grellen Augen verschleierten sich und schweiften achtlos über den Garten hinweg weit , weit hinaus in die Ferne , aber nicht in das sonnige Blau , dessen äußerster Saum in einem zart rosigen Duft zerschmolz , in die längst versunkene Jugend irrten sie zurück , und es mußte ein wehmütiger Moment sein , auf welchem sie ruhten , denn um die Lippen schwebte ein trauriges Lächeln . „ Ich hatte meinen Vater über die Maßen lieb , “ hob sie von Neuem an , „ ich hätte ihn nicht betrüben mögen , um Alles in der Welt nicht ! … Es giebt mir jetzt noch jedesmal einen Stich [ 482 ] durch ’ s Herz , wenn ich daran denke , daß ich einmal als ganz kleines Kind gefragt habe : ‚ Vater , warum haben denn alle Kinder zwei Aermchen und ich nur eines ? ‘ Und wenn ich hundert Jahre alt werde , ich vergesse es nicht , wie da sein liebes , ernsthaftes Gesicht kreideweiß wurde und sich so schrecklich veränderte , daß ich laut aufschrie und zu weinen anfing . Ich habe nie wieder gefragt , aber von der Zeit an , wenn mich Andere mitleidig ansahen , zitterte ich jedesmal aus Angst , er könnte es bemerken und sich darüber grämen . Später ließ er mir einen künstlichen Arm machen , er sah täuschend aus , kostete schweres Geld und gab mir die strenge Lehre , daß alles Falsche sich rächt … Siehst Du , mein Kind , das sind jetzt weit über dreißig Jahre her , und ich weiß noch auf ’ s Jota , wie mir damals zu Mute war . Ich war ein häßlich Ding , hatte ein grob zugehauenes Gesicht , eine plumpe Taille und konnte mich niemals so recht in das finden , was man zierliche Manieren nennt . Ich wußte das Alles so genau , wie es mein ärgster Feind nicht besser hätte wissen können , und das machte mich vollends eckig , und weil ich die Wahrheit liebte , so war ich auch noch grob dazu … Es tanzte Keiner gern mit mir , und wenn es mir auch nicht gerade passirte , daß ich Kohl feil halten mußte auf den Bällen , so geschah das nur , weil mein Vater ein reicher und angesehener Mann war … Drum war mir ’ s auch gar verwunderlich , daß sich einmal Einer fand , von dem ich merkte , daß er sich gern mit mir unterhielt ; er war fremd und kam von Zeit zu Zeit in Geschäften hierher und auch in meines Vaters Haus . Er kam gern und blieb auch immer länger da , als just nötig war ; das hatte ich schnell weg und auch , daß es um meinetwillen geschah , und dafür war ich ihm dankbar über die Maßen … Aber da kam er einmal auch , er war lange fortgewesen ; ich begegnete ihm in der Hausflur und es war mir gar eigen zu Mute , wie er mich so herzlich froh ansah ; dabei griff er schnell und unversehens nach meiner Hand – es war die linke , falsche … Es ist immer ängstlich , wenn man Andere zum Tode erschrecken sieht , aber in dem Augenblicke war es doch gerade , als sollte mein Herz still stehen vor Bestürzung , denn er stand vor mir mit einem Gesicht , so weiß , wie der Kalk an der Wand ; ich glaube gar , er bekam eine Art von Schwindel oder Ohnmacht vor Schreck und Abscheu . Er stierte mich entsetzlich an und schleuderte das unselige Machwerk von Pappe weit von sich , als sei es eine Natter … Damals sah es schrecklich aus in mir , aber ich hab ’ die Zähne zusammengebissen und mein ganzes Wesen wohl behütet , und so ist mein Vater gestorben und hat nie erfahren , was ich für ein großes Herzeleid durchgemacht habe . Den Arm aber habe ich auf der Stelle weggelegt ; ich hatte meine Strafe für den Betrug ! “ „ Und jener Mann , Tante ? “ fragte Lilli bewegt . „ Nun , der ist damals gleich in der Hausflur umgekehrt , zur Tür hinausgegangen und eine lange Zeit nicht wiedergekommen . … Er hat später eine meiner Freundinnen geheiratet , “ erwiderte die Hofrätin beinahe barsch ; sie wollte offenbar einen leichten Ton anschlagen , und das gelang der unbiegsamen , kräftigen Stimme nicht . Tante Bärbchens Mitteilung und mehrfache , daheim gehörte Andeutungen ließen dem jungen Mädchen keinen Zweifel , daß jener Mann ihr eigener Vater gewesen sei . Und wie hatte ihm die unglückliche Verkürzte jene schmerzensreiche Erfahrung vergolten ? Sie war ihm eine treue Freundin geblieben unter allen Verhältnissen , und als er einst durch mißglückte Speculation – er war Bankier – am Rand eines Abgrundes gestanden , da hatte sie ihm ihr ganzes Vermögen zur Verfügung gestellt und ihn gerettet . Sie war daher auch stets ein Gegenstand großer Verehrung für Lilli ’ s Eltern gewesen ; die Mutter hatte Lilli , als Tante Bärbchens Liebling , noch auf dem Sterbebett ermahnt , die alte Freundin nie wissentlich zu betrüben und ihr nach Kräften das Leben froh und heiter zu machen . „ Ja , ja , es weiß Keiner besser als ich , was der feste Wille über ein rebellisches Herz vermag , “ setzte die Hofrätin nach einer Pause hinzu . „ Aber es ist ein ganz ander Geschlecht heut ’ zu Tage ; mit der körperlichen Gesundheit hapert ’ s immer mehr , und da sieht ’ s dann auch in den meisten Fällen um die rechte Kraft der Seele mißlich aus . Das liebe Ich steht obenan , und die stillschweigend gebrachten Opfer im weiblichen Gemüt werden immer seltener . “ Lilli hatte den Kranz vollendet und legte ihn mit einer hastigen Geberde auf den Tisch . Auf ihren Wangen brannte eine tiefe Gluth und um die festgeschlossenen Lippen legte sich ein Zug von trotziger Entschlossenheit . Bei Tante Bärbchens letztem Ausspruch war plötzlich die Frage in ihr aufgetaucht , wie sie wohl selbst aus einem schweren Herzensconflict hervorgehen würde . Ungerufen , aber nichtsdestoweniger beharrlich , standen sofort jene düsterflammenden Augen vor ihr , und seltsam durchschauert von einem Gemisch schamhafter Scheu und einem ihr völlig neuen , unbekannten Glücksgefühl dachte sie zum ersten Mal , wie es werden könnte , wenn der da drüben frei , vollkommen frei , ihr seine Hand böte , und da lagen auch sofort Zerwürfnisse vor ihr , in die sie schaudernd blickte wie in einen bodenlosen Abgrund … Das Wort „ Kampf “ war für sie bis dahin eigentlich vollkommen bedeutungslos geblieben . Rein und ungetrübt wie ein klarer , geschützter Wasserspiegel , zu dem die Stürme nicht eindringen konnten , hatte ihre junge Seele der Welt zugelächelt ; nur einmal waren dunkle Wolken darüber hingezogen , das war , als ihre Mutter starb ; ein Schicksalsschlag , der Schmerzen , aber keinen Kampf mit sich brachte . Vergöttert von ihrem Vater hatte sie stets mühelos das erlangt , was ihr wünschenswert war , und traf sie ja einmal auf Widerstand , so bedurfte es eines Schmeichelwortes , einer kleinen Schelmerei ihrerseits , um den väterlichen Beschluß umzuwandeln . Sie hatte deshalb auch noch gar keinen Maßstab für die Tragkraft ihrer Seele gegenüber einem fast übermenschlichen Opfer … In der einen Wagschale lag ja auch in diesem Augenblick nur ein Phantom , der süße Traum von Glückseligkeit , in der anderen dagegen die Wirklichkeit , Tante Bärbchens Ansprüche auf ihre Dankbarkeit und Hingebung . Und darum