zur Bühne gehen , ich würde Furore machen . Der dicke Hauptmann kam mit dem gefüllten Glase : » Das trinke ich auf Ihre wunderschöne Stimme ! « rief er . Der blonde Adjutant begeisterte sich zu einer längeren Rede , die damit schloß , daß er Hanna ein Kompliment über ihr ausgezeichnetes Klavierspiel machte ; » denn « , setzte er hinzu , » wenn Gesang nicht gut begleitet wird , so kommt er natürlich nicht zur Geltung . « Aber wo war der Leutnant v. Eberhardt ? Dort stand er noch immer am Kamin und sah zu mir herüber . Es tat mir beinahe weh , daß er mir kein Wort sagte . Es hatte ihm gewiß nicht gefallen . Im Speisesaal waren indes die Lichter angezündet , wir kehrten an die Tafel zurück , und das Gespräch kam auf die Musik . Eberhardt saß mir schweigend gegenüber . Später , als wir in dem warmen Augustabend auf der Terrasse auf und ab gingen , und die Bäume im Park nur leise rauschten , trat er an meine Seite . Eine Weile ging er schweigend neben mir , dann summte er leise vor sich hin : Der Mond ist gegangen . Erloschen die Stern ' , So blaß meine – » Lieben Sie die Volkslieder , Herr v. Eberhardt ? « fragte ich . » Wenn sie so gesungen werden , wie ich es vorhin gehört , über alles « , entgegnete er warm . Ich schwieg . Es war gut , daß es dunkelte , so konnte er nicht bemerken , wie mir das Blut heiß in die Wangen stieg . Nach einer Weile fing er an , mir von den Volksliedern am Rhein zu erzählen . Manchmal sang er mit heller Stimme eine Melodie . » Wenn Sie einige der Lieder singen wollen , werde ich sie Ihnen gern aufschreiben « , fügte er hinzu . Ich dankte ihm und sagte , daß ich mich sehr darauf freue , diese Lieder kennenzulernen . Hanna ging vor uns her , der blonde Adjutant sprach lebhaft auf sie ein . Wenn wir an der geöffneten Tür des Gartensaales vorbeikamen , sah ich in dem hellen Schein ihr gesenktes Köpfchen . Sie schien eifrig zuzuhören , und nur dann und wann vernahm ich ihre klare Stimme , die ein paar Worte sagte . Die älteren Herren saßen drinnen und spielten Whist , Frau v. Bendeleben sah ich nicht . Sie hatte wahrscheinlich noch Hausfrauenpflichten zu erfüllen . Wie im Traume schritt ich neben ihm , wie im Traume sah ich empor zum Himmel mit seinen unzähligen Sternen . Endlich blieb ich stehen und lehnte mich über das zierliche Bronzegitter . Keiner von uns sprach ein Wort . Da hörte ich auf einmal die Stimme des kleinen Leutnants . » Eberhardt « , rief er , » das ist ja famos ! Da sagt mir eben das gnädige Fräulein , daß die Damen passionierte Reiterinnen sind . Nun können wir ja zusammen die ganze Umgegend durchstreifen . « » O ja « , rief ich , ganz hingerissen von der Aussicht , möglichst viel auf dem Pferde zu sitzen , » hier gibt es die herrlichsten Waldwege , nicht , Hanna ? Zuerst reiten wir in den Eichenwald . Oh , das wird reizend ! « Wir verabredeten für den nächsten Nachmittag einen Spazierritt , und Hanna sprang auf Frau v. Bendeleben zu , die eben in die geöffnete Tür trat . » Mama , wir reiten morgen nach dem Eichwald , das wird wundervoll . Du kommst zu Wagen nach und wir kochen dort Kaffee . Nicht wahr ? « » Gewiß , das ist eine hübsche Idee . Wann soll diese Partie stattfinden ? Hoffentlich wird es morgen nicht wieder so spät werden mit unserem Diner ? Doch , Gretel , ich wollte dir etwas sagen . Denk dir , die alte Kathrin ist da und will dich absolut sprechen . Ich suchte zu erfahren , was sie eigentlich hat . Sie erklärt aber , sie müsse es dir selbst sagen , sie wartet draußen in der Halle . « Ich war ganz bestürzt . Kathrin im Schlosse ! Da mußte Unerhörtes passiert sein . Eilig