Andersen.4 Ernestine las in großer Bewegung die Ge ­ schichte vom häßlichen jungen Entlein . Sie las , wie es überall mißhandelt und verstoßen wurde , weil es so ganz anders als alle Enten war , und wie es zuletzt ein herr ­ licher Schwan geworden , schöner und stolzer , als das gemeine Federvieh , von dem es eine so verächtliche Be ­ handlung erlitten hatte . Der Eindruck , den diese liebliche , rührende Dichtung auf sie hervorbrachte , war unbeschreiblich . Die Leidensgeschichte des armen Entleins war ja auch die ihre und wie mit Schwanesfittigen rauschte die Ver ­ heißung aus dem Gelesenen vor ihr auf . — „ Ob aus mir auch einmal solch ein Schwan wird ? “ fragte sie wieder und wieder , ihr Herz flog über von nie em ­ pfundenem Wohl und Wehe , sie legte die mageren Händchen vor das Gesicht und schluchzte , als müsse sie sich , — wie das Volk sagt , die Seele aus dem Leibe weinen . Da erwachte der Vater und fuhr erschrocken auf : „ Wer ist da ? “ Ernestine eilte zu ihm hin und warf sich vor seinem Bette auf die Knie . Sie ergriff seine Hand und wollte sie küssen , — er riß sie ihr zornig weg , aber die Tränen , die sie vergossen , hatten ihr Herz im Tiefsten erweicht : „ Vater , lieber Vater ! “ rief sie , „ ich war oft unartig und eigensinnig . Vergib es mir und habe mich nur ein klein wenig lieb , dann will ich Dich auch lieb haben ! “ Hartwich drehte den Kopf zur Wand und grollte : „ So unnütz geweckt zu werden ! Wie kannst Du Dich so spät zu mir hereinschleichen , — meinst Du , Dein dummes Gewinsel sei mir lieber , als ein erquickender Schlaf ? “ „ Vater “ , rief Ernestine , seine lahme Hand ergreifend , die er nicht wegziehen konnte . „ Vater , stoß ’ mich nicht mehr von Dir , ich will gut werden , hilf mir auch , daß ich es kann ; wenn Ihr immer hart mit mir seid , kann ich es nicht . Ich sah es heute , alle Kinder haben Eltern , die sich ihrer freuen , nur ich — ich bin allen Leuten ein Ärgernis und ich habe doch auch ein Herz und möchte doch auch einmal einen freundlichen Blick sehen und ein gutes Wort hören . Ich will ja gewiß nicht mehr so viel weinen , wenn Ihr mich nicht immer weinen macht und ich will auch Alles tun , um wie ein Junge zu werden , damit Du nicht mehr böse darüber bist , daß ich ein Mädchen bin . Ach Vater , mir ist heute , als wäre der liebe Gott bei mir gewesen und hätte mich ge ­ lehrt , was mir fehlt : Liebe , Vater , Liebe fehlt mir , — ach gib sie mir doch und habe Mitleid mit Deinem armen häßlichen Kinde ! “ Der Kranke hatte sich der Kleinen wieder zugewendet und starrte sie mit seinen verglasten Augen erstaunt an , — es war , als wolle sich aus dem dumpfen Zustand geistiger und körperlicher Versunkenheit ein Gefühl hervorringen , sein Atem ging rascher , seine schwere Zunge setzte sich mehrmals in Bewegung , Ernestine wagte nicht , ihn anzublicken , ein starker Branntweinduft , der sie plötzlich anwehte , verriet , daß der Vater ihr sein Gesicht ge ­ nähert habe , aber dieser heiße Hauch widerte sie so entsetzlich an , daß sie unwillkürlich den Kopf zurückbog und der Berührung des Mundes auswich , der ihr vielleicht den ersten Kuß in ihrem Leben geboten hatte . Der Kranke mußte das empfinden , denn er wandte sich wieder ab und murmelte