siegte schnell die Ueberzeugung , daß die Tante in einem solchen Kampf niemals die Unterliegende sein dürfe . Sie war ja die Retterin der Familienehre , ihr allein war es zu danken , daß Lilli und die Ihren jetzt in sorgenfreien , ja glänzenden Verhältnissen lebten ; sie hatte mit nie ermüdender Geduld und Ausdauer am Lager ihres kranken Lieblings gewacht , wo die mütterliche Pflege erlahmte – das Phantom versank in diesem Moment rettungslos . „ Tante Bärbchen , Du lachst immer über meine zerbrechliche Gestalt , “ sagte Lilli trotzig , „ und magst wohl denken , mit der Seelenstärke sähe es auch nicht viel besser aus … glaube das ja nicht ; ich würde genau so handeln wie Du ! “ „ Oho , Kind , Du sprichst da wie der Blinde von der Farbe ! “ lachte die Hofrätin . „ Närrchen , was weißt denn Du von Herzenskämpfen ! Hast ja noch einen Puppenspielwinkel in Deiner Stube ! Uebrigens , Gott mag Dich behüten , daß Dir niemals dergleichen Conflicte nahe treten , “ fügte sie weich hinzu und strich liebkosend über das reiche Haar des jungen Mädchens , „ es sähe dann doch wohl übel aus um meine kleine Mondscheinprinzessin ! “ Das Gespräch wurde durch einen Besuch unterbrochen . Ein junger Kaufmann aus der Stadt , der Sohn einer mit Tante Bärbchen befreundeten Familie , war von einer Reise nach Paris zurückgekehrt und wollte seine Aufwartung machen . Mit der Tournüre eines Weltmannes trat er in die Laube , die sich sofort mit dem Duft eines starken Parfüms füllte . Von der Frisur bis herab zur Chaussure repräsentirte der an sich ganz hübsche junge Mann die allerneueste Modelaune des modernen Babels , und ein Phrasenstrom , stark untermischt mit französischen Brocken , floß wie Honigseim über seine Lippen . Nach Tante Bärbchens schlichter , ergreifender Erzählung machte dies geschraubte , oberflächliche Wesen einen doppelt widerlichen Eindruck auf Lilli . Sie beantwortete seine an sie gerichteten Trivialitäten höchst einsilbig und war sehr froh , als die Hofrätin sie nach einer Weile mit dem Auftrag hinausschickte , ein Bouquet für die Mutter des jungen Herrn abzuschneiden . Allein zu ihrem Verdruß verabschiedete er sich gleich darauf von Tante Bärbchen , schritt neben ihr her und lispelte bei jeder Blume , die sie abschnitt , eine fade Schmeichelei . Zornig riß sie endlich eine halb abgeblühte , häßliche Pechnelke ab , steckte sie in das Bouquet und reichte ihm dasselbe mit abgewendetem Gesicht hin . Ohne Zweifel viel zu eitel , um Lilli ’ s Geberde zu verstehen , haschte er nach ihrer Hand und zog sie an seine Lippen . In demselben Augenblick scholl es wie ein zerschmetternder Schlag durch die Lüfte , dem das Klirren niederstürzender , auf Steinpflaster zerschellender Glasscherben folgte . Lilli wandte sich jäh und bestürzt um nach dem Turm des Nachbarhauses , denn von dort her kam der Lärm . In zahllosen Splittern taumelten eben die letzten glitzernden Reste des nördlichen Turmfensters herab – verschwunden , in Atome zerstäubt waren die poesievollen [ 483 ] Gestalten der unglücklichen Liebenden – statt ihrer umschloß der Fensterrahmen die gebietende Erscheinung des Blaubartes . Wie unberührt von dem Geräusch des zertrümmerten Kunstwerkes stand er einen Moment , die Rechte ausgestreckt , unbeweglich da , dann verschränkte er die Arme und blickte in dieser herausfordernden , beinahe hohnvollen Stellung unverwandt auf das Paar herab ; der hinter ihm niederfallende dunkelblaue