ging ich hinaus . Vor einem der breiten Eichentische saß sie , den Kopf in die Hand gestützt . Sie hörte mein Kommen nicht , sondern sah düster vor sich hin . » Kathrin , ist ein Unglück passiert ? « fragte ich . » Nein , aber ich will eins verhüten « , entgegnete sie , » deshalb bin ich hier . Du mußt mit nach Hause kommen , Gretchen – du kannst jetzt nicht hier bleiben . Deine Nachtkleider habe ich schon und ein Bett habe ich auch zurechtgemacht zu Hause . Komm ! « Dann verstummte sie , ein Blick auf mein erstauntes Gesicht mochte ihr doch ihr willkürliches Benehmen deutlich machen . » Was fällt dir ein , Kathrin ? « rief ich heftig . » Denkst du , du hast noch das fünfjährige Kind vor dir , das du zu Bett bringen kannst , wo und wann du Lust hast . Was sind es für Gründe , um dein törichtes Verlangen zu rechtfertigen ? « Ich bebte vor Zorn , auch Kathrins Augen blitzten . » Du gehst doch mit mir ! « rief sie . » Lange genug habe ich es mit angesehen , wie du hier als Prinzessin im Schlosse wohnst und doch nichts weiter bist als die Gesellschafterin des adligen Fräuleins . Jetzt lasse ich dich nimmer hier . Denkst du , ich weiß nicht , daß das ganze Schloß voll von Offizieren steckt ? Und was das für leichtsinniges Gesindel ist , das erzählen sich ja die Sperlinge auf dem Dache ! Laß sie immerhin der gnädigen Baronesse ihre Schmeicheleien ins Ohr sagen , für die paßt es , dir könnte es nur den Kopf noch mehr verdrehen . Komm , ich – « Das war mir zu arg , ich wurde heftig , sehr heftig , und befahl ihr , augenblicklich das Schloß zu verlassen . » Ich werde an den Vater schreiben « , setzte ich hinzu , » welch eigenmächtiges Wesen du gegen mich annimmst . Jetzt sage ich dir : geh , augenblicklich ! Und wenn du nicht willst , daß ich nie wieder das Haus im Dorfe betrete , so hüte deine Zunge und spare deine Ratschläge . « Die Alte war kreideweiß geworden während meiner Rede . Auf einmal sank sie auf den Stuhl , schlug ihre Schürze vor das Gesicht , und das Beben ihrer ganzen Gestalt verriet , daß sie heftig weinte . » Kathrin « , sagte ich voll Reue über meine Heftigkeit , » weine nicht , du hast mich erst zur Heftigkeit getrieben ; ich bin ja fest überzeugt , daß du es nur gut mit mir meinst , aber du kannst wirklich die Verhältnisse nicht beurteilen . « » Gretchen « , schluchzte sie , » ich sorge mich Tag und Nacht um dich und sehe alles voraus , wie es kommen muß . Ich habe dich ja auf den Armen getragen , als du noch klein und hilflos warst , und habe deiner Mutter die Augen zugedrückt – erfülle mir nur die einzige Bitte , die ich je an dich gerichtet habe , und komme zu mir , solange die Offiziere hier im Schlosse find . « Sie sah auf , und die alten Augen blickten mich bittend und verweint an . » Sieh « , fuhr sie fort , » in den Tod legte ich mich , wenn du unglücklich würdest . Ich bin auch einmal jung gewesen und weiß , wie leicht es kommen kann , daß einer das Herz eines jungen Mädchens gewinnt – und heiraten , Kind , tut dich keiner von ihnen ! Komm mit , Gretchen , erspare dir und mir viel Kummer . Du hast ja niemand auf der ganzen Welt , der es so gut mit dir meint als die alte , mürrische Kathrin . Folge mir , nur für kurze Zeit , nur so lange , bis – « » Kathrin « , rief ich , halb gerührt , halb peinlich gestimmt , » ich danke dir wirklich . Du meinst es gut mit mir , das weiß ich , aber du ängstigst dich unnütz . Wer sollte sich wohl in mich verlieben und – nein , ich kann nicht fort von hier , jetzt wäre es lächerlich . Du weißt , sowie der Vater zurückkehrt , komme ich für immer – jetzt kann ich nicht . Sei