wen ich schrieb , Ihro Gnaden ? « fragte Fräulein Brüsselbach , die Augen verschämt niederschlagend , zurück , » der Herr Graf und auch die gnädigste Comtesse sollten doch wohl zu wissen geruhen , daß meine Briefe an denjenigen gerichtet sind , dem das Geschick sie in die Hände spielt . « » So lassen Sie mich durch Zufall den Empfänger Ihres Schreibens werden , « versetzte ich , die Hand nach dem Papier ausstreckend . » Nichts in der Welt ist Zufall , Herr Graf , « antwortete Fräulein Brüsselbach mit derselben Verschämtheit , während sie das Papier in Briefform zusammenfaltete , » oder wollen Ew . Excellenz es etwa dem Zufall verdanken , daß Sie sich augenblicklich in der Gesellschaft des edlen Fräuleins an dieser geweihten Stätte befinden ? Indem ich diesen Brief schrieb , folgte ich einer Bestimmung des Schicksals ; eine ähnliche Bestimmmig führte Ihro Gnaden hierher , und derselben Bestimmung folgend , habe ich die Ehre , Ihnen , Herr Graf , mein unterthänigstes Schreiben zu Füßen zu legen . « Mit diesen Worten und einer etwas linkischen Verbeugung überreichte sie mir den Brief , und wiederum flogen ihre gutmüthig verschmitzten Blicke prüfend zwischen meiner Begleiterin und mir hin und her . Die vertrauliche Weise , in welcher ich zu der armen Geisteskranken sprach , war in der That nicht ohne die beabsichtigte Wirkung auf meine Gefährtin geblieben . Die Furcht war von ihr gewichen ; dagegen betrachtete sie die ihr fremde und geheimnißvolle Erscheinung mit einem Gemisch von Scheu und Theilnahme , doch bemerkte ich , daß ihre Blicke , sobald ich mit einem schwülstigen Titel angeredet wurde , mich jedesmal mit dem Ausdruck neugieriger Verlegenheit flüchtig streiften . Ihre Phantasie war unstreitig durch das merkwürdige Zusammentreffen mächtig aufgeregt worden und unbewußt bestrebte sie sich , die Worte der Wahnsinnigen , denselben gleichsam einen höhern Werth beilegend , zu deuten . Letzteres geschah ganz gegen meine Wünsche und Berechnung , weshalb ich , um einen derartigen nachteiligen Einfluß abzuschwächen , dem Gespräch eine scherzhafte Wendung zu geben suchte . » Muß ich den Brief in gleicher Weise beantworten ? « fragte ich lachend , das Papier entfaltend . » Handeln der gnädige Herr , wie das Geschick es Ihnen befehlen wird ; aber lesen Ihro Gnaden meine Worte nicht hier , « entgegnete Fräulein Brüsselbach mit einer abwehrenden Bewegung , » schreiben Sie und lassen Sie Ihre Antwort demjenigen zugehen , den das Geschick Ihro Gnaden im entscheidenden Augenblick zuführen wird , und irre ich nicht , so wird der Empfänger Ihre Frau Gemahlin sein . « So sprechend , deutete sie freundlich auf meine Begleiterin . Ich erschrak , doch beruhigte ich mich schnell wieder , als ich bemerkte , daß das junge Mädchen , weit entfernt davon , in Verlegenheit zu gerathen , lächelnd die mädchenhafte Scheu überwand und sich anschickte , selbst zu antworten . » Sie irren , « sagte sie unbefangen , obwohl ihre Wangen sich etwas höher färbten , » der Zufall hat uns vor einer Stunde erst zusammengeführt « – » In den Augen liegt das Herz , « unterbrach Fräulein Brüsselbach sie schnell , sie wohlgefällig und sogar theilnahmvoll betrachtend , » und glauben Sie mir , mein gnädigstes Fräulein , wenn das Geschick es ernstlich bestimmt hat , dann wird selbst das Unmögliche zur Wahrheit . Sie nennen es Zufall , was Sie mit dem Herrn Grafen zusammenführte , ich erkenne darin eine höhere Fügung ; es leuchtet aus Ihren Augen , ich lese es in seinen Blicken : Die Tochter ihres Vaters , Sie ahnte , wer er