Vorhang ließ eine auffallende Blässe seines Gesichts doppelt hervortreten . „ Nun , der Nabob da drüben macht sich wohl einen Privatspaß und zerschlägt seine kostbaren Fenster , um sich neue anschaffen zu können ! “ sagte spöttisch der junge Mann an Lilli ’ s Seite ; „ Wie er unverschämt herunterstarrt ! … Ich hätte gute Lust , ihn für seine Frechheit zu züchtigen ! “ Diese Drohung wurde jedoch in sehr zahmem Ton geflüstert und war offenbar nicht darauf berechnet , den Weg bis hinauf zum Turmfenster zu machen . Lilli hörte sie kaum . Mit dem Verständniß eines erwachten Herzens begriff sie blitzschnell , was in dem Innern des Mannes da droben vorgehe ; er litt unverkennbar . Sie fühlte den fast unbezwinglichen , leidenschaftlichen Wunsch , ihn beruhigen zu dürfen , aber beinahe ebenso schnell gewann sie die Herrschaft über ihre heftige Gefühlsaufwallung . Bei alledem blieb ihr der Gedanke unerträglich , daß der Anschein einer näheren Beziehung zu dem jungen Gecken auf ihr laste ; deshalb erwiderte sie dessen zierliche Verbeugung mit einem kaum merklichen , stolzen Kopfnicken , und ohne noch einen einzigen Blick nach dem Turmfenster zurückzuwerfen , schritt sie langsam nach der Laube . Die Hofrätin war im Begriff in das Haus zu gehen . Sie hatte sicher den Lärm hören und auch seine Veranlassung sehen müssen ; aber sie berührte den Vorfall mit keinem Wort und ermahnte Lilli , den Brautkranz fortzutragen , auf jeden Fall aber bei Uebergabe desselben die Leichenbittermiene wegzulassen , die sie nun schon den ganzen Morgen habe ansehen müssen . … Tante Bärbchen mußte tief , tief in dem Wahn stecken , daß der Puppenspielwinkel in Lilli ’ s Stübchen ein unfehlbares Präservativ gegen Herzenanfechtungen sei ; wie hätte sie sonst die unverkennbare , tiefe Gemütsbewegung in den Zügen des jungen Mädchens , die noch dazu fortwährend ein jäher Farbenwechsel überflutete , für Niedergeschlagenheit oder gar üble Laune halten können ! … Sie war eine geschworene Feindin der Kopfhängerei bei der Jugend und ereiferte sich deshalb Nachmittags auf ’ s Neue , als Lilli , hochzeitlich geschmückt , in das Wohnzimmer trat , und , wenn auch gezwungen lächelnd , doch noch immer so zerstreut und wie in sich verloren dreinschaute . Mit einer Art von komischem Zorn zeigte sie auf das Bild der Großmutter . „ Es sind häßliche Dinger , die schwarzen Pflästerchen da auf dem Gesicht , “ sagte sie „ und ich hab ’ nie begreifen können , wie ein Mensch sein ehrliches Gesicht so verderben mag ; aber heute möchte ich sie am allerliebsten sammt und sonders auf Deine Stirn kleben , weil mich die Falte da grimmig ärgert … Dein Anzug sieht übrigens gut aus , aber es fehlt etwas , und zwar just das , was ich immer so gut hab ’ leiden mögen , für ein junges Mädchen , ein paar frische Blumen an der Brust . Geh ’ hinaus in den Garten und schneide Dir ein Sträußchen weißer Rosen ab ; hast noch vollauf Zeit dazu . “ Zeit hatte sie allerdings ; denn die Hofrätin hatte sie gezwungen , sich eine ganze Stunde früher anzukleiden , damit die Feier nicht durch eine säumige Brautjungfer verzögert werde . Mechanisch schritt Lilli die Türstufen und den Hauptweg des Gartens hinab . Ihr Kleid von starrer Seide rauschte über den Kies fast erschien dieser weiße , mattglänzende Stoff zu schwer für die elfenleichte Gestalt es jungen Mädchens , aber der Eindruck des Schwerfälligen wurde gemildert durch duftige Tüllbauschen und Spitzen , die