etwas unverständliches vor sich hin . Nach längerem Schweigen schnalzte er mit der Zunge an seinem ausgetrockneten Gaumen und griff nach einem Glase , das neben ihm stand , aber es war leer . „ Durst ! “ sagte er verdrießlich . — „ Soll ich Dir Wasser geben , Väterchen ? “ fragte Ernestine . Der Kranke machte eine Gebärde des Ekels . — „ Nein ! höre , Du kannst zum Onkel hinaufgehen und ihm sagen , er möge mir noch einen Tropfen von dem gewissen schicken — er weiß schon , was ich meine . Aber sag ’ es ihm allein — hörst Du ? ganz allein ! Und erzähl ’ s auch Niemandem , sonst schlage ich Dich krumm und lahm , merk ’ Dir ’ s , Und nun geh ’ schnell , mich quält der Durst sehr ! “ Ernestine erhob sich von den Knien , sie blickte nun auf ihren Vater herab mit jenem Schmerz , den wir em ­ pfinden , wenn wir das beste , das heiligste Gefühl an einen Unwürdigen wegwarfen . Bisher hatte sie nicht nach ihm verlangt , heute zum erstenmal , als sie sich in ihrer Ver ­ lassenheit nach einem Wesen umsah , an das sie ein Recht der Liebe hätte , war ihr eingefallen , daß sie ja einen Vater besitze . Mit vollem überströmenden Herzen wollte sie ihn suchen und fand einen Trinker , der mit seiner Menschenwürde auch seine Vaterwürde abgelegt hatte . Stumm und wie gebrochen an Leib und Seele schlich sie hinaus , die Treppe hinauf zum Oheim . Sie sollte Brannt ­ wein für den Kranken holen und erinnerte sich doch , daß der Arzt ihm jedes geistige Getränk verboten hatte , — aber sie mußte tun , was der Vater befahl , wenn sie sich nicht dem Schlimmsten aussetzen wollte . Sie trat langsam und schüchtern bei dem Oheim ein , sie fürchtete dessen Frau . Es war Niemand im Zimmer , Bertha lag schon zu Bette , nur Leuthold stand unter dem geöffneten Fenster , in dessen Pfosten er ein langes Rohr einge ­ schraubt hatte . „ Ach , Ernestinchen , Du kommst noch so spät zu Deinem Onkel ? “ sagte er freundlich . „ Onkel , was ist das ? “ fragte Ernestine , aus Ver ­ wunderung über das seltsame Gerät ihren Auftrag ver ­ gessend . „ Das ist ein Fernrohr “ , belehrte sie Leuthold . „ Was machst Du damit ? “ fragte sie weiter . „ Ich schaue in den Mond , mein Kind . “ „ Ach , kann man das ? “ rief sie im höchsten Erstaunen , „ Gewiß kann man es ! Willst Du auch einmal durch ­ sehen ? “ „ Ach ja , wenn ich das dürfte ! “ flüsterte Ernestine entzückt über dies Anerbieten . Leuthold hob sie freundlich auf das Gesims des Fensters und stellte ihr das Fernrohr ein . Sie erschrak fast , als sie plötzlich den leuchtenden Mondball so nahe vor sich hatte , den sie stets so hoch am Firmament schweben gesehen . Ihre Brust weitete sich , um das niegeahnte Wunder in sich aufzunehmen . Sie schaute und schaute und spähte atemlos vor Wißbegierde nach allen den Bergen und Tälern und Kratern , die so zauberhaft vor ihr erstanden . Die laue Nachtluft umfächelte milde ihre brennende Stirn . Alles um sie her war versunken und vergessen — und mit heißer Sehnsucht schlug das müde , gequälte Kinderherz dem stillen Frieden jener neuen fernen Welt entgegen . Drittes Kapitel . Sühne . Der Tag begann langsam zu grauen , denn ein trübes schweres Gewölk vertrat die Rechte der scheidenden Nacht . Einzelne große Regentropfen fielen nieder , es war ein unlustiger Morgen . Kein Hahn krähte , kein Vogel rührte sich . Der Hund lag tief in seiner Hütte versteckt . Dann und wann schlich ein früher Arbeiter , sein Gerät auf der Schulter , an dem Zaun von Hartwichs Gehöft vorbei und schaute verwundert hinein , denn auf dem Hofe und im Hause war ein seltsames reges Leben . Türen wurden auf- und zugeschlagen , Mägde mit schlaf ­ trunkenen verstörten Gesichtern liefen hin und wieder ; am Brunnen wurde eilig Wasser geholt , Keines gab dem Andern Rede noch Antwort . Es war , als scheue sich Jeder , über das Geschehene zu sprechen . Ein Knecht zog ein gesatteltes Pferd aus dem Stalle , bestieg es und jagte im Feuerreiterstrabe hinaus der Richtung zu , wo das Gut der Staatsrätin lag . „ Brennt ’ s denn irgend ­ wo ? “ schrieen ihm ein paar Bauern nach , aber er ant ­ wortete nicht . Stumm trabte er über Felder und Wiesen , ohne Halt zu machen , bis er vor dem Gartentor der Staatsrätin stand . Er riß ein paar Minuten lang an der Glocke , bis ein verschlafener Diener kam , der ihn mürrisch fragte , was er wolle . „ Wecken Sie schnell den Geheimrat Heim , der hier zum Besuch sein soll . Der Dorfchirurg schickt mich , es handelt sich um ein Menschenleben ! “ Der Diener riß die Augen weit auf und starrte den Knecht fragend an . „ Ja , ja , nur schnell , schnell ! Der Hartwich hat sein Kind erschlagen , wir glauben , es stirbt . Der Geheim ­ rat soll helfen , meint der Barbier . “ „ Um Gotteswillen , das ist ja schrecklich ! “ rief der Diener entsetzt und ging , den alten Herrn zu wecken . Dieser war rasch auf ; ohne ein Wort zu verlieren , kleidete er sich an , schwang sich rüstig auf das Pferd des Knechtes und sprengte dem Unglücksorte zu . Unter der Tür des Hauses stand , ihn erwartend , der sogenannte Dorfchirurg und empfing ihn ehrfurchts ­ voll . „ Herr Geheimrat , ich bitte sehr um Entschuldigung — aber da ich wußte , daß Sie in der Nähe sind , hielt ich es für meine Pflicht , zuerst um Ihre Hilfe zu bitten , bevor ich zu dem drei Stunden weit wohnenden Kreisphysikus schickte . Der Fall scheint mir ein schwerer . “ „ Entschuldigen Sie sich nicht “ , sagte Heim , Hut und Überrock in der Hausflur ablegend . „ Es ist ja meine Pflicht zu helfen , wo ich kann , — aber wie ging denn das ums Himmelswillen zu ? Wo ist das Kind verletzt ? “ „ Sie hat eine Kopfwunde und ich fürchte — einen Sprung im Schädel “ , erwiderte der Barbier und öffnete die Tür der Stube , welche in Hartwichs Zimmer führte . Der Geheimrat hörte schon draußen heftiges Schluchzen . Er trat ein und vor ihm lag der Kranke , wie ein Wahn ­ sinniger wehklagend und wimmernd , auf seiner Bettdecke das Kind leichenähnlich , starr ausgestreckt ; die Augen waren geschlossen und tief in ihre großen Höhlen ein ­ gesunken , die bleichen Lippen hingen schlaff über den Zähnen , es war ein trauriger Anblick . Hartwich hielt mit dem rechten ungelähmten Arm ihren verbundenen Kopf empor und drückte , laut weinend , Kuß um Kuß auf die weiße Stirn . „ Ach , Herr Geheimrat ! “ schrie er dem Eintretenden entgegen . „ Kommen Sie , helfen Sie ! Ich bin ein schlechter , ein niederträchtiger Vater , ich habe mein Kind umgebracht . Ich bin ein Mensch , der sich mit dem scheußlichsten