sie sich kopfschüttelnd wieder um . Sie würden alle gleich hinüberlaufen , und diese seligen Minuten wollte sie dem Trudchen nicht verkürzen . In einer Viertelstunde war ' s noch Zeit genug , daß er zur » Madam « in den Saal ging . Und sie machte sich irgend etwas auf dem Korridor zu schaffen , um rechtzeitig bei der Hand zu sein , wenn die beiden über allem , was sie sich zu sagen hatten , die Mama vergessen sollten . Nach Mitternacht erst fuhr Linden heim . Der joviale Onkel hatte noch in aller Eile eine kleine Verlobungsfeier zustande gebracht , bei der er eine längere Rede hielt . Nächstdem hatte Frau Jenny sich am lustigsten gezeigt und sogar schelmisch mit dem Herrn Schwager in spe angestoßen . Frau Baumhagen aber war , nach einer halbstündigen Unterredung unter vier Augen mit dem jungen Manne , ernst und schweigend geblieben und spielte die besorgte Mutter bis zu Ende . Sie nippte kaum am Champagnerkelch , als das Wohl des Brautpaares getrunken wurde . Franz Linden hatte ihre Kälte durchaus nicht als Beleidigung aufgefaßt . Sie kannte ihn so wenig , und er war da wie ein hungriger Wolf 85 eingedrungen , um ihr Lämmlein zu rauben . Es müßte eigentlich schrecklich sein , eine Tochter herzugeben , meinte er , noch dazu eine wie Trudchen , sein Trudchen . Er war weich gestimmt bis zur Rührung . Er dachte an seine alte Mutter , er dachte daran , wie er noch vor wenig Wochen so düster in die Zukunft gesehen hatte und wie sie nun so sonnig vor ihm lag . Und diese lachenden Strahlen gingen aus von einem Paar blauer Augen in einem lieben , blassen Mädchengesicht . Er wußte selbst nicht , wie schnell es gekommen war , daß er ihr von seiner Liebe gesprochen hatte . Er sah noch das erhellte , purpurrote Gemach gestern abend und den halbdämmerigen Erkerraum . Dort hatte sie in dem wunderbaren Lichte gestanden , das Mondesstrahlen und Kerzenschein gemeinsam schufen . Im Nebenzimmer brannte der Weihnachtsbaum , und das Sprechen und Lachen der Gesellschaft klang herüber . Sie hatte sich umgewandt , als er zur ihr getreten war , und auf ihren Wangen hatte er Tränen bemerkt . Aber sie lächelte doch , als sie seine Bestürzung gewahrte . » Ach , es ist nur , weil mich Weihnacht immer an Papa erinnert . Gestern war er sieben Jahre tot . « Ein Wort war zum andern gekommen , und endlich fanden sich ihre Hände fest ineinander geschlungen – damals in der Kirche hätte er sie am liebsten gleich festgehalten , die kleine Hand . » Wären Sie böse gewesen , Gertrud ? « – Und sie hatte den 86 Kopf geschüttelt und ihn unter Tränen lächelnd angesehen , vertrauend und lieb , das schöne , stolze Geschöpf – seine Braut , bald sein Weib ! – Er fuhr empor aus seinen Träumen . Der Wagen hielt auf dem Hofe vor der Treppe . Dunkel lag das Haus da ; nur hinter Tante Rosas Fenstern brannte noch Licht . Er ging wie im Rausche die Stufen hinan und trat in den Gartensaal . Er sah sich um , als wäre er zum ersten Male in dem einsamen Zimmer , so fremd , so verändert kam es ihm vor , so leer und kalt . Und er dachte an die Zeit , da er hier erwartet würde . Es ließ sich nicht ausdenken , dieses Glück ! Da drückte sich leise die Tür hinter ihm auf , und als er sich umwandte , erblickte er , schier spukhaft , Tante Rosa . » Ich habe auf Sie gewartet , lieber Neffe « , schallte ihm ihre hohe Stimme freudig entgegen , » ich habe den Brief gefunden , den Brief . Gottlob ! daß er da ist ! Er liegt oben in Ihrem Zimmer . Mir ist eine Last von der Seele genommen , lieber Neffe . « Sie nickte ihm unter der ungeheuren Nachthaube freundlich zu . » Sind