blauen Bandschleifen . Das junge Mädchen suchte offenbar nach einem verlorenen Gegenstand ; sie schob die dünne Halmlage auseinander . Und die beiden Mägde , die jedenfalls im Begriff waren , auf den Acker zu gehen , denn sie hatten die Kartoffelhacke in den Händen , standen dabei und lachten . » Nicht mit einem Schritt sind Sie gestern abend auf die Wiese gekommen , Fräulein Luise – ich werd ' s doch wissen ! « sagte die entlassene Magd . » Sie brauchen gar nicht weiter zu suchen – schade um die Zeit ! So blind ist keine von uns , Ihren Henkeldukaten nur so mit dem Rechen wegzuraffen – solch ein goldenes Ding blinkt doch , und ein ellenlanges schwarzes Samtband wird auch einer sein Lebtag nicht für einen dürren Strohhalm ansehen ... Und ich hab ' doch auch mit meinen eigenen Ohren gehört , wie Sie zu Ihrer Mama sagten , Sie hätten gestern abend wie immer den Henkeldukaten in die Glasschale auf der Kommode gelegt . Nun soll ' s auf einmal nicht wahr sein , weil alle auf dem Gute sagen , kein anderer könnte den Dukaten gemaust haben , als der – na , ich will mir den Mund nicht wieder verbrennen ! « » Das ist ganz schlecht von dir , Rose ! « rief das junge Mädchen fast heftig – die kindliche Stimme rang hörbar mit aufsteigenden Tränen . » Ein Mensch mit solch einem guten Gesicht stiehlt nicht – so etwas Schlimmes denke ich überhaupt von niemand ! « » So ? Warum hat er sich denn nachher auf französisch aus dem Staube gemacht ? – So in aller Frühe , ohne › hab ' Dank ‹ zu sagen ! – Na , meinetwegen auch , was geht ' s denn mich an ? Es kann mir gleich sein , wo der Henkeldukaten ist – ich hab ' ihn nicht ! « Damit legte sie die Harke über die Schulter und marschierte mit ihrer Gefährtin den Weg am Kornfeld entlang , während Luise sichtlich niedergeschlagen in das Haus zurückkehrte . – » Ja , sehen Sie , Herr Markus , das hat man nun von seinem Gutsein ! « sagte Frau Griebel , als der Gutsherr herunterkam und sie in der Küche aufsuchte . Sie steckte mit beiden Händen in einer Mulde voll Kuchenteig und war durchaus nicht rosiger Laune . » Mein Mann lacht mich aus , weil ich mich ärgere , und fragt auch noch – Sie wissen ja , was er immer für dumme Späßchen macht – ob ich auf einen Handkuß für das Übernachten in der Soldatenkammer gerechnet hätte ... Na ja , fort ist er , der dumme Mensch ! Er muß mit dem ersten Hahnenschrei zum Fenster hinaus sein und hat durch den Hinterhof das Weite gesucht . Hübsch ist das nicht von so ' nem jungen Burschen , den seine eigene Mutter nicht besser hätte abwarten können , als er ' s bei uns gehabt hat – solch ein Blödsinn , ärgert einen ! Und nun macht mir meine Luise auch noch den Streich und verliert noch ihren schönen Henkeldukaten , den ihr die selige Frau Oberforstmeisterin geschenkt hat ! Aber das ist noch nicht das Schlimmste ! Unser Gesinde munkelt , wir hätten uns den Spitzbuben selbst ins Haus geholt – die grobe Gesellschaft lacht uns aus , und das schadet dem Ansehen ! « » Hätten wir doch den Zankapfel am Wege liegen lassen ! « meinte Herr Markus mit dem Lächeln des Schalkes . » I Gott bewahre ! « fuhr sie böse herum . » Da kennen Sie die Griebel aber schlecht ! Ein andermal wird ' s wieder gerade so gemacht ! Ich ärgere mich nur , daß sich der Mensch selbst in den Ruf gebracht hat , denn er war guter Leute Kind – das sah ein Blinder – und hat mir ' s ordentlich angetan mit seinem traurigen Wesen ... Da sehen Sie sich einmal meine Kleine an « – sie nickte über die Schulter nach Luise hin , die mit gesenktem