Laster , dem Trunke — noch entschuldigen muß . Zeigen Sie mich an und schicken Sie mich lahmen Krüppel ins Zuchthaus , meinetwegen , aber machen Sie nur das arme Kind wieder lebendig , sonst bringen mich die Gewissensbisse um den Verstand ! “ Der Geheimrat ergriff die herabhängende Hand des Kindes und untersuchte den Puls . „ Es ist sehr zu bedauern , daß sich Ihr Gewissen nicht schon vor der Tat regte , wie es nach der Tat geschieht ! “ sagte er kalt und streng , dann nahm er den Verband von dem Kopfe der Kleinen . „ O , o ! “ wimmerte Hartwich und schloß die Augen , „ machen Sie das nicht bei mir — ich kann kein Blut sehen , ich kann die Wunde nicht sehen , — es bringt mich um ! “ „ Ach was , — konnten Sie sie schlagen , dann können Sie sie auch sehen ! “ erwiderte der Geheimrat unerbittlich und begann die Verletzung zu untersuchen . „ Das ist ein schwerer Fall “ , sagte er dann , „ hat sich das Kind erbrochen ? “ „ Ja , ja , — o Gott ja , bis es diesen Starrkrampf bekam ! “ stöhnte Hartwich und griff zitternd nach Ernestinens Hand , um sie zu küssen . — Dann sah er in Todesangst den Arzt an : „ Wie ist es — muß sie — o Herr Jesus — muß sie sterben ? “ und wieder verfiel er in jenes laute kindische Weinen , das nur durch Krank ­ heit oder Trunk entnervten Menschen eigen ist . „ Nehmen Sie sich zusammen “ , befahl der Geheim ­ rat . „ Ich kann noch nichts Bestimmtes sagen , die Schädelverletzung ist erheblich . Von der Wunde könnte sie zwar genesen ; wie stark aber die Wirkung der Er ­ schütterung ist , kann ich noch nicht beurteilen . Dazu die zarte Konstitution des Kindes “ , er zuckte bedenklich die Achseln . „ Ach , Sie geben mir wenig Hoffnung ! “ jammerte Hartwich . „ Ernestinchen , wach auf , schau doch Deinen Vater nur ein einziges Mal an . Deinen bösen Rabenvater ! Ach Herr Geheimrat , ich habe das Kind gerade deshalb nicht leiden können , weil es so schwächlich und häßlich ist . Wäre es wenigstens ein kräftiges hübsches Mädchen geworden — ich hätte mich vielleicht eher darüber getröstet , daß es kein Stammhalter war , — so aber schämte ich mich seiner und hörte mein eigenes Herz nicht . Ach , die Händchen , die armen mageren Händchen — und die Bäckchen , die bleichen zarten Bäckchen , die hab ’ ich schlagen können ! — Gott sei mir sündigem verlorenen Manne gnädig ! “ und damit schlug er sich wieder die Brust , daß es dröhnte . Der Geheimrat sah ihn kopfschüttelnd an . „ Regen Sie sich nicht so auf ! Ihrer Tochter nützen Sie nichts und sich selbst schaden Sie dadurch . “ „ Meine Tochter , meine Tochter ! “ wiederholte Hartwich , „ ach ich habe sie nie als solche betrachtet . Ein Wechselbalg war sie mir , von einer Hexe zum Schabernack statt des ersehnten Sohnes in die Wiege gelegt . Jetzt erst fühl ’ ich , daß sie mein Kind ist , seit ich Gefahr laufe , sie zu verlieren ! “ „ Es ist eine alte Erfahrung , daß sich jedes verleugnete Naturgesetz rächt “ , entgegnete der Arzt . „ Sie haben bisher gegen das große Gesetz der Väterliebe schwer gesündigt — nun fordert es seine Rechte mit verdoppelter Kraft . Ich bitte Sie aber , vor allen Dingen betätigen Sie Ihre Reue durch die sorgsamste Pflege der Kranken und er ­ lauben Sie , daß ich Jemanden rufe , sie zu Bette zu