Schultern und Oberarme umschlossen . Eine einzige , weiße Seerose , den mattgelb schimmernden Kelch voll blitzender Krystalltropfen , lag über ihrer Stirn ; lange Schilfblätter mischten sich zwanglos mit den wundervollen Haarsträhnen und fielen auf den Nacken ; hier und da leuchtete es wie ein blutigroter Tropfen aus dem tiefdunklen Haar , oder auf einer Blattfläche , der Schilfkranz war mit Korallennadeln befestigt . Zu beiden Seiten des Weges dufteten weiße Rosen , aber Lilli berührte keine derselben ; sie hatte schon wieder vergessen , weshalb sie den Garten betreten . Träumerisch schritt sie weiter . Sie wußte nicht , daß sie bereits das Bohnengehege passirte , welches einen Teil des nach dem Pavillon führenden Weges einschloß ; erst , als die hohen , grünen Wände seitwärts aufhörten , und der Sonnenschein wieder voll und breit auf dem Kies lag , hob sie den Kopf … vor ihr lag der Pavillon , in demselben Augenblicke wurde die Tür von innen rasch aufgestoßen , und der Blaubart trat heraus . Lilli stieß einen leisen Schrei aus und wollte in den Hauptweg zurückfliehen . „ Bleiben Sie , oder ich folge Ihnen in das Haus ! “ rief er so laut und drohend , daß sie scheu und angstvoll nach dem Haus hinüberblickte , diese Stimme mußte ja bis in seine entferntesten Winkel dringen . Sie blieb wie festgewurzelt stehen , während er mit raschen Schritten auf sie zukam . Er fing ihren ängstlichen Blick auf , ein bitteres Lächeln zuckte über sein Gesicht . „ Beruhigen Sie sich , “ sagte er mit herbem Spott , als er vor ihr stand , „ mein Anblick wird die Tante nicht erschrecken , aus dem einfachen Grunde , weil sie mich hier nicht sehen kann . Es geschieht ihr überhaupt kein Leid ’ s , so wenig wie ihrem Garten . … Haben Sie je eine niedergetretene Blume , oder umgeknickte Grashalme in der Nähe des Hauses , oder um jene Laube bemerkt ? … Und doch habe ich in finsterer Nacht unzählige Male dort gestanden ; gehe ich auch auf verbotenen Wegen , so weiß ich doch fremdes Eigentum zu schonen … Jenem unwiderstehlichen Trieb , nächtlicher Weile hier auf feindlichem Terrain herumzustreichen , verdanke ich einen ganzen Schatz von Wissen ; so z. B. weiß ich , daß Sie eben im Begriff sind , zur Hochzeit zu gehen ; diese träumerische Seerose wird Opposition bei Ihren Freundinnen hervorrufen , die Ihnen durchaus brennendrote Verbenen octroyiren wollten . “ Lilli hob die zornig blitzenden Augen zu ihm auf ; heftige Worte drängten sich auf ihre Lippen , aber sein Anblick machte sie so bestürzt , daß sie nicht einen Laut hervorbrachte . Er hatte offenbar die Herrschaft über sich selbst verloren . Seine Gesichtsfarbe war noch fahler , als am Morgen , und die Lippen , die er zu einem spöttischen Lächeln zwingen wollte , sträubten sich gegen den Zwang und zuckten fieberisch . Er hatte bis zum letzten Wort den Ton beißender Ironie festgehalten ; allein völlig gegen seine sonstige Art und Weise , nach der er zwar rasch und feurig , aber doch klar abwägend und markirend zu sprechen pflegte , stieß er Alles so hastig und gepreßt hervor , als ob ihm der Atem fehle . Was sollte sie beginnen ? Der Aufruhr in ihrem Innern war unbeschreiblich . Bei jedem höheren Aufbrausen seiner Stimme zuckte sie zusammen ; die Furcht , daß die Hofrätin plötzlich hervortreten und ihn beleidigen könne , war abermals die vorherrschende Empfindung in ihr . Mit unsäglicher Anstrengung überwand sie den inneren Sturm und sagte