vernünftig , Kathrin « , bat ich , als sie , ohne sich zu rühren , mich starr ansah , » geh nach Hause , ich komme bald . « » Gute Nacht « , sagte sie und schritt , ohne mich noch einmal anzusehen , an mir vorüber . » Ich habe alles versucht , nun komme , was – « Das Weitere verstand ich nicht mehr . Dröhnend fiel die schwere Eichentür ins Schloß – sie war gegangen . Ich nahm meine Kleider , die die Alte sich aus unserer Stube zu verschaffen gewußt hatte , und ging hinauf . In mir wogten die widersprechendsten Gefühle . Kathrinens schroffes Auftreten hatte einen schwarzen Schatten auf meine sonnige Stimmung geworfen . Wie war ich eben so selig gewesen , und nun stand auf einmal die nüchternste Prosa vor mir ! Ich trat hinaus auf den kleinen Balkon , da funkelten die Millionen Sterne droben am Himmel . Oh , sollte denn der allmächtige Gott , der diese Welten alle in ihren Bahnen lenkt , nicht auch ein klein wenig Glück für so ein junges , einsames Menschenherz haben ? Aber weg mit allen trüben Gedanken , ich war ja noch so jung und der ganze ahnungsvolle Zauber einer ersten beginnenden Liebe stieg in mir auf . Ich sah seine dunklen Augen auf mich gerichtet und hätte aufjauchzen mögen vor Wonne und Glück . Lange stand ich so und sah in die schweigende Nacht hinaus , wie lange – ich weiß es nicht mehr . » Gretchen « , flüsterte Hannas Stimme , und ihre Arme schlangen sich um meinen Hals . » Du schwärmst hier oben und Vetter Wilhelm schwärmt unten . Weshalb kamst du nicht wieder ? « Und ohne eine Antwort abzuwarten , fügte sie hinzu : » Wie wird es morgen schön werden – du hast doch nicht vergessen , daß wir nach dem Eichwald reiten wollen ? « » Nein , bewahre , ich habe gar nichts vergessen , nicht das geringste « , erwiderte ich , » und freue mich sehr auf den Spazierritt . « Wir plauderten noch lange , ehe der Schlaf seine Rechte geltend machte . Am andern Morgen – die Herren waren zum Exerzieren – ging ich gleich nach dem Frühstück noch im Morgenkleide zu Kathrin . Es trieb mich , ihr ein gutes Wort zu sagen . Als ich in den Hausflur trat , kam sie mir nicht wie sonst entgegen . Ich ging in die Küche – sie war nicht da . Nun trat ich in die Wohnstube , und überrascht blieb ich stehen . Vor die Fenster waren duftige weiße Vorhänge gesteckt , der alte Nähtisch meiner Mutter stand an dem einen Fenster , darauf ein Blumenstrauß , vor dem anderen ein paar blühende Topfgewächse , und auf dem Tische vor dem Sofa ein Kaffeebrett mit einer kleinen weißen Kanne und einer Tasse und auf ihr mit blauen Buchstaben » Margarete « . Die Tränen traten mir in die Augen . Ich preßte die Hände gegen mein klopfendes Herz . » Alte , gute Kathrin , das alles hast du getan , um es mir im Vaterhause heimisch und traut zu machen , und ich lohnte es dir mit harten Worten ! « » Kathrin ! « rief ich mit vor Tränen halberstickter Stimme . » Kathrin ! « Niemand antwortete . Da sah ich sie aus dem Hause des jungen Pastors treten . Ich ging ihr bis in den Hausflur entgegen und fiel ihr um den Hals und weinte : » Verzeih mir , Kathrin , ich war recht häßlich mit dir , und du hast alles getan , um mir eine Freude zu machen . Sei mir nicht mehr böse . « » Nein , Gretel , gewiß nicht « , sagte sie , » ich habe es auch nicht recht gemacht . Du bist immerhin das Kind meines Herrn , und ich habe dir nichts zu befehlen , das vergaß ich bisher . Ich werd ' es nie wieder tun . Ich hab ' dich gewarnt , mehr kommt mir nicht zu . Wenn dir aber das Herz einmal recht weh tun sollte , dann komm zu mir , dann sollst du sehen , daß die alte Kathrin dich so liebhat , wie eine