war , Beseligt und beglückend Folgt sie ihm zum Altar . « Diese Verse , welche sie mit theatralischem Pathos hersagte , begleitete sie mit so bezeichnenden Bewegungen , daß kein Zweifel darüber obwalten konnte , wen sie eigentlich meine . Betrachtete ich nun dieselben auch als gehaltlose Ergüsse eines kranken Gemüthes , die sie an jeden ihr zufällig Begegnenden gerichtet haben würde , so war ich doch überrascht durch das Zusammentreffen von Umständen , die , unter sich fremd , dennoch in so naher Beziehung zu einander zu stehen schienen : Neben mir befand sich ein junges Mädchen , mit welchem ich voraussichtlich bereits in den nächsten Stunden in ein gewisses verwandtschaftliches Verhältniß treten sollte ; sie war die Nichte meines mich in so hohem Grade liebenden Vormundes ; ich sollte zeitweise mit ihr unter demselben Dache leben und täglich mit ihr verkehren ; sie war mir erschienen wie ein holdes Traumgebilde ; sie kannte mich nicht und dennoch sprach sie in einer Weise von mir , die darlegte , daß sie sich in Gedanken viel mit mir beschäftigte , und nun trat noch die Irrsinnige mit ihrer Weissagung vor mich hin . Kein Wunder also , daß ich , der ich in jugendlichem Uebermuthe nur zu gern romantischen Ideen huldigte , hier mehr , als einen alltäglichen Zufall zu entdecken suchte und mit Entzücken der Möglichkeit , ja noch mehr , der Wahrscheinlichkeit gedachte , das liebe Engelsbild an mei ner Seite dereinst die Meinige nennen zu dürfen . Blitzschnell folgten alle diese Gedanken auf einander und ebenso schnell bildete sich auch der für meine Jahre gewiß natürliche Wunsch , von der armen überspannten Person noch mehr zu vernehmen , was in Beziehung zu meiner Zukunft gebracht werden könne . Zu meiner Gefährtin wagte ich kaum aufzublicken ; ich hegte die unbestimmte Furcht , von ihr errathen zu werden . Zu dergleichen Besorgnissen war indessen am allerwenigsten ein Grund vorhanden ; denn Gedanken , wie sie mich erfüllten , lagen dem kindlich unschuldigen Gemüthe unerreichbar fern , und zeugte auch die scharf begrenzte , tiefe , aber schnell wieder schwindende Nöthe auf ihren zarten Wangen abermals von einer innern Erregung , so war diese doch nur eine Folge der Befremdung über das seltsame Benehmen der Wahnsinnigen . » Fräulein Brüsselbach , Sie dichten ja ausnehmend schon , « brach ich endlich wieder das Schweigen . » Nehmen der Herr Graf dies nicht so leicht , « erhielt ich zur Antwort ; » ich spreche und schreibe nur , was ich empfinde . Ich habe bittere Erfahrungen gemacht ; die Liebe ist wie eine glatte Eisfläche , und wenn Sie meine Verse verachten , so will ich Ihnen noch einmal mit klaren Worten wiederholen : das Bild der Tochter Ihres Vaters , mein gnädiges Fräulein , wird sich dem Herzen des Herrn Grafen mit unauslöschlichen Zügen einprägen und viel Kummer und Schmerz , aber auch endlose Seligkeit für Sie Beide daraus hervorgehen . « » Wenn doch der Führer erschiene , « flüsterte meine Begleiterin mir jetzt wieder mit wachsender Besorgniß zu . » Er muß gleich eintreffen , « erwiderte ich beruhigend , und dann haben wir ja auch die Räumlichkeiten der Ruine noch nicht in Augenschein genommen . » Die arme Frau , wollen Sie ihr nicht etwas schenken ? ich habe kein Geld bei mir , « sagte sie gleich darauf mit bezaubernder Verlegenheit . Ich zog die Börse und reichte Fräulein Brüsselbach ein Geldstück . » Im Auftrage der jungen Dame , « sagte ich , ihr dasselbe in die Tasche schiebend , denn ich wußte aus Erfahrung , daß sie zuweilen derartige Gaben stolz zurückwies . Sie dankte nicht , betrachtete meine Gefährtin aber noch einmal freundlich und wohlwollend , und dann ein zerknittertes Sträußchen aus derselben Tasche hervorsuchend , bot sie ihr die welken Blumen dar . » Es sind Vergißmeinnicht , mein edles Fräulein , « sagte sie ausdrucksvoll ; » vergessen Sie nicht den Godesberg , und möge die Tochter Ihres Vaters glücklich mit ihm sein . « Darauf wendete sie sich ohne weitern Gruß ab , und eine melancholische Melodie vor sich hinsummend , schritt Sie durch die Maueröffnung davon . Meine Begleiterin seufzte tief auf . » Die arme Frau , « begann sie , indem sie die in ihrer Hand befindlichen Blumen sinnend betrachtete , » ich fürchtete mich vor ihr , und doch scheint das bemitleidenswerthe Geschöpf viel Gutmüthigkeit zu besitzen . « » Sehr viel Gutmüthigkeit , « entgegnete ich , die Richtung nach dem innern Schloßhofe einschlagend ; wo ich den bereits eingetroffenen Führer zu seinem Thier sprechen hörte ; » ich kenne sie schon seit Jahren und scheint es mir , als ob sie sich in dem langen Zeitraum auch nicht im Geringsten verändert habe . « » Besitzt sie denn gar keine Heimath ? « » Sie will keine haben ; sie ist am glücklichsten , wenn sie frei umherstreifen und ungestört ihren verworrenen Träumen nachhängen kann . Am liebsten denkt sie sich in die Rolle eines Ritterfräuleins oder einer Hofdame hinein und gefällt sich darin , je nach ihrer augenblicklichen Neigung , den Einen oder den Andern als eine hochgestellte Persönlichkeit zu begrüßen . « » Dann sind auch Sie wohl kein Graf und keine Excellenz ? « fragte das liebe Mädchen mit einem Lächeln , welches mir bis zum Heizen drang . » Weder Graf , noch Excellenz , « antwortete ich heiter , durch die Frage daran erinnert , daß ich vorläufig noch der Freund des Herrn Gustav sei , » Fräulein Brüsselbach hat mich zu solchen Würden erhoben , gerade wie außer mir noch viele Andere , und da sie so eigensinnig bei diesen Bezeichnungen beharrt , würde es vergebliche Mühe sein , sie über ihren Irrthum aufklären zu wollen . « » Tritt sie auch als Wahrsagerin auf ? ihre äußere Erscheinung ist wenigstens die einer solchen . « » Eigentlich nicht , doch glaubt sie zuweilen in der Zukunft lesen zu können , und ungern giebt sie in solchen Fällen die einmal gefaßte Idee auf . « Unter solchen Gesprächen waren wir über den alten Burghof und demnächst um die ganze Ruine herumgegangen . Das verwitterte Gestein erregte wohl unsere Aufmerksamkeit und wir sprachen auch in warmen Worten unsere Bewunderung über die Lage der Ruine und die festen Mauerwerk aus , welche dem zerstörenden Einfluß der Jahrhunderte auch ohne die schützende Hand des Menschen getrotzt hatten , aber immer wieder kam meine Gefährtin auf die Irrsinnige zurück , worin sie natürlich meinen Gedanken , die sich fast unablässig mit der mir so viel Glück verheißenden Prophezeihung beschäftigten , stets begegnete . » Ein eigenthümlicher Vers war es , den sie hersagte , « begann sie wieder , als wir uns nach Besichtigung der Burg dem Schloßhofe , wo der Führer unser harrte , wieder zuwendeten , » ob sie ihn selbst gelichtet haben mag ? « » Ohne Zweifel , denn schon früher hatte ich Gelegenheit , Gedichte von ihr zu hören und zu lesen . Dieselben bestehen gewöhnlich aus einer verwirrten Anhäufung von Gedanken , welche alten Ritter , Räuber-und Geistergeschichten entnommen sind . Ueberhaupt scheint eine übel gewählte Lectüre nicht wenig zu ihrer Ueberspanntheit beigetragen zu haben . « » Ob sie wohl mit Vorbedacht die Prophezeiung in den Vers verwebt hat , um uns gegenüber als Wahrsagerin zu erscheinen ? « » Es sollte mich nicht Wundern , wäre es der letzte Vers , den sie heute gedichtet und hier niedergeschrieben hat , « antwortete ich , den Brief , den ich beinahe vergessen hatte , entfaltend , » nein , ich täusche mich nicht , « fuhr ich fort , als ich , einen Blick auf das Papier werfend , wirklich den Schlußvers wiedererkannte . » O , lesen Sie , « versetzte meine Gefährtin hastig , und aus ihren schönen Augen sprach ein unvergleichliches Gemisch von kindlicher Neugierde und jungfräulicher Befangenheit . Obwohl bereits auf dem Vorplatz vor dem großen Thurm und Angesichts des Führers , befanden wir uns doch weit genug von Letzterem entfernt , um nicht verstanden zu werden . Wir setzten uns daher im Schatten eines uralten Holunders , unter welchem eine einfache Bank angebracht worden war , nieder , und nachdem ich die nicht allzudeutliche Schrift vorher mit den Blicken durchflogen , las ich dieselbe laut vor : » Sie sah den stolzen Ritter , Im stählernen Gewand , Er grüßte sie so freundlich Und reichte ihr die Hand . Und als er ritt von dannen , Da Lehnte sie ihn zurück , Ihr Herz es war gebrochen , Gebrochen ihr Lebensglück . Drauf weinte sie heiße Thränen , Der Thränen weinte sie viel , Die wurden endlich zum Büchlein , Das von den Bergen fiel . Zum Bache kam der Ritter , Er sah sein Spiegelbild . Sein Spiegelbild in Thränen , Mit Lanze , Schwert und Schild . Schnell zäumt er auf den Renner , Er reitet Tag und Nacht , Und als er kam zu dem Hüttlein , Da rief er : aufgemacht ! Ihr Vater hört das Klopfen , Und greift zu seinem Speer Und macht zum Kampf sich fertig , Sich und die treue Wehr . Die Tochter Ihres Vaters , Sie ahnte wer es war , Beseligt und beglückend Folgt sie ihm zum Altar . « » Welch wilde Phantasien , « sagte meine Gefährtin , als ich geendigt , » aber in der That , die letzten Strophen sind dieselben , mit welchen die Unglückliche uns begrüßte . Nur klingen sie aus Ihrem Munde natürlicher , während ich vorhin wirklich eine Wahrsagerin zu hören glaubte . « Ich sprach mich in ähnlicher Weise aus , doch vermochte ich nicht , mich gänzlich von dem mir bereits liebgewordenen Gedanken , daß das Geschick mir durch die Irrsinnige seinen Beschluß habe kundthun wollen , loszusagen . Mit ganz anderen Augen und Gefühlen betrachtete ich daher jetzt die Nichte meines Vormundes , und nichts kommt der Sorgfalt gleich , mit welcher ich ihr wieder in den Sattel half und das Thier auf den besten Pfaden den Berg hinunterführte , dem Treiber es anheimstellend , nach Willkür seinen eigenen Weg zu wählen . Meine Aufmerksamkeiten nahm sie als etwas Selbstverständliches hin . Es schien ihr sogar lieb zu sein , dadurch Gelegenheit zu finden , ihren Gedanken mehr nachhängen zu können ; denn wenn die seltsame Weissagung meinen Geist noch immer ernsthaft beschäftigte und mich fast bereuen ließ , das nichts ahnende und zugleich vertrauensvolle herzige Wesen über meine Person getäuscht zu haben , so befand sie sich wieder unter dem Druck der durch meine Erzählungen muthwillig heraufbeschworenen phantastischen Bilder , welche zu verscheuchen sie sich vergeblich bemühte . So verfolgten wir unfern Weg in das Thal hinab ; die Blicke schweiften mechanisch in die Ferne , und nur gelegentlich , wie um den Schein eines drückenden Schweigens abzuwälzen , fielen kurze Bemerkungen über die schöne Naturumgebung und die größeren und kleineren heiteren Gesellschaften , welche uns nunmehr bald beritten , bald zu Fuße begegneten . Unsere Stimmung war