Kopf am Küchentisch stand und Mandeln schnitt – » der wird heute der frische Kuchen auch nicht schmecken . Die roten Augen gelten nicht allein dem Henkeldukaten – ' s ist ein kleines , dummes Ding mit einem butterweichen Herzchen . Das Mitleid mit dem armen , verhungerten Kerl , der nun auch noch gemaust haben soll , treibt ihr immer wieder das Wasser in die Augen . « Der Gutsherr lachte verstohlen auf , das blonde Köpfchen dort duckte sich noch tiefer über das klappernde Messer ... Er verließ die Küche , um nach dem Vorwerk zu gehen – und er ging in recht beschleunigtem Tempo . – Wer ihm am Abend seiner Ankunft gesagt hätte , daß er es eines Tages so eilig haben würde mit diesem » Pflichtgang « , ja , daß es ihm sogar unerläßlich scheine , die schönsten Wildlederhandschuhe , die er für den Besuch der Sehenswürdigkeiten Nürnbergs bestimmt , eigens zu diesem Zwecke hervorzusuchen ! ... Er schritt das Fichtengehölz entlang , hinter welchem das Vorwerk lag . Zu seiner Linken wogten die Kornbreiten in dichter Üppigkeit – die Halmhöhe reichte ihm schon nahezu an die Schulter . Das Kartoffelkraut stand wie ein Wald und war dem Blühen nahe , und auf dem goldprangenden Rübenfeld schwebte ein traumhaftes Summen , und schwerbeladene Bienen surrten vorüber nach den heimischen Stöcken auf dem Gute ... Der Hirschwinkel hatte wirklich etwas von dem gottgesegneten biblischen Land , in welchem einst Milch und Honig geflossen ; und doch war es dem Mangel gelungen , auf dem Gelände Fuß zu fassen . Dort , jenseits des Gehölzes , begann seine Herrschaft . Das Getreide stand kläglich dünn – die Quecken krochen in die Breschen und breiteten ihre tauben Ähren aus . Der Viehstand auf dem Vorwerk mußte auf das Geringste herabgesunken sein – bei dem ausgesogenen Boden ringsum half kein Fleiß , auch wenn die Zeit des Forstwärters und die Kraft der helfenden Magd zur pünktlichen Bewirtschaftung der Felder ausgereicht hätten ... Sollte das Vermächtnis der verstorbenen Frau Oberforstmeisterin seinen Zweck erfüllen , dann mußte vor allem die auf dem Tillröder Gasthof stehende Sparsumme flüssig gemacht und in den verwahrlosten Grundbesitz gesteckt werden ... Ob wohl das Fräulein Erzieherin dafür Verständnis haben würde , oder ob sie nicht vielmehr geneigt war , mit dem Gelde sofort die an den Juden verkauften seidenen Kleider zu ersetzen und überhaupt den Luxus wieder um sich zu verbreiten , an den sie sich in dem Frankfurter Generalshause gewöhnt zu haben schien ? Den Äußerungen der Dienerin nach mochte sie in dem Punkte bedenklich mit ihrem Herrn Onkel , dem Amtmann , übereinstimmen . Nun , er sollte sie ja in den nächsten Augenblicken von Angesicht zu Angesicht sehen . Und er wollte die Augen offen halten : die Dame sollte ihm nicht einen Pfennig für ihre vornehmen Gewohnheiten ablocken , und wenn sie noch so weltgewandt und hübsch und bezaubernden Wesens war . Er war gefeit gegen diese Erzieherinnendemut , hinter der ja , wie er zur Genüge wußte , stets die Begehrlichkeit lauerte ! Die Vorwerksgebäude lehnten sich mit der Rückseite an den Rand des Fichtengehölzes . Sie waren einstöckig , von sehr geringem Umfang , und so alt und verfallen , daß sie das vorbeischnaubende Dampfroß allerdings binnen kurzem notwendig über den Haufen werfen mußte . Auf der Südseite schmiegte sich ein Grasgarten nebenan , und die Gittertür in seinem Weißdornzaun führte nach dem Gehölz . Sie war nicht verschlossen – Herr Markus trat ein und schritt auf dem einzigen schmalen Wege , der das von