bringen , — es ist ein Fehler , das dies nicht schon längst geschah . “ „ Ach , ich sollte mich von ihr trennen ? “ jammerte Hartwich . „ Ich wollte sie so gern um Verzeihung bitten , wenn sie erwacht . “ „ Das werden Sie so bald schwerlich können “ , sagte der Geheimrat und zog die Glocke . Frau Gedike erschien eben so sanft und unterwürfig , als sie Tags zuvor gegen Ernestine roh und herrisch war . „ Helfen Sie mir das Kind zu Bette bringen “ , sagte Heim und schob behutsam den Arm unter den starren Körper der Kleinen , um sie aufzuheben . „ Ach ich bitte , Herr Geheimrat , bemühen Sie sich doch nicht selbst “ , rief Frau Gedike sichtlich erschrocken . „ Ich kann das arme Würmchen allein hinübertragen . “ Heim heftete einen scharfen Blick auf sie , dann befahl er ruhig : „ Zeigen Sie mir den Weg . “ Frau Gedike lief ihm , so schnell sie konnte , über die Hausflur voraus nach der Tür eines Hinterzimmers . „ Sie erlauben “ , sagte sie und wollte vor dem Geheimrat hineinschlüpfen , „ nur eine Minute bitte ich , zu verziehen , damit ich ein klein wenig aufräumen kann , es sieht durch mein frühes Aufstehen so unordentlich aus . “ Aber Heim sagte gebieterisch : „ Sie werden mir folgen ! “ und schritt mit seiner stummen Last an Frau Gedike vorbei in das Zimmer ; erstaunt blieb er stehen , als er dessen Einrichtung sah . Es war eine Art Wäschekammer , wenigstens befand sich ein Berg gebrauchter Wäsche in einer Ecke aufgetürmt . Zerbrochenes Haus- und Gartengerät aller Art lag und stand umher , kein Vorhang wehrte dem Lichte den Eingang . Ein Heer von Fliegen summte an den trüben Scheiben , eine erstickende Luft erfüllte den engen Raum . In einer Ecke stand eine Kinderbettstelle mit hohem Geländer , die noch aus Ernestinens fünftem oder sechstem Jahre stammen mußte . Sie enthielt einen alten zerrissenen Strohsack ohne Laken , ein schmutziges Kopfkissen und eine schwere buntbezogene Feder ­ decke . Frau Gedike fuhr eifrig umher , so viel als möglich von der schlimmen Einrichtung den klaren Augen des Geheimrats zu entziehen . Doch es half nichts mehr . „ In dieses Bett soll ich das verwundete Kind legen ? In dieser Spelunke soll es verpflegt werden ? “ fragte er mit einem Tone , welcher nichts Gutes verhieß . „ Ja , mein Gott , wir haben kein anderes Zimmer und kein anderes Bett . Das liebe Kindchen hat mich oft recht gejammert , aber der gnädige Herr sind ja so sparsam — und schaffen nichts an “ , klagte sie . Der Geheimrat ging auf eine geöffnete Tür zu , die in ein zweites größeres Gemach führte . Hier war die Luft rein , die Einrichtung anständiger und ein bequemes Bett stand aufgedeckt da . „ Dies ist Ihr Zimmer ? “ sagte der Geheimrat scharf und streng . „ Zu dienen , Herr Geheimrat , ich bekam es so von meiner Vorgängerin überliefert . “ „ Beziehen Sie das Bett augenblicklich mit frischer Wäsche . “ Frau Gedike sah ihn groß an . „ Augenblicklich ! “ wiederholte der Geheimrat mit einer Miene , die keinen Widerspruch zuließ , und setzte sich , um seine Arme unter der immer schwerer werdenden Last zu stützen . Frau Gedike holte das Verlangte herbei und rüstete das Bett . „ Wo soll ich denn schlafen ? “ fragte sie mit unterdrückter Wut ; „ es ist ja sonst keine Schlafstätte im ganzen Hause ! “ „ Sie können sich ja in Ernestinchens Bett dort drinnen legen und spüren , wie sich ’ s ruht , wenn man zusammengekrümmt liegen muß , wie auf der Folter ! “ erwiderte der alte Herr mit trockenem Humor . Dann aber zog er wieder die grauen , buschigen Augenbrauen drohend zusammen und fuhr fort : „ Ich zweifle übrigens , daß Sie noch ein Lager hier bedürfen , denn was mich betrifft , so werde ich dafür sorgen , daß Sie noch vor Nacht dieses Haus verlassen ! “ „ Ei Herr Jesus ! Herr Geheimrat , was hab ’ ich denn verschuldet ? Was können Sie mir vorwerfen ? “ jammerte Frau Gedike , während sie die Kissen glättete . Heim erhob sich und legte den leblosen Körper nun behutsam auf das Bett , dann sagte er ruhig : „ Betrachten Sie doch nur die Kammer , in welcher Sie das schwächliche Kind verkümmern , das Lager , in dem Sie es fast ver ­ krüppeln ließen und fragen Sie sich dann , ob Ihnen ein ehrlicher Mann zu viel tut , wenn er Sie eine Kanaille nennt ! “ Damit ließ er sie stehen und rief den Chirurgen , um mit seiner Hilfe die nötigen Vorkehrungen zu Ernestinens Verpflegung zu treffen . Frau Gedike lief weinend und schreiend hinaus und der Geheimrat schaltete und waltete nun bei dem Kinde mit der Ruhe und Umsicht eines erfahrenen Arztes und mit der Milde eines wahren Menschenfreundes . Nach einer halben Stunde begann Ernestine Lebens ­ zeichen zu geben . Das Bewußtsein jedoch kehrte nicht zurück . Mit irren gebrochenen Blicken schaute sie umher , schloß aber sogleich die Augen wieder und murmelte ab ­ gerissene unverständliche Worte . Endlich versank sie von Neuem in eine schlummerähnliche Abspannung . Der Geheimrat ließ den Chirurgen bei dem Kinde und ging zu Hartwich hinüber , der einstweilen einen Beistand an Leuthold gefunden hatte . Leuthold war von der ungewöhnlichen Unruhe im Hause endlich auch erwacht und hatte sich von seiner schnarchenden Ehehälfte weggestohlen , um zu sehen , ob vielleicht sein Bruder am Sterben sei , und seiner Gattin die frohe Botschaft als Morgengruß zu bringen . Leider fand er , daß er sich getäuscht , doch war wenigstens das Gute an der Sache , daß die Auf ­ regung , in der sich Hartwich befand , notwendiger Weise seinen Tod beschleunigen mußte ; Ernestinens Schicksal war ihm gleichgültig , aber höchst unangenehm berührte ihn die Nachricht , daß man Heim geholt hatte . Dieser Mann war ihm sehr unheimlich und frischte , wie mit einer chemischen Flüssigkeit , alle alten scheinbar verblichenen Flecken an seinem Namen wieder auf . Er beschloß daher , sich die nächsten Tage über entfernt zu halten , um eine Begegnung mit dem Zeugen seiner Schande zu meiden , dagegen wollte er seine Gattin als Wächterin anstellen ; sie sollte sich von nun an im unteren Stocke aufhalten , unter dem Vorwand , „ Ernestinen pflegen zu helfen “ — natürlich aber durch ihre Gegenwart bei den Besuchen des Arztes verhindern , daß dieser sich gegen Hartwich mißliebig über Leuthold äußere . Er schlich hinauf um seine Gattin eiligst aufstehen zu heißen , doch brauchte die träge Frau hierzu länger , als Leuthold lieb , — und seinen Zwecken gut war . Unmittelbar nachdem er Hartwich verlassen , trat Heim in dessen Zimmer . „ Was bringen Sie mir für Nachricht ? “ rief ihm Hartwich entgegen . „ Noch nichts Gutes . “ Die Kleine gab einige Lebenszeichen , als wir ihr Eisumschläge machten . Doch ist die Lethargie , in welche sie gleich wieder verfiel , beunruhigend . Ich kann Ihnen nicht die geringste Hoffnung geben , bevor nicht wenigstens drei Tage überstanden sind . “ Hartwich schlug die feuchte Stirn in Verzweiflung an die Wand . „ Das bringt mich um , das bringt mich um ! “ Der Geheimerat setzte sich an sein Bett , nahm eine Prise aus einer , mit dem Bilde des Königs ge ­ schmückten goldenen Dose und beobachtete ruhig den jammernden Mann . „ Nun sagen Sie mir ’ mal , Herr von Hartwich , wie ging denn die Geschichte eigentlich zu ? Darf ich das nicht wissen ? Das Kind hat außer der Kopfwunde einige blaue Flecken an Schultern und Armen , die jedoch nicht erst von gestern sind . Es scheint demnach überhaupt sehr hart behandelt worden zu sein ! “ Der Kranke hatte eine Weile geschwiegen , dann aber sagte er : „ Ja — ach ja , wir haben es Alle zu hart gezüchtigt , aber diese furchtbare Verletzung wollte ich ihm nicht zufügen , bei Gott nicht ! Ich hatte gestern Abend schon fest geschlafen , als Ernestine heimkam , sich zu mir schlich und mich durch Schluchzen weckte ! “ „ Das arme Kind , es hatte Ursache zu weinen “ , unterbrach ihn der Geheimerat . „ Ja , ja — aber ich sah es gestern noch nicht ein . Da ich nun einmal wach war , bekam ich Durst und schickte sie zu meinem Bruder hinauf , um mir ein wenig — ein wenig — ein paar Tropfen — “ „ Liqueur zu holen , “ ergänzte der Geheimerat . „ Ja — ich will ’ s nur gestehen ! “ fuhr Hartwich fort . „ Sie aber schaute beim Oheim durch ein Fern ­ rohr und vergaß ihres Vaters Auftrag . Ich warte von Minute zu Minute mit brennendem Gaumen — sie kommt nicht . Ich werde immer ungeduldiger — immer zorniger und als sie endlich nach einer starken halben Stunde kommt und mir das Gewünschte nicht einmal bringt , da greif ’ ich nach ihr , um sie zu schlagen ; sie klammert sich aber in der Angst an meinen gichtkranken Arm , daß mich der Schmerz halb rasend macht und in sinnloser Wut pack ’ ich das Kind mit meiner gesunden Hand , — möge sie auch noch erlahmen — und schleudere es weit hinweg . Es stürzt rücklings um , schlägt mit dem Hinterkopf auf die Marmorplatte meiner Waschtoilette , Sie sehen noch das Blut daran , von da auf den Boden und bleibt wie tot liegen . Mir wurde es so schwarz vor den Augen wie damals , als mich der Schlag getroffen . Ich klingelte nun den Leuten , Niemand kam . Ich konnte mich ja nicht rühren , konnte nicht aus dem Bette , dem Kinde beizustehen , — ich sah ’ sein Blut fließen , hörte es wie eine Sterbende röcheln und lag da , ein elender gelähmter Mann , mit dem Gefühl , daß ich mein Kind gemordet . O Herr Geheimerat — in solch einer Stunde geht man in sich — in solch einer Angst lernt man beten ! Endlich nach langem , wiederholtem Rufen und Klingeln kam das nichtswürdige Gesindel herbei . Herr Geheimerat — ich kann Ihnen nicht sagen , was in mir vorging , als sie mir das Kind aufs Bett legten — das arme zerschlagene Kind . Als mir das blutende Köpfchen in die Hände fiel , — da war mir ’ s , als sei mit der klaffenden Wunde auch mein Herz aufgesprungen und es ströme nun erst