seit einer Stunde vollständig umgewandelt worden ; der Sonnenschein dagegen war , wenn die Schatten sich auch etwas verlängert hatten , derselbe geblieben ; ebenso sangen und jubelten die Lerchen in ihrer alten Weise , und dazu erklang aus dem Dickicht hin und wieder der glockenreine Schlag einer Nachtigall . Erst als wir in das Thal hinabgelangten , schien der Bann , der auf meiner anmuthigen Gefährtin lastete , wieder von ihr zu weichen und ihre erregte Phantasie sich zu beruhigen , während die Aussicht , nun bald meinem Vormunde gegenüber zu treten , meine buntschillernden Luftschlösser weit in den Hintergrund drängte und mich fast nur des allseitigen Erstaunens bei dem unerwarteten Zusammentreffen gedenken ließ . Auf meiner Gefährtin Züge lehrte das sinnige Lächeln zurück ; ich dagegen wählte den tollen Gustav Wandel sammt seinem ehrwürdigen Vormunde auf ' s Neue zum Gegenstand scherzhafter Bemerkungen , um dafür die süßesten Vorwürfe , mit welchen je ein Mensch überhäuft wurde , einzuernten . Und so vertieften wir uns denn allmälig wieder so sehr in eine heitere Unterhaltung , daß es uns förmlich überraschte , die Mineralquelle plötzlich vor uns zu sehen . Fußnoten 1 Der hier geschilderten Person erinnere ich mich sehr wohl . Sie war in ihren jüngeren Jahren Kammerjungfer in einem gräflichen Hause gewesen und , nach ihren Aeußerungen zu schließen , hatte unglückliche Liebe ihren Geist unheilbar zerrüttet . Sie war vollständig harmlos , wanderte in der Umgebung Bonn ' s von Dorf zu Dorf , hier auf einem Bauerhofe den Mägden helfend , dort die ihr übertragenen feinen Handarbeiten sauber und gewissenhaft vollendend . Ueberall erhielt sie Speise , Trank und Obdach , doch brachte sie die Nächte , wenn das Wetter es gestattete , am liebsten unter grünen Bäumen zu ; nirgends weilte sie indessen länger , als höchstens vierzehn Tage . Wie sie gekommen war , verschwand sie auch wieder geheimnißvoll und ohne Abschied zu nehmen , in vielen Fällen aber einen in den schwülstigsten Ausdrücken verfaßten Brief hinterlassend . Manche Bewohner dortiger Gegend werden sich , gleich mir , jener seltsamen Erscheinung erinnern . Daß sie jetzt noch lebt , ist kaum anzunehmen , indem sie ein Alter von wenigstens achtzig Jahren erreicht haben mußte . Der Vers . 4. Capitel . Der Oberstlieutenant Viertes Capitel . Der Oberstlieutenant . Die Nähe des Mineralbrunnens erinnerte uns wieder an die Gegenwart und daß wir unser vorläufiges Ziel erreicht hatten . Schweigend spähte meine Gefährtin nach der schattigen Umgebung der Quelle hinüber . Sie suchte ihren Onkel , den ich schon längst auf einer Bank ganz im Hintergrunde mit seiner trauten Lisette – wie seine Gattin hieß – zur Seite , entdeckt hatte . » Sie versprachen mir doch , um diese Zeit hier sein zu wollen , « tönte es leise und mit dem Ausdruck der Enttäuschung von den jugendfrischen rothen Lippen . » Sollten es nicht die Herrschaften dort drüben in dem Winkel sein ? « fragte ich , indem ich , um nicht sogleich bemerkt zu werden , etwas zurücktrat ; » ich erkenne wenigstens einen mächtigen weißen Schnurrbart – « » Ja , ja , das sind sie – « unterbrach das junge Mädchen mich lebhaft , aber flüsternd , » ich will hier absteigen und mich ihnen heimlich nähern ; bis jetzt haben sie mich noch nicht gesehen . « In ihrem Eifer , die guten Alten zu überraschen , duldete sie es unbefangen , daß ich sie wie ein Kind aus dem Sattel hob ; sie nahm sogar meinen Arm an , als ich ihr versprach , sie auf einem Umwege unbemerkt bis dicht vor ihren Onkel