lange ausgeblieben ; ich bin müde , und nun will ich schlafen . Gute Nacht ! Gute Nacht ! « Und sie ging mit leisen Schritten wie eine gespenstige Ahnfrau der Saaltür zu . » Tantchen ! « scholl da seine Stimme hinter ihr drein , so laut und fröhlich , daß sie sich fast betroffen 87 umwandte . Aber da war er schon bei ihr und hatte sie mit beiden Armen umgefaßt , und ehe sie sich ' s versah , fühlte die ehrbare alte Jungfer einen schallenden Kuß auf ihrer Wange . » Daß Gott sich erbarme , Linden , sind Sie denn nicht bei Troste ? « rief sie . » Herzenstantchen , ich kann es nicht für mich behalten , ich ersticke daran . So seien Sie doch nicht böse ! Wenn ich meine Mutter hier hätte , ich küßte die alte Frau tot vor Seligkeit . So gratulieren Sie mir doch , Trudchen Baumhagen ist meine Braut ! « Tante Rosas halb ärgerliches , halb erschrecktes Gesicht war starr . » Ist ' s möglich ? « fragte sie leise ; » und die will hier hereinheiraten in unser altes Haus ? Und die Familie hat ' s zugegeben ? « » Eine Baumhagen – ja ! Und sie will hier ins Haus heiraten und die Familie hat ' s zugegeben , Tante Rosa . « » Gottes Segen ! Gottes reichster Segen ! « flüsterte sie , aber sie schüttelte das Haupt und sah ihn ungläubig an . » Schlafen kann ich nun nicht diese Nacht « , fuhr sie fort , » ich freue mich sehr , ich freue mich von Herzen , aber Sie hätten mir ' s morgen früh sagen können . Nun ist ' s geschehen . Gute Nacht , Linden ; ich freue mich , dem Hause tat die Frau wohl not . Gott gebe , daß eine rechte Hausfrau einzieht ! « Sie drückte ihm die Hand und ging . Auch er ging in sein Zimmer . Auf dem runden Sofatisch brannte die Lampe , und dort lag ein 88 Schreiben . Ach richtig , der verloren gewesene Brief ! Er ergriff ihn in halber Zerstreuung . Es war Wolffs Hand . Er legte das Schreiben wieder hin , was konnte der wollen ? Irgend etwas Geschäftliches . Sollte er sich die seligste Stunde verderben mit einer unangenehmen , vielleicht einer Sorgennachricht ? Mochte der Brief doch warten bis – Aber schon hatte er ihn wieder zur Hand genommen und öffnete das Kuvert . Ein langes Schreiben fiel ihm entgegen , und beim Lesen biß er die Lippen aufeinander . » Erbärmlicher Kerl « , sagte er endlich laut , » gut , daß der Brief nicht früher in meine Hände kam . Es wäre nicht so , wie es jetzt ist . « Und als ekele ihn vor der Berührung des Papieres , warf er es mit spitzigen Fingern in den nächsten Kasten seines Schreibtisches . » Schmutzige Seelen , die mit dem Heiligsten Schacher treiben ! « Noch lange saß er still in tiefen Gedanken , und zwischen seinen Brauen stand eine düstere Falte . Dann schrieb er einen langen Brief an seinen Freund , den Kreisrichter , und mählich erhellten sich seine Züge wieder . Er erzählte darin von Trudchen . » Guten Tag , Onkel Heinrich ! « sagte Trudchen , die im Erker am Nähtischchen saß , und sie erhob sich und ging auf den kleinen , starken Herrn zu , der eben bei ihr eintrat . 89 » Es ist ein wahres Glück , daß wenigstens eine von euch zu Hause ist « , erwiderte er und putzte , nach einem kräftigen Schütteln von Trudchens Händen , seine Brille mit dem roten Schnupftuche . » Ob wohl von dem Weiberzeug einmal jemand daheim bleiben kann außer dir ! Frau Jenny macht Besuche , Frau Ottilie sind im Kaffee – man sieht ' s , hier fehlt eine kräftige Faust , die den Zügel hält . « Trudchen lächelte . » Onkel , schilt nicht und setze dich « , bat sie . » Mir kommst du sehr recht , ich hatte schon ein kleines Billett an dich geschrieben , darin ich dich um eine Unterredung bitten wollte . Ich brauche deinen Rat . « » Oh ! Aber nicht gleich , Kind , nicht gleich ! Ich komme eben vom Tische « , wehrte er ab , » und nichts ist da gefährlicher als angestrengtes Denken . Oh , la la ! So ist ' s bequem ! Nun erzähle mir etwas Angenehmes , Kind , von deinem Schatz ; zum Beispiel – wie viele Küsse hat ' s gestern gegeben ? Ehrlich – Trudchen ! « Er hatte sich behaglich in einen Lehnstuhl gestreckt , und die junge Nichte schob ihm ein Bänkchen unter die Füße und legte ihm eine Decke über die Knie . » Gar keine , Onkel « , sagte sie ernsthaft , » danach fragt man nicht , weißt du . Ich sehe Franz überhaupt selten . « Sie stockte . – » Mama geht so viel aus , und ich kann ihn doch nicht empfangen , wenn sie nicht daheim ist . – Ach , Onkel , das ist ' s ja , 90 deshalb wollte ich mit dir sprechen . Mama « – sie stockte wieder – , » Mama ängstigt mich mit allerhand Andeutungen über Lindens pekuniäre Lage . Du weißt , Onkel – « » Und sie versteht das aus dem Grunde , meinst du ? « fragte der alte Herr . » Nun natürlich , oh , la la ! « » Ja , Onkel . Siehst du , vorgestern fuhr Mama spazieren mit Jenny , und als sie zurückkehrte , rief sie mich in ihr Zimmer , und schon beim Eintreten merkte ich , daß irgend etwas vorgegangen sei . – Denke dir , Onkel , sie war in Niendorf gewesen , um , wie Mama sich ausdrückte , den Ort zu sehen , wo ihre Tochter sich zu begraben gedächte . Es wäre ja empörend , sagte sie , eine junge Frau in dieses Bauernhaus führen zu wollen . Es sei mehr wie bescheiden , sie habe sich gefühlt wie auf einer Pachtung dritten Ranges . Linden habe in einem Zimmer gesessen – sie konnte die Decke mit der Hand erreichen , so niedrig ; und alles schief und baufällig . Kurz und gut , ich dürfe da nicht hinein , und wenn ich auf meiner Kaprice bestände , Herrn Lindens Frau zu werden , so müsse sie erst bauen , denn er – er – , nun , er habe es ja allerdings nicht dazu . Und es sei auch viel bequemer , sich von der Schwiegermutter ein warmes Nest zurechtmachen zu lassen . Jenny , die bei dieser Szene zugegen war , stimmte voll mit ein . – Ach Gott , Onkel , er tut mir so leid , und alles meinetwegen . « 91 » Hat denn deine Mama mit ihm wegen des Baues gesprochen ? « fragte Onkel Heinrich . Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn . » Ach Gott , ich weiß es nicht – ich bin hinausgegangen , ohne zu antworten . Wenn ich es getan – so – , wir kämpfen mit zu ungleichen Waffen oder vielmehr , ich darf meine Waffen nicht gebrauchen , sie ist doch meine Mutter . « Die Augen des Onkels sahen sie mit unverkennbarem Mitleid an . Sie war so blaß , und um den hübschen Mund lag ein müder Zug . » Du armes Ding ! Ja , ja , den Brautstand machen sie dir nicht gerade zum Paradiese « , dachte er ; aber er räusperte sich nur und schwieg . » Und was kann ich dabei tun ? « fragte er nach einer Pause . » Das sollst du gleich hören « , sprach Trudchen . » Sieh , ich muß dich schon quälen . Mit Artur stehe ich mich keineswegs so , daß er mir hier raten könnte . Ich möchte dich bitten , Onkel , mit Franz zu sprechen . Ich will wissen , wie groß seine pekuniären Sorgen sind , und – « » Ei , Kind , laß den Unsinn ! « unterbrach sie , augenscheinlich peinlich berührt , der alte Herr . » Wozu mich denn da hinein bringen ? Pekuniäre Sorgen ! Was willst du dagegen tun ? Vorläufig geht dich das gar nichts an – wirst es früh genug erfahren . « » Du meinst , weil wir noch nicht Mann und Frau sind ? « fragte sie . 