Wiesenblumen strotzende Gras durchschnitt . Ein paar hochwipfeliger Birnbäume und eine schöne Eberesche warfen kühlen Schatten über ihn . Er kam auch an einer Laube vorüber , einer tiefschattigen , von verschränkten Lindenzweigen gewölbten Laube , die einen Steintisch und zwei kunstlos gezimmerte Holzbänke beherbergte ... Es war sehr neugierig und keineswegs zu rechtfertigen , daß der neue Herr des Hirschwinkels an den fremden Tisch trat , auf welchem Schere , Fingerhut und hingeworfene feine Flickwäsche verrieten , daß eine Dame hier zu hausen pflege . Aber es stand auch ein Tintenzeug da , und daneben lag ein aufgeschlagenes , dickes Schreibheft , und das war des Pudels Kern – in diesem grünen Versteck bestieg Fräulein Erzieherin ohne Zweifel den Pegasus und machte herzbewegende Verse an den Mond und den Abendstern . – Ihr Geist warf sonach einen Schatten vor sich her – er wehte den Indiskreten an , noch bevor er die Dame selbst sah ! Im nächsten Augenblick lachte er leise auf – poetisch war es nicht , was sein scheuer Seitenblick gestreift hatte – » Zwei Paar Tauben nach Tillroda verkauft , ein Schock Eier desgleichen « und so weiter . – Nun , wenn er heute Fräulein Erzieherin mit Tintenfingern fand , so war nur das Wirtschaftsbuch schuld ! Er schritt weiter . Der Graswuchs hörte auf , um einigen Gemüsebeeten in der Gartenecke Platz zu machen , und an die Stelle der Hausmauern zur Rechten trat nunmehr ein Zaun oder eigentlich ein Gebüsch von Himbeersträuchern , das den Garten vom Hofe schied – da war der Grund und Boden , über welchen die Schienen hinlaufen sollten . Die paar » übriggebliebenen « Hühner krakelten drüben und ein Hund schlug an , und jetzt knarrte auch eine Tür in dem Gebüsch und etwas Weißes kam durch das Gezweig . Herr Markus zog unwillkürlich den Handschuh straffer über die Rechte und beschleunigte seine Schritte , um der Dame im weißen Kleide entgegenzutreten ; aber es war nur die Magd , deren Erscheinen ihn jedesmal so ärgerte , daß ihm das Blut zu Kopfe stieg . Sie hatte eine breite weiße Kochschürze über ihr armseliges Arbeitskleid gebunden und die langen Hemdärmel hoch aufgerollt ; das unförmliche Busentuch fehlte , ebenso das » Scheuleder « . Der Gutsherr blieb unbeweglich stehen , und sie sah ihn nicht ; sie ging geradeswegs auf die Gemüsebeete zu und bückte sich , um eine Handvoll Küchenkräuter abzuschneiden . Erst beim Aufrichten wandte sie den Kopf und erblickte den Dastehenden . Eine brennende Röte jagte über ihr Gesicht hin , und ihre erste Bewegung war , die langen Leinenärmel über die entblößten Arme herabzustreifen . Es drängte ihn instinktmäßig , fast unwiderstehlich , vor der hochaufgerichteten , schlanken Gestalt den Hut zu ziehen , wie er der vermeintlichen Dame im weißen Kleide gegenüber beabsichtigt ; aber sein Groll war stark genug , einen solchen Mißgriff zu verhindern – dieses dünkelhafte Mädchen wollte er wenigstens nicht in dem Glauben bestärken , als nähme er ihre geborgte Vornehmheit für bare Münze . Er griff deshalb nur flüchtig an den Hutrand und fragte in kaltem , geschäftsmäßigem Ton nach dem Herrn Amtmann . Dabei sah er ihr in das Gesicht , in die braunen Augen , die sich , sichtlich erschreckt , in unverschleierter Beklommenheit auf ihn hefteten – sie mochte wohl meinen , der verhängnisvolle Augenblick sei gekommen , wo die unrechtmäßige Bewohnerschaft des Vorwerks » auf den Bettel « geschickt werden sollte . In leisem , demütigem Ton , wie er sich recht wohl für den dienstbaren Geist des Hauses