hinzuführen , und nachdem sie den Besitzer des Thieres angewiesen , auf weitere Befehle zu harren , traten wir unfern Weg an . Wenn ich von einem Umwege gesprochen hatte , so war ich in meiner Versicherung zu weit gegangen . Einen Umweg kannte ich nicht , es war mir eben nur darum zu thun , überhaupt mit seiner Nichte am Arm von meinem Vormunde gesehen zu werden . Zwar hielt ich so viel wie möglich die äußerste Grenze des freien Platzes , doch schritt ich so wenig vorsichtig einher , daß meine liebliche Begleiterin sich nicht enthalten konnte , im Eifer mich mehrfach zurückzuziehen und mir warnend : » leise , leise ! « zuzuflüstern . So gelangten wir denn auch bis auf etwa fünfundzwanzig Schritte unentdeckt an die beiden alten Leute heran , jedoch weniger in Folge unserer behutsamen Bewegungen , als weil jene nicht auf die sich ihnen nähernden Personen achteten . Die Tante hatte nämlich ihre Blicke auf den in ihren Händen befindlichen Strickstrumpf gerichtet und lauschte , anscheinend sehr aufmerksam , den Worten ihres Gatten , während dieser mit seinem Krückstock ein Kanonenrohr und darüber einen Kavalleriesäbel vor sich in den Sand zeichnete , dabei abwechselnd sprach und einige Züge aus seiner schweren , silberbeschlagenen Meerschaumpfeife that . Der laute Schall meiner Schritte veranlaßte ihn endlich aufzuschauen , und zugleich schlug auch seine Gattin die Augen empor . Eine Sekunde lang starrte er uns erstaunt an . Wahrscheinlich glaubte er seinem einzigen Auge nicht trauen zu dürfen , als er seine Nichte an meinem Arme sah , denn er hob mit einer hastigen Bewegung die dunkelgrüne Klappe , welche über sein blindes Auge niederhing , empor , dann über dieselbe wieder sinken lassend und seinen Stock heftig auf die Erde stoßend , brach er in ein lautes , herzliches Lachen aus . » Johann ! « rief er aus – in welche Form er den Namen seiner Nichte Johanna abgekürzt hatte – » Johann ! Blitzmädel ! Bei allen Graben und Bomben , die jemals ein preußisches Geschützrohr verließen , wo in aller Welt hast Du den da aufgegabelt ? « » Lieber Onkel , « stotterte Johanna , ihre Hand von meinem Arm zurückziehend und vor Verlegenheit tief erröthend , » der fremde Herr war so gütig – er ist ein Freund Deines vortrefflichen Gustav – und er wünschte – ich glaubte – « Was sie weiter sagen wollte , erstarb in einem erschütternden Gelächter ihres Onkels , der sogleich irgend einen meiner hinterlistigen Streiche vermuthete und durch seine ausgelassene Heiterkeit sogar seine ehrsame Gattin so weit fortriß , daß dieser der Strickstrumpf entfiel und sie , die Hände zusammenschlagend , mit in das Lachen einstimmte . » Blitzmädel ! – Junge ! – Donnerwetter ! – Sieht Dir ganz ähnlich ! « waren die nächsten Worte , welche zwischen dem Ausbruch der Fröhlichkeit des alten Herrn hervorklangen , während Johanna vor Verwirrung glaubte , in die Erde sinken zu müssen und es ängstlich vermied , mir in die Augen zu schauen , wo sie sogleich eine Lösung des Räthsels gefunden hätte . » Also der saubere Musje , den Du mir da bringst , ist ein Freund meines vortrefflichen Gustav ? « fragte der Oberstlieutenant endlich , als wir vor ihm stehen blieben ; » hast Du ' s gehört , Lisette ? « wendete er sich sodann an seine Gattin , » der beste Freund meines vortrefflichen Gustav , der lieber zehnmal commerschirt , als daß er sich einmal nach seinem Taugenichts von Vormund umsieht ! Lisette ! Frau ! Ist Dir je so etwas vorgekommen ? Ein Freund meines vortrefflichen Gustav ! hahaha ! « » Vergeben Sie mir meine kleine Unredlichkeit , « wendete ich mich jetzt an Johanna , um die peinliche Lage , in welcher sie sich befand , zum Abschluß zu bringen , » ich konnte nicht widerstehen , es lag ein so außerordentlicher Reiz – « » Das war grausam , ungroßmüthig von Ihnen , Herr Wandel , « unterbrach mich Johanna stotternd , während ihre Wangen sich wieder mit der kreisförmigen brennenden Röthe bedeckten . Im nächsten Augenblick aber saß sie neben ihrer Tante , ihr holdes Gesichtchen verschämt auf deren Schulter verbergend . » Ist es denn wahr , hat sie Dich nicht erkannt ? « fragte der Oberstlieutenant , als ich , die Pause benutzend , zuerst ihm und demnächst seiner Frau grüßend die Hand reichte . » Bitte , lieber Herr Oberstlieutenant , « sagte ich in stehendem Tone , mit einem verstohlenen Wink auf Johanna , » lassen Sie es jetzt ruhen , es war ein leichtsinniger Streich von mir , der Strafe verdient . « » Ach was , leichtsinniger Streich ; « fiel mir der alte Herr wieder lachend in die Rede , indem er mich neben sich auf die Bank zog , » der beste Streich , den Du hättest ausführen können ; aber ich muß Alles wissen , wo , wann und wie Ihr Euch getroffen habt und wie es Dir gelungen ist , sie zu erkennen , ohne Dich selbst zu verrathen – aber Johann ! hierher ! Kopf in die Höh ' ! Brust heraus , zum Donnerwetter ! Augen rechts ! « commandirte er zu Johanna gewendet , die , gehorsam den an sie ergehenden Befehlen , aufgestanden und vor ihn hingetreten war , und nur dem Commando : Augen rechts ! nicht Folge gab , weil sie mich dann hätte ansehen müssen . » Augen rechts ! « donnerte abermals der Oberstlieutenant . Johanna sah mich an , senkte aber eben so schnell ihre Blicke wieder , und ich hätte ihr zu Füßen fallen und sie um Verzeihung bitten mögen , als ich gewahrte , daß zwei große Thränen ihr über die Wangen rollten . » Hast Du ihn Dir angesehen , Schätzchen ? « fragte der Oberstlieutenant mit unverkennbarer Zärtlichkeit im Ton seiner Stimme , » hast Du ihn aber auch ordentlich angesehen , den besten Freund meines vortrefflichen Gustav ? « Johanna nickte mit einem verzeihenden Lächeln . » Gut , mein Schätzchen , dann ärgere Dich nicht Weiler , es war ja kein Fremder , sondern unser Gustav , der Dir den Streich gespielt hat , und nun begrüße ihn , wie es sich gehört . « » Herr Wandel , « sagte das liebe Mädchen , mir die kleine Hand reichend , » seien Sie uns herzlich willkommen . « Ich war aufgesprungen und hielt ihre Hand in der meinigen , eh ' ich aber ein Wort zu meiner Entschuldigung hervorbrachte , erschallte schon wieder des Oberstlieutenants derbe Stimme . » Johanna , Mädel , Tausendsapperment , was soll das heißen ? Herr Wandel und Sie ? Gleich gieb ihm einen Kuß , aber nur einen , denn mehr verdient er nicht für seine Saumseligkeit , und dann sage : Guten Tag , lieber Gustav . « » Vor allen Leuten ? « fragte Johanna , mit einer bezaubernden Verwirrung um sich schauend . » Vor der ganzen Welt , Schatzchen , er ist in meinem Hause so gut wie ausgewachsen , was so viel sagen will , er ist mein halbes Kind ; Du bist meine Nichte , was eben so viel heißt , wie mein halbes Kind , und so will ich denn , daß Ihr Euch einander nicht fremd gegenübersteht ; nicht wahr Lisette ? « Die Frau Oberstlieutenant gab lächelnd ein zustimmendes Zeichen und » Guten Tag , lieber Gustav ! « sagte Johanna mit holder Befangenheit , worauf sie sich mir zuneigte und mir gestattete , ihre jungfräulichen Lippen im Kuß zu berühren . » Und nun setzt Euch Kinder , « fuhr der Oberstlieutenant in seiner gütigen , heiteren