Mutter . « » Ach , Kathrin , sprich nicht so , das tut mir weh « , klagte ich , » sage , was du willst , ich tue alles . « Einen Augenblick schwieg sie . » Nein « , sagte sie dann , » du bist kein Kind mehr und hast ein gutes Herz . Du mußt jetzt allein wissen , was du zu tun hast , nie mehr will ich dir Vorschriften machen . « » Und womit soll ich dir danken für alle deine Freundlichkeit ? « fragte ich , indem ich mir ein paar rasch niederrollende Tränen abwischte . » Ach , Kind , das ist ja gar nicht der Rede wert . Ich wollte dir eine kleine Überraschung machen , es bleibt nun für später . Und kommst du heute oder nach langer Zeit , die Blumen sollen immer frisch sein und die Tasse hebe ich dir auf . « Ich gab ihr den Brief meines Vaters . Ich tat es sonst nie , sondern teilte ihr nur mit , was sie zu wissen brauchte . » Behalte ihn und lies ihn , Kathrin « , sagte ich , » ich komme morgen wieder , dann will ich ihn von hier aus beantworten , und du kannst mir dann auch sagen , was ich ihm von dir schreiben soll . « Sie nickte und legte den Brief bedächtig in ihr Gesangbuch im Fenster und die große Hornbrille darauf , damit er nicht herunterfliegen sollte . » Warte noch einen Augenblick , ehe du gehst « , sagte sie und schritt aus der Stube . Nach einem Weilchen trat sie wieder ein , in der Hand ein paar schöne weiße Rosen . » Da , nimm sie mit , ich habe sie erst gestern morgen entdeckt , und nun geh mit Gott und fasse dein Herz fest , damit keine törichten Gedanken hineinkommen . Du stehst auf einem glatten Fußboden und kannst leicht ausgleiten , – sieh manchmal nach unserem Dache herüber , du weißt schon , was ich meine . « Dann drängte sie mich zur Tür : » Adieu , du wirst Eile haben . « Ja , ich wußte , was sie meinte , und dachte darüber nach auf dem Rückwege . Es war im Grunde recht sonderbar von Kathrin , derartige Gedanken zu hegen , und ich war auch gestern abend durch die Musik und das Sprechen erregt gewesen . Heute begriff ich kaum , wie ich gestern so schwärmerisch in die Sterne hatte schauen können , und doch , wenn ich an die schwarzen Augen dachte , fing mein Herz rascher an zu klopfen . Oh , Kathrin , sei unbesorgt , ich werde auf meiner Hut sein , mein Herz halte ich fest . Sprechen und plaudern mit ihm – davon wird man ja nicht gleich unglücklich werden . Nein , gewiß , Kathrin war übertrieben ängstlich , und sie sah es auch schon halb ein . Freilich , als ich ihn bei Tische wiedersah , und als er später neben mir zu Pferde saß , da dachte ich kaum mehr daran , daß es eine Kathrin in der Welt gab , und ihre guten Lehren hatte ich längst vergessen . Es war so köstlich , in dem grünen Walde langsam dahinzureiten . Und wenn ich aufblickte , sah ich seine Augen auf mich gerichtet , daß ich die meinigen verwirrt senken mußte . Was wir sprachen , das weiß ich nicht mehr , gewiß gleichgültige Dinge , und doch , ich glaube , ich habe mich niemals so gut unterhalten . Ach , Kathrin , Kathrin , wenn du uns so gesehen hättest , und eine deiner weißen Rosen an seiner Uniform – deine Sanftmut wäre dahin gewesen . Ich erzählte auch von meinem Vater , und wie einsam ich sein würde , hätte ich nicht die Zufluchtsstätte im Schlosse gefunden . » Ich habe auch keine Eltern mehr , schon seit vielen Jahren « , sagte er , und ein trauriger Zug legte sich um seinen Mund . » Aber ein Mann empfindet es nicht in der herben Weise , wie ein Mädchen , deren Platz doch eigentlich das Vaterhaus ist , bis sie ihrem Gatten folgt . « » Ich will auch zu meinem Vater « , bemerkte ich leise , » sobald er wieder von seiner Reise zurückgekehrt