92 » Na , versteht sich ! « nickte er . » Oh , das ist ja ganz gleichgültig , Onkel « , sprach sie lebhaft . » Von dem Moment an , da wir uns verlobt haben , betrachte ich mich als zu ihm gehörig und was mein ist , als das seine . Warum soll ich ihn denn , da ich bereits frei über einen Teil meines Vermögens verfüge , nicht aus einer vielleicht sehr unangenehmen Lage reißen ? « » Aber liebes Kind – « » Laß mich aussprechen , Onkel . Du weißt , ich habe zehntausend Taler von Großmama voraus , über die kein Mensch als ich bestimmen darf , und diese zehntausend Taler sollst du Linden auszahlen . – Ich glaube , er muß notwendig bauen , es mag an diesem und jenem fehlen draußen , es ängstigt und quält ihn – tue mir die Liebe , Onkel . Sieh , ich kann mit ihm dergleichen nicht reden . « » Ich werde mich hüten , Jungfer Trudchen ! « » Warum ? « » Weil er es am Ende nehmen würde – oder er kommt mir vielleicht grob . Danke ergebenst ! « » Er soll es auch nehmen , Onkel ! « Er schwieg . » Wann wollt ihr denn heiraten , Kind ? « fragte er endlich . In Trudchens Gesicht stieg wieder die rosige Glut . » Mama hat sich noch nicht darüber ausgesprochen , Onkel . Franz hofft im April , und – eben mein Empfang soll ihm doch keine Sorgen machen . « 93 » Schön ! Schön ! So lange kann er ja warten « , meinte der alte Herr . Sie sah ihn enttäuscht an , aber sie antwortete nicht . » Ich will dir doch nichts zuleide tun , Kleine « , fuhr er fort , den traurigen Blick wohl verstehend , » ich will nur korrekt in Geschäftssachen handeln . Schau , wenn du auf dein Vorhaben versessen bist , so verbastelt und verbaut und verjuxt ihr ein schönes Kapital – um euch das Nest so recht behaglich und warm einzurichten . Amantes amentes – das heißt in unser geliebtes Deutsch übertragen : › Verliebt – verdreht ‹ . Und wenn Gott den Schaden besieht , bist du in deinem eigenen Fett gebacken worden – ha , ha ! « Trudchen veränderte keine Miene , es lag ein tiefschmerzlicher Zug um ihren Mund . Auch er sprach so ! Wie oft hörte sie derartiges jetzt . Selbst an dem einzigen Geschenk , das Linden ihr gemacht , hatte man ihr durch eine ähnliche verletzende Redensart die Freude verdorben . » Ei , sieh doch nicht so trostlos aus , Kleine « , gähnte der alte Herr , » was habe ich denn gesagt ? Wir Männer , glaube es mir , sind alle miteinander Egoisten – warum willst denn du deinen Zukünftigen noch darin bestärken und ihm schon von vornherein die gebratenen Tauben in den Mund fliegen lassen ? Halte ihn knapp , Trudchen , das ist das einzig richtige . Er darf weiter nichts sein als 94 der Prinz-Gemahl – die Regierung behältst du in deinen kleinen Fäusten . Alle Wetter , und ich glaube , regieren kannst du . « » Onkel ! « sagte das schöne Mädchen weich und trat vor ihn hin . » Onkel , du bist ja ein Heuchler , du redest von Dingen , an die du selbst nicht glaubst . Egoisten seid ihr alle ? Und ich kenne keinen Menschen , der weniger Anlage dazu hat als du . « » Wahrhaftig , Kind ! « beteuerte er lachend . » Ein Egoist bin ich vom reinsten Wasser . « » So ? Wer gibt denn am meisten den Bedürftigen in der Stadt ? Wer unterhält denn eine ganze arme Lehrerfamilie in Wohnung , Kleidung , Essen und Trinken ? Nun , wer , Onkel ? « » Alles Egoismus , nichts als Egoismus ! « rief er mit erhobener Stimme . » Beweisen , logisch beweisen , Onkel ! « » Na , nichts leichter , Trudchen . Du kennst ja die Geschichte , wie ich meinen Krampf in das Bein bekam und mich in das erste beste Haus auf der Steinstraße schleppte und da auf den ersten besten Stuhl hinsank . – Ich wollte gerade zum Diner , hatte mir Gustav Seyfried und August Seemann eingeladen – na , du