schickte , sagte sie , daß der Herr Amtmann zu Hause sei und es sich jedenfalls zur Ehre schätzen werde , den neuen Gutsherrn zu empfangen . » Und Fräulein Agnes Franz ? « fragte er . Sie fuhr empor , als habe er schon mit dieser einen einfachen Frage ihre junge Dame beleidigt . Die angenommene Demut war plötzlich vergessen ; mit niedergeschlagenen Augen , aber sehr herb und bestimmt sagte sie : » Die werden Sie nicht sehen . « » Ei was – ist die Dame verreist ? « Ein halbes Lächeln schlich um ihre Lippen . » Das Reisen vergeht ihr , wie dem Vogel im Käfig das Fliegen . « » Aha – das ist wieder die mystische Redeweise , mit welcher Sie das Sein und Wesen Ihrer jungen Dame zu verschleiern lieben ! « – Das » Sie « kam ihm über die Lippen , er wußte selbst nicht wie . » Übrigens sind Sie mit Ihrer Sibyllenklugheit am Ende – in wenig Augenblicken werde ich in der Tat mit eigenen Augen sehen , was hinter diesem › Bild von Sais ‹ steckt . « » Ganz sicher nicht . « » Nicht ? – Das wissen Sie also ganz genau , so genau , als seien Sie ein Herz und eine Seele mit Ihrer Dame ? « » Genau so . « Er lächelte in verletzendem Spott . » Nun , es mag schon so sein – man weiß ja , daß die Zofe sehr oft die Vertraute ist , warum nicht auch für Erzieherinnenbekenntnisse ? – Ob die Damen es aber lieben , wenn mit dieser Vertrautheit geprahlt wird ? ! « Sie bückte sich , um einige Dillstengel aufzulesen , die dem Kräuterbündel in ihrer Hand entfallen waren ; dann aber richtete sie sich rasch und kerzengerade wieder auf , und ihr schönes Auge funkelte ihn feindselig an . » Ist es nicht immer und überall die selbstverständliche Aufgabe der Zofe , zu wissen , für wen man nicht zu Hause sein will ? Und sie « – sie stockte plötzlich unter einem glühenden Erröten und biß sich wie verwirrt auf die Lippen , als könne und wolle sie damit jetzt noch die entschlüpfte scharfe Antwort ungesprochen machen . – Ach ja , sie besann sich wohl in diesem Augenblick mit Schrecken , daß derjenige , für den man nicht zu Hause sein wollte , der Besitzer eben dieses Hauses war und nach Belieben ihrer bettelstolzen Dame das Dach über dem Haupte wegnehmen konnte ! Er weidete sich an ihrer Bestürzung und half ihr nicht mit einem Wort über das Angstgefühl hinweg , das sie sichtlich beklemmte , obwohl dieses schlanke , plötzlich ganz demütig in sich zusammengeschmiegte Mädchen in diesem peinvollen Augenblick nichts weniger als die » Besondere « war , sondern weit eher an ein erschrecktes Reh erinnerte ; aber – Strafe mußte sein ! » Sie möchte die Verborgenheit , in der sie lebt , durch keine fremde Erscheinung unterbrochen sehen , « ergänzte sie nach einem beklommenen Atemholen mit fast bittender Stimme . » Das glaube ich Ihnen nicht , « entgegnete er ungerührt . » Das Erzieherinnentum , das um alles gern in vornehmen Häusern auf dem Strom der Geselligkeit mitschwimmt , eignet sich am allerletzten zum menschenscheuen Klosterleben . « Wieder richtete sie sich empor , und ein bitteres Lächeln flog um ihren Mund . » Vielleicht ist sie doch nicht so schlimm , wie die anderen , die Blaustrümpfe , die Genußsüchtigen , denen Sie Ihre genaue Kenntnis des › Erzieherinnentums ‹ verdanken ... Übrigens erinnere ich Sie daran , daß Sie gestern selbst gesagt haben , Sie würden ihr aus dem Wege gehen , wo Sie könnten . « » Sie weiß das ? – « » Wort für Wort ! « » Durch Sie – selbstverständlich ! Die Zuträgerei ist ja das Element der Kammerjungfer ! – Ich habe das allerdings wörtlich gesagt , und wiederhole