ist . Ich freue mich schon jetzt darauf , aber sagen Sie es Hanna nicht , sie hat noch keine Ahnung davon . « » Wer weiß , wie lange Hanna noch im Vaterhause weilt « , lächelte er . » Sehen Sie einmal den kleinen Bergen an , wie gefällt er Ihnen ? « Ich war ganz erschrocken über den Zusammenhang dieser beiden Fragen , die eigentlich ganz zufällig sein konnten . » Darüber habe ich noch nicht nachgedacht « , erwiderte ich und blickte dem Paar mit großen Augen nach , das angelegentlich miteinander plauderte . Dann sah ich zu Leutnant v. Eberhardt hinüber , doch er mochte längst vergessen haben , was er eben gesagt hatte , seine Augen schweiften über die Lichtung , in der wir uns befanden . In vollen Zügen sog er den harzigen Duft der Tannen ein . " Wollen wir ein wenig rascher reiten ? « fragte er . Ich war gleich dabei , und so flogen wir bald an Hanna und ihrem Begleiter vorüber . Ach ja , es waren schöne , himmlische Tage , wie sie wohl einem jeden einmal beschieden sind auf dieser Welt , und diese Zeit taucht aus dem sonst so trüben Meere meines Lebens wie eine grüne , sonnenklare Insel auf . Ich will sie nicht beschreiben , diese schöne Zeit der erwachenden Liebe , beruht doch der ganze Zauber manchmal nur in einem Blick aus jenen lieben Augen – ein paar kurze , für andere bedeutungslose Worte lassen unser Herz höher schlagen , man vergißt Zeit und Umgebung und sieht nur allein die teure Gestalt , und Lächeln und Tränen wechseln miteinander ab . Aber ich war es nicht allein , deren Herz in dem Aprilwetter der Liebe bebte , auch Hannas Wesen war verändert . Der kleine , blonde Herr v. Bergen wich kaum von ihrer Seite , und ihre zuzeiten ungewöhnliche Heiterkeit , der bald in unserem stillen Zimmer ein Tränenerguß folgte , zeigte mir nur zu deutlich , daß auch sie im Begriff war , ihr Herz zu verlieren , oder es bereits verloren hatte . Gleichwohl sprachen wir uns gegenseitig nie aus . Jede wußte wohl der anderen Geheimnis , hütete sich aber , daran zu rühren . Ob Frau v. Bendeleben nichts merkte oder nichts merken wollte , ist mir stets rätselhaft geblieben . Da wir auf alle in Aussicht gestellten größeren Festlichkeiten einer entfernten Trauer wegen verzichten mußten , und die Herren , um in unserer Gesellschaft zu weilen , ebenfalls vorzogen , auf Schloß Bendeleben zu bleiben , und auf die Manöverbälle zu verzichten , so hatte sie beständig Gelegenheit , uns zu beobachten , was ihr in größerer Gesellschaft schwer geworden wäre . Anscheinend war sie aber stets in die Unterhaltung mit dem Obersten oder Hauptmann so vertieft , daß sie für uns junge Leute kaum ein Auge zu haben schien , nur dann und wann streifte ein Blick unsere Gruppe . Im übrigen konnten wir plaudern , musizieren und in Begleitung des Barons in dem Park reiten , soviel wir wollten . Vierzehn Tage gehen rasch vorüber , und wenn man von dem nun so nahen Abschied sprach , sah ich Hannas rosiges Gesichtchen erbleichen . Ob es mir besser erging ? Ich weiß es nicht . Am Tage vor dem Abmarsch , es war am 2. September , hatten wir ungewöhnlich lange bei Tische gesessen , und die Sonne senkte sich bereits , als wir uns erhoben . Unsere Pferde standen schon , ungeduldig scharrend , vor der großen Freitreppe , wir wollten zum letztenmal einen Spazierritt machen . Hanna und ich stiegen zu unseren Stübchen hinauf , um die Reitkleider anzuziehen . » Wie einsam wird es morgen hier wieder sein , Gretel « , sagte sie leise und sah mich an . Sie wollte lächeln , und doch standen Tränen in den großen Augen . Ich konnte nichts erwidern . Die letzte Nacht war mir schon schlaflos