weißt ja , die alten Jungen haben in Paris und London gegessen . Also , da aß ich in der niedrigen Stube , die Leute waren beim Mittagsbrot , und eine Schüssel dünner Kartoffelsuppe stand auf dem Tische , die kaum für den Mann genügt hätte . Sieben Kinder – ich sage 95 sieben Kinder , Trudchen – rings herum , und die Mutter kellte gerade auf . Beim Jüngsten fing sie an . Der Älteste , ein Bursche von vierzehn Jahren , bekam das letzte aus der Schüssel . Es war nicht viel mehr darin , und ich werde nie den Blick aus diesen eingefallenen , hungrigen Augen vergessen , mit denen er den leeren Napf anschaute . Es wurde mir da so wunderlich mit einem Male . Ich fragte beiläufig , was der Mann für ein Gewerbe treibe ? – Sprachlehrer , die Stunde fünfzig Pfennig ! Eine feste Anstellung konnte er krankheitshalber nicht annehmen , bekam sie auch nicht ! – Heiliger Gott , Trudchen , durchschnittlich täglich zwei Stunden , macht eine Mark – dazu sieben Kinder ! Na , siehst du , wir hatten den Mittag Austern vor der Suppe , sie waren gerade recht teuer und ich rechnete aus , daß ein solch glattes , delikates Dingelchen just so viel kostete , wie eine englische Stunde , in der der Mann seinen kranken Hals heiser sprach . Sie wollten mir trotz ihrer Schlüpfrigkeit nicht durch die Kehle gleiten , ich konnte es nicht über ein halbes Dutzend heute bringen , und das war mir doch mehr wie unangenehm . Bei jedem Gang dieselbe Geschichte , und wenn der Louis einen Champagnerpfropfen knallen ließ , war ' s jedesmal , als flöge er mir direkt auf den Magen . Ich habe nie ein ungemütlicheres Diner erlebt . Hinterher empfand ich Übelbehagen und mußte Natron nehmen . › Hol ' s der Henker ! ‹ dachte ich , › das könnte dir noch öfter 96 so gehen ‹ und – du weißt , Kind , ein gutes Mittagessen ist das reellste Vergnügen auf der Welt für unsereinen . Also , mir blieb nur übrig , sollten mir die Austern wieder schmecken , mich durch den Gedanken zu beruhigen , daß die Kauwerkzeuge der sieben hungrigen Krabben ebenfalls um Mittag herum ihre ordentliche Beschäftigung fänden . Ich schickte also die Hammeln zur Frau Lehrerin und ließ sie fragen , wieviel Wirtschaftsgeld sie wohl monatlich haben müsse , um alle sieben und sich dazu und den Mann ordentlich satt zu machen ! Du lieber Gott , es war am Ende doch nicht so riesig ; und so zahle ich Wirtschaftsgeld , und es schmeckt mir nun wieder im › Deutschen Hause ‹ . Jetzt beweise mir , daß das nicht vollendeter Egoismus ist . « » Ei natürlich , Onkelchen « , sagte das Mädchen mit leuchtenden Augen . » Solche Art Egoismus lasse ich mir gefallen . « » ' s ist alles eins , Trudchen . Die Hammeln schicke ich jetzt auch aus Egoismus in den Ruhestand . Sie wird so dick und breit , daß sie nicht mehr durch die Tür kommen kann mit dem Kaffeebrett . Ich frage dich nun , soll ich mir , der alten asthmatischen Person wegen , noch einen Diener halten , der ihr beide Flügeltüren öffnet ? Das wäre mir schön ! Heute früh habe ich ihr gesagt : › Hammeln , du kannst Ostern gehen , ich werde dir dein Gehalt als Pension fortzahlen – abgemacht . ‹ Sie 97 freute sich wie unsinnig , daß sie nun zu ihrer Tochter ziehen kann . « » Onkelchen , ich weiß , an wen ich mich gewendet habe , ich darf mich auf dich verlassen « , schmeichelte Trudchen . » Nicht wahr , du sprichst mit Franz ? « » Na ja , ja ; werde nur nicht so rot . Siehst du , nun hast du mir mit all deinen Reden den Nachtisch verdorben . Wann kommt denn Serenissima nach Hause ? « » Ich weiß es nicht , Onkelchen « , erwiderte das junge Mädchen . » Na ja , diese Klatschkaffees sind zu unberechenbar . Also , da seht ihr beiden Liebesleute euch wohl nur bei großen Festivitäten , wie Romeo und Julia , am dritten Ort , oder wenn gerade hier bei euch Gäste sind ? « Trudchen nickte still mit dem Kopfe . » Es ist die Möglichkeit ! « räsonierte der kleine Herr und stand auf . » Als ob ' s nicht die einzige glückliche Zeit ist im Leben , der Brautstand . Nachher kommt nämlich die reine Prosa , mein Kind . Und das verkümmern sie dir nun so – na , warte ! Ich muß aber jetzt zum L ' hombre . Heute abend werde ich einmal nachschauen bei deiner Frau Mama . Lebe wohl , grüße ihn , wenn du schreibst . « » Adieu , Onkelchen ; vergiß nicht , daß ich mich auf deinen Egoismus verlasse . « Und als der alte Herr die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte , setzte sie sich wieder an den 98 Schreibtisch , nahm einen Brief aus einem der Fächer und begann zu lesen . Der letzte Brief von ihm , heute früh , und es waren Verse : » Soll ich ' s Dir sagen , was Sehnsucht ist ? Kann ' s nicht mit Worten erklären ; Unruhe ist es zu jeder Frist , Glück , was nur Du kannst gewähren . Weiß im Städtchen , am Marktesplatz , Stattlich ein Erkerlein blinken , Weiß es , darinnen stehet mein Schatz , Siehet die Sonne versinken ; Weiß , daß zwei Augen , so groß und blau , Fragend gen Westen blicken , Ob nicht von dort , geliebte Frau , Zwei Lippen Dir Botschaft schicken ? Tickt mir im stillen Zimmer die Uhr , Tauwind klopft an die Scheiben . Draußen verrinnet des Winters Spur , Knospen schwellen und treiben . Langsam siehet , wer einsam ist , Stunde auf Stunde werden ; – Eins nur ist Trost mir , daß treu Du bist ; Frühling muß es ja werden ! Eines ist Trost , daß in Ewigkeit , Wenn zwei sich in Liebe gehören , Menschenzungen und Menschenneid Nicht können solch Bündnis stören . « Wie sie diese Verse freuten in ihrer Traurigkeit ! Nichts in der Welt konnte sie trennen ! Ein Glück und eine Not ! – Tausendfach wollte sie ihm mit Liebe vergelten für alles , was er jetzt um ihrethalben erdulden mußte . Mit tausend guten , innigen Worten versuchte sie jene Mißachtung vergessen zu machen , die man ihm , dem kecken Eindringling , 99 gegenüber kaum verbarg . Sein Mannesstolz mußte unendlich leiden . Mehr als einmal war ihm jäh das Blut in die Stirn geschossen , und mehr als einmal hatte er sich vorzeitig verabschiedet , als könne er nicht ruhig bleiben und suche , des lieben Friedens wegen , sein Heil in der Flucht . » Ich wollte , ich hätte dich erst in Niendorf , Trudchen « , sagte er noch beim letzten Abschied , » ich ertrage es schlecht , für deine Mutter Luft zu sein . « Und sie hatte sich an ihn geschmiegt , zitternd vor Erregung . » Mama meint es nicht so böse , Franz « , sagte ihr Mund , aber das Herz wußte es anders . Und da hatte er sie heftig an sich gepreßt : » Wenn ich dich nicht so liebhätte , Mädchen ! « » Aber es muß ja Frühling werden , Franz ! « Und heute war das Gedicht gekommen mit einem Veilchenstrauß . Sie schrak empor , sie hörte Jennys Stimme , und gleich darauf trat die Schwester ein , aufgeregt und ärgerlich . » Ich muß mich bei dir erholen , Trudchen « , sagte sie ; » Linden ist nicht hier ? Gott sei Dank ! Unten kann ich es nicht aushalten , der Kleine ist so unruhig und schreit und weint . Der Doktor sagte , er soll ins Bett . Ich habe ihn nun hineinstecken lassen . Lieber Gott , man kommt aus der Angst und Unruhe gar nicht heraus ! « Trudchen horchte erschreckt auf . Nun , wenigstens ist er in guter Pflege bei Karoline , dachte sie . 