Weise fort , » setzt Euch und erzählt mir vor allen Dingen , wo Ihr Euch gefunden habt ; paß auf , Lisette , der Junge hat dem armen Mädchen gewiß gut mitgespielt , hahaha ! Ich hätte Euch belauschen mögen ! « » Mitgespielt hat Herr Wandel ' s bester Freund mir arg genug , « versetzte Johanna mit einem lieben Schmollen ; » es ist nur schade , daß ich so kurzsichtig gewesen bin ; hätte ich geahnt , wer es war , der sich herausnahm , Alles zu bekritteln , was ich sagte , so würde ich den abwesenden Gustav gewiß nicht so in Schutz genommen haben und in meinem Urtheil über ihn bei weitem nicht so nachsichtig gewesen sein . « » Schade , schade , mein Schätzchen , daß Du ' s nicht gewußt hast , « bemerkte der alte Herr behaglich schmunzelnd , » hättest ihn sonst einen Vagabunden , einen Schlingel , einen Taugenichts , einen – einen – « » Brandfuchs , « ergänzte die Frau Oberförsterin schalkhaft . » Richtig , Lisette , Brandfuchs ist ja die Bezeichnung , die ihm als ehrenrührig gilt , ja , Brandfuchs hättest Du ihn nennen müssen , um Dich demnächst an seinem langgezogenen Gesicht zu ergötzen – « » Anstatt daß Herr Wandel – « » Gustav , Schätzchen , Gustav , Potztausendsapperment ! « ermahnte der Oberstlieutenant . » Anstatt daß Gustav sich über mich belustigt hat , « verbesserte Johanna sich , ihrem Onkel einen freundlichen Blick zusendend . » Liebe Johanna , nicht belustigt habe ich mich über Dich , « rief ich dazwischen , und aufspringend und um meinen Onkel herumtretend reichte ich dem herzigen Mädchen die Hand , » aber versetze Dich in meine Lage und frage Dich , ob nicht ein unwiderstehlicher Reiz für mich darin liegen mußte , unerkannt über mich selbst sprechen zu können – « » Und eine solche Menge unverdienter Schmeicheleien zu vernehmen , « fügte Johanna , ihre milden Augen zutraulich zu mir emporschlagend , hinzu . » Nun ja , unverdient genug mögen sie gewesen sein , aber sie klangen doch so schön aus Deinem Munde , und der Eifer , mit welchem Du den leichtsinnigen Patron gegen meine Angriffe vertheidigtest – « » Ja , aber warum habe ich ihn vertheidigt ? « unterbrach mich Johanna , ihre plötzlich wieder erwachende Verlegenheit hinter ein fröhliches Lachen verbergend , » doch wohl nur , weil es meinem Rechtlichkeitssinn widerstrebte , den vermeintlich abwesenden , Herrn Gustav von seinem falschen Freunde so geschmäht zu hören . Uebrigens , « fuhr sie mit wachsender Verwirrung fort , » wissen Sie – mußt Du nicht vergessen , daß ich Dich nicht kannte , mein nachsichtiges Urtheil also nicht in Betracht kommt , zumal sich dasselbe ursprünglich auf meines lieben , theuern Onkels scherzhafte und partheiische Aussagen stützte . « » Hast recht , Schätzchen , « versetzte der alte Herr , entzückt über die Art , in welcher Johanna sich auszureden suchte , » laß kein gutes Haar an dem Schlingel . Jetzt , da Du ihn kennst , wirst Du Dein eigenes Urtheil fällen können , sage ihm daher , daß er Dir Entsetzen einflößt mit seiner langen , reglementswidrigen Mähne und seinem gestickten Kapsel ! « » Entsetzen , will ich gerade nicht behaupten , aber meine Verwunderung muß ich darüber aussprechen , daß er es für einen Kavallerie-Offizier angemessen hält , sich von einem langohrigen Esel die Berge hinaufschleppen zu lassen , « entgegnete Johanna , nun ihrerseits zum Angriff übergehend . » Was , Junge ? So etwas hast Du Dir zu Schulden kommen lassen ? « fragte der Oberstlieutenant mit erheucheltem Grimm , » Lisette , Sapperment ! Der Junge muß Rekrut werden , für ein derartiges Majestätsverbrechen