die echte warme Vaterliebe daraus hervor . — Sonst wenn ich die Kleine züchtigte , hatte sie nur Trotz und Widerstand , — da tat mir ’ s dann auch nicht leid , wenn ich ihr weh getan ; jetzt wo sie gebrochen und stumm vor mir lag — redete sie eine Sprache , die mich zu mir selbst brachte , als erwachte ich aus einem Rausche . Und , Herr Geheimerat , bisher war ich auch berauscht . Ich hatte mich zum Tier getrunken und das arme Opfer meiner Wut hat mich erst wieder zum Men ­ schen gemacht ! “ Der Geheimerat hörte dem Sprecher mit wachsender Teilnahme zu . Als er geendet , nahm er dessen Hand . „ Es ist recht , Herr von Hartwich , daß Sie so offen gegen mich sind . Menschen , die von Natur nicht böse , können ihre Vergehen durch nichts besser entschuldigen , als durch Wahrhaftigkeit , denn ihre Beweggründe sind meist nicht so schlimm , als ihre Taten ; — aber beruhigen Sie sich nun auch — Ihr Zustand bedarf wirklich der Schonung ! Wenn der Arzt bei solchen Gelegenheiten dem Beichtvater ein wenig ins Handwerk pfuschen darf , so möchte ich zu Ihrem Troste sagen : was auch mit dem Kinde geschieht , wenn die Krankheit selbst einen schlimmen Verlauf nähme , — Sie dürfen es sich nicht zu schwer anrechnen . Dasselbe was Sie vor dem irdischen Gericht entschuldigen würde , jene Unzurechnungsfähigkeit , die die Folgen Ihrer Tat nicht ermessen konnte — dasselbe entschuldigt Sie auch vor Ihrem innern Richter . — Sie haben ja doch sonst väterlich an dem Kinde gehandelt , “ fügte er mit besonderer Betonung hinzu : „ Sie haben ihm ein schönes Vermögen gespart , daß es doch einmal eine Stellung in der Welt einnehmen und sein Leben , wenn es ihm Gott wieder schenken sollte — genießen kann . “ Hartwich ergriff Heims Hand und flüsterte rasch und ängstlich : „ Ach lieber Herr — das tat ich ja nicht und das drückt mir jetzt auch so auf der Seele , ich war dem Kinde nie und in Nichts ein Vater ! “ „ Was Sie sagen ! “ rief Heim mit scheinbarer Verwunderung . „ Sie hatten also Ernestinchen zu Gunsten eines Andern verkürzt ? “ Hartwich sah besorgt nach der Tür . Der Geheimerat verstand ihn und öffnete dieselbe , es war kein Lauscher in der Nähe . Hartwich zog den Geheimerat zu sich hin und gestand ihm Alles , was dieser schon wußte . Heim schüttelte den Kopf : „ Es ist fast unglaublich , daß ein Vater so an dem leibli ­ chen Kinde handelt — aber da ja überhaupt jetzt Ihr Pflichtgefühl erwacht ist , so werden Sie auch dies Unrecht gut machen wollen ? “ „ Ach , Herr Geheimerat , wenn ich das könnte — wie gerne tät ’ ich ’ s ! Wenn das arme Ernestinchen wieder aufkäme , ich wollte ihm ja schon bei mei ­ nen Lebzeiten das ganze Vermögen als Schmerzensgeld schenken . Sagen Sie mir , wie fang ’ ich ’ s an , das unglückliche Kind zu entschädigen , wie fang ’ ich ’ s an , gut zu machen , was ich an ihm verbrach . Ich will ja alles tun , alles , wenn ich nur kann ! — Helfen , raten Sie mir ! “ „ Ich denke , “ begann der Geheimerat mit ruhiger Entschiedenheit — „ die Sache ist ganz einfach : Sie machen ein neues Testament und stoßen das alte um . Wenn Ernestinchen wieder aufkommt , so ist es sehr die Frage , ob sie nicht ein kränkliches Wesen für ihr ganzes Leben bleibt . Ein solch ’ unglückliches Geschöpf