vergangen , und Kathrinens Worte : » In den Tod legte ich mich , Gretchen , wenn du unglücklich würdest « , klangen mir immer vor den Ohren . Ich hatte beinahe gar nicht , höchstens flüchtig an sie gedacht in diesen seeligen Tagen , und erst bei der Mahnung an den bevorstehenden Abschied war es mir zentnerschwer auf die Seele gefallen : Wenn Kathrin recht behalten sollte ! Wenn er nur sein Spiel mit mir getrieben hätte , wenn jene halb geflüsterten und doch so vielsagenden Worte , jene glänzenden Blicke mich getäuscht hätten , wenn er mich nicht liebte ? Heftig strich ich meine Locken zurück und drückte den Hut mit dem blauen Schleier darauf , während ich hoch aufatmete , als müßte ich vor Angst ersticken , aber nein – es war ja nicht möglich , sein ganzes Wesen bürgte mir für seine Ehrenhaftigkeit . Wie teilnehmend hatte er sich nach meinem Vater erkundigt , wie bedauert , daß mir keine liebende Mutter zur Seite stand . Alles , was er sagte , hatte so wahr , so echt geklungen . Nein , und tausendmal nein , er liebte mich , das hatte ich in seinen Augen gelesen , und wenn sein Mund es auch nicht aussprach , ich wußte es doch – und war glücklich . Als wir in unseren Reitanzügen hinunter kamen , und er mir beim Aufsteigen die Hand bot , traf mich ein so glücklicher Strahl der dunklen Augen , daß ich erschrak . Nebeneinander ritten wir in den würzigen Herbstabend hinein . Die scheidende Sonne warf purpurrote Strahlen auf die Wipfel der Eichen und Buchen am Waldwege , die Luft war klar und mild , und klar und mild klang seine Stimme zu mir herüber . Hinter uns kam Hanna mit Herrn v. Bergen , und ihnen folgte der Baron mit dem Obersten , der sich zum Abschied der kleinen Kavalkade angeschlossen hatte . » Wir reiten nach dem Forsthause ! « rief der Baron uns zu , und bald befanden wir uns in der grünen Dämmerung . Die Vögel hatten schon ihre Nester aufgesucht , es war eine heilige Abendstille in der Natur . Nur von fern klang die Glocke der kleinen Kirche von Weltzendorf und läutete den Feierabend ein . Und die Stunde war gekommen , wo mir das Leben den vollen Rosenkranz in die Locken drückte , wo mir der geliebte Mann sagte , daß er mich liebe , wo er mich fragte , ob ich sein werden wolle für alle Zeit . Die Dunkelheit war hereingebrochen , aber in meinem Herzen war eine strahlende Sonne aufgegangen . Zitternd lag meine Hand in der seinen , und eine namenlose Seligkeit stieg in meinem Herzen auf . Oh , die Welt , das Leben , wie lag es rosig vor mir , und wie schön war es ? Längst befanden wir uns auf dem Rückwege . Ich hatte kaum bemerkt , daß wir umkehrten , ich konnte es nicht fassen , daß er mich liebte , und meinte , ich müsse erwachen aus einem schönen Traum zur traurigen Wirklichkeit . Als wir aus dem Walde kamen , stieg hinter den Wipfeln der alten Linden im Park der Mond empor und warf sein weißes Licht auf die Wege und Felder . Es kam mir vor , als hätte er noch nie so schön geleuchtet . Da rief der Baron : » Gretel , singe uns ein Volkslied , das ist die richtige Stunde dazu : ein Dorf unter Lindenbäumen und Mondschein darüber ausgegossen . Bitte , singe . « » Gretchen , mein Gretchen , sing mir das Lied noch einmal , das ich zuerst von dir hörte « , flüsterte er mir zu , und ich sang , und der ganze Jubel meines Herzens tönte aus mir heraus : Mondschein am Himmel . Unter Bäumen ein Platz . Dort suchte mich abends Mein schwarzäugiger Schatz . So schwarz seine Augen . So rot sein Mund , So golden der Sonnenschein , O selige Stund ' ! So selig , so wonnig . So wunderbar lieb , Oh , ihr Sterne am Himmel , Wenn ' s