ausdrücklich , daß ich mich durchaus nicht danach sehne , mit einer Dame jenes Standes , der mir nun einmal den entschiedensten Widerwillen einflößt , in irgendeine Beziehung zu treten – ich bestätige Ihnen das ganz gern noch einmal ... Nun zwingen mich aber seltsame Verhältnisse , Fräulein Agnes Franz trotz alledem um eine halbstündige Besprechung zu ersuchen – indes , das läßt sich wohl schließlich auch mit der Feder abmachen – ich werde ihr schreiben . « » Sie glauben wirklich , daß nach allem , was Sie eben sagten , eine Zuschrift von Ihrer Hand angenommen und gelesen würde ? « fragte sie mit verächtlich zuckenden Lippen . » Ei freilich – die Dame wird müssen ! Sie wird müssen um ihres eigenen Daseins willen , « versetzte er , und seine Augen begannen zu funkeln . Sie fiel abermals aus ihrer Demutsrolle und lachte hart auf . » Müssen ? « wiederholte sie . » Wohl , um nicht von dieser armseligen Scholle verjagt zu werden ? – Sie könnten sich doch sehr irren ! Ich glaube , eher wandert sie barfuß in Nacht und Nebel , in die Wildnis hinein – « » Es wird ihr dann auch nichts anderes übrigbleiben . « Er hielt mühsam an sich . » Nun ja , das ließ sich von dem neuen Herrn des Hirschwinkels nicht besser erwarten ! « rief sie mit fliegendem Atem . » Wir wußten , daß der Mann , › der kein Herz hat , wie es einem praktischen Geschäftsmann ziemt ‹ , eines Tages kommen und die schlechten Zahler austreiben würde ; wir wußten , daß Sie wirklich und leibhaftig der mitleidslose Reiche sind , wie er in der Bibel steht – « » Und Sie , die Dienende , das Mädchen aus dem Volke , Sie wagen es , diesen › Reichen ‹ herauszufordern ? « unterbrach er sie , plötzlich ganz ruhig , fast heiter . » Besinnen Sie sich ! Der Amtmann wird es seiner Magd schwerlich Dank wissen , wenn sie durch aufreizende Reden seine schwierige Lage noch verschlimmert ... Zu alledem steht Ihnen der Zorn nicht , schöne Besondere ! « Bei diesen Worten trat er um einen Schritt vor , und sie wandte sich darauf zur Flucht . » Noch weniger aber paßt diese übertriebene Zimperlichkeit zu Ihrer Stellung ! « setzte er stirnrunzelnd mit zornigen Augen hinzu . » Tun Sie doch nicht , als sei ich ein Mädchenjäger , weil ich mir einmal erlaubt habe , einen Blick unter Ihren Hutschirm zu werfen ! Das hing mit dem seltsamen Zug in der Menschennatur zusammen , nach welchem das Verborgene reizt . Vielleicht hätte mich auch schon das eine oder andere weibliche Wesen meiner Bekanntenkreise lebhafter interessiert , wenn es verstanden , durch Maskierung des Gesichts meine Wißbegierde rege zu machen ... Heute lassen Sie die Sonne ungehindert Ihre Stirn bescheinen und haben somit keine Ursache , mir aus dem Wege zu gehen , wie einem Bilderstürmer oder Gott weiß was für einem Missetäter ... Übrigens möchte ich wohl wissen , was Sie in Ihrer späteren Stellung mit Ihrem angeflogenen vornehmen Gebaren anfangen wollen ? « Sie war stehen geblieben , und so gereizt sie auch sein mochte , jetzt unterdrückte sie ein Lächeln . » Lassen Sie das meine Sorge sein – gute Lebensart schadet auch einer Dienenden nicht ... Meine spätere Stellung ? « Sie zuckte die Achseln und sah mit einem ruhigen Blick zu ihm auf . » Ich meine , seinen Lebensgang macht doch wohl ein jedes auch ein wenig von innen heraus , nicht allein wie es vom Schicksal geschoben und gestoßen wird ; das wird mir den Mut nicht so leicht sinken lassen – dazu bin ich jung und gesund und für mich selbst innerlich völlig gefaßt auf den Augenblick , wo wir da hinaus « – sie