100 » Werdet ihr denn den Maskenball mitmachen , du und Linden ? « fragte die junge Frau . » Nein ! « sagte das Mädchen und packte ihre Briefe fort . » Warum nicht ? « » Was hätten wir davon ? Ich tanze nicht gern ; du weißt es ja , Jenny . « » War Onkel Heinrich hier ? « » Ja , Jenny . – Ist es denn ängstlich mit dem Kleinen ? « » I bewahre ! Ein bißchen Fieber . Wir wollten heute abend noch zu Dressels . Artur hat Kostümbilder für unsere Quadrille aus Berlin kommen lassen . Aber das interessiert dich doch nicht , du wirst dich wohl später ganz in dein Niendorf vergraben ? Neulich sagte noch der Landrat zu Artur : › Ihre Schwägerin kommt auch nicht an den richtigen Platz . Sie hätte einen Mann heiraten sollen in einer Stellung , wo sie repräsentieren muß . ‹ Du wärst eine Zierde für jeden Salon ; nun gehst du in die Niendorfer Kuhställe . « » Und wie ich mich darauf freue ! « sagte Trudchen , und ihre Augen leuchteten . » Frau Fredrich ! « rief jetzt ängstlich das hübsche Stubenmädchen , » kommen Sie doch nur herunter , der Kleine wird so unruhig und heiß . « Jenny nickte , besah sich noch in aller Eile eine angefangene Stickerei und ging aus dem Zimmer . Als Trudchen nach einer Weile folgte , erhielt sie 101 den Bescheid , es sei nicht schlimm mit dem Kleinen . Herr und Frau Fredrich machten schon Toilette für den Abend . Und so stieg sie wieder hinauf in ihr einsames Stübchen . Acht Tage später kehrten die Eisenschimmel mit dem geschlossenen Wagen im scharfen Trabe vom Kirchhofe zurück . Im Fond saß neben dem Onkel Artur Fredrich mit verweinten Augen ; gegenüber Linden . Sie hatten Trauerflor um die Hüte und Trauerflor am linken Arm . Der Winter war vor dem Scheiden noch einmal in voller Herrlichkeit erschienen . Es schneite , und die großen Flocken legten sich auf ein kleines , frisches Grab in der eisenumgitterten Familiengruft der Baumhagens . Jennys blonder Liebling war tot ! Im Wagen sprach niemand ein Wort , und als die drei Herren ausgestiegen waren , ging jeder nach einem stummen Händedruck seinen eigenen Weg . Onkel Heinrich , um einen Kognak zu nehmen , Artur zu seiner trostlosen jungen Frau und Linden hinauf zu Trudchen . Er fand sie nicht in der Wohnstube , sie war wohl noch bei der Schwester . Dann glaubte er nebenan etwas rascheln zu hören . Er schritt über den weichen Teppich und trat in die geöffnete Tür des Erkerzimmers . » Trudchen « , sagte er bestürzt , » um Gottes willen , 102 was ist dir ? « – Sie lag kniend vor ihrem kleinen Sofa , den Kopf in ihre Arme geborgen . Ein wunderliches Zucken und Beben ging durch ihren Körper , wie wenn man weint ohne Tränen . » Trudchen ! « Er faßte sie und wollte sie emporziehen , da hob sie den Kopf und stand auf . » Aber sprich doch , sprich , was ist denn geschehen ? « forschte er , » gibst du dich so dem Schmerze um den kleinen Liebling hin ? Ich bitte dich , Trudchen , nimm dich zusammen , fasse dich – du machst dich krank ! « Sie hatte nicht geweint , sie sah nur leichenblaß aus , ihre Hände lagen eisigkalt in den seinen . » Komm « , sagte er , » erzähle mir , weine dich aus ! « Und er zog sie an sich . Sie schmiegte sich fest in seine Arme , wie sie es noch nie bisher getan . » Nun bin ich ja bei dir « , flüsterte sie , » nun ist es gut . « » Hast du dich gefürchtet ? Hat dir jemand etwas getan ? « Sie nickte . » Ja ! « sprach sie hastig , » vorhin – da hörte ich ganz zufällig ein paar Worte an , zwischen Mama und der Tante Stadträtin – sie kamen von Jenny herauf , sie vermuteten mich wohl nicht hier – ich weiß es nicht . Mama weinte noch immer sehr um den Kleinen