immer so blieb ' . Mond ist gegangen – » Oh , nicht den letzten Vers « , sagte er rasch , » nie den letzten , er ist so traurig und paßt nicht für uns . « Erschrocken hielt ich inne . Ja , morgen war er schon fern , aber nur für eine Zeit , es kam ja ein Tag , an dem ich ihm für immer gehören sollte . » Gretchen , unsere Liebe muß vorläufig ein Geheimnis bleiben « , flüsterte er , indem er meine Hand ergriff und sich zu mir herüber beugte . » Niemand darf etwas ahnen , mein Lieb , selbst gegen Hanna schweige . Die Gründe kann und will ich dir jetzt nicht sagen , die schöne Stunde soll nicht getrübt werden . Ich werde oft nach Bendeleben kommen , sehr oft , und es wird und muß sich Gelegenheit finden , dich zu sehen ! Und nun laß mich noch einmal in dein liebes Auge schauen ; wir sind gleich am Schloß . « Da hielten wir an der Treppe . Er hob mich aus dem Sattel und drückte mich an seine Brust . » Oh , ihr Sterne am Himmel , wenn ' s immer so blieb ' « , jubelte er mir leise zu , dann drückte er mir noch einmal die Hand und sagte : » Sei vorsichtig , mein Lieb , und verbirg unser Glück . « » Darf auch mein Vater nichts wissen ? « fragte ich leise . » Nein , Gretchen , sobald es geht , sage ich es ihm selbst . « Hannas Herantreten machte unserem Gespräch ein Ende , und ich fand mich erst wieder , als ich oben in unserem Stübchen war , vor meinem Bette niederkniete und den Kopf in die Kissen gedrückt , dem lieben Gott für das große , unverdiente Glück gedankt hatte . Ich kam mir so stolz vor , so sicher ; oh , was würde mein Vater sagen und Kathrin ! Kathrin , wie schlecht hast du von den Menschen gedacht , wie unrecht hattest du . Oh , über dieses namenlose Glück ! Dann lief ich vor den Spiegel und lachte mich an . Es kam mir so wunderbar vor , daß er in meine Augen gesehen , meinen Mund geküßt hatte . Wer doch diese Zärtlichkeit erzählen dürfte ! Was würde Kathrin für Augen machen , wenn ich ihr sagen könnte : » Kathrin , hast du schon einmal eine Braut gesehen ? Sieh mich an , ich bin eine , und die glücklichste auf der ganzen Welt ! « Wer es war auch schön , daß es niemand wußte ! Ich wollte ganz fremd tun , nur hin und wieder einen Blick . – Und nun mußte ich hinunter – wo blieb nur Hanna ? Ich bemühte mich , ein gleichgültiges Gesicht zu machen . Ob es mir gelungen ist , ich weiß es nicht . Es achtete aber auch niemand auf mich , denn als ich in den kleinen Salon trat , fand ich alles in größter Aufregung . Einen Augenblick herrschte Schweigen , als ich erschien . Der Baron ging mit heftigen Schlitten auf und ab , Frau v. Bendeleben saß am Kamin und sah bleich aus und zupfte in nervöser Hast an den Fransen ihres Kleides , und dort auf dem niedrigen Sessel saß Hanna , das Gesicht in ihr Taschentuch verborgen , die ganze Gestalt wie gebrochen . Er war nicht da . » Sei vernünftig , Hanna « , ertönte des Barons Stimme wieder , » und überlege . Wie kannst du von mir verlangen , daß ich sofort zu allem ja und Amen sage ? Es ist ein törichtes Ansinnen , daß ich es nur deiner Jugend anrechnen mag . Du kennst ihn kaum vierzehn Tage . Wie kann ich dein Geschick in die Hand eines Mannes legen , der uns allen noch so fremd ist ? Was habe ich für eine Bürgschaft für dein Glück ? « » Ach , Bernhard « , unterbrach ihn Frau v. Bendeleben , » verschwende deine Worte nicht weiter . Hanna muß und wird sich zusammennehmen und diese eigentümlichen Ideen fallen lassen . Ich begreife nicht , daß ich nichts bemerkt habe von dieser angehenden Schwärmerei . Mir machte über Herr v. Bergen einen so durch und durch vernünftigen Eindruck – « » Oh , Mama «