zeigte über den Zaun hinweg nach dem Tor in der Hofmauer – » mit dem Stab in der Hand ziehen müssen – « » Um ins Forstwärterhäuschen überzusiedeln , wo die Stellung der Hausfrau winkt , « setzte er im stillen tiefergrimmt hinzu und ballte in der Erinnerung an den unausstehlichen Grünrock die Rechte . Vielleicht wäre er auch so boshaft gewesen , diese Bemerkung auszusprechen , wenn nicht ein plötzlicher Lärm im Hofe das Gespräch unterbrochen hätte . Der Hund bellte wie toll . Tauben flogen erschrocken und geräuschvoll auf die Dächer , und eine tiefe , starke Männerstimme rief wiederholt : » Holla , Kind ! « und schalt dann ärgerlich : » Wo sie nur stecken mag ? « Das Mädchen war bereits nach der Gittertür geflogen und stieß sie auf . » Ach so – hast etwas für deine Küche geholt ! « beruhigte sich die Stimme drüben . » Hör mal , Kind – da draußen vor dem Tor treibt sich seit mindestens fünf Minuten ein fremder Strolch herum – der Kerl mit seinem polizeiwidrigen Bart stört mich ! Schneide ihm doch ein Stück Brot ab und gib ihm diese zwei Pfennig da – mehr wird auf dem Vorwerk in der jetzigen schlechten Zeit nicht verabreicht ; das sage ihm , damit er sich endlich trollt ! « Der Gutsherr hatte sich inzwischen auch der Tür im Zaun genähert , war aber doch zögernd für einen Augenblick in dem dunkelnden Himbeergebüsch stehen geblieben . Er konnte seitwärts die schiefeingesunkene Vorderseite des Wohnhauses mit ihren blinden , glanzlosen Fensterscheiben übersehen . Wie entsetzlich und hoffnungslos mußte der Zusammensturz der Franzschen Vermögensverhältnisse gewesen sein , daß diese klägliche Behausung als rettender Hafen hatte gelten können , und heute erst recht mit einem wahren Verzweiflungstrotz als letzte Unterkunft berechtigten Ansprüchen gegenüber behauptet wurde ! Auf der Schwelle der Haustür stand ein hochgewachsener , hagerer , alter Herr . In der Rechten hielt er eine lange Pfeife , und mit der linken Hand stützte er sich auf einen Gehstock . Er hatte ein kräftig gezeichnetes , edles Gesicht und mußte als jüngerer Mann auffallend schön gewesen sein . Jetzt freilich legte sich eine faltige , gelbe Haut über das Knochengerüst des Gesichts , und die dunklen Augen lagen wie ausgeglühte Kohlen in den weiten Höhlen . Das mußte er sein , der offenkundige Spieler und Schlemmer ; die verwüstende innere Arbeit der Leidenschaften trat in diesen Zügen klar zutage . Er blieb unter der Tür stehen , während das Mädchen an ihm vorüber in das Haus huschte , um Brot für den Bettler abzuschneiden . Dann und wann tat er einen Zug aus seiner Pfeife und blies dicke Rauchwolken in die würzige Morgenluft , während er nach dem Verbleib des » Strolches « forschte , der sich einstweilen einem Verhör des polternden alten Herrn entzogen zu haben schien . Unter einer aufdämmernden Vermutung suchte auch Herr Markus nach dem Verdächtigen . Das der Haustür gegenüberliegende Hoftor stand nur zur Hälfte offen ; der Gutsherr konnte von seinem Platze aus ganz gut sehen , wie sich hinter dem einen geschlossenen Torflügel draußen ein Mensch niederduckte und , das Gesicht an die Bretter gedrückt , unverwandt durch eine der breitklaffenden Spalten des wackeligen Gefüges in den Hof lugte . – Diesen verschabten ärmlichen Rock , den zerknitterten Hut und die karierten Beinkleider hatte Herr Markus gestern schon gesehen , und als eben das Mädchen mit einem Stück Brot in der Hand wieder aus dem Hause trat , da fuhr auch der Kopf hinter dem Torflügel empor , der junge Männerkopf mit dem mächtigen , rötlichblonden Vollbart und der kranken Gesichtsfarbe , den er gestern selbst mit auf das weiche Kopfkissen in der gastlichen Soldatenkammer des Gutshauses gebettet hatte . Der unglückliche Mensch sah heute noch erbarmungswürdiger aus – er schien sich kaum auf den Füßen halten zu können . Sein Entkommen durch das Fenster mußte eine Riesenanstrengung für ihn gewesen sein , und angesichts dieser augenscheinlichen Schwäche und Hilflosigkeit war es geradezu lächerlich , anzunehmen , der Flüchtende habe noch als Dieb die Wohnräume durchstöbert und den Henkeldukaten aus der weitabliegenden Stube geholt . Es war seltsam , daß dieser Verkommene auf alle , die ihm näher in das Gesicht sahen , denselben erschütternden Eindruck machte . Das Mädchen hatte rasch den Hof durchschritten und war mit suchendem Blick aus dem Tor getreten – in demselben Augenblick aber fuhr sie auch zurück , das Brotstück in ihrer Hand flog weit über den draußen vorbeilaufenden Weg hin , und es war ersichtlich , die » Prüde « streckte ebenfalls unbedenklich wie Luise , die hübsche , kleine barmherzige Schwester von gestern , die schönen , jungfräulichen Arme aus , um den Schwankenden zu stützen . Jetzt ärgerte sich Herr Markus ebenso über diesen » fremden Burschen « , der sich so interessant in Mädchenaugen zu machen wußte , wie über den Grünrock mit seiner aufdringlichen Menschenfreundlichkeit . – Er sah plötzlich die beiden außerhalb des Tores nicht mehr , sie waren hinter der Mauer verschwunden ; wohl aber hörte er , wie der Amtmann seinen Stock hart auf den Steinboden der Hausflur stieß und sich hörbar mühsam nach der Stube zurückzuhelfen suchte . Drinnen schien ihm niemand zu Hilfe zu kommen ; seine arme Frau konnte nicht , die lag ja krank , und Fräulein Erzieherin , nun , die komponierte und malte wahrscheinlich an ihren Blumenstöcken , oder war in irgendein interessantes Buch vertieft . Herr Markus verließ schleunigst sein grünes Versteck und eilte über den Hof in das Haus . 8. Der Amtmann war eben im Begriff , die Hand auf das Türschloß der Stube zu legen , als er die Schritte hinter sich hören mochte . Er richtete sich schwerfällig aus seiner vorgebeugten Stellung auf und bemühte sich , den Kopf auf dem steifgewordenen Nacken zurückzuwenden . » Holla , was wär ' mir denn das ! Kommt mir der Kerl wohl bis in meine vier Pfähle nach ? « brummte er erbost und nicht ohne Schrecken . In demselben Augenblick stand der Gutsherr mit einem halbunterdrückten Lachen an seiner Seite und nannte , sich vorstellend , seinen Namen . Der alte Herr reckte und streckte sich sofort in seiner ganzen Gestalt , als sei ihm ein belebender Strom durch die gebrechlichen Glieder gezuckt – und so erschien er wirklich achtunggebietend , und das Vornehme in der Art seiner Begrüßung wurde kaum beeinträchtigt durch den vielfach geflickten Schlafrock , der seinen hageren Körper umschlotterte . Die Tabakspfeife polterte in die nächste Ecke , und während er mit der Rechten hastig durch die Luft fuhr , um die nichts weniger als fein duftenden Rauchwolken vor dem Gesicht des Besuchers zu zerstreuen , sagte er mit vornehmer Lässigkeit : » Muß die leichteste Sorte rauchen , die zu haben ist – die Herren Ärzte sind Tyrannen und fragen viel danach , ob man sich an solch minderwertiges Kraut gewöhnen kann oder nicht ! « Darauf schlug er so feierlich einladend die Stubentür zurück , als gelte es , ein Prunkgemach oder einen geweihten Raum zu betreten . Das letztere war die mäßig große Stube auch insofern , als an einer tiefen Wand das Lager stand , auf welchem eine unglückliche Frau seit länger als Jahresfrist dulden und leiden mußte . Da waren ja die Vorhänge , welche die Magd mit Hilfe der Tannenzapfen aus dem Forstwärterhaus gestern abend noch geplättet hatte ! Sie hingen blütenweiß und schöngefaltet um das Bett , das mit seinen glänzend frischen Leinenbezügen über den schwellenden Kissen und Polstern ganz gut im Schlafzimmer der verwöhntesten vornehmen Dame hätte stehen können . Es stand auch ein rundes Tischchen neben dem Bett ; hübsch gebundene Bücher lagen auf der Mahagoniplatte , und ein großer , malerisch geordneter Wald- und Wiesenblumenstrauß hob sich aus einem Kristallkelche ... Nun , so ganz in Elend und Mangel versunken , wie Herr Markus gemeint , war diese Kranke doch nicht ! Die biblischen Schwestern walteten an ihrem Lager . Die Starke , Willenskräftige , die er mit dem Fischnetz am Arme zuerst gesehen , sorgte für Speise und Trank und körperliches Behagen , und die andere umgab sie mit den hübschen Tändeleien ihrer feinen , gepflegten Hände ; sie ließ sich vermutlich auch herab , schön frisiert und fein gekleidet am Bett zu sitzen , und ihr aus den Büchern ausgewählte Dichtungen vorzulesen und so einen schwachen Nachglanz des ehemaligen vornehmen Lebens in die niedere Stube zu hauchen ... » Herr Markus , unser neuer Nachbar , liebes Herz ! « sagte der Amtmann vorstellend , wobei er seine starke Baßstimme mit einem zärtlich weichen Klange mäßigte – der Mann beachtete lächerlicherweise absichtlich nicht die Bezeichnung » Gutsherr « . Es war ein kleiner Frauenkopf mit einem durchsichtig abgezehrten alten Gesichtchen und schneeweißem Scheitel unter dem Nachthäubchen , der bei diesen Worten wie entsetzt aus den Kissen auffuhr . » Ach , mein Herr ! « hauchte die alte Dame in schwachem , klagendem Ton und streckte ihm ihre schmale Hand hin , die , wie es schien , von einem nervösen Schauder geschüttelt wurde . Auch in dieser Frauenseele stürmte bei seinem Erscheinen sichtlich das Angstgefühl auf , daß nunmehr die längst gefürchtete Entscheidung gekommen sei . Der Gutsherr trat an das Bett und zog die gebotene Hand ehrerbietig an seine Lippen . » Nehmen Sie den neuen Nachbar gütig auf , gnädige Frau , « sagte er , » er wird Ihnen ein treuer Nachbar sein ! « Die Kranke schlug die großen , immer noch schönen Augen so tief erstaunt zu ihm auf , als meinte sie , nicht recht gehört zu haben . Wer das hübsche , ehrliche Männergesicht , um dessen frischen Mund ein gütevolles Lächeln flog , sah nicht nach Heuchelei oder leeren Redensarten aus , die man gedankenlos hinwirft , um sie im nächsten Augenblick zu vergessen . In dieser beglückenden Überzeugung umfaßte sie tief aufatmend auch mit der anderen Hand die Rechte des jungen Mannes und drückte sie . » Wie lieb von Ihnen , daß Sie die armen Leute « – sie stockte und sah scheu und hastig nach ihrem Mann , der sich stark räusperte und in ein Hüsteln verfiel – » daß Sie Amtmanns auf dem Vorwerk mit Ihrem Besuch erfreuen ! « setzte sie rasch verbessernd hinzu . » Ja , denke dir nur , Sannchen , was mir dabei geschehen ist ! « lachte der Amtmann . » In der Meinung , der Landstreicher draußen vorm Tor komme mir frecherweise bis ins Haus nach , habe ich per Kerl und dergleichen geschimpft , und derweil steht Herr Markus hinter mir ! « Er ließ sich in einen alten , aufächzenden Lehnstuhl nieder und saß so dem Besuch gegenüber , der auf eine